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Full text of "Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur"

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-^ 



i 



BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE 

DER 

DEUTSCHEN SPRACHE UND 

UTEMTUE 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



HERMANN PAUL und WILHELM BRAUNE. 



XIV. BAND. 



HALLE A/S. 

MAX NIEMEYER. 
1S89. 



INHALT. 



Seite 

Die nomina agentis der altnordischen spräche. Von H. Falk . . 1 
Einleitang (s. 3). I. Das suffix -o (s. 7). II. Das n-suffix 
(8. 14). III. Die nomina agentis auf -ir (s. 20). IV. Die nomina 
agentis auf -upr (s. 32). V. Die nomina agentis auf -ari (s. 3G). 
VI. Das suffix alOf ilo, ulo (s. 37). VII. Das participium prae- 
sentis (s. 41). VIII. Adjectiva agentis auf -inn und -fyr- (s.44). 
IX. Die participia necessitatis (s. 48). Schlussbemerkungen 
(8. 51). 
Der i-umlant und der gemeinnordische verlust der endvocale. Von 

A. Kock 53 

Zur urgermanischen betonnngslehre. Von demselben . . . . 75 

Bragi. Von E. Mogk 81 

Das angebliche Sifbild im tempel zu Gut5sbrandsdalir. Von dem- 
selben 90 

Eine H^vamc^lvisa in der Niäla. Von demselben 94 

Zar Ortsnamenkunde. Von R. Eögel 95 

Bruchstücke einer mitteldeutschen bearbeitung des Esdras und des 

Jesaias. Von E. Euling 122 

Zur geschichte der deutschen e- und ^-laute. Von K. Luick . . 127 
1. Die langen e und die c;-laute im bairisch-österreichischen 
(8. 127). 2. Die klangfarbe von mhd. e und ce (s. 138). 3. Die 
e- und o-laute in der spräche der gebildeten in Oesterreich 
(s. 139). 4. Nachtrag (s. 146). 

Der Winsbeke und Wolfram. Von A. Leitzmann 149 

Altfriesische Worterklärungen (1. Pas, Passia, 2. Wigg etc.). Von 

F. B. Hettema \ . . 153 

Miscellen. Von M. H. Jellinek 157 

Zu Wolframs Parzival. Von E. Schaubach 162 

Notizen (1. Zu Beitr. XIII, 588 f. 2. Zu mhd. ein). Von F. Kauff- 

mann 1G3 

Die abstufung der nominalsuffixe -io- und -ien- im germanischen 
und ihr Verhältnis zu der des indogerm. Von W. Streit berg . 165 
I. Nom. acc. sg. der germ. eo-stämme in formaler beziehung 
(8. 166). II. Die fVn- Stämme und ihre verwanten (s. 203). 
III. Kxcurs: -f- in der verbalflexion (s. 224). 



IV INHALT. 

Seite 

Zur l.exicologie und grammatik des altostfriesischen. Von W. van 

Helten 232 

Ueber die idg. Verbindungen von s (z) -{- guttural -|- l,m,n in den 

germanischen sprachen. Von K. F. Johansson 289 

Vingolf. Von W. Braune 369 

Zu den Cambridger Reinaertfragmenten. Von E. Breul . . . . 377 

Noch einmal got, afaikan. Von H. Osthoff 379 

Consonantismus der mundart von Schaff hausen. Von H. Sticke 1- 

berger 381 

Cap. I. Die tönenden consonanten (s. 383). Gap. II. Ver- 
halten der kurzen Stammsilben vor in- und auslautenden 
lenes (s. 410). Gap. III. Die harten consonanten (s. 416). 
Ueber die Verbindung der ableitungssilbe got. -atj-, ahd. -azz- mit 

guttural ausgehenden stammen resp. wurzeln. Von J. Winteler. 455 
Zur laut- und formenlehre von Grieshabers predigten. Von A. Leitz- 

mann 473 

Zur Hildensage. Von L. Beer 522 

Zum *lob Salomons'. Von A. Waag 573 

Ueber einige falle des wechseis von w und g im alts. und ags. Von 

M. H. Jellinek 580 

Kater und verwantes. Von Fr. Kluge 585 

Ein viertes mhd. ^n. Von R. Hilde brand 588 

Zu Parzival. Von R. Michel 592 

Berichtigungen 593 



DIE NOMINA AGENTIS 
DER ALTNORDISCHEN SPRACHE. 

Die vorliegende arbeit beabsichtigt die geschichte einer 
wichtigen begriffskategorie innerhalb eines beschränkten ge- 
bietes und Zeitraums zu geben. Eine ausführliche gesamnit- 
darstellung der nomina agentis im germanischen war bis vor 
kurzem noch nicht erschienen. Auch gehört die reichste ent- 
Wickelung derselben nicht der gemeingermanischen periode, 
sondern dem einzelleben der dialekte an. Die unvergleichbar 
höchste blute hat diese kategorie im altnordischen, besonders 
in der altnordischen poesie, erreicht; altvererbtes und neu- 
geschaffenes tritt uns hier in üppigster fülle entgegen. Bei 
solchem Sachverhalt schien es mir keine allzu willkürliche be- 
schränkung der aufgäbe, sondern vielmehr mit den principien 
der historisch-genetischen grammatik im vollsten einklang zu 
sein, wenn ich das absterben und aufleben der einzelnen for- 
malgruppen auf einem einheitlichen Sprachgebiete, und nicht 
gleichzeitig auf mehreren getrennten, in ihrer continuität und 
Wechselbeziehung darzulegen suchte; und am reichsten musste 
widerum die ernte ausfallen, wo die altnordische spräche, vom 
beginn ihrer sonderentwickelung gerechnet, das feld des er- 
forschens bildete. 

Bei einer anläge der arbeit wie der eben angedeuteten ist 
es klar, dass in meiner darstellung solche suffixe keinen platz 
finden werden, welche schon .urgermanisch als tot zu bezeich- 
nen sind. Dies gilt für suffixe wie i (puh^ vdgr, reykr\ u 
oder vo {higpr; drgttr; adj. grr), dem primären tu {smipr, vättr, 
vgrpr\ den adjectivsuffixen sko und sqo {beiskr, breyskr, Igskr, 
rgskr), u. a. 

Ehe ich diese bemerkungen abschliesse, wird es ange- 
messen sein, über das Verhältnis meiner arbeit zu einem so- 

Beiträge 2iir geschichte der deutschen spräche. XIV. Y 



2 FALK 

eben erschienenen buche von L. Sütterlin, Geschichte der 
nomina agentis im germanischen, Strassburg 1887, ein paar 
Worte zu äussern. Als dieses buch mir zu bänden kam, war 
meine abhandlung schon bis auf weniges zu ende gebracht; 
auch bin ich durch sie nicht veranlasst worden, irgend welche 
Zusätze oder berichtigungen nachzutragen. Bei dem wenigen, 
was die zwei arbeiten gemeinschaftlich bieten, werden sie wol 
neben einander bestehen können. Zum näheren eingehen auf 
die nichtübereinstimmungen unserer auffassungen ist hier nicht 
der ort. Nur sei es mir gestattet, in zwei hauptdiflferenzen 
meine meinung zu begründen. 

Nach dem Vorgang von v. Bahder, Verbalabstracta s. 177, 
will auch Sütterlin dem suffix ingo, ja sogar den suffixformen 
UYigo, ingen und ungen eine nomina-agentis bildende kraft vin- 
dicieren. Von den a. a. o. genannten Wörtern gehört hlendirtgr 
begriflflich zu Nand, drettingr ist eine ableitung von drottr, 
gyrpingr ist aus der pluralform gyrpingar Merl. abstrahiert, 
welche form wahrscheinlich auf ein feminines abstractum gyr- 
ping zurückzuführen ist. bendingr kommt Har. Graf. s. cap. 1 
vor und zwar nur in einer hs.; die richtige lesart wird wol 
die Unger'sche (Heimskr. s. 110) ^hjgrs ber-draugar^ (die träger 
des Schwertes, Schwertträger) sein; salhendingr 'clipeus' gehört 
zu band, d-bipingnm isl. s. I, 163 ist eine Variante zu o-bipen- 
dum. gunn-nceringr 'alens pugnam' Häv. Isf. 10 ist, wie das 
synonyme gunn-ndrungr Isl. II, 390. 361 beweist, eine denomi- 
nale bildung. Ausser den angeführten Wörtern wären an 
zweifelhaften gebilden noch zu nennen: sann-eldingr sveiia sär- 
geiiunga Korm. str. 42, wo indessen die deutung (qs. verus nu- 
tritor) unsicher ist, und skerpingr ^gladius', das sich aber besser 
zum adj. skarpr (qs. der schartige) als zum vb. skerpa stellt; 
endlich könnte bei gcepingr *princeps', das aus gopr deriviert 
ist, in der kenning gcepingr Fäfnis landa *largitor auri' Vlgl. 
eine verbale anschauung hineingelegt sein, wobei jedoch zu 
bemerken ist, dass gcepir nie mit dieser bedeutung gebraucht 
wird. Somit steht die ansetzung von nom. agent. auf -ingr 
auf sehr schwachen füssen. Womöglich noch weniger günstig 
für die besprochene theorie liegen die Verhältnisse bei den 
übrigen suffixformen; über -ingi (erftngi, heyringi, hirpingi, hlau- 
pingi, leysingi, rceningi etc.) habe ich meine ansieht Arkiv IV, 352 



ALTNORD. NOMINA AGENTIS. 3 

gegeben; bei -ungr kenne ich gar kein beispiel, wo ein zwei fei 
möglich wäre; das seltene -ungi ist eine spätere erweiterung 
von -ungr (vgl. ndungi ; näungr). 

Suffix Jon, Jen in primärem (deverbalem) gebrauch erkenne 
ich nicht an; die von Sütterlin angeführten Wörter lassen sich 
ebenso gut — oder besser — als denominale ableitungen erklären, 
z. b. got. -numja aus dem nominalstamm numi- (ags. fore-nyme^ 
an. bryti aus hruü- (an. T}roij vgl. v. Bahder, Verbalabstr. s. 40), 
an. arf-ngii aus nuü- (v. Bahder s. 27), an. skyti aus skuii- 
(v. Bahder s. 28), ahd. -slecco aus slagi- (v. Bahder s. 29), an. 
val'kyrja aus kuzi- (ags. cyre)-^ andere der gegebenen beispiele 
sind zu yo-verbis zu stellen (wie ahd. -sekko, -swero^ oder sie 
sind ganz anders zu beurteilen (wie ags. fi*uma, ahd. -trunneo, 
an. Skyli). 

Einleitung. 

Bedeutung, Das nomen agentis bezeichnet, adjectivisch 
oder substantivisch, das subject, das die durch die wurzel aus- 
gedrückte tätigkeit ausübt, von dem die tätigkeit ihren aus- 
gangspunct nimmt, und das als Ursache derselben erscheint 
Der begriff der wurzel kann transitiv oder intransitiv, activisch 
(reflexivisch) oder passivisch, praesentisch oder perfectisch ge- 
fasst werden. Ebenso kann die tätigkeit eine momentane, 
eine sich widerholende oder eine dauernde sein. Das ursprüng- 
liche ist überall die Vereinigung aller verwendungsweisen in 
demselben worte. Das subject selbst ist entweder eine person 
oder ein persönlich gedachtes ding; für den letzteren fall zeigt 
sich indessen schon in ältester zeit und mit dem wachsenden 
bewusstsein von der hier vorliegenden personification in stets 
höherem grade die tendenz daraus eine eigene kategorie mit 
besonderen Suffixen zu machen: die nomina instrumenti lösen 
sich von den nominibus agentis ab. Kurz gefasst lässt sich 
hiernach die (logische) definition der bedeutung des nomen 
agentis so geben: es bezeichnet das nom. ag. den träger der 
handlung, nämlich a) den ausführer der handlung, b) den em- 
pfänger der handlung, c) das mittel der handlung. Im ersten 
falle liegt der activische, im zweiten der passivische gebrauch 
des verbalbegiififs zu gründe, während die dritte kategorie beide 
verwendungsweisen vereinigt 



4 IPALß 

Grammatische functioD. Etwas anders wird die gram- 
matische definition zu formulieren sein. Das nomen] agentis 
ist der reine verbalbegriff in adjectivischer function: die schein- 
bar sich widersprechenden bedeutungen des adjectiyums (die 
bleibende eigenschaft eines dinges) und des verbums (der zeit- 
lich beschränkte Vorgang) sind im verbaladjectivum in der 
weise vereinigt, dass die tätigkeit als etwas sich immer wider- 
holendes gefasst wird, wodurch sie dem begriffe des zustandes 
sehr nahe kommt. Aus dieser doppelnatur des nomen agentis 
sind seine syntaktischen hauptcharacteristica zu erklären: ein- 
mal seine neigung zur objectiven rection, dann die gramma- 
tische form der rection als ein abhängiger genitiv oder als 
composition. 

Bildung. Wenn man die nomina agentis wie germ. 
niuto-, nauiO', nuton- mit den entsprechenden starken verben 
[niutan — naut — nutonoz) vergleicht, wird man sagen müssen, 
dass weder das nomen aus dem verbum, noch das verbum aus 
dem ' nomen abgeleitet ist, sondern beide direct aus der 
Wurzel. Und doch ist schon frühzeitig eine Verschiebung in 
der gruppierung eingetreten, indem das nom. ag. als eine ab- 
leitung vom verbum gefühlt worden ist, und nach dieser auf- 
fassung neubildungen geschaffen worden sind. Dieses neue 
bildungsprincip, das sich auch der abgeleiteten verba bemächtigt 
hat, ersetzt die alte Wurzelableitung von dem zeitpuncte an 
völlig, wo die wurzeln ihre selbständige existenz in der spräche 
verloren haben, d. h. schon in proethnischer zeit. 

Gruppenbildung. In der historischen periode sind somit 
sämmtliche lebende, d. h. schöpferische oder fortwuchernde grup- 
pen der nomina agentis deverbativer ableitung, und das Sprach- 
gefühl macht keinen unterschied, ob dies das ursprüngliche 
oder ein abgeleitetes Verhältnis ist. So lange diese beziehung 
eine deutlich gefühlte bleibt, behauptet das nomen agentis sei- 
nen ursprünglichen Charakter und kann neubildungen hervor- 
rufen. Sobald aber die beziehung zum verbum gelockert wird, 
bttsst das nomen agentis sein characteristicum, die sinnliche 
anschauung, ein, es wird isoliert. Diese Isolation geht teils 
von der formalen teils von der begrifflichen seite aus; ersteres 
geschieht, wenn durch ausfall des correspondierenden verbums 
oder durch formelle differenzierung die etymologische bedeu- 



ALTNORD. NOMINA AGENTIS. 5 

tuog des nom. ag. wenig bewusst, die verbale anschauuDg 
wenig lebendig wird; letzteres ist der fall, wenn das nom. ag., 
die allgemeinere bedeutung nicht zum vollen bewusstsein kom- 
men lassend, xaz ^§oxijv gebraucht wird, sich auf eine be- 
stimmte Substanz fixiert und derselben den namen verleiht. 
Am allermeisten fär das fortleben der gruppen fatal gewesen 
sind die apokope der endvocale, wodurch z. t. jedes ableitungs- 
mittel verloren gegangen ist, und die urgermanische lautver- 
Schiebung, welche die suffixe öfters in mehrere lautgestalten 
gespalten hat: dies sind die hauptursachen, dass im germani- 
schen die Suffixe i und u, tu und io im primären gebrauch 
ausgestorben sind. 

Berührungen der nomina agentis mit anderen ka- 
tegorien. 

a) Mit denominativen bildungen. Es gibt in den 
indogerm. sprachen eine reihe secundärer ableitungen von Sub- 
stantiven, welche* ein lebendiges Individuum, eine person be- 
zeichnen, die mit dem durch das Stammwort ausgedrückten 
begriffe in irgend einer für sie charakteristischen beziehung steht; 
am häufigsten begegnet jedoch die bedeutung einer beschäf- 
tigung, wie im an. hirpir aus hjgrp. Steht nun aber dem 
nomen ein abgeleitetes verbum zur seite, so kann sich leicht 
zwischen der secundär gebildeten personenbezeichung und letz- 
terem eine beziehung herstellen — wie zwischen an. hirpir 
und hirpa — , und diese neue anknüpfung kann sich dann 
analogisch weiter verbreiten und ein neues bildungsprincip 
schaffen. Umgekehrt kommt es auch vor, dass primäre bil- 
dungen, wo die Wurzel in der form eines starken verbums 
nicht mehr vorhanden war, sich an nebenhergehende substantiva 
geschlossen und ein individualisierendes suffix entwickelt haben, 
vgl. die geschichte des n-sufSxes. Eine genaue Scheidung der 
primären und der secundären Wortbildung ist somit in vielen 
fällen untunlich. 

b) Mit abstracten. 

Vorbemerkung. Hinsichtlich ihrer bedeutung zerfallen 
die primären sufBxe des idg. in zwei grosse klassen: die eine 
bezeichnet die von der verbalwurzel ausgedrückte handlung; 
die andere die person oder sache an der die handlung er- 
scheint. Die eine klasse ist abstract, infinitivisch, die andere 



6 FALK 

ist concret, participial. Diese beiden klassen werden jedoch 
bei den bildungsprocessen nicht scharf auseinander gehalten: 
es gibt kaum ein nomina actionis bildendes suf&x^ das nicht 
auch Stämme fQr nomina agentis bilde; jedoch gibt es nicht 
wenige, durch die nur die letzteren gebildet werden: Whitney, 
Indische grammatik § 1445 — 6. Es liegt somit nahe, daran 
zu denken, dass die beiden kategorien erst nach und nach ge- 
schieden worden, während in den ältesten zeiten dasselbe 
thema in beiden beziehungen verwendet wurde. Und zwar 
kann der weg der entwickelung kaum zweifelhaft erscheinen. 
Scheint schon die gedachte Verteilung der bedeutungen nach 
den Suffixen den gedanken nahe legen zu müssen, dass die 
bedeutung eines nomen actionis das secundäre ist, werden 
einige erwägungen allgemeiner natur bald dieser annähme 
einen hohen grad von Wahrscheinlichkeit verleihen. Die Psy- 
chologie belehrt uns ja, wie langsam und durch wie viele 
Zwischenstufen die abstracteren begriffe ihre übersinnliche be- 
deutung erlangen; die mythologie zeigt uns, dass sich die pri- 
mitiven Völker hinter fast allen erscheinungen der natur und 
des menschlichen lebens personificationen der begriffe vorge- 
stellt haben. Auch die nomina actionis sind hiernach ohne 
zweifei von anfang an viel individueller und weniger abstract 
gefühlt worden, als es heutzutage der fall ist. Vielleicht hat 
als mittelglied zwischen den nom. ag. und den nom. act. das 
nomen acti gedient. Vom historischen standpuncte aus sind 
indessen die beiden kategorien streng auseinander zu hal- 
ten; die differenzier ung, als deren hauptmittel der accent fun- 
giert hat, hat schon in proethnischer zeit stattgefunden; die 
in den einzelsprachen vorkommenden berührungen sind sammt 
und sonders secundärer natur. 

Die handlung kann metaphorisch als ding, ein abstractum 
durch personification als handelnde person vorgestellt werden; 
so entstehen auf dem gebiete der bedeutung mancherlei be- 
rührungen zwischen den nom. act. und den nom. ag., wo oft 
erst sprachliche erwägungen aufschluss geben können, ob man 
von der einen oder anderen kategorie auszugehen hat. Das 
nomen actionis oder das reine verbalabstractum wird concre- 
tisiert, indem es zur bezeichnung des concreten gegenständes, 
woran die handlung geknüpft ist, verwendet wird. Einfach 
materialisiert ist die handlung in fällen wie^): hlif= schild, 



^) Wir wählen die beispiele unter den ^-stammen, da man hier 
nicht so sehr der gefahr ausgesetzt ist, ursprüngliche nom. ag. anzu- 
führen. Bei den neutralen c7-stämmen — wie lif> schiflF, skaut schoss — 



ALTNORD. NOMINA AGENTIS. 7 

eig. schütz (ahd. hliban st. vb.); gjorp = gürtel, eig. uragürtung 
(got. gairdan st. vb.). Wir haben hier vor uns dieiäelbe metapher, 
wie in den skaldischen ausdrücken skjalda skop (eig. Schä- 
digung) = schweii;; orms väpi (eig. gefahr) = Thor. Dies 
concretisierte nom. act. nähert sich oft der bedeutung eines 
nom ag. Die Verkörperung der vollbrachten handlung ist das 
sogenannte product: braut = weg, eig. das aufgebrochene 
{brjöta)\ rauf = loch, eig. das gerissene {rjüfa)] sneip = ab- 
geschnittenes stück {snipa). Mehr der bedeutung eines nomen 
instrumenti nähert sich das abstractum, wenn es den stoff oder 
den ort der vollführung der handlung bezeichnet: stgng = 
Stange {stinga); vgg = vectis (vega); greip = band (gripa)] 
taug = seil (got. tiuhan); leip = weg {lipa)\ kleif = steiler 
weg {klifa). Umgekehrt gehen auch nomina agentis in ab- 
stracta über. Besonders die mehr unpersönlichen instrumen- 
talen bildungen : die suffixe mo-, men-, tro-, ro-, lo-, slo- zeigen 
alle diesen entwickelungsgang. Aber auch bezeichnungen für 
lebende wesen: eine gruppe von abstracten Substantiven mit 
n-suffix, die nicht auf Weiterbildung beruhen, sind, wie ich 
glaube, aus nom. agent. hervorgegangen; dieselben bezeichnen 
fast ausschliesslich seelische zustände; siehe v. Bahder, Yerbal- 
abstr. s. 48, Kluge, Stammbild, §§ 105 und 106. 

I. Das sufflx -o-.O 

Die nomina agentis mit o-suffix sind sowol adjectiva als 
substantiva, doch weist alles darauf hin, dass erstere function 
die ursprünglich alleinherrschende gewesen ist. Die Substan- 
tivierung derselben führt uns vor äugen die zweite substantiv- 
bildung der indogerm. sprachen, die bezeichnung einer Substanz 
durch eine ihrer accidenzen: die erste schiebt der hauptwörter 
muss anders entstanden sein, wenn man davon ausgeht, dass 
ganze oder gesammtanschauungen die grundlage der Ursprache 
gewesen. 

Wie es scheint, hat in der indogerm. grundsprache unsere 



liegen die Verhältnisse schon viel unklarer, indem hier der Übergang 
ans dem masculinen geschlecht besser bezeugt ist. 

^) Vgl. Zimmer, Die nominalsuffixe a und ä in den germ. sprachen, 
8.28—114. 



8 FALK 

gruppe Worte von allerlei vocalstufeu umfasst, deren einziges 
charakterzeichen das suflGx -o- gewesen ist. Mit dem eintritt 
des die auslautenden -o- tilgenden gesetzes hörte das suffix 
-0- auf ein lebendiges zu sein, und mit dem wegfall des äusse- 
ren Verbandes wurde die gruppe formell gesprengt, und zwar 
zunächst nach der vocalstufe in drei abt eilungen. Es liegt im 
wesen der spräche, nicht gleichzeitig alle diese bildungsweisen 
weiterzuführen. Im nordischen ist nur die gruppe mit präsens- 
vocal schöpferisch gewesen, und auch diese nur auf einem be- 
schränkten gebiete. Während nämlich die anord. prosa, wie 
die übrigen germanischen sprachen, dieses uralte formations- 
princip gänzlich aufgegeben und nur alte reste fortgeschleppt 
hat, hat die poesie, zu deren eigentümlichkeiten es gehört den 
reichtum zu lieben, die kategorie durch neubildungeu nach dem 
modificierten princip zu einem zustande der blute gebracht: 
es werden hierdurch fürsten und kämpfer, wol auch tiere 
und naturerscheinungeu in höchst poetischer weise gekenn- 
zeichnet. 

Die der poesie eigenen substantiva agentis sind folgende: 

-delfr: stein-delfr motacilla oenanthe : ags. delfan st. vb. graben. 
Vgl. norw. dial. steindolp. 

'Springr: af-springr gladius. 

-stingr: hryn-^ fetü-stingr gladius. 

-svelgr: hvel-svelgr himins, hleif-svelgr himins = Mänagarmr; 
hrcß'svclgr aquila, gigas : an. svelgja, ags. stvelgan, 

'Vellr: reyk-vellr ignis : vgl. vella vdgi, mppkwn. 

'Verkr: Bgl-verkr Odin, Fjgl-, Rarp-^ Stör-verkr gigas: das ver- 
burn yrkja ist ja ursprünglich ein starkes verbum; doch scheint es mir 
ansprechender, bahuvrihibildungen anzunehmen, wie in Hag-virkr Odin 
und den griechischen compositis auf -EQyoq. 

-rekr: fölk-rekr rex; gan-rekr tempestas; heip-rekr g\g^^\ jo-rekr 
ursus; jgrmun-rekr bos; mold-rekr munka deus. 

-vapr: hrä-vapr gladius. 

-drifr: haug-^ hring-drifr vir liberalis; brand-, hjpr-y gr-drifr 
proeliator. 

-hilr: gras-hitr pecus; kvern-, legg-bilr gladius; hris-, ping-hUr 
cognomen viri; grip-hilr violator pacis : auch in den gesetzen ; slein-bilr 
anarrhichas lupus : norw. dial. steinhiL 

-gripr: Vip-gripr gigas. 

-ripr: At-, Fast-, Frd-ripr Odin; cyk-ripr Ekkils navigator; 
mund-ripr pars gladii = mund-ripL 

'Skilr: flöp-skUr nomen avis; püfu-skUr cognomen viri. 



ALTNORD. NOMINA AGENTIS. 9 

i-)bjöpr: aup-, hrttig-^ mdlm-^ vell-bjöpr vir liberalis, princeps; 
cßski'bjöpr valslafns fürs vir liberalis; verp-bjopr hugins ferpar 6der 
flokka, regn-bjöpr oddskys, el-bjöpr hrotia, griij-bjöpr geira, sky-bjöpr 
Skoglar borps skelfihripar, hregg-bjöpr randa^ fdr-bjöpr morpeldSy or- 
bjöpr proeliator; fdr-bjöpr Skota hostis Scotoram; elg-bjöpr stafna 
praefectu&r navis; sip-bjöpr qui bonos mores imperat; gl-bjöpry\x\ bjöpr 
brynpings bellator; bjöpr störg ja fa vir mnnificentissimas; bjöpr hramm- 
pvita vir largus; bjöpr bifstaups (= prall). 

(')brjötr: aup-, gull-, hodd-, hring-, men-, seim-, velUbrjöir vir 
liberalis, princeps; Unns Idp-brjötr, grp-brjötr jarpar hpslu, ^r-brjötr 
aupar, hrann-brjötr hyrjar, hyr-brjötr geima, hyr-brjötr hranna, hyr- 
brjöir hauka stratis vir liberalis, princeps; er-brjötr odds bläferla 
pugnator; hgrg-brjölr destractor ararum; hüs-brjötr tempestas; garpa- 
brjötr cognomen viri; garp-brjötr und garp-brjöH gehören der reehts- 
sprache an (z. b. ef kyr er garpbrjötr Gul. 82. 6): letztere besitzt über- 
haupt viele nom.-ag., die sonst in der prosa nicht vorkommen, sie wird 
deshalb hier mitgerechnet; brjötr aups, bdrubliks, bauga, hodda, mdlma, 
scßgs sindrs Yir liberalis, princeps; brjötr randa, skjälda, stdls, prva, 
herkumla sverriflagpa proeliator; brjötr hranna navigator; brjötr kumla 
vir scelestus; brjötr bergdana Thor '^ brjötr synda ChTistuti^ brjötr glwpa 
vir pius; brjötr meina vir bonus; brjötr vipar, segls, seglreipa ventus; 
brjötr pldu svips navis. SE. I, 658. 2 hat vell-brjöti (vgl. pjöti *pfeifer* 
als beiname). 

-gnjöstr: Tann-gnjöstr nomen hirci Thoris, qs. dentifrens: setzt 
ein st. vb. *gnjösta voraus (vgl, gnaust). Auch beiname eines mannes. 

hljötr: hljötr grundar potitor terrae, rex. 

(-)hrjötr: Himin-hrjötr bos; Hrjötr Odin. Vgl. norw. dial. rjot, 

(-)hrjöpr: bdru fäks hrjöpr destructor navis; hrjöpr möins stör- 
par vir liberalis; ättunga rjöpr (YnQ\.)y staXt hrjöpr, interfector filiorum; 
bark-hrjöpr nomen viri contumeliosum. 

'kljüfr: sundr-kljüfr niu hpfpa Privalda Thor; hausa-kljtifr 
cognomen viri: die beinamen haben überhaupt einen poetischen Cha- 
rakter. 

(')njötr: baug-njötr vir; hildi-njötr proeliator; hirpi-njölr hauka- 
ness drifu vir; hjalm-njötr proeliator; hjpr-njötr clipeus; nyti-njötr nds 
corvus; Ä/wwn-n/J/r navigator, vir; i^ör-n;<;7r gigas; njötrveg- Jota {pro 
veg-njötr Jötä) rex Danicus; njötr aupar, linnbeps^ naprs glöstrcbtis, 
bauga, brynju, fleina, geira, hjgrva, stdla, benloga vindar, nadd-hripar^ 
hrafnvins hyrjar, ülfvins elda vir; njötr hafra, njarpg jarpar Thor; 
njötr vigslu = prestr. 

i')rjöpr; odd-, gr-y brodd-, mdlm-, flein-, sverp-, vdpn-rjöpr pu- 
gnator; strk-rjöpr Hdrs, svell-rjöpr söknhatiar, bgrk-rjöpr bwnar 
ngkkva, fet-rjöpr Fenris jöpa, fet-rjöpr hugins, ßpri-rjöpr Yggjar mds, 
il-rjöpr ara od. arnar, munn-rjöpr hugins, gran-rjöpr gifr-skäis, gunn- 
rjöpr iss (pro rjöpr gunniss), munn-rjöpr mdlms proeliator; fcegi-rjöpr 
bauga vir; rjöpr branda, geira, hjors, kesju, randa, skjalda, vdpna, 



10 FALK 

undleggs, viga borps, üifa ferpca^ lungu, slorpa slirporripa kjaldrdrifs 
pugiiator. 

'Sjöpr: mat-sjöpr coqnus: das wort kommt nur einmal (Nj. 145. 2) 
vor und zwar im ploral; Eg. und Vigf. setzen einen singnlar mal- 
sjöpi an. 

pjötr ventus, qs. Stridens. 

prjötr vir pertinax, importunus: auch in der rechtssprache häufig. 

'blötr: hrafn-hlolr Odin, cultor corvorum (vgl. hrafn-freistapr), 

'hgggr: Nip-hoggr serpens, gladius: das wort könnte auch ein 
bahuvrthi-compositum sein. 

-räpr: ald-rdpr rex; Gagn-rdpr Odin (vgl. rdpa gagni)\ grand- 
rdpr Dana hostis Danorum; Ny-räpr nanus mag ein bahuvrihi-gebilde 
sein, wie die adjj. djüp-, harp-^ heil-räpr\ auch Gagn-rdpr kann so 
gefasst werden (einer der nützliche ratschlage erteilt, vgl. gagn-orpr). 

sldpr vir ignavus : germ. slcepan. 

sveipr: sveipr gldu remus: sveipa ist ja ursprünglich ein 
redupl. vb. 

'haldr: fast-haldr clavus, vinculum, qs. firmiter tenens. 

{-)valdr: ald-valdr rex; blakk-valdr byrjar dominus navis, vir; 
döm-valdr deus; fdr-valdr auctor calamitatis; fölk-valdr princeps; glw- 
valdr sol, dominus lucis; Idp-valdr leipira hröls glopa dominus coeli; 
möivaldr m^kis proeliator; nd-valdr sndkranns vir liberalis; ögn-valdr 
bellator; Skoll-valdr Odin, auctor fraudum (als gott des windes, vgl. 
Bglvcrkr, ßrjötr); reipi-valdr rikisvandar rex; prif -valdr aldar Christus; 
prüp-valdr gopa Thor '^ v«/rfr (gestator, vibrator) A/i/ar, skjaldar, Eildar 
blceju, hjdlms, fleins, fleina, sidla, (dominus, possessor) Bgrpa, hersa, 
Ups, norroenar aldar, foldar, eybaugs viggja, ijalda hd-Sleipnis, vip- 
bdlkar, foldar fjgrnis, himna, heims, dyrpar, rausnar, (auctor) viga, 
römUy vigstorma, skjalda vinns, hglpa morps. 

Ein hierher gehöriges missgebilde ist rand-skjcdfr remmi- 
tungls coneutiens elipeum, proeliator Bj. s. Hitd. s. 32, denn 
das Bari. 197 vorkommende causativum skjalfa = skelfa ist 
singulär und spät. 

Die übrigen nomina agentis dieser klasse sind sowol sab- 
stantiva als adjeetiva von allen wurzelstufen; die bedeutung 
ist teils activisch, teils passivisch. Auch hier zeigen sich be- 
rtthrungen mit den bahuvrlhibildungen, wie z. b. bei -hoggr, 
-räpr, 'vigr\ in anderen fällen kann man zweifelhaft sein, ob 
nicht ein alter /o-stamm zu gründe liegt, siehe greipr, -beilr. 
Die zu einem im germanischen existierenden starken verbum 
gehörigen werden hier aufgezählt, auch wenn der Charakter 
eines nomen agentis nicht mehr deutlich gefühlt worden ist. 

bdgr schlimm : ahd. ^^^an. 
ballr streitbar : bella. 



ALTNORD. NOMINA AGENllS. 11 

bjügr krumm, eig. gebogen oder sich krümmend : germ. hiugan^ 
bügan, 

'beilr: sdr-, sliffr-heitr scharf : hita. 

-hitr: kol-hür m. aschenbrödel; saup-bür m. hund der schafe 
beisst; slein-bUr m. anarrbichas lupus (ein fisch); kvern-hilr adj. miihlen- 
steine schneidend (von einem Schwerte) /-. biia, 

'hjöpr: kvif^bjöpr m. Vorzeichen eines Unglücks, ursprünglich 
persönlich gedacht (vgl. forynja Arkiv IV, 357); vip-bjöpr m, abscheu ist 
ein reines abstractum geworden : bjöpa. 

bleikr bleich, eig. strahlend, poet. subst. lapis : blikja, 

deigr weich, subst. teig : got. deigan kneten. 

djarfr kühn : ags. deorfan sich abmühen. 

^r^M^r gespenst : ah d. ^m^a» trügen. Die Steigerungsstufe ist 
im anord., wie überhaupt im germ., nur bei sehr wenigen substantivis 
vertreten, vgl. got. tvraks Verfolger : wrikan, ags. wand maulwurf : wmdan; 
siehe OsthofF, Beitr. DI, 10. Auch scheint draugr, wegen des ent- 
sprechenden aind. drögha- arglistige Schädigung, ein abstractum gewesen 
zu sein. 

'drepr: soppdrepr m. ballholz ; drepa. 

drjügr gross : germ. driugan. 

drjüpr poet. stillans : drjüpa. 

-drekkr: blop-drekkr bluttrinkend; kü-drekkr m. ein mensch 
der ^leggst undir kyr manna ok drekki'^\ brjösU, spen-drekkr m. Säug- 
ling : drekka. Verschieden ist das adj. drekkr trinkbar (/ö-stamm). 

-fallr: vd-fallr poet. in casum pronus : falla. 

-fj(iig'^- inn-,glüp-fjälgr heiss, innig, eig. verborgen : fela^ germ. 
felhan. 

fair m. rühre worin der schaft steckt, eig. umhüller, Schützer 
: fela, 

fldr falsch : got gaplaihan, 

fljötr schnell, eig. dahinfliessend : fljöta, 

fröpr weise : got. frapjan, 

gjallr^ ^«^r gellend; gjallr poet. mare, gladius, clipeus : gjalla, 

greipr poet. rapax; harp-greipr poet. manu fortis, subst. gigas : 
gripa. Doch scheint greipr^ wegen ags. cet-grcepe, eher ein alter jo- 
stamm, harp-greipr ein bahuvrthi zu sein. 

grim{m)r, gramr böse; gramr poet. rex : ags. grimman wüten. 
Zur form vergleiche an. swim{m)a, ahd. brimman = brdman, 

-haldr: fast-haldr beständig, geizig; prä-haldr hartnäckig : halda, 

hangr poet. pendulus : hanga, 

'heitr: Ijüg-heiir gewohnt falsche versprechen zu machen. Kann 
auch ein bahuvrthi sein. 

hneggr geizig : hneggva, 

holr hohl, eig. bergend : germ. h^lan, 

hrülr m. widder : hrjöla^ ags. hrütan brüllen. 

hvellr schrill : ahd. Mllan^ norw. dial. kvella. 



12 FALK 

hverfr unstät : hverfa, 

'hgggr: stör-hoggr adj. wer tüchtig haut : hoggva. Vielleicht 
eher ein possessives adjectivam (vgl. siörhggg n. pl). 

kiek kr schwach : klakk'va. 

kndr tüchtig : ags. cndrvan, an. knega, 

krangr, /rran/rr krank : hg%,crmgan, crincan idWen, krankr kann 
aus krangr entstanden sein, vgl. kangin-yrpi : mod. isl. kank-yrtfi, an. 
banga ; norw. dial. banka, brangä HamJ'ism. 20 : norw. dial. brank 
schaden. 

krappr angustus : ahd. krimphan, an. parte, kroppinn, 
krummr krumm : mhd. krimmen (die klauen) krümmen. 
langr lang, eig. hinreichend : 9\id, güingan, 
lauss los, gelöst : germ. fra-liusan, 
leipr verhasst : ahd. lldan leiden. 

IJötr hässlich, eig. sich verneigend od. gebückt (gotliuts heuch- 
lerisch) : lüta, 

lütr gebückt, poet. nomen servi : lüta* 

' Ijügr: arf-ljügr poet. adj. wer einem das erbteil vorenthält; vd-lffigr 
poet. adj. qui spem faliit, in der prosa Forum. II, 151 bedeutet das wort 
frustratio spei (eig. wol res quae spem faliit); eip-ljügr gigas törsdr. 10 
ist Wis^ns conjectur : Ijüga. 

'Idtr: eptir-ldir nachgiebig; fyrir-ldlr nachlässig : Idta, Die übri- 
gen composita mit -Idir sind zweifellos bahuvrthi. 

-migr: skaul>-migr adj. in die vorbaut pissend (von pferden) : miga. 

-rdpr: aup-rdpr folgsam: die bedeutung scheint auf eine bahu- 
vrihibildung hinzudeuten. 

rangr verrenkt, unrichtig : B\id,ringan, &gB, tvringan. 

raupr, rjöpr xot : rjöpa, 

reipr zornig, eig. gekräuselt : npa\ nä-reipr poet. adj. qui funus 
vehit, portat, epith. patibuli : ripa schwingen. 

saltr adj. salzig : germ. salian red. vb. 

seigr lentus : siga. 

sjükr krank : got. siukan, 

skakkr schief, eig. hinkend : 9,\xd, hinkan. Zum anlautsverhältnis 
vergl. skepH « hepti, skark = hark, skjal = hjal, sk{r)ukka = hrukka, 
skraumi = hraumi\ norw. dial. skrye = rye (an. hrypa)^ skrubbe = 
rubbe, skvika = kvika (an. hvika). 

skarpr eingeschrumpft : ags. sceorpan, an. parte, skorpinn, 

skeifr schief : mhd. schtben rollen. 

skelfr bebend : skjdlfa, 

-skitr: keldu'f myri-skUr m. eine art Schnepfe : skita, 

skjallr = hvellr : skjalla. Zum vocalverhältnis vergleiche norw. 
dial. kvelm = an. hjdlmr heudiemen. 

skjötr schnell, eig. dahinschiessend, subst. pferd : skjöta. 

-skreipr: gr- od. aup-skreipr schnei isegelnd : skripa. Vielleicht 
ein possessives adjectivum oder ein alter j'(?-stamm. 



ALTNORD. NOMINA AGENTIS. 13 

slakr schlaff, erschlafft : ags. seolcan erschlaffen? Zar metathese 
vgl. an. frela = ags. feortafh ftgs. screpan = sceorpan. Hierher slokr 
poet. vir ignavus? 

sleipr schlüpfrig : ahd. stifan gleiten. 

snarpr scharf : ahd. snSrfan zusammenziehen, norw. dial. snerpa^ 
schwed. dial. snärpa hart und eingeschrumpft werden. 

snaupr arm, eig. beraubt : an. parte, snopinn. 

snakr, snökr m. natter : ahd. snachan kriechen. Das vocalver- 
hältnis von sndkr ist unklar. 

sn eggr schnell : got. snitvan, 

stam(m)r stammelnd; aidr-, gly-stamr poet. vita, Isetitia privatus 
: mhd. steinen einhält tun. Mit stam(m)r vgl. gr%m{m)r, 

stertr m. schwänz, sterz; tt/?p-.f/^/r adj. hochmütig : mh^. sierzen 
steif emporragen. 

stjarfr hartmäulig : gQtm,- sterfiany eig. wol steif werden. 

stripr schlimm : germ. stH^an, 

si^kkr spröde, glatt (von dem was leicht zerplatzt oder aus sei- 
ner läge springt) : si^kkva, 

svangr verhungert, schlank : 9^^, swincan sich abmühen. Oder 
ursprünglich ein ro-stamm, wie ags. swancor, ahd. swangar? 

-sveipr: aup-sveipr folgsam : sveipa red. vb. Gehurt kaum 
hierher. 

svelgr m. vielfrass : germ. stvelgan, an. svelgja. 

svifr placidus, affabilis, subst. poet. mare (qs. mobile) : svifa. 

valdr adj. wer urheber, Ursache eines dinges ist : germ. wtddan 
red. vb. 

valtr unstät, volubilis : velia^ oder zu germ.walian {ngs. wealian, 
ahd. rvalzan) red. vb. 

vandr böse : vinda. 

-varpr: dres-varpr poet. Odin, qs. conjector sagittae : verpa. Das 
wort ist formell sehr auffällig. 

veikr, veykr weich, eig. nachgebend : vikja, 

'Verkr: stör-verkr poet. adj. voll grosser taten. Siehe oben 
s. 8 unter -verkr. 

-verpr: lii-verpr färbe wechselnd : verpa. 

'Verpr: and-, ofan-, norpan-verpr etc. gekehrt gegen {gagn-veri 
od. gagn-vart gegenüber) : lat. verti^ an. verpa. 

-vigr: and-vigr ebenbürtig im streite : germ. wigan, wihan. Wie 
die bedeutung zeigt, wahrscheinlich ein bahuvrthi. 

vindr schief, eig. verdreht : vinda. 

'Vinnr: d-vtnnr beschwerlich : vinna, 

parfr nützlich : purfa. 

pjarfr ungesäuert : mhd. verderben. 

prgngr eng : pr^ngva, 

pungr schwer : ahd. parte, gidungan zu dwingan drücken, pressen. 



14 FALK 

II. Das n-safflx. 

Die nomina agentis mit n-suffix sind der form und gram- 
matischen funetion nach substantiva gewesen; sonst verhalten 
sie sich durchaus als einfache qualitätsbezeichnungen, die dem 
einen oder anderen gegenstände prädicierend beigefügt werden 
können, allein nicht rein attributiv darauf bezogen werden dürfen. 
Mit der ausbildung der fest geregelten motion sind sie zum 
teil auch grammatisch in die kategorie der adjectiva über- 
getreten. 

In dieser gruppe finden sich im anord. noch erhebliche 
reste des alten passivischen gebrauchs des nomen agentis: es 
wird hierdurch der empfänger einer momentanen handlung 
ohne gedanke an die wirkende Ursache bezeichnet; die Stellung 
im satze ist auch hier immer eine praedicative oder apposi- 
tive; das part. praet., das den zustand als folge einer hand- 
lung angibt, weicht sowol in der bedeutung als auch in der 
funetion von diesem mehr substantivisch gefühlten nom. ag. ab: 
doch ist der unterschied ein leicht verwischbarer. , 

Die älteste biidungsweise dieser nomina im germani- 
schen scheint, nach Osthofifs Untersuchungen (Geschichte des 
schwachen deutschen adjectivums und Die n-declination, Beitr.III), 
schwächste vocalstufe und gewöhnlieh grammatischen Wechsel 
aufzuweisen. Bei den verbalklassen mit gleichem vocal im 
präseus und perf. part. {gebart, grahan, haldan), liegt für das 
Sprachgefühl die anknüpfung an das praesens nahe, besonders 
da dies das bildungsprincip der o-stämme ist, und so bemerken 
wir denn, dass einerseits die n-stämme den praesensvocal an- 
genommen haben (wie -bjargi neben -borgt), andererseits die 
o-stämme eine unorganische erweiterung erlitten haben (siehe 
oben unter -brjdtr), d. h. es ist eine Vermischung der beiden 
formationsweisen eingetreten. 

Die alte declination der n-stämme hat eine reihe von for- 
men erzeugt, die durch ihren abweichenden consonantismus 
aus der kategorie getreten sind und ein isoliertes dasein führen. 
Wie Kluge, Beitr. IX, 149 ff. dargelegt hat, trat in urgerm. 
zeit in formen, wo der nasal unmittelbar hinter dem wurzel- 
consonanten zu stehen kam, in gewissen fällen assimilation 
nach massgabe des letzteren ein; einige darunter sind o-stämmö 



ALTNORD. NOMINA AGENTIS. 15 

geworden: vgl. an. flokkr {ifljuga\ smokkr (\ smjügd) mit ahd. 
floccho, smoccho. Auch die alte consonantenschwächung (worüber 
Klage, Beitr. IX, 180 flF. handelt) scheint im anord. reflectiert 
zu sein: Grotti : grindan, Hrotti : hrindan (vgl. ags. hunta : 
hinpan, an. vgttr : vinda, goltr : gelda schw. vb.). 

Die feminine form der schwachen declination ist bekannt- 
lich eine in der urgermanischen periode neugebildete, und 
zwar zu einer zeit entstanden, wo der blosse nasal, nicht mehr 
das volle suffix -on, als characteristicum der klasse aufgefasst 
wurde: es ist das nebeneinandersein von hlindo- und blindä-y 
das zum masculinum blindon- mittelst proportionaler analogie 
das femininum bUndän- geschaffen hat Oft scheinen jedoch 
in einzelsprachlicher zeit directe Übertritte aus dem masc. ins 
fem. geschlecht stattgefunden zu haben, wie z. b. im an. stika 
oder sükka (: ahd. stechan aus älterem *stikjan, Paul, Beitr. 
VI, 83, Osthoff, Beitr. VIII, 142): ahd. stehho oder steccho, ags. 
sticca\ an. reka (: germ. rekan) : ahd. recho. 

Zu starken veibis gehören: 

-borgt, -bjarga: själf -borgt und ein-, själf-bjarga adj. wer mit 
eigener hilfe auskommt. Dagegen ist sr-bjarga 'hilflos* ein bahuvrthi. 

'hverfa: sand-hverfa f. eine fischart. Vielleicht ein substanti- 
viertes adjectivum. 

krümmt m. corvus (aach krumsi, kramsi)\ krummai, die krumme 
liand : mhd. krimmen die klauen zum fange krümmen, mit den klauen 
packen. 

-slotti, -sleitä: bop-sloiti m. Schmarotzer; bop-sletta f. id. : norw. 
dial. sleita (slait), schwed. slinia islant)^ schlendern, ledig umher treiben. 
Vgl. norw. dial. (bod)slott m. und sletta f. 

'Stingi: feldar-stingi m. spina argentea qaa pallium continebatnr. 

'bort, 'beri: barn-beri adj. schwanger; barn-bera f. schwangere 
frau; eld-beri m. oder eld-bera f. feuerschaufel; flim-beri m. spotter; 
hölberim. lobredner; klyf-berim, packsattel; reyk-berim. rauchöffnung; 
sakar-äberi m, recbtsanwalt; v(Un{syberi m. aquarius (stembild); ol-beri 
Yggs poeta; Hjälm-beri Odin; Kost-bera name einer frau; hold-bori m. 
corvus; Hom-bori name eines zwerges. 

breki m. woge, eig. der brecher : gQxm,brSkan, 

'feit: Gny-, Ha-, Lett-, Mal- feit m. pferdQuamen sind gewiss wie 
die pferdenamen üä-fmii und Hd-foeta gebildet, d. h. sie sind bahn- 
vrthicomposita zu fei n., auch das adjectivum sior-feiapr = siör-feir 
und die bedeutung des verbums feia im anord. bestätigen diese annähme. 
Dagegen scheint die kenning Geiiis gny-feii vir (Geiiis gny =» gull) ein 
nomen agentis zu enthalten, vgl. feia = nd, hiita, 

{')gjafi: aup-gjafi m. prineeps; Eyr-gjafa f. name; frip-gjafi m. 



16 FALK 

friedensgeber ; frjdls-gjafi m. freigegebener sklave (pass.)» der herr der 
Sklaven (act.); frjäls-gefa oder frjdls-gjafa f. freigegebene Sklavin; 
gesi-gjafi m, wirt; fjgr-, lif-gjafi m. geber des Lebens; log-gjafi m. ge- 
setzgeber; mat-gjafi m. brotherr; räp-gjafi m. ratgeber; prif-gjafi m. 
heiland; lip-gjafi Y^gs poeta; verp-gjaft hrafns proeliator; gjafi Unnböls 
vir liberalis. 

'kvepi: frum-kvepi m. Urheber; hröpr-kvepi m. laudator. 

-nu-mi: full-numi ausgelernt (auch full-nomsi, -numinny^ her-numi, 
fem. her-numa, kriegsgef an gener (auch her-numinn)-^ Pjöp-numa f. name 
eines flusses, qs. qu» homines aufert 

(-)reki: hjarl>-, naut-, saup-reki m. hirt (vgl. reka hjorp)\ lest- 
reki m. güterführer; ftsk-, sild-reki m. wallfischarten; ^/-r^^t m. ventus ; 
snar-reki gunnar proeliator; horn-reka f. zurückgesetztes weib; erend- 
reki m. böte (vgl. reka erendt)] apir-reka adj. vom stürme zurück- 
getrieben; naup-reki adj. vom stürme vertrieben; bük-reki m. lederner 
sack; reka f. sohaufel. land-reki m. rex ist vielleicht eine volksetymo- 
logische Umbildung: vgl. ags. heah-landrica stQV^oiQx^if ^^Qhe jedoch 
mold-rekr, 

'Seti: land*seti m. pächter; döm-seti m. richter; eld-seti m. einer 
der es liebt am feuer zu sitzen; hd-seti m. rüderer; garp-seii m. end- 
stange des heygarpr; at-seii Hleiprar rexdanicus; for-seiim. accipiter; 
For-seii name eines gottes. dröHseii m. truchsess ist ein deutsches 
lehn wort (die beziehung zwischen mhd. truh(t)so£2,e und truhi unterhalt, 
nahrung ist eine secundäre). 

-stoli: draum-stoH adj. der fahigkeit des träumens beraubt; 
ham-sioli adj. wahnsinnig (auch ham-stolinn)\ her-stoli adj. seiner lente 
beraubt; vit-stola adj. wahnsinnig (auch vit-siolmn). 

'pegi: far-pegt m. der überfahrt bekommen hat; arf-pegi m. söhn; 
heip-pegi m. = hirp-mapr. Die form arf-pegtr Rekst. ist spätere um- 
l>ildung, wie arfvinir, hersir, visir u. a. 

-ala: sjdlf-ala adj. wer sich selbst ernährt (vom vieh). 

'ddi: svip'ddi adj. verendet (= svip-daupr), 

(•)dragi: heim-dragi m. Stubenhocker, Siuch heim-dregi; kvip-dragi 
m. zu Schanden gerittenes pferd; jdrn-dragi m. magnet; vain-dragi m. 
Wassermann (sternbild); dragim. reisegut; draga f. was geschleppt wird. 

-fari: brdp-, hrap-j skjöt-fara adj. schnell reisend; hgp-fara f. 
lorica (auch h^foßra und b^fcßpa aus *bgp-f(ßrä)\ dyn-fara f. sagitta; 
dyn-fari m. ventus; fyrir-fari m, Vorzeichen (siehe oben xmter kvip-bjopr); 
blöp'fara f. lorica; gunn-fari m. proeliator; gny-fari m. ventus; harjy- 
fari m. bos, ungestümer mensch, auch als beiname; Ijös-fari m. sol, 
c^Ium; logn-fara adj. tranquillus; myrk-farai, nox; nagl-farim, navis 
(die ursprüngliche form ist nagl-far aus nagli m. clavus, vgl. ags. 
nasgled'Cnear iE]?elst. 53), gladius; of-fari adj. eines vergebens schuldig; 
reip-fari im ausdruck verpa vel r. eine glückliche Seereise haben; satn-' 
fara adj. zusammen reisend; snar-fari beiname; ^^-/Vin adj. seefahrend, 
subst. Seefahrer, auch als name; Svapil-, Mundil- fari pferdenamen (auch 



ALTNORD. NOMINA AGENTIS. 17 

Sva/nl'fpri^ -feri, Mundil-fcBri, -fert); fori auch in genitivischen compo- 
sitis, wie Englands-, Hallands-fari^ Fara f. ein flussname; die aus- 
drücke fara dl-, dag-, ndtt-fari scheinen nicht hierher zu gehören, siehe 
das Oxforder Wörterbuch und Fritzner^. 

-galt: är-gali m. gallus. 

-nagt: ey-naga adj. semper rodens. 

-nari: aldr-nari m. ignis. Dieses wort, in Verbindung mit dem 
verbum noßva alere, das kein lehnwort sein kann (in norw. dial. werden 
nöra und nasra noch auseinander gehalten), setzt ein starkes vb. naran- 
nör voraus; die bedeutnng der wurzel tiar ist nähren, während ]/ nes 
retten bedeutet (vgl. as. Itf-nara f. leibesnahrüng — ags. ealdor-, feorh- 
neru leben srettung). Vergleiche hierzu fwpir m. ignis. 

• -skafi: dogg-skafi m. clipeus, qs. rorem radens (vgl. dogg-skör 
der untere teil der scheide); harp- skafi beiname. 

skapi: själf-skapa adj. qui ipse auctor est. Wol eher ein 
bahuvrthi. 

'S lagt: harp-slagi m. harfner; hgrpu-slagi m. id. 

-siapi: ein-siapi m. farrenkraut : ags. steppan-stöp, 

-svari: eip-svari m. confoederatus; dp-svara adj. jurato foedere 
conjunctus; mein-svari m., mein-svari adj. perjurus. 

-iaki: arf-iaki m. erbe. 

-vapi: mar-vapi m. navis; Hä-vapi m. flussname. sirip-vapa adj. 
sine dolore, luctu Forum. VI, 236, v. 1. sirip-vana^ gehört möglicherweise 
hierher (vgl. vapin ai vilja), 

-biti: hol-hiii m. gladius; kvern-, legg-hiii m. gladius (= kvern-^ 
legg-hiir), 

'drifi: hring-drifim. vir überaus {= hring-drifr). 

-lipi: äs-lipar mpl. comites deorum; ver-lipar mpl. homines; ^Z- 
lipi m. navis; veir-Upi m. ursus anniculus (missverstanden: vepr-lipi), 
auch name eines dichters; Haf-lipi name; lipar mpl. comites hat wol 
ein präfigiertes ga- verloren. 

-migi: hrunn-migim, vulpes, qs. mingens in fontem, auch=y>2/r5. 

-rifa: Munn-rifa f. femina gigas. 

-ripi: ball-ripi (auch bald-ripi geschrieben) m. potens eques; aur- 
ripim, forelle; kveld-, myrk-, tun-, troll-ripaf,hexe\ iroll-ripa adj. von 
kobolden, hexen geritten (pass.); mundri/H m. pars gladii, gladius, ma- 
nnbrium clipei; blakk-ripi vägs navigator, vir; gr-ripi myrkmarkar qui 
celeriter equitat; Ät-ripi name des gottes Freyr; Ein-ripi {moh Eindripi 
geschrieben) name des börr; Elör-ripi id. (aus *hlöp-ripi, wo *hlöp « 
cnmulus, collis?); furpai, portentum (aus *for-ripa^ Arkiv IV, 358). 

-risa: blöp-risa adj. blutgesprengt, so. dass das blut in die ober- 
flache des körpers gedrungen ist. 

-skripi: holt-skripi m. serpens; sverp-skripi m. seh wertschleif er; 
full-skripa adj. mit voller Schnelligkeit hervorschreitend (od. bahuvrthi?). 
slepi m. Schlitten : ags. slidan gleiten. 
-sliia: sundr-slita adj. getrennt (= sundr-slitinn), 

Beitrftge zur gesohiohte der deutschen spräche. XIY. 2 



18 FALK 

(-)stigi: stigi oder stegi m. leiter; Hä-stigi m. eqnus, gigas ist 
vielleicht eher, wie Hd-feti, ein bahuvrthi. 

stika oder stikka f. stecken : germ. *stikjan «> gr. atl^o). Das 
wort ist, wie sUgi nnd wol auch slepi, instrumental zu fassen. 

-sviki: drötiin-sviki m. Verräter seines herrn. 

-viti: hlöp-vita adj. sanguinis prsenuntius; Ul-viii m. homo male- 
volus, auch beiname; odd-viti m. anführer; vepr-viti m. wetterhahn, 
Wimpel : vita gehen, kennzeichnen, wissen. Doch ist Ul-viti wahrschein- 
lich, und sind heil-vita adj. bei vollem bewusstsein und m^-viti m. homo 
vesanus, er-vita adj. vesanus (spätere form ü-vita) sicher bahuvrthi- 
bildungen. 

{-)bopi: yfir-bopi m. herr; sendi-bopi m. böte; vepr-bopi Gpndlar, 
hrip-bopi hranna elgs, eUbopi Gondlar, el-bopi Härbarps, hregg-bopi 
hjprva, hregg-bopi nadda borps, hljdm-bopi darra, hald-bopi äildar, 
hyr-bopi hripar proeliator; eld-bopi Ata stettar vir liberalis; regn-bopi 
Hnikars gladius; fang-bopi Liiar flotna = törr; hold-bopi m. corvns, 
V. 1. hold-bori\ Ängr-, Äur- oder fir-bopa f. femina gigas; bopi dlm- 
svells, fleinpings, geirporps, hringa, morplinnSy naddels, naddveprs, 
ormstalls, skjaldar, siälregns, skipa, sundvargs, undleygs, fleinveprs 
ullstakks, üthauprs elda^ vers elda, skjaldar els\ bopi m. seichte stelle 
am ufer, wo die wogen brechen, qs. index brevium ac syrtium. 

'broii: aup-, bang-, gull-, hring-, men-, seim-, vell-broii m. prin- 
ceps liberalis; eld-broti lagar, eld-broti unnar id.; eld-broii Tggjar 
proeliator. 

(')dropi: dropi m. tropfen; varg-dropi m. söhn eines vargr, 

{-)flogi: döm-flogi m. der sich einem urteil entzieht; fup-flogi m. 
wer seine braut nicht heiratet; flann-fluga f. frau die ihrem verlobten 
entflieht; öp-fluga adj. schnell fliegend; fluga adj. volatilis; fluga 
f. fliege. 

floii m. floss, flotte; floinar mpl. classiarii, viri. 

-keri: gjald-keri oder gjald-kyrim, Steuereinnehmer; scel-kerim. 
mensch in glücklichen umständen. 

{-)klofi: skeip-kloH m. vir indecore incedens, in ambulando diva- 
ricans (vgl. norw. dial. klova die füsse spreizen, schreiten); horn-klofi 
m. corvns, auch beiname eines skalden (vgl. Veirlipi\ in Hoful'Iausn 18 
epitheton zu jgfurr, d. h. Eirikr blöj»yx: das wort ist unklar*); klofi 
m. was gespalten ist. 

{-)leri: cett-lera adj. entartet; ätt-leri m. und ält-lerat entarteter 
mensch; mann-lera (auch mann-lcet^a, -/cß/»a geschrieben) f. verächtlicher 
mensch (= mann-leysi n.); Vera f. vir ignavus : ags. leosan (vgl. 
'keri : kjösa). 



*) Es scheint mir wahrscheinlich, dass homklofi ein bahuvrthi ist, 
= der mit einem hörnernen schnabel versehene, vgl. ags. hrasfn hyrned- 
nebba Chr. 937; klofi, eig. gaffelformig gespaltenes gerät, hier vom 
Schnabel gebraucht, wie umgekehrt der rabenschnabel eine art spitze 
zange bezeichnen kann. 



ALTNORD. NOMINA AGENTIS. 19 

'logt: ping-logi adj. und sabst. der von einer anberaumten ver- 
sammlang ausbleibt. 

-rofi: eip-, friß-, heit-, orp-, irygp-rofi m. der seinen eid etc. 
bricht; eip-, heit-rofi adj.; skript-rofa adj. des ÄÄrrf/^/rö/* schuldig; Garp- 
rofa f. eine mähre; über d-rofi m. siehe Arkiv III, 343. 

-skoii: and-skoii m. feind, teufel. 

sproti m. schössling : ags. spreotan, mhd. spriez,en. 

'togi: her-togi m. anführer; leip-iogi m. führer : an. part. toginn, 
got. tiuhan. 

'proti: hey-prota adj. dem das heu ausgegangen ist; lip-, mann- 
proii adj. der leute entblösst; mai-prota adj. der das essen ver- 
braucht hat. 

bägi m. adversarius : ahd. hägan red. vb. (oder ein substanti- 
viertes hägr). 

• bauti: Fdr-hauH pater Lokii; hyl-hauti m. navis; arin-SynJar 
sal'Vani p-bauti = törr, cod. W. in der t>6rsdr4pa. 

fdla f. femina gigas, securis : germ. *fdßlan red. vb. (vgl. mhd. 
välant teufel). 

'fangt: fljöt'fanga adj. schnell zum greifen; mis-fangi adj. eines 
irrtums schuldig; fangi m. gefangener ist ein spätes wort. 

hangt adj. pendulus, subst. homo suspensus, Odin (act. = sd er 
hangir). 

hvdii m. gladius, qs. fodiens : hvdta Egils s. c. 56, 1, hvdtinn con- 
fossuB, transfixus Fld. II, 30. 

'leika: blöp-leika f. lorica, qs. sanguine circumfusa. 

-rdpi: die beinamen harp-^ ül-rdpi sind wahrscheinlich bahuvrthi. 

'Sialdi: hauk-staldi (oder hauk-stalli) m. princeps, braucht nicht 
notwendig lehnwort zu sein (s. Arkiv III, 302^) : got. gastaldan be- 
sitzen. 

(')valdi: ein-, fölk-valdi m. herrscher; AI-, Ol-valdi gigas; Sce-valdi 
name; valdi m. (librator :) vigfoldar vaiidar, Skjgldunga veprbjargs, 
(auctor, dominus :) siyrjar, kjöla, foldar fjgrnis, reipar, vegs\ valdi 
adj. schuld an. 

purfi adj. bedürftig (== parfi). 

Eine misslungene biidang liegt in der kenning vagna 
runni = Odin (qui rhedas in cursum incitat) Sunatorrek 21 
vor, denn das starke verbum renna wird nie transitiv ge- 
braucht. 

Auch zu schwachen verbis ist dieses bildungsprincip er- 
weitert, doch — so viel ich sehe — fast ausschliesslich in 
der poetischen spräche. Wir nennen an beispielen aus der 
ö' und ^-klasse: 

fripi m. qui ornat : f, vargs, Gauia setrs, 

i-)glöi: horn-glöi m. aries (auch horn-glömn)\ ey-glöaf, sol; fagr- 
glöa adj. epitheton formosse mulieris; Glöi nanus (auch G^oinnV 

1* 



20 FALK 

'hafi: scb-hafi ans dem curs yertrieben; hand-hafi im besitz eines 
dinges; rett-hafi im rechtmässigen besitz eines dinges. 

hati m. osor, persecutor in compositis oder mit objectivem genitiv; 
Baii lapas, gigas. 

hrapi m. properator, incitätor : hrings hrapi vir überaus. 

hvaii m. concitator : hjprleiks hvaii pngnator. 

-kügi: of-kügi m, oppressor : of-kügi jgfra rex prsßpotens. 

-sagt: leip-sagi m. ftihrer : ahd. sagen, 

-skvali: hornum-skvati (auch hornun-, hornin-skali) m. aries, qs. 
strepens cornibus. 

-uni: sip-una sverps adj. amans proelinm. 

visi m. ist vielleicht eigentlich ein sabstantiviertes adjectivnm, ist 
aber in Verbindungen wie visi vegs viao dux zum verbnm zu stellen 
(vgl. visir), 

vitki m. fascinator gehört vom Standpunkte des altnordischen zum 
verbum viika. 

Zu ^ö-verbis gehören: 

Beli gigas, qs. rudens. 

-beri: her-beri m. gladius, qs. caedens viros (vgl. fellir gladius). 

bcegi m. adversarius (= bcegir)* 

'brigpi m. qui vibrat : hyr-brigpi gunnar rcbfrs proeliator (v. 1. 
-brigpir), 

-byggi: fr am-, aptr-byggjar die mannschaft im vor- und hinter- 
teile des schiffes. 

hlenni m. raptor, = hlenni-mapr, welches wort ein vb. *Menna = 
hlanna voraussetzt. 

-reyH: haus-reyii Hymis corvus, qui calvam Ymeris', i. e. 
aerem, mit. 

slsngva i. quae mittit, jacit : menja s, 

stekk vi m. qui spargit, distribuit: slekkvi hodda, grundar garp- 
vita vir liberalis (= stekkvir), 

sekkvi m. hostis (= sekkvir), 

'Veiii m. qui praebet ; gunn-veiti proeliator SE. I, 402. 3 (v. 1. 
'Veiiir), 

-yrki: teig-yrki m. erdarbeiter; harp-yrki adj. eifrig. Dagegen 
gehören ein-y ill-, spell-virki wol zu verk, 

III. Die nomina agentis anf -ir. 

Das ßuffix jo-, ursprünglich ein adjectivsuffix für ab- 
stammung und Zugehörigkeit, bildet im germanischen bezeich- 
nungeu männlicher personen, denen substantiva zu gründe 
liegen: an. hirpir : hjgrp, fylkir : fölk, erfir : arfr^ hilmir : 
hj'dlmr. In deverbativer Verwendung hat die altnordische 
poesie allein dieses suffix verwertet: durch anknüpfung an ab- 



ALTNÜRD. NOMINA AGENTIS. 21 

geleitete yo-verba, mit denen die nomina agentis wegen des 
Umlauts eine grössere formelle Übereinstimmung zeigten als 
mit den nominibus, ist eine neue beziehung geschaffen, eine 
Verschiebung des bildungsprincips herbeigeführt worden. In 
der anord. poesie bilden nom.-ag. wie hrtBpir, geymir, scekir 
etc., die sammt und sonders aus langsilbigen verbis der^o-klasse 
gebildet sind, eine hauptkategorie in den Umschreibungen für 
mann. Dass die kurzsilbigen verba keine nom. ag. bilden, 
liegt ohne zweifei in dem umstände, dass solche bildungen 
ein deutlich fühlbares ableitungs- und klassenzeichen vermissen 
lassen müssten. 

Die Verbreitung der deverbativen ableitung ist in erster 
linie der zahlreichheit und dem Charakter der yo-verba zuzu- 
schreiben. Die bedeutung dieser verba ist vorzugsweise eine 
causative und somit transitive. Das bildungsprincip ist ein 
dreifaches: 1. es liegt ein verbum zu gründe, wie bei fleyta : 
fijöia, hlcepa : lilapa, hneigja : hniga, senda : ahd. sinnan (aus 
sintnan, mit n-praesens); 2. aus substantivis sind gebildet z. b. 
hr&pa : hräp, hepta : hapt\ 3. die adjectiv-factitiva zerfallen 
in zwei Unterabteilungen, je nachdem sie nach indogerm. weise 
mit vocalsteigerung gebildet sind, wie got. ga-söpjan : sapSj 
daupjan : diupsj ahd. blenden : blint, an. soela : svälr, oder 
ohne dieselbe, wie festa : fastr, glepja : glapr, flyta : fljötr, 
fylla : fuUr etc. 

Es erübrigt noch zur erklärung der bedeutung einiger 
dieser nom.-ag., wie z. b. prek-slcerir ^magnam fortitudinem 
exhibens', sökn-herpir sverpa 'proeliator', auf eine eigentüm- 
liche Verwendung dieser causativa in der altnordischen poesie 
aufmerksam zu machen. Es heisst Jomsvik. dr. 32: pd fr&k 
el it üla I (Bpa Hglgabrüpi, obgleich früher von keinem stürm 
die rede gewesen ist; stcera hggg heisst nicht 'die hiebe ver- 
grössern': der dem modernen ausdruck inhärente nebenbegriff 
von absichtlicher vergrösserung von etwas schon vorhandenem 
ist dem anord. verbum fremd; dagegen ist herpa vig mit gera 
hart vig oder gera vig harpliga, remma grand mit gera ramt 
oder ramliga grand identisch; d. h. diese factitiva bezeichnen 
sowol das hervorbringen als die beschaffenheit des hervorge- 
brachten, oder vielleicht besser die art und weise des hervor- 
bringens (so auch auka, cexla, magna etc.). 



22 FALK 

Einige neuisländische formen kommen in den handschrif- 
ten vor, s. darüber das Lexicon poeticum unter fellir, festir, 
hersir, herste/hir und Bugge Ssem. Edda 8.371; mannicelir-spendu 
SE. I, 292, 2 ist wol nur anakoluthisch, als ob pelr mannWir 
gestanden hätte. 

Die Personenbezeichnungen der anord. poesie sind fol- 
gende: 

bcegir adversarias : b, aupar, 

beinir qni efficit : b. bragna falls; gl-b, Asa (skild). 

beitir qni in cnrsnm incitat : b, byrstöps, Byrvüs skipa, barps 
sota, üt'b. Ata skips, vigg-b, Meita vallar, gr-b. unnar viggs; b. dölglinns, 
sverps; hauka; fölk-b, 

beipir qni poscit, cnpit : b, byl^ju logs, aupar, hodda, brand- 
leggs (pro legghrands), fiöps bjariglöpa, ormstalls, eld-b. är, b, fjaU- 
Gestils orps, log-b, lyieigs; benhlunnSy brynpings, barpels, brynju, 
hneiiis, benlinns borgar ^ ögn-b,, dyn-b, stafns hrafna fletbdlkar^ hljöm-h. 
hjgrva, ^r-b, svans sigr lana, baugskjaldar, morpvandar meips; skokks 
skrauivals; fripar, frip-b.; hapta (Odin); gr-beipir 0. H. in Heimskr. 
cap. 182, 4 ist entweder stellvertretend statt des vorhergehenden volle- 
ren ansdrncks gr-beipir sigrsvans lana in str. 2, oder gr- = pfeil. 

bendir qui flectit, vihrat : b. Valpggnis Varrar skips; styr-b, 
stälgaldrs (vgl. benda vig incitare pngnam). 

blekkir domitor ; löm-b, (= eypir svika). 

bxtir emendator : cbtt-b, allriks Torfeinars (decus familise T.); 
gep-b, (Tryggvi), sip-b., b. meina, sdlna, seggja. 

brennir incensor : b. Bolgara^ gopa» 

breyiir qui variat : b. dia fjarpar. 

brccpir qui prsedam dat : b. benja iikr, gunnvala, ara, blöpstara, 
bengjdlfrs bUgjöpa^ svan-b. dölglinns, nip-b, ndgrundar dsar (Eyrb. 
19, 1), svan-brcßpir (v. 1. goßpir) Jdlfaps, 

brigpir qui vibrat, frangit : b. laufa, sdrteina, hyr-b, Gunnar rdfs; 
hrannelds, ftir-b, hlas; Igg-b,; le-b. (rusticus); b, bglva. 

brynnir qni potum dat : morpvals (v. 1. morphauks), ülfa, 

bygg{v)ir qui habitat, incola : fapm-b, Friggjar (Odin); hrein-b, 
hröfs (pro b. hröf-hreins), lopt-b, unnar eykja; jarp-b. 

byiir qui praebet : guUs, bdru rips (Kr.-R. r.), ofnis Idpar^ sndka 
jarpar, glöp-b, hranna. 

deilir qui dividit, decemit, moderator : gulls, vella, dggla, bauga, 
hellisgauta hldirar, sverpa; siyrjar, fripar, skapa, skepnu, her ja, dröt- 
tar; sig-d,<, sökn-d.; hröpr-d. (poeta). 

deyfir qui hebetat, sedat : hungr-d, üeita dyrbliks dynsdipinga, 
hungr-d. ens hvassa hrafns, 

dcemir judex : salar döma, 

dreifir qui spargit : gulls, 

eflir qui äuget : drs, krapta, svinnu, vingarps, söma. 



ALTNORD. NOMINA AGENTIS. 23 

eldir qui ignem accendit : vers elda (wol = eyfnr); Eldir fa- 
mnlns iEgeris. 

eypir qui vastat : dlma, skjalda, spjöta, sidls, siäla, sverpa, 
hjaldrbliks, haugvalla, grscetis; ülfa grdpar, heipingja sütar; Dana, 
Selundbyggja, svikfölks; eitrs olungrundar, gldu eisu, ortna leipar, 
nppru skipa, unnglöpa, hella müdings mdlSf dalreypar Urööla, arm- 
glöpar, orma seira, eyjarhands elda; villu, hanruiy illsku, täla, göp- 
verka; ätna, 

fägir qui polit, splendidum reddit : ösa elds; jpvu; Fjglnis 
veigar. 

fegrir exornator : vagns hallar; sipa, 

feitir qui saginat : fölkstara, hrcefuglay hrägeiiunga. 

fellir qui sternit, profligat : dölga, Jota, fjall-Gauts (törr), fjgrneis 
flugstalla gopa (törr); Ijöna flärpar, synda. 

f er gir con&nmtor : baug-f.^ men-f,; f.mälma; Vinda. *fergja = 
farga übel mitspielen, vertilgen. 

fesiir qui firmum reddit : el-f, Ala serkjar; fröns musieris ritar 
(Christus). 

fcßttir imminutor : menja, 

fcepir qui alit, nutrit, pascit : hrafn-^ varg-f., f, hr^fugla, fölks(ara, 
gutinstara, henja vala fensküfs, henja kölgu bldgamms, dölgsvglu barma, 
Ulfs; feikna, frempar rdpa oder rdps, eisku, gröpar, (ikti-f.; f, frenju. 

fleygir missor : skjalda, hrotta, hjdlms ok borpa; dynu Unna, 
Fenju grips, nppru stelia, ofnis ldf>a. 

flyiir properator : her-, morp-, ögn-f., f.flokka sennu; fremdar, 
fripbragpa, skemda; floßpar elds; öp-f, (poeta). 

frelsir liberator : fyrpa, 

frcegir celebrator : fölka Sdgu, 

fyllir qui implet, saturat : varga; meina (patrator scelernm). 

fcßrir qui fert, adfert : skati-f. 

gerviry g er vir qui facit, efficit : bragar (poeta); gunnar, gnögs 
siyrjar (bellator); himna (deus). 

gegnir qui curat, obit : hjaldr-g.y hjaldr-g. Hildar. 

geymir custos, possessor : hnoss-, hodd-g,, hyr-g. haukborps, kaf-g, 
hyrs (d. h. hafhyrs g.), hodda, gullhringa, brüna grnndar sükissima; 
Opins tjalda, geira stigs, Fjglnis elda, galdrs grimu; grimu {= proßll); 
saupa; klerka, ligfupkirkju ; galdra; happs, giptu, hyggju, ddp-g. 
(Christus). 

gildir qui äuget, incitat (: gildr aj,)\ qui Stipendium dsit (: gjald 
T^') ' Yggs hjaldrs, hyr-g, hrafnvins; öpar; aup-, seim-g., g, aupar, 
handarvafs; flotna, 

greipir qui expendit, explicat : vells, gjdlfrdags; bragar; gups 
laga^ solar grams laga. 

grennir, greddir Q&turB,tor : ülf-grennir, md-grennir PröUar JnngSf 
mä-grennir sdra sogns; grennir ülfa, gunnmäs, Ggndlar skufs; am- 
grennir und arn-greddirt hrafn-grennir und hrafn-greddir ; greddir 



24 FALK 

ülfa, hrmgamms; svan-greddir sära dynbdru. Vgl. Bugge, Arkiv 
II, 238 flF. 

grcßtir contristator : gygjar (I>6rr). 

großpir qui äuget, incitat; cultor; sanator, medicns : geirripar, 
geirpings vinds (v. 1. goepir); skatna, pegna, ypvarr; ö-grcßpir armgrjöis; 
holds; frama^ visdöms, andar. 

gcbtir custos : gullhrings, hringa, vegmceta, napra ilegu, GjaUar 
eims, gljüfra fagra fgsla scelis; hringa vallar, geira siigs, Glamtna 
(v. 1. Gamla) sota garps; hjarga, hjarpar, fira, fyrpa, fröns^ lands, 
gumna, Nöregs, Grikklands, häsoßta, norpscßira, himna, glyggranns, 
vegs vilra hplda; bjgllu, vigslu, sipa hreinna, sdlna; grefs (= böndt); 
himin-g, {==: gup), sip-g. (Christus); hver-g, {== prcßll), 

goßlir delectator : hrafn-g.^ svan-g, Yggs, svpr-g, randa svarfa, 

gcepir qui äuget; satiat : vepr-g, {munborps,g, hroesiks primu, bgp-g,^ 
g. geirripar, geirpings, odda regns, ritorms, hjgr-g., rym-g, randa, 
rym-g, valslgngu brikar, hjgr-g, hripar hlunns (pro hjgr-hripar hlunns), 
sükn-g. ; g. gunnskära, svan-g, Jälfapar, hrafn-g. (v. 1. -greddir), svgr-g, 
Endüs, ulf-g,; sigr-gr, prif-g. pjopar (deus). 

hefnir ultor : Hdkonar, Olafs, Skjälgs {== sonr). 

hegnir coercitor : rdn-h., h. rögs, angrs; jarla, 

Ä ^nrfjr jaculator, missor : gldu loga, fjarpar loga. 

heptir repressor : vel-h. 

herpir qui incitat : sökn-h. sverpa, h, gunnar, hjdlmprimu, bgp- 
gerpar, odda skürar, Baddings harpela, ögn-h.; h. hjgrva, skglkvings, 
odd-h., für-h, fleina scßvar ; fölk-h,^ h.fölka; ngpru stelia (Kr.-R. r.). 

hitiir qui invenit, possidet : ddp-, dyrp-h. 

hirtir qui coercet, repressor : bgls, sjüks hügar (de Spir. Sanct.). 

hirpir 1. abs. pastor pecoris {\hjgrp), 2. mit rection {ihirpa) : 
vepr-h. valserkjar (st. h. valveprs serkjar); h, vipis veUireipar; bagla; 
hjgrva; hringa; klerka, fröns, himna, himna garps ; heilags döms, dyr- 
ligra greina. 

hlcepir qui onerat, cumulat : hafskips, hlunns hafreipar; hodda; 
Hildar sköpa, 

hleypir qui in cursum incitat: h. rastar hesia hlunns (Eyrb. 40. i). 

hne ig ir qui inclinat, doprimit, opprimit : unnar bliks, orms moerar; 
hafviggja; hlenna. 

hneitir qui repellit : fölk-h. (v. 1. -beitir)^ h, dgglinga, jgfra; 
undirjdlfrs bliku (törr). 

hnekkir qui repellit, avertit : angrs ^ heifsiary tortrygpar, her- 
trygpar; hlunns hleypiblakka, 

hneykir repulsor, oppressor : harra, hertoga, hölmbüa, hlenna. 

hnykkir qui raptim tollit, spargit : hodda; hrobklungrs, 

hreytir qui spargit, distribuit : hrings, hringa, hodda, handar 
grjötSy seima, handfür s, ngpru palla, ofnis Idpa, sundr-h, süfra; hripar 
hjgrteins\ hlautteins (= blötmapr), 

hristir qui coneutit, spargit : hringa, handar fasta^ hodda^ hadds 



ALTNORD. NOMINA AGENTIS. 25 

hcdlar mjallar (Eyrb. 63, 1: hallr acclivitas; hadds h, = hals); geira, hjorva, 
nap{r)'h. oder nädd-h, (£g. s. cap. 56), Hlakkar skins, sikulgjarpar iss; 
funh, (törr); Ä. hjdlms; hertoga. 

hr&pir territor : Hollseiu. 

hroerir motor^ vibrator : Iggpis hranda; sagna (Loki). 

hvessir qui acuit : hjdlmskassa; heiptar, ögnar, Eildar, 

hoßttir qui audet, periclitatur : gunn-h,, h, handvipris (?), vigs, 
hergarpa. 

h€ßlir landator : hjaldrgops; hviimäla. 

innir qui praestat, efficit : nadda rögs, 

kennir qui novit, rei peritus : aupar, gull-k., kafsunnu (Eyrb. 
19, 8; Eg. liest kappsvinnü); Yggveprs ela, eggja frosts, odda frosts, 
bpp-k., mdlmpings, styrjar, prym-k, skjaldreyrs, elds (i. e. gladii); 
tnorp-k,; svip-k.; krapts, spektar, höfs, hragsmipar ; Rakna kunnfdka; 
pinga (rex); engla (Christus). 

keyrir incitator : kjöla, jö-k, Glamma; fram-k, brodda, 

kneyfir qui premit, vexat : Pundar hyrjar; dröttar (Jotunn). 

kneyiir kvkpa (malus poeta) Bj. s. Hitd. 36 (emendavi) : vgl. 
norw. dial. knauta, knota affectiert reden. 

kveitir qui opprimit : bgl-k, Loka (törr). 

kcbrir qui negotium habet cum aliquo : Norpmcera hplda. 

lesiir qui violat, laedit : aup-, baug-, hring-, für-l, fleygarps, 
hodd'L, hyr-l. häru, L menja, vella, linns grundar, fleyvangs füra, val- 
klifa fyrs; geira, v^gja, hyr-l. hripar, hjälm-L; hrann-L horpa (pro 
/. hrann-borpa); lofpa; alls gagns, färs. 

leitir qui leviorem reddit : bplva, lasta. 

leynir qui celat, servat : fyr-L foldar fjgira. 

lysir qui ostendit, exhibet : frempar, 

lystir cupitor : gulls, 

lytir qui laedit, vastator : lipbands; Iggreipar, 

/(^^ir qui sedat, reprimit : r^A:/:a rögs, lyia, trega; vinds; Unnsetrs. 

meipir qui Isedit, violat, sanciat : bauga, gulls, mundar grjöis, 
munda viia, ngpru paÜa, mtsta, vell-m., eld-m, angrs, m. mundar; sverpa, 
morpsölar, kjor-m. leipar (st. m, hjgrleipar); borps goia, myrkblakks 
ijalda drasils, 

merkir qui tingit : blöpsvara; morphjöls; mar kor grands meipa. 

mygir qui opprimit, consumit : fölk-m., m. hersa, Vinda; aups; 
tneina, idla; osi-m,, m. mgrva. 

myrpir interfector, consumtor : men-m,, m, menja, möins jarpar; 
morpfärs, viga (v. 1. varga); Vinda. 

moetir qui oceurrit, frequentat, obvius it : mdlmpings, odd- 
braks, viga, 

mcßpir qui fatigat, oppressor : hersa (rex). 

neytir qui utitur : odd-n,, n, brodda; bauga, hodda, vella; vizku. 

nistir qui cibum prsebet : ülf-, varg-n,, n. varga, ara, hrcesküfs, 
hauk-n, Hildar, gang-n. geira veprs; skipa (Kr.-R. r.). Hkr. 667 ist statt 
ülf-nestir die lesart aupleslir Fornm. VIT, 86 aufzunehmen. 



26 FALK 

nytir qui utitnr) possidet : naprbmgs, 
ncßrir qui alit, nutrit : rifjunga Sdgu; naddskürar. 
prypir exornator : pegn-p., p, jarla, aldr-p. lypa; p. Icerdöms; 
himna. 

reipir qui librat; prsebitor; interpres : randvallar riploga; aups^ 
Idhyrs (Tindr Hallk.); gups Iciga, Vgl, greipir, 

reifir qui muneribus ornat : hersa, hglda (Forum. 11,53 emen- 
davi); log-r, landmens; md-r, Leifa. Hkr. 252. 3 (= 6. h. 39, Forum. 
IV, 98, Fiat. II, 44) ist statt gjöps göps zu leseu uud gunnreifum dat. sg. 
des adj. gunnreifr, 

rekkir qui auimum confirmat, incitat : her-r., r, pjöpar, 
remmir qui graviorem reddit, incitans : hjaldr-r,, hrip-r, hjprs, 
rennir qui iu cursum incitat, fugator, sparsor : mem-r. varga; 
hesl-r,; blakk-r. vdgs, elg-r. unnar, hest-r, hlunna^ kjöl-r.; sann-r, 
sunds; r. bauga; at-r. (= fiskimapr), 
reitir qui porrigit, prsebet : seims. 

reyntr qui experitur, tentat : darra dripiar, randa rypfjönar, 
döm-r, dreyrgra darra, skjalda, prif-r, Hlakkar, Iggpis, raupmäna 
Hepins böga, sig{ryr,; spanga; jEgis brima; sann-r, sunds; sann-r. 
Haralds (= vinr); sann-r, Hdrbarps vea fjarpar sunds (poeta); elg-r. 
Rundings; r. rekka, hglda y virpa, munka, hersa mdttar; sannleiks, 
happ-r.f sgk-r.; r. fröns fölka (törr); reyrar leggs (jotunn); gep-r, 
herprumuGauts (Loki); sip-r (prestr) Gd. 63 : Forum. 11,202 (= Nj. 
103. 1, Bisk. 1, 14) dieselbe kenning oder es ist sip-r, hjaldrs (bellator, 
vir) zu verbinden. Man kann bisweilen im zweifei sein, ob einer ken- 
ning nicht eher reynir sorbus zu gründe liegt. 

rikir qui regnat, imperat : jpfra, 

ryrir qui imminuit, consumit : aup-, men-, vell-r,, r. brimlogs, 
mundjgkuls , Rinfura, blik-r. björs, mski-r, aups, sok-r, hauprmens 
(Nj. cap. 77); mdlm-r,, r, mdlma, flein-r,, r. randa, randa rgpuls, rand- 
garps, randa reyrar seirs, söl-r. sdra; kjgl-r, kjöla; ceil-r. jgfra, r. 
pjöfa aldar, hlenna (Amors Hrynhenda, notwendige emendation für 
preytir); Vinda; vind-r, (sedator venti). 

rcbsir 1. abs. rex, wol Umbildung des ags. rceswa princeps, das 
zu rcsswan = erwägen (aus rcds f. rat, vgl. robdbora ^ymMQn 7. 38 = 
herscher) zu stellen ist; 2. mit rection, qui in cursum incitat, missor, zu 
rcesa aus ras {sd flytr er rcesir SE. I, 624) : scbva rgpuls; rögeisu; 
Iggskips, 

rekkvir qui nigrescere facit : fals regns. 

roßkir qui curat, colit, tractat : randa linns; raupbrikar ; rd- 
fdka; primu. 

sendir missor : aup-, baug-, guU-y hodd-s., hyr-s. vdgs, hyr-s, 
hüna, für-s, hauksiorpa, glap-s* handa hrauns, s, bylgju eims, seimaj 
vika eldSf jarpar undins fränbaugs Idtrs, savar bdls; söknar seipa^ 
vandbaugs (st. s. baugvandar), val-s. vandar (st. s. valvandar), Rlakkar 
Ms skipa; sundhreins, pilblakks; floina. 



ALTNORD. NOMINA AGENTIS. 27 

sigrir victor : djpfla s. Selk. 1^. l^B, sigra-ap. 

sim(b)lir sumhls potator, helluo cerevisise, gigas, Hrungnir : mod. 
isl. simla bibere. 

skekkir depravator, corrnptor : hragsmipar (inhone&ta poctie 
appellatio). 

skelfir tremefacienS) quatiens ; aupar, gulls, JEgis hrima, si-s, 
undar bliks; y-s,; lip-s; s. Dana. 

skemmir qui decurtat, abscindit : hring-s, 

skerpir sector : goll-, hodd-, battg-, men-, seim-s., eld-s. als fer- 
par, ftir-s. hjprva, frip-s. hringa^ bliks. brims, eld-s. seips hrynleipar, 
s, hringa, hodda, seims, Nipbranda; Skgglar serks, Mistar lauka grün- 
dar, frip-s, randa^ mdlmay eld-$, eggleiks, hyr-s. Hropis; her-s,; frip-s.; 
fär-s. fripar (deus); s. Alfgeirs (= baut); rughleifa (humoristische be- 
Zeichnung für mann). 

skildir qui clipeis munit, ornat : hlyr-s. Beita blakks, s. skeipar 
brands (Arnörs Hrynhenda str. 5, geschrieben skyldir, v. 1. skjpldungr), 

skiptir qui dividit, distribuit : aup-s., s. aupar, seima; pr-s, 
(Geisli) V. 1. aup-s.). 

skreytir exornator : vagn-s. vika, s. skorpu blakks^ vpgnu läps 
skipSj skauihreina; lof-s., s. visu; hyrfoss (st. fosshyrjar), läp-s. 
barpjöps (?). 

skrypir qui ornat : skyja slöpar skr ins. 

skyflir qui imminuit, vastat : guU-s. Vgl. bü-, fe-, lip-skylfr 
und schwed. sköfla. 

skyldir instigator : hauka, her-s.; s. skaut-Jdlfapar (st. s. Jdl- 
fapar skauts). 

skylir protector, tutor : hglda. 

skyndir incitator : styrjar, rimmu, sürpra branda storms^ Gpnd- 
lar peys ela, el-s. unda, hraps. gunnar, rym-s, randa; sidla, premja, 
dölgljöss; baug-s., mer-s, (= prcelt). 

sie kk vir qui extinguit : lala. 

sl eng vir qui jacit, mittit : aup-s,, hyr-s. hvalranns, hrap-s. 
hringa, s. hrings, slungins gulls, Vdnar dags, brimloga, sandheims solar, 
seima, slungins vangs snäka; pr-s,, s, boga, Mistar elda, Gpndlar elda, 
gim-s. nausla blakks hlemäna gifrs drifu; harra (= yfirkonungr). 

sneipir qui secat, dissecat : seima. 

snerpir qui exasperat, incitat : Hlakkar, 

snyrtir qui ornat, splendidum reddit : hring-s., s.bauga; hjprva. 
Vgl. norw. dial. snyrta putzen, schmücken (wol mit an. snerta ver- 
want). 

snt/irir qui humanitate et bonis artibus ornat, excolit -. pjöpar; 
hapta (0}?inn); pröUar. Vgl. Forum. V, 176. 1 : munk snytrast at 
hröpri. 

spennir amplector, possessor, dominus : hodds,; brodd-s., s. prva; 
frön-s. fagrtjalda, heim-s, (deus). 

spillir 1. perditor, 2. qui loquitur (in dieser bedeutung heisst das 



28 FALK 

verbum spjalla-ap): 1. frip-s., s. bauga, aUar, fjor-s, hglver f>ungar ßelja 
(törr); 2. and-s., s, frcßpa (poeta). 

sprengir qui dirumpit : haus-s. Hrungnis (törr); am-s, (cibo 
farciens). 

siefnir qui cursum dirigit : her-s,; s, stdlhrafna, stgpvar hrafna; 
strangra stdla ila; unda Rinar (qui elicit); aup-s. (erogans). 

steypir qui dejicit, sternit : dölga, nipja, stophnisu (I>6rr; oder 
staphnisu?); dag-s, drsirauma (oonsumtor). 

siiklir qui spargit, dispergit : mens,, fram-s, aupar, s. mens, 
seima. Das causativum sUkla'Stik{r)ta kommt uur im parte, präs. vor, 
eig. salire facere. 

siillir 1. abs. princeps, rex, 2. mit rection, moderator, rector 
(: stillä) : styrs; fleinbraks füra ; vandar drasils; stefja (poSta); stjgrnu 
(deus). Ausdrücke wie s, herja, hersa, lypa, engla, her-s,, ver-s. etc. 
gestatten eine zweifache deutung. Engla siillir Fomm. VI, 435, von 
EgilssoD unrichtig mit 'feind' übersetzt, ist in die l«sart der Fsk. 148. 3 
Egpa stUlir zu ändern; vgl. Fomm. VI, 438, wo derselbe könig Egpa 
dröttinn heisst. 

styrir rector : flein-s,, s. stdla; hlifar peys Stalls stekkvifyra; 
s. bdla, skeipar, strengmara, stdlhreins, stafnviggs, lagdyrs; hjaldrs, 
Hildar, römu, hjgrpings; hring-s., s. gretlis IJöma, mundjgkuls (v. 1. 
ryrir), hafnar fyris; lofpa, jgfra, Gauta, Frakklands, aldar, klerka, 
hglda, himna, fölk-, heim-, himin-s., llf-s. Idps ok lofpa, s. hjarpar, 
söl-s,; s, kristni, sigr-s.y s. fremdar, alls tirar; hragar (poeta). styrir 
absolut, praefectus classis, Helg. Hund. I, 26. 

stekkvir qui spargit, in cursum incitat, fugat : baug-s,, eld-s. 
hafs, eld-s, skautborps, skeips, frip-s. baugs, s, sundeims, strandlog a, 
flöps hyrjar, menja, glna skeips elda; premja, stdla (od. stdla flaums, 
Bragi); stdls dynblakka; urpar prjöts (törr). 

stepvir qui sistit, sedat : stripa (l^B. stgpva-ap), 

stcerir qui äuget, incitat : vig-, morp-, ögn-, sökn-, gunn-s., 
leik-s, laufa, gny-s. granns (v. 1. grdns) geirs, glym-s. geira glyggs, 
flug-s fleins, e'l-s. Yggs, glym-s. geirs, gny-s. geira, hag-s, hjätma pings, 
s. styrs^ hjaldrs; s. gindyra; prek-s.; s. fripar; vell-s. 

stripir adversarius, inimicus : fe-, guU-, hring-, hodd-, men-s., 
hyr-s. l^gis, s, ormaldtrs, hodda, hringa; s. lofpa, Breta, Engla, fölk-, 
dölg-s.; vig-, angr-; odd-s., s, mdlma, s. Hrundar hripar iungla; orfa, 

styfir qui truncat : randa; log-s. Vdnar. 

sterkir, styrkir corroborator : hgp-s, 

sveigir qui torquet, flectit, vibrat : dlm-, dal-, bog-s., s. stdla, 
sdra Unns, sdra lauks, sdrlinns, hyr-s. ropins skjaldar hripar, gunn- 
borps, Hildar klapa, dyn-s. darra, el-s. skjaldlinns; hodd-s., fyr-s. 
flöps, hyr-s. hafs, gretlis meipa (Kr.-R. r.); braup-s., s. osta. 

svellir qui tumidum, turgidum facit : ögn-, rög-s., prym-s. sdr- 
jgkvls geima, s. imu, söknvallar. 

sverrir qui vibrat, spargit : scegs solar. Das verbum sverra, 



ALTNORD. NOMINA AGENTIS. 29 

cansativum zu svarra, kommt sonst nur im compositum hjaldr-sverrandi 
vor; vgl. norw. dial. sverra wirbeln, kreisen. 

sviptir qui raptim deripit, spargit, loco movet : gull-, hodd-s,, 
s. aupar, ofnis reita; s, branda; tjalda; sorga; sagna (Loki, auch 
hrcerir sagna genannt). 

synir qui ostendit : seggja irausts. 

s^rir qui vulnerat : aups, seims, seima, sunda bäls, setlinna (st. 
s. Unna sets), 

sekkvir qui deprimit; inimicus : sundeims, Binar solar, siraums 
solar; Skoia (^minus recte siekkvir); sveima; margra iroga (vir 
ignavns). 

svcßfir, scßfir qui sopit, quietum reddit : hlenna. svcbfa und scefa 
sind nicht identisch in bedeutung. 

soekir petitor : siks glößar, sjöfar leika, mens, Frey jui^eimdsM); 
s. geira, leygs, sdrvita, sdrpislar, mdlm-s», rög-s,, heim-s., s. söknar, 
bif'S. älms, bgp-s. hrikar (st. s, bppbrikar); iil-s. Vdgaskers, iil-s. 
Singasieins (beides = Heimdall); s. klerkavalds ok itrar orku, lands. 

sosmir qui decus et honorem conciliat : gunnveggjar rekka, 

scßttir conciliator pacis, pacificator : gumna, seggja, fira, manna, 
yta, sveiia, bragna kyns, yia kyns; svika. In der Glselognskvil'a 3 ab- 
solut gebraucht. 

teitir qui delectat : ülf-, varg-U, t varmra benja idrmütaris. 

iinir 1. qui legit, coUigit, 2. qui recitat, eloquitur : bauga; fripar 
(conciliator pacis, deus); hragar, märpar, 

treystir qui firmum reddit : fölka; fleina, kjpfDa, 

tynir qui perdit, consumit : seim-t,, blik-t. sunds, t, mäskeips 
fära, tandraups valastrceiis fasta, ijgr-Rinar (st. t. Rinartjgrs); 
randa; saupa. 

tälir qui decipit, fallit, consumit : mann-t Gallopnis halla (tnSrr); 
angr-u ylgjar; hrmg-t, hyr-i, unnar, 

veitir qui praebet, dator : hodd-, aup-v., v, gulls, varra bäls, 
ösneista, versoka, eld-v, gldu, v. vingjafa, pella, göpra hlula; gunn-, 
nadd'V., v» vagja, viga, randa; v, fripar, är-v.; v. vins, vigsluvins; 
lofgerpar, Bisk. II, 53. 2 steht veitir absolut. 

velir, välir deceptor, consumtor, in appell. virorum SE. II, 498. 
Vgl. Bugge, Arkiv II, 352 ff. und anm. zu Ssem. £. s. 77. 

veitir qui volvit, dejicit : pjöfs; valgaltar (galeaß). 

vettir, vattir qui manu tollit, gestat : bdru dags. Ygh handvdtta 
= handvega, 

vättir qui expectat : Vipris vinds, vätta = vcbnta. 

virpir aestimator : hrings; gny-v, Ggndlar stigs; v. letrs. Ob vir- 
par homines hierher gehurt, ist sehr unsicher. 

visir 1. abs., spätere Umbildung von visi = ags. wisa, princeps, 
rex, 2. mit rection, monstrator, dux, mit dem- verbum visa in Verbindung 
gebracht (NB. visa-ap, nur in den Strengleikar visa-st.) : v. leifmngrs 
dnx expeditionis. 



30 FALK 

ytir qui protendit, deducit : aupar, orms vallar, orms reitar, 
Fdfnis fitjar, Rinar elds, lapar elds, armlinns; dlms, hjprva, undlinna, 
undfleins; scevar sota, unnblakks, unnstöps, unnskipa, hrimis kapla 
(Pl4c.); angrs. Ob ytar homines hierher zu stellen ist? 

peysir qui propellit, incitat : gr-p. flausia, 

peytir qui sonare facit : spjöta. *peyta causativum zu pjöta, 

preyiir qui omni studio nititur, urguet : bgpvar, sveim-p, (v. I. 
seim-p.); p. hranna drasils. 

prysiir qui premit, opprimit : jofra^ Engla, hlenna. 

pr eng vir qui premit : Gpndlar elda, pings Väfapar, premja 
linns, Gunnar punniss; Svia, pinn, kveldrunninna kvenna; pangs 
(törr); humra brauiar, 

pveitir missor, sparsor (sector?) : ngpru palla, 

pverrir qui deminuit, consumit : hring-, men-, seim-p., p. hodda, 
hrimrgpuls, vggnu hrynslöpar elda; Mfs suitar, hungr-p, hripar gagls; 
p, hjgrva raddar mdna; Iggpis seips; flug-p,; angr-p.; p, flcerpar; 
Engla, Poms bama (törr), veg-p, Ngnnu vgrru hjaits (törr). 

pyrmir qui parcit : ö-p, hjgrs. 

p&gir qui movet, pellit-, spargit, distribuit : orf-p, (motor, vibra- 
tor); p. Ijösundinna landa linns. 

pcBsir qui lenem facit : hins Ijösa lopts. Vgl. pcbsi-blapra und 
norw. dial. iassa tauen, tcese-vind milder wind. 

»gir territor : jgfra (rex), Engla, Eydana, fiflugbgrpu (I>örr), 
ydrauga, dlmdrauga (kaum y-, dlm-drögar nervüs arcüs). ^ir gigas 
SE. I, 550. 3. 

Die unpersönlichen bezeichnungen dieser art sind in der 
poesie reichlich vertreten. Es gibt darunter mehrere, die 
schwer zu deuten sind, wie z. b. vcegir gladius, kelUr galea. 
Andere gestatten eine doppelte deutung: herpir gladius gehört 
entweder zum verbum herpa und bezeichnet passivisch 'der 
gehärtete' oder zum adjectivum harpr (der harte). Einer dritten 
gruppe liegen offenbar nomina zu gründe: gemlir aquila, acci- 
piter : gamall; gillir gladius : gjallr\ hgsvir lupus {Hgsvir ser- 
vus) : hgss\ vipir mare : vipr; herkir und skerkir gladius : hark 
und skark\ hripir gladius : hrip. Die folgenden sind mit mehr 
oder weniger Wahrscheinlichkeit auf verba zurückzuführen: 

bergir hrasavar corvus. 

for-brennir ignis. 

brigpir gladius, qs. qui yibratur. 

hip'byggvir ursns. 

eypir jarpar serpens. 

fellir gladius; gagl-fellir löns accipiter. 

feykir ignis, qs. spargens scintillas. 



ALTNORD. NOMINA AGENTIS. 31 

vip-fepmir cdslam qaartum, qs. lato sinn complectens : fepnia 
= fapma. 

fleygir vervex, dux gregis, qs. fugator. 

fcßpir ignis (vgl. aldr-nari), 

gellir 1. taurus, 2. gladius (vgl. gülir) : geUa-U heulen. 

um-gerpir jarpar mare Nj. c. 44 : gerpa um {: garpr) umzäu- 
nen; Cod. B. hat umgirpis, gen. von umgirpi n. (= um-gjgrp), 

greiiir serpens : greiiasi grinsen. 

grcepir pelagus : grospast zunehmen. 

hneiiir gladius : wol zu hneita stossen; die Forum. IV, 58 ge- 
gebene erklärung 'sipan kallapi Olafr sverJÄi Bneitty er äpr hei ßä- 
singr, pviat honum pölti pat hneita (i. e. vincere, superare) gnnur sverp 
fyrir hvassleika sakir* überzeugt mich nicht 

svarp-hristir bos. 

hvinnir lupus : das verbum ^hvinna-nd fehlt-, vgl. hvinn n}) 
diebischer mensch, mauser. 

hcßfir bos : in norw. dial. (Nordmöre) wird das verbum höva vom 
bedecken der kuh gebraucht 

kveykir ignis, eig. das angezündete? oder der anzünder? 

Icegir mare : Icbgjasl abnehmen (vgl. grcspir). 

lestir vägja gladius. 

hausa-melvir gladius^ ey-mylvir pelagus, qs. mola insulse. Vgl. 
Bugge, Arkiv III, 335 flf. 

reimir serpens : NB. reima-ap infestare (eng. roam)\ vgl. reimupr, 

eip-rennir fluvius. 

seypir ignis : *seypa causativum zu sjöpa. 

frum-seyrir himintgrgu = manag armr, qs. qui luto conspergit 
(devorator). 

skerpir gladius, qs. sector. 

bpp-, gunn-skylir clipeus. 

skyndir luna : entweder *festinans* (: skyndä) oder 'lucens* 
(: norw. dial. skunde, skonde, skyndel = kyndel, kvende, an. kyndill, 
kynda, aschwed. quindla » engl, kindle, lat. sciniilla; zum verlust des 
anlautenden s vgl. norw. dial. keiv = skeif, an. skeifr), 

snyrtir gladius, qs. politus, induratus. 

sekkvir sampykkjar aurum. 

scßfir gladius. 

velxr viphjarnar aldinna veggja felis, deceptor muris. 

Igg-vellir catillus, fervefactor laticis; eld-vellir catillus, eig. der 
am fener (das essen) kochende (engl, hoiler),^) 

oepir ventus, qs. clamator. 



^) Dies wort wird gewöhnlich als m. angesetzt (Wimmer, Fomnord. 
forml. §35. Noreen, Altisl. gr. §269,1), ist aber neutrum : hverr sä 
hvinn et stcerra? Grett 107 (Fritzner^). 

^) Das wort kommt nur Haraldskvse}7i str. 6^ vor; die verszeile ist 
um eine silbe zu lang; Wis^ns emendation (Carmina norroena s. 12): 



32 FALK 

An abstractis gehören hierher: 

fellir lifdvalar mors; fellir orms hiems. 
meipir eitrorms hiems. 

In der ganzen prosaischen literatur kommen nur folgende 
Personenbezeichnungen vor: 

skap'bcetir verbesserer der gesinnung eines menseben, Nj. 

grcepir = groß pari, der Heiland, Post. 

kerru-gcbtir auriga (s. Fr.*). 

hilpir geburtshelferin, bebamme, JKr. NB. hjälpa, 

leipir kvenna : s. Fr.* 

lysi-meelir trän Verkäufer, Rb. 

sättir manna friedens vermittler, Starl., SE. 

oesir samnapar antreiber einer heeressammlung, Fms. 

Hierzu kommen die beinamen, von deren poetischem an- 
strich schon früher die rede war; solche sind: brennir, dengir, 
deliir, dynnir, flettir, kemhir, kleykir, knyiiry pambar-skelfir oder 
'Skelmir (vgl. feskylmt == feskylft, jälfr = jälmr), slemhir, sney- 
pir, akra-, skalda-spilUr, bog-sveigiry hrafna-svelUr, serkvir oder 
sverkvir (auch n. propr.), u. a. 

Unpersönliche bezeichnungen sind: 

seypir fener. 

sle^kvir iüscher : md per i pvi vera mikill sorgar slekkvir^ Bari. 

scettir granna der zwischen nachbarn frieden stiftet : garpr er 
granna sceitir, G]?!. 

falda-feykir waldnymphenweise ; glöpa-feykir name eines 
berges. 

sird-beygir wind, Krök. s. in einem Wortspiele. 

Dazu eine reihe von abstractis, wo keine personification 
vorzuliegen scheint, und die somit nicht hierher gerechnet wer- 
den dürfen {beinir = beina, fellir, flytir = flyti, greipir, hneisir 
«= hneisOy hnekkir = hnekking, lettir = Utti, missir = missa, 
skyndir = skundi, sviptir und -syptir, bam-s^kir, pverrir), 

IT. Die nomina agentis auf -upr. 

Das indogerm. suffix tu, germ. pu^ t5u, bildet nomina 
actionis und nomina agentis männlichen geschlechts. Hier 

ungr leiddisk eldveü ist metrisch falsch, da (nach Sievers) im regel- 
mSssigen dröttkvsett kein nebenton auf letzter silbe ruhen darf; das 
wor/ ungr^ das eine ungewöhnliche construction von leipask voraussetzt 
(vgl. jedoch Egils lansavisa no. 18 bei F. Jönsson, Krit. stud. s. 182), ist 
zu streichen. 



ALTNORD. NOMINA AGENTIS. 33 

interessiert uns nur seine anwendung bei verbis mit dem 
Stammauslaut d, womit es das suffixcomplex dpu, dbu bildete. 
Im anord. erzeugte der differenzierungstrieb einen unterschied 
der form zwischen den nom. act. und den nom. ag.: erstere 
erhielten bis auf wenige ausnahmen das erweiterte suffix 
nupr, dessen nasal deu inchoativverbis auf na entlehnt ist, 
letztere haben die alte form bewahrt. Auch bei den yo-verbis, 
wo sonst das suffix ni im germ. abstracta, das anord. ausser- 
dem nom. ag. auf -ir gebildet hat, kommt vereinzelt suffix tu 
Yor: der kategorie der nom. ag. gehören ahd. leitid (: leiten), 
scephid (: scephen), im anord. nur framipr (: fremja) und -vanipr 
(: venjä) an. 

Wie die nom. ag. auf -fr gehören auch die auf -upr aus- 
schliesslich der anord. dichtersprache an. Die zahl der hierher 
x^ehörigen bildungen ist kleiner als die der im vorigen kapitel 
Behandelten, doch immerhin eine ziemlich bedeutende. 

Zur form vgl. Wimmer, Gramm. § 52 anm. 2 ; über eine 
eigentümliche genitivform siehe Gfslason, Um frumparta etc. 
s. 78 f. 

Die Personenbezeichnungen der anord. poesie sind folgende: 

heipupr qui poseit, petitor : land-b. NB. heipa-dd, 

bpnnupr qni avertif, propulsator : kvol-h, manna, mein-b» manna. 

forpapr qui servat, alicui consulit : her-f, Horpa (v. 1. hei^- 
vgrpupr). 

freisiupr qui consulit : hrafn-f, (Odin). 

fromupr qui protendit, anget, ornat : spak-f. valteins, f, Hogna 
reyrs; vig-f., f, hjorels; heip-f., /". dslar, marg-f, minna däf^a, f, styrs 
snildar frmgpa; kyn-f, Reggs kvänar; skap-f, Hrundar; lj(ip-fr, /*. regns 
hätunnu ranns. — fram%]yr id. : flötta; mildi. 

glotupr perditor : hodd-, men-g,, g. hrannbäls; her-g, 

glopupr qni delectat : hersa. 

glyjapr qui laetnm reddit : svan-g. sverrifjarpar. 

grgndupr qui nocet : megin-g, geirbrüar krapia, bil-g. branda 
(vgl. granda bÜi). ^ 

ggivapr qni humat, interfector : Sigurpar {=• bani), 

heyjapr qui efficit : fall-h. (caedem patrans). NB. heyja-}iä}m. 

huggupr qni consolatur : sann-h, hauks. 

hvpiupr qni incitat : hildar, eggleiks, mälmpingSy el-h. Ggndlar; 
fölk'h.; 'sidl'h, 

hptupr osor, inimicns : ormbdis, varrbdls, iandraups ormtorgs, 
ramms rekka rögs. 

kpnnupr qni explorat : morp-k, manna; söl-k, sunda. 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche. XIY. *^ 



34 FALK 

kgstupr dejector, prostrator : hvers eljunfims grams, 

litupr qni (sangnine) tingit : egg-L, L stäla, älmreyrs^ hringserks; 
göm-L varga, göm-l. hräfugla, munnl, hrafns^ munn-L Gunnar vals, 
iann-L tUfs; L hranna aldins ötams Varprünar viggs. 

lofupr qni laudat, magni aestimat : Irynju, 

Igpupr invitator : rekks, 

miklupr qui äuget : rög-m. (^Orv. 0. c. 27). 

miplupr qui distribuit : hrifig-m, (v. 1. -miplandi). 

mundupr qui collineat, librat : hrip-m, Pundar hyrjar (pro m. 
Pundar hripar hyrjar). 

mggnupr qui äuget : hjaldr-m.y hjaldr-m, skjaldar; sigr-m,; fär-m. 
(= Odin, als gott des windes; vgl. Bplverkr, Hrjöir, Hröpir^ Geigupr; 
Vdfupr^ SkoUvaldr); m. hugins vdra (vdri = liquor). 

mgiupr qui cibat : sdrlöms. 

reimupr qui vagatur : Jptunheima {=jpiunn). 

rpskupr turbator : frip-r, 

rptupr qui invenit : gjaf-r. Gauis (poeta). rata = hiiia forte 
incidere in aliquid, aliquem. 

skipupr qui instruit : hrik-s, (qui scamna convivis implet); s, 
unnviggs. 

skorpupr qui fulcit, firmat : her-s, 

skrauiupr exornator : bekk-s. (Bragi deus; vgl. snjallr er tu i sessi 
Lokas. 15). 

sk ppupr arbiter, Creator : eins, herfanga (Odin); hretn-s. himna; s. 
gnaphjarls rambliks. 

skundupr qui properat : log-s, lindar, 

skyndupr qui properat : hauks, NB. skynda-nd. 

spprupr parcens : aup-s. SE. NB. spara-rp, später -«/». 

sveimapr qui grassatur : fölk-s, 

spmnupr qui congregat : gumna; hirp-s. himna, 

i ppupr perditor, consumtor : bragninga; brik-t Jdlks; angr-U 
ülfSy gräp-U vargs, gräp-t, ülfs; t. naprbings. 

venjupr qui adsuefacit : garp-v, Ipja seirs = törr, I>6rsdr4pa 2 
(emendavi). NB. venJa-vantSa, — vanipr id. : sal-vanipr arin-Synjar 
(==jpiunn). Vgl. venja komur, reipar sinar Hl es stapar, 

viijupr qui frequentat, colit : hjaldr-v,; dsi-v, 

vpnupr diminuens : hodd-, vell-v,; garp-v, Virvils sirandar vaia. 

vprpupr qui jacit, spargit : aup-, gull-, hring-; flein-v. 

vprpupr GUS tos : her-v. Hprpa (v. 1.), Idp-v. Lista, sal-v, Durnis 
nipja (= dvergr), 

pingupr qui conventum agit : vip-p. Hnnga; heim-p, hanga 
(Odin), heim-p. Vingnis herju (==jpiunn). 

Schliesslich sind auch einige Domina propria zu nennei], 
wie z. b. die OdiosDamen Dprrupr : norw. dial. darra zittern, 
beben, Geigupr : ^geiga nocere aus geigr schaden (nicht zu 



ALTNORD. NOMINA AGENTIS. 35 

Iga eine schiefe richtung nehmen), Väfupr : väfa-fp oscillare, 
d Rognupr : ragna herrschen. 

Wir finden in dieser klasse die Überschreitung der grenzen 
8 sprachrichtigen formationsprincips, auf deren sporadisches 
ftreten aufmerksam zu machen wir schon öfters gelegenheit 
tten, in weit höherem masse, als es bei den bisher be- 
rochenen klassen der fall gewesen ist. Hier sind aus dem 
igen Verzeichnis zu nennen: venjupr, skyndapr, beipapr, hey- 
br^ spgmpr. Das muster hat vielleicht das nebeneinander 
n bildungen wie fromupr : framipr gegeben. So mag denn 
yijupr eine Umbildung von vanipr nach dem infinitiv venja 
in, indem die Wörter der letzteren art zu wenig zahlreich 
iren um eine besondere kategorie zu bilden und somit der 
traction unterliegen konnten. Skyndapr kann aus skundupr 
ich der gleichung skynda = skunda entstanden sein u. s. w. 
imerhin verdient es beachtung, dass die Wörter dieser art 
,mmt und sonders aut* Xsyy. und somit dem verdacht ausge- 
tzt sind, lediglich occasionelle, so zu sagen abortive bildungen 
: sein. 

Noch kommen in der poesie folgende nomina agentis 
eser klasse vor: 

hautupr 1. eqnus (qui tundit pedibus terram), 2. bos. 

borupr (v. 1. bautujn') bos : norw. dial. bara ferire. 

geigupr ventus. VgL Geigupr = Odin. 

glyjupr mare. 

g'n>eggjupr ventus : gneggja hinnire. 

hjgllupr bos : *hjalla = skjaUa st. vb. (oder st. *hjgldupr zu 
aldr?), e\g. wol der lärmer (vgl. hornumskvali aries). 

hlommupr ventus, qs. strepens, stridens. 

hripupr ignis : nenisl. hripa, norw. dial. rippa eilen. 

hrgndupr gladius : *hranda =» hrinda. 

hrgiupr ignis : hrata eilen (vgl. hripupr). 

hrgpupr iyA. hrgtupr) ignis : hrapa beschleunigen, hier intrans. 
iflex.) gebraucht. 

hveprupr aries : ags. hrveoprian, 

hvipupr ventus : vgl. hvipa impetus venti. 

hgggupr gladius : NB. hgggva-hjö, 

jglfupr ursus (auch = Odin), qs. rudens : jälfr sonitus, strepi- 
is, jdlma stridere, strepere. 

mundupr (v. 1. mondupr) gladius. 

rgsupr reyks ignis : rasa hervorstUrzen (vgl. reyk-vellr). 

skimupr caper : skima umherblicken. 



36 FALK 

skehvupr eqnus : skcRVa-ap, 

svipupr gladius; svipupr (v. 1. sveipupr) eqnus : svipa schnell 
bewegeo. 

sveggjupr equus : sveggja (got. af-svaggvjan). 
väfupr ventus. Vgl. Väfupr == Odin. 
vindupr serpens, qs. se contorqaens : NB. vinda-vaii. 
graf'Vollupr serpens : ^valla = a,hd,ivalldn. 
sund-vprpupr steuerrader, riemen zum steuern gebraucht. 

Die anord. prosa kennt, ausser dem werte landkgnnupr 
merkpfahl Landn., nur beinamen dieser art, z. b. hrasapr^ stop- 
pupr, svarfapr oder svorfupr. 

T. Die nomina agentis auf -ari. 

Die germanisebe endung cbrioz ^), anord. ari{r) oder (älter) 
eri, ißt als indogerra. suflBxverbindung nicht nachweisbar, wie 
sie auch im germ., besonders im anord. und angelsächs., in 
der älteren poetischen spräche beinahe gar nicht vorhanden 
ist. Die ausgedehnte anwendung, die dieses suffix in den 
lebenden germ. dialekten erreicht hat, ist somit späteren Ur- 
sprungs und z. t. ohne zweifei auf mitwirkung des lat. ärius 
zurückzufahren. Auch ist es eine wichtige tatsache,* dass unser 
suffix im älteren germ. nur in denominativem gebrauch, zur 
bezeichnung von herkunft, besitz oder beschäftigung verwendet 
wurde, während seine anwendung zur bildung von nom. agent. 
in unserem sinne ^späteren datums ist, l)egründet einmal im 
absterben der älteren bildungs weisen, dann in seiner grossen 
Verwendbarkeit als allgemeine ableitung ftlr diese ganze 
kategorie. 

Ausführlich über diese wortgruppe im indogerm. hat ge- 
handelt W. Schlüter, Die mit dem suffiie ja gebildeten deut- 
schen nomina s. 169 — 184. lieber die altnord. form siehe meine 
bemerkungen ArkivIV, 351. 

Die ältere anord. poesie vermag nur zwei nom. agent. 
dieser art aufzuweisen, nämlich mütari{r) accipiter und das 

*) Was die form betrifft, weisen im ahd. direkte Zeugnisse — reime 
und die accentuation bei Notker — auf langes ä hin; für das ags. führen 
sprachliche erwägungen zur annähme ursprünglicher länge, da sonst 
erje zu erwarten wäre (vgl. Sievers, Ags. gramm.^, nachtrag zu § 176); 
im anord. ergibt — wenn man nicht zu einer neben ton theorie greifen will 
— die fehlende synkope dasselbe resultat. 



ALTNORD. NOMINA AGENTIS. 37 

dunkle tjügari tungls Vsp. Dagegen bietet die christliche dich- 
tung eine nicht unbeträchtliche zahl: grceparij fägarij frjälsari, 
fylgjO'ri^ hjcUpaH, huggariy ibyggjari, jdt{t)ari, kennari, leikari, 
lifyari, lifgjafarij neiiari, rennari, ripa?i, skrifari, skapari, vai- 
dari {-eri, -erir), pjönari^ von welchen jedoch ein paar deno- 
minative bildungen sein können. Auch in der älteren prosai- 
schen literatur ist dies formationsprincip nur spärlich ver- 
treten. Den ausgangspunkt für die deverbative ableitung, die 
im gotischen noch gar nicht vorhaliden ist, bilden Wörter wie 
hjdlpari und hlaupari, wo eine zweifache deutung möglich war. 
Uebrigens sind in der ganzen altnord. zeit sowol diQ nominale 
als die verbale ableitüng lebendig geblieben; bisweilen kommen, 
sogar in denselben texten, doppelformen vor: -drepari und drä- 
pari, kveljari und kvalarij -segjari und -sagari, upphefjari und 
upphafari, pvceltari und pvältaru Die lebendigkeit dieser for- 
mation* zeigt sich auch in zahlreichen Umbildungen von wör- 
teni anderer kategorien, wie z. b. skytari = skyti^ Iceknari = 
Idiknir^ byrlari = byrli, dröttnari = dröttinn; besonders häufig 
unterliegen die alten /^stamme dieser attraction: ar/'-, hlut- 
takari = arf-, hlut-takij bopari = bopi, vatn-dragari = vatn- 
dragi, {rög)-berari = -beri, sam-lagarl = sam-lagU dröttin-svikari 
= dröitin-sviki, horpu-slagari = horpu-slagi, leip-sagari = leip- 
sagi, lif'y log-, prif-gjafari = lif-, log-, prif-gjafi. Diese um- 
gestalteten Wörter sind sehr verschiedener art: berari stellt 
sich natürlich zum verbum bera, lagari zum nomen lag^ takari 
ebenso leicht zu vb. taka wie zu subst. tak, skyiari gestattet 
gar keine direkte anlehnung, byrlari kann neubildung aus 
dem vb. byrla sein. Die zahl der in der prosa vorkommen- 
den echten nom. agent. dieser gruppe beträgt ca. 100. 

Tl. Das sufflx alo, ilo^ ulo. 

Das Suffix lo ist im germanischen productiv nur in Ver- 
bindung mit mittelvocal, welcher vielleicht ursprünglich mit 
dem stammvocal der grundwörter identisch ist. Die substan- 
tiva agentis und nomina instrumenti haben im germ. alle den 
mittelvocal i^), während letzterer den adjectivis agentis des 



^) So auch die diminutiva, trotz Kluge, Stammbildungslehre § 56, 
der auch für die suffixform -ulo- eine diminutive kraft zu viudkl^t^^i 



38 FALK 

altnordischen ausserhalb der coniposition abgeht. Productiv 
sind diese formationen nur in der vorhistorischen periode des 
nordischen lebens gewesen. Die bedeutung ist bei den subst. 
agent. eine intensive, bei den adjectivis die der neigung. 

Die substantiva agentis, die entweder wurzel- oder verbal- 
bildungen sind, werden hier aufgezählt: 

bipm Werber : bipja. 

garp'btylill = garp-brjölr, 'brjöli, vom vieh ; ef mapi- ä gar/>- 
brytil Landsl. 

^^n(ft7/ baumelnder gegenständ, männliches glied des pferdes. 
Bugge, Herv. s. p. 359. 

ferill reisender : fara. 

fripill poet. liebhaber : vgl. fripa, 

undir-grefill betrUger. Ob ben-grefill poet. schwert ein reines 
nom. agent. (qs. fossor vulnerum) oder ein uom. instrum. ist, lässt sich 
schwer entscheiden. 

upp'hefill poet qui tollit, excitat : u. orpa (de cerevisia) Fornald. 
I, 465. 1. Zu hefja, 

kryp{p)ill krüppel : wol eher zu an. kryppa höcker als zum ver- 
bum krjüpa. Vgl. mhd. krüp(p)eL 

frum-kvepill qui primus enuntiut, SE. 1, 104 v. 1. (für frumkvepi). 
Die form frum-kvopull wird wol eine spätisUindische sein. 

Ripill name eines Schwertes : ripa schwingen. 

lemill qui contundit, impedit : /. lypa (de cerevisia) Fornald. I, 
465. J. Zu lemja, 

tefill poet. qui impedit, morator : l. orpd (de cerevisia) Fornald. 
I, 465. 1. Zu tefja. 

angr-vapill poet. schwert : vapa (vgl. hrcb-vapr schwert). 

torp-yfill mistkäfer : vefa, Bugge, Arkiv II, 211) f. 

pengill poet. fürst : vgl. ags. fön tö rice. 

Den Übergang zu den nom. instrum. bilden: 

bygill bügel : germ. biugan, bügan (passivisch, wie baugr). 

knatl'drepill ballholz (vgl. sopp-drepr), 

hvirfill kopfwirbel : hverfa, 

kyndill licht : kynda, 

vip-vindill caprifolium : vinda (reflexivisch). 

Die nomina instrumenti sind: 

beyiill das männliche glied des pferdes : bauta, bcyia. 
dregill band : draga. 



sucht. Die anord. substantiva auf -ull tragen gar keinen bestimmten 
Charakter, vgl. ongull : angi, jokuU : jaki, slopull : stapr, pgngull : 
pang etc. ripull ^kleine schar' scheint kein denominales diminutivum 
zu sein. 



ALTNORD. NOMINA AGENTIS. 39 

ol-ey$ill schöpf kelle : ausa. 

ferill : hang-f, poet galgen; vin-f. poet. becher : ferja. 

fetill Schwertriemen : vgl. faia, feta. 

flygill flugapparat : fljüga, 

gyrpill gürtel : got. gairdan, 

hefill refifseising : hefja. 

lykill Schlüssel : lüka, lykja. 

meiiill meissel : got maitan. 

skutill harpune : skjöia, 

snerill stab zum winden (= snar-vglr) : vgl. snara. 

snipill Sichel : snipa, 

st&kkvill, st&kkull Sprengwedel : slekkva. 

verpill Würfel : verpa. 

virgill strick, sträng : mhd. ertvergen, 

Berührungen mit den diminutivis kommen öfters vor: 

stikill spitze eines trinkhorns : ahd. sUchan — an. siik, 

slupill stütze : stypja — stop. 

iygill strick, schnnr : got. ituhan — an. tog. 

Zweifelhaft, ob denominaler oder deverbativer (resp. wurzel- 
lafter) ableitung, sind: 

bendill garbe : binda — band, 

irefill a fringed kerchief : irefja — Irgf. 

vapill fürt, seichtes wasser : vapa — vap. 

Lebendig scheint diese bildungsweise im prähistorischen 
lordisch gewesen zu sein 1. bei den starken verbis (die wurzel- 
itufe ist die des part. perf.), 2. bei den schwachen verbis der 
b-klasse. 

Sehr zweifelhafter natur sind einige nom. instrum. auf 
ull\ hier liegt vielleicht spätere um- oder neubildung vor: 

biluUy biiill gebiss : vielleicht eine indififerente ableitung, vgl. 
län. mund-bid, engl, bit gebiss der pferde. 
bgngull prügel : banga. Mhd. bengcL 
digull tiegel : got. deigan. Ahd. WgaL 
ä'Vitall, d'Vitull zeichen = vüi : siehe unter büuU. 
von du II heubündel : vinda. 

Die adjectiva agentis der altnordischen spräche sind 
bigende : 

beipull begierig : beipa. 

drifull : in Geir-driful f. bellona. Zu drifa. 

dugall poet. gnavus, strenuus : duga, . 

et all zehrend : eta. 

vip'flggull poet. late volitans : flaga, 

at'fundull fehlerfindend : finna. 



40 FALK » 

fgrull umherstreifeud : fara. 

sann-geialt der die Wahrheit errät; auch substantiviert = 
Odin : geta. ' 

g ja fall, gjofull freigebig : gefa. 

ggngull gehend, nur im neutr. : ganga. 

htigall (mod. isl. hugull) aufmerksam : hyggja oder zu hugr (wie 
söllall : sott, undir-drdttull : drättr), 

hv er füll unstät : hverfa, 

cin-reikull der allein umherstreift; Reikall beiname : reika, 

r ei pull zornmütig : reipast, 

vip-sjdll vorsichtig : sjä, 

skggull : Skggul f. bellona;' skogul-lonn hervorragender zahn 
: skaga, 

smugall der durchschlüpft; garp-smoguU (eig. eine compromiss- 
form) m. : ef kyr er garphrjötr epa garpsmogull Gul. 
spur all neugierig im fragen : spyrja. 

stop all strauchelnd, nur im neutr. (\ gl, ggngull, bimbuU) : stüpa, 
svikall (mod. isl. svikull) falsch : svikja, 
svipall, svipull veränderlich, unstät; Svipall = Odin : svipa, 
sggull loquax; ill-s,; in der prosa : sann-s. Zu segja. 
veitall, veitull freigebig : veita, 
vgkull wachsam (v. 1.) : vaka. 
pagall, pggull schweigsam : pegja, 
Geir-priful.L pugna, propr. bellona. 

Wie man sieht, ist bei den adjectivis das i//-suffix gänz- 
lich eliminiert worden; dass es auch hier einmal vorhanden 
gewesen, geht wol aus gebilden wie spur all und veitcUl, zu 
spyrja und veita^ zur genüge hervor. Vielleicht ist hier der 
differenzierungstrieb wirksam gewesen: man wollte ein suffix, 
das bei den substantivis agentis gebraucht wurde, nicht gleich- 
zeitig zur bildung von adjectivis verwenden. Nur auf einem 
beschränkten gebiete hat 'ill seinen platz behauptet, ja es hat 
hier sogar die übrigen suffixformen beinahe vollständig ver- 
drängt und liefeii; uns hierdurch ein schönes beispiel von der 
launenhaftigkeit des Sprachgebrauchs. Wir meinen: als erstes 
glied der Zusammensetzung. Dass man in diesem falle nicht 
auf alte betonungsverhältnisse zurückgreifen darf, zeigt der 
vergleich mit den adjectivis auf -igr, -ugr: hier hat sich in 
der composition überall die form auf -ugr festgestellt, vgl. 
ürug-hlyra (: ürigr), lärug-hlyra (ags. tcarig-hUor), sliprug-tanni 
und besonders die adjj. auf -ugligr, wo wol auch dissimilation 
eingreift. Zur Würdigung dieser erscheinung ist es von der 



ALTNORD. NOMINA AGENTIS. 41 

höchsten bedeutung sich eine überaus mächtige tendenz der 
altnordischen spräche vor die äugen zu stellen: überall feste 
compositionstypen einzufahren (s. hierüber verf. Arkiv IV, 359 f.). 
Das einschlägige material ist: 

gengil-beina f. poet. bettelweib (qs. pcdambula, ambulatrix) : 
ggngulL 

svipil'kinnapr adj. dessen wangen leicht die färbe ändern: 
svipcUl, svipulL 

knytil'Skauti = knyli-skauli, 

rcttil-heini beinanie, eig. geradbeiniger mensch. 

vendil'kräka : vgl. ahd. wentil-, 

busil'kinna f. pausbackige frau. 

Vielleicht auch dusil-hross schwaches pferd, -menni männchen, 
drysil'djofully u. a. 

YII. Das participium praesentis. 

Die participia präsentis sind ursprünglich wurzeladjectiva 
mit activem sinn, die durch anlehnung an den präsensstamm 
als eine formelle und begriffliche kategorie haben fortleben 
und fortwuchern können. Somit ist diese wortgruppe eine 
spätere Schöpfung als die der wurzeladjectiva, eine specielle 
abart oder weiterentwickelung derselben. Die infolge des 
engen anschlusses an eine bestimmte verbalform stärker her- 
vortretende temporale bedeutung in begrifflicher, die verbale 
construction in grammatischer hinsieht sind die charakteristi- 
schen unterschiede des participiums von dem sogenannten 
verbaladjectivum; steht aber das participium in rein adjecti- 
vischer function, fallen auch diese unterschiede weg. 

Die declination der particc. präs. ist im urgerman. die 
consonantische gewesen. Hiervon finden sich im altnord. nur 
bei den substantivis noch reste, nämlich 1. im nom. acc. plur. 
2. im ersten glied von compositis, z. b. fjänds-mapry -hop 
(= fjänd-mapr, -bop), segjanz-saga, saganz-orp, sjänz-vättr, 
womit hvaia-buss, -mapr (: hvati), svara-bropir (: (eip)svari), 
purfa-mapr (aus einem substantiviertem purfi), u. a. zu ver- 
gleichen sind; dementsprechend sind auch die echten Zu- 
sammensetzungen dugand-mapr (später dugandis-mapr), farand- 
kona (= farandi kona\ büand-karl etc. zu beurteilen. 

Nomina agentis dieser art kommen in der anord. poesie 



42 FALK 

in grosser menge vor und unterscheiden sich durch nichts von 
den vorher behandelten gruppen ; ich halte die aufzählung der- 
selben für eine unnütze arbeit. Wie bei den n-stämmen ist 
auch hier oft die entscheidung schwierig, ob ein substantivum 
oder ein adjectivum vorliegt, und diese Schwierigkeit wird da- 
durch mit nichten erleichtert, dass ein abhängiger genitiv vor- 
handen ist, denn auch das adjectivische participium kann einen 
ebensolchen regieren, in dem falle nämlich, dass der verbale 
begriff vor dem der eigenschaft zurücktritt: meyjar margs 
vitandi Voluspä 20, sä er vitandi er vits Häv. 18, fars var kann 
flytandi Atlam. 4; vgl. sums ertu själfskapa Atlam. 68. Die 
anord. prosa besitzt nur wenige echte nom. agent. dieser klasse, 
besonders gesetzausdrücke, wie vegandi, visendr, seljandi, selendr 
ok kaupendr. 

Es soll schliesslich ein interessanter punkt in der ge- 
schichtc des participiums besprochen werden, welcher in das 
innerste sprachleben einen tiefen einblick gewährt. Das ob- 
ject ist eine compositionsfigur, der man gewöhnlich den namen 
Himgekehrte tatpurusa-bildungen ' beilegt. Wir geben zuerst 
das material: 

Hengjand'kjapta (geschrieben hengjan- und hengjann-) f. SE. 
1,260, name eines riesenweibes, cig. *die den Unterkiefer hängen lässt' 
(vgl. hengja hofupii). Cod. U hat hang and- kcpla (geschr. hangan-), 
welches ein bahuvrihi ist. Mit derselben bedeutung kommt sonst in der 
SE. Hengi'kjapta, -kepta vor. 

sveifland'kjapii m. poet. wolf, qs. rostrum vibrans : sveifla 
trans. schwingen. 

sl0ngvan{d)'haugi m. beiname des königs Hroirekr, qs. jacu- 
lator annulorum. 

hneggvand'baugi (geschr. An^^^ran-) m. beiname eines königs 
Hroßrekr, der nach Bugge Studier over de nordiske Gude-og Heltesagns 
Oprindelse p. 103 ff. mit dem oben erwähnten identisch ist. Das wort 
hneggvand'baugi enthält im ersten gliede das part. präs. des verbums 
hneggva * puffen, stossen'; die bedeutung ist hiernach ungefähr 'con- 
sumtor annulorum* (vgl. oben svipiir aupar, — hnugginn sigri = sviptr 
sigri — , hnykkir hodda u. a.), also fast dieselbe wie von slengvand- 
baugi Dass Saxo den namen anders gefasst und mit dem adjectivum 
hneggr gierig in Verbindung gebracht, geht uns hier nichts an. 

Vellan{d)'katla f. name einer Wärmequelle nahe bei den I>ing- 
vellir, eig. kessel-kocher : velia-ld. 

rifand-skinna (geschr. rivann-) f. poet. eine vogelart, eig. hant- 
aufkratzer. 



ALTNORD. NOMINA AGENTI8. 43 

Wie sind diese bildungen historisch aufzufassen? Von 
einem allgemeinen indo-germ. Standpunkte aus liegt es nahe, 
sich dieselben als directe abkömmlinge eines urjaphetischen 
grundtypus, der im altind. durch composita wie bharäd'väja- 
(kraftbringend), iaräd-dvesa- u. a. repräsentiert ist, vorzustellen. 
Allein im älteren germanischen sucht man vergebens nach der- 
artigen Zusammensetzungen; erst spät und einzelsprachlich 
treten ähnliche, nicht ganz entsprechende, compositionstypen 
auf. Ehe wir dann eine dem altnordischen eigene, phänome- 
nale erhaltung einer uralten formation statuieren, wird es rat- 
sam sein zu untersuchen, ob nicht die spräche auf anderem 
wege diese alte, allein im urgermanischen so wenig einhei- 
naische compositionsweise hätte widererwerben können. Wer 
die aufgezählten Wörter durchgelesen hat, dem wird das vor- 
kommen eines sicheren bahuvrihi neben einen} ebenso unzwei- 
deutigen tatpurusa aufgefallen sein: Hmgi-kjapia = Hengjand- 
kjapta. Nun wird aber einem jeden, der die glänzende arbeit 
Osthoffs Das verbum in der nominalcomposition kennt, erinner- 
lich sein, wie überzeugend von ihm eine reihe von umgekehr- 
ten tatpurusas im deutschen, griechischen, slavischen und fran- 
zösischen als aus volkstümlicher umdeutung älterer bahuvrthis 
entsprungen gedeutet worden. Genau dieselbe erklärungs- 
methode gibt auch für unser compositum ein treffendes resultat, 
und das wort Hengjand-kjapta liefert uns einen voUgiltigen be- 
weis, wie solche bildungen im altnordischen entstanden zu 
denken sind: gedachtes wort kann offenbar nur eine neu- 
bildung irgend eines dichters sein, entstanden durch eine zwar 
falsche, aber doch naheliegende analyse und Umschreibung des 
gegebenen ' Hengi-kjapta^ eigentlich ein bahuvrihi von der be- 
deutung ^ einen kiefer zum herabhängen, hängekiefer habend', 
von dem alten dichter aber als 'die den kiefer hängen lässt' 
gedeutet. In ganz derselben weise ist für slengvand-haugiy 
wenigstens theoretisch, ein älteres *slj0ngvi'haugi anzusetzen, 
ebenso für Velland-katla ein ^Velli-katla, fttr ^sveifland-kjapti 
ein *sveiß'kjapti (vgl. sveifla-sveiflda = gewöhnl. sveifla-apa), 
während rifand-skinna sowol aus formellen gründen (vgl. rifa- 
reif) als wegen der bedeutung nur eine analogische bildung 
sein kann, was auch bei hneggvand-baugi der fall sein muss 
(vgl. hneggva-hnggg). 



44 FALK 

VIII. Adjectira agentis auf -inn und -pr. 

Wie im lateinischen {barbäius, crimtus, cornuttis) bezeichnet 
auch im altnordischen sufGx io in denominalen adjectivis ein 
versehensein: stör-gryttr 'mit grossen steinen versehen', hvit- 
skjeggjapr 'weissbärtig*. Wenn die beigelegte eigenschaft ab- 
stracter natur ist, wie in sujall-mceltr oder snjdH-talapr * beredt', 
liegt es selbstverständlich nahe, an nebenhergehende verba an- 
zuknüpfen, und mit dem Übergang von denominaler in dever- 
bale anschauung setzt sich die bedeutung von der des ver- 
sehenseins in die des banges oder der neigung um. So sind 
z. b. die adjectiva bcen-heyrpr 'geneigt bitten zu gewähren' 
und dauf'heyrpr 'taub', seien sie in ihrem Ursprung aus einem 
verlorenen substantivum (vgl. ahd. gihöro gehör) oder, als 
spätere bildungen, aus, dem verbum heyra abgeleitet, jedenfalls 
als activische participia gefühlt worden; ebenso tär-feldr 'zum 
weinen geneigt', brot-feldr 'epileptisch' und vielleicht noch eine 
kleine anzahl. In derselben weise wie die activische an- 
schauung nomina agentis schafft, entsteht bei passivischer eine 
art participia necessitatis: ior-bcettr 'schwer zu btissen', ior- 
virpr 'schwer schätzbar'. 

Viel wichtiger als die eben besprochenen bildungen sind 
die adjectiva agentis auf -hin. Das suffix -mo bezeichnet ur- 
sprünglich in denominalen ableitungen 'aus einem stoffe', dann 
auch 'mit einer moralischen eigenschaft behaftet'; nachher 
haben sie ganz dieselbe entwickelung durchgemacht wie die 
vorige gruppe, vgl. got. galaubeins = Sigs. gelyfed 'gläubig'. 

Zu substantivis gehören: 

dtilinn eingebildet : duL Begrififlich nicht zu dula (dyljä), 

til'fyndinn fehlerfindend : fundr, fyndr, 

keppinn glücklich : happ, 

ipinn geschäftig : //>. 

lyginn lügnerisch : lygi. 

skeldinn in der dichtkunst geübt : skdld. 

slysinn schaden stiftend : slys. 

s leitin n poet. jurgiosus : sleita f. 

songvinn oder sengvinn dem religiösen gesango ergeben : sgngr. 

vifinn der die weiber gern hat, verliebt : vif. 

Der mangelnde umlaut in dulinn lässt sich . aus altem 
Wechsel von umgelauteten (uncontrahierten) und unumgelaute* 
ten (contrahierten) casusformen erklären, 



ALTNORD. NOMINA AGENTIS. 45 

Ebenso natürlich zu yo-vcrbis als zu substantivis stellen 
sieh folgende: 

eirinn schonend : eir-eira, 
fretiinn neugierig : freti-freita, 
fylginn folgsam : fylgi-fylgja, 
fysinn poet. eifrig : fysi-fysa{si). 
geyminn achtsam, aufmerksam : gaum-geyrna, 
glettinn neckisch : glett-gletiasU 
ü-gliminn dem ringkampf abgeneigt : glima snbst.-vb. 
glas p in n verbrecherisch : gloepr-glo^pasU 

U'hlifinn poet. qui sibi non parcit : hlif-JUifasi oder blifa ser, 
hygginn verständig : hyggja subst.-vb. 
hoBiinn drohend : höt-hmta, 
hmlinn prahlerisch : höl-hcelast 
keppinn poet. streitbar, energisch : kapp-keppa, 
kvipinn furchtsam : kvipa subst.-vb. 
roBpinn poet. garrulns; fä-r, (prosa) : roepa subst-vb. 
skilinn verständig : skil-skUja, 

af'Skipiinn der sich gern mit etwas abgibt : afskipti-skipU 
ser af e-u. 

fjgl'Snerrinn poet. perquam bellicosus : snerra subst.-vb. 
veipinn im jagen und fischen geübt : veipr-veipa, 
velinn, voblinn ränkevoll : vel-vila, 
prcBÜnn zanksüchtig : prceta subst.-vb. 

Bei den folgenden Wörtern ist die anknüpfung an ein 
yerbum der y^^-klasse die alleinmögliche: 

hellinn unternehmend : bella, 

breyiinn extravagant, zuvorkommend : hreyta. Das wort kann 
begrifflich nicht aus braut hergeleitet werden. 

bceginn widerspenstig : bcßgja, 

fi'hlutdeilinn der sich nicht in fremde dinge mischt : hlutdeila, 

d&sinn poet. iners*: deesast 

f&linn furchtsam : f&lasi, 

gcBÜnn poet. achtsam : gäta, 

hlypinn gehorsam : hlypa, 

hräpinn furchtsam : hr&pasi, 

hcetiinn poet. wagsam. Das prosaische wort hcpitinn {illa hcpitinn 
übel gesittet) gehört zu Mttr, 

hcßfinn der das ziel trifft : hcßfa. 

nenninn poet unverdrossen : nenna. 

reiiinn poet. qui alios lacessit : reüa, 

roekinn poet. qui colit, diligens; prosa : irü-, frcend-rcekinti u. a. 
: rodkja, 

skelkinn poet. cavillans : skelkja ai e-m, 

snikinn begierig : snikja. 



46 FALK 

siikkinn stichelnd : stikkja, 

soskinn angriffig : scrkja, 

marg-veitinn poet. in mnltos boneficus : veita. 

Zu ß-verbis gehören: 

fjol'jdinn poet. adsentiens, consentiens : ja (wie tjd). 

lifinn lebend : Ufa, 

muninn poet. corvas (Odinis), nanns, qs. memoria praeditns : nicht 
zn inunr, das nicht 'erinnernng* bedeutet, sondern znm vb. tnuna, das 
im gotischen der ^-klasse angehört. 

aup-irüinn Mt leichtgläubig : (nia. 

polinn geduldig : pola (oder zu pot). 

porinn poet. audax : pora. 

Ob adjectiva agentis auf -inn aus ö-verbis abgeleitet wer- 
den, ist sehr unsicher, ja nicht einmal wahrscheinlich; nur 
zwei Wörter lassen sich anführen, bei denen eine solche ent- 
stehung möglich wäre: kiftnn zanksüchtig, d- {fyrir-, Hl-, rdp-) 
leitinn aufdringlich, allein diese lassen sich ebenso ungezwungen 
aus den substantivis kif und leit erklären. Und dass letztere 
ableitung die richtige sein muss, bestätigt eine sehr einfache 
erwägung: denn zwar lässt sich das durch die >o-verba ver- 
mittelte deverbale bildungsprincip auch auf die ^-verba über- 
tragen, von der zeit an nämlich, wo die langen f und e in 
schwachbetonten silben in das dunkle i, e zusammengefallen 
waren, wo aber der stammvocal ö = altnord. a war, hört 
diese möglichkeit auf. 

Dagegen kann diese formationsweise die starken verba 
ergreifen. Hier gab es nämlich im participium präteriti einen 
formellen berührungspunkt; ein wort wie z. b. leikinn * scherz- 
haft' kann, wenn ursprünglich aus leikr abgeleitet, ebenso wol 
als participium von leika gefasst werden; und somit entsteht 
im altnordischen eine gruppe von activischen participiis auf 
'inn auch von transitiven verben, in welcher erscheinung hier- 
nach nichts altertümliches zu erblicken ist. Solche Wör- 
ter sind: 

ei k inn rasend, s. Bugge Saem. E. p. 93. 

brot-fallinn epileptisch, = broi-feldr : vgl. brot-fall, faüa 
i broi. 

Fund inn poet. nanus, qs. sollers, ingeniosus : vgl. fundr, finna, 
g rät inn poet. weinend (prosa : mep gräli) : grätr, grata, 
fasi'heilinn der seine versprechen erfüllt : heit, heiia, 
kor-leginn bettlägerig, = kor-Uegr : liggja. 



ALTNORD. NOMINA AGENTIS. 47 

leikinn scherzhaft : leikr, leika, 

gest-risinn gastfrei : ags. gerisan geziemen? 

kveld-runninn poet. noctivagas : renna, 

sofinn schlafend : sofa. Da das wort die bedentnng des hanges 
vermissen lässt (vgl. grdtinn), ist es vielleicht anders zn beurteilen. 

s 61 ginn poet. gefrässig : svelgja, 

stolinn diebisch, im ausdrack *mep stolinni hendi' {= mep pjöfs 
hendt) : stela, 

i reginn Ham]?. 1. dolorem animi creans {iregnar ipir) : trega st. vb. 

for-vitinn nengierig : vita, 

prifinn nntemehmend, wirksam : prifa. 

Hierzu kommen folgende erste compositionsglieder: 

horgin-orpr adj. vorsichtig in seiner rede, = var-orpr (oder 
orp-varr); horgin-möpi m. poet. rabe, eig. der ein vorsichtiges oder 
furchtsames gemüt hat (vgl. vari m. rabe SE. U, 456) : borginn bezeichnet 
die neigung ^at bjarga ser\ d. h. vorsichtig (= varr)\ mit odiöser 
nebenbedentnng (= feige) kommt das wort aach als simplex ein paar 
mal vor. 

Groitin-tanna f. SE. femina gigas, eig. zähneknirscher : vgl. 
engl, io grind one's teeth, s. oben s. 15 über Grotti, 

hangin-lukla f. poet. materfamilias, qs. pendulas claves gestans 
: hanginn = hangr pendnlas. 

Rifin-gafla, -gefla f. poet. (SE.) gigantis, eig. die den giebel 
zertrümmert : rifa. Vgl. die s. 42 f. besprochenen composita. 

rokin-dusta adj. stäubend, staubig, eig. mit stiebendem staube 
versehen : rjüka, 

Sveipin-falda f. poet. (SE.) femina gigas, eig. weib mit ver- 
hüllender köpf bedeckung : sveipinn in der bedeutnng eines verbaladjec- 
tivums *sveipr (vgl. sveipr subst. agentis). 

Dagegen ist haldin-orpr adj. 'discretus' nicht hierher zu 
stellen, wie der vergleich mit hald-orpr 'zuverlässig' (= fast- 
orpr) zeigt; haidinn ist hier = zurückgehalten. 

£s verdient notiert zu werden, dass im altnord. keine 
sehwachen participia als erste compositionsglieder fungieren, 
nur vafin-skepiay wo das participium die form der starken 
verba hat, bildet eine ausnähme. 

Auch bei den starken participien hat sich eine art parti- 
cipia necessitatis herausgebildet: aup-bepinn = aup-bcerm, harp- 
dreginn = harp-drcegr, tor-fenginn == tor-fengr, aup-fundinn 
= aup'fyndr, aup-senn = aup-scer etc. 

Sehie lebenskräftigkeit zeigt das suffix -inn in handgreif- 
licher weise dadurch, dass es als weiterbildendes dement in 
historischer zeit beliebt gewesen ist. Dem verdacht, lediglich 
Umbildungen (aus o- und ^b-stämmen) zu »ein, \xiA.e;t\\^^\i\ 



48 FALK ' 

d'fenginn berauschend, = ä-fengr; harp-fengiiin streitbar, 
= harp-fe^igr\ snar-fenginn poet. strennus, = snar-fengr, 

fikinn poet. cupidus, = fikr. 

rdp-gegninn poet consilio prudens, = rdp-gegn, 

gj allin n poet. sonorns, = gjallr. 

horn-glöinn m. poet. aries, = horn-glöi. 

sak-gwfinn der zam klagen anlass gibt, = sak-gäfr, 

hallin-skipi m. poet. widder, eig. der schräge, zurückgebogene 
hörner hat {skip von allem, was eine länglich-schmale form hat, vom 
Schwert, spiess etc.) : hallinn = hallr, wie gjallinn = gjallr, hallin- 
skipi wird als name des gottes Heimdal(l)r gebraucht, was wahrschein- 
lich eine homonymische kenning ist : heim-dalr = cervns domesticus = 
aries (vgl. heim-dali 1. aries, 2. Heimdallus). 

hring-läginn kreisttSrmig gebogen, = hring-lcbgr, 

ü-neisinn poet. excellens, = ü-neiss, 

ü'svifinn streitbar, = ü-svifr (zu got. sveiban aufhören?). In 
ü'Svifr wurde das r frühzeitig als nominativzeichen gefasst. 

eld-satinn der gern am feuer sitzt, = eld-s/etr. 

smminn poet. decorus, = soemr. " 

vceginn nachgiebig, = v^gr, 

gle^gg-pekkinn scharfblickend, = gle^gg-pekkr. Das simplex 
pekkmn angenehm, = pekkr, ist passivisch. 

Nicht ganz klar sind folgende Wörter auf -inn: 

baldinn übermütig. 
hroesinn prahlerisch : vgl. hrösa-ap, 

fld-rcßpinn poet. subdolus, = fld-rdpr; d-rcrpinn nntemehmend. 
slytiinn träge, faul : vgl. bok-slotti, 

släkinn (Forum. VI, 436 : öslfßkinn </> moeki) träge, faul : vgl. 
slökr, slakr, 

smeykinn poet. : die bedeutung ist unsicher. 

surf inn querköpfig : vgl. stjarfr^ sljarfi. 

tyrrinn aufdringlich : vielleicht zu dänisch iirre reizen. 



IX. Die participia necessitatis. 

Die sogenannten participia necessitatis oder passivischen 
participia des futurs hat das germanische mit dem altindischen 
gemein, während in den klassischen und letto-slavischen sprachen 
die entsprechenden suiSxe nur bei substantivis vorkommen. 
Diese suffixe sind in aind. form ya-, antya- und tya-\ sie finden 
sich alle im germanischen wider. Im allgemeinen tritt in 
diesen bildungen vocalerhöhnng ein; schwache wurzelstufe 
zeigen fyndr und -yndr. Der accent hat teils auf der endung 
teils auf der wurzel geruht, vgl. sloegr, koemr, fengr, frckgr. 



ALTNORD. NOMINA AGENTlS. 40 

fyndr gegen scer, kvcepr, kvcemry svcefr. Die bedeutung ist 
schon im altindischen öfters eine activische, was zweifellos ein 
ursprachliches Verhältnis gewesen ist; auch ist im germani- 
schen die alte bedeutung von pflicht, neigung und möglichkeit 
häufig etwas verdunkelt worden, zunächst als folge des for- 
mellen Verfalls der kategorie, indem der schon im aind. be- 
gonnene Übergang der participia necessitatis in reguläre ad- 
jectiva mit motion im germanischen durchgeführt wurde. Die 
aeti vischen bildungen dieser gruppe unterscheiden sich begriff- 
lich im allgemeinen durch nichts von den verbaladjectivis auf 
'inn und sind^ wie im vorigen capitel nachgewiesen wurde, 
häufig zu solchen umgebildet worden, ein zeichen des frühen 
absterbens jenes formationsprincips. Sie werden hier auf- 
gezählt : 

barn-bcerr im stände kinder zu gebären. 

h^l'drcepr = sd er drepr nipr hälum; staU-drcepr bebend. 

kost-gcefr eifrig; nyt-gcefr milchend; sak-gäfr der zu klagen an- 
lass gibt. 

när-y fjar-gätr glücklich, unglücklich im erraten. 

fram-kvcßmr guten fortgang habend; hald-kvcbmr, -kcRmr nütz- 
lich; hug-kvosmr (von Sachen) erinnerlich, (von personen) memor; w«-, 
ncer-kv^smr, -Arcemr nahe, treffend; sjald-kvämr der selten kommt. 

jd-kvcßpr zustimmend; sam-kväpr gleichlautend; hra}>-kvcbpr 
rasch dichtend (Ad. 1, F. Jönsson schreibt -kvepr)\ vü-kvapr in canendo 
propitius (Ad. 1, F. Jönsson schreibt -kvepr), 

gras-lcegrim grase ruhend; fjar-, nd-lcßgr fern-, naheliegend; kor- 
Icegr bettlägerig; sjd-lcegr auf der see. Hegend; vetr-lagr überwinternd; 
lii-lcBgr geächtet. Hierzu die substantiva <^r^w-, sand-, si-, staf-, sce-lagja. 

ncbmr lehrwillig; ^/t/-ne§//ir zündbar; /^^^^n^mr nahegehend; hjari- 
ncbmr zum herzen gehend; fjgr-nckmr tötend; reii-ncemr berechtigt busse 
zu nehmen; sip-ncemr gesittet. 

gup-rcbkr gottlos; keipt-rcekr rachgierig; hjarp-r&kr der die 
heerde treiben kann; A/^m-r^/rr lärmend; /an^-^ 5A:amm-r^/:r unversöhn- 
lich, versöhnlich. 

hrcß'Skcsrr leichenschneidend (vom adler). 

kveld'Sväfr schläfrig am abend. 

djüp'S&r scharfsinnig; grunn-scer einfältig; gleggscer scharf- 
sichtig; /an^-^<er weitsichtig; ^ann-^«^ einsichtsvoll. Qcxnxk&iormscehrvio-. 

eld'Scetr der gern am feuer sitzt; döm-sair habil als richter 
(sitja i dorn); ktrkju-Südir würdig als priester zu verrichten; varp-scblr 
zum Wächter tauglich. 

vcsgr der leicht hinüberneigt (von der wage); n-, of-veegr streitbar. 

rdp'pcegr der sich gern raten lässt. 

kjgt' &ir fleischessend. 

Beitr&ge zur geschiohte der detitschen spräche. XlV. \ 



50 FALK 

möt'droegr feindlich. 

fcßrr der gehen kann; hrap-, hvai-foerr der schnell geht; litt-, 
pung-fosrr der sich mit leichtigkeit, Schwierigkeit bewegt. 

vip'Skcefr m, poet. natter, otter, eig. die bäame- nagend. 

skcßpr schädlich; kvist-skospr den bänmen schadend; mann- 
skcßpr den menschen schadend; orp-skcepr dnrch seine rede schadend. 

slcegr listig : mhd. ver-slahen betrügen (?). 

fd-tcßkr arm; arf-iodkr erbberechtigt; fljöt-icßkr gelehrig; fasi- 
icekr beständig; hag-toekr behende; harp-tcekr eifrig; rnjük-toekr 
glimpflich. 

fleygr flugfähig, fi}XQgQ\ hvass-fleygr schnellfliegend; var-fleygr 
wenig flugfähig; herap-fleygr durch das herap fliegend. 

sam-fleyir zusammenhangend; sUfleytr ununterbrochen. 

bein-skeytr im schiessen tüchtig; brdp-skeytr unbesonnen; hag- 
skeyir gewandt im schiessen; happ-skeyir glücklich im treffen; harp- 
skeyir stark im schiessen. Das wort kann auch ein possessives adjec- 
tivum sein (vgl. ä-skauf), 

sdr-, sUpr-heitr sehr scharf. # 

greipr rapax, pertinax; harp-greipr mann fortis, auch name eines 
riesen, wie Harp-greip der eines riesenweibes. Das compositum hat 
mehr den anschein ein bahuvrihi zu sein (zu ^r^tp band), während das 
Simplex wol ein verbaladjectivum ist (vgl. ags. cei-grape angriffig). 

or-skreipr schnellsegelnd ist wol eher ein possessivum (vgl. 
skreip-f(Bri, sverp-skreip), 

harp'fengr streitbar; d-fengr berauschend (vgl. fä d e-n); mis-, 
missi'fengr der das ziel verfehlt. 

gengr im stände zu gehen; arf-gengr erbberechtigt; fram-gengr 
guten fortgang habend. 

snemm-grcßr früh keimend. 

heip'S&r gold aussäend, freigebig. 

kcenn kundig : zu kunna. 

gl^gg-pekkr scharfsichtig : zu pekkja-paUa, 

sam-pykkr einwilligend : pykkja-pötta oder possessivum. 

herap-vcßrr berechtigt sich im herap aufzuhalten. 

Hierzu wol noch: 

jafn-yndr unparteiisch; leip-indr (nur im neutr.) unangenehm 
(ags. Idp-wende). Wie aus dem letzteren leipindi (ahd. leid-wentt) ab- 
geleitet ist, so weisen heÜyndi oder heüindi, harpindi, reityndi oder 
riliindi, illindi, rangindi, sannindi auf alte verbaladjectiva zurück, vgl. 
ags. häl-wende, heard-wende (adjj.). -yndr, grundform nmdhio-, verhält 
sich zu vinda wie fyndr zu finna, ahd. ah-irunnizn trinnan; die gemein- 
ags.^) und ahd. formen gehören der häufigeren bildungsweise an (vgl. 



^) Doch kennt auch das ags. neben -wende die ablautsform -wynde, 
vgl. z. b. hälrvynde im Vesp. ps. (Zeuner s. 38 f.j und der Cura past. 
(Cosijn, Altwests, gr. I, 34). 



ALTNORÜ. NOMINA AGENTlS. 51 

-rennr : renna, rinnä). Die bedentnng dieses zum werte eines Suffixes 
herabgesunkenen verbaladjectivums ist 'gereichend, dienlich zu etwas'. 

Mit dem sufSx aind. antya- ist gebildet: 

glsgg-synn = gle^gg-scbr, sann-synn = sann-s^r, ndr-synn kurz- 
sichtig; for-synn und fram-synn vorausschauend. In diesen Wörtern 
scheint nicht das nomen sjön, sondern ein verbaladjectivum synn aus 
*se{g)7vniö', *siunio- (vgl. got. ana-siuni-) vorzuliegen. Andere stamm- 
verhältnisse bei demselben suffix zeigt as. Uhni^ ags. Icbne * vergänglich*, 
ans dem verbum got. leihran. 

Mit dem suffix aind. iya- ist gebildet: 

ein-simpr alleinstehend; fjar-sicßpr fern; gagn-sicßpr feindlich 
(= gagnstapr); hugsi(Bpr erinnerlich; mmnt-5fa?/>r id.; /ta^-^/a?/>r günstig. 
Während stoßpr aus der wurzelform siä (lat. störe) hervorgegangen ist, 
stimmt ahd. siäti mit dem ahd. verbum siän tiberein. Andere beispiele 
dieser art sind an. haf-roßpr (pass.) : röa^ ahd. dräti : ags. prärvan st. vb. 

Schlussbemerkungen. 

Wenn wir am schluss unserer darstellung die geschichte 
der nomina agentis überschauen, treten drei hauptaugenmerke 
hervor: die unterschiede der zeit, der stilarten und der zu 
gründe liegenden verbalklassen. Es gehen bildungsweisen zu 
gründe, und es tauchen neue auf; die poesie liebt die ab- 
wechselungi), der prosaische stil die einfachheit; ein forma- 
tionsprincip entwickelt sich für eine verbalklasse, das für die 
andere weniger angemessen erscheint. Die hauptgebiete der 
Wirksamkeit der einzelnen gruppen sind somit überall geson- 
dert. Die poesie bildet aus starken verbis o- und n-stämme, 
aus verbis der jo- und ö-klasse nomina agentis mit jo- resp. 
/2€-suffix; die prosa verwendet von allen diesen bildungsweisen 
nur das n-suf&x, sonst ist ihre reguläre formation die auf ari^ 
das aus allen verbis nomina agentis bildet. 

Der altvererbte luxus der stammbildung ist somit bei den 
nom.-agent. wie sonst überall im germanischen einer uniformie- 
renden und nivellierenden richtung zum opfer gefallen, einem 
verlangen nach einfachheit und uniformität im lautlichen 
ausdrucke der begriffskategorien; sobald die Sprachauffassung 
das bewusstsein vom nomen agentis als einer bestimmten 

^) Der reichtum der altnordischen poetischen spräche an nominibus 
agentis steht ausserdem mit der hier geltenden dichterischen technik, 
mit der starken entwickelung der sogenannten kenningar, im intimsten 
connex. Vgl. Paul, Principien* s. 209. 



5^ FALK, ALTNORb. NOMINA AGENTIS. 

kategorie gewonnen hatte, musste diese tendenz sieb geltend 
machen. Die lebenskräftigste, d. b. deutlichste, am meisten 
markierte gruppe hat dann die übrigen bildungsweisen ver- 
drängt, resp. alte gebilde angezogen, umgeformt. 

Auch in einer anderen beziehung ist in der kategorie der 
nomina agentis eine Vereinfachung eingetreten, nämlich betreffs 
der bedeutung. Auf germanischem boden kommt den schöpfe- 
rischen gruppen der subst-agentis überall nur activischer sinn 
zu; eine ausnähme bilden vielleicht die n-nomina im altnordi- 
schen, wo möglicherweise der anschluss an das participium 
präteriti die passivische bedeutung lebendig erhalten hat. 

In der geschichte der nomina agentis kann man beobach- 
ten, wie das mass des gemeinsamen dementes ein immer 
grösseres wird. Das gemeingermanische suffix ce'rio' überragt 
an lautstoff alle indo-germanischen suffixe. Noch mehr ist dies 
der fall bei den einzelsprachlichen bildungen durch eompo- 
sition, deren das anord. zwei klassen besitzt, eine poetische 
und eine prosaische. Erstere abart der nom.-agentis enthält 
im ersten gliede ein verbal gefühltes altes abstractum: hnig- 
Baldr, her-fe, veg-taug, rip-logi^ randa rjöp-vendill (schwert); 
beipi'Tyr (= beipir\ eypi-runnr (= eypir), gervi-draugr (-» ger- 
vir)y geymi'drr (= geymir), gcßti-Gautr (= gcetir\ hefni-äss 
(= hefnir), leipi-fifl (pass.), Icesi-Gunnr, reipi-Sify renni-raukn, 
spilU'dyr^ steiki-teinn, ryski-sött etc.; diese composita verhalten 
sich ganz wie gewöhnliche nom.-agentis auch in der beziehung, 
dass sie gern einen (logisch vom ersten gliede abhängigen) 
objectiven genitiv regieren. Die prosaischen compositions- 
bildungen enthalten im schlussgliede das wort mapr: blöia-mapr, 
bönar-mapr, manndräpa-mapr, fiski-mapr etc. Dasselbe Ver- 
hältnis zeigt uns die entwickelung der adjectiv-suffixe. Es 
scheint, als ob das Sprachgefühl für die Vorstellungen und be- 
ziehungen nach immer adäquateren ausdrücken und deutlicheren 
zeichen suche, 'damit das mass des hinzugedachten, aus der 
Satzverbindung mitverstandenen ein stets beschränkteres werde' 
(vgl. die geschichte der bahuvrlhi-composita, die im anord. in 
grosser ausdehnung als substantiva die endung ingr^ als ad- 
jectiva (a)/»r, seltener igr, ugr, öttr angenommen haben). 

KRISTIANIA, december 1887. HJALMAR FALK. 



DER /-UMLAUT UND DER GEMEINNORDISCQE 
VERLUST DER ENDVOCALE/) 

Diese fragen sind mit einander innerlich verknüpft, aber 
ehe ich zu ihnen übergehe, werde ich ein paar bemerkungen 
über einen anderen punkt mitteilen, der mit ihnen nahe ver- 
want ist, welcher aber meiner meinung nach mehrenteils 
unbefriedigend dargestellt wird, nämlich die lehre vom 
f^-umlaute. 

Die am meisten benutzten isl. grammatiken verschweigen, 
dass ein wesentlicher unterschied im gebrauche des z^-umlautes 
zwischen dem isl. und dem altnorw. (oder wenigstens mehreren 
altnorw. handschriften) existiert. Dieser unterschied ist doch 
vor mehr als drei decennien erkannt und dürfte von der 
grössten bedeutung für die richtige auffassung dieses Um- 
lautes sein. 

Schon in der von P. Ä. Munch und G. B. Unger 1847 
publicierten 'Det oldnorske Sprogs eller Norranasprogets Gram- 
matik' liest man (s. 19): 'überall im altschw. und sehr oft in 
norwegischen handschriften bleibt der sonst durch u bewirkte 
umlaut von a aus, wenn dieses u wirklich in der endung oder 
in der flexion vorhanden ist, z. b. fatiur statt fötiur^ hafu^ statt 
höfutS . . . .; nie aber, wenn das ^^-umlautwirkende u selbst 
weggefallen ist: ... hölV. Keyser und Unger, die herausgeber 
der Olafs saga hins helga (Kristiania 1849), sprechen sich über 
den Sprachgebrauch dieser schrift (s. VIII) folgendermassen 
aus: ^a steht statt ö (hier o geschrieben), wenn das umlaut- 
wirkende u in der endung vorhanden ist: ällum = öllum^ . . . 



<) Dieser aufsatz ist wesentlich eine Übersetzung meines schwedisch 
abgefassten, im Arkiv for nordisk filologi IV, 141 ff. publicierten auf- 
satzes * i-omliudet och den samnordiska forlusten af ändelaevok^l^V , 



54 KOCK 

hauud d. i. havud, höfuti^ auund d. i. avund^ öfund. Selten findet 
man in diesem falle umlaut, z. b. otiru 3^^ d. i. ö^t^u. Wo 
aber dieses u nicht mehr in der endung zum Vorschein kommt, 
sondern einer älteren, uns unbekannten periode der spräche 
angehört, tritt der umlaut immer ein: oll (d. i. ölt) von allr^ sok 
(d. i. sök) gen. sakar etc. In zweisilbigen Wörtern, wo das u 
der zweiten silbe wegen der contraction bei der flexion weg- 
fällt, bleibt oft a, z. b. haftii (= höfti^ dat. zu höfuby 

Hier wird also eine klare und bestimmte regel fttr den 
2^- umlaut von ä hingestellt: *ä ist in o (g) umgelautet worden, 
wenn der folgende umlautwirkende laut während einer vor- 
geschichtlichen periode selbst weggefallen ist; a (nicht o, g) 
steht aber, wenn der laut, welcher den Umlaut bewirken sollte, 
selbst bleibt'. 

Um die regel noch mehr zu erhärten erlaube ich mir den 
von den herausgebern angeführten beispielen noch einige hin- 
zuzufügen, welche ohne mühe würden bedeutend vermehrt 
werden können. Wörter mit umlaut: mork (23^)), valkosi 
*leichenhaufe' (9), vond 'stock' (80), prom *rand' (53), porf^he- 
dürfnis' (14), piofsoc (80), ho7id (80), Upplond (23), log n. pl. 
(23 mehrmals), Sefslog (ib.), Gulapings log (ib.), isalogen n. pl. 
(12) = islogen (ib.), gofgare (23) und gofgan (22) zu \A.gofugr. 
Wörter ohne umlaut: gu^s lagum (81; aber log\ annur, fatum, 
klandum, ällum, harmulega, haftiu, i hafium^ handum^ man- 
num, sagbu, barbu, i Gar^um, vactu, farunauta, hätuum^ a 
skammu etc. etc. 

Der von den herausgebern als ausnähme notierte dat. 
haftil erklärt sich leicht durch anschluss an nom., acc. havub, 
gen. havubs mit regelmässigem a (siehe hierüber Kock, Studier 
öfver fornsvensk Ijudlära II, 484). Die von mir notierten gof- 
gan, gofgare (aus ^gavugariy *gavugari) zeigen die, durch Syn- 
kope des u der mittelsilbe, lautgesetzlich entstandenen formen. 
Neben dem von den herausgebern genannten obru (aus annarr) 
kommt auch abrum (82) vor. Das isolierte oürw ist vielleicht 
eine isl. form und verringert jedenfalls die gültigkeit der 
regel nicht. 

Als beispiele norwegischer diplome, wo diese w-umlauts- 



>) Die zahl gibt die seite der ausgäbe an. 



DER /-UMLAUT. 55 

regel für a durchgeführt ist, notiere ich nr. 313 (Diplomatarium 
norvegicuin I; aus Valdres, vom jähre 1348) mit bom pl. (^kin- 
der'), gört ('gemacht ') aber aHum^ mannum und nr. 137 (ib.; 
aus Nidaros, vom jähre 1313) mit gort aber adru vis^ Stick- 
lastadum, Andunar son. 

Die regel wird übrigens auch in späterer zeit angeführt; 
so z. b. von Möbius, Ueber die altnordische spräche (1872) 
s. 18 und von Brenner, Altnordisches handbuch (1882) s. 54 f.^); 
vgl. auch Icel.-english Dict. s. 1 sp. 2, wo mitgeteilt wird, dass 
solche formen wie gllum, mgnnum, kgllumy vgkur 'only prevailed 
in the west of Norway and the whole of Iceland'; ferner: 'in 
Icel. this change [die entwickelung allum > gllum etc.J prevailed 
about the year 1000. Even at the end of the 10*** Century we 
still frequently meet with rhymes such as barÖ — jarÖu, ]>B,ng 
— langu' etc. 

Ich habe nicht controlliert, ob die angäbe, dass gllum etc. 
eigentlich nur in dem westlichen Norwegen gebraucht werden, 



[Vgl. jetzt auch Wimmer, Die ranenBchrift b. 317.] Der von 
Brenner vorgeschlagenen erklärung des t/- Umlautes im altnorw. [vergl. 
jetzt auch Wimmer a. a. c] kann ich aber nicht beistimmen. £r sagt: 
*Dass (zumal im norweg.) überall da geblieben ist, wo die Ursache 
des Umlautes wegfiel, mag seinen grund darin haben, dass in diesem 
falle der unterschied von a und o sich schärfer markierte, weil es das 
einzige .flexionsmittel war: land pl.lpndf aber landum* (s. 55). Die un- 
haltbarkeit dieser erklärung geht nach meiner meinung schon daraus 
hervor, dass nom. und acc. sok f. *sache' (nicht sak) lauten, obgleich 
kein anderer casus sak heisst. In sok sollte also (nach der ansieht 
Brenners) der umlaut nicht geblieben sein, weil er nicht 'das einzige 
flexionsmittel' dieser casus ist: auch wenn nom. und acc. sak lauteten, 
wären diese casus von sakar, sakir, saka, sakum deutlich unterschieden. 
Wenn man aber annehmen will, dass, nach dem eintreten des ti-umlautes 
in Igndum, der ti-laut der endung einen rein lautlichen einfluss auf den 
Yocal der vorhergehenden silbe ausübte, so mtisste dieser, so viel ich sehe, 
grade das gegenteil von dem von Brenner angenommenen rcsultate her- 
vorgebracht haben. In den verschiedenen perioden der nord. sprachen 
kann man nämlich eine ausgeprägte tendenz beobachten, eine art har- 
monie der vocale in der wurzel und in der endung durchzuführen; vgl. 
teils die gewöhnlichen umlaute sakum ::^ sgkum, angül ::^ engill etc., 
teils (umgekehrt) die eigentliche vocalharmonie im altnorw., altschw. 
and altdän. Man würde deshalb unbedingt eher eine lautentwickelung 
sok =^ sak als sokum ::^ sakum erwarten, da in sokum der labiale ^-laut 
durch das folgende u gestützt wurde. 



56 KOCK 

richtig ist. A priori ist sie indessen recht wahrscheinlich, da 
Island seine bebauer hauptsächlich aus dieser gegend be- 
kommen hat, weshalb das neuisl. noch heute in mehreren be- 
ziehungen eine grosse ähnlichkeit mit den dialekten dieser 
gegend zeigt. Durch einen einblick in das Diplomatariuhi nor- 
vegicum kann man sich aber jedenfalls leicht überzeugen, dass 
in dieser beziehung die spräche der verschiedenen gegenden 
(und der verschiedenen perioden) eine verschiedene gewesen 
ist, wobei man freilich nicht den umstand unbeachtet lassen 
darf, dass die isl. literatursprache in einer periode hat einfluss 
ausüben können. 

Wie dem auch sei, so viel steht fest, dass das altnorw. 
(wenigstens in mehreren gegenden) in einer periode den t^-umlaut 
von ä durchgeführt hat, nur wenn der umlautwirkende 
t^-laut in einer frühere^ sprachperiode selbst weggefal- 
len ist, und dass, obgleich diese regel auch für das isl. auf 
einem älteren Stadium gegolten hat, der t^-umlaut in dieser 
spräche mehrenteils sowol fttr ä als für die meisten anderen 
vocale, auch wenn der umlaut wirkende laut bleibt, durch- 
geführt worden ist. 

Eine ausnähme macht z. b. die behandlung von t unmittel^ 
bar vor v noch in der spräche der uns überlieferten isl. hand- 
schriften. Wenn v (w) in einer älteren sprachperiode weg- 
gefallen ist, so ist t in y' umgelautet worden; wenn der 
2;-Iaut noch da ist, so bleibt aber t. Man hat also z. b. bl^ 
'blei' {siM.blto gen, bltrves), ^r 4axus' (ags.Jw; vgl. auch ahd. 
Jwa f., nhd. eibe)f hy-byli (vgl. got. heiwa-) afeer Ivarr, tivar 'göt- 
ter' (Noreen, Isländische grammatik § 71,6 mit anm.). 

Im altschw. und altdän. ist das Verhältnis in einer früheren 
periode dasselbe wie im altnorw. gewesen. Am 4. december 1883 
hielt nämlich dr. S. Söderberg in der Thilologischen gesell- 
schaft zu Lund' einen ausführlichen Vortrag: 'Einige be- 
merkungen zum u-umlaute im altschwedischen', wo er nach 
meiner meinung überzeugend darlegte, dass der ^^-umlaut in 
den ostnord. sprachen eingetreten ist, wenn der umlautwirkende 
laut in einer früheren periode selbst weggefallen ist, dass aber 
der ^^-umlaut sonst nicht eingetreten ist i); dass die scheinbaren 



^} Hier handelt es sich natürlich nicht um den Übergang t :^ ^ in 



DER i-ÜMLAüT. 57 

ausnahmen fast immer leicht als anlehnungen erklärt werden 
können; und dass der beti*effende umlaut grade von dem weg- 
falle des folgenden labialen lautes bedingt wird, so dass die 
labialisierung des vorhergehenden vocales z. b. im altseh w. 
rost f. 'meile' (aus *rastu) zufolge des Wegfalles des folgenden 
u in z. b. r(7^4^] ^ii^^^'i^^* ^i^ dr. S. bemerkte, ist diese 
auffassung des altschw. u-umlautes teilweise richtig von Munch 
und ünger in 'Det oldnorske Sprogs eller Norronasprogets Gram- 
matik' (vgl. oben) und wesentlich richtig von C. Säve in seiner 
Schrift *0m spräkskiljaktigheterna i Svenska och Isländska forn- 
skrifter' s. 7 dargestellt worden. 

Die altschw. Wörter harund (isl. horund)^ sapul (isl. sopull pl. 
soplar) eta zeigen also nach meiner ansieht^), ^ass der t^-umlaut 
nie eine solche Verbreitung im altschw. wie im isl. gehabt 
haben kann. Denn wäre a in harund, sapul (pl. saplar) etc. 
einmal in o umgelautet worden, so hätte o {o) immer bleiben 
müssen, da der umlaut in allen casus dieser Wörter laut- 
gesetzlich war, und a also nicht aus gewissen unumgelaute- 
ten casus wider eindringen konnte. 

Man hat also zwei verschiedene t^-umlautsperioden gehabt: 
eine ältere und eine jüngere. 1. In der älteren periode 
wurde der umlaut vom wegfalle eines folgenden u bedingt: 
*saJcu wurde sgkj aber sakum blieb, weil u nicht wegfiel. Dieser 
umlaut ist dem ganzen norden gemeinsam gewesen, aber er 
kommt am deutlichsten in (gewissen) altnorw. handschriften 
zum Vorschein, während die ursprüngliche regel in den ostnord. 
sprachen arg durch analogische Störungen verdunkelt worden 
ist. 2. In der jüngeren periode wurde der w-umlaut von 
einem noch da stehenden u bewirkt: sakum wurde sokum 
etc. Dieser umlaut gehört Island und wenigstens gewissen 
gegenden Norwegens an. 



Nach meiner ansieht sind zwei entsprechende perioden 
für den i-umlaut anzunehmen: 1. eine ältere, in welcher ein 

z. b. bykkiu (gen. zu bikkia\ der durch das zusammenwirken des an- 
lautenden b' und des u der ultima hervorgerufen worden ist (vgl. 
Hoffory, Tidskrift for Filologi N. R. III, 295 f.), eine erscheinung, die 
auch eine art t/-um1aut genannt werden kOnnte. 

1) Die ansieht Söderbergs ist nicht ganz dieselbe. 



58 KOCK 

vorhergehender vocal durch den wegfall eines folgenden { 
umgelautet wurde. 2. eine jüngere, in welcher der i-uml^ut 
von einem noch vorhandenen i (J) hervorgerufen wurde. Diese 
zwei Perioden waren durch einen dazwischen liegenden Zeit- 
raum, in welchem ein i wegfallen konnte ohne umlaut zu be- 
wirken, getrennt. 

Auch der jüngere i-umlaut ist vor der zeit durchgeführt, 
aus welcher wir handschriftliche Urkunden besitzen, und da 
die mangelhafte lautbezeichnung der runendenkmäler in dieser 
hinsieht bekanntlich keinen aufschluss gibt, so existieren keine 
Urkunden, die eine sprachperiode zeigen, welche zwar den 
älteren aber noch nicht den jüngeren i-umlaut durchgeführt 
hat — eine sprachperiode also, die, was diese frage betrifft, 
dasselbe Stadium repräsentiert, das von gewissen altnorw. 
handschriften in betreff des u-unilautes repräsentiert wird. 
Durch die aufstellung der soeben mitgeteilten theorie wird in- 
dessen ein höchst auffälliger und, so viel ich sehe, sonst nicht 
zu enträtselnder Widerspruch zwischen den nordischen und den 
westgerm. sprachen gelöst. 

Ich werde kürzlich meine theorie motivieren ohne alle die 
Konsequenzen jetzt zu ziehen, welche daraus gezogen werden 
können und, nach meiner meinung, gezogen werden müssen. 

Es handelt sich, wie schon bemerkt ist, nicht nur um den 
/-umlaut sondern auch um den damit verknüpften nordischen 
Verlust der endvocale, welche erscheinung aber auf das innigste 
mit der gemeinnord. accentuierung verbunden ist. 

Bekanntlich hat Sievers, Beitr. Y, 63 ff. seine epoche- 
machenden Untersuchungen über synkope und apokope der 
endvocale in den germ. (sowol den westgerm. als den nord.) 
sprachen mitgeteilt, und die theorie vom gemeinnord. vocal- 
verluste stützt er auf das eintreten und das nichteintreten des 
2-umlautes. Seine resultate sind aber insofern höchst über- 
raschend, als wenn sie richtig wären, der sonderbarste mangel 
an Übereinstimmung zwischen den westgerm. sprachen auf der 
einen und der gemeinnord. spräche auf der anderen seite 
herrschen würde, was die accentuiemng und den davon ab- 
hängigen vocalverlust betrifft. 

In folgenden erheblichen punkten sind aber seine resultate 
unanfechtbar. 



DER /-UMLAUT. 59 

Im westgerm. gilt sowol für dreisilbige als für zweisilbige 
Wörter die regel, dass der verlast der endyocale später in 
deu Wörtern mit kurzer als in denen mit langer Wurzelsilbe 
eingetreten ist. Die tendenz ist deutlich sowol im altsächs. 
als im ahd. zu erkennen, kommt aber am klarsten, und zwatr 
als eine durchgeführte regel, im ags. zum Vorschein. In dieser 
spräche bleibt der mittelvocal nach kurzer Wurzelsilbe: gcede- 
ling, adela, eafora^ rvaduma etc.; nach langer Wurzelsilbe wird 
er aber synkopiert: Hrdbdla, anmSdlaj lambru (pl. neutr.), wcesma 
(vgL ahd. wahsamo) etc. Unter den urspr. z^-stämmen haben 
magu, sidu, sceadu, sunu etc. mit kurzer Wurzelsilbe u erhalten, 
är, deät5, feorh, flöd etc. mit langer Wurzelsilbe u eingebüsst. 
In urspr. t-stämmen bleibt i {e) nach kurzer wurzel: byre, hyge, 
mete, myne etc.; ist aber nach langer wurzfil (wyrm, lyfty Öyrs 
etc.) verloren. 

Mit recht schliesst Sievers hieraus, dass im. westgerm. die 
Wörter mit kurzer Wurzelsilbe auf der nächstfolgenden silbe 
einen nebenton trugen, den aber die Wörter mit langer Wurzel- 
silbe entbehrten. 

Sievers hebt ferner mit fug den bekannten umstand her- 
vor, dass in einer menge nord. sowol drei- als zweisilbiger 
wöi*ter der i-umlaut ausgeblieben ist, wenn die Wurzelsilbe 
kurz ist, obgleich er in ganz gleichartigen Wörtern, deren 
Wurzelsilbe lang ist, eingetreten: ialda (praet. zu ielia), fluiia 
(praet. zu flyiia) etc. aber brenda (praet. zu brenna), dömda 
(praet. zu dema) etc. etc.; Sturla aber hyndla\ katli (dat. zu 
ketill), luklar (pl. zu lykill) etc. aber englar (pl. zu engill), kynd- 
lar (pL zu kyndill) etc.; danskr aber islenzkr, bemskr; bäztr 
('best') aber lengstr ('längst') etc.; burr^ Danr, halr etc. aber 
drykkr^ bekkr^ belgr (s, 112) etc. 

Hieraus zieht man gewöhnlich . die folgerung, dass i vor 
der {-Umlautsperiode in talda etc., in domda etc. erst später, 
und zwar nach dieser periode, weggefallen sei, was aber von 
der gemeinnord. accentuierung abhänge. Diese soll nämlich 
nach Sievers — und an ihn haben sich später andere ange- 
schlossen — grade den gegensatz zu der des westgerm. ge- 
bildet haben, indem Wörter mit langer Wurzelsilbe (*dömido) 
auf der zweiten silbe einen exspiratorischen nebenton gehabt 
hätten, welchen Wörter mit kurzer Wurzelsilbe {*tälido) auf der 



60 KOCK 

zweiten silbe entbehrt hätten. Diesen gegensatz sucht Sieyers 
(s. 161) so zu erklären, dass die gemeinnord. spräche in dieser 
hinsieht die gemeingerm. betonung beibehalten habe, während 
dieselbe im westgerm. verändert worden sei. 

Ich kann mich dieser theorie nicht anschliessen, und zwar 
aus folgenden gründen. 

Nach Sievers' eigener Untersuchung werden Wörter mit 
zwei mittel vocalen in derselben weise im westgerm. (ags. und 
altsächs.) und im altnord. behandelt. S. 81 heisst es vom ags.: 
'Es wird (wie im nordischen) der zweite [mittelvoc/alj syn- 
kopiert ohne rücksicht auf die Quantität der Wurzelsilbe', und 
s. 88 wird bemerkt, dass dieselbe regel fttr das altsächs. zu 
gelten scheint. Schon dies fällt auf. Denn herrscht Überein- 
stimmung in diesem punkte, so befremdet es unleugbar, dass 
die endvocale der drei- und zweisilbigen Wörter auf absolut 
entgegengesetzte weise im westgerm. und im nord. behandelt 
worden sind. 

Aber noch mehr. Nach der ansieht von Sievers sollen, 
wie schon gesagt, auf gemeingerm. Standpunkte die Wörter mit 
langer Wurzelsilbe einen nebenton auf der zweiten silbe ge- 
habt haben, während dagegen die Wörter mit kurzer Wurzel- 
silbe diesen nebenton entbehrten, und aus dieser älteren be- 
tonung soll die westgerm. ausspräche mit nebenton nach kurzer 
aber nicht nach langer Wurzelsilbe sich später entwickelt 
haben. Diese annähme scheint mir ausserordentlich kühn. 
Es ist wol recht gewöhnlich, dass betonungssysteme im laufe 
der zeit Veränderungen ausgesetzt werden, aber die annähme, 
dass ihnen unmittelbar, so zu sagen, ihr absoluter gegensatz 
nachfolgt (wie es hier der fall gewesen sein soll), kann nur, 
wenn alle anderen erklärungsmittel versagen, berechtigt sein. 

Die sache stellt sich aber noch schlimmer, wenn man be- 
denkt, dass auch im nord. die gemeingerm. betonung, welche 
nach Sievers während der i-umlautsperiode noch erhalten 
wurde, später von der im westgerm. herrschenden betonung 
ersetzt wird. Denn dass diese betonung auch im Norden 
gegen das ende der gemeinnord. sprachperiode gebräuchlich 
gewesen ist, erhellt nunmehr aus sicheren tatsachen, welche 
damals als Sievers seine theorie darstellte, noch unbekannt waren. 
Wenn sie schon damals beobachtet worden wären, würde 



DER /-UMLAUT. 61 

dieser scharfsinnige und kritische forscher seine ansieht wahr- 
scheinlich modificiert haben. Ich denke an die betonung, 
welche sich aus der nord. vocalbalance ergibt, und an die 
verschiedene behandlung der i^-stämme mit kurzer und der- 
jenigen mit langer Wurzelsilbe auf gewissen runensteinen. 

Vocalbalance nennt man bekanntlich die erscheinung im 
altschw., dass die älteren endvocale a, i, u unmittelbar nach 
kurzer Wurzelsilbe beibehalten, nach langer Wurzelsilbe aber 
in resp. ce, e, o geschwächt worden sind: Itva aber bttce (aus 
älterem btta), sptni aber üme (aus älterem ttmi)^ sälu aber 
gävo (aus älterem gavii) etc. etc. Hieraus ergibt sich unwider- 
leglich, dass man, als diese vocalbalance im aitschwed. durch- 
geführt wurde, dieselbe betonung, die von Sievers als westgerm. 
dargelegt worden ist, besass, d. h. einen nebenton (levis) auf 
der zweiten silbe der Wörter mit kurzer, aber keinen nebenton 
(levis) auf dieser silbe der Wörter mit langer Wurzelsilbe 
(siehe Kock, Studier öfver fornsvensk Ijudlära II, 341 flf.). Und 
dass diese betonung gemeinnordisch gewesen ist, wird höchst 
wahrscheinlich teils daraus, dass dieselbe vocalbalance im alt- 
norw. zum teil existiert, teils aus den spuren der vocalbalance- 
gesetze, welche noch in mehreren altertümlichen schwedischen 
und norwegischen dialekten vorhanden sind, teils endlich 
daraus, dass diese betonung noch wesentlich in einem paar 
sehr altertümlichen nord. dialekten fortlebt (siehe Kock, Stu- 
dier II a. a. 0. und besonders s. 356, Arkiv IV, 87 f. und die 
daselbst citierten Schriften). 

Diese betonung wird ferner vollkommen von den runen- 
inschriften bestätigt. Auf dem Sölvesborger steine (mit den 
runen der längeren runenreihe, spätestens etwa vom jähre 
750 1)) findet man also -u in dem u-stamme acc. sunu 



^) Wimmer will (bei Burg, Die älteren nordischen runeninsehriften 
155 [vgl. jetzt auch Die runenschrift 304]) die Inschrift ungefähr so 
datieren. Nach dem aufsatze Montelius' in Svenska Fornminnesföre- 
Bingens tidskrift VI, 236 £f. muss man wol annehmen, dass die ältesten 
Inschriften mit der längeren runenreihe nicht unbedeutend älter sind, 
als sie nach der ansieht Wimmers [noch in der Runenschrift s. 303] 
sein sollen. Da aber der Sölvesborger stein den jüngeren steinen mit 
der längeren runenreihe angehört, so übt das resultat Montelius* keinen 
erheblichen einfluss auf die datierung dieser Inschrift. 



62 KOCK 

'söhn' mit kurzer Wurzelsilbe erhalten, aber in dem t^-stamme 
acc. asmut {Asmund) mit langer Wurzelsilbe verloren (vgl. 
Noreen, Arkiv 111,26 note, Brate, Bezzenbergers Beitr. XI, 190). 
Diese u-stämme sind also in ganz derselben weise wie z. b. 
die t<-8tämme des ags. {sunu aber ^ etc.) behandelt worden, 
und die Ursache muss auch dieselbe gewesen sein.^) 

Das Verhältnis ist dasselbe auf dem Helnseser steine 
(einem der ältesten dänischen steine mit der kürzeren runen- 
reihe) mit acc. sunu aber acc kupumut {Gupmund). Es wird 
zum teil auch vom Böker steine (in Ostgothland; aus dem 
zehnten Jahrhundert) bestätigt, wo die endvocale in sunu, 
karuR (d. h. garuR^ isl. gorr 'gemacht' aus *garwaR) und sitiR 
(pr. sing, zu sitia, also mit dem i der ultima aus ji entstanden) 
erhalten sind (vgl. Hoffory, Gott. gel. anzeigen 1885 nr. 1 8.32 
und Noreen, Arkiv 111,28); die Wurzelsilbe aller dieser Wörter 
ist kurz (das in derselben Inschrift begegnende faikiqn [acc. 
zu feigr] mit erhaltenem i ist hiermit nicht analog). 

Wenn man also auch mit Sievers annehmen wollte, dass 
die ältere gemeingerm. betonung (mit nebenton [levis] auf der 
zweiten silbe der Wörter mit langer Wurzelsilbe aber ohne 
diesen accent auf derselben silbe der Wörter mit kurzer Wurzel- 
silbe) im westgerm. insofern in ihren absoluten gegensatz 
übergegangen ist, dass umgekehrt die Wörter mit kurzen, aber 
nicht diejenigen mit langer Wurzelsilbe einen nebenton auf 
der zweiten silbe trugen — so dürfte es ganz unmöglich sein, 
dass dieselbe höchst üben*aschende procedur auch, und zwar 
unabhängig von der westgerm. entwickelung, im gemeinnord. 
eingetreten ist. 

Diese tatsachen zeugen auf das allerkräftigste gegen die 
hergebrachte auffassung des i-umlautes, nach welcher das nicht- 
eintreten des Umlautes entschieden beweisen soll, dass das 
endungs-i des betreffenden wertes (z. b. praet. talda) vor der 
i-umlautsperiode weggefallen sei. 

Ein anderer umstand widerspricht auch entschieden jener 



^gl* femer die in nordschw. und norwegischen dialekten ent- 
wickelten formen: fära 'fahren' aber brtnn 'brennen* etc., aus fära (mit 
nebenton [levis] auf ultima) und brinna (mit langer wnrzelsilbe und 
ohne levis) entstanden. 



DER /-UMLAUT. 63 

« 

auffassuDg. Bekanntlich nimmt man gewöhnlich an — und 
meiner meinung nach ist diese annähme richtig — , dass die 
langen i-stämme in nom. und acc. sing, lautgesetzlich um- 
gelautet wurden y und dass diese lautgesetzlich entwickelten 
formen in den isl. kvStj dti, s&tt, syn etc. (aus *kvani{R), 
*kväni etc. entwickelt) vorliegen, während die nebenformen 
kväriy ätt, sdtt, siön etc. den unumgelauteten vocal aus anderen 
casus (vgl. got. gen. anstais, dat. anstai etc.) bekommen haben. 
Nun hat aber Hj. Falk in Arkiv III, 297 f. hervorgehoben — 
obgleich er daraus eine andere folgei-ung als ich zu ziehen 
sucht — dass solche fem. i-stämme (entweder immer oder in 
den ältesten isl. handsehriften) den umlaut entbehren, wenn sie 
das erste glied einer composition bilden, und es heisst also 
kvänfang etc., ätinipr etc., sättband etc., sienhagr etc. Dieses 
befremdet sehr, wenn man die hergebrachte i-umlautstheorie 
aufröcht halten wilh Denn bekanntlich werden in den germ. 
sprachen die stammvocale länger erhalten, wenn sie im ersten 
gliede eines compositums vorkommen^ als sonst; vgl. got. ^u/>a- 
skaunei 'gottesgestalt' aber gup, ahd. brüti-gomo aber brüt etc. 
etc. Es muss deshalb kväni-fang etc. noch zu einer zeit ge- 
heissen haben, als die einfachen kvceneXc. das endungs-i schon 
eingebttsst hatten. 

Ein raisonnement, zum teil dem oben s. 60 ff. mitgeteilten 
ähnlich, hat Hj. Falk, Arkiv III, 288 ff. veranlasst sich gegen 
die Sieverssche theofie von dem gemeinnord. vocalverluste zu 
erklären und anzunehmen, dass die westgerm. betonung auch 
gemeinnord. und während einer periode gemeingerm. gewesen 
ist. In betreff eines solchen directen Zusammenhanges 
zwischen der westgerm. und der hier als gemeinnord. erwiese- 
senen betonung teile ich seine ansieht; seine motivierung dieser 
ansieht ist aber meiner meinung nach nicht haltbar, wenn er 
wahrscheinlich zu machen sucht, dass der ^-umlaut hauptsäch- 
lich in nordischen Wörtern mit kurzer Wurzelsilbe zu hause 
sei, während er in Wörtern mit langer Wurzelsilbe öfter nicht 
eingetreten sei. Er hält also die hergebrachte auffassung, dass 
das eintreten oder nicht-eintreten des i-umlautes unbedingt 
die zeit des vocal Verlustes entscheide, aufrecht; zieht aber in 
zweifei, dass der umlaut in Wörtern mit kurzer Wurzelsilbe 
ausbleibe. 



64 KOCK 

Es ist ihm aber, nach meiner Überzeugung, nicht gelungen 
die Zuverlässigkeit der von Sievers und anderen dargelegten 
tatsachen zu verringern. 

Falk gibt selbst zu, dass unter den auf einem früheren 
Sprachstadium dreisilbigen formen (wie talda und d^mda etc.) 
es die werter mit kurzer Wurzelsilbe sind, welche den umlaut 
entbehren; er versucht aber dies daraus zu erklären, dass die 
betonungsverhältnisse der urspr. dreisilbigen werter von denen 
der ursp, zweisilbigen Wörter verschieden gewesen (s. 296 note); 
Obgleich also z. b. *haHR mit kurzer Wurzelsilbe nebenton auf der 
zweiten silbe hatte, und ^gastiR mit langer Wurzelsilbe diesen 
nebenton entbehre, so soll nichtsdestoweniger umgekehrt *domido 
mit langer Wurzelsilbe diesen accent gehabt und *lalido mit 
kurzer Wurzelsilbe ihn auf der zweiten silbe entbehrt haben. 
Aber hierdurch wird ja die ganze erwünschte Übereinstimmung 
zwischen dem westgerm. und dem nord. aufgehoben, da be- 
kanntlich in den westgerm. sprachen auch die dreisilbigen 
Wörter mit kurzer Wurzelsilbe (im gegensatz zu denen mit 
langer Wurzelsilbe) den nebenton auf der zweiten silbe trugen 
(siehe Sievers, Beitr. V, 70 ff., 82 ff., 89 ff.; Angels. gramm.* 
s. 59; Braune, Althochd. gramm. § 66). Und hierzu kommt 
noch, dass in der gemeinnord. spräche selbst ein auffälliger 
contrast zwischen der betonung der zweisilbigen und der der 
dreisilbigen Wörter existiert haben müsste, da nach der theorie 
Falks die betonung der zweiten silbe der dreisilbigen Wörter 
(sowol derjenigen mit kurzer als derjenigen mit langer Wurzel- 
silbe) würde der betonung derselben silbe der zweidlbigen 
Wörter entgegengesetzt gewesen sein. 

Und dies ist um so viel sonderbarer, als nach dem Zeug- 
nisse der altschw. vocalbalance dreisilbige und zweisilbige 
Wörter in dieser hinsieht auf dieselbe weise betont wurden: 
die mit kurzer Wurzelsilbe mit nebenton (levis) auf der zwei- 
ten, die mit langer Wurzelsilbe ohne diesen nebenton auf der 
zweiten silbe. Man hat nämlich tiughunde 'der zwanzigste' 
(mit u in penultima) ebenso wie /2%Ätt ' zwanzig '; syninef^Avd 
söhne' mit % in penultima) ebenso wie syni 'söhne'; tungona 
(*die zunge') und iungo ('zunge'); rcettena (*die rechte', acc. 
pl.) und rcBtte ('rechte') etc. etc. gesprochen. Schon der um- 
stand, dass Falk genötigt wird die ursprünglich dreisilbigen 
und die ursprünglich zweisilbigen Wörter zu trennen, macht 



DER /-ÜMLAÜr. 65 

es nach meiner auffassung, unmöglich seine anficht zu accep- 
tieren. 

Aber auch die urspr. zweisilbigen werter zeugen kräftig 
gegen Falks theorie. Um die Schwierigkeit, welche die masc. 
f-stämme verursachen, zu beseitigen, sucht wol Falk wahr- 
scheinlich zu machen, dass die 'tendenz' i-umlaut in nom. und 
acc. sing, anzunehmen nicht geringer bei den Wörtern mit 
kurzer als bei denen mit langer Wurzelsilbe sei. Beide Massen 
haben bekanntlich den umlaut dieser casus aus nom. und 
acc. pl. bekommen können, und sie beweisen deshalb wenig. 
Dass aber wirklich Sievers (Beitr, V, 112) und Noreen (Isl. 
grammatik § 306; vgl. auch Bugge, Rune-indskriften paa ringen 
i Forsa kirke, Kristiania 1877, s. 21 note 1) mit recht an- 
nehmen, dass der /-umlaut im nom. und acc. sing, der i-stämme 
mit kurzer Wurzelsilbe lautgesetzlich ausblieb, scheint mir 
sicher zu sein, und auf jeden fall wird es von dem von Falk 
Arkiv III, 296 mitgeteilten nicht widerlegt. Wenn man näm- 
lich, wie er geneigt zu sein scheint, alle die von Wimmer, 
Fomnordisk formlära §41b angeführten Wörter als ursprüngL 
t-stämme auffasst, so ergibt sich eine grössere zahl mit langer 
Wurzelsilbe und umlaut in nom. und acc. sing, als mit kurzer 
Wurzelsilbe und umlaut in diesen casus. Um das nicht-eintreten 
des Umlautes in andei'en Wörtern mit urspr. kurzer Wurzelsilbe 
zu erklären, wird Falk genötigt viele anlehnungen zu postu- 
lieren; so soll danskr (im gegensatz zu hemskr) sein a aus 
den urspr. dreisilbigen casus bekommen haben etc. etc^) 

Ich fürchte nicht mich einer Übertreibung schuldig zu 
machen, wenn ich wegen der obigen erörterungen behaupte, 
dass unüberwindliche Schwierigkeiten die ansieht Falks un- 
möglich machen. 

Die frage gestaltet sich also folgendermassen. Das west- 
germ. betonungsgesetz herrschte auch in der gemeinnord. 
Sprache, und wenigstens so früh als um 750. Diese betonung 
muss wegen der oben angeführten gründe gemeingerm. gewesen 



^) Die annähme Falks, dass die composita kvdnfang etc. ohne 

t-umlaut beweisen, dass der umlaut der einfachen Wörter kvcbn (neben 

kvdn) etc. unnrsprünglich sei, ist nach meinung ausserordentlich kühn, 

und ich hoffe , dass eine ganz befriedigende erklärung dieser Wörter 

{kvdnfang etc.) nnten gegeben wird. 

Beiträge zur gesohichte der deutschen spräche. XIV. ^ 



66 KOCK 

sein. Dies widerstreitet durchaus der hergebrachten, aus- 
schliesslich^ auf der i-umlautstheorie fussenden, auffassung des 
gemeinnord. vocalverlustes. Gegen diese i-umlautstheorie spricht 
femer die tatsache, dass das isl. kvcen etc. (mit umlaut) aber 
kvänfang etc. (ohne umlaut) hat. Die frage drängt sich deshalb 
von selbst auf: ist wirklich die hergebrachte auffassung des 
f-umlautes richtig? 

Schon oben habe ich eine verneinende antwort hierauf 
gegeben; jetzt werde ich mit einigen Worten darzulegen ver- 
suchen, dass die von mir dargestellte i-umlautstheorie, welche 
mit dem, was wir vom t^-umlaute wissen, genau übereinstimmt, 
die Schwierigkeiten beseitigt 

1. In der älteren e-umlautsperiode wurde der umlaut 
durch den wegfall des Mautes der endung bewirkt, ebenso 
wie der z^-umlaut in der älteren (gemeinnordischen) u-umlauts- 
periode durch den wegfall des u-lautes der endung bewirkt 
wurde. 

Uebereinstimmend mit dem westgerm. trug die gemeinnord. 
spräche einen nebenton auf der zweiten silbe der Wörter mit 
kurzer aber nicht auf derselben silbe der Wörter mit langer 
Wurzelsilbe. Die folge hiervon war, dass, ebenso wie der vocal 
der zweiten silbe in den ags. ädela, hyre etc. blieb, so blieb 
er auch vorläufig in den nord. "^tälido (praet), ^käiile (dat. 
sing.), *^danijt (nom. sing., isl. Banr) etc. Der wurzelvocal 
wurde deshalb nicht umgelautet. Ebenso aber wie der vocal 
der zweiten silbe in den ags. Hrcbdla, wyrm etc. wegfiel, so 
fiel er auch in den nord. *dömido (praet.), *angile (dat sing.), 
*gastiR (nom. sing.) etc. weg. Damit trat der umlaut ein: 
demda, engli, gestr etc. Womit man die tatsache vergleiche, 
dass aus nom. sing. fem. *allu bei dem Verluste des u der 
endung oll wurde, aus *gavugan gofgan etc., während alhm 
mit erhaltenem u auch den a-laut erhielt 

2. Nach dieser ersten f-umlautsperiode trat ein Zeitraum 
ein, in welchem kein i-umlaut bewirkt wurde (ein Zeitraum, 
der mit dem gleich zu stellen ist, in welchem nach der durch- 
führung des älteren (gemeinnord.) t^-umlautes der jüngere 
(isl.) r^-umlaut noch nicht eingetreten war). In diesem, zwischen 
die beiden i-umlautsperioden fallenden, Zeiträume fielen die 
kurzen endvocale in *(älido, *kätile, *däniR etc. mit kurzer 



DER i-ÜMLAüT. 67 

Wurzelsilbe weg, wodurch die nord. unumgelauteteu formen 
taida, kaili, Danr etc. entstandeD. 

Jetzt versteht man auch, warum die isl. kvden^ leit, s&tt, 
syn etc. umgelautet, aber kvänfang, dUnipr, satthandy siönhagr 
etc. unumgelautet sind, vgl. oben s. 63. Ebenso wie in ande- 
ren germ. sprachen hat sich der stammvocal in den zusammen- 
gesetzten ^kvcmifang etc. länger als in den einfachen *kvUni(R) 
etc. erhalten. In *kvani{R) fiel i in der älteren e-umlautsperiode 
weg, ebenso wie in anderen Wörtern mit langer Wurzelsilbe (*gastiR 
> geslr etc.), und deshalb bekam man kvcen. In *kvdnifang 
aber fiel t erst ungefähr^) gleichzeitig mit dem i-laute der ein- 



Vielleicht fiel es etwas früher in *kväni^ang etc., als in *J)aniR 
etc. aus. Der Sölveshorger stein mit asmut (Asmund; ans *ansU'm,) 
aber sunu zeigt, dass das u sich länger erhalten hat in kurzen, einfache 
Wörter bildenden stammen als in langen stammen^ wenn diese das erste 
glied eines compositums ausmachten. 

Das Verhältnis ist vielleicht ein analoges bei den f-stämmen ge- 
wesen, aber der Zeitraum, welcher zwischen den beiden t-umlantsperioden 
lag, kann in solchem falle sehr wol so lang gewesen sein, dass in dem- 
selben i so wol in *kvänifang etc. als in *DaniR etc. hat wegfallen 
können. 

Gegen die hier gegebene erklärung der lantentwickelnng *kvänu 
fang =^ kvänfang etc. spricht nicht die lauten twickelung *dömido :^ 
deimda etc., obgleich so wol *kväni-fang als *dömido lange Wurzelsilbe 
und haaptton (fortis) auf der ersten, nebenton auf der letzten silbe hatte. 
Man mnss sich nämlich erinnern, dass die betonung der Wörter doch 
keineswegs identisch war, weshalb i früher in *dömido als in *kvänifang 
ausfiel. Denn das einfache *domtdo trug auf ultima einen schwachen, 
das zusammengesetzte *kväni-fang aber auf derselben silbe einen 
starken nebenton. Der unterschied zwischen der betonung der ultima 
in *dömido und *kväni-fang ist etwa derselbe gewesen, als der unter- 
schied zwischen der betonung der ultima in dem einfachen nhd. rettete 
(mit schwachem) und dem zusammengesetzten nhd. kesselring (mit 
starkem nebentone auf ultima), oder in dem einfachen neuschw. räddade 
^rettete' und dem zusammengesetzten neuschw. kittelring 'kesselring*. 
Ganz a priori betrachtet, würde man wol am meisten geneigt sein an- 
zunehmen, dass ein vocal am frühesten wegfallt, wenn sowol die vor- 
hergehende als die nachfolgende silbe relativ stark betont ist. Dem 
war aber in den altgerm. sprachen (wenigstens oft) nicht so. Die tat- 
sachen lehren nämlich, wie schon gesagt, dass der stammvocal länger 
blieb, wenn das betreffende wort das erste compositionsglied ausmachte, 
als sonst. Da aber der kurze vocal länger zwischen den relativ stark 
betonten silben im got. gupa-skaunei als in gup blieb, so befremdet ea 



68 KOCK 

fachen Wörter mit kurzer Wurzelsilbe, d. b. nacb dem ende 
der älteren i-umlautsperiode und vor dem anfange der jünge- 
ren i-umlautsperiode aus, wesbalb man kvänfang ebenso wie 
talda^ Danr etc. l^ekam. 

3. Aber ebenso wie man nach der älteren, gemeinnord. 
t^-umlautsperiode (in welcher das eintreten des iz-umlautes von 
dem wegfalle des folgenden t^-Iautes bedingt war) eine jüngere 
2«-umlautsperiode annehmen muss (in welcher der ^«-umlaut ein- 
trat, obgleich der uAsivA der endung blieb), so folgte der älte- 
ren 2-umlautsperiode (in welcher das eintreten des f-umlautes 
von dem wegfalle des folgendes i-lautes bedingt war) eine 
jüngere i-umlautsperiode nach, in welcher der umlaut eintrat, 
obgleich das endungs-i(-:/') stets blieb. Während dieser trat 
also der umlaut, unabhängig davon, ob die Wurzelsilbe lang 
oder kurz war, ein. Jetzt wurde *lükilP) in lykill ebenso wie 
^ angin in engill umgelautet; ^sküti (conj. praet.) in skyii ebenso 
wie */on (conj. praet.) in /m; *slägir (nom. pl. des i-stammes) 
in altgutn. slegir ebenso wie *gastir (nom. pl.) in isl. gestir\ 



nicht, dass er auch länger in *kvan%-fm\g als in ^dömido blieb, obgleich 
(oder vielleicht grade weil) die ultima in *kväni-fang stärker als die 
ultima in *dömido betont war. Ich finde eine parallele im neuschw. 
Noch im älteren neuschw. hatten so wol die zusammengesetzten 
tänke-sält *denkart', smäde-skrift 'Schmähschrift', sküje-väg 'Scheide- 
weg' etc. (mit haupttone auf antepaenultima und starkem nebentone auf 
ultima) als auch die einfachen ^tre^^a 'grille', kreweta ^)sxeib%\ lerikia 
'lerche', meyeran 'majoran' etc. (mit haupttone auf antepaenultima und 
schwachem nebentone auf ultima) e in paenultima. Nunmehr (und so 
schon in der zweiten hälfte des 18. Jahrhunderts; vgl. Rock, Undersök- 
ningar i svensk spräkhistoria 59) ist e in den einfachen syrsa, kräfta^ 
lärka, mejram weggefallen, während es noch in den zusammengesetzten 
iänkesäit, smädeskrift^ skiljeväg etc. bleibt. Auch das ahd. bietet eine 
parallele, wenn nämlich — was wahrscheinlich ist — die annähme Pauls 
Beitr. VI, 151 ff. (vgl. auch Braune, Althochd. gramm. §66 anm. 1) richtig 
ist, dass die Wörter mit langer Wurzelsilbe die mittelvocale in grösserem 
umfange im urahd., als die meisten uns überlieferten Urkunden zeigen, 
verloren haben {herro etc.). Denn noch im ahd. findet man ja die stamm- 
vocale der ersten compositionsglieder {hrüti-gomo etc.; siehe Grimm, 
Grammatik II, 414 f.) erhalten. 

^) Ich setze die Wörter in der isl. form (mit ausnähme der nnum- 
gelauteten vocale) an, weil es für unsere frage gleichgiltig ist, ob schon 
bei der durchführung des t-umlautes -r zu -r geworden w<ar oder nicht, 
ob 'Ir zu -// assimiliert worden war oder nicht u. s. w. 



DER /-UMLAUT. 69 

das subst. *brunja in brynia] das verb ^valja in velia etc. etc. 
Vgl. den Übergang isl. allum > gllum etc. 

Hiergegen kann man natürlich nicht einwenden, dass, da 
man bei der synkopierung des u in *säpulaE soplar bekam, 
man auch bei der synkopierung des i in *luküaB lyklar (nicht 
luklar) bekommen müsse. Denn teils wurde bekanntlich das 
endungs-i« später als das endungs-e eingebüsst, teils wurde der 
ältere i-umlaut in einer anderen periode als der ältere i«-umlaut 
durchgef&hrt. 

Durch diese auffassung des i-umlautes wird licht auch 
über die isl. Wörter Jdpli 'natur, natürliche art*, Jdplingr * fürst* 
und difglingr * fürst* verbreitet. Wimmer hat in Det philogisk- 
historiske Samfunds Mindeskrift (Kopenhagen 1879) s. 178 
wahrscheinlich gemacht, dass die erste silbe dieser Wörter 
sowol w- als e-umlaut haben, weil die entwickelung *apuli > 
gpli > JdpU^) (vgl. apal)\ *dagulingr > ^doglingr > difgUngr 
etc. gewesen ist. Wie Wimmer bemerkt, muss der e-umlaut 
(von o) in diesen Wörtern ganz jung sein, da er, nachdem das 
a der ersten silbe in o umgelautet war, eingetreten ist. Wenn 
man die hergebrachte auffassung des e-umlautes aufrecht hal- 
ten wollte, so würde also die Wirkung desselben sich über 
eine ungeheuer lange periode erstreckt haben (da er schon 
vor dem wegfalle des i in *dömido etc. gewirkt haben würde). 
Durch die hier vorgeschlagene theorie stellt sich aber die 
Sache ganz einfach. In ^pUj ^plingr, defglingr haben wir ein 
beispiel des älteren z^-umlautes (mit weggefallenem u) und 
des jüngeren i-umlautes (mit erhaltenem i). Diese Wörter 



^) Gegen diese auffassuDg kann nicht mit fag geltend gemacht 
werden (wie man es privatim versucht hat), dass die correcte schreibang 
0pli (mit langem e\ nicht epli) sei, weil die Wurzelsilbe eine andere 
ablautsstufe als apcd enthalte, und das wort am nächsten mit öpal zu 
combinieren sei. Nach einer mir gefälligst von dr. Ludwig Larsson hier- 
sei bst mitgeteilten notiz begegnen nämlich in folgenden isl. handschrif- 
ten, welche zu den allerältesten zählen, nur folgende formen: in dem 
Stockholmer homilien buche: ^ple 8 mal, eple 23 m.; im älteren teile des 
Cod. Am. 645: eple 5m., gple Im.; in Elucidarius: eple 5m., ^ple 
2 m., ople 5 m.; im älteren teile des Cod. Am. 1812: eple 3 m., ^ple 
1 m.; und in keiner dieser hs^ndschriften wird daß wort je mit accent* 
:^ichen geschrieben. 



70 KOCK 

geben also einen wink in betreff der Chronologie dieser laut- 
gesetze. Sie zeigen nämlich, dass die jüügere i-umlauts- 
periode noch nach der durchftthrung des älteren i«-umlautes 
dauerte. 



Durch diese Untersuchung wird auch die speciell nordische 
betouung und die davon abhängige quantität der nordischen 
endvocale beleuchtet 

In Arkiv IV, 87 ff. ist es mir, wie ich hoffe, darzulegen 
gelungen, dass mit Sicherheit das altschw. und altnorw., und 
aller Wahrscheinlichkeit nach die spräche des ganzen nordens, 
noch in später zeit lange endvocale unmittelbar nach kurzer 
Wurzelsilbe hatten, während aber die endvocale unmittelbar 
nach langer Wurzelsilbe kurz waren. Bekanntlich waren sie 
kurz auch in der dritten und vierten silbe aller Wörter un- 
abhängig von der quantität der Wurzelsilbe. Im altschw. hat 
man also Itvä 'leben' aber brinnä 'brennen*, sälü (obl. casus 
zu sola 'verkauf) aber gävö (praet. 'gaben'), sptm 'brüst, 
euter* aber tme 'stunde', vinlr 'freunde* aber tiptr 'zeiten* 
etc. etc. ausgesprochen. A. a. o. Hess ich unentschieden, ob 
die langen endvocale die ursprüngliche^ länge erhalten, 



^) Diese Vermutung ist von Noreen, wenigstens was den endvocai 
-a (jetzt -ä) in dem Elfdaler dialekt (in Dalekarlien) betiifft: livä 4eben' 
etc. ausgesprochen worden (siehe bei Eock, Studier öfver fornsvensk 
Ijudlära II, 550). 

Die länge der endvocale nach kurzer Wurzelsilbe in den altnord. 
sprachen geht aus folgenden tatsachen hervor. 1. Man besitzt wenig- 
stens eine altschw. handschrift, wo in Wörtern mit urspr. kurzer Wurzel- 
silbe die länge der endvocale a und u (oder vielleicht lieber ihre, von 
der früheren länge abhängige, qualitative ausspräche) durch die Schrei- 
bung aa und tv bezeichnet wird: ialaadhe (zu iälä) ' sprach ^ skipaat 
(zu skipä) * eingerichtet' — cerrv *sind', vikw (zu v^kä) *woche' aber 
immer rcekna, allahanda, skelrva; maato, nödhogh etc. mit einfachem 
a und in der endung, wenn die Wurzelsilbe lang ist. — 2. Mehrere 
sehr altertümliche dialekte haben den endvocai ä in den Wörtern, deren 
Wurzelsilbe kurz (aber nicht in den Wörtern, deren Wurzelsilbe lang) ist: 
Uvä (aus tiva) 'leben', häkä (aus häka) 'backen' etc. Der <f-laut muss 
hier wie sonst in diesen dialekten aus älterem langem a hervorgegangen 
sein. Früher also Uvä, bäkä etc. — 3. Die nenschw. 'reichssprache' 
hat noch kurzen geschlossenen uAaxit in Uli salu ('zu verkaufen'; 
obl. casus zum altschw. subst. sälä), huru 'wie' etc., deren warzelsilben 



DER i-ÜMLAüT. 71 

oder aber unter dem drucke des auf ihnen ruhenden neben- 
toues (levis) in relativ später zeit nach einer vorhergehenden 
kürzung, wider verlängert worden sind. 

Ich meine mich jetzt bestimmter aussprechen zu können. 
Nach dem Zeugnisse der altschw. und altnorw. vocalbalance 
lebte die gemeingerm.-umordische betonung noch nach der 
Spaltung des gemeinnord. in verschiedene nordische sprachen 
fort. Im urnord. trug also sowol nom. sing. *vliniR * freund' 
als auch nom. pl. vmiR ^freunde' einen ausgeprägten nebenton 
auf ultima, während die ultima des nom. sing. ^ttdiR ^zeit' 
und die des nom. pl. *ttdlli ' Zeiten' diesen nebenton entbehr- 
ten. Dieser accent konnte aber nicht die kurzen, endvocale 
auf die dauer schützen, sondern aus ^vtntR ^freund' entwickelte 
sich *vinR, vinr (ebenso wie aus ^ttdüR ohne levis auf ultima 
*/i>[ij]). Die langen endvocale der pl. *t;iwtij, "^tidlR wurden 
insofern erhalten, als sie nicht wegfielen, aber während der 
nebenton auf der ultima des pl. *vmtR die länge des end- 
vocales noch im altschw. vtmr erhielt, wurde der endvocal im 
altschw. itpir verkürzt. Da der altschw. pl. vtnir also von 
gemeingerm. zeit an den nebenton (levis), von welchem grade 
die länge der ultima abhängig ist, erhalten, so hat man gar 
keinen grund ein Zwischenstadium vtmr mit verkürztem end- 
vocale zwischen dem urnord. *viniR und dem altschw. vtnir an- 
zunehmen. 

Die länge der altnord. endvocale nach kurzer Wurzelsilbe 
ist also uralt. 



Eine bemerkung zum umlaute von einem gemeinsprach- 
lichen gesichtspunkte aus sei hier mitgeteilt. 

Der ältere umlaut ist offenbar keine Spracherscheinung, 
die dem jüngeren umlaute ganz gleichzustellen ist, da der 



früher kurz waren, während sonst nur der lange (nicht der kurze) uAsLut 
geschlossen ist. Dies ist nur so zu erklären, dass in sälu, hüru etc. 
das endnngs-u früher lang war. Da aber im altschw. nur a, u und % 
nach kurzer Wurzelsilbe als endvocale gebraucht wurden, und da a und 
u in dieser Stellung lang waren, so muss auch der dritte endvocal t (der 
mit jenen ganz analog gebraucht wird) in derselben Stellung lang ge- 
wesen sein. Siehe ausführlich hierüber Kock, Länga ändelsevokaler i det 
nordiska fornspräket (Arkiv IV, 87 ff.). 



72 KOCK 

Wegfall des umlautwii'kendea lautes eine notwendige bedingung 
für den älteren umlaut ist, während der umlautwirkende laut 
selbst bleibt, wenn von ihm der jüngere umlaut hervorge- 
bracht wird. • 

Man besitzt eine recht gute parallele des älteren umlautes 
in der in vielen neunordischen dialekten begegnenden s. g. 
geminierung. Diese besteht bekanntlich darin, dass bei dem 
Verluste des endvocales (z. b. -a in brinna 'brennen') der .auf 
diesem vocale ruhende sowol musikalische als exspiratorische 
accent auf die vorhergehende silbe zurückgeworfen wird, welche 
hierdurch mit ihrem älteren musikalischen accent die auf diese 
weise neu^erworbenen accente vereinigt. i) Nach dem Verluste 
des a (in brinna) bekommt also das wort brinn (fast brlinn 
ausgesprochen) zwei musikalische accente und zwei ausge- 
prägte exspirationsgipfel, wodurch der vocal der silbe gewisser- 
massen geminiert zu sein scheint. Ebenso wie das musika- 
lische Clement und der exspiratorische druck, welche dem -a 
in brinna zukamen, bei dem Verluste des a-lautes auf die erste 
silbe brinn übertragen werden, so wird auch bei dem Verluste 
des 'i z. b. in *kväni das dem e-laute zukommende palatale 
Clement auf die vorhergehende silbe übertragen, was die be- 
dingung des Umlautes in kvcen ausmacht.^) 



') Aehnliche erscheinuDgen begegnen in mehreren anderen sprachen 
(altind., griech., neudeutschen dialekten etc.; vgl. z. b. Kock, Svensk 
akcent II, 438). 

^) Wenn meine (in Svensk akcent II, 432 ff. [vgl. auch Studier öfver 
fornsvensk Ijudlära II, 356 note] begründete) annähme betreffend den Ur- 
sprung der zusammengesetzten musikalischen und der zweigipfligen 
cxspiratorischen accente der modernen nordischen sprachen richtig ist, 
so bekommt man eine noch bessere paraUele der entwickelung *kväni 
:^ kv^n, *dömido =^ dömda etc. Ich erkläre nämlich a. a. o. den ex- 
spiratorisch zweigipfligen und den musikalisch zusammengesetzten 
accent auf der penultima des neunord. dömde 'urteilte' etc. daraus, dass 
der exspiratorische und musikalische accent, welcher früher dem jetzt 
weggefallenen i in *domido zukam, bei dem Verluste dieses vocales auf 
die Wurzelsilbe zurückgeworfen worden ist; vgl. die entwickelung des 
modernen brinna :^ brinn. Gleichzeitig mit dieser Übertragung des dem 
t-laute zukommenden (cxspiratorischen und musikalischen) accentes in 
*dömido ist auch das dem i zukommende palatale dement auf die Wurzel- 
silbe übertragen worden. Aber die frage vom zurückwerfen des accentes 
in *döm{i)dü etc. ist keineswegs von entscheidender bedeutung für die 



DER /-UMLAUT. 73 

Eine andere frage ist es, wie die pälatalisierung von dem 
wegfallenden laute auf den wurzelYocal tibertragen wurde. Da 
z. b. in ^gasüR die pälatalisierung des a offenbar grade vom 
wegfalle des i abhängt, so ist es gar nicht undenkbar, dass hier 
eine art metathese vorliegt, so dass ans *gasHR znersi ^ga*s tu 
(mit einem reduciei-ten nachschlage von i nach a) und später 
gestr wurde. Der grund, warum der diphthong a* nicht wie 
der diphthong ai die entwickelung zu ei bekam, ist dann offen- 
bar grade der, dass die beiden diphthonge a* und ai nicht 
gleich waren (in ai war der Maut nicht reduciert). 

Da aber eine metathese (wenigstens im gewöhnlichen sinne 
des Wortes) bei der erklärung des jüngeren umlautes (der von 
einem in der endung immer bleibenden i gewirkt wurde) 
nicht vorausgesetzt werden kann, und da der ältere und der 
jüngere umlaut, insofern es möglich ist, wol auf ähnliche weise 
aufzufassen sind, so bin ich geneigt die soeben angedeutete 
erklärung aufzugeben und, übereinstimmend mit der nunmehr 
gewöhnlichsten ansieht, die beiden i-umlaute als eine art 
mouillierung zu erklären, welche von dem der Wurzelsilbe fol- 
genden i (J) ausgehend, zuerst auf den vorhergehenden conso- 
nanten (die vorhergehenden consonanten) und später von diesem 
auf den wurzelvocal übertragen wurde. Diese auffassung ist 
bekanntlich zuerst von Scherer, Zur geschichte der deutschen 
spräche^ 142 ff. und nachher (unabhängig von ihm) von Sievevs 
in den Verhandlungen der achtundzwanzigsten versamml. der 
deutschen philologen u. schulmänner in Leipzig, 1872, s. 189 ff. 
(vgl. auch Sievers, Phonetik^ s. 238) dargestellt worden. Die 
möglichkeit einer solchen durchgeführten pälatalisierung der 
consonanten zeigen die sla vischen sprachen, ^welche zwei voll- 
ständig getrennte parallele consonantenreihen, harte und er- 
weichte, oder deutlicher unmouillierte und mouillierte unter- 
scheiden' (Sievers). Bekanntlich findet sich auch im zend und 
im irischen pälatalisierung von consonanten in grosser aus- 
dehnung, welche pälatalisierung von einem nach dem conso- 
nanten folgenden palatalvocal hervorgerufen worden ist (siehe 
z. b. Brugmann, Grundriss s. 479. 481). 

erklärung des umlautes in dgtnda, kvcen etc., so dass, wenn man auch 
jene nicht aoceptieren will, diese natürlich keineswegs damit hin- 
fällig wird. 



74 KOCK 

In solchem falle ist z. b. in *kväni die palatalisierung beim 
wegfalle des ultima-vocales auf den vorhergehenden consonan* 
ten (n) und von diesem weiter auf den wurzelvocal (ä), so 
dass man kvcen erhielt, übertragen worden. Das griechische 
bietet gewissermassen eine parallele, wenn in dieser spräche 
aus *q)avia) q)alva>, aus ^'öenviov ösljtvov etc. dadurch wurde, 
dass — nach der gewöhnlichen annähme — erst der mittel- 
consonant (oder die mittelconsonanten) palatalisiert wurde, 
und nachher aus dem palatalen consonanten ein t nach dem 
wurzelvocal sich entwickelte (siehe z. b. Meyer, Griech. gramm.^ 
s. 121, Brugmann in Griech. u. lat. Sprachwissenschaft s. 41 
und sein Grundriss s. 480). Das /, von welchem die palatali- 
sierung im griech. ausgegangen ist, bleibt nie, und es ist des- 
halb möglich und vielleicht wahrscheinlich, dass die palatali- 
sierung des V in *g)avj.(D etc. grade durch den verlust des ^ 
hervorgerufen wurde, ebenso wie im norden die palatalisierung 
des n in *kvani etc. durch den verlust des L In der späte- 
ren nordischen 2-umlautsperiode gieng aber die palatalisierung 
von einem immer stehen bleibenden palatalvocal aus, so 
dass der i-Iaut der ultima z. b. in *lukill das palatale dement 
dem A:-laute mitteilte, wonach die palatalisierung auf den vocal 
der paenultima: lykill übertragen wurde. Auch hierzu scheint 
das griechische, und zwar das neugriechische, eine parallele 
darzubieten, da (nach Hatzidakis; siehe Meyer a. a. o.) 'die 
vor i und e palatal gesprochenen y, x, x vor sich ein mini- 
males i erzeugen: dfß aysc, mdfxi l^c^XV^ etc. 

Ob im norden die umgelauteten vocale (in kvcen, lykill etc.) 
auf einem früheren Stadium aus den ursprünglichen vocalen 
mit einem nachschlage von i (also *kvä*n, *lu*kill etc.), in Über- 
einstimmung mit diesen neugriech. lauten, bestanden haben, ist 
eine frage, welche, so viel ich sehe, nicht mit bestimmtheit 
beantwortet werden kann.i) 

Mit diesen mehr theoretischen erörterungen sei es aber, 



^) Hierfür spricht jedoch vielleicht der umstaDd, dass in der isl. 
Schrift Ägrip (vgl. die ausgäbe V. Dahlernps s. XIV) ei bisweilen statt 
e geschrieben wird, wenn in der folgenden silbe ein e steht: dreipiistBii 
drepiiy ueirit statt verit etc. Die lautentwickelung drepit ^=^ dreipii etc. 
ist natürlich erst spät und nur dialektisch eingetreten und kann nur als 
(ßine art parallele des Umlautes aufgefasst werden. 



ZUB URGERMANISGHEN BETONUNGSLEHBE. 75 

wie es wolle. Sie sind für die übrige Untersuchung von kei- 
nem wesentlichen belang, und ich glaube deshalb als das 
resultat dieses aufsatzes notieren zu können: 

1. Man hat im norden zwei verschiedene e-umlautsperioden 
gehabt, in welcher der umlaut in dem oben s. 57 f. dargelegten 
umfange und unter den a. a. o. mitgeteilten bedingungen be- 
wirkt wurde. 

2. Ebenso wie u fiel auch i (und deshalb wahrscheinlich 
auch d) als endvocal früher in Wörtern mit langer als in denen 
mit kurzer Wurzelsilbe ab. 

3. Im gemeingerm. trugen Wörter mit kurzer Wurzelsilbe 
einen ausgeprägten nebenton (levis) auf der zweiten silbe, 
welchen accent aber die Wörter mit langer Wurzelsilbe ent- 
behrten. Diese betonung vererbte sich sowol auf die westgerm. 
sprachen als auf das umordische, und von diesem pflanzte 
sie sich unmittelbar auf die verschiedenen altnordischen spra- 
chen fort. 

4. Die in diesen sprachen (altschw. und altnorw.) nach 
kurzen Wurzelsilben gebräuchlichen langen endvocale haben 
unter dem drucke des nebentones (levis) die ursprüngliche 
Quantität beibehalten. 

LÜND. AXEL KOCK. 



ZUR URGERMANISCHEN BETONUNGSLEHRE. 

In Zusammenhang mit dem vorigen aufsatze werde ich ein 
pa^r bemerkungen zur urgerm. betonung mitteilen. 

Bekanntlich ist der Wortschatz der neunord. sprachen 
zwischen zwei verschiedene betonungssysteme verteilt, so dass 
die im altnordischen einsilbigen Wörter {ulf altn. ulfr\ dag 
altn. dagr\ bönder altn. bendr) das eine betonungssystem (den 
acc. 1), die im altnord. zwei- oder mehrsilbigen Wörter {tider 
altn. lipir, saker altn. saJiir) aber das andere betonungssystem 
(den acc. 2) anwenden. Es ist kein grund zu vermuten, dass 
der Wortschatz in den späteren Sprachperioden auf diese weise 
zwischen die beiden betonungssysteme verteilt worden ist« 



76 , KOCK 

K. Verner (Anzeiger für deutsches altertum und deutsche litte- 
ratur VII, s. 11 f.; vgl. auch Kock, Syensk akcent II, 432 flf.) 
uimmt deshalb wahrscheinlich mit recht an, dass sie schon im 
urnordischen gebräuchlich waren, so dass im urnord. zwei- 
silbige Wörter mit kurzer endsilbe (welche im altn. einsilbig 
geworden sind: ^tvulfaR altn. ulfr, *dagaR altn. dagr etc.) sowie 
die wenigen einsilbigen Wörter {*ktlR altn. kyr 'kuh' etc.) den 
acc. 1 hatten, während der acc. 2 den urnord. zweisilbigen 
wöi*tern mit langen endsilben sowie den drei- und mehr- 
silbigen Wörtern vorbehalten war {*ttdiR altn. tipir, säkiR 
altn. sakir, *dömido altn. demda etc.). 

Oben haben wir aber erfahren, dass in betreff der ex- 
spiratorischen betonung der urnord. Sprachschatz auch 
nach einem anderen princip verteilt war, indem die Wörter 
mit kurzer Wurzelsilbe (unabhängig davon ob sie den acc. 1 
wie *dägäR -tag' oder den acc. 2 wie *säktR ' Sachen' an- 
wanten) einen von gemeiugerm. zeit her vererbten nebenton 
auf der zweiten silbe trugen, welchen aber die Wörter mit 
langer Wurzelsilbe (unabhängig davon, ob sie den acc. 1 wie 
*wiUfäR *wolf' oder den acc. 2 wie ^tidlR 'zeiten', ^dömido 
'urteilte' hatten) entbehrten. 

Es fragt sich: welchen Ursprung hatte der gemeingerma- 
nische nebenton'in *dägäRy *tälido etc., und welchen Ursprung 
haben die zwei nordischen betonungssysteme (der acc. 1 und 
der acc, 2)? 

An und für sich ist es sehr möglich, dass grade die quan- 
titative Verschiedenheit (resp. die verschiedene anzahl) der end- 
vocale in *dägäR, ^wiclfäR etc. auf der einen und in ^ttdtR, 
*dömido etc. auf der anderen seite im urnord. eine verschie- 
dene musikalische betonung hervorgerufen, woraus sich später 
die zwei nordischen betonungssysteme (der acc. 1 und der acc. 2) 
entwickelt haben. Da aber noch in später zeit die nordischen 
sprachen den gemeingerm. nebenton in Wörtern mit kurzer Wurzel- 
silbe und dem acc. 2 beibehalten haben (s. 61), und da weiter 
diese sprachen in grossem umfange die von der indogerm. Ur- 
sprache her vererbte sitte, den hauptton (fortis) auf das zweite 
compositionsglied zu verlegen (noch im altschw. köpmdn 'kauf- 
mann\ träfät 'hölzernes fass', afskcera 'abschneiden' etc. und 
ähnliches auch im altdän,, siehe Eock, Svensk akcent II, 328 ff., 



ZUR URGERMANISCHEN BETONUNGSLEHRE. 77 

Arkiv III, 56 ff.) beibehalten , so ist es recht wahrscheinlich, 
dass man im norden auch in anderen beziehungen der 
gemeingerm. betonung relativ treu geblieben ist. Die Ver- 
mutung liegt deshalb auch nicht fern, dass die zwei nordischen 
betonungssysteme von der gemeingerm. sprachperiode her ver- 
erbt worden sind, wobei man freilich dahingestellt lassen muss, 
welcher art die zwei betonungssysteme auf gemeingerm. Stand- 
punkte waren. 

Indessen hat Noreen (in seinem artikel Scandinavian 
languages in Encyclopa^dia britannica B. XXI = De nordiska 
spräken, 1887, s. 37) in aller kürze den gedanken ausge- 
sprochen, dass die zwei modernen nordischen betonungssysteme 
auf die indogerm. betonung zurückzuführen sei6n. Bekanntlich 
trägt die moderne neuschw. 'reichssprache' einen exspiratori- 
schen nebenton und einen musikalisch hohen ton auf der 
endung aller Wörter mit dem acc. 2 (unabhängig davon, ob 
die Wurzelsilbe in der älteren spräche kurz oder lang war, 
z. b. auf der ultima von bundo ^banden', biten 'gebissen'), 
welchen aber die Wörter mit dem acc. 1 (unabhängig davon, 
ob die Wurzelsilbe in der älteren spräche kurz oder lang war, 
z. b. dagen 'der tag', MV^re 'besser') entbehren. Noreen meint, 
dass diese moderne schwedische betonung so entstanden ist, 
daäs der exspiratorische nebenton und der musikalisch hohe 
ton der ultima von bundo, biten etc. ein Überbleibsel aus der 
zeit seien, als der indogerm. hauptton auf der endung dieser 
Wörter lag. Die nord. Wörter mit dem acc. 1 sollen aber nach 
ihm den indogerm. Wörtern mit dem haupttone auf der Wurzel- 
silbe entsprechen.!) 

Nach meiner ansieht ist diese erklärung Noreens selbst 
nicht die richtige; sie dürfte aber dazu beitragen die richtige 
lösung zu finden. 

Die annähme Noreens, dass der moderne schwedische ex- 
spiratorische nebenton der Wörter mit dem acc. 2 (in timme, 
^pene etc.), unabhängig davon, ob deren Wurzelsilbe in der 
älteren spräche lang oder kurz war, unmittelbar auf die indo- 



^) Ich habe die ansieht N.*s mit zum teil anderen beispielen als den 
von ihm selbst a. a. o. gewählten referiert, und zwar nach einer privaten 
mitteilung, in welcher er seine meinung exacter darstellt. 



78 KOCK 

germ. endbetoDung zurückzuführen sei, kann nicht richtig sein. 
Es ist unzweifelhaft, dass in den älteren sprachperioden die 
anwendung oder die nicht-anwendung des nebentones nicht da- 
von, ob das betreffende wort den acc. 2 oder den acc. 1, son- 
dern davon ob die Wurzelsilbe kurz oder lang war, abhing. 
Dies ergibt sich ganz bestimmt sowol aus der altschw. und 
altnorw. vocalbalance (siehe oben s. 61), als auch aus der 
ganzen obigen erörterung. Der moderne neuschw. nebenton 
der Wörter mit dem acc. 2 und mit langer Wurzelsilbe in der 
älteren spräche (und die Wörter dieser Wortklasse waren un- 
bedingt in der mehrzahl) ist deshalb in relativ später zeit 
entstanden, und zwar aller Wahrscheinlichkeit nach von dem 
schon auf der endung ruhenden musikalisch hohen tone hervor- 
gerufen (Kock, Studier öfver fornsvensk Ijudlära II, 361 f.). 

Den gemeingerm.-urnordischen nebenton, welcher auf der 
zweiten silbe der Wörter mit kurzer Wurzelsilbe ruhte (un- 
abhängig davon, ob sie den acc. 2 oder den acc. 1 anwanten), 
setze ich aber in directe Verbindung mit der indogerm. end- 
betonung. 

Bei der germanischen Zurückziehung des haupttones auf 
die Wurzelsilbe 1) behielten die früher (d. h. im indogerm.) end- 
betonten wöHer als ein Überbleibsel der älteren betonung einen 
nebenton auf der endung bei — eine entwickelung, welche be- 
kanntlich in mehreren sprachen analogien hat. So hat sich 
z. b. aus der älteren neuschwed. betonung lanterna latente', 
synagöga 'synagoge', afldgsenhet 'abgelegenheit' etc. die jetzige 
läniema, s^nagbga, afldgsenhet etc. mit hauptton (fortis) auf 
der ersten silbe und starkem nebenton (semifortis) auf der 
silbe, welche früher den hauptton trug, entwickelt (siehe Eock, 
Svensk akcent II, 192 ff.). Ohne statistische berechnungen ge- 
macht zu haben, glaube ich doch behaupten zu können, dass 
die mehrzahl der dem urgerm. überlieferten indogerm. Wörter 
mit kurzer Wurzelsilbe auf indogerm. Standpunkte endbetont 
waren, und dass die mehrzahl der dem urgerm. überlieferten 
indogerm. Wörter mit langer Wurzelsilbe im indogerm. wurzel- 



^) Der umstaDd, dass wahrscheinlich einige Wörter noch ziemlich 
lange in den verschiedenen germ. ciprachen die indogerm. endbetonung 
beibehielten, ist dabei von keinem belang. 



ZUR URGERMANISCHEN BETONUNGSLEHRE. 79 

betont wafen; oder wenigstens dass unter den urgerm. Wör- 
tern mit kurzer Wurzelsilbe eben so viele im indogerm. end- 
betonung als Wurzelbetonung, und umgekebii; dass unter den 
urgerm. Wörtern mit langer Wurzelsilbe eben so viele im indo- 
germ. Wurzelbetonung als endbetonung anwanten. (Man be- 
achte besonders die im germ. sehr zahlreichen Wörter mit 
kurzer wurzel und schwacher ablautsstufe). Die folge hiervon 
wurde, dass der urgerm. nebenton, welcher lautgesetzlich nur 
den im indogerm. endbetonten wörtem zukam, durch Über- 
tragung von allen urgerm. Wörtern mit kurzer Wurzelsilbe 
angenommen wurde, während diejenigen Wörter mit langer 
Wurzelsilbe, welche im indogerm. endbetont waren, durch an- 
schluss an die Wörter, welche im indogerm. den hauptton auf 
der Wurzelsilbe trugen, den nebenton verloren, so dass alle 
Wörter mit langer Wurzelsilbe ohne nebenton (d. h. ohne 
diesen charakteristischen, ausgeprägten nebenton) gesprochen 
wurden. 

Was die hypothese Noreens, dass die musikalische be- 
tonung der modernen nordischen sprachen so zu sagen un- 
mittelbar von der indogerm. betonung stamme, betrifft, so 
spricht sie insofern an, als der auffallende musikalisch hohe 
ton der endung in den Wörtern mit dem acc. 2 {timme, spene 
etc.) dadurch eine erklärung findet. Gegen diese natürlich 
sehr kühne hypothese spricht aber, teils dass es nicht dar- 
gelegt worden ist, dass dieser musikalisch hohe ton der 
endung einmal urnordisch war, teils dass in mehreren gegen- 
den Schwedens ein musikalisch hoher ton auch auf der endung 
der Wörter mit dem acc. 1 {dagerij bönder etc.) ruht, woraus 
hervorgeht, dass es im norden eine tendenz gibt der relativ 
unbetonten endung einen musikalischen ton zu geben, teils 
dass die indogerm. Ursprache wahrscheinlich mehr Wörter mit 
Wurzelbetonung als deren mit endbetonung besass (vgl. z. b. 
Vemer, KZ. XXIII s. 129). Da nach Noreen der acc. 2 der 
nordischen sprachen sich aus der indogerm. endbetonung ent- 
wickelt haben soll, stimmt die tatsache, dass dieses betonungs- 
system (= der acc. 2) in den nord. sprachen unbedingt das 
gewöhnlichere ist, hiermit nicht überein, und wenn man 
auch mit Noreen annehmen will, dass die indogerm. composita 
mit dem haupttone auf dem zweiten compositionsgliede zur 



80 KOCK, ZUR URGERM ANISGHEN BETON UNGSLEH^E. 

hervorbriDguDg des äco. 2 mitgewirkt haben, so stellt sich die 
frage dadurch wol nicht wesentlich anders. 

Als resultat dieses aufsatzes dürfte notiert werden kön- 
nen, dass der im gemeingerm. von Wörtern mit kurzer 
Wurzelsilbe angewante exspiratorische nebenton eine 
reduction des indogerra. auf der endung ruhenden 
haupttones ausmacht. 

LUND. AXEL KOCK. 



BRAGI. 

Jjast zu gleicher zeit war ich durch mythologische sowol 
wie literarhistorische Untersuchungen zur Überzeugung gelangt, 
dass sich die geschichte des Bragimythus vor unseren äugen 
entwickelt habe, anknüpfend an die person des geschichtlichen 
Bragi Boddason, weiter getragen und ausgebreitet durch die 
skalden. Es schien mir dies für die auffassung der geschichte 
der nordischen dichtung von bedeutung; dies veranlasste mich, 
einige werte darüber zu veröffentlichen. Ich tat dies an der 
band der berichte über den mythischen Bragi, wiewol ich 
von anfang an überzeugt war, dass ein endgültiges resultat 
nur eine Untersuchung der norwegischen dichtung und der 
kenningar schaffen könne. Bei jenen bemerkungen nun, die 
ich veröffentlichte (Beitr. XU, 383 ff.), habe ich mich arg ver- 
sündigt an einer stelle der Lokasenna; dies verdiente den 
schärfsten tadel und ich bin Bugge für seine strenge, wenn auch 
etwas leidenschaftliche und oft unverständliche kritik nur dank- 
bar. Nichtsdestoweniger fühle ich mich veranlasst, auf diese 
werte hin einiges zu erwidern, wenn mir auch heute noch die 
breite basis wissenschaftlicher einzeluntersuchungon fehlt. Ich 
tue dies, weder um Bugge zu belehren und ihn von der un- 
baltbarkeit seiner thesen zu überzeugen noch um meiner recht- 
fertigung willen, sondern allein der sache wegen, der m. e. 
die schon von andern, wie ich nachträglich sehe, geforderte an- 
erkennung geschaffen werden muss. 

Gewiss kann eine Untersuchung über den Bragimythus 
vom appellativum hragr nicht absehen. Ich setze bei dieser 
ein. Im Lit. Gtbl. 1886 nr. 22 hatte ich angedeutet, was es 
mit diesem werte für eine bewantnis hat. Wenn ich diese an- 
sieht habe, was soll ich sie dann noch einmal breittreten, da 
sie schon gedruckt ist? Doch Bugge macht mir diesen ver- 

Beitiftge zur geschichte der deutschen spräche. XIY. ^ 



82 MOGK 

I 
weis mit spöttelnden worten zum Vorwurf und schliesst daran 

eine erklärung, die m. e. vollständig unhaltbar ist. 

Dass hragi und hragr im altnord. identisch sein können 
wird niemand bestreiten. Sv. Egilsson hat unter 'BragarfuW 
(s. 72) eine reihe gleichlaufender beispiele zusammengestellt 
üeber hragr finden wir bei Vigfüsson: I. = best, foremost 
(hierzu stellt er hragarfull, darüber unten); IL = lat mos, 
a fdshion, habit of life] 111. poetry (nicht poem^)\ bei Egilsson: 
1. ratio, factum^ facxnus\ 2. poesis, Carmen (die letztere bedeu- 
tung ist nur aus dem Geisli belegt; allein hier können wir 
bragr ebensogut als poesis auffassen); 3. vir Primarius j excellens 
princeps. Fritzner gibt nichts neues. Wir haben also die drei- 
fache bedeutung, wie sie Vigfüsson ganz richtig gibt: 1. der 
beste; 2. die art; 3. die dichtkunst 

Hierzu bemerkt Bugge: ^^ bragr bedeutete ursprünglich (d. h. 
in der altnorwegischen volkstümlichen spräche) nicht nur 'der 
trefflichste', sondern auch 'ratio agendi', 'art des betragens', 
*.manier'". Von dieser letzteren bedeutung soll dann der Über- 
gang zu bragr ^dichtkunst' erfolgt sein, indem das allgemeine 
bragr die specielle bedeutung annahm. Nun war ich bisher 
immer der ansieht, dass sich die ursprüngliche bedeutung eines 
Wortes am ersten durch einen vergleich mit verwanten spraehen 
sehliessen lasse. Neben nord. bragr finden wir aber ags. bre^j 
das nicht aus 'dem altnordischen entlehnt sein kann, sondern 
auf 'alt« Wurzel verwantschaft' zurückgeht (Sievers, Beitr. XI, 
355). Da nun ags. brego 'der herrscher', altn. ^ bragr ^ *der 
beste, erste' bedeutet, so geht aus dieser vergleichung ohne 
Schwierigkeit die ursprüngliche bedeutung hervor, denn beide 
bedeutungen stehen in ganz ähnlichem zusammenhange wie 
althd. furisto = 'der vornehmste' und 'der herrscher', wie lat 
princeps = 'der erste, vornehmste' und 'der regent'. Erwägen 
wir nun, dass die alten Germanen, wie uns Tacitus (Genn. 
c. 7) belehrt, aus 'den besten', die bekanntlich persönliche tüch- 
tigkeit und edle abkunft in sich vereinen mussten, ihre fttrsten 
und führer wählten, so wird uns sofort der bedeutungsweehfiel 
zwischen ags. brego und altn. bragr klar sein: er ist nioht 
grösser, wie der des lat princeps, des ahd. furisto, nur scheint 
er den umgekehrten weg wie diese gemacht zu haben, da wir 
dasselbe wort auch im skr. brahman 'fürst, priester' finden* 



Welch enget zasamnoenhang aber noch im germanischen zwi- 
schen fürst und priester obwaltet, ist längst erkannt; es genüge 
hier ein hinweis auf Scherers ausftthrungen im Anz. f. d. alt 
IV, 100 ff. Bleiben wir aber noch einen augenblick bei dieser 
bedeutung des wertes. J. Grimm macht in einer anmerkung 
zum Andreas (s. 97) darauf aufmerksam , dass das ags. wort 
nur als titel und anrede vorkomme; er vergleicht es im hin- 
blicke hierauf mit dem ahd. fro, das wir ja noch im altn. 
Freyr als gott haben. Zu diesem parallelismus in der ai(- 
Wendung des brego — frd tritt ein zweiter. Bei Beda und in 
ags. Urkunden findet sich öfter der eigenname Breguvin neben 
dem ags. Freavin, zu letzterem gesellt sich Freysvinr für Sigur?5 
(Sigkv. h. sk. 24), ahd. Frörvin (J. Grimm, Myth.* 175). Wie 
nun aber frd beiwort des höchsten altgermanischen himmeis- 
gottes ist, von dem sich im norden die neue gestalt des Freyr 
abgezweigt hat, des alten Tius, sollte man dann nicht auch 
berechtigt sein, ähnliches von hrego anzunehmen? Noch ein 
weiterer punkt sei angedeutet, der vielleicht hierher zu rech- 
nen ist An der band des schönen fundes, der am Hadrians- 
walle aufgedeckt und von Hübner in der Westdeutschen zsch. 
f. gesch. und kunst III, 120 veröffentlicht wurde, hat Scherer 
den altgerm. himmelsgott Tius bei den Friesen als gott der 
Volksversammlung nachgewiesen (Sitzungsber. der Berl. aead. 
der Wissenschaften 1884 s. 571 ff.); in einem kinderliede von 
den Faer0en findet sich der Weihnachtsmarkt, der doch im 
gründe genommen in seiner wurzel mit der alten julfeier, dem 
feste des verjüngten himmelsgottes aufs engste zusammenhängt, 
als Bragarting bezeichnet (Ant Tidskr. 1849 — 51 s. 310: So 
fer hann ä Bragarting at keypa henni guilrmg). 

Vielleicht haben wir weitere spuren davon auch im nor* 
dischen. Schon J. Grimm (Rechtsalt s. 900) weist darauf hin, 
dass hragarfiUl (so lesen die besten hss., vgl. G. VigfAsson s. v. 
8. 76) nichts mit dem gotte Bragi zu tun habe; ebenso sagt 
Yigfüsson a. a. o. Hhe kings toast (cp. Bragi = princeps)\ 
Dies ^hragarfiUV hat auch nichts mit dem minnetrunk bei 
feierlichkeiten zu ehren der toten zu tun, wie Fagrsk. cap. 
55 — 56 oder Yngl. S. c. 40 lehren, sondern es waren feierliche 
gelübdC; die sich entweder an das erfigl anschlössen oder die 
am julabend für das neue jähr gebracht wurden (Helgkv. 



84 MOGK 

Hjorvs. Edda s. 147, Fas. I, 417 f.). Letzteres mag wol die 
ursprÜDglichere sitte gewesen sein; der ganze brauch und name 
aber erhält durch die dargelegte bedeutung von hragr und durch 
das fa3rj0ische Bragarting sein wahres licht: der hragarfull ist 
der becher, der zu ehren des höchsten gottes, des *ßragi-Tyr 
getrunken wurde. — Wir haben femer die erzählung von den 
Halfdanssöhnen, die sich dem verlornen Schlüsse der Rigst'ula 
zur Seite stellen lässt (Sn. E. I, 516 ff., Fas. II, 8 ff.). Es ist 
gewiss schon längst bemerkt worden, dass hier bezeichnungen 
für das wort ^könig, herscher' vorliegen, deren erste neunzahl 
geradezu den könig bezeichnet, deren zweite aber die Stamm- 
wörter von patronymicis in derselben bedeutung enthält (vgl. 
die Zusammenstellung von Bened. Gröndal im Clav. poSt. s. 234). 
Hier heisst es: VI. Bragi, er hragningar eru frä komnir (Sn. El 
I, 522); dazu gesellt sich Sn. E. 1, 528: Bragnar hetu peir {menn 
Wb.), er fylgöu Bräga konungi enum gamla. Es leitete also 
eine klasse von leuten ihre abkunft von einem mythischen 
*Bragi ab. Dieser Bragi kann aber unter keinen umständen 
der gott der dichtung gewesen sein, denn wie schon die sage 
andeutet, bedeutet bragningr und bragnar (pl.) ^ könig' und 
'königliches gefolge', 'dem könige entsprossene' (Lex. poöt 
s. V.). Die gottheit kann vielmehr keine andere gewesen 
sein', als die höchste, von welcher die germanischen könige 
ihre abstammung herzuleiten pflegten, wie jeder weiss, der 
sich mit germanischer mythologie und sage beschäftigt hat 
Und so kommen wir auch von dieser seite auf 'Bragi' als bei- 
wort des höchsten altgermanischen himmelsgottes. Von diesem 
gieng aber später ein grosser teil der mythen auf den jünge- 
ren OÖin über und mit diesem auch jene bezeichnung. Dann 
aber ist der schluss nicht zu kühn, wenn wir Bragi als einen 
namen OÖins auffassen, in dem eine ähnliche bedeutung liegt, 
wie in Här, Herjan u. a.i) Die bragnar waren demnach män- 
ner, die ihre abkunft von *Bragi-Tyr oder — ÖÖinn herleiteten. 
Wenn wir aber nun eine stelle in der nordischen dichtung fin- 
den, vor der wir ohne diese Voraussetzung ratlos stehen, was 



^) Clav. poet. (8. 194) ist überhaupt Bragi unter den ÖSinsheiti an- 
geführt. Ich lege jedoch kein gewicht darauf, da ich nicht weiss, welche 
stelle Bened. Gröndal vorgeschwebt hat. 



BRA6I 86 

hindert dann dieselbe anzunehmen und dadurch sofort zum 
Verständnis derselben zu gelangen? HofuSlausn (visa 21) 
schliesst Egil: 

Njote svä bauga sem Brage auga, 

Bugge selbst sagt dazu: 'Ich vermag den sinn dieser werte 
nicht zu bestimmen'. Und er ist doch nach dem eben gefun- 
denen so klar wie einfach, wenn wir das resultat einsetzen, 
was sich aus einer genauen Untersuchung des Bragi ergeben 
muss; wir haben hier jenen altgermanischen mythus von Mimir 
und Ö8in, den Müllenhoff so einfach und doch so schön ge- 
deutet hat (DAK. V, 99 ff.). Und warum räumt Bugge dies 
nicht ein? 'Wenn Sonatorr. 3 nicht wäre!' Hier kommt bei 
Egil Bragi nochmals vor; man weiss aber nicht recht, was 
man aus ihm machen soll. Nicht weniger als sechs conjec- 
turen, meist von Yigfüsson, müssen herhalten, um die stelle 
einigermassen lesbar zu machen. Und nachdem sie so herge- 
richtet' ist, wird ein mythus aus derselben oder vielmehr in 
dieselbe. iiiJ;erpretiert,^.on dem wir weder in den kenningar 
noch sonst irgendwo in dei" ijiordischen literatur auch nur eine 
leise andeutung finden. Ueberali wo uns der dichtergott Bragi 
entgegentritt, erscheint er als alter, langbärtiger mann, hier 
soll auf einmal 'der fehllose Brage im bette lebendig werden', 
ein spross des ÖSins mit der GunnloÖ. Und mit dieser so ge- 
fundenen deutung weist Bugge die klare stelle HofuÖl. 21 in 
das bereich des unerforschlichen. 

Die Überlieferung der Egilslieder ist schlecht, ganz schlecht, 
und sie berechtigt zur conjectur, aber nimmermehr dazu, um 
mit ungelösten Schwierigkeiten neue zu bereiten. Ich vermag 
aus dieser stelle z. z. ebensowenig zu machen, wie die anderen 
Interpreten, wie auch Bugge, sobald er sich an die Überliefe- 
rung hält. Gleichwol schliesst Bugge daraus: 'Der diphtergott 
Bragi ist der söhn ÖÖins mit der GunnloÖ, die den dichtermet 
hütete, folglich kann Hgfl. 21 Brage nicht ÖSin sein'. Aus 
diesen werten darf man doch wol herauslesen, dass nach 
Bugges auffassung Egil den Bragi als dichtergott aufgefasst 
habe. Wenn aber Egil die dichtkunst 'das meer der brüst 
ÖÖins' (Vipres munstrandar mar Hgfl. 1) oder den 'met ÖÖins' 
{Opern mjgp ebd. v. 2) u. dergl. nennt, so hat ihm doch in 



S6 MÖGE 

diesen kenningar ÖSin als 'herr, besitzer des metes', d. i. als 
*gott der dichtkunst' vorgeschwebt. Diese Vorstellung war bei 
Egil ganz festgewurzelt, wie aus all seinen gediehten hervor- 
geht; dann ist aber für eine auffassung von Bragi als dichter- 
gott, die nur jene zweifelhafte stelle Sont. 3 bergen würde, 
meiner ansieht nach kein platz da. Ich beharre demnach 
darauf, dass Egil Bragi nur als namen fttr ÖSin aufgefasst 
haben kann.^) * 

Nach diesen erörterungen ergibt sich: bragr hiess ur- 
sprünglich der * fürst*, woraus die bedeutung 'der beste, vor- 
nehmste' entstand. In dieser bedeutung war es ein beiwort 
des alten himmelsgottes ^Tius. Als OSin dessen erbschaft an- 
trat, gieng das alte epitheton auch mit auf ihn über. In 
hragr 'der fürst und der beste' hat sich also im nordischen 
die alte urgermanische bedeutung des wertes erhalten, ebenso 
in der ganz verwanten ags. anrede hrego = 'herscher, 
könig'.2) 

Bugge sagt weiter: "Wie nun hdttr 'art und weise', 'art 
der Verrichtung', * beschaflfenheit ' die ^riHsüielle bedeutü^y-^vers- 
art', 'metrum' annimmt, sq^, bat «ich aus hragr 'ratio agendi' 
das speciellere hragr 'dichtkunst' entwickelt". Dass hragr = 
'ratio agendi' die ursprüngliche bedeutung des wertes sei, wie 
Bugge will, kann ich nach dem eben erwähnten nicht aner- 
kennen; doch tut das nichts zur sache, da ein bedeutungsttber- 
gang von hragr 'der erste' durch hragr = die art des 'besten' 
zu dem allgemeinen 'ratio agendi' da sein muss und man sich 
aus dieser secundären bedeutung des hragr den Übergang nach 
der Bugge'schen auffassung ebensogut denken könnte. Ich 
stelle mich demnach ganz auf Bugge'schen Standpunkt und 

*) Auch Sürensson, Egil Skalagrirassons Hofut$lausn s. 59 fasst 
Brage = Oden auf, nur kann unmöglich, wie er will, der eine gott 
schlechthin für den andern stehen. 

^) Nur andeutungsweise sei die Vermutung ausgesprochen, dass es 
nicht unmöglich ist, dass wir die bedeutung wie im hragarfull auch in 
hragarlaun haben. Es ist nicht zu leugnen, dass 4ohn für die dichtkunst' 
(nicht für 'das gedieht'!) guten sinn gibt, zumal ihm at kvcetfislaunum 
(z. b. Isl. S9g. II, 231) zur seite steht. Auf der anderen seite sind es aber 
stets könige, die diesen lohn spenden, und so könnte hragar — eben- 
sogut subjectiv aufgefasst werden, wie man es in anlehnung an hragr 
'dichtkunst' allgemein objectiv auffasst. 



BRAGI 87 

frage: Ist es möglich , dass sich aus der allgemeineren be- 
deutung von br(igr 'ratio agendi' die speciellere ^dichtkunst* 
entwickelt habeo kann? Bugge stellt als gleichlaufendes bei- 
spiel hattr hin. Zweifelsohne hat sich aus hätlr ^art und 
weise' das specielle ^art und weise des dichtens, metrum' 
entwickelt Der ganze Vorgang geschieht vor unseren äugen. 
Wir finden das wort in der letzteren bedeutung als zweiten 
teil von compositis; dann bezeichnet es die art und weise, in 
der das logische subject des ersten teiles des compositums 
dichtete (wie Egüshättr, Bragahättr, Torf-Einarshäitr u. s. w.), 
oder die art und weise, in der man den einen oder anderen 
stoflf besang (Ijöt^ahättr, kviöuhättr u. s. w.). Hier schaut überall 
der allgemeine begriff des dichten^ durch, von dem der hättr 
nur eine besondere art bildet; jenes ist das 'agere', dieses die 
'ratio'. Weiter kommt hdttr im plural vor, als die gesammt- 
heit jener Unterarten der dichtkunst, wo das logisch zu er- 
gänzende, skaldskaparmäls sofort den sprachlichen entwicklungs- 
gang wider klar macht. Wo es aber allein im singular vor- 
kommt, zeigt es ebenfalls durch das beigefügte demonstrativ- 
pronomen auf einen bestimmten hättr, Nur in dem composi- 
tum hätllavLsa blickt der bedeutungsvorgang nicht so klar 
durch. Dies wort findet sich nur im commentar des Hattatal 
und bezeichnet hier eine teilweise reimlose Strophe, aber 
keine, die des metrums entbehrt. Wem dies wort auch zuge- 
schrieben werden mag, er muss hätlr als reim aufgefasst 
haben. — So steht es bei hättr \ wie aber nun bei bragr? 
Nicht ein einziges beispiel können wir den fast unzähligen 
von hättr y wo der Übergang klar vor äugen liegt, zur seite 
stellen! Was in aller weit ist hier das 'agere', von dem die 
dichtkunst die ^ ratio' sein soll? Etwa das sprechen? Das 
wird doch wol auch Bugge kaum annehmen? Was ferner ist 
die ratio? Keine composita von -bragr, kein plurales sammel- 
wort bragar oder bragnar existiert. Auch nicht die spur einer 
Übereinstimmung der bedeutungsentwicklung von hättr und 
bragr ist zu finden. Dazu behaupte ich nach wir vor, dass 
bragr = * dichtkunst' überhaupt nicht volkstümlich gewesen 
ist. Ganz abgesehen von den dänischen und schwedischen 
dialekten findet sich auch in den norwegischen keine spur von 
dem Vorhandensein dieser bedeutung, wie Aasen (s. 73 f.) zeigt. 



88 MOQK 

Bugge verweist auf das neuisläDdische, wo nach Vigfüsson hragur 
'melody or nietre' bedeute. Seit wann in aller weit ist es denn 
bestritten worden, dass ein wort, welches in ^nem kreise von 
männern eine gewisse bedeutung erhält, mit der zeit auch in 
weitere kreise in dieser bedeutung dringt? Ich brauche nur 
auf das wort edda zu verweisen, dass eine ganz ähnliche 
bahn durchlaufen hat, wenn wir von der von K. Gislason 
neuerwiesenen grundbedeutung ausgehen. Ueber bragarlaun, 
das einzige wort, welches für die volkstümliche bedeutung von 
bragr 'dichtkunst' sprechen könnte, habe ich mich oben aus- 
gesprochen. Was endlich die beiden alten stellen Hyndl. 3 
und Merlsp. II, 21 betrifft, so habe ich mich betreffs der ersten 
bereits im Lit. ctbl. (a. a. o.) geäussert; ich halte auch heute 
noch die Strophe für eine spätere interpolation, wozu vfsa 2 
zur genüge veranlassung gab, wie jede unbefangene lectüre 
der beiden visur ergeben muss. Doch das ist bei dem durch- 
aus späten gedieht nur nebeusache. Wie Bugge aber dem 
mönche Gunnlaug, der nach lateinischen quellen im ausgang 
des 12. jhdts. dichtete, und in heimischer literatur wol be- 
wandert war, volkstümliche dichtung unterlegen kann, weil er 
in 'einfachem versmasse' seine gedichte abgcfasst habe, ver- 
stehe ich nicht. Man sollte doch nun endlich beginnen, die 
resultate metrischer forschung auch auf die geschichte der 
nordischen dichtung zu übertragen und mit dem faktor rech- 
nen, dass ein kunstgeübter skalde ebensogut in der alten weise 
dichten konnte. — Nach alle diesem bleibt kein anderer aus- 
weg dafür, dass brcu/?' die bedeutung dichtkunst erhalten habe, 
wie der, den ich schon zeigte. In anlehnung an den dichterheroen 
Bragi bekam das wort diese bedeutung. ^'Ich vermisse ana- 
logien dafür, dass die bedeutung ^dichtkunst' aus der personen- 
bezeichnung bragr 'princeps* 'der trefflichste mensch' durch 
den einfiuss des personennamens Bragi entwickelt wäre" sagt 
Bugge. Ich nehme an, dass er meine worte nicht recht ver- 
standen hat, wobei ich mich durchaus nicht aller schuld frei- 
sprechen will, sonst würde Bugge sicher diesen einwurf nicht 
gemacht haben. In der nordischen spräche, meine ich, existierte 
eben bragr y meinetwegen in der doppelten bedeutung, die 
Bugge als die 'ursprüngliche' annimmt. Unterdessen war durch 
die skalden Bragi zum gott der dichtkunst geworden und so 



BBA61 89 

erhielt denn zunächst in gkaldischen kreisen von diesem gotte 
der dichtkunst das gleichklingende bragr die bedeutung 'dicht- 
kunst', wie der alte meerriese ^er in denselben kreisen als 
mger 'das meer' auftrat (z. b. Egil, H()fÖL 19, Korm. S. v. 46« 
u. oft), oder seine gemahlin Ran (SnE. II, 575) in derselben 
bedeutung u. ähnl., denn in diesen namen stecken alte dämo* 
nen, die jedenfalls älter sind als die skaldische bezeichnung 
des gebietes über das sie herschen. Uugge freilich scheint an- 
zunehmen dass der norwegische dichter Bragi Boddason in 
das bereich der sage gehöre. Dann ist zunächst der nachweis 
zu führen, dass die durchaus glaubwürdigen berichte über 
Bragi erdichtet seien, die SnE. III, 307 ff. zusammengestellt 
sind. In die entwicklungsgeschichte altnorwegischer poesie 
und vor allem der mythologie reihen sich die unter seinem 
namen überlieferten fragmente vortrefflich ein, was ich auf 
breiter basis bald zu beweisen hoffe. 

Weiter sucht Bugge nachzuweisen, wie töricht ich gedacht 
habe, dass ich Bragi in den Eddaliedern und älteren skalden- 
gedichten als einen vergöttlichten menschen gefunden habe. 
'Es scheint mir unnötig, die nichtigkeit dieser begründung 
nachzuweisen.' Ich versuchte, mich auf den Standpunkt jedes 
dichters zu stellen und von diesem aus den sinn der einzelnen 
stellen zu begreifen. Einen gegenbeweis gegen das, was ich 
dabei herausfühlte, bedurfte es allei*dings von selten Bugges 
nicht, wie ich ihn auch nie von diesem verlange. Ueber 
poetische auffassung dichterischer stellen lässt sich ebenso- 
wenig streiten wie über den geschmack. Nur darüber darf 
ich wol meine persönliche freude aussprechen, dass es mir in 
meiner verfehlten auffassungsweise passiert ist, mit einem 
manne zusammenzutreffen, an dessen feinem dichterischen ge- 
fühle noch niemand gezweifelt hat und dem wol auch als mytho- 
loge Bugge seine anerkennung nicht versagt, falls er ihn zu 
würdigen weiss: leider zu spät finde ich, dass L. Uhland nicht 
nur zu gleichem resultate über Bragi kommt wie ich, sondern 
dass er auch aus ebendenselben stellen das herausliest, was 
Bugge von mir als keiner Widerlegung nötig, zurückweist. So 
sagt er z. b. über die stellen aus Eiriksmäl und Häkonarmäl, 
gerade über die, mit denen Bugge überhaupt meine Urteils- 
fähigkeit abzuschneiden sucht: 'Noch die beiden ehrenlieder 



90 MÖGE 

auf den schlacbtentod norwegischer könige um 935 und 951 
bezeugen nicht, dass Bragi, obgleich bei Odin weilend, selbst 
auch ein Ase geworden sei' und nachdem er darauf die 
andern gestalten herangezogen hat, fähii; er fort: 'sind nun 
diese beiden, geschichtliche und sagenhafte, nach ihrem erden- 
lauf zu Odins mahl und ehrendienst berufen, warum nicht 
auch, auf seine weise, ein berühmter skälde?' ^ (Ges. Schriften 
VI, 302 ff.). Und ein andermal sagt er: Ueberall erscheint 
Bragi unter den äsen nur als Odins hofskälde (eb. 281) 
u. dergl. 

Ich bin Bugge wie schon für unzählige belehrungen auch 
für den verweis wegen jener falschen auffassung der Loka- 
senna, das einzige, was ich in seinem aufsatze nach wider- 
holter prüfung anerkennen kann,, aufrichtigst dankbar. Allein 
in mythischen dingen sehe ich mich nach wie vor genötigt, 
von den meistern dieser Wissenschaft zu lernen, von J. Grimm, 
Uhland, NM. Petersen, Müllenhoff, Mannhardt. Es stände 
wahrlich besser um unsere mythologie, kehrte man bei diesen 
öfter ein und lernte man die einfachsten demente mythologi- 
scher forschung. Die mythologie soll und muss mit der phi- 
lologie band in band gehen, . auf keinem fall darf aber jene 
dulden, dass diese über sie tyrannisiert. 

LEIPZIG, Okt. 1887. E. MOGK. 



DAS ANGEBLICHE SIFBILD IM TEMPEL ZU 

GUDBRANDSDALIR. 

In dem 2. bände seiner indogermanischen mythen (s. 127) 
bemerkt E. H. Meyer von der gemahlin Thors mit gutem 
rechte, dass ihr hauptname Sif = Sippe wol schon in die zeit 
der späteren allegorischen namengebung falle. An solchen 
sind ja die quellen nordischer mythen so reich, allein diese 
sind nie tief ins volk gedrungen und haben infolgedessen auch 
keine spuren ihres cultes hinterlassen. Dem scheint die tat- 
sache zu widersprechen, dass mehrere unserer mythologischen, 
werke ein Sifbild im Thorstempel zu GuÖbvandsdalir erwähnen« 



DAS ANGEBLICHE SIFBILD. 91 

In MuDchs, Nordm^ndenes Gudela3re § 27 anm. heisst es: 
'Hvorledes Sif afbildedes hos os^ vides ikke, dog er det vist, 
at hendes Billedst0tte fandtes i fiere (?) Templer, idetmindste 
siges det udtrykkeligen om det Tempel, den bekjendte Haa- 
kon Lade-Jarl og Dale-Gudbrand eiede tilsammen'. Eine 
quelle gibt Munch nicht an. Auf ihm scheint Mannhardt zu 
fassen, wenn er mit derselben bestimmtheit sagt: 'Thors ge- 
mahlin hiess nach der Edda Sif und wir wissen, dass ihr bild 
in mehreren nordischen götterhöfen aufgestellt war; ausdrück- 
lich wird dies von dem tempel in GüÖbrandsdal bezeugt, 
welchen Hakön Hladajarl und GuSbrandr gemeinsam be- 
sassen' (Zs. f. d. myth. II, 330). Im Lex. myth. heisst es 
(s681): Statua Sifae Deae spectabatur in templo Norvegico 
Haconi Hladensi principi et Gudbrando Dalensi proprio (sec. 
10°***), ut docet Niäla Cap. 78. Auf ähnliche weise lesen wir 
bei Mone (Gesch. d. beiden tums im nördL Europa I, 286): 4m 
mittleren Norwegen war die landschaft Gudbrandsdal auch ein 
vorzüglicher sitz des glaubens .... Thors gemahlin Sif und 
die Weissagerinnen Thorgerd Havlgabrud und Yrpa wurden 
darin verehrt'. — Ich habe vergeblich in den nordischen 
quellen nach dieser Sifstatuette gesucht, da ihr auftreten von 
weittragender bedeutung für die nordische mythologie wäre. 
Auch in den trefflichsten Zusammenstellungen über nordische 
götterverehrung, bei Maurer^ Bekehrung des norw. Stammes 
I, 190 ff. und Keyser, Nordmsßndenes religionsforfatning s. 82 ff. 
findet sich keine spur davon. Der einzige, der überhaupt die 
tatsache erwähnt und eine quelle angibt, ist Finn Magnüsson. 
Allein schon das citat ist falsch, da Njäla c. 78 überhaupt 
nichts von einem göttertempel sagt; ihm hat offenbar c. 88 
vorgeschwebt, wo der tempel des jarl Hakon und Gu?5brands 
erwähnt wird; hier heisst es: ^hann (Vigahrappr) sä (im tempel) 
PörgerÖi HölgabruÖi sitja ok var hon svä mikil sem maör 
roskinn. hon hafSi mikinn gullhring ä hendi ok fald ä hofSi 

pk s^r bann kenu Pors ok tekr af honum allan guU-, 

hringinn. hann tök hinn ]?riSja af Irpu ok dro pSLU oll üt ok 
tok af t'eim allan bünaöinn'. Wie an dieser stelle so findet 
sich auch in keiner anderen quelle, die jenen Thorstempel er- 
wähnt, das bild der Sif. Es ist eine andere frage, ob nicht 
die ThorgerÖ HglgabrüS mit der Sif in ihrem keime wenigstens 



92 MÖGE 

zuBammenfällt Auf alle fälle gehört die ThorgerS, die ur- 
sprÜDglich in Halagoland localisiert und deren Verehrung im 
südlicheren Norwegen namentlich durch den jarl Hakon ein- 
gang gefunden haben mag (6. Storm, Ark. f. nord. fil. II, 
124 ff.), in den kreis der Thorsmythen. Ihr natürlicher hinter- 
grund erhellt aus der sage von des jarl Hakon kämpf gegen 
die Jomsvikinger 986 (FMS. XI, 134 ff. Ftb. I, 191. Jömsvik. 
eft. 510. 79 ff.), eine sage, die uns so recht einen klaren ein- 
blick in die lebendigen mythen des nordens gibt Auf der 
insel Primsignd, dem heutigen Sulen, hatte jarl Hakon in einer 
lichtung im walde ein heiligtum, das in erster linie der Thor- 
gerÖ HoIgabrüS geweiht war. Zu diesem heiligtum geht Hakon 
vor dem hauptkampfc mit den Jomsvikiugern und bittet seine 
Schutzgöttin um ihren beistand. Allein dieselbe verweigert 
hartnäckig günstige antwort; selbst das gelübde eines menschen- 
opfers vermag sie nicht günstig zu stimmen. Erst das opfer 
seines siebenjährigen sohnes Erling stimmt sie um. Nach 
diesem begibt sich Hakon zu den schiffen zurück und spornt 
seine mannschaft an, in der festen Überzeugung, dass er siegen 
werde, denn er habe die beiden Schwestern ThorgerÖ und Irpa 
um sieg angefleht. Im vertrauen auf diese, die ihn noch nie 
im Stiche gelassen hätten, gehts in den kämpf. Da zieht ein 
wetter heran, im norden türmen sich dunkle wölken und ziehen 
sich dem meere entlang. Bald folgt ein hagelwetter begleitet 
von fürchterlichem winde, zugleich blitz und gewaltiger donner. 
Gegen diesen hagel hatten die Jomsvikinger zu kämpfen; 
kaum vermocliten sie demselben stand zu halten. Dazu hatte 
sich die hitze des tages, die sie sogar genötigt hatte, ihre klei- 
der auszuziehen, in grosse kälte verwandelt. So haben die 
Jomsvikinger grossen Verlust, zumal das unwetter Hakons 
leuten grossen mut einflösst. Da gewahrt HavarÖ zuerst in 
Hakons gefolge die ThorgerÖ; bald darauf sahen sie auch 
viele andere. Als nun der hagel etwas nachliess, sieht man, 
dass von jedem ihrer finger pfeile ausgehen und dass jeder 
pfeil seinen mann trifft und tötet. Das wird dem führer Sig- 
vald gemeldet. ^Das ist wol möglich, äussert er sich, dass wir 
heute nicht nur gegen menschen sondern auch gegen den mäch- 
tigsten feind zu kämpfen haben, aber gleichwol ist es geboten, 
dass sich die mannschaft hält, so gut es geht.* Da merkt 



DAS ANGEBLICHE SIPBILD. »3 

der jarl HakoD, dass der hagel nachlässt; sofort ruft er aber- 
mals ThorgerS und ihre Schwester an und bittet sie um all 
ihre kraft. Alsbald fängt es vom neuen an gewaltig zu hageln, 
fast noch mehr als das erste mal. Widerum sahen HavarÖ 
und viele andere die beiden Schwestern auf dem hinterteil des 
Schiffes des jarts und wie sie ihre todbringenden pfeile unter 
die Jomsvikinger senden. Von neuem dringt Hakon mit den 
seinen unter ihrem schütze vor. Da endlich beschliesst Sigvald 
der höheren macht zu weichen und flieht mit den seinen. — 
Diese ganze Schilderung zeigt zur genüge, das ThorgerS in 
ihrem ganzen wesen zu den nordischen wettergottheiten ge- 
hört; dass hier mehr ihre dämonische seite hervortritt, mag in 
der quelle der sage liegen, welche die Jömsvikingadrapa des 
Tindr Hallkolsson ist, der selbst auf seite des jarl Hakon an 
der Schlacht teil nahm und dem das unwetter während der- 
selben reichen stoff zur poetischen ausschmttckung der Thor- 
gerÖ gab. Gleichwol deckt sich das bild dieser dämonischen 
erscheinung nicht mit dem, was wir von der Sif und ihrem gol- 
denen haar wissen, und ich stelle es demnach in abrede, dass 
beide in ihrem keime, geschweige denn in ihrer ganzen er- 
scheinung zusammenfallen, wie Meyer (a. a. o.) geneigt zu sein 
scheint, da ich mit den älteren mythenauslegern Sif nur als 
erdgottheit der jüngsten periode des heidentums zu erklären 
vermag, deren Ursprung voraussetzt, dass ihr gemahl Thor be- 
reits zum gott des ackerbaues geworden war. Auf jeden fall 
fehlt jegliche handhabe, einen cult der Sif im norden zu er- 
weisen. Woher Mone diese angäbe schöpfte, weiss ich nicht; 
Finn Magnussen mag Mone gekannt, dabei mag ihm die stelle 
der Njäla im gedächtnis gewesen sein, und so kam wol die 
falsche nachricht und das falsche citat in das lexicon mytho- 
logicum. Vielleicht fusste auf diesem Munch, den dann wider 
Mannhardt benutzte. 

LEIPZIG. E. MOGK. 



94 MOGR, EINE HÖVAMÖLVtSA IN DER NIALA. 



EINE HOVAMOIiVISA IN DER NIALA. 

Jeder beitrag über die Eddalieder aus der nordischen 
prosaliteratur läntert das Verständnis dieser, der einzelnen wie 
der ganzen Sammlung. Sijmons hat mit grosser gewissenhaftig- 
keit unter seinem texte alles hinzugefügt, was er hat finden 
können. Hierzu gehört m. e. auch Njäla c. 87, 20 — 21, wo 
Vlgahrappr zweifelsohne die interpolierte H^vamcjlvfsa 42 vor- 
schwebte. In letzterer heisst es: 

Vin sinom skal mapr vinr vesa 

ok gjaida gjqf vip gjof, 
{hlätr vip hldtre skyle holpar taka, 

en lausung vip lyge) 

Ganz ähnlich sagt Hrappr zn Kolbein: 

^vinr em ek vinar mins, en geld ek pat, er illa er til min gerV 

Das ^geld ek^ aber weist offenbar darauf hin, dass Hrappr 
hier v. 42 und nicht die im ersten teile sinnverwante v. 43 
im sinne hatte. 

LEIPZIG. E. MOGK. 



ZUR ORTSNAMENKUNDE. 

VTramm. 3, 420 ist gezeigt, dass ländernamen wie Franken, 
Schwaben, Hessen aus dem dativ-locativ des namens der be- 
wohner hervorgegangen sind; s. 423 wird diese richtige er- 
kenntnis verwertet, um ortsbenennungen wie Bergen, Hohen- 
linden, Siebeneichen in ähnlicher weise zu erklären (^ursprüng- 
lich ze den bergen, ad altas tilias, ad septem quercus'). Durch 
eine Sammlung von beispielen namentlich aus althochdeutschen 
und altnordischen quellen wird dann die locativische natur 
der germanischen Ortsbezeichnungen eingehend erläutert und 
auf die abweichende beschaffenheit der meisten griechischen und 
lateinischen städtenamen mit recht aufmerksam gemacht. Grimm 
glaubt nun (s. 423 f.), dass die germanische eigenheit hervor- 
gerufen sei durch die häufige Verbindung unserer Ortsnamen 
mit den präpositionen az zi in fona^ die ja den dativ regieren. 
'Es wäre offenbar für die abwechslung der formen, heisst es 
8. 424, .. ein gewinn gewesen, wenn anstatt zi eine andere 
den acc. fordeiiide präposition die bewegung nach dem ort aus- 
gedrückt hätte. Die häufigen dativformen haben auf jene weise 
ein solches übergewicht erlangt, dass sie allmälig erstan-ten 
und den schein eines neutralen nom. sg. annahmen, wobei 
endlich alle frühere Unterscheidung des numerus und genus zu 
gründe gieng.' Man sieht, er hält die ganze germanische art 
und weise orte zu benennen für unursprünglich. Der dativ- 
locativ bei Ortsnamen ist ihm ein 'erstarrter' casus, der an 
die stelle der freien flexivischen bewegung getreten ist Mit 
einem werte, Grimm setzt voraus, dass die germanischen Orts- 
namen in ihrer beschaffenheit sich ursprünglich von den grie- 
chischen und römischen nicht unterschieden hätten. Dies ist 
ein irrtum. Wenn man dem sinne der germanischen Ortsnamen 
genauer nachgeht, so ergibt sich bald, dass eine freie flexion 



96 KÖGEL 

in vielen fällen niemals vorhanden gewesen sein kann^ und wo sie 
vorhanden ist lässt sie sich oft als seeundär erweisen. Es ist 
nemlich eine germanische eigenheit, nicht den ort an sich zu 
benennen, sondern eine bestimmung dadurch herbeizuführen, 
dass angegeben wird, w o sich der zu benennende platz befindet; 
irgend ein bereits bekannter punkt, ein bach, ein felsen, eine 
Schlucht u. s. w. dient zur anknüpfung. Beispiele werden dies 
deutlich machen. Zunächst aus altnordischen quellen: riöu 
petr tu pess er peir kömu tu hcejar pess er at Grenjum heltir 
Gunnlaugss. c. 1 'gehöft welches an den Weideplätzen heisst'; 
nü ritia peir bdbir samt par til er peir koma til selja porsteins 
er heita ä porgilsstgtSum ebd. c. 4 'zu den sennhütten welche 
heissen bei der ansiedelung des Thorgils' (natürlich können 
die hütten Thorsteins und die statSir des Thorgils nicht un- 
mittelbar identisch sein); peir töku land ä Melrakkaslettu hälfum 
mdnapi fyrir vetr par sem het i Hraunhofn, ok skipviSu par upp 
ebd. c. 10 'sie landeten an der polarfuchsterrasse dort wo die 
gegend hiess am lavabodenhafen'; kömu vib hgfti pd er d 
FlagÖd het HallfreÖars. Fornsgg. 92, 2 'sie kamen in den hafen 
welcher am nixenwasser hiess', das sich also wol in den hafen 
ergoss; Skallagrimr reisti boe hjä vik peirri er kista KveldtUfs 
kom d land ok kallatii at Borg Landnamab6k 1, 19 'baute ein 
gehöft an der bucht wo die kiste ans land gekommen war 
und nannte es auf dem hügeP; sitSan hrendi pjötSolfr Kdrainni 
par sem nü heitir d Brennu ebd. 2, 1 'später verbrannte Thio- 
dolf den Käri in seinem hause, welches da gestanden hat, wo die 
gegend jetzt heisst am brand, an der brandsteile'; gekk par d 
land upp til hoejar pess er i Hripi het ebd. 2, 5 'zu dem gehöft 
welches im reflf (traggestell oder -korb) hiess' nach seiner 
läge in einer korbähnlichen Vertiefung; hann hjö d Hrdmun* 
darstgöum par er nü kallat at Karlshrekku ebd. 2, 2 (brekka 
htigel). Folgende stellen entnehme ich Vigf. 253». 315*>: beer 
hans het d Stokkum Flateyjarb. 'sein gehöft hiess bei den 
blocken'; d peim bce er at Höli heitir Hrafnkelss. 'bei dem ge- 
höft welches auf dem hügel heisst'; kaupsiabr er heitir i Lundi 
Egilss. 'markt welcher heisst im haine'; prir boeir er i Mgrk 
heita allir Njäla 'drei gehöfte welche alle im walde heissen'.^) 



^) In den altnordischen Wörterbüchern, indices zu den ausgaben 
und auf den karten werden diese und andere ähnliche Ortsnamen fast 



ZUR ORTSNAMßNKÜNDE. 91? 

Ganz entsprechend sind die Ortsbezeichnungen Ältenglands ge- 
staltet. In Bedas hist. eccles. kommen sehr charakteristische 
beispiele dafür vor: in loco qui dicitur ad haruce id est ad 
nemus 4,3; in loco qui dicitur, ad tuifyrdi quod significat ad 
duplicem vadum 4, 38; qui locus vulgo vocaiur ad candidam 
casam eo quod ibi ecclesiam de lapide insoliio Brettonibus more 
fecerit 3, 4; monasierü quod vocaiur ad 'caprae caput 3, 21. 
Reiches material gewähren die Urkunden: in locum ubi a ruri- 
colis dicitur (et t5am holensiypbum *bei den stechpalmenstttmpfen' 
Sweet oldest english texts s. 427; tSone io tSa^m heorge Öe mon 
hateb (et ticem holne ebd. 434 'von da zu der höhe welche die 
leute nennen bei der Stechpalme'; VI jugera ubi nominatur et 
IMhtbdldes hlawe Kemble cod. dipl. nr. 259 a. 845 'am grab- 
httgel des Uuihtbald'; in illa famosa villa qui dicitur on uuee 
ebd. (vgl. Sweet s. 437) 'am heiligtum*; dabo ierram trium ara- 
irorum in loco qui dicitur (et Hfgyt5e t5ome ebd. nr. 191 a. 805 
'am dornbusch der Hägund'*); aliquam partem meae propriae 
hereditariae terrae hoc est IV aratrorum quod ab incolis terrae 
illius nominatur (et sceldesforda ebd. nr. 225 a. 805 — 31; in vico 
regali qui dicitur cet bearwe ebd. nr. 201 a. 814 (vgl. Beda h. 
e. 4,3); viculus qui nuncupatur (et Segcesbearuue ebd. nr. 131 
a. 777; monasierio (juae nominatur (et folcansianf Sweet s. 459 
a. 824 'beim steine des Folca'; terram vbi dicitur cet cumbe 
Kemble nr. 220 a. 825 'bei der Schlucht*; terram quae nuncu- 
patur (et Suinesheabde ebd. 165 a. 786 — 96, vgl. Chron. s. 54 f. 
ed. Earle; quae terra appellatur in Bradanfelda et Bestleforda 
ebd. 31 a. 688 — 90; (juam incolae hußtsce regionis sie vocilant 
cet Uienbeorge ebd. 60 a. 709; locum qui et komme nuncupatur 
ebd. 64 a. 714. Die Urkunden aller germanischen stamme sind 
reich an derartigen locativischen ortsbezeichnnngen. Althoch* 



ansnahmslos dadurch verunstaltet, dass sie in den nominaliv verwandelt 
werden. Es ist wünschenswert, dass dies künftig unterbleibt. 

^) So lautet dieser personenname althochdeutsch bei Dronke cod. 
dipl. Fuld. nr. 340 (ohne jähr). Sweets auffassung des ags. namens 
(8. 613^) ist falsch, desgleichen die des ahd. von Fürstemann 1, 576. Im 
ersten compositionsgliede liegt das bisher unerklärte wort ahd. Bäh- vor, 
vgl. Bähheraht, Bähfrid, Bähg^r, Bähkis, Bähmunt, Bährvarl (= Bäwart 
im Nibelungenliede), Bäholf ¥^im,\yb%\, Sweets ändernng der hand- 
schriftliehen lesart ist demnach von Übel. 

Beiträge zur geschichto der deutschen nprachc. XIY. • \ 



98 KÖGEL 

deutsche belege werden unten in genügender anzahl beige- 
bracht werden. Sie sind in jeder älteren Urkunde zu finden. 
— Der zweite einwand, der sich gegen Grimms ansieht er- 
heben lässt, ist folgender. Gjimm geht davon aus, dass die 
den dativ-locativ regierenden präpositionen in fällen wie den 
eben angeführten von anfang an mit ihrem namen verbunden 
gewesen seien. Er misst ja den präpositionen selbst einen 
wesentlichen teil der schuld an der gestaltung der germani- 
schen Ortsnamen Verhältnisse zu, indem er, was begreiflich ist, 
sich von der früher allgemein herschenden ansieht leiten 
lässt, dass die wähl des casus von der rection der präposition 
abhänge. 

Wir wissen nun jetzt (Delbrück, Grundlagen der grieeh. 
Syntax s. 126 ff.; Brugmann, Grieeh. gramm. § 195 ff.), dass 
sich die sache im allgemeinen gerade umgekehrt verhält. Der 
casus ist principiell nicht von der präposition, .sondern viel- 
mehr die präposition von dem casus abhängig; die präposition 
ist nichts weiter als eine stütze des casus, die dieser an sich 
zu ziehen gezwungen ist, wenn die functionelle kraft sei- 
nes Suffixes erlahmt. Ursprünglich genügte immer der casus 
seinem syntaktischen zwecke vermöge seines suffixes ganz 
allein; der unterstützenden hülfe einer präposition bedurfte er 
nicht. Dieser Sachverhalt ist also von vornherein auch für 
die germanischen Ortsnamen vorauszusetzen, soweit sie locati- 
vischer natur sind. Auch bei ihnen muss zur bezeichnung des 
wo? ursprünglich der blosse locativ-dativ ausgereicht haben; 
die von Grimm verantwortlich gemachten präpositionen können 
die wähl dieses casus nicht bedingt haben. Der theoretisch 
geforderte ältere zustand des reinen locativs lässt sich nun in 
der tat noch nachweisen. Wenn wir in einer alten angels. 
Urkunde lesen: ierram quae diciiur Aactune Kemble c. d. 75 
a. 727 *im eichfeld' öder ruris portionem id est Baldher esberge 
et Scobbanuuirihe {wyrts 'ein stück land, von ivasser umgeben, 
aber darüber erhöht oder doch dagegen gesichert durch deieh- 
oder pfähl werke' Leo Rectit. 51 f., = alts. uurti) ebd. 92 a. 744 
'beim hügel des Baldhere, auf dem wyrS des Scobba', so haben 
wir den blossen localis deutlich vor uns. Zahlreichere belege 
stehen aus dem althochdeutschen zur Verfügung: in loco qui 
dicitur Erphinprunnin Meichelbeck bist. Fris. nr. 784 (ohne Jahr) 



ZUR ORTSNAMENKÜNDE. 99 

'am brünnen des Erpho'; in loco nuncupante Mahaieihhi ebd. 
75 (vor 784) 'an der gerichtseiche*; in villa quae dicitur Flozoh 
vestale WartmanD, Urk.-b. von St. Gallen nr. 88 a. 779 *im tale 
des Flozolf; in loco qui dicitur Ruadotaie ebd. 581 a. 874 Mm 
tale des Ruadhoh'; in villam qui dicitur Angin ebd. 161 a. 800 
'im Winkel,'; viüam nostram cui vocdbulum est Burghaime Zeuss 
trad; Wiz. nr. Ha. 739 'bei der niederlassung (vgl. lit. kiimas 
hof, dorf) anf dem htigeP {bürg hat in Ortsnamen vielfach diese 
bedentung wie das entsprechende gall. -hriga = ir. brigh hdgel, 
Glück, Namen bei Cäsar s. 126 und Vigf., Altn. wb. unter borg)] in 
loco qui dicitur Ascae Dronke, cod. dipl. Fuld. nr. 29 a. 767 
'beim eschengehölz'; in loco nuncupante Feohte Mchb. 288 a. 811 
'am fichtengehölz', ebenso nr. 256 (vor 810) in loco Feohte; in 
jam diclo loco Perge ebd. 428 a. 822 'am berge', latinisiert in 
Villa Monti Zeuss, trad. Wiz. 37 a. 737; actum in loco quae dici- 
tur Tannf Roth, Oeiilichkeiten des bist. Freising s. 23 a. 772 
'im walde'; in loco qui dicitur Phrumare Mchb. 143 a. 806 'am 
Pflaumenbaum, oder -baumgarten', vgl. nr. 198 in loco nominato 
Phrumari und Karls des grossen capitu\are de villis c. 70 
(ed. Boretius I s. 90): de arboribus volumus quod habeani po- 
marios diversi generis, pirarios diversi generis, prunarios di- 
versi generis u. s. w.; in villa quae dicitur brunnom Zeuss, 
trad. Wiz. 69 a. 820 'bei den quellen'; in alio loco qui voca- 
tur uualohom ebd. 71 a. 774 'bei den Welschen'; in loco qui 
dicitur Mdironuuangun Wtm. 450 a. 856 'auf den unteren 
wiesen'; in locum que dicitur Haohunsteti Mon. Boic. 28, 2, 19 
a. 788, in villa que dicitur Hohunstati Wtm. 2 (ungefähr 700) 
'bei der ansiedelung auf der höhe'; in villis quarum vocabula 
sunt Langenmore etc. Dronke, trad. et ant. s. 48 'am grossen 
more'; zweifelhaft: in campo übt dicitur Paumcartun Wartm. 63 
a. 772. Die reihe der beispiele Hesse sich ohne mühe beträcht- 
lich verlängern. An secundären wegfall der präposition darf 
in 80 alter zeit nicht gedacht werden. Dieser tritt später 
allerdings ein, aber erst mit dem ablauf der althochdeutschen 
periode, als das lebendige bewusstsein von der bedeutung der 
betreffenden ortsformen im erlöschen war. Der entwickelungs- 
gang war also ein rückläufiger: ursprünglich locativ ohne prä- 
position, dann zuhülfenahme derselben, dann wider wegfall, 
der aber nicht durchgeführt wird; denn in vielen Ortsnamen 



100 KÖGEL 

ist ja die präposition bis heute erhalten, vgl. Andermaii, Am- 
sieg, Zenschmiderif im Hag. Weiteres bei Albert Schott, Die 
deutschen colonien in Piemont, Stuttgart und Tübingen 1842 
s. 233 ff. — Der locativische Charakter der Ortsnamen liegt in 
ahd. zeit so stark im bewusstsein, dass während der ganzen 
poriode (auch nachdem man wider recht gut latein gelernt 
hatte) die lateinische präposition ad es nicht vermag, mit ihrem 
casus durchzudringen; selbst wenn die deutschen Ortsnamen 
ins lateinische übersetzt werden, wird doch zu ad der locatir- 
dativ gesetzt: in villa quae dicitur ad Moniihus Dronke cod. 
dipl. nr. 109 a. 795; Iqcum quae dicitur Germana vel ad Monte 
Mchb. 21 a. 769; in loco ad Monte nuncupante Roth, Oertlich- 
keiten des bistums Freising s. 22 (a. 776). Von hier aus erklären 
sich: ad illo loco Mchb. 582 (vor 835); ad ipso sancto loco donavit 
Dronke cod. dipl. nr. 73 a. 781; ad supra dicto loco Siechdorf 
Mchb. 588 a. 835; renovdbo tradltionem meam quam feci ad illo 
monasterio Mchb. 534 a. 829. In Verbindung mit deutschen Orts- 
namen regiert ad oonstant den dativ-locativ, indem das deutsche 
az, za dabei vorschwebt, ja vielfach wol nur übersetzt ist. Ich 
gebe dafür eine Sammlung von beispielen, die zugleich die be- 
schaffenheit unserer Ortsnamen noch weiter erläutern sollen: 
Liuito monachus ad Perge Roth, Kozrohs Renner über die älte- 
sten Urkunden des bistums Freising, München 1854 s. 44 (a. 
835 — 54); in loco nuncupaio ad Perke Mchb. 290 a. 811; in loco 
quöd dicitur ad Perge ebd. 428 a. 822; ad Pirgiline Mchb. 597 
a. 836 ^am berglein'; in loco Anninhofa et a vulgo vocatur ad 
Mahaleihi Roth, Oertlichkeiten s. 206 a. 829; in loco nominato 
ad Ratinuuege Mchb. 439 a. 823; omnia quaecumque habere 
videretur in locis nominatis ad Auuuolfessieti et ad Reode ebd. 
588 a. 835; in loco qui dicitur ad Tanne ebd. 171 a. 809; in 
loco nuncupato ad Tanne ebd. 247 (vor 810). 456 a. 824; in 
illo loco quae dicitur ad Aschf Roth, Oertlichkeiten s. 185 
a. 825 ^am eschengehölz'; in loco nuncupante ad Hage ebd. 
132 a. 804; in loco qui dicitur ad Holze ebd. 146 a. 807; 
in loco qui dicitur ad Pahhe ebd. 793 (a. 855 — 875); sitam ad 
Haganbache Zeuss trad. Wiz. 18 a. 724; tradidit illum locum 
ad Purer einne^) Mchb. 486 a. 825 (*burgwair); quidquid habui 



^) Der nominativ dieses wertes lantet in den bairischen arkandes 






ZUR ORTSNAMENKUNDE. 101 

qd Uueride ebd. 181 (vor 814); quicquid habui in locis nomi- 
naiis ad Hohinreini et ad üuihse ebd. 514 a. 828 (got weihs 
weihsis flecken); tradiderunt quicquid habere viderentur ad 
Chazpah et ad Sneitu totum ebd. 592 a. 836 {snelta^ mbd. sneiie 
schneuse, durehbruch eines waldes; ursprünglich wol die in 
die bäume eingeschnittenen wegweisenden zeichen, wie im 
langobardischen Edictus Kothari cap. 240.241, und im angel- 
sächsischen, vgl. die ausfQhrungen von Leo Rectitudines singu- 
larum personarum, Halle 1842 s. 59 f. über die snädas); tradidi 
in duobus locis hoc est ad Mores fürt et ad Mataclapfin ebd. 170 
a. 809 (jklapf i-st. fels, Hildebrand DWb. 5, 955, also 'an den 
mattenfelsen', der erste teil ist mata wiese); in loco qui dicitur 
ad Humplum Mchb. 564 a. 841 — 48 (und sonst öfter, s. Fstm. 
22, 868) *bei den hopfgärten', vgl. altn. humall m. hopfen, hopfen- 
pflanzung, und ml. humlo humulo Ducange (ed. Favre) 4, 263 ""; 
ad Strogun Mchb. 162 a. 808 u. oft (Fstm. 1393) *bei dem 
Strudel', n. sg. Stroga flussname Mchb. 383 = lit. Ströga name 
einer tiefen stelle im haff (Gott. gel. Anz. 1885 nr. 23 s. 946); 
in loco qui dicitur ad Crazun Mchb. 148 a. 807 (= mhd. graz 
n. die obersten spitzen der äste am tannenholz); in loco qui 
dicitur ad Pochf Roth, Oertlichkeiten s. 33 a. 808 (mhd. buoch 
n. buchen wald, wald, vgl. Schmeller 1^, 196); in loco qui dici- 
tur ad Prunnom Roth, Oertlichk. s. 46 a. 811; ad Situlines stetim 
Mchb. 242 (vor 810); ad Halle (nom. sg. Hai in derselben Ur- 
kunde) Mchb. 366 a. 817 'am felsen' = got. hallus, altn. hallr\ 
ad Pohscorrin (in der Urkunde dann: in loco nominal o Pohscorro) 
Roth, Oertlichkeiten s. 161 a. 822, zu scorro praeruptum montis, 
scopulus Grafl* 6, 539; ad Uuiuuare (vorher: in loco quae dici- 
tur Uuiuiuxri) Mchb. 485 a. 825 *am weiher'; in loco qui dici- 
tur ad Seuue Mchb. 654 a. 844; quicquid proprietatis habuit ad 
frien mannun ebd. 1059 (vor 956) *bei den freien männem'; 
abinde usque ad Eitrahagispringum markbeschreibung von Ras- 
dorf und Soisdorf (um 783) bei Roth, Kleine beitrage zur 



reini, z. b. in loco qui dicitur Sulzreini Mchb. 813; in loco qui dicitur 
Mahsminreini ebd. 418 (Überschrift: ad Mahsminreinne)\ in loco Hohin- 
reini ebd. 360 (Überschrift ad Hohinreinne)\ ad Hohinreini ebd. 514. Im 
mhd. ist die herschende form rein m., doch ist reine von Zarncke, Mhd. 
wb. 2, 1,658^ nachgewiesen. Gegen die Zusammengehörigkeit mit hrinan 
entscheidet altn. rein f. Das wort gehört ebenso wie rim zu rihan. 



102 KÖGEL 

deutschen sprach-, geschichts- und ortsforschung 2 (München 
1852) s. 142 (mhd. gesprinc quelle; über das ^giftwasser', be- 
nannt von seiner wie gift brennenden kälte, vgl. MüUenhoff, 
Deutsche altertumskunde 5, 117 f.); in loco qui diciitir in pago 
^aftnsie ad Bibarahu Dronke cod. dipl. 9 a. 756; hoc est in 
locis ad Reodum etc., et quartam partem thes bifanges ad üuei- 
tahu ebd. 110 a. 795; et sie sursum Häbeehesdal usque ad Dahs- 
luchirun^) ebd. 760 a. 1059 ^ dachslöchern'; de illa strata mque 
ad Regenboldes rode, de Regenboldes rode usqice ad Engizen 
houge markbeschreibung von Schlitz (812) bei Roth, El. beitr. 
3, 80 {haugd' hügel zu hauha- hoch, vgl. Noreen, Beitr. 7, 431 flf.); 
inde ad bodemelosen siamphe et inde ad Sebach et inde ad Mr- 
kendale Zeuss trad. Wiz. s. 317. 319 a. 967; ad alten glazofone 
ebd. nr. 274 (11. jh.). 

Weiteren aufschluss gewähren die mit adjectiven zusam- 
mengesetzten Ortsnamen, die auch nach anderen selten hin 
interessant sind. Selbst für die syntax. Denn indem dabei durch- 
weg, gleichviel ob der artikel dazutritt oder nicht, die schwache 
form zur anwendung kommt, erhalten wir eine schlagende be- 
stätigung für die richtigkeit des von Lichtenheld gefundenen 
und vortrefflich begründeten satzes, dass das schwache adjectiv 
ursprünglich vom artikel vollständig unabhängig war und dass 
seine bedeutung die ist 'eigenschaften anzugeben, welche als 
in dem Substantiv liegende, ihm selbstverständlich zukommende 
gewöhnlich betrachtet werden oder betrachtet werden sollen' 
oder 'die dem dabei stehenden Substantiv als ständig ihm inne- 



^) luchir ist der alte echte noch nicht nach dem singular regulierte 
plural von loch, den Graff 2, 141 öfter belegt, namentlich aus Notker; 
vgl. cellas Cameras luhhir 61. 2, 241, 5 (Pt. = Germ. 22, 39Sb). Ebenso 
würde es sich mit iuhhirun jugeribus in den Wessobrunner glossen 
(2, 341, 2) verhalten, wenn nicht iuh auch im singular vorkäme (vgl. 
auch giuh Emm. gl. =- bair. jeuch Schmeller, Bair. wb. 2, 264. Clmbr. 
wb. 133 b = t^evyoq jügenim\ so dass erwogen werden muss, ob nicht 
jiuhhirun zu lesen ist. Schwerer wiegt ho^ lirin Gl. 2, 392, 25 zu hoL 
Auf ahguiir penates la 2, 340, 8 {-ir in ligatur) und abguiirun excelsia 
Gl. 1,433, 10 darf nicht allzuviel gegeben werden, weil das wort neutraler 
f-stamm (oder ^-stamm ?) zu sein scheint, vgl. abcui fana idola Bb 1, 
447, 54. 654, 26. abcuti fana statuas ebd. 458, 53. 363, 04. abcuteo (gen. 
pl.) Rd 1, 278, 54 = abcuto Ib; apkuiio hus Gl. 2, 763, 17 (Clm. 14747), 
apkuio (g. pl.) Gl. 2, 333, 33 (Clm. 14747). abgudim (dat. pl.) Ib. 



ZUR ORTSNAMENKUNDE. 103 

wohnende und zu seinem wesen gehörende zukommen' (Za 
fda. 16, 363). Die sprachgeschichtliche begründung flQr diese 
Sätze bei Osthpff, Zur geschichte des sehwachen deutschen 
adjectiyums, Jena 1876. Unsere mit adjectiven componierten 
Ortsnamen zerfallen nun in zwei classen, je nachdem das 
attribut im nominativ oder im datir-locativ steht. In letzterem 
falle muss selbstverständlich ursprünglich auch das Substantiv 
in dem ortscasus gestanden haben; aber das ist mir teilweise 
noch wirklich der fall, meist wird das Substantiv wie jedes 
andere seinesgleichen decliniert ohne rttcksicht auf die syn- 
taktische differenz, in die es dadurch mit seinem attribut gerät. 
Wir erkennen daran den zug der sprachent Wickelung, der 
dahin geht, den constanten locativ zu gunsten des regelrecht 
flectierten namens einzuschränken. Aber der constante locativ 
ist das ältere, ursprüngliche, das ist die erkenntnis, auf die es 
uns hier ankommt Eine genauere beobachtung dieser Ver- 
hältnisse wird noeh weiter führen. 

a) Das attribut steht im nominativ: aä locum quae dicitur 
roraga mussea Mchb. 29 a. 774 ^mit röhr» bestandene quelle' 
(vgl. Beitr. 7, 180); in loco qui dicitur irdina ftwrccod. Lauresham. 
2, nr. 1689 'erdhügel', dasselbe wie erdburg in der Würzburger 
markbeschreibung, vgl. oben s. 99; in loco qui vocatur data buruhc 
Wartmann 116 a. 788 'glanzhügel' oder 'sonnenhügel'; ad thurchila 
uuilla Lauresh. 12 a. 786 ^durchbrochenes haus', wol eines durch- 
gangs wegen (vgl. ags. pyrhel n. Öffnung, gang); in villa quae 
vocatur leodra back Wtm. 104 a. 786 'rauschender bach' (vgl. 
liodares seuues sonitüs maris T. 145, 15); in loco nuncupante 
rata pach, quod habuit ad roia pach Mchb. nr. 179. 243; calta 
bah Förstemann 2?, 382; in sentina bach Dronke cod. dipl. 219 
a. 804 'sandiger bach'; zwei orte rota gasceit smala gasceit 
Mon. Boic. 28, 1, 100 a. 890 'rote grenzmarke', 'kleine grenz- 
marke' (über die bedeutung des Substantivs belehrt das Kero- 
nische glossar: 24, 10. 28, 39. 70, 3. 102, 20); in der nähe von 
Nürnberg liegt der ort Schwarzenbruck, in alter zeit suarza 
brucca Förstemann 2^, 1421; voha purch mark von Hollenburg 
in Eozrohs handschr. (band des U.jhs.), Roth, Kl. beitr. 2, 233 
'winziger hügel' (zu foha- = got. fawa')\ horaga heim Fstm. 
2, 829 'sumpfige niederlassung'; gruono berg Fstm. 22, 668; 
testrä bani ebd. 461 'pagus dexter' (dasselbe was Suiftarbant, 



104 EÖGEL 

J. Grimm, Gesch. d. d. spr. 593 f.); bani^) bedeutet eigentßch 
grund und boden, wie seine identität mit \sLt fuiidtis, SLir.botid 
ergibt. — Besonders häufig kommen in solchen Verbindungen 
die stoffadjectiva auf -in vor: in loco qui dicilur mazzaltrina 
herg Dronke c. d. 223 a. 804?; inde in mittan eichina berg 
Hamlb. markbeschr. (das beispiei lehrt, dass die herausgeber 
der Urkunden recht daran tun, die bestandteile nicht zu trennen; 
ich trenne sie hier nur der deutlichkeit wegen und bin mir der 
freiheit, die ich mir damit nehme, wol bewusst); in duabus 
villis quae vocantur Quimaha et espina veld Dronke c. d. 552 
a. 844, entsprechend pirchina pachy pirchina uuanch Fstm. 2*, 
258 f. (m Birchinäfelde Dronke 577 o. j.), bochina feld ebd. 294; 
marhina uuayich ebd. 1063 'rosswiese'; lindina uuincha ebd. 996 
(= ags. rvince'i oder zu winkelf); rorina lacha ebd. 1231; uutü- 
lina slat Dronke c. d. 157 a. 800; hoa velisa Fstm. 776 {felisa 
swf. Graflf 3, 497. Schweiz. Idiot. 1,814). Aeusserst selten begeg- 
nen pluralformen: Sundrunhofa Fstm. 2^, 1408 'südhöfe'; in villa 
quae dicitur Altunhusir Mchb. 32 a. 772. Beachtenswert ist das 
nahezu constante a im singular auch beim masculinum, worin 
wir eine altertttmlichkeit werden erblicken müssen. Die er- 
scheinung hat Paul, Beitr. 4, 346 f. behandelt, aber nur f&r das 
altsächsische. Paul vermisst alts. belege der endung -a im 
positiv des schwachen masculinums der adjectiva, aber sie 
existieren wirklich: thie steorra liohta Hei. 662 C; Ihe haiola 
3596 M; the mennisca mod 5032 M. Warum auch nicht, da es 
doch alts. dialekte gegeben haben muss, in denen nach mass- 
gabe der Sammlungen Grimms, Gesch. d. d. spr. 648 ff. sogar 
beim Substantiv -a die herschende endung gewesen sein muss? 
Auch im Heliand fehlt es beim subst. nicht: 4233 G steht sufina 
als masc. (Sievers s. 542) und formen wie uuillie voluntas 
2424 C; uucddandie 4293 C lassen sich doch wol nur aus -ia 
herleiten. Auf ahd. boden kann ich es allerdings nur für den 
comparativ und Superlativ nachweisen, aber in den ältesten 
quellen in beträchtlich grösserem umfange, als gewöhnlieh an- 



^) Ahd. bekanntlich in elihenzo 0. (vgl. elilenü, elidiuUc), dessen 
nebenform eleuenza advena Gl. 2, 397, 58 (Wien 247), eleuenz advena 
ebd. 398, 54 für die geschichte des Verhältnisses von 2» zu t; im inlant 
nicht ohne interesse ist. 



ZUR ORTSNAMENKÜNDE. 105 

genommen wird. Ich gehe hier nicht darauf ein und verweise 
auf meine ahd. grammatik. — Das auslautende a des adjectivs 
unterliegt frühzeitig der abschwächung zu e, weil man es als 
vocal in der compositionsnaht ansah (vgl. Coteperhty Koieforht 
Mchb. 472 a. 824 u. ä. schon früher): Griuzinebah marken von 
Rasdorf und Soisdorf (original um 783) Roth, Kl. beitr. 2, 142 
'Riesiger bach' zu grioz glarea; in castello regio Bouminehurch 
Dronke trad. et antiqu. s. 155; Hesilinestuda Förstemann 2^, 758 
'haselgebüsch'; Gelstrebah ebd. 631 'rauschender bach', zu mhd. 
geht er laut tönend, hell, klingend Mhd. wb. 1, 519^; Langeuuisa 
ebd. 969 (a. 876); Spurchinebach ebd. 1365 (a. 828) *wach- 
holderbach', zu sporahpoumo, ^j^wrcÄa juniperus (GL 1, 440, 55 flf. 
505, 22. 2, 763, 37); Clateherg Wim. nr. 626 a. 882. — Im 
ganzen sind ortsbezeichnungen der hier besprochenen art selten. 
Sie bilden deutlich eine jüngere schiebt, soweit sie zur benen- 
nung menschlicher Wohnungen verwant werden. Als namen 
von bergen, Aussen, brücken, wiesen u. s. w. sind sie natürlich 
ganz am platze.^ 

b) Das attribut steht im locativ-dativ. Wie oben bemerkt, 
kommt es nur noch selten vor, dass auch das Substantiv den 
casus festhält: in locum que dicitur haohun steti MB 28, 2, 19 
ist schon oben ausgehoben, desgleichen eine entsprechende 
stelle aus Wartmann; adhohin reinne Mchb. 360. 476; in chrum- 
bin bache Wartm. 539 a. 868; int er steinigun brucco ebd. 463 
a. 858; in villa langen thorpfe Dronke cod. dipl. 262 a. 811; 
in graen berge Zeuss trad. Wiz. nr. 53 a. 774; in uuitin uuilare 
Wartm. 13; in obor ostin doraphe ebd. 52 a. 769; in altun steti 
Dronke c. d. nr. 577; in oparin hofe Mchb. 274 a. 799. Uebri- 
gens beruht hier der dativ des Substantivs meist auf der satz- 



^) Um i^ichts zu übergeheQi mache ich noch auf fälle wie Poachin- 
auua Mchb. 285, Hluiraha Förstern. 2», 815 f., Scammaha Mchb. 299 
a. 814 aufmerksam, in denen die beiden inneren a contrahiert sind (also 
grdf. poachtna auwa, scamma aha u. s. w.), und verschweige nicht, dass 
in beschränkter anzahl auch Zusammensetzungen mit dem unflectierten 
starken adjectiv begegnen, wie Eskinbach Wartm. 163 u. s., ßuochin- 
berk Fstm. 294, Fiuhtinuuanc ebd. 560, üesilintal ebd. 758, Dichipohc 
'dichter wald' Wartm. 182, Druhireodf Druhiclinga Wtirzb. MB. (zu 
drühi vgl. ags. dryge Sievers, Beitr. 10, 498), Sconibrunno Fstm. 1305. 
Das flectierte starke adjectiv fehlt durchaus. 



106 KÖGEL 

construction. In den meisten fällen ist kein deutliches be- 
wusstsein der locativstructur mehr vorhanden, wie folgende 
beispiele beweisen werden. 

1. Masculina: mfra Rotinpach et Chlaffinünpach Mchb. 
nr. 1252 (vor 1098), eigentlich 'am roten bache', 'am rauschen- 
den bache' (chlaffön Graff 4, 555); in loco noncupato qui dici- 
tur Hamaraginpah ebd. 921 (vor 906), in loco nominaio Hämo,- 
riginpah ebd. 381 (820) 'am steinigen bache' {hamarac sonst 
verloren, desgleichen die durch das adj. vorausgesetzte bedeu- 
tung von hamar, welche im nordischen noch vorliegt, wo ha- 
marr ganz gewöhnlich klippe bedeutet, und die durch die ver- 
wanten sprachen bekanntlich als die ursprüngliche erwiesen 
wird); in illo vico quod dicitur Domaginpah ebd. 507 a. 828; 
ad Uuaraminpah ebd. 591 a. 836; in loco Hlaginpah Mchb. 113 
a. 794, in loco qui dicitur ad ffleginpach ebd. 226 (vor 811), 
weitere stellen (das g ist völlig constant) bei Förstemann 2'^, 
808: die bedeutung ist 'am murmelnden, kichernden bache', 
indem hlaga- zu *hlahhian hldc gehören wird; ebenso Hluttrin- 
pach Mchb. 183, Horaginpach ebd. 164, Chrumhinhahc Wtm. 375, 
Suarcinbah ebd. 86, Rihinbah ebd., Lutinbah ebd. 53, MUtvnbach 
'am mittellauf des baches' ebd. 137, Metaminpahc wol von 
gleicher bedeutung (Graflf 2, 673, vgl. got. miduma) ebd. 179; 
Hohinperc Förstern. 2^, 774, Clatinberch Wtm. nr. 518, Sconin- 
perac ebd. 362, Croninperc 'am grünen berge' ebd. 352, Cra- 
uuinperk 'am grauen berge' Fstm. 422; in loco Lucikinse et 
Lucicunauuia Wartm. 12 a. 745, das gegenteil Langinse Fstm. 
968 und Tegarinseo 'am grossen, wasserreichen see' {tegar = 
altn. digr, got. *digrSf vgl. digrei : Petters Germ. 4, 376); in 
loco Rotinleim Wartm. 716, in villa quf dicitur Raudinleim ebd. 
14 a. 751 'auf der roten lehmerde' (Graflf 2, 212); Luzilindorf 
Fstm. 1030, Domakindorf ebd. 1463, Langendorpf Dronke cod.. 
dipl. nr. 313 (im fränkischen geht bekanntlich der gen. dat 
swmn. auf -en aus); Lenginfeld 'auf dem langen felde' Fstm. 2,967 
(mit bewahrung des umlautes wie in nemin u. dergl.); in m- 
feriore Lenginuuanc Wartm. 153 a. 798; in üuizinuuanc, in Te- 
gilinuicanc ebd. 188 a. 806; usque ad Larinmos südwestl. grenze 
des bistums Freising (11. jh.) Roth, EL beitr. 3, 92 'bis zum aus- 
getrockneten more'; Oftamefor/* Wtm. 95, Oparin munistiuriFsim. 
%\ 1495; Nidrinhof, Nidrindorf Fstm. 1151 f.; Nimuenbrunno 



ZUR ORTSNAMENKUNDE. 107 

'am neuen brunnen' Dronke cod. dipl. 323 a. 816; Chnmbin * 
nuzboum Fstm. 427; apud Hangeniinheim Mchb. nr. 1225, Han- 
gentenstein Fstm. 732; Blechentenstein ebd. 282; Uuallenden- 
brunno ebd. 1544. 

2. Feminina: in loco Luzilunouua Wartm. 10, Uuiiunauua 
Fstm. 1587, Thichunouua ebd. 1439 'auf der dicht bewaldeten 
aue' (vgl. Graflfö, 111); in loco qui dicitur Steinigunekka, in 
Steinigunekka Wartm. 430. 431 a. 854 'am steinigen felsgrat'; 
in Villa Roiunuilla Wartm. 122 a. 789; actum in Sutcarzunpac 
ebd. 450, in ea marca quae Rotunbah nuncupatur Dronke c. d. 
nr. 677 (vgl. Ruhunbah Dronke ebd. nr. 165, Ruhunbach 721, 
an beiden stellen wie es scheint flussname; sursum ad Rotun- 
bah vAi ipse emanat ebd. nr. 663), das femininum bah ist damit 
auch für das ahd. nachgewiesen (J. Grimm, Deutsches wb. 
1, 1057 f., Lexer s. v.); situm in pago qui appellatur Turkeuui 
et in Villa Luzzilunsea Wtm. 299 a. 826 'an dem kleinen see' 
(neben sio setvi liegt schon in ahd. zeit das fem. sewa : lacus 
seuua Schlettst Gl. 2, 680, 56 = sea 629, 55 Clm. 18059; lacus 
sea Gl. 2, 632, 35 Clm. 18059. Mhd.: swer in die setve tvazzer 
ireit Freidank 77, 16 in den beiden ältesten hss., denen sich 
mit veränderter Wortstellung zwei jüngere anschliessen, andere 
haben in den se oder in daz mer\ fem. sehe bei Lexer 2,841); 
in Hamalunburg Hamelb. MB. 'auf dem verstümmelten (d. h. 
wol durch Verwitterung unregelmässig gestalteten) hOgel'; in 
loco qui dicitur Bramacunauia Wartm. 37 a. 762 (vgl. 133 a. 792) 
'auf der mit dorngebüsch bestandenen aue' zu präma vepres 
GraflF 3, 304; Niuunchirihha Dronke cod. dipl. nr. 658 ' bei der 
neuen kirche'; Farnugunuuisa Förstem. 1\ 538 'auf der fam- 
krautwiese'; Vinsterunstia ebd. 554 'beim finstern schafstall' 
(ovile stia Schlettst. Gl. 2, 263, 52 = altn. stia Schweinestall, 
hundestall Vigf. 593^, ags. sttge schweinekoben; das wort hat 
mit stigan nichts zu tun und muss von dem in dem bruch- 
stücke der lex. Sal. begegnenden stiga, welches etwa 'grosse' 
bedeutet und durch hess. steige bei Vilmar, Idiotikon 397 auf- 
klärung empfängt, scharf getrennt werden); Ostarunaha Fstm. 
22, 164 'am östlichen wasser'; Meiumunhaim ebd. 1094 {heim 
also femininum wie got. hai7ns, abweichend von ^Xin.heimrY); 



Das femininam scheint sich auch in üuigahaim Wtm. 39 a. 763 



108 KÖGEL 

Hasxmnouuua Fstm. 754, actum ad Hasumuuanc Wartm. 447 
a. 855 'an der leuchtenden ane' (zu ags. ha^u^ altn. hoss^ vgl. 
Schade^ 375'^); in Sconiunbirih Wartm. 2,395 (zu dem wort, 
welches ausser in vielen frauennamen auch in halspirg Graff 
3, 174 vorliegt, altn. hjorg\ dazu gewiss auch das nur secundär 
an herg angelehnte Sconunberg bei Roth, Kl. beitr. 2, 142; 
quidquid ego in llounfirst adquisivi Wtm. 239 a. 818 'am hohen 
gebirgsgrat' {ftrst Graff 3, 698 hat beide geschlechter, vgl 
after dero firsti Dronke, cod. dipl. 165 a. 801 und Schweizer 
Idiotikon 1, 1023). 

Soweit ist alles im klaren. Wie sind nun aber formen 
zu beurteilen wie die folgenden: in loco qui dicitur Hohin- 
prugka Mchb. 367 a. 818; in loco qui dicitur ad Tegarinatma 
ebd. 614 a. 841 (vgl. Tegerunouua Fstm. 2^, 457); Preitinouua 
Fstm. 314; Chleninautm Mchb. 629 a. 843; ad scormin auhu (wie 
es scheint, sind die beiden bestandteile in der hs. getrennt). 
Mchb. 644 a. 846 = Roth, Oertlichk. s. 263; in loco Hohifipurc 
ebd. 1076 (vor 957); Hohinchircha Fstm. 2\ 776; in loco Hohin' 
straza Mchb. 1019 (vor 938); in Hohenstat Zeuss trad. Wiz. 19 
a. 868; Uuizenburg in den ältesten Weissenburger Urkunden 
ganz gewöhnlich, z. b. 1 a. 742. 2 a. 742. 3 a. 739. 4 a. 743. 
5 a. 743. 6 a. 713. 7 a. 742 u. s. w. (später Uuizunbvrg)\ in AI- 
thinouua^) Wtm. 1\2 a..lSl; Aldinhurg Fstm. 2«, 48; Altinchi- 
rihha Dronke 658 a. 912. 

Hat man hier nicht gegen die congruenz der genera Ver- 
stössen? Steht hier nicht das adjectiv den klaren femininis 
wie bürg, siat^ ouua, brucka, chirihha, sträza zum trotz im 
masculinum? Man wird das wol kaum annehmen wollen; 
auch zu der behauptung einer analogischen weiterverbreitung 
des masculinums liegt kein grund vor. Vielmehr mtlssen wir in 
dem dativ-locativ auf -m beim fem. einen Überrest der ältesten 
ilexionsweise der weiblichen n-stämme erblicken, welche sich 
ursprünglich von der des masculinums nicht unterschieden hat, 



zu zeigen; das adj. könnte eine nebenform von rvih heiUg darsteUen. 
üuiga ist zwar auch ein frauenname, aber in alter zeit werden orte 
nur sehr selten nach weiblichen personen benannt and die namen auf 
-a werden schwach flectiert. 

Wegen des th vgl. got. alpeis^ ferner althrom parentibus gl. K. 
97, 16, elthiron T. 132, 10. 



ZUR ORTSNAMENKÜNDE. 109 

wie die yerwauten sprachen lehren. Die germanische ilexion 
der schwachen feminina mit ihrem d und ü ist anerkannter- 
massen secundären Ursprungs; woher sie freilieh gekommen 
ist, ist trotz mancher aufgestellter hypothesen noch unaufge- 
hellt. Vgl. Möller, Beitr. 7, 541 flf. Von der ursprünglichen 
vom masc. nicht verschiedenen declination sind ausser der eben 
nachgewiesenen noch ein paar andere spuren übrig; aus dem 
gotischen gehört z. b. hierher das zweimalige at sunnin urtun- 
nandin (nom. sunnöf acc. sunndn)^ denn ein masc. sunna des- 
halb dieser spräche zuzuschreiben ist willkürlich. Ich verfolge 
für jetzt diesen gegenständ nicht weiter und erinnere nur noch 
an die alts. gen. dat. auf -an (Qen. nadlan 3300 M; medan 
2642 M; Dat. mid ihero godan ihioman 706 M; leran 2341 M; 
an theru laian 2394 M u. s. w.; selten auch im acc. sg. und 
n. a. pl.), die wol kaum auf -ün zurückgeführt werden können 
und die zu fränkischen formen wie in villa Mucman-heim 
Dronke cod. dipl. 268 a. 812 (= ahd. gen. sg. rmomün) Zare- 
ganheim ebd. 33 a. 771 (= zargün zu zarga wall) Stdzänheim 
ebd. 78 a. 785 {sulzia stilza saline) stimmen. 

Weitere fragen knüpfen sich an folgende interessante for- 
men: haec loca id est Oparinhusa Niuuinhusa Ried cod. dipl. 
ßatisbon. 71 ca. 889 (dazu halte man ad Muuinhusum ebd. 18 
a. 814, in ioco quae dicitur Muuinhusir Roth, Oertlichkeiten 181 
a. 824; in ioco qui dicitur Allinhusir Mchb. 193 vor 811, die 
von Kozroh herrührende Überschrift bietet de Altunhusir; ad 
Altinhuson ebd. 913 vor 906); in Ioco Muuinhova Mchb. 1201 
(vor 1039); praedium suum quod habuit ad Richanpach et Hohin- 
stema Mchb. 1157 (vor 1024). Man wird diesen im ganzen 
ziemlich vereinzelten formen zu liebe nicht zu der alten abgetanen 
ansieht zurückkehren wollen, wonach der casus^ auf -a als 
dativ sing, betrachtet wurde (Mahlow, Die langen vocale 
8. 127). Ein solcher casus existiert allerdings {in einemu hant- 
griff a pugillo Is. X, a, 9; folca populo Frg. 19, 24; miltilicarta 
orbe Ib 1, 285, 56; stocca stipite Voc. S. Gall. 440; kedancha 
cogitatione S. Pauler Gl. 1, 735, 20; ze anllazza ad indutias 
BR 33; fona suuepa de aere gl. K. 135,36; za gamezza ebd. 
39, 29; za gaheiza Ra U, 24; wobei ich von dem secundären 
a aus e, welches in jüngeren quellen namentlich bairischer her- 
kunft nicht selten vorkommt, absehe), aber doch nur in dürf- 



110 KÖGEL 

tigen spuren (ausser den angeführten werden nur noch' wenige 
sichere belege aufzutreiben sein) und nichts spricht dafQr, dass 
darin ein localis vorliege; eher dürfte man das richtige treffen, 
wenn man das a auf e zurückführt (also grdf. ^folke u. s. w.) 
und den vedischen Instrumentalis deva zur erklärung herbei- 
zieht.i) '^ii* halten daran fest, dass die ortsformen auf -a 
dem plural angehören. Dies wird für die in rede stehenden 
fälle noch besonders durch den austausch des -a mit --ir und 
-um bewiesen, falls man nicht geneigt ist, in der auffällig 
häufigen form hüsiry die auch da erscheint, wo von dem hause 
eines einzelnen mannes die rede ist (z. b. in loco qui dicitur 
ad Oüihareshusir Mchb. 112; m loco nuncupanie Crimhares husir 
ebd. 208; in loco jacentem Zezmhusir ebd. 224; in loco Umnimuntes- 
husir ebd. 318: das haus des ersten ansiedlers gab dem orte den 
namen), eine singularform anzuerkennen, welche mit ahir, irestir, 
ags. hritSerj in chalbire Rb, holir Schlund Pa 1 70, 9, mhd. le/ver hfigel 
(als sing, mehrfach bezeugt) Schweiz, eier (sing.) u. a. auf gleicher 
linie stände. Wenn nun aber in Oparinhusa u. s. w. eine plural-. 
form vorliegt, so zeigt der casus des ersten compositionsgliedes 
deutlich genug, dass die endung -a nur durch analogiewirkung 
angetreten sein kann: und diese erkenntnis ist ein factor, mit 
dem die beurteilung des ortscasus auf -a überhaupt zu rechnen 
haben wird. Man wird sich der einsieht wol kaum verschliessen 
können, dass die endung -a bei Ortsnamen eine weitgreifende 
analogische ausdehnung erfahren hat, ja dass sie im laufe 
der zeit neben -n geradezu zur normalendung für dieselben 
geworden ist. Nur so erklärt sich ihr vorkommen in zahl- 
reichen fällen, wo der Wortbedeutung nach ein plural sinn- 
widrig ist; nur durch das mittelglied des pluralischen -a lässt 
sich in zahlreichen namen die endung -un {-in) erklären, die 
gleichfalls nicht selten einer den sinn des Ortsnamens er- 
wägenden erklärung spottet Wenn z. b. verschiedene orte 
SSwun^ Sewa heissen, so dürfte sich der plural nur in sel- 
tenen ausnahmen rechtfertigen lassen, da die läge zwischen 



^) Die casnsform auf -u (iagu) ist kein Instrumentalis, sondern der 
ablativ auf urspr. -öd, wie sich nicht nur aus dem gebrauche, sondern 
vor aUem auch aus der tatsache ergibt, dass er nur bei den a-stämmen 
vorkommt, den Verhältnissen in der Ursprache entsprechend. 



ZUR ORTSNAMENKÜNDE. 1 1 1 

zwei Seen naturgemäss nicht häufig ist. Vuarida Fstm. 2^, 1154 
wird nicht leicht als plural auf verständige weise erklärt wer- 
den können, da ja der sinn einfach 'insel' ist, und ganz be- 
sonders schwierig ist dies bei dem üuerida ' Kaisers werth' 
Fstm. 1555, weil wir für den namen dieses ortes die authen- 
tische interpretation von Beda bist, eccles. 5, 11 haben: dedit 
ei locum mansionis in insula quadam Rheni quae lingua eorum 
vocatur in iittore. Schwierigkeiten ähnlicher art machen die 
sahireichen orte, welche Uuanga heissen oder deren name 
darauf endigt, denn selten genug wird ein solcher ort von der 
läge auf mehreren feldern oder grasilächen benannt sein. Ich 
komme unten auf dieses wort zurück. Wenn ferner ein ort 
bei Wartm. nr. 35 a. 762 den namen Tegarascha führt, so liegt 
es auf der band, dass das a secundär angetreten ist, weil 
iegara asc ^dichter eschen wald' ein singular sein muss (vgl. 
Tekarascahi nr. 129 a. 791 = tekara ascahi, und ad Tegarascähe 
nr. 86 a. 779). In Steinindberga Fstm. 1374, Baldäbrunna ebd. 
198 beweist das adjectiv den singular, in Hasareoda Dronke 
c. d. 145 auch das genus und die bedeutung. Cauuicca 'bei 
der wegscheide' gibt auch abgesehen davon dass es ein neu- 
trum ist, zu bedenken gegen den plural anlass; dasselbe ist 
bei dorfa und mhsa der fall, und obwol auch holz und read 
ihrer bedeutung nach nur im sing, möglich wären, so kommen 
doch die formen holza und reoda häufig genug vor. In Cram- 
fesmsta Dronke c. d. (ohne jähr) liegt die secundäre natur 
des a gleichfalls auf der band. Besonders deutlich zeigt sich 
die analogische weiterverbreitung des -a an dem namen Mar- 
chenhofena Zeuss trad. Wiz. s. 317 a. 967, wo es an den fer- 
tigen dativ auf -en angetreten ist 

Wo ist nun aber der Ursprung dieses -a zu suchen? Bei 
welcher classe von Ortsnamen kam es zuerst auf? Welcher 
casus des plurals liegt darin vor? Da die überzahl der Orts- 
namen auf -inga in der geschichte des -a offenbar eine nicht 
unwichtige rolle spielen, so könnte man mit Förstemann und 
anderen an den nom. plur. denken und sich dabei auf stellen 
wie in Iocq qui diciiur Ehinga superiores Mchb. 252 (vor 810) 
berufen. Aber beispiele dieser art sind viel zu vereinzelt, um 
etwas beweisen zu können, und sie werden ausserdem wett 
gemacht durch andere wie ad domum sanctae Mariae ad Frigi- 



1 1 2 KÖGEL 

singam Mchb. 620 a. 842 (der früheste beleg dieser art); actum 
Frigisingne Mchb. 1090 (vor 994), eine weise zu decÜDiereii, 
die schon 772 Mchb. nr. 34 einmal begegnet: aä ejusdem domo 
Frigisingae Castro situm, woraus hervorgeht, wie frühe man 
über diese formen, ins unklare geraten ist. Vgl. auch in villa 
Rannungu Dronke c. d. 310 a. 815. Auf die spät, aber dann 
massenhaft und in allen dialekten auftretenden mischformen 
auf -an, die einem eompromiss zwischen -a und -on ihre ent- 
stohung verdanken, weise ich nur im vorübergehen hin (ein 
paar beispiele: ad Uueihelingan Ried G5 a. 885; in Hekkingan, 
Lentinchovan ebd. 88 a. 901; in Riedinchovan Wartm. 722 a. 902). 
Gegen den nominativ pluralis sprechen, man mag sich drehen 
und wenden wie man will, die zahlreichen ncutra wie Mtsa^ 
nnhsa, felßa, reoda, dorfa, fara, orta, cauuicca, vildira (Wartm. 
bd. 2 8. 381 a. 759); denn auch zugegeben, dass bei den mei- 
sten von ihnen das a secundären Ursprungs ist, so ist es doch 
schwer glaublich, dass man allem gefühl für den unterschied 
der genera ins gesiebt schlagend die masculinendung so ohne 
besinnen und bedenken dem ncutrum aufgedrängt haben sollte; 
zumal für eine so frühe zeit, denn der Ursprung dieser 
ortsformen reicht teilweise in die vorgeschichtliche periode des 
althochdeutschen zurück. Nur wenn gar nichts anderes übrig 
bliebe, würde ich mich zu diesem Zugeständnis bequemen. Es 
scheint aber in der tat noch einen weg zur erklärung zu geben, 
der zwar auch seine Schwierigkeiten hat, aber vielleicht doch 
schliesslich zum ziele führt. Gegen formelle Identität mit der form 
auf -as (Zs. fda. 28, 118) spricht zu vieles, als dass man daran 
noch festhalten könnte; s. u. Die erklärung, die ich vortragen 
will, geht von stellen wie den folgenden aus: in pruningo uilia, 
in thorenco haime, in herunco uilia Zeuss trad. Wiz. 52 a. 742; 
in ftne que dicitur grimingo märca ebd. 258 a. 786; in marca 
gisalolfinco ebd. 249 a. 787; in dauhunhaimo marca ebd. 73 a. 776; 
in thancratesheimo uilia ebd. 96 a. 779 (noch einiges derart bei 
Socin, Strassb. stud. 1, 253, aber mit ganz falscher aufTassung)'; 
in ipsa marca üuacharenheimo, während es vorher hiess in 
Villa nuncupante Uuacharenheim Dronke cod. dipl. 14 a. 757; 
inter Uuinolfesheimo maf^cu et Berahtlolfesheimo et Teinenheimo 
ebd. 151 a. 798 (weitere belege, die sich aber aus den nicht 
benutzten Urkunden sehr vermehren lassen, bei Kossinna, Ueb. 



ZUR ORTSNAM ENKUNDE. 1 1 3 

d. ältesten hocbfrünk. sprachdeDkm. s. 60); in aUa vllla qui 
dicitvr Onninchova, similiter et in tertia villa MuUnhaimo Wartm. 
23 a. 758; m Liupdahingo marca ebd. 30 a. 761. Wie diese 
formen auf -o zu beurteilen sind, kann keinem zweifei unter- 
liegen. Es sind genitive des plurals, welche nicht den ort 
selbst, sondern den namen seiner bewohner angeben: 'dorf 
der Pruninge, niederlassung der Thüringe, mark der Griminge, 
dorf der leute von Dankratsheim ' u. s. w. Die ableitung vom 
Ortsnamen selbst erfolgt durch das secundärsuffix -a- (idg. -o-), 
dessen Verwendung zu gleichem oder sehr ähnlichem zwecke 
auch das indische kennt (Whitney, Indische grammatik s. 434 f ). 
Latinisierungen wie: in villa nominata Prittonorum Dronke 6 
a. 753; ad Breiannorum villa, in ipsa marca Pretennorum ebd. 
143 a. 797; in Bingiorum marcu ebd. 105 a. 793; in Mogontiorum 
marcu ebd. 150 a. 798; Reniinchttsorum marchia Fstm. 2^, 1221 
beweisen die richtigkeit dieser auffassung; den letzten zweifei 
hebt die tatsache, dass die ableitung mittelst des einfachen 
Suffixes -a- später durch die Zusammensetzung mit war ja-- 'be- 
wohner' (Kluge, Beitr. 12, 379) i) verdrängt wird, z. b. in Hos- 
sinchovarro marcha, in Ohordorfarro wiörcÄa Wartm. 607 a. 878; 
in Hruodolfesheimoro marcu, in Buosunesheimoro marcu Dronke 
c. d. 198 (ohne jähr); in Cozesouaro marcha Wartm. 535. 536 
a. 868. Auch ableitung mittelst n-suffixes begegnet: in Betten- 
husono marku Roth, Beitr. zur ortsnamenforsch. 1,26; in Muni- 
rihstetono marcu Dronke c. d. 207 a. 803; in pago Salageuue 
et in marcu Saiageuuono ebd. 297 a. 814; in pago Hasageuue 
in marcu Engiheimono in villa Hunperateshusun ebd. 299 a. 814. 
Die einfache ableitung mit -a- und die weitere mit -n- stehen 
nebeneinander am schluss der Würzburger markbeschreibung: 
so sagant daz so si üuirziburgo marcha unte Ileitingesveldono, 
dazu kommt am anfang die Zusammensetzung mit M;ar;a-: mar- 
Cham üuirziburgarensium. Der Sachverhalt ist schon von Zeuss, 
Die Deutschen und die nachbarstämme s. 348 f völlig richtig 
beurteilt worden. Wenn wir nun bei Zeuss trad. Wiz. 193 
a. 764 lesen in altdorpfo oder 137 a. 756 in lonenbuacho mit 
ellipse von uilla oder marca ^ ganz wie vorhin bei Wtm. 23 



^) Dieses war ja- steckt auch in PaMara 'bachan wohner', Tannara 
waldan wohner' nnd vielen ähnlichen bildnngen. 

Beiträge snr geschichte der deutschen spräche. XTV. ^ 



114 KÖGEL 

in tertia villa Mulinhamo, wenn wir ferner- bei Wartm. 18 
a. 754 finden in UuanzinC'[h]ovo statt -hova und ebenso 459 
a. 858 in Hohinco statt Hoinga (welche form zweimal in nr. 549 
begegnet) und diese deutliche berührung der formen auf -a 
und -0 noch weiter documentiert sehen durch belege wie die 
folgenden: in villis cognominaniihus margberga uilare et bru- 
ningo uilare Zeuss trad. Wiz. 91 a. 769; in loco Mahäleihhinga 
Mchb. 363 a. 817 (der ort selbst heisst Mahaleihhi)\ in Meris- 
husa marcha Wtm. 574. 575 a. 873 ; in Antparinga marcha ebd. 
654 a. 886; in Uuosinchova marcho ebd. 723 a. 902 u. ä., so 
wird man auf den gedanken geführt, dass die ortsformen auf 
-a als pluralgenitive des namens der bewohner mit auslassung 
von marca villa heim und dergleichen zu betrachten sind. 
Damit fallen nun sofort die Schwierigkeiten weg, welche die 
neutra jeder anderen erklärung entgegenstellen. Femer wird 
es klar, weshalb gerade die patronymischen werte auf -ingoj 
die ja eben ihrer natur nach zunächst nicht den ort sondern 
dort ansässige personen bezeichnen, die endung -a so sehr be- 
voi-zugen. Von dieser zahlreichen klasse ist vielleicht über- 
haupt die ganze bildungsweise ausgegangen. Aber der genitiv 
des plurals endigt doch im ahd. auf -o und nicht auf -a! 
Gewiss! Aber warum soll das -e des gotischen, welches dooh 
wie allgemein angenommen wird eine altertümlichkeit ist, dem 
westgermanischen von vomherein gefehlt haben? Ist es nicht 
wahrscheinlicher, dass die gotische zweiheit -e und -d im west- 
germanischen erst durch ausgleichung vereinfacht worden ist? 
Auch liegt doch der gen. plur. auf -a, dem got. -e entsprechend, 
im sächsischen tatsächlich vor: klnda Hei. 729 M; friunda 1451 
M; Ama-hurst Crecelius Coli. 2% s. 18; in Hrodbertingä htwa 
Lacomblet 1, 3; Horsadal, Bidningähusum^ Bidningahem u. a. 
bringt J. Grimm, Gesch. d. d. spr. 648 bei, und Magatha-burg 
ist allbekannt. Also hat die got. endung dem gemeinwestgemi. 
nicht gefehlt und daher ist es meines erachtens sehr wo! er- 
laubt sie auch für das hochdeutsche vorauszusetzen. In Snua- 
bareod Dronke c. d. 240 (ungefähr 807) neben Suuabohdm, 
Suuabohusum Fstm. 2^, 1414 dürfte übrigens ein zweifelloser 
beleg dafür wirklich vorliegen; Sahsona-ganc (ein teil des 
Marchfeldes) ist zu spät überliefert^ um beweiskräftig sein zu 
können (Fstm. 1276). Für die annähme der ellipse von hmn, 



ZUR ORTSNAMENKUNDE. 115 

marca u. dergl. gewährt die spätere geschichte der Ortsnamen 
eine schlagende analogie. Es gibt bekanntlich eine ungemein 
grosse anzahl von Ortsnamen, welche nach dem ersten ansiedier 
benannt sind i), z. b. Folcmaresheim, AdcUhohesdorf, Uuoteneshusa 
(Dronke c. d. 610 a. 874), Madaloliesmiari. Diese classe, mit 
der auf -inga unserer Voraussetzung zufolge principiell iden- 
tisch, erfährt nun die für diese angenommene ellipse des zwei- 
ten gliedes in manchen gegenden tatsächlich ; heim, dorf, tvilari 
u. s. w. werden weggelassen und es bleibt nur der genitiv 
übrig. Mehrere belege hierfür gewährt die markbeschreibung 
von Schlitz bei Roth, Kl. beitr. 3, 79, die nur in einer abschrift 
des 12. jhs. erhalten ist: m villa quae vocatur Ungefuores\ de 
Sierrenrode ad Liholfes\ in rivum qui est ad Hevenoldes\ de Lin- 
berge usque ad Uuighardes. In den trad. et antiqu. Fuld. ed. 
Dronke cap. 26. 27 werden guter aufgezählt (nur die nackten 
Ortsnamen), darunter: Heisterolfes, Heroltes (heute Herolz), Uuar- 
gast es, Burchartes, Eiber es, Litolfes, Rumundes; in einer Schenk- 
ungsurkunde bei Dronke c. d. 757 a. 1057 findet sich: in Hilte- 
riches III hubas et unum bivanc (der ort heisst jetzt Hilders). 
Ein ffustvartes, welches bei Dronke trad. et antiqu. c. 25 unter 
vielen andern ähnlichen erscheint, heisst heute Hauswurz. Man 
sieht, es ist ganz der gleiche Vorgang wie wir ihn für die 
namen auf -inga angenommen haben. Auch von dieser seite 
also wird sich ein begründeter einwand gegen unsere erklärung 
nicht erheben lassen. 

Neben den ortsnamenformen auf -a liegen nun im älteren 
hoch- und niederdeutschen solche auf -as, deren gebrauch wie 
es scheint in der uns überlieferten spräche von dem des a-casus 
nicht verschieden ist. Jeder name auf -as kann auch auf -a 
ausgehen, nicht aber umgekehrt, denn -as wird weit seltener 
als -« verwendet, lieber ganz Deutschland erstrecken sich die 
orsnamen auf -ingas\ wir finden sie bei den Sachsen (Althoff, 
Grammatik altsächsischer eigennamen, Paderborn 1879 s. 82) 
wie in den mittel- und oberdeutschen gegenden, am Rheine, im 
Elsass, in Schwaben, in den hochalemannischen berglanden und 
in den weiten bairischen landstrichen, namentlich um Freising, 



*) Dronke cod. dipl. nr. 249 a. 810: tradimns in elimosinam patris 
nostri Theoiriches ... in loco qni sno nomine nnncapatur Theoiricheshus. 



ilB kÖGEL 

Passau, Salzburg, licgensburg, aber auch sonst, wo nur immer 
Urkunden aus dem 8. und 9. jh. erhalten sind. Und diese for- 
men auf -Ingas müssen gemeinwestgermanisch sein, denn in 
weitestem umfange bedienen sich ihrer auch die Angelsachsen, 
wie die reiche Sammlung von Kemble, Die Sachsen in England 
(übersetzt von Brandes, Leipzig 1853) 1,371 ff. lehrt: z. b. in 
monasterio quod appellaiur Berecingas Kemble cod. dipl. aevi sax. 
38 a. 695; ager qui traditur in regione quae antiquitus nomi- 
natur Stoppingas ebd. 83 a. 723 — 37; in regione quae dicitur 
Geddinges ebd. 101 (ohne jähr); in loco ubi nominatur Hällingas 
ebd. 160 a. 765 — 791; in loco qui dicitur on Lingahoese et Ged- 
dingas ebd. 159 a. 790. Diese ags. formen decken sich nach 
gebrauchsweise und form so genau mit den althochd. und alts., 
dass sie davon etwa dem ags. pluralnominativ zu liebe nicht 
getrennt werden dürfen. Wie die ahd. wechseln sie mit for- 
men auf -um ab, z. b. illum agrum cet Mallingum Kemble c. d. 
240 a. 838, und wie dort werden auch im ags. ihre parallel- 
formen auf -a gern in genetivischer Zusammensetzung gebraucht, 
z. b. in loco cujus vocabulum est Aeslingaham ebd. 111 a. 764; 
a^t Beadingum and cet Beadingahamme ebd. 314 a. 880 — 85; cet 
Anningadune ebd. 445 a. 956; in Banesinga villa ebd. 81 a. 725 
— 37. Als möglich, ja sogar wahrscheinlich möchte ich es 
allerdings betrachten, dass nachdem die endung des nom. plur. 
im ags. sich zu -as abgeschwächt hatte, diese altererbten orts- 
formen auf -as von den sprechenden vielfach als nominative em- 
pfunden worden sein mögen. — Zs. fda. 28, 1 1 flF. ist gezeigt, was 
es mit der zuerst von Moiie geäusserten, dann von Förstemann 
vertretenen und bis vor kurzem herschenden ansieht auf sich 
hat, wonach man in diesen in allen dialekten gleichmässig 
auf -as {-es) ausgehenden formen nominative des plurals er- 
kennen wollte. Diese ansieht darf als definitiv beseitigt gelten. 
Ich habe a. a. o. dafür eine neue erklärung vorgeschlagen, 
welche bei einer so alten, nachgewiesenermassen gemeinwest- 
germanischen form wol von vornherein eine gewisse berech- 
tigung hat. Nach derselben sind die ortsformen auf -as indo- 
germanische locative des plurals mit abgefallenem u, so dass 
z. b. in Ötingas auf *Audingd-su mit der bcdeutung * unter den 
nachkommen des Öto^ zurückzuführen ist. Man wird nach den 
vorstehenden ausführungen, in welchen die locativische natar 



ZUR ORTSN A MENKUNDE. 1 1 7 

der germanisclien ortsbezeichnungen ausführlich dargelegt ist, 
dieser erkläruDgsweise wol nicht entgegenhalten können, dass 
sie mit dem grundzug der ortsnamengebung im widersprach 
stehe. Von Seiten der form genügt sie gleichfalls. Angenommen, 
was mir jetzt äusserst wahrscheinlich ist, das der -(w-locativ 
nur bei den patronymischen worten auf -inga- altererbt ist, 
so würde die wegen des s oben vorausgesetzte accentlage auch 
durch den stand des gutturals gefordert werden, da ja -ingd- 
aus *'i'gn6' sich mit gall. -icno- in patronymischen bildungen 
wie Druticnos, Oppianicnos, JVantonicnos, Versicnos (Stokes in 
Bezzen bergers Beitr. 11, 114 f.) lautlich und begriflflich voll- 
kommen deckt. Wenn man in -ä-su statt des ä nach den ver- 
wanten sprachen (ind. vfkesu Xvxoioi abg. vlücechü) eher ein 
e aus ai erwarten würde, so dürfte die auf analogischem wege 
erfolgte herstellung des normalen themavocals um so weniger 
auffällig sein, als sie ja nur eine uralte Störung des Systems 
wider beseitigt; denn das i ist nach allgemeiner annähme (vgl. 
Brugmann, Griech. gramm. § 93) in der urzeit vom pronomen 
hergeholt worden. Diese erklärung der formen auf -as erhält 
eine erwünschte bestätigung ihrer richtigkeit durch zwei inter- 
essante Ortsnamen, die in den von Grecelius Gollectae edier- 
ten heberegistern des klosters Werden a. d. Ruhr überliefert 
sind (1, s. 18 — 24): in Mundingasi und in Muningasiy ersteres 
fünfmal, letzteres zweimal belegt, beide sind also vollkommen 
gesicheil Denn hier ist, offenbar um der absterbenden, nicht 
mehr klar genug empfundenen form aufzuhelfen, die locativ- 
endung des Singulars (beispiele dafür folgen weiter unten) neu 
angefügt worden; dieser Vorgang setzt aber doch gewiss ein 
bewusstsein von der locativischen natur des -a^-casus voraus. 
Wenn aber auch das i etwas anderes sein sollte — dass es 
gerade der locativausgang des Singulars ist, lässt sich natür- 
lich nicht über allen zweifei erheben — so beweisen diese 
formen doch unter allen umständen die genuität des a^-casus; 
denn nur eine lebendige, wirklich gesprochene form ist einer 
organischen Weiterbildung fähig. Damit finden hoffentlich die 
bemerkungen Hennings in der Deutschen literaturzeitung 1888 
s. 16, denen trotz des zeile 9 ff. angeschlagenen anmassenden 
tones das lob besonderer Sachkenntnis und besonnenheit nicht 
zuerkannt werden kann, ihre endgültige erledigung. Freilich 



118 KÖGEL 

haben sie im Literaturbl. f. germ. u. roniaD. philologie 1888 
S.91 (ich weiss nicht von welcher seite?) bereits beifall gefunden. 
Mönchische missbildungen wie Letoltingos, Eskirichingos, 
erst spät vorkommend und local ganz beschränkt (in den Ur- 
kunden von St. Gallen, Freising, Salzburg, Regensburg, wie 
überhaupt in ganz Alemannien und Baiern ist keine einzige 
form dieser art zu finden) haben für die geschichte des cts- 
casus ungefähr dieselbe bedeutung wie etwa m villa qui vocaiur 
deorangris Zeuss. trad. Wiz. 18 = teuringas 1 (weiteres bei 
Socin 8. 252) oder wie die formen Frigisingam, Frigisingae, 
Ehinga superiores fllr die beurteilung des a-genetivs. Solche 
Verunstaltungen beweisen nur, wenn nicht den Unverstand der 
Schreiber, so doch das absterben des gefühls für die bedeutung 
und geltung dieser alten formen, was sich auch in Wendungen 
wie actum TiUiburgis Fstm. 1475, in villa Smithusis ebd. 1406 
u. a. documentiert. Mögen immerhin die formen auf -os latie- 
nische accusative pluralis der 2. declination sein; dann haben 
wir eben den verfehlten versuch eines Schreibers, sich die ver- 
alteten formen federgerecbt zu machen, mehr aufgestöbert. 
Den nebenformen auf -es, die schon in sehr alter zeit vor- 
kommen und auch im angels. begegnen, würde man wol un- 
recht tun, wenn man sie ebenso niedrig taxieren wollte; vgl. in 
Neofares Zeuss trad. Wiz. 1 a. 742; in villa quae vocaiur Caz- 
feldes ebd. 3 a. 739; Heminkes in einer alten Passauer Urkunde 
Zs. fda. 28, 113; in villa quae dlcitur Uuiuueres Roth, Kl. beitr. 

1, 22. Denn die abschwächung oder ausweichung des a m e 
hat ja ihr analogon in der ent Wickelung der parallelform auf 
-a (wenn auch diese kein locativ ist), vgl. in villa Baringe 
Dronke c. d. 125; cellam quae vocaiur Eringe Roth, Kl. beitr. 

2, 219; in villa Uuinkelinge ebd.; in villa Ansolvinge Puttinge 
Uuisunte ebd. 220 u. s. w. Wo die formen auf -a nicht durch 
solche auf -un, -on, -en ersetzt werden, gehen sie später samt 
und sonders auf -e aus. Dieses e fiel dann ab, und so sind 
die heute üblichen formen ohne endung wie Freising zu stände 
gekommen. — Von den locativen auf -ingas aus hat die alter- 
tümliche endung sich in Alemannien und den Rheingegenden 
auch auf eine anzahl anderer Ortsnamen weiterverbreitet, 
zweifellos durch vermittelung der a-formen, die ihrerseits gleich- 
falls teilweise erst einer Übertragung ihr dasein verdankten; 



ZUR ORTSNAMKNKUNDE. 1 19 

formen wie aldebrunnas Zeuss 52 a. 742 lassen noch ganz deut- 
lich den ent wickelungsgang erkennen : ursprünglich alda brunn 
(diese* neben form von hrunno muss für den fränkischen und 
bairischen dialekt anerkannt werden, vgl. md. hurn, hörn Lexer 
1,397 und altn. brunnr) 'alter brunnen', dann anlehnung an 
die genitivischen formen auf -a (vgl. mittilibrunna nr. 262), 
endlich hinzunahme des -s\ selbst die missgestalt aldebrunnas 
(nr. 35) fehlt nicht. Auch in Aldunpurias Wartra. 99 a. 783 
wird das s auf Übertragung beruhen, denn aldün ist doch wol 
der dativ singularis femin. Bei anderen, wie beispielsweise 
bergas, kann man zweifeln; aber da in Baiern ausschliesslich 
den namen auf -ingas das s zukommt, so sind möglicherweise 
alle sonstigen a^-formen als analogiebildungen danach zu be- 
trachten. Jedoch auch da ist keineswegs an eine nur ausser- 
liehe auf schreiberlaune beruhende herübernahme des aus- 
ganges zu denken, sondern auch diese Übertragung war ein 
akt lebendiger entwickelung; dies lehrt u. a. die jetzige orts- 
form Hofs in der Schweiz = altem üf hovas. In den Urkunden 
bei Wartmann ist zufällig nur üf hova überliefert, aber der 
locativ wird durch die Verbindung mit der praeposition als 
ursprünglich erwiesen. 

Zs. fda. 28, 1 12 f. anm. habe ich locative des Singulars auf -iu 
von u- und /-stammen gesammelt. Hierzu ist mancherlei nach- 
zutragen. Der loc. des w-stammes wald got. *walpics^ altn. vgllr, 
ags. weald (nach der w-declination, Sievers^ § 273) ist ausser 
bei Mchb. nr. 101 a. 790 und 102 a. 791 auch belegt in nr. 109 
a. 792 Traditio ad Uualdiu : in loco qui dicitur ad Uualdiu und 
in nr. 199 (spätestens 810) Traditio Selprih de Uualdiu : in 
loco qui dicitur ad Uualdiu] ferner im alem.: de possessionibus 
fFaldiu unam libram Wartra. III nr. 1030 a. 1282; in Waldu 
ebd. s. 754. Später fällt das u ab: in tribus locis Uualdi et 
Uuolpach atque Adalprehtescella Mchb. 1068 (spätestens 956); 
einen zweiten bairischen beleg für die form Uualdi s. Zs. fda. 
28, 119, einen alemannischen gewährt Wartmann: possessionem 
dictum Waldi 111.1212 a. 1313 und zwei niederrheinische für 
Uueldi bringt Fstm. 2^, 1538 aus Lacomblet bei.^) Auch fürt 



^) Danach ist zu beurteilen Is. IX, a, 16 f. dher fona sunt ist (doch 
könnte auch satzsandhi im spiele seiu wie in heizih für heizu ih u. ä. bei 



120 KÖGEL 

m. gehört ursprünglich der u-declinatiD aD, wie alte formen 
' des ags. ford ausweisen (Sievers a. a. o.); zu dem belege für 
den loc. furim kommen hinzu: in 5^^///wr/m Wartm. 407*a. 849 
und in Suuinfurtiu (so ist zu lesen, da dieser städtename nie 
auf -in ausgeht) Dronke cod. dipl. nr. 220. 221 (anfang des ' 
9. jhs.). Die jüngere daraus entstandene form Parti belegt 
Fstm. 599 aus bairischen quellen. Auch furiu begegnet: in 
Villa Ditfürtu Dronke trad. et antiqu. Fuld. c. 41 nr. 37 (s. 97). 
Zu den w-stämmen gehörte auch feld (Sievers a. a. o.), vgl. in 
confinio Feldiu (im druck -ui] dieser fehler ist bei Mchb. ganz 
gewöhnlich) Mchb. 46 (spätestens 784). — Ziemlich häufig be- 
gegnet der locativ des e-stammes bah m. f.: Bachiu aus Kauslers 
Wttrtemb. urkundenb. a. 973 bei Fstm. 1 87; in comitatu üuettini 
ad Pachiu Mchb. 1025 (spätestens 938); Uualdker reddidit eccle- 
Slam ad Pahhu überschr. zu Mchb. 368 a. 818 (in der Urkunde: 
m loco nomine Pacfi)\ in Bcechiu Wartm. III s. 790; Bechiu ebd. 
797; de Bcechü ebd. 814 (14. jh.); in Dahhehhu Dronke cod. 
dipl. 640 (um 890); in Ebalihhechiu (so ist zu lesen, nicht m) 
ebd. 220. 221 (anfang des 9. jhs.).!) Vgl. in villa Bechi cod. 
Lauresh. nr. 103 (11. jh.). Weiter gehört zu der /-classe wang 
(doch wird es auch nach der a-declination flectiert), daher der loc. 
wengiu: in Uuangiu Juvav. s. 24 a. 798 (Fstm. 1549); actum in 
üuengiu Wartm. 232 a. 818. 295 a. 825. 593 a. 875. 597 a. 876; diws 
hohas que jacent in Uuengu ebd. 658 a. 887, ebenda actum in 
Villa Uuengu, Die jüngere form mit abgefallenem u bei Wtm. 
III nr. 1131 a. 1302 castimm in Wengi und sonst oft (Fstm. 
1549). Zu swalm bienenschwarm gehört: in villa Suelmiu Cree. 
coli. 3 a s. 43. Auf mhd. grach ährenfeld (?) beziehe ich in 
Grechu cod. Lauresh. nr. 2495. In diese reihe gehört zweifellos 

/ 

0., oder ze leihist Gl. 1, 790, 21 = ze leibu ist) und Hei. 1^98 M mid 
iro sunt selbo {suniu fehlt im Hei. wol nur zufällig). Dass auch altn. syni 
auf suniu zurückgeht, lehren die ältesten runenin Schriften, vgl. Noreen, 
Altisl. und altnorw. gramm. § 307. 

^) In diesen beiden Urkunden findet sich noch eine dritte form mit 
(lern ausgang in: in Grasatelliny und auch diese ist in analoger weise zu 
bessern; und zwar ist hier die herstellung von. -telliu völlig evident, 
weil wir den dativ eines starken femin innms tellia Schlucht = mhd. teile 
vor uns haben. In nr. 219 a. $04 m Grasatelle ist -e aus -ia contrabiert; 
nr. 349 in villa Grasatelli gewährt den sog. kurzen nominativ. 



ZUR ORTSNAMENKUNDE. 121 

auch in vilia Espiu Dronke c. d. 269 a. 812 zu asp espenwald 
(vgl. ose), welches auch im nom. als Ortsname vorkommt (Fstm. 
132). — Auch ohne nebenform auf -m finden sich locative von 
männlichen /-stammen, aber sehr selten: in villa nuncupante 
Arcliinsuuenti Mchb. 49 (vor 784) zu swant rodung; in villa 
qtuie vocatur Chaganbaci (Hagen bach) Zeuss trad. Wiz. 257 
a. 724 (aber hah kann auch fem. sein). Ob huoh buchenwald 
ein neutraler /-stamm ist oder ein a-stamm, lässt sich nicht er- 
mitteln; in jedem falle ist der locativ auf i von interesse: in 
villa Pohhi nimcupantem (Überschrift: Renovatio Chuniperhti de 
Pohhi (Mchb. 43 a. 773, in derselben Urkunde aber auch actum 
in villa Pohhe^ wozu man die Traditio Chuniperhti de Pohe 
Mchb. 6 a. 760 halte (im innern dieser Urkunde: in villa quae 
nuncupatur Poch), — Locative auf -/ von a-stämmen vermisste 
ich Zs. fda. 28, 119 noch; jetzt kann ich belege dafür nachweisen: 
in villas cognonmiantes hoc est in Chuzinc-husi . . in üuittreshusi 
. . in Lalenhaimi Zeuss trad. Wiz. 52 a. 742; villas noncupantes 
Lupfinstagni (= staini) Batsinagmi (= haimi) Hischaigitisagmi 
(ebenfalls = haimi) ebd. 14 a. 739: actum Unchessiagni (= staini) 
ebd. 41 a. 714; m villa Niunhrunni Dronke c. d. 568 (um 856). 
Bei haimi bleibt indes zu berücksichtigen, dass das wort im 
ältesten hochd. noch fem. nach der e-declination gewesen ist 
wie im gotischen, $». oben s. 107; auch die von Graflf 4, 946 ff. ein 
paarmal belegte form heimi wird wol darauf zu beziehen sein.i) 



^) Die stelle aus Ib ist in wegfall zu briogen, da 61. 1, 276, 63 jetzt 
keime gelesen wird. 

LEIPZIG, 21. märz 1888. RUDOLF KÖGEL. 



BRUCHSTÜCKE 

EINER MITTELDEUTSCHEN BEARBEITUNG 

DES ESDRAS UND DES JESAIAS. 

Auf der Hildesheimer Stadtbibliothek befindet sich ein 
pergamentdoppelblatt, 29,5 cm. hoch, 22 cm. breit, welches von 
einem bucheinbande losgelöst ist. lieber die herkunft desselben 
konnte mir herr bibliothekar dr. Bauer nichts näheres angeben. 
Seite 1 und 4 sind besonders vom kleister beschädigt, seite 2 
und 3 besser erhalten, haben aber auch durch schmutz und 
verbleichen der scbrift übel gelitten. Blatt 1 ist von wurm- 
frass durchlöchert; blatt 2^ weist die wahrscheinlich gedruckte 
halb verloschene Jahreszahl 1612 auf. Auf blatt 1^ steht ganz 
unten von der band des schreihers die zahl VIII. Jede seite 
hat 2 columnen mit 36 zeilen. Initialen und manche Wörter 
im Innern der verse sind rot durchstrichen. Einige initialen 
und alle lateinischen citate sind ganz rot geschrieben. 

Sprache und schriftzüge weisen ins 14. jh.; der dialekt 
ist ein stark mit niederdeutschen elementen versetztes mittel- 
deutsch. Vgl. 0. V. Heinemann, Aus zerschnittenen Wolfen- 
bttttler hss. Erstes bruchstttck. Zeitschrift f. d. alterth. 32, 1 
s. 70 — 73. Soweit unsere bruchstücke ein urteil gestatten, war 
die Übersetzung eine sehr freie; besonders ausführlich scheinen 
die historischen partieen gehalten zu sein. Der vulgatatext 
ist nach mittelalterlichen quellen erweitert, vgl. bl. 1* sp. 1 
vers 20 ff., wo Alexander als christlicher held erscheint. Der 
Übersetzung eigentümlich erscheinen die biwort: vgl bl. 1*» 
sp. 2 vers 115 ff. Die auswahl aus Jesaias war eine sehr knappe 
und zusammenhanglose. Vgl. die unter dem texte angeführten 
stellen der vulgata. Zweimal unterscheidet sich der dichter 
von einem meister (bl. 2* sp. 1 v. 10 und 14). Sei^ie quelle 



EULING, MITTELDEUTSCHE BRÜCHSTÜCKE. 



123 



gibt er bl. 1^ sp. 2 v. 116 als eine mündliche, bl. 1* sp. 2 v. 49 
als eine schriftliche an. Wir erhalten durch diese bruchstücke 
noch künde von einer ähnlichen bearbeitung des Daniel (bl. 1 * 
sp. 2 V. 53) der bücher der Makkabäer (bl. P sp. 2 v. 113) und 
des Job (bl. 2» sp. 1 v. 23). 

In dem nachfolgenden abdrucke sind die abkürzungen auf- 
gelöst, ergänzungen in klammern gesetzt. 



[Bl. 1 a sp. 1] 

Yd de daz se iuiewar 
Halden mosten . ioden sede 
Vnde ir e al dar mede 
Alexander vor do dan 
* Vele Ivdes he vor wan 
Stade . bürge . lande 
Wyder Darynm . he echt wände 
Aver syne herevart 
Daryus irslagen wart 

*®Do vor he auer dar na 
Myt hercs craft vt yndia 
Konin g porvm he dar sloch 
Myt grozer manheyt genoch 
He vor do . saget man os 

*^ Zo den berghen kasspyos 
Dar de ioden syn beslozen 
Se hedden gerne genozen 
Syner kvnst zoden stvnden 
Daz se weren vnbvnden' 

2o He vragede nach yren sculden 
Se spraken zwey kalf gvlden 
Ereden we wyder got 
Vnde braken . syn . gebot 
Do . Alexander horde daz 

^^ He . began . se . noch vorebaz 
Beslüzen . vnde bemvren 
Do daz Volk began tvren 
Vor des arbeydes not 
Alexander . vlede got 

3« Dazhe . vuUede daz werk 
Goddes wnder . hir merk 
De berge . sich gozen 
An eyn . ander . se sich slozen 
Daz se . noch syn weges qnit 

3» Noch . vor der ivngesten zyt 
Solen se her vore komen 



Über csdras 



[sp. 2] Vnde manges dot vromen 
Nv wüld Alexander don 
Syne reyse zo babylon 

*"Do wart ym vor geben 
Do he nicht machte leben 
He begvnde parteren 
Zwelven . dem levest weren 
AI syn ryke an zwelf stvcke 

^^Daz was ok durch de nvcke 
Daz necheyn man nach eme 
An so groze walt queme 
AI eyne so he komen was 
Vz den zwelven als ich las 

^^'Vere des gewelden 
Daz se daz ryke behelden 
So Danyel . al vore sach 
Dar ich hir oven ave sprach 
Nach alcxandere do nam 

«^^Egyptvm vnde Syriam 
Pholomeus socher 
Ue . dacht ok dwingen mer 
Zo Jerusalem . he quam 
Als of he . wäre vredesam 

60 Vnde dad ok datte 
An eineme Sabatte 
Do se . waren sonder were 
Der joden eyn groz here 
Dref he vangen . van . danne 

^ Van manne . zo manne 
Vorkofen . he . se dede 
Hir van vnde hir mede 
Worden se . an alle lant 
Myt yrn koferen gesant 

^^ Nach dessem konige quam 
An dem selben nam 
Geheizen Pholomeus 



124 



EÜLING 



[Bl. Ib sp. I] Über 

Von by namen philadelphu(8) 
De vlizedo . sich vn(?)8ere 

'*An de pfaffenliken ere 
He hadde zwenzich dusent bok 
Vnde irwarf mit svner rok 
Daz de . ald . e . wart . gedrungen 
An . syne krekeschen zvngen 

^ Mit vlize . vnde rechte 
Went de zwelf siechte 
Sanden ym dar an 
Zwen vnde seuen zieh man 
De best gelart waren 

**^De langen rede wil ich sparen 
Nach ptolomeo daz les 
Qvam eyn Evergetes 
Nach yme quam her vor 
Geheyzen . Philopator 

^ Nach . ym eyn Epifanes 
Nam ym Philomenor des 
Herscap scere vor ging 
Van Syrien de koning 
De groze Anthyochvs 

•'^De vorstorde syn hus 
Jvdeam . he pk . bedwang 
Myt solken vreysen he rang 
Daz he wart vor raden 
. . . stere . iach daz daden 

10« Vor eynem afgodde 
Dar quam he zo dode 
Nach . Antyocho . quam 
Eyn . Seleucus . an Syriam 
De sande . Cleodorvm 

*o^Zo rovene goddes templum 
Dar ich hir vor af sprach 
Daz an den zyten gescach 
Do zo Jerusalem Onyas 



Esdras 

[sp. 2] De ouerste prester (w)a8 
"" De hir prestere . na quamen 
Wiltu wizzen yren namen 
De saltu vorbaz soken 
An Machabeus . boken 
Der wil ich hir na roken 



115 Hir gryp ich an de bywort 
De ich have ghe hört 
An esdrase besvnder 
Daz ist . daz erste . dar vndor 
Verba regum . Artaxerses . ad 
csdram . Omne quod ad riium 
dei cell perünet . Iribuatur jn . 
domo dei celi.ne forte jrascaiur^). 
Eyn konig . Artaxerses 

^'^ Bat . hern es drase . des 
AI . daz sich gebore 
Vnde zo goddes denste . bore 
Vnde an syn zyre 
Daz gif mit vlize svnder vire 

i'^^Daz man ia zo vorn 
Beware . synen zorn 
Diz merket cristene lüde 
Wes eyn heydene . vor gude 
Verba , esdre . manus dei noslri est 
super omnes . qui querunt cum 
hl bonitate . et inperium eius 
et fortitudo eius et furor . super 
omnes . qui dei'eliquit . evm.^) 
Esdras sprach . des syt gemant 

^^ Goddes scermende hant 
Ist den genen ymber (by) 
Vnde lez se . dar here ny 
De . yne soken mit gote 
Goddes zornes sich be hole 



[Bl. 2 a sp. 1] 



Ysayas propheta 



V . . de . . name . vnde . . . 
Nichte ne bliue zo male 
Vor swy get . hir van my 
Swi grvndelos . iz sy 
* Nv grif ich . desser rede zo 



Wen ich aver . diz ge to 
Gift mir got . de stvnde 
So denkich . daz nye de kvnde(?) 
Aver . nemen vore . 
*" Vndevolgenmynesmeistersspore 



») Esdras 7, 23. ») Esdras 8, 22. 



MITTELDEUTSCHE BRUCHSTÜCKE. 



125 



Went an den bokes ende 
Gif luyr Jesu . svnder pende 
Mynes levendes . gvten ende 

Aver des meistera wort 
Hir wil ich volgen nach 

'^Der rede als ich sprach 
Vnde Wille . durch ir kennen 
Ire namen . erst nennen 
Vnde scryben . ir ambegyn 
Ir grvndelose de . . . sy(n) 

*^Blift van myr vngcrcget 
De vkge (??) so hc le get 
Hir solde neist volgen 
Jopcs bok . daz na stcyt 



Isayas prophela jncipii . In 
hec verba . Visio jsaye filii 
Arnos . Quam vidit super Judam 
et Jerusalem in diehus ozie^) 
Got sprak . by alder stvnt 
25Dv8 durch ysaias mvnt 
Füios enviriui ei exaUaui 
Impi autem spreueruni me . Cog- 
nouil . hos possessorem suum 

et asi- 
[sp. 2] nus praesepe domini sui . 

Jerusalem 
auiem non cognouit et populus 
meus non iniellexit . 
Als ich gescreben vynde 
Ich han gezogen kynde 

[Bl. 2 b sp. 1] Ysayas 

De . zo drinkende . den . wyn 
Vnde stark zo uverdranke 
Syn vnde nicht cranke 
so We den . de de quaden 
An yren miss(i)daden 
Be sconet vnde vnrechte tot 
Dem armen . durch . got 
Ve gut conduni leg es iniquas 
et scribentes iniusticias scrip- 
seruni vt oprimereni in iudi- 
cio pauperem Quid facie- 
tis in die visitationis et calami- 



Vnde han se vf ghe bort 
Des byn ich . nv bekort 

^ Went se me nv vorsmat 
Ich weiz doch de osse hat 
Synen meister ir kant 
De dvller ysel vant 
De krybben . synes herren 

^'''Doch wil sich nicht bekerren 
Myn Volk . by mangcn dage 
Van irck daz ist myn clage 
Ve qui dicilis malum bonum et 
bonum malum . ponentes ienebras 
lucem ei lucem tenebras , Ponentes 
amare dulce ei dulce amare. 
Ve qui sapientes estis . in ecclesiis 
vestris et choram vobis metipsis 
prudentes . ve qui potentes estis 
ad bibendum vinum et viri forles . 
ad miscendam ehrieiaiem . Qui 
justifcatis impium , pro mu- 
neribus et Justitium iusti aufer- 
tis ab eo?) 

We dem quaden mote 
Daz . bosheyt nennet gote 

^"Vnde gote bosheyt nennet 
De dynsternis ir kennet 
Vnde vor daz lecht sezet 
Vnde . svr . soze . hezet 
Vnde soze nennet . sur 

*^Den sehe quat aventur 
De wis vor yren ovgen syn 

propheta 

tatis de longa venientis ad 

confugietis auxilium ^) 

We moz den be cliuen 
'^De dichten vnde scriuen 

Vnde vnrecht ordel vinden 

Dvrch de armen . be swinden 

Waz wil ir ane(?)gan 

Wer sal vch myt tröste verfan 
<^^Swen de visitator kvmt 

De syner wrake nicht vorsumt 

Numquil gloriabitur securis 
contra 



*) Jes. 1,1.2. 2) Jes. 5, 20. ^) Jes. 10, 1. 



126 



EULING, MITTELDEUTSCHE BRUCH STÜCKE. 



eum qui secat cum ea : aut exalia- 

hiiur serra contra eum a quo 
Irahitur *) 

Wo mocht sich gevogen daz 

Daz de exte wider saz 

Irme houwere worde 
^ Vnde daz sich daz gebordo 

Daz sich . do vile . wider den 

Der se zo werke solde zen 

An hofart vn richte 

Dar war eyn setzen . seichte 

Qui incredulus est infideüter 

Aget . ei qui . de depopulator est 
vastat 
'0 Swer . vngeloaen hat 

[sp. 2] De deyt vnlouige dat 

De zo dem rone hört 

De rovet vnde vorstort 

Stultus fatua loquilur et cor 
eius fa- 

ciet iniquitatem et perficiet si- 
mulacionez ^) 

Dvmlichen sprikt de dvmme 
" Syn herze geyt mit hoshey t vmme 

Vnde vul bringt den rat 

Mit syner yalschen dat 

Sedebit populus meus in pulcri- 

tudine pacis et in taberndculis 
fiducie 



et in requie opuienta^) 
Got sprikt ir solen wizzen 
Myn Volk daz sal sizzen 

**An des vredes scone 
Ich wil ok daz it wone 
Mit gvdem zovorsichte 
An make svnder scrichte 
Ve qui predarisnonne predaberis 
et qui spernis nonne et ipse sper- 
neris cum con sumaueris depre- 
dacionem . depredaheris . Cvm 
faiigaius desieris contempnere 

contempneHs *) 
We . den de roves pleget 

*« In wert . ok rof . angeleget . 
Dv . de . de . anderen . vorsmast 
Vorsmaheyt dv zo lone hast 
Swen . dv . van rove . wilt . lan 
So moz dir rof . aver gan 

** Swen . du . smaheyt wilt vorzyen 
Man . sal se . dir vor k(?)yen 
Ego posiremus ei nouissimus 

et no- 
vissimus ei absque me non est 

deus 
Quis similis mei^) 
Aldus sprikt got . de beste 
Ich byn erst . ich byn . leste . 



^)Jes. 10, 15. 2)Jes. 32,6. 3)je8. 32,18. *)Jes. 33,1. 5)Je8. 41,4. 

HILDESHEIM. K. EULING. 



ZUR GESCHICHTE DER DEUTSCHEN 

E^ UND Ö-LAUTE. 

1. Die langen e und die o-laute im 
bairiscli -österreichischen. 

JNeuerdiugs äDgeregt durch die ausflihruDgen Braunes, 
Beitr. XIII, 578 flF., gebe ich im folgenden eine schon seit 
längerer zeit geplante Vervollständigung und weiterfiihrung 
meines aufsatzes über die ^-laute Beitr. XI, 492 if.^) 



^) Kurze zeit nach jenem aufsatz erschien ein für die niederöster- 
reichische dialektforschung wichtiges werk: 'Da Roanad. Eine Über- 
tragung des deutschen thierepos in den niederösterreichischen dialekt. 
I. Theil. Grammatische analyse des n.-ö. dialektes. Von dr. Hans Willi- 
bald Ni^l. Wien, Carl Gerold's sehn. 1886/ Was den von mir be- 
handelten gegenständ betrifft, so weicht Nagl von mir nur scheinbar ab. 
In allen tatsächlichen angaben über die Verteilung der beiden ^-laute stim- 
men wir überein, nur ist die Zusammenfassung und formuliernng bei 
Nagl eine andere. Der grund liegt darin, dass er, wol in folge sei- 
nes vocalsystems (einl. § 1), die beiden t nicht aus einander hält. Er 
sagt 8. 8 § 1 und s. 13 § 8, mhd. ^ ergebe ei (entsprechend unserem ge- 
schlossenen e) und führt als belege an: heben, lesen, neben, swester, 
ezzen, best. Es gilt nun allerdings in allen diesen fällen e, sowol für 
e als für e, aber die Ursachen sind sehr verschiedene. Natürlich ergeben 
sich späterhin eine menge ausnahmen von jener hauptregel, die als in- 
consequenzen und Schwankungen der mundartlichen lautgebung erschei- 
nen müssen. (Vgl. zu v. 98 s. 87, zu v. 100 s. 88; s. 200 zu v. 236 wird 
daher mhd. Ermrich falsch in Jamraich übersetzt; es müsste Eamraicli 
lauten.) — Ferner weicht Nagl von mir ab in der erklärung des ia (mein 
ia) für er. Nach § 11 s. 14 und § 27 s. 19 denkt er sich die entwicklung 
ei -\- r, eier, eia, ia, ähnlich wie ou ■\- r [mhd. ^ ■\-r] zu ouer, oua wurde 
und nun ^dieser diphthongbogen wegen des geringen lautabstandes des 
ou von u mit ua [mhd. uo] coincidierte'. Diese schon an sich kaum be- 
friedigende erklärung geht nur vom gegenwärtigen lautstande aus, ohne 
die klangfarbe des zu gründe liegenden mhd. ? zu berücksichtigen. Da 
ia aus f + r hervorgeht, ist es viel wahrscheinlicher, dass e vor r nn- 



128 LUICK 

Id demselben wurde das Schicksal der e im bair.-öslerr. 
im allgemeinen nur so weit verfolgt, als sie nicht dehnung er- 
litten. Doch ist eine nähere erklärung nötig. Soviel ich sehe, 
gibt es in dieser niundart zweierlei dehnungen. Einmal die 
gemeinnhd., die jede kürze vor einfacher consonanz trifft (doch 
ist zu bemerken, dass sie consequent eintritt; nicht nur mhd. 
vater, auch vetere, rveier, breier, hleter^), keten, zedele, nicht 
nur met, rat, auch hret, hlat, snit, got, nicht nur geboten auch 
gesoten, gesniten, slite, schate erhalten länge 2)); ausserdem aber 
ist, wol später, eine weitere dehnung vor mehrfacher conso- 
nanz eingetreten, welche abhängig ist einerseits von der art 
der auf die kürze folgenden consonanten (r + tenuis z. b. 
erhält die kürze), andrerseits davon, ob und was für eine 
Silbe folgt oder in früheren Sprachperioden folgte. Längen 
der ersteren art bleiben durch alle flexionsforraen und ablei- 
tungen hindurch; bred (brett), plur. breda, dimin. brel (/ = 

o o 

/ sonans) bredal; längen der zweiten art wechseln je nach den 
folgenden lauten mit kürze; dreg (dreck), plur. dr^k, dimin. 
dr^^kal; ßz (fisch), plur. fu, dimin. ßhl, verb. fxsn\ s(g 
(scheck), adj. sc'kat (*8checkiht). Im gefolge der ersteren, 
gemein-nhd., dehnung treten auch änderungen des ursprüng- 
lichen klanges der vocale auf (vgl. bret < bred), die zweite 



mittelbar in i tibergieng (ebenso o vor r zu t^), während es in anderer 
Umgebung den a-nachschlag erhielt. Dass die gruppe -ern häufig als 
-ein erscheint, was Nagl als stütze anführt, beweist nur, dass der ans- 
fall des r älter ist als die diphthongierung des ^ zu eu — Den laut, den 
o q § i vor / erhält, bezeichnet Nagl mit u ä ö ü * gemäss der land- 
läufigen lesung dieser letzteren hd. schriftzeichen ' (s. 1 9 § 29). Das ist 
nun für ä nicht richtig. Es gibt zwar oder gab wenigstens eine schul- 
meisteraussprache des ä als gerundeten laut; aber die landläufige ist sie 
nicht und Nagl selbst ist von dieser ansieht abgekommen, denn er 
spricht s. 301 von den * schulmeistern aus der alten aera, welche das hd. 
ö wie Schmellers e (mein eij Brückes e), das hd. ä wie Schmellersches 
9l oll (mein all) aussprechen Hessen.' Ich hebe dies hervor, damit ausser- 
üsterreichische leser des buches, die die einleitung aber nicht alle an- 
merkungen durchgehen, nicht etwa zu falschen meinungen über unsere 
ausspräche verleitet werden. 

^) Beitr. XI, 499 unrichtig unter die kürzen gestellt. 

^) Daher kann das Beitr. XI, 501 erwähnte hetn nicht auf mhd. 

o 

beten zurückgehn , welches hedn ergeben müsste (vgl. tredn -^ träten), 
sondern setzt ein *heUen voraus {y^\. klein ^=z klettern), w^ in ^^ wetten). 



ZUR GESCHICHTE DER E- UND 0-LAüTE. 129 

lässt ihn unverändert. Daher wurden in meinem aufsatz (mit 
ausnähme der fälle mit -r und -/, wo die dehnung in folge 
der diphthongierung weniger merkbar ist) nur jene Wörter 
ausgeschlossen, welche die erste dehnung erfahren haben. Nun- 
mehr soll auch ihre lautung sowie die entwicklung von mhd. 
e, (ß dargestellt werden. ^ 

Das lange e meiner mundart hat dieselben zwei klang- 
farben wie das kurze, es ist offen (e) oder geschlossen {e\ 
Das erstere ist jedoch weniger offen als z. b. franz. S in tele, 
Vietors halboffenes e^ letzteres noch mehr geschlossen als franz. 
e in parle. Bei stärkerem nachdruck läuft, wie bei der kürze, 
das ^, aber nur dieses, in i aus, so dass der diphthong ei ent- 
steht, und dieser ist der normale laut in allen weniger abge- 
schliffenen einzelmundarten Oesterreichs (auch bei Nagl). Ich 
gebe nun zunächst Verzeichnisse sämmtlicher entsprechungen, 
wobei, wenn nichts bemerkt ist, meine angaben mit denen 
Schmellers (S) und Nagls (N) — so weit sie die betreffenden 
Wörter oder die bezeichnung ihrer ausspräche enthalten — 
übereinstimmen. Formen, die in meiner mundart nicht vor- 
kommen, setze ich in eckige klammern.^) 

Gelängtes e erscheint als ^ : 1. durchaus vor r {er > ^a): 
er, ber, her, smer, ich ger (gähre, S id, Übertragung aus girst, 
girtT), ger (begehre), her (gebäre), scher ^ srver (auch ia, S e i9, 
dagegen das subst. e, N s. 327 nur ea oder e d. h. q\ die 
i-formen dürften aus nhd. geschwür > gswia stammen), [wer, 
gewähre S II, 974, N s. 76 zu v. 81]; — 2. durchaus vor 
h: sehen, geschehen, [spehen S II, 661, N s. 87 zu v. 98] 2); — 



^) Da ich also teils ans eigener erfahrnng, teils ans schriftlichen 
quellen schöpfe, würden bei einer phonetischen darstellnng der mund- 
artlichen formen drei verschiedene transscriptionsweisen zusammentreffen. 
Ich ziehe es daher vor, wo es sich bloss um den vocal handelt, die mhd. 
form anzufahren. 

') Ende des XIII. Jahrhunderts dringt im bairischen ch an die 
stelle des h ein (Paul, Mhd. gr. ,§ 114), wie es auch die lebende mundart 
noch aufweist, sehen wurde also zu sechen\ wenn dieses nun sen oder 
seja (aus *sdxa, vgl. slaija aus *slaix(i, mhd. suchen), stachen aber iigx^ 
ergibt, so folgt daraus, dass die dehnung der kürze vor einfacher 
consonanz schon vor dem eindringen des ch für h stattgefunden haben 
mnss, also vor dem ende des XIII. Jahrhunderts. Ebenso werden unter- 
schieden ghja (geliehen) und g^^x^ (geschlichen), üja N 407 (ähre) und 

Beitr&ge zur gesohiohto der deutsohen spräche. XIV. ^ 



1 30 LUICK 

3. öfters vor t, d, regelmässig dann, wenn es vor folgendem / 
ausfällt: schedel, [sedel S II, 223], betelen, [gehet S I, 302, N 
418, 2, ß] *); — 4. manchmal vor h: [rebe S II, 6, N dagegen ^^)\ 
*rebelen, [kleber S I 1322, N v. 249], vortonig: lebendec. 

Einige fälle zeigen schwanken. Schmeller gibt e bei 
nebel{l, 1713) und beseme (I, 289), S e bei kevere (I, 1228) und 
met (I, 1688); ich kenne in allen diesen Wörtern nur den ge- 
schlossenen laut^ ebenso Nagl.^) 

Gelängtes e ergibt e in allen anderen fällen: wec^ [stec 
N 402 C b 1], pflege, tegel, regen, segen, wegen (wägen), 
[segense S II, 241, N s.91 zu v. 103, degen S I, 493, pflegen S 
I, 469, N 371]; bret^ ledec, predigen. Jeder, veder, (eint-, ie-) 
weder, vleder-{müs), weter, zedele, treten^ [jeten S 1, 121 1, N 381,2, 
kneten S 1, 1355, N 381,2]; lehe'{zelte), leber, treber, eben, neben, 
leben, geben, weben; gewesen, lesen, [jesen N 371 unten]; swevel. 
Vor m: nemen tritt der Beitr. XI, 499 f. besprochene mittellaut 
ein (N ai). Sehr bezeichnend für die folgen der dehnung 
sind die entsprechungen, die Schmeller für mhd. krebez gibt 
(I, 1359): kr^s (wie in meiner mundart) und krew9s; also bei 
erhaltener kürze f, bei längung e. 

Fttr das gelängte umlaut-^ erscheint zunächst vielfach, 
wie bei der kürze (Beitr. XI, 497) reines a, die lautgesetz- 
liche entsprechung von mhd. te. Namentlich in Verkleinerungs- 
formen und späteren umlautbildungen ist a häufig. So weit 
der d-laut gewahrt ist, erscheint er als ^: siege, [schrege N 197 
mitte], "'negel, sieget, vlegel, kegel, [swegel S II, 628], gegen, legeft, 
bewegen, [regen S II, 72. fegen S I 696] ; stete, veter, Meter, 



iwfx^ (schwächer). Dazu stimmen zahlreiche reime ans bair.-üsterr. 
dichtem (vgl. Weinhold §48, ferner §§ 3th 51. 55. 61). 

>) Neben dem später zu erwähnenden ledi (ledig) gibt es auch ein 
Iddi, von flUssigkeiten im sinn von * ungemischt, lauter' gebrancht Ich 
dachte anfangs, dieses käme auch von l^dec und es hätte sich in dieser 
besondern bedeutung die ursprüngliche lantung erhalten. Nagl dagegen 
leitet es (wie er mir brieflich mitteilte) von mhd. Icetec ab (wozu die 
lautnng vollkommen stimmt); es sei zunächst von edelmetallen gebraucht 
worden. Da ich einen gebrauch in diesem sinne nicht kenne und mir 
auch weitere anhaltspunkte fehlen (Schmeller kennt kein Iddi^ auch nicht 
jene bedeutung), weiss ich nicht, welche von den beiden müglichkeiten 
anzunehmen ist. 

^) Ich verdanke diese angäbe freundlicher brieflicher mittellang. 



ZUR GESCHICHTE DER ^- UND 0-LAÜTE. 131 

[reder S II, 50, N 420 oben], keien, reden, [schedigen S II, 370, 
schedelich N 395,1, ^gerede, abstractum zu gerade N411, 8J; 
schehec, hebel, [grebel S I, 982, greher S I, 983, N 419, b, 1. ß\ 
heben, [srveben S II, 621]; brezel (diese form und nicht brezel 
— vgl. Kluge, Etym. wb. — ist als etymon für unsere mund- 
artliche lautung anzusetzen), esel, gleser, [greser N 419 b, 1 j9], 
*heven (= topf), kevj'e. In edel gibt Schmeller ^ an; in Nagls 
mundart sowie der meinigen kommt es nicht vor. — Vor n 
erscheint der oben erwähnte mittellaut in denen, spenen] er 
gibt ia: mer, [ber S I, 263, N 327 unten], ich her, wer, verzer, 
swer, (Einige von den belegen schon unter der kürze Beitr. 
XI, 500 fölschlich angeführt.) — Vor h schwankt die laut- 
gebung; eher erscheint bei Schmeller (I, 54) und Nagl (407 a, 1) 
mit e (allerdings S I, 1387 ein verbum ehern mit <?!), dagegen 
mhd. twehele bei ersterem (11, 1176) mit e, — Wenn ausser- 
dem in meiner mundart der plural von wagen als wen erscheint, 
so ist das von keiner bedeutung: das ist eine späte, unorga- 
nische. Umlautbildung, der reinen mundart fremd, ein er- 
zeugnis des Wiener stadtdialektes. Die echten formen sind 
sing. woVy plur. wän,^) 

Mhd. e erscheint im auslaut, vor r, h und w als e\ 
e, re, se, sne, we, kle, ich ge, stß, ere, mere, lere, keren, bleren, 
zehe, siehe, [veh S 1,700, liehen S 1, 1463], ewec] vor n wider in 
der gewöhnlichen weise modificiert: wenec, gen, sien\ vor / als 
ö: sele (ebenso S und N); verkürzt als f: erst, lereche, herre. 
Schmeller kennt auch se aus mhd. se (ecce), ich höre se s§, 
was wol nicht ursprünglich ist. 

Mhd. ce ist fast durchgehends durch reines ä (a) vertreten: 
nußjen, drcejen, swcere, wcere, stcete u. s. w. Vor l kenne ich nur 
p", dagegen Schmeller bei scelec (II, 252) äd, bei vcelen (11, 702) 
dj bei letzterem auch Nagl a (s. 24 zu v. 21). Bei Verkürzung 
höre ich ^ in ncehest, andcehtec, Schmeller beim ersteren (1, 735) 
d. In einem ähnlichen falle hat er aber ^, in dicht (I, 486 = 
denk' ich, mein' ich, denn doch). — Sichere belege für e aus 
CB sind kaum zu finden. Ich höre nceher mit e, Schmeller hat 
dagegen ä e. Ebenso gilt e in gena^dec (S e, N c); aber das 



*) Das V ans g + n ist verschieden von dem ans ng\ dieses 
nasaliert den vorangehenden vocal, jenes nicht. * 



132 LÜICK 

wort ist an sich verdächtig, aus der Schriftsprache eingeführt 
worden zu sein, und in der tat hat Nagl (s. 103 zu y. 130) 
einen beweis dafür aus seiner mundart gefunden. Der con- 
junctiv präteriti von haben hed niuss nicht auf mhd. hwte zu- 
rückgehen, wie Nagl (zu v. 102) will, er würde lautlich zur 
form hete stimmen, und die anderen beispiele, welche Nagl 
für die entsprechung ce > ^ bringt (s. 18 § 25) fallen wol 
auch weg. ^Dä ne^ (soeben, vorhin) ist wol nicht ^der nähe^ 
sondern ^denn S^ (vgl. s. 261 unten), ifsli (lässlich) und sfx^ 
(Schacher) gewiss aus der Schriftsprache eingedrungen, gerade 
so wie gblfs (ablasse) und ähnliche falle (vgl. 103 zu v. 130, 
106 zu V. 137); rfs endlich kommt nicht von ahd. räzi, mhd. 
rceze, welches ras ergibt, sondern scheint mit mhd. röscJ^e 
(Wb. II, 1556) zusammenzuhängen, das freilich roesche gelautet 
haben müsste. — Scheinbar ganz abweichend ist es, wenn 
mhd. spcBter speda ergibt. Indes die formen dieses adverbs 
erweisen sich klärlich als auf '"spät^ *speier zurückgehend, sind 
also hier zu streichen. 

Bei den der spräche von haus aus fremden bestandteilen 
schwankt die lautgebung. In kaffee, thee und ähnlichen gilt 
ebenso wie bei den heimischen auf e auslautenden Wörtern 
der offene laut. Denselben haben auch die meisten vornamen 
wie Gr^l (Gretel), Peda (Peter), Bi^si (Therese) u. s. w., dagegen 
gilt e in den fremdwörtern theke, apotheke (beide mit f), 
trompete, pastete (S I, 412 aber e), zibebe (S II, 1075 i). 

Wir haben also im bair.-österr. zumeist eine reinliche ab- 
grenzung und trennung der etymologisch verschiedenen laute; 
nur das zu erwartende e für gelängtes e hat eine beträchtliche 
einbusse erfahren. Aus dem umstände, dass die gebiete des f 
und des e für e sich nicht scharf scheiden, sondern im gegenteil 
in einander übergehen, können wir schliessen, dass die ände- 
rung der ursprünglichen Qualität nicht vor der dehnung ein- 
getreten ist — diese annähme verbietet ja schon der offene 
klang der kurz gebliebenen e — auch nicht gleichzeitig mit 
jener — dann könnte kein schwanken vorkommen, könnten 
nicht leber und kleber verschiedenes ergeben — sondern dass 
erst nach derselben der bestand der e durch secundäre voi^ 
gänge, die mit der dehnung an sich nichts zu tun haben, ver- 
ringert wurde. Was war nun die Ursache? Die ursprüngliehen 



ZUR GESCHICHTE DER E- UND Ö-LAÜTE. 133 

läDgen wirkten gewiss nicht störend ein. Die offene klang- 
farbe des i muss schon zu der zeit bestanden haben, als die 
kürzen gedehnt wurden (XIII. jh.), sonst wäre das e mit dem 
gelängten nmlaut-^ zusammengefallen und müsste gegenwärtig 
wie dieses als l erscheinen. Die jetzige lautung ist also 
höchst wahrscheinlich ursprünglich, d. h. das bair.-österr. be- 
wahrt noch die stufe e, zu welcher die monophthongierung des 
fallenden diphthongen ai zunächst führen musste, bevor sie zu 
e kommen konnte. Als daher bei der längung der kürzen 
aus t e wurde, wuchs bloss die häufigkeit eines ohnehin schon 
bestehenden lautes. Warum nun wird das e für e festgehalten, 
während die e aus e zumeist verschwunden sind^)? Hier 
kommen die umgebenden laute in betracht. Mhd. S kommt 
ja nur vor h r w und im auslaut vor; e aus e ist in den bei- 
den letzten fällen nicht möglich, vor h und r aber sehen wir 
es ebenso festgehalten wie ^ aus S. Die dritte oben angeführte 
reihe wo f durchgeht, e vor dy t + Z^), hat das eigentümliche, 
dass der vocal im silbenauslaut steht und darauf kein.conso- 

nant sondern ein sonantischer laut folgt (sel^ sei, beln\ so dass 

• • • 

der silbenauslaut schärfer hervorgehoben wird und dadurch 
eine gewisse ähnlichkeit mit dem wortauslaut erhält — eine 
neue parallele zu e. Wir können also sagen: sobald e aus e 
in die lautliche Umgebung kommt, welche dem ^ aus S eigen 
ist, bleibt sein laut fest; die übrigen ^-laute sind fast voll- 
ständig durch den geschlossenen laut verdrängt worden. 

Die Ursache dieser Zersetzung nun liegt, glaube ich, in 
den starken verben. Auch bei erhaltener kürze zeigen ja diese 
geschlossenes e, wie ich Beiträge XI, 502 ausgeführt habe. 
Damals glaubte ich sie durch analogie mit den gelängten e 
entstanden, für die ich ^ für lautgesetzlicb hielt. Diese er- 
klärang hat sich als unhaltbar erwiesen. Die sache dürfte 



^) Dass die v für mhd. (b ebenfalls durchgehends beharren, hat 
wol seinen grnnd darin, dass die unumgelautete form mit 6 (:=>- p') da- 
neben steht und dem Sprachgefühl das umlautverhältnis klar erhält. 

^) Mhd. zidele fehlt allerdings in dieser reihe, es lautet ts'el; aber 
in diesem wort muss früh vermengung mit zettel von dem bedeutungs- 
ähnlichen stamm zeit- eingetreten sein (vgl. nhd. zetiel). In der form 
tsel geht also die quantität des vocals auf zidele, seine qnalität auf 
Zettel zurück. 



134 LUICK 

sich yielinehr so verhalten. Den starken verben mit ^ stand 
im mhd. vielfach ein sonst gleichlautendes schwaches verbum 
mit § gegenüber, eine doppelheit, die zum teil noch im bair.- 
österr. erbalten ist. Schmeller kennt bei smelzen und swellen 
(II, 522. 630) zwei verben, eines mit pl, das andere mit 9/, nur 
ist die lautgebung gerade verkehrt; das starke hat den auf ^, 
das schwache den auf ^' zurückgehenden laut. In meiner 
mundart gehen die beiden laute in dem ersteren verbum durch- 
einander, obwol der geschlossene überwiegt, bei dem letzteren 
ist kaum mehr als das participium im gebrauch. Nagl end- 
lich hat bei smelzen die auf e weisende vocalisation, bei s wei- 
len kommt diese gar nicht vor, während er die s/v^llen ent- 
sprechende form 'nur höchst selten und immer mit Unsicher- 
heit aussprechen hörte'. Wir sehen also deutlich, welche Ver- 
wirrung in der lautgebung hier eingerissen ist. Offenbar ver- 
wischte sich mit der zeit der functionsunterscbied zwischen 
dem starken und dem schwachen verbum und für jede func- 
tion konnten beide formen gebraucht werden. Später ent- 
ledigte sich die spräche dieses Überflusses nach der einen oder 
andern seite und da konnte es auch geschehen, dass die 
lautung des schwachen verbums den sieg erlangte und hierauf 
auf alle verben der betreffenden klasse ausgedehnt wurde. So 
mag es gekommen sein, dass alle starken verben mit e vor 
muten e oder e aufweisen (ausser wenn -ht den offenen laut 
festhält), während die mit e vor r und /, von kleinen Schwank- 
ungen abgesehen, den offenen laut oder seine entsprechungen 
bewahren. 

Von den starken verben nun dürfte der geschlossene laut 
auch in andere fälle eingedrungen sein; von bewegen etwa in 
den lautlich ähnlichen dat. plur. wegen und von da in alle 
anderen casus, von geben, webe^i in eben^ neben u. s. w. 
Warum dies nur bei gelängtem e eintrat, ist mir freilich 
nicht klar. 

Die entwicklung des umlaut-^ ist im ganzen wie zu er- 
warten war. Die Störung des geschlossenen lautes vor h darf 
man vielleicht mit derselben Wirkung des hl vergleichen (Beitr. 
XI, 501 f.). Wenn Schmeller ferner edel mit c kennt, so zweifle 
ich, dass das wort wirklich volkstümlich ist. 

Ueberblicken wir die Schicksale der beiden kürzen im 



ZUR GESCHICHTE DER E- UND 0-LAüTE. 135 

bair.-österr., so ist bemerkenswert, dass sich die ursprüngliche 
lautung recht gut erhält, wenn die kürze als solche verbleibt, 
dagegen durch längung geschädigt wird. Gerade das umge- 
kehrte ist in vielen anderen mundarten, namentlich mittel- und 
niederdeutschen der fall. 

Was die entsprechungen der alten längen betrifft,. so haben 
wir von f für g schon gehandelt. Es ergibt sich nun die frage, 
wie das a für mhd. ce (und als umlaut von ä anstatt des zu 
erwartenden e) aufzufassen sei. Als unterbleiben des umlauts, 
was ich noch Beitr. XI, 497 annahm, gewiss nicht; denn oe ist 
von äj dem in unserer mundart o-laute entsprechen, streng ge- 
schieden. Entweder also hat schon vor dem wirken des Um- 
lauts die verdumpfung des ä begonnen, aber nur dort, wo 
nicht in der nächsten silbe i folgte, oder — und das ist gewiss 
wahrscheinlicher — der umlaut ist wirklich eingetreten, wir 
haben aber nicht mehr sein ergebnis vor uns, sondern das 
eines späteren lautwandels, der den entstandenen laut ergriff. 
Hat nun die einwirkung des i stattgefunden (die reime bei 
Weinhold § 34 fallen gegenüber der Scheidung der heutigen 
mundart nicht in's gewicht), so kann sie lange nicht so weit 
vorgeschritten sein wie beim ä\ nicht einmal zur stufe e kann 
der umlaut von ä gelangt sein^ sonst wäre er mit dem & zu- 
sammengefallen. Er wird also irgend einen laut zwischen ^ 
und ä gehabt haben, vielleicht den des englischen ä in had, 
so dass sich e zw. ce verhalten hätte wie die vocale in engl. 
bed und bad. Später muss dieser laut aus uns unbekannten 
Ursachen beseitigt worden sein und zwar in der weise, dass 
er wider zu reinem a zurückgieng, während inzwischen das 
alte ä bereits verdumpft worden war. Da nun so mannigfache 
berührungen zwischen länge und kürze im bair.-österr. statt 
haben, ist es nicht verwunderlich, dass dieses a auch häufig 
durch Übertragung an die stelle des umlauts von ä eindrang. 

Bei den o-lauten sind die Verhältnisse sehr einfach. Für 
mhd. gilt in meiner mundart sowol bei erhaltener kürze als 
gelängt g (für welches unter denselben umständen ou erscheint 
wie ei für §\ vor r w; mhd. o ergibt zumeist auch ö, vor r w, 
aber gewisse Wörter z. b. floh haben g und ältere leute habe 
ich auch in anderen fällen o" sprechen hören. Nagl hat dieses 



136 LÜICK 

regelmässig, andrerseits aber für o yor r neben u auch q. 
In jeder der beiden gaumundarten ist also schon eine gewisse 
Störung eingetreten. Das ursprüngliche Verhältnis, worauf auch 
die angaben Schmellers hinweisen, war gewiss dies, dass dem 
mhd. 0, vor r u, dem mhd. o o", vor r ebenfalls g entsprach. 
Dazu stimmen auch die umlaute; mhd. ö ergibt ^, vor r i, vor 
/ ö, mhd. ce erscheint als e. vor r ebenfalls als e. 

Diese so reinliche Scheidung gestattet uns rückschlüsse zu 
machen. Da gelängtes o ö von ursprünglichem d ce scharf ge- 
trennt wird, so muss derselbe abstand zwischen o ö und 6 oß 
schon zur zeit bestanden haben, als die längung der kürzen 
eintrat, also im XIII. Jahrhundert. In jedem anderen fall 
müsste Verwirrung eingerissen sein. Da nun o aus Uj 6 aus 
au sich entwickelt hat, so ist es höchst wahrscheinlich, dass 
die lautwerte o = o, d = g nicht nur im XIII. Jahrhundert, 
sondern seit jeher im bairischen galten. Damit ist auch der 
zu erwartende parallelismus zwischen ö und S hergestellt. 

Zum schluss gebe ich eine gedrängte Übersicht der e- und 
o-laute. In eckige klammern setze ich die nicht abgeschliffe- 
nen innerösterreichischen lautungen (Nagl). Mit e {o) be- 
zeichne ich den widerholt erwähnten mittellaut zwischen e und 
^ (o und o). 



ZUR GESCHICHTE DER E- UND 0-LAÜTE. 



137 












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138 LÜICK 

2. Uie klangfarbe Yon mhd. e und ce. 

Im bairischen hatte, wie wir oben erschlossen zu haben 
glauben, im XIII. Jahrhundert e wie heute die geltung ^, w 
einen zwischen ^' und a liegenden laut. Gibt es nun etwa an- 
zeichen, dass diese klangfarbe auch ausserhalb des bairischen 
geltung hatte? Ich glaube ja. Wenn die mhd. dichter, wie 
bekannt, das verkürzte e in herre, werre mit e binden, obwol 
doch auch Wörter mit e zur Verfügung standen (z. b. sperre^ 
zerre), so macht das sehr wahrscheinlich, worauf schon Franck| 
Zs. fda. 25, 223 verwiesen hat, dass ß dieselbe klangfarbe 
hatte wie e, d. h. die offene. Damit stimmt überein, dass die 
zus£|,mmenziehung e aus -ehe- mit e gebunden wird (vgl. Grimm, 
Gr. P, 344). Das ce, das im reim ja streng von e gesondert 
wird, musste jedenfalls einen anderen laut als den offenen des 
e haben und da die guten alemannischen bandschriften, welche 
für unsere normalisierte Schreibung ausschlaggebend waren, 
diesen laut durch die ligatur ce widergeben, so darf man 
daraus schliessen, dass er nicht etwa geschlossen war — dann 
hätte man ihn wol ebenso mit e bezeichnet wie den geschlos- 
senen kurzen laut — sondern zwischen e und a lag. Ich glaube 
also in der tat, dass jene für das bairische gesicherte lautung 
von e CO gemein-mhd. war. 

Welche Stellung die lebenden alemannischen mundarten 
zu dieser ansetzung einnehmen, ob sich aus ihnen bestätigung 
oder gegengrttnde ergeben, das zu untersuchen überlasse ich 
besser den kennern derselben. Ich greife nur die angaben 
einiger genauen darstellungen heraus. In der Kerenzer mundart 
(Winteler s. 124. 126) stehen sich e und ce als e und a^ (nach 
Brückescher bezeichnung) gegenüber, in der Toggenburger 
mundart (ebenda) als e^ und offenes ö. In Schaffhausen 
(Stickelberger, Lautlehre der lebenden mundart der stadt S. 
s. 18) gilt für e ^ (d. i. e) selten f, für öp f cT, Die ebenfalls 
alemannische mundart des dorfes Ottenheim, südlich von Strass- 
burg (Heimburger, ßeitr. XIII, 211 ff.) bietet e als e (vor r als 
f), mhd. ce als ce^ ein laut, 'der zwischen a und e steht und 
zwar dem a bedeutend näher als dem e^ (s. 212). — Diese 
lautstände sind wol vereinbar mit unserer aufstellung; überall 
sind die beiden laute so auseinandergehalten, dass mhd. m 



ZUR GESCHICHTE DER E- UND 0-LAüTE. 139 

dem a näher steht; nur erscheinen bald beide laute, bald der 
eine nach der geschlossenen seite hin verschoben. Hier äussert 
sich bereits ohne zweifei jene neigung, den längen den ge- 
schlossenen laut zu geben, welche in der gemeinsprache den 
sieg errang. — Die Verschiebung ist häufig bis zur Vereinigung 
der beiden laute unter e fortgesetzt im mitteldeutschen (z. b. 
im obersächsischen; vgl. Braune, Beitr. XIII, 582), auf welchem 
gebiete ja früh e für öp eindringt (Paul, Mhd. gr. § 99). Aber 
manchmal zeigt sich auch hier noch dieselbe Scheidung. So 
ist in den schlesischen volksmundarten zur zeit Opitz' e bereits 
zu I geworden, während ce noch e war (Braune, Beitr. XIII, 
574 f.) und selbst die Schriftdeutsch schreibenden dichter, welche 
also auch für i e sprachen, halten dieses von dem e aus ce 
im reime getrennt (Heilborn, Beitr. XIII, 567 flf.). 

Es liegt weiter die frage nahe, ob nicht auch die bairi- 
schen lautwerte von o o gemein-mhd. waren? Hier liegt die 
Sache schwieriger; ich weiss keine beweisgründe aus dem mhd. 
selbst beizubringen und es wäre ja leicht denkbar, dass in 
anderen deutschen landschaften jedes der o in seiner entwick- 
lung weiterscbritt, also zu o, o zu o wurde, wenn auch letz- 
teres wegen des parallelismus des und e nicht wahrschein- 
lich ist. Es würde sich wieder darum handeln, die Weisungen 
der lebenden alemannischen mundarten zu erforschen. 

3. Uie e- und o-laute in der spräche der gebildeten 

in Oesterreich. 

Nicht alle gebildeten in Wien — die hauptstadt kommt 
natürlich vor allem in betracht — sprechen dialektfrei; es gibt 
eine menge abstufungen zwischen Schriftsprache und mundart. 
Aber die meisten gebildeten sind im stände so weit von der 
letzteren sich abzulösen, dass ihr sprechen als Schriftsprache 
empfunden wird. Um diese spräche, die im umgang der ge- 
bildeten vorherrscht, handelt es sich uns zunächst. Sie ist 
durchaus nicht so weit von der idealen gemeinsprache entfernt 
wie- z. b. die rheinfränkische Umgangssprache, welche Victor 
in dem so betitelten büchlein dargestellt hat, sondern im 
wesentlichen unsere Schriftsprache, wie sie sich im munde des 
Oesterreichers gestaltet; d. h. sie enthält alle laute, auf welche 



140 LÜICK 

die Bchrift hinweist, jedoch in färbungen, welche zumeist Ton 
der norddeutschen ausspräche abweichen. 

Aber es ist sehr wichtig, dass der begriff österreichische 
Umgangssprache richtig gefasst werde. Nur jene gebildeten 
kommen in betracht, deren spräche auf der österreichischen 
mundart beruht, sei es dass sie selbst, oder dass jene, von 
welchen sie die spräche erlernt haben, aus derselben hervor- 
gegangen sind, und welche nicht etwa durch längeren aufent* 
halt in anderen deutschen landschaften von den dortigen 
Spracheigenheiten beeinflusst wurden oder wol gar — das 
kommt auch sehr selten vor — in einem fremden volk lebend 
ihr heimisches Sprachgefühl verloren haben. ÄuszuscUiessen 
sind also vor allem die nicht geringe zahl der Deutschböhmen 
und Mährer, deren spräche ja auf ganz anderen grundlagen 
ruht (zum teil sind sie übrigens nur germanisierte öechen), 
ferner die Juden, welche bestimmte eigentümlichkeiten nur in 
den seltensten fällen völlig verlieren, endlich auch jene, welche 
ihre ausspräche theoretisch selbst geregelt haben. 

In dieser unserer Umgangssprache sieht es nun auf den 
ersten blick recht wirr aus. Wenn wir bfttein gegenüber betty 
Ifcken gegenüber wecken, schädel (f) gegenüber r^de sprechen, 
so wäre das ja ganz erfreulich. Aber wir sagen auch 
w§Uer, Zettel, kqck, rv^del, ßder und wie wunderlich ist es, 
wenn in gräser e, in gläser e gilt. Bei näherem zusehen ent- 
wickelt sich das durcheinander bald. Unsere Umgangssprache 
behält zunächst die lautgebung der mundail; bei (und zwar der 
in und um Wien üblichen), sofern sie sich nicht zu weit von 
der Schrift entfernt. Tritt dies ein, so haben wir öinen fall, 
wo die Umgangssprache, so zu sagen, auf eigene fttsse gestellt 
wird. Das würde noch immer nicht viel ausmachen, wenn ihr 
Wortschatz und der der mundart gleich wären. Aber ersterer 
ist bedeutend grösser und so ergibt sich eine zweite reihe von » 
fällen, in denen die unterläge der mundartlichen lautgebung 
fehlt. Da tritt denn ein laut ein, der aus irgend welchen grün- 
den der vorherrschende geworden ist. Diesen laut erhalten 
auch alle neubildungen (wofern nicht anlehnung an bestehen- 
des eintritt) und alle fremdwörter. 

Bei der kürze ist mit ausnähme der fälle mit -r und -/ die 
Verteilung des geschlossen und offenen lautes dieselbe wie ich 



ZUR GESCHICHTE DER E- UND 0-LAUTE. 141 

sie Beitr. XI, 499 — 504 für die mundart dargelegt habe; auch 
alle abweichungen von der hauptregel werden getreulich mit- 
gemacht^) Nur ist der bereich des ^ für den umlaut von a 
etwas eingeschränkt. Von den Beitr. XI, 499 angeführten Wör- 
tern haben äste, kräftig^ retten, schwächer^ schwächen^ schwätzen 
schon ^ erhalten, ^ wird als mundartlich empfunden; gaste 
fängt an zu schwanken. Man könnte vermuten, dass das ä 
der Schrift hier massgebend war, vielleicht ist es auch der 
fall; aber andrerseits haben äpfel, wasche^ sacke noch e. Der 
offene laut gilt in allen in der mundart nicht vorkommenden 
Wörtern oder formen mit e öT, wobei es gleichgiltig ist, ob der 
umlaut alt, organisch oder jüngeren Ursprungs ist. So hat 
gegenüber wasche mit ^ wäscht f weil die mundart den um- 
laut in der 2. 3. pers. nicht kennt.' — Abweichungen von dieser 
regel, also geschlossene e ohne mundartliche unterläge, sind 
selten. In fessel und scheffel gilt überwiegend ^ ; höchst wahr- 
scheinlich ist diese lautung zu einer zeit^ wo die mundart das 
wort noch hatte, aus ihr entnommen und dann in der Um- 
gangssprache fortgepflanzt worden, während in der mundart 
das wort ausser gebrauch kam. In ähnlicher weise ist wol 
eine alte lautung erhalten in becher {e aus i, vgl. Beitr. XI, 503) 
und in g^ck (Schmelier allerdings f). 

Wenn die mundart länge hat, wo die Schriftsprache kürze 
fordert, so sprechen wir natürlich kürze, aber die klangfarbe 
wird von der mundartlichen lautung hergenommen; daher in 
kette, blätter, vettevy aber auch in wetter, brettj zettel e, in 
betteln f (vgl. oben s. 130). Wenn statte trotz gstedn f hat, 
so ist ^er grund leicht zu finden; als poetisches wort, dessen 
anwendung in der Schriftsprache auch von der mundartlichen 
etwas abliegt, \yird es nicht als einerlei mit der form der 
Volkssprache gefühlt und so erhält es die lautung aller mund- 
artfremden Wörter. 

Vor l gehen in der mundart die beiden ^-laute in die ent- 
sprechenden d'-färbungen über. In der Umgangssprache gilt 
natürlich e, und zwar bei erhaltener kürze mit der zu erwar- 



*) Stark offenes e an stelle der e in der Umgangssprache ist jUdiscbe 
eigenttimlichkeit and wird als solche sogleich empfunden. 



1 42 LÜICK 

tenden Scheidung; also bfllen und stallen, gfld und kälte (f). 
Nur fälschen hat schon f. 

Vor r stehen in der Volkssprache f und i einander 
gegenüber. Die Umgangssprache kann nicht i dulden — 
die Schrift bietet jsl e — aber auch f, das man allenfalls er- 
warten könnte, ist nicht möglich, weil die Verbindung ^ 
nirgends in unserer mundart vorkommt und unserer ganzen 
articulationsweise durchaus unangemessen ist. So fallen denn 
beide laute in f zusammen. 

Vor nasalen wird der mundartliche mittellaut, wie zu er- 
warten, beibehalten. 

Alle mundartfremden worte erhalten also, wie schon er- 
wähnt, f. Dies wird schwerlich durch ein überwiegen der e 
zu erklären sein. Ihre zahl ist ja wol geringer als die der 
umlaut-ß. Wahrscheinlich liegt die Ursache darin, dass in den 
meisten der ausserösterreichischen deutschen landschaften sämmt- 
liche kurz gebliebenen e den offenen laut aufweisen. Für 
Oesterreich kommt von denselben als geographisch am näch- 
sten liegend Nordböhmen und Mähren in betracht, deren be- 
wohner jetzt wenigstens, so viel ich weiss, jedes kurzes e 
offen sprechen. Da nun zur zeit der entstehung unserer Schrift- 
sprache die böhmische kanzlei der Luxemburger so mass- 
gebend war, so wird diese neigung zum f, vielleicht aus Böhmen 
stammen. — 

Bei dem langen e geschieht die lautgebung ebenfalls nach 
massgabe der mundart; wo ihre Weisungen aufhören, tritt 
wider der vorhen-schende, bei allen neubildungen verwendete 
laut ein, der aber nicht etwa geschlossenes, sondern ebenfalls 
offenes e ist. Es hat der laut, der den alten längen entspricht, 
die Oberherrschaft erlangt. 

Sowol mhd. S als ce sind also durch e vertreten, auch in 
den nicht in der mundart vorkommenden Wörtern hehr, ger, 
sehr, fehdCf flehen. Der name des buchstaben selbst ist f 
(ebenso be, c^, de, ge u. s. w.) und dieser laut gilt auch in 
fremd Wörtern: thee, idee, poet, melrik, hypothek, these, kameel 
u. s. w., auch vortonig: theater, revier, iheologie. Er wird so- 
gar häufig in fremde sprachen übertragen (so in's französische: 
parier, parle u. dgl.). Dagegen gilt wie in der mundart e in 



ZUR GESCHICHTE DER E- UND 0-LAUTE. 143 

später (aber spät mit e) und den fremdwörtern theke, apo- 
theke, trompete, pastete. Vor m und n nähert sich der laut 
des e dem geschlossenen: vornehm, angenehm, bequem, fvenig, 
System, vene. 

Gelängtes e erscheint als e und e wie in der Volkssprache 
in den oben s. 129 f. aufgezählten Wörtern (jäten und kneten aus- 
genommen), so weit sie in der Schriftsprache erhalten sind. In 
den schwankenden fällen {nehel, besen, käfer, met) gilt e wie 
in der Wien umgebenden mundart. In die {'-reihe kommt noch 
beten (wegen dial. bftn) und gebeten, ferner die fälle mit /, 
wo die mundart offenes ö hat: mehl, hehlen, stehlen, befehlen, 
empfehlen. Vor nasalen nähert sich der laut wider mehr dem 
geschlossenen: verbrämen^ jener, sehne. 

In den Wörtern, welche der Volkssprache fremd sind (dazu 
gehören auch jäten und kneten, welche um Wien nicht ge- 
braucht werden) ist nach dem oben gesagten e zu erwarten. 
Dieses liegt auch vor in eber, segel, regel, häher, schwäher. 
Vielleicht ist in den beiden ersten fällen die frühere mundart- 
liche lautung erhalten. In den verben streben, genesen, kneten 
dagegen höre und spreche ich einen schwankenden laut, der 
bald dem e, bald dem e sich nähert; jäten allerdings hat 
festes e, gewiss nur in folge der Schreibung mit ä. Vielleicht 
wirken hier ältere mundartliche lautungen mit e noch nach 
und treten der neigung zum e entgegen, oder aber es macht 
sich eine angleicbung an ähnlich lautende verben wie leben, 
lesen, treten geltend. 

Gelängtes umlaut-^ ergibt e, wo die Volkssprache diesen 
laut hat. Nur ist wider zu bemerken, dass einige Wörter oder 
formen, die in der um Wien herrschenden mundart nicht vor- 
kommen, schräge, räder, schädlich, schädigen^ gröber, gräser zu 
den mundartfremden Wörtern zählen. Diese erhalten durchaus 
q, ob die Schrift e oder ä bietet; so edel, tvedel, säge, bäder, 
kläger, täglich, er fährt, schlägt u. s. w. Derselbe laut tritt an 
die stelle des mundartlichen i vor r, beere, zehren, wehren 
u. 8. w., und ö vor /, elend, zählen, scheuen, schmäler u. s. w. 
Dies letztere ist auffällig, da bei der kürze dieses ö vor / 
durch f ersetzt wurde. Vielleicht hat der umstand eingewirkt, 



144 LÜICK 

dass die hierhergehörigen Wörter fast Bämmtlich mit ä ge- 
schrieben werden. 

Auch beim umlaut-^ zeigen einige Mle jenes sehwanken, 
das wir schon bei gelängtem e gefunden haben. So das Sub- 
stantiv knehel (anlehnnng an die anderen bildungen auf -el 
wie kegel, flegel, hebel?), ferner die verben hegen, (sich) regen^ 
fegen, kleben. Der grund ist wol derselbe wie oben bei den 
verben mit e. Geschlossenes e scheint übrigens zu Über- 
wiegen. 

Für beide arten des durch dehnung entstandenen e ist zu 
bemerken, dass zuweilen innerhalb der ableitungen desselben 
Stammes, ja innerhalb der verschiedenen bedeutungen dessel- 
ben wertes die lautgebung wechselt, je nach dem Zusammen- 
hang mit der mundart. In ledig gilt ^, aber lediglich^ eine 
form, die nicht in der mundart vorkommt erhält überwiegend 
^; ebenso wesen^ aber gewöhnlich wesentlich, Schläge hat e 
nur in der engen bedeutung der Volkssprache {= prügel^ die 
jemand erhält), sonst (hammerschläge,. donnerschläge) ^. Hier- 
her wird es auch gehören, wenn das verbum knebeln mehr zum 
^1 neigt, das Substantiv knebel mehr zu e. — 

Auch in bezug auf die Orlaute beruht unsere Umgangs- 
sprache zum grössten teil auf der mundart. Kurzes o und 6 
werden ohne das geringste schwanken geschlossen gesprochen^), 
nur vor r offen. Langes o und ö haben allerdings durchaus 
den geschlossenen laut, nicht nur wenn sie auf gelängte kürze, 
sondern auch wenn sie auf alte länge zurückgehen. Vor r 
gilt in beiden fällen der offene laut. 

Wir haben im voranstehenden von der Umgangssprache 
gehandelt; so sprechen wir im ungezwungenen verkehr. Sobald 
die rede sich über diesen Standpunkt erhebt, bei vortragen, 
reden, feierlichen erklärungen, declamationen u. dgl. tritt eine 
annäherung an jene ausspräche ein, die unserem Sprachgefühl 
als die zwar nicht allein richtige, aber doch richtigere und 
namentlich vornehmere vorschwebt. Annäherungen pflegen all- 
mählig zu geschehen. Das ist auch in der tat hier der fall: 



^) Stark offenes o ist ebenso wie stark offenes e jüdische eigentöm- 
lichkeit, die als solche sogleich empfnnden wird. 



ZÜK GESCHICHTE DER E- UND 0-LAüTE. 145 

nicht bloss lautliche grade derselben gibt es, sondern auch ab- 
stufungen insofern, als manche Wörter oder Wörtergruppen eher 
der annäherung folgen als andere. 

Bei der kürze nähern sich die geschlossenen e ziemlich 
rasch den offenen, die beiden gruppen fallen bald zusammen. 
Die kurzen o werden auch geöffnet, aber sie leisten mehr 
widerstand und sehr lange behauptet sich der geschlossene 
laut beim kurzen ö. — Beim langen e {ö und 6" haben ohne- 
hin schon den gemeindeutschen geschlossenen laut) sind ver- 
schiedene Strömungen wirksam; teils streben alle langen e sich 
unter e zu einigen, teils wird dort wo die schrift ä bietet, e 
beibehalten. Eine vollständige durchftlhrung einer dieser bei- 
den neigungen findet sich aber sehr selten, viel seltener als 
die einigung der ^-laute unter (, Am ehesten und deutlichsten 
tritt dort e ein, wo es uns am schwersten ankommt und am 
meisten in*s gehör fällt: vor r {wer, schwer ^ erde u. s. w.); am 
wenigsten im auslaut wie see^ schnee. Ausserdem macht sich 
noch etwas geltend: beim erregten sprechen tritt eine entschie- 
dene neigung zu tage, alle längen zu öffnen, offenbar deswegen, 
weil die offenen laute eine geringere muskelanspannung er- 
fordern und daher bei gleichem kraftaufwande eine grössere 
stärke haben als die geschlossenen.^) 

Was endlich die btthnensprache anlangt, die man gewöhn- 
lich als mustergiltig hinstellt, so herrscht an unserem burg- 
theater — das allein von den Wiener theateiii in betracht 
kommt — durchaus nicht eine wirkliche einheit. Die kürze 
wird durchaus offen gesprochen; aber die länge wird teils 
unter e vereinigt, teils scheidet man das e und ä der schrift. 



^) Es gibt auch eine als correct sich hinstellende schnlmeisterans- 
sprache, welche alle s der schrift unter d einigt (also auch l^sen, g^ben, 
Ifgen, r^de) and für das ä der schrift jenen gerundeten laut setzt, von 
dem oben s. 128 die rede war. Letzteres ist allerdings gegenwärtig 
im verschwinden begriffen, aber das gefUhl, dass der von der mundart 
gebotene ^-laat nicht gut Schriftdeutsch sei und daher q gesprochen 
werden müsse, ist auch unter halbgebildeten sehr weit verbreitet. Diese 
Verallgemeinerung des d ist nichts anderes als die äusserste Übertreibung 
der aus den dialektischen Verhältnissen erwachsenen Vorliebe für den 
offenen laut der länge, derselben neigung also, die wir in der Umgangs- 
sprache tätig sahen. 

Beiträge zur gesohichte der dentsohen q;>raohe. XIV. \^ 



146 LUICK 

Namentlich aber wirkt der umstand ein, den wir schon oben 
erwähnten: beim sprechen im afiect haben alle vocale das 
streben, offen zu werden. Wird dann doch noch das e nnd ä 
der Schrift geschieden — es geschieht nicht oft — so muss 
letzteres noch mehr dem a genähert werden, es erhält fast 
den laut des englischen a in had. Gerade bei einem als 
musterhaften Sprecher berühmten Schauspieler habe ich diese 
Verschiebung der beiden ^-laute nach der offenen seite bin 
nicht selten bemerkt. 

4. Nachtrag. 

Bei der durchsieht von Schmellers Bair. wb. und Nagls Roanad 
zum zweck der voranstehenden ausführnngen, sind mir noch wei- 
tere belege für die lautung der kurz gebliebenen e im bair.-^st 
begegnet, die ich nun vorlege. Es dürften damit alle worter 
mit dem vocal e^ deren etymologie durchsichtig ist, gesammelt 
sein. Es wäre eine anziehende aufgäbe, nach den hier ge- 
fundenen gesetzen der entwicklung dieses vocals die an zahl 
durchaus nicht geringen Wörter mit e im bair.-osterr., deren 
alt- und mittelhd. entsprechungen nicht klar sind, zu prüfen, 
ihre alten formen zu reconstruieren, um so zu einer sicheren 
etymologie zu kommen. — Belege, die in meiner mundart 
nicht vorkommen, setze ich in eckige klammem; aus dem- 
selben gründe wie oben gebe ich im allgemeinen nur die mhd. 
formen. 

Mhd. e > f : spreckel, [gecke S I, 883], zeche (= nhd. zecke] 
S ^, N 402, C b 1 dagegen ^), [gereche S II, 18, speht N 396, 2 
anm. 1, lecze S 1, 1546]. 

Mhd. el >ö: selchen. Der geschlossene laut gilt in den 
ableitungen von mhd. schäle; doch dürfte hier vermengung mit 
dem verbum hescheln eingetreten sein. 

Mhd. er > ^a: scherz^ sierz, lateme, gerwen, auch das nur 
md. belegte kerle (vgl. Beitr. XIII, 576 anm.). 

Mhd. e vor n ergibt mittleren laut: zeniencere. 

Geschlossenes e für e zeigt sehier (S auch e)\ hier könnte 
es aus der neben form sesier übertragen sein, wo es ja — vor 
st — berechtigt wäre. Wenn ferner Nagl ein schwaches pai^ 
ticipium von rechen mit f kennt (s. 371) so wird dem eine 



ZÜE GESCHICHTE DER E- UND 0-LAUTE. 147 

auffassung des verbums von selten des Sprachgefühls als zur 
schwachen y-klasse gehörig zu gründe liegen. 

Mhd. e > §: [hecke N 409 unten, hecken = stechen, S 
I, 1049, klecken S I, 1324, seckei S II, 202, zetten S II, 1159, 
beche S I, 193], wefse (S II, 831 e] das ist wol einwirkung des 
im mhd. gewöhnlicheren lehnworts vespe] vgl. Kluge, Etym. 
wb.), geschepfe^ [^sefte N 402, C, a], kretze, [letzen N v. 203, leiz 
S I, 1546, etzen S I, 180, vletze S 1,806, ketzer S I, 1315, 
kr esse N 56 zu v. 41], kestene. Geschlossenen laut zeigt auch 
drec im gegensatz zum schwäbischen ^, auf grund welcher 
lautung Kauffmann, Beitr. XII, 504 e in diesem werte an- 
nimmt. 

Mhd. el > ö: [swelle S II, 630, *snelle (Instrument zum 
abschnellen) N v. 244, snellen S I, 575, gellend swv. N v. 193, 
smelehe S II, 549, selde S II, 268, N s. 88 zu v. 100, selch 
(= solch) S 11,205. 267, N v. 204, *helhe (von haip) S I, 1086; 
gelte dagegen ^/ S I, 908]; heller als späte umlautbildung 
hat ö. 

€ 

Mhd. er > ia: [merze S I, 1657, scherge S, N v. 20 und 
s. 401 anm. 3, verge S I, 754, {kirch)'Verten S I, 1788, N v. 23, 
erle S I, 143, her-{berge) S I, 1149, zerren S II, 1146 (gewöhn- 
lich a)]. 

Bei e vor n zeigt sich dasselbe geringere festhalten des 
geschlossenen lautes wie im schwäbischen (Franck, Zs. fda. 
25, 223): rennen, kennen^ brennen, nennen, *vlennen (dehnung 
erst secundär, vgl. oben s. 128). 

Zuweilen zeigen sich auch ^ für den umlaut; in snecke 
allerdings, das ich Beitr. XIII, 501 noch in diese reihe stellte, 
liegt gewiss, da auch im schwäb.-alem. f gesprochen wird^), 
e vor; Nagl hat seltsamer weise f (s. 56 zu v. 41). Aber einige 
andere f für e weiss ich nicht zu erklären; vor allen das in 
hexe (S auch e). Femer kennt Schmeller kretzn I, 1388 (mhd. 



>) Vgl. Eanffmann, Beitr. XII, 521. Warum hat Kauffmann nicht 
die Beitr. XI, 501 festgestellte bair.-österr. lautung ^ zur Unterstützung 
seiner ansieht angezogen? Da die zwei grossen oberdeutschen dialekt- 
gruppen keineswegs in allen fällen übereiDstimmen (siehe oben drec^ und 
Beitr. XIII, 588), ist es geraten, bei rtickscbltissen nicht einseitig von 
einer grnppe auszugehen. 



148 LUICK, ZUR GESCHICHTE DER E- UND 0-LAUTE. 

krefzCj korb), lettn I, 1532 (mhd. lette), und geck 1, 31 (= geäck^ 
genick). 

Schliesslich sei noch bemerkt, dass von den angeführten 
Wörtern in der österr. Umgangssprache, wie sie in Wien üblich 
ist, nur tvespe, dreck, zuweilen auch letzen e haben; kratze 
schwankt; die anderen (soweit sie überhaupt vorkommen) 
haben den offenen laut. 

WIEN, am 18. juni 1888. KARL LUICK. 



DER WINSBEKE UND WOLFRAM. 

jjei der klarheit, mit welcher sieh uns aus dem gediehte 
des Winsbeken eine dichterindividualität von originalem Cha- 
rakter offenbart, ist es sehr auffällig, dass Pfeiffer, der später 
übrigens eine bessere meinung von unsrem dichter hegte (vgl. 
Freie forsch. 174), das ganze gedieht nur f&r eine paraphrase 
einer stelle des Wigalois halten konnte. Ich habe Beitr. 13, 275 
diese hypothese eines Zusammenhangs beider dichtungen als 
nicht haltbar zu erweisen versucht, indem ich zugleich auf 
Wolframs rat des Gurnemanz als auf ein mögliches vorbild 
beider hinwies: dass Wirnt nach diesem muster gearbeitet hat, 
ist, wie ich jetzt finde, schon von Lachmann (zum Iw. 4533) 
behauptet worden, der mit recht betont, dass die ermahnung 
des Gawein bei Wirnt an einer wenig passenden stelle steht, 
wodurch sie sich eben als nachahmung documentiert. Es 
dürfte schwer werden dem Winsbeken entlehnungen von solcher 
bedeutung nachzuweisen, dass sie uns zwängen die hohe mei- 
nung, die wir sonst von dem dichter haben, herabzustimmen. 
An entlehnungen aus Freidanks bescheidenheit, die Wilhelm 
Grimm behauptete, glaubt niemand mehr. Nur zu Wolfram, 
einer geistesverwanten natur, zeigen sich einige engere be- 
ziehungen, die ich im folgenden zusammenstelle: zwei davon 
hat Haupt bereits verzeichnet. Es ist bekannt, wie man im 
mittelalter über die benutzung fremden geistigen eigentums 
dachte (vgl. Wälsch. gast 115) und wie solche parallelen, remi- 
niscenzen, oder wie man sie sonst nennen mag, namentlich 
bei dichtem, die wir als geistig bedeutender anzusehen haben, 
psychologisch zu erklären sind (Pfeifler, Freie forsch. 271). 

Am klaroten ist eine directe anspielung (Wke 18, 5): 
weislü wie Gahmurete geschach, der von des schiltes werdekeit 
der moerin in ir herze brach? si gap im lip, lant unde guot\ 



150 LEITZMANN 

die bandschriften schwanken zwischen Hp (BCk) und Hut (I). 
Im ersten buche des Parzival ist erzählt, wie Gabmuret sich 
die liebe der mobrenkönigin Belakane erringt und ihr gemahl 
wird. Später bei Herzeloyde sagt er von Belakane, anklingend 
an unsre stelle (90,24): si gap mir Hute unde laut; auch hier 
statt Hute in gg die Variante lip. Der vater empfiehlt dem 
söhne den Gabmuret als vorbild, die mutier der tochter (Wkin 
11, 7) Lunete, die süeze mag et. Beide eitleren damit eine art 
ideal und der unterschied ist typisch für die Sinnesart beider 
dichter: der Winsbeke zeigt eine verliebe für Wolfram, der 
dichter der Winsbekin fttr Hartmann (vgl. Gutzeit, Unterschiede 
des Stils im Winsbeke und in der Winsbekin, programm des 
realgymnasiums zu Bromberg 1887, s. 23). 

Dass Wke 20, 9 guot ritterschaft ist topelspil wörtlich aus 
Parz. 289, 24 herübergenommen ist, bat Haupt bereits bemerkt. 
San Marte (Parzivalstud. 3, 104.191) will darin ein Sprichwort 
sehen: da es jedoch keinen beleg weiter dafür gibt und 
Wolfram auch sonst gleichnisse vom Würfelspiel hernimmt, ist 
mir dies nicht recht glaubhaft; wir werden vielmehr annehmen 
können, dass Wolfram den ausdruck geschaffen hat. — Wke 
19, 6 wilt aber du leben in vri^r tval .... rviltü in (den schild) 
also ze halse nemen, er Menge baz an einer want stammt aus 
dem rat des Gurnemanz Parz. 173, 15 ich hän beschouwet ma- 
nege want, da ich den schilt baz hangen vant, denner iu ze 
halse tcete. Wolframs ausdruck ist drastischer, aber die ent- 
lehnung nicht zu verkennen. 

Die stelle Wke 21,2 senke schöne dinen schafty als ob er 
si gemälet dar erinnert im ausdruck sehr an Greg. 1606 (Paul) 
ob des sateles ich schein, als ich wcere gemälet dar. Aehnliche 
hinweise auf malerische darstellungen finden sich bei Wolfram: 
so Parz. 158,15 dehein schilt oere entwürfe in baz, denne aiser 
üfem orse saz (woran sieh Mai 84,36 knüpft: nie mäler sd 
künstle wart, der in entworfen hcete baz, als er dö üf dem orse 
saz)\ lied. 4, 3 swelh schillere entwürfe daz, gesellecliche als si 
lägen, des wcere ouch dem genuoc] Willeh. 241,27 sin lip ent- 
warf sich undern schilt: swaz mälcer nü lebendic sint, ir ougen, 
pensei und ir hant ist solch geschlckede unbekant. Weiter ab 
stehen Nib. 285, 1. Kudr. 660,2. 1601,3. 

Für den beweis eines Zusammenhanges ist es gleichgültig, 



DER WINSBEKE UND WOLFRAM. 151 

ob man in dem folgenden Verzeichnis von parallelen^ in dem 
ich sicheres und unsicheres nicht geschieden habe, einen oder 
den andern beleg streicht; derselbe ist bereits durch das vor- 
her besprochene erbracht. 

der selbe swarze hellewirt Wke 40, 10. sd heizet einer der 
helle Wirt] der ist swarz Parz. 119, 25 (vgl. Willeh. 38,6). 

den rvcUt swenden hat der Winsbeke (20,5. Wkin 13,10) 
wie Wirnt im letzten teil des Wigalois (280, 13. 283, 1) aus 
dem Parzival übernommen; denn der ausdruck ist sicher von 
Wolfram geprägt. Er steht 73,7. 79,22. 81,9. 290,24 {walt- 
swende 57,23). 

an werdekeit verzaget Wke 14, 8; Wkin 22, 10. Parz. 
122, 19. 

zu stözen Wke 56, 2. Parz. 2, 25. 9, 4. 390, 6. 690, 19 
Willeh. 5,29. 165,10. 259,28. 419,16. 

vreuden zil Wke 17, 7. Parz. 105, 4. 190, 18. 205, 2. 272, 14. 

327.12. 582,20. 

wunne ein hemder stam Wke 11,5; wunne ein herndez lieht 
12,1. tugende ein hernde ris Parz. 26,11; mannes schcene ein 
blüende ris 195, 4; der minne ein blüender stam Willeh. 88, 12. 

ungesunt an Wke 25, 10. Parz. 432,4. 

von arte geslaht Wke 20,6. 31, 10. Willeh. 182, 19. 

höchvart unde gitekeit diu zwei sint hcese nctbhgehür Wke 
40, 1. ist zwivel herzen nächgebür Parz. 1, 1; ir scheiden gap 
in trüren ze strengen nächgebüren 332, 17. 

sundef* twäl Wke 27,4. Parz. 31, 8. 57,19. 113,5. 140,15 

153.13. 157,14. 162,28. 265,12. 333,28. 424,21. 428,21. 
438,30. 454,22. 468,9. 469,27. 480,25; Willeh. 98, 28. 125,18. 
335, 28. 368, 26. 387, 22. 

driakel Wke 14, 9. Parz. 789, 29 (gednakelt 484, 16). 

Alles angeführte betrifft nur das alte gedieht des Wins- 
beken. Zur fortsetzung 79, 2. 6, einer strophe, die ich Beitr. 
13, 271 als späteren zusatz bezeichnet habe, citiert Haupt 
Willeh. 1, 26. 28. Auch hier ist die annähme eines unmittel- 
baren Zusammenhanges nicht ausgeschlossen. £ine ganz ähn- 
liche stelle führt Lexer 1, 853 aus Otackers reimchronik an; 
vgl. auch Strauch zum Marn. 14, 169 und Roethe zu Reinmar 
von Zweters leich 190. — Wkin 1, 8 din anblic si eins meien 
zit erinnert an Willeh. 64, 11 din blic wcere ein meien zit. 



152 LEITZMANN, Zu WINSBEKE UND WOLFRAM. 

Leider ist es unmöglich dies material zu einer genaueren 
chronologischen bestimmnng zu verwenden. Die Chronologie 
der Wolframschen werke ist zu unsicher, als dass mit ihr ge- 
rechnet werden könnte, und die ab Wesenheit von parallel- 
stellen in manchen teilen Wolframs beweist an und für sich 
nichts. 

BERLIN, 28. october 1887. 

ALBERT LEITZMANN. 



ÄLTFRIESISCHE WORTERKLÄRUNGEN. 



1. Pds. Passia, 

Die drei *Swarta Swengen* aus dem Westerlauweschen 
Friesland, welche rechtserkläruDgen aus dem ende des XIII. 
oder dem anfange des XIV. Jahrhunderts enthalten, sehliessen 
mit den werten: 

'Hwaesoe det disse swarta swenghen, ende oera deda dissem 
lyk, deer aldns wreet sint, so ne mey him nen prester neii hermscera 
scriwa, hi ne seke den paeas, wollen ende berfoet, iefta zyn weldi- 
gha boeda, ende hem di paeuwes ende zyn prester riochte hermschere 
scrywe, ney riochte, iefta ney nedum; al vnt dat schel hi buta der 
tzerka staen, ende nenne man niaer koma, soe deer an twiska se 
nioghen feet; hine moet nen pas nima als oer lioede, hi schel <weer 
syn ste£f passia, deer hi an zynre handt drecht Ende hi ne moet 
nenes orlowes niata ende hi schel manegher dnghede ontberra, deer 
ma in der Cristenheed deth, hwant hi haet him selue deerwt wrocht 
mitter eerga deda.'^) 

Der erste teil dieses citates ist mit dem schluss des 39. 

der 'Sinnethriochten' (0. F. W. IL p. 111) zu vergleichen. In 

diesem Sinnethriocht ist von 'fuchten wr sette soene, ende wr 

swarena eden ende wr kessene mund' die rede, wie dies auch 

im ersten, hier nicht angeführten, Swarta Sweng der fall ist; 

dieses Sinnethriucht endet: 

*Zoe schelles om dae sonda dae hermschere ontfaen, mei hiara 
presters rede, ende seka den paens, wollen ende berefoet, soe ne 
aegh him om dyn swarta sueng nen man ielkers nen hermschere ti 
scriwane: hwant hia habbet wrwrocht Groedis hielde.' (0. F. W. 1. 1.) 



^) Ich citiere das Ms. Ins Municipale Frisonum, ed. de Haan Hettema, 
Oade Friesche Wetten II (1851) p. 145; welches eine in jeder hinsieht 
viel genauere, und jedenfalls bedeutend ältere version als der sogen. 
Alte druck, s. 1. et a. (eine wahrscheinlich in den südlichen Niederlanden 
um 1480 gedruckte incunabel) enthält. 



154 HETTEMA 

Diese worte erklären die oben angezogene stelle der Swarte 
Swinghen; und die Übersetzung wird deshalb lauten müssen: 

*Wer tut diese swarte swinghen, und andere taten, diesen 
gleich, welche eben so unrecht sind, dem darf kein priester den 
^^hermscera" anschreiben, wenn er nicht aufsucht den pabst, (in 
wolle und barfuss); so muss ihm der pabst und dessen priester 
rechte 'heiiiiscere* anschreiben nach recht oder nach gnade. 

Das nun folgende bietet keine Schwierigkeit: 

*So lange soll er ausserhalb der kirche stehen (bleiben), und 
keinem manne näher kommen, als auf einen Zwischenraum von 
neun fnss.* 

Was bedeuten aber im nun folgenden satze die Wörter 
pas und passia'i 

Das altfriesische Wörterbuch sagt: 'pas (platz)' und hat unter 
'passia: hi (der Vatermörder) ne mot neen paes nima als dat 
ander folck, bi schil toiens syn %i^{ passia — (dies ist dieselbe 
stelle, aber nach dem alten druck citiert) — pas halte ich für das 
latein. passus, daraus wird passia gebildet sein, und platz 
nehmen bedeuten sollen; oder wäre es aus ütaöxm geformt, 
und etwa durch busse tun zu erklären?' 

Beiden erklärungen konnte de Haan Hettema nicht bei- 
pflichten. Er druckt in seinem Idioticon Frisicum: 'pas, paes, 
pascha^ paschen, und passia, ponere, stellen, zetten, passen. 
0, 14. 4 — (unsere stelle hier) — Hi schil tojens syn stef 
passia. Hy sal te vergeefs zynen staf stellen'. Hd. er wird 
vergebens seinen stab setzen. Diese erklärung der stelle ist 
aber, wie viele des herrn de Haan Hettema, absurd. 

Meiner meinung nach ist keine der mitgeteilten erläute- 

rungen gelungen. Ich halte pas, paes für gleichbedeutend mit 

dem hoUänd. ^pas\ und ^ passia^ für gleichwertig mit holl. passen^ 

und übersetze den schluss des ersten citates demnach: 

^Und er soll diese *^ passe*' (oder schritte) nicht nehmen (ab- 
messen) wie die anderen leute. Er soll (sie) an seinem (pilger)-8tab 
abmessen (abpassen), welchen er in seiner band trägt. Keines Ur- 
laubes soll er gemessen, und mancher ^'tugenden'' soll er darben, 
welcher man unter den Christen pflegt, denn er hat diese verwirkt 
durch seine üble tat* 

Auch in den übrigen im von Richthofenschen wörterbuche 
beigebrachten stellen bedeutet 'pas' nicht 'platz', sondern wie 



ALTFRIESISCH E WORTERKLÄRUNGEN. 1 55 

im mittelniederländischen: augenblick, Zeitpunkt So im mnld. 

Minneloep B. IV, vs. 663: 

Het gheviel op enen pas 

Dat die heilighe Gods arke was 

Tot Aminadaps in den hove. 

Und ebenso im friesischen: '(Urkunde), scriown onder 
Lyouwerdera secreet, der us op Ait pas oen noghet', A° i486. 
Schwartzenb. Fries. Charterb. I, 736. 

Die etymologie des Wortes hat der herausgeber des alt- 
friesischen Wörterbuches richtig angegeben. Zweifelsohne ist 
es das latein. passus; wovon auch im holl passen^ und im 
altfriesischen passia = passen, abmessen, abgeleitet ist. 

Im neufriesischen kennt man päsje noch in der bedeutnng: 
anmessen, gelegen kommen. 

2. Wigg etc. 

Zu den Wörtern, welche Sievers in Beitr. XI, 354 flf., gegen 
Sarrazins behauptungen, als gemeingermanisch und nicht aus 
dem altnordischen in das ags. eingedrungen betrachtet, rechnet 
er u. a. wicgj da es auch im alts. Heliand vorkomme. 

Es kommt daneben auch im friesischen vor als wigghe^ wegke, 
oder mit palatalisierung widzia, uuidse. Von Richthofen hat in 
seinem altfriesischen wörterbuche p. 1148^ und p. 1131^ alle 
formen aufgenommen^ jedoch sie an allen stellen, eine einzige 
ausgenommen, falsch erklärt. Er sagt: 'wigge, widse, widzie 
(wiege), saterl. wedse, neufr. widse (cunae). Es mag widse 
auch tragbare bedeutet haben, da es der latein. text (Rq. 
B. 4, 20) durch lectica gibt, das wort ist (ab)geleitet von wega, 
a movendo, s. Grimm 2,28*; und bei 'wegk (im Rustr. texte)', 
wo ein mnd. text (Rq. 122 n. 6) "mit sieden (schlitten), und 
wagen" setzt, fügt v. R. hinzu: das wort halte ich für das ags. 
vaecg, vecg (cuneus, massa), ahd. weggi, wekki, nhd. wegk, 
wegken (ein keilförmiges gebäck).' 

So erklärt auch de Haan Hettema im Idioticon Frisi- 
cum p. 567. 568 es auf grund des mndd. hier oben angezoge- 
nen textes als kar, hd. karre. 

Nun hat Kern in Taalkundige Bydragen II, p. 184 
darauf hingewiesen, dass, mit ausnähme einer einzigen stelle 
in 'Die Statuten fan BoUswerde deckenye', wo es holl. 



156 HETTEMA, ALTFRIESISCHE WOKl ERKLÄRUNGEN. 

wieffy hd. wiege bedeutet, sonst nur die bedeutung pferd dem 
sinne entspreche. 

Fasst man die stellen im von Riohthofenschen wörterbuche 
zusammen, so zeigt sich, dass von der Weser bis zu dem Sttdersee 
diese benennung des streitrosses gebräuchlich gewesen. Es 
liegt demniach fem sie auf skandinavischen einfluss zurttckzu- 
ftlhren, wie S. bei diesem worte im Heliand will. 

Und so bietet auch dieses wort ebensowenig als alle an- 
deren, welche schon Sievers als westgerm. belegt hat, Sarrazin 
eine stütze ftlr seine behauptungen. 

Z WOLLE, märz 1888. 

F. BUITENRUST HETTEMA. 



mSCELLEN. 

1. Galläe polemisiert Beitr. XIII, 378 ff. gegen Behaghels 
(Germ. 31, 377) behauptung im Mon. des Heliand seien ver- 
schiedene Schreiber erkennbar. Er sucht durch eine tabelle 
zu zeigen/ dass im allgemeinen die graphischen Varianten, auf 
welche Behaghel zum beweise für seine ansieht hinwies, gleich- 
massig durch das ganze gedieht verteilt seien. Allein Gall^es 
statistische Zusammenstellungen sind zum teil unrichtig. Wenn 
man die rubrik thana ansieht, so möchte es freilich scheinen, 
die form sei so wenig belegt, dass rein zufällig alle be- 
lege aus dem ersten teil des gedichtes stammen. In Wirklich- 
keit findet sich aber thana 58 mal, wenn man die gleichwertige 
form ihane mit in rechnnng zieht (was G. nach seinem citat 
5238 auch getan hat), 63 mal. Thana steht i): v. 95. 103. 104. 
106. 107. 215. 228. 265. 270. 309. 363. 514. 602. 605. 635. 
6*37. 642. 655. 684. 762. 790. 890. 896. 916. 958. 1002. 1013. 
1050. 1080. 1095 bis. 1180. 1186. 1190. 1244. 1268. 1270. 1279. 
1282. 1384. 1416. 1421. 1469. 1484. 1488. 1497. 1581. 1585. 
1627. 1693. 1706. 1708. 1786. 1791. 1863. 1864. 1888. 2158. 
Thane kommt vor v. 990. 1023. 1315. 1356. 5238. In G.'s 
rubriken a. b. c. d. e. f. sind demnach der reihe nach folgende 
zahlen einzusetzen: 7. 17. 9. 8. 9. 12. Damit ist aber auch 
G.'s behauptung hinfällig. Dass an a-formen bis v. 1859 58, 
von 1859 ab nur 5 sich finden, während das erste thene 1859 
auftritt und von da ab unbedingt vorherseht^), das kann kein 
Zufall sein. Wahrscheinlich hatte die vorläge thana und der 
Schreiber von M. führte später sein thene ein. 



*) Die verszäblnng nach der ausgäbe von Sievers. 
*) thene ist von 1859— -2000 11 mal, von 2000—3000 36 mal zu 
belegen. 



158 JELLINEK 

Ebenso wird es sich auch trotz Galläes einsprueh mit den 
beiden formen für den dat. gg. der starken adjectivdeclioation 
verhalten, Gallee meint a. a. o. s. 377, dass dem Schreiber des 
Mon. die -mu-formen nicht geläufig gewesen seien, da er sie mit- 
unter fehlerhaft angewendet habe. Er habe sie nur geschrieben, 
weil sie in der vorläge standen. Aber da mOsste ja die vor- 
läge jene fehlerhaften foimen gehabt haben, mithin der dativ 
auf 'tnu auch ihrem Schreiber fremd gewesen sein. Dieser 
müsste sie wider aus einer vorläge entnommen haben u. s. w. 
in iniinitum. Es ist doch wahrscheinlicher, dass der Schreiber 
anfangs die vorläge genau copierte, später aber von der arbeit 
ermüdet die ihm geläufigen formen einsetzte, wobei er sich das 
eine oder andere mal vergreifen konnte. 

Noch nicht bemerkt scheint man zu haben, dass im an- 
fang der Mon. fon bietet, später /an. Das erste fan tritt auf 
V. 1497, bis V. 2000 ist es dreizehnmal*), fon nur mehr vier- 
mal 2) zu belegen. In den versen 2000 — 3000 finden sich 17 
fan^) kein fon. Aus den späteren particn habe ich nur ein 
beispiel für fon aufgezeichnet in v. 3634. 

Was die übrigen statistischen Zusammenstellungen Gall^ 
betrifft, so habe ich nur jene über eo^ io etc. geprüft. Im fol- 
genden gebe ich die wenigen berichtigungen, die ich hier zu 
machen habe. 

gio\ in b ist 7 zu schreiben: v. 272. 310. 535. 538. 58G. 747. 817; 
in c 1: v. 1031. 

ioi in h9: v. 2597. 4324. 4385. 4407. 4433. 5009. 5016. 5078. 5267. 
neo'. in b 2: v. 267.925. 
neomani in e 2: v. 1405. 1507. 
neorviht: in f 1: v. 1577. 

Gall6e führt in seiner tabelle auch das verbum nioian an. 
Hier ist zunächst zu berichtigen, dass zahlen für neotan auch 
in die rubrikcn d. f. g» zu setzen sind (v. 1144. 1905. 2356); 
in den versen 1105 — 1301 (d) habe ich trotz widerholter durch- 
sieht kein niotan gefunden; die zahl gehört in die rubrik e 



») 1497. 1525. 1682. 1686. 1748. 1749. 1755. 1759. 1792. 1829. 1942. 
1943. 1948. 

2) 1547. 1628. 1902. 1903. 

3) 2004. 2088. 2149. 22(>5. 2335. 2429. 24S5. 2674. 2683. 2780. 2788. 
2791. 2863. 2961. 2974. 2985. 2986. 



MISCELLEN. 1 59 

(v. 1319). • Es ist nicht recht klar, weshalb gerade dieses wort 
in die tabelle aufgenommen wurde. Der Wechsel von eo, io 
und auch von ia im selben wort kommt ja auch sonst 
noch vor. Im folgenden stelle ich zusammen, was sich mir 
Über die verschiedenen formen des diphthongs im Mon. er- 
geben hat. 

io herscht weitaus vor. Ich habe 374 ^) beispiele gezählt. 
eo kommt 147 mal vor. ia 23 mal. ea 1 mal. Manche Wör- 
ter haben eine verliebe für eo: breost 24 : 8, neotan 7 : 1 : l^), 
seok 4:1:2, kneo 2:1, iheoUco 4 : 3, seola 9 : 4. 

Es scheint, dass der folgende consonant nicht ohne ein- 
fluss auf die gestaltung des diphthonges ist Einen physiolo- 
gischen grund dafür kann ich freilich nicht angeben.^) 

1. Vor dentalen: vor d: 104 io, 23 eo, 6 ia, — vor /: 1 «ö, 11 eo, 

1 ia. — vor s: 12 iö, 27 eo, 1 ia. 

2. Vor labialen: vor &, f: 37 io, M eo, 2 ia. — vor p\ 14 io, 
3 eo^ 7 ia. 

3. Vor gutturalen : vor g*. io, 1 eo, 1 ia. — vor k\ 1 io, 4 eo, 

2 ia. — vor h: 99 io, 1 eo, 1 ia. 

4. Vor r: 23 io, 2 eo, 1 ia. — vor m\ 1 io, 1 eo, ia. — vor w: 
28 io, 6 eo, ia. 

5. Im aaslaut: 7 io, 7 eo, ia, 
0. io aus io\ 47 io, 44 ^o, 1 ta. 

Klar ist warum in den föllen 5 und 6 die zahl der eo 
denen der io gleichkommt. Hier ist der diphthong Jüngern 
Ursprungs. 

Vielleicht spielt auch die Individualität des Schreibers 
dabei eine rolle. Es muss auffallen, dass von den S beispielen 
für die Schreibung hriost 6 in kurzen Zwischenräumen auf ein- 
ander folgen: v. 474. 606. 614. 666. 690. 723. Sehen wir nun 
die verse 474 — 723 auf ihren gehalt an io- und ^ö-formen an, 
80 finden wir das Verhältnis 30 : 1 also ein ungemein grosses 
überwiegen der lo-formen. Andererseits sind alle 4 beispiele 
für beodan in dem kleinen stück 1419 — 1565 enthalten (v. 1419. 
1517. 1520. 1565). 4 von den 14 beispielen von leof stehen 



1) Oder 372 wenn skio zweisilbig zn lesen ist. 

^) Die dritte zahl bezieht sich auf die Schreibung ia. 

*) Etwas ähnliches ist es übrigens, wenn im österr. dialekt mhd. ie 
und üe vor nasalen zu ea werden: liap = mhd. liep, aber Wean = Wien, 
grean = grüene, neamd = niemand, bleamerl dimin. von bltiom^. 



160 JELLINEK 

in den vv. 1542—1561, 3 von den 13 beispielen • für theod 
vv. 1728—1875. Diese stttcke fallen in Behaghels abschnitt II 
hinein. Nehmen wir diesen etwas grösser, von 1419 (wegen 
des in diesem vers stehenden heodan) — 2127 (auftreten von io 
unquam) so ergibt sich folgendes: 



to-formen: 




«o-formen: 




diop 1436 


1 


heodan 1419. 1517. 1520. 1565 


4 


hiopo 1744 


1 


hreosi 1439. 1750. 1756 


3 


Hof 1458. 1558. 1681. 1683. 1828 


5 


greoi 1821 


1 


liohi 1427. 1548. 1626. 1772. 1799. 




Leof 1542. 1550. 1727. 1861 


4 


1912. 1920. 2063 


8 


farleosan 1572. 1733 


.2 


farliosan 1912 


1 


neoian 1434. 1905 


2 


ihiod 1541. 1773. 1890. 1994 


4 


seok 2097 


1 


thionon 1472. 1666. 2033 


3 


seola 1864. 1866. 1906. 1911.2083 


5 


ihiorna 1998. 2029 


2 


theod 1728. 1764. 1875 


3 




25 


iheof 1644 


1 






theoUco 1574 


1 






theonon 1636. 1659 


2 


• 




eo 1494. 1655. 1741.1745.1790. 








1829. 1853. 1968. 1990. 2063 


10 






neo 1518. 1695. 1858 


3 






eouuihi 1742. 1754 


2 






neouuihi 1577 


1 






neoman 1507 


1 



46 

Hier überwiegen also die ^o-formen. Sonst aber kommt 
man mit den Behagheischen abschnitten nicht aus; in IV z. b. 
wo man ebenfalls überwiegen des eo erwarten sollte, sind die 
io entschieden vorhersehend. 

2. Ahd. Jener. Nachdem die diphthongische geltung des 
ai in got. jains unzweifelhaft festgestellt ist (s. Holthausen, 
Beitr. XIII, 372), erhebt sich von neuem die frage nach dem 
Verhältnis zu ahd. jener. Da jene erklärung des got wertes 
die entstehung des ai durch t-epenthese oder durch analogie 
(s. Holthausen, Beitr. XI, 553) ausschliesst, wird man wol nidit 
umhin können mit Singer, Beitr. XII, 211 Stammabstufung an- 
zunehmen. Auffällig bleibt aber dann die geschlossene qualität 
des e in jener. Ich glaube die Ursache ist das vorhergehende 
j. Freilich scheint das lautgesetz *je wird im ahd. zu je^ nur 
für unser wort zu gelten, wenn wir aber die übrigen Wörter, 
welche die Verbindung je aufweisen, betrachten, wird alles klar. 



MISCELLEN. 161 

Das mhd. Wörterbuch verzeichnet ausser jener nur noch die 
drei starken verba jehen, ßsen, jeten und ihre ableitungen 
(ye'Äc, jest, jesten, jeier, jeüsen). Hier müssten wir uns wun- 
dern, wenn der systemzwang nicht die Wirkungen unseres laut- 
gesetzes beseitigt hätte. 

3. Ahd. jugundj alts. juguö, ags. geogot5. Kluge, Et. w. 
147 setzt als grundform ^jugunpu- an (Stammbildung § 131 
yuwnti\ vermisst aber eine erklärung fttr den ausfall des nasals 
in der ersten silbe. Wenn man nicht dissimilation annehmen 
will, deren möglichkeit ja Kluge ohne zweifei nicht entgangen 
ist, so liegt es nahe an beeinflussung durch iugund zu denken. 
Aus dem Beowulf ist die Verbindung duguti and geogoS be- 
kannt, wobei duguö die gesammtheit der altem angesehenen 
krieger, geo^b die der jüngeren bedeutet. Also beeinflussung 
eines wertes durch ein anderes von entgegengesetzter bedeu- 
tung, mit dem es formelhaft verbunden ist. 

WIEN, 23. december 1887. 

MAX HERMANN JELLINEK. 



Beiträge tut geschiohte der detttsoheti spräche. &IV. V\ 



zu WOLFRAMS PARZIVAL. 

185^ 28 f. hei88t es: 

da vermüret und geleitet was 
durch den schaten ein linde. 

Die bedeutuBg von vermüren = <nnt einer mauer umgeben' ist 
klar; zu leiten ist im Mhd. Wörterbuch 1,975^ angegeben: 'eine 
linde leiten, die zweige vermittelst eines gesteiles so biegen, 
dass sie schatten geben', sowie eine parallelstelle beigebracht^) 
Das stützen der unteren äste der linde scheint zu Wolf- 
rams zeit offenbar schon ebenso üblich gewesen zu sein wie 
noch heute. Im mittleren Deutschland, speciell am südlichen 
(fränkischen) abhänge des Thüringer waldes (also einer gegend, 
welche Wolfram wahrscheinlich widerholt durchzogen hat) 
finden wir dieselbe Vorrichtung heute noch mehrfach an den 
dorflinden in der weise hergestellt, dass eine niedrige mauer 
den bäum in einem kreise von 10 — 15 m. durchmesser umgibt; 
auf dieser mauer stehen die die unteren äste stützenden balken, 
oben durch querbalken verbunden. Zuweilen fehlt auch die 
mauer; dann stehen die balken nur auf steinwürfeln. Die Vor- 
richtung wird am jungen bäume angebracht. In 113 dörfern 
der beiden meiningischen kreise Meiningen und Hildburghausen 
finden sich 83 dorf linden; von diesen sind 21 mit einer mauer 
umgeben; 14 zeigen das gerüst; 7 von ihnen sind ummauert 
und gestützt. Ein besonderer ausdruck für diese Vorrichtung 
ist nirgends üblich. 



^) Manec schoene linde stät, 

der nieman kein ahte hat, 
nnt stüende si bt den linten, 
daz man si solte triuten 
bescheln nnde leiten. 

Altd. blätter 1, 110 (anfang eines beispiels ans einer Dresdener hs.). 



KAUFFMANN, NOTIZEN. 163 

349^ 14. Nach allen handschriften sitzt Sigune . mit der 
leiehe des Schionatulander Hf einer linden, Dass sie mit der 
last in die zweige hinaufgekletteii; sei, ist kaum möglich. 
Sollte uns vielleicht auch hier eine heute noch hie und *da sich 
findende Vorrichtung aufschluss geben? 

In Grimmenthal bei Meiningen, Sachsendorf bei Eisfeld 
und Sieglitzhof bei Erlangen ist zwischen den untersten ästen 
der dort stehenden alten linden ein bretterboden mit bänken 
angebracht, zu welchem eine treppe hinaufführt. 

HILDBURGHAUSEN. E. SCHAUBACH. 



NOTIZEN. 

1. Zu Beitr. XIII, 588 f. 
Meine darlegangen Beitr. XIII, 393 f. beziehen sich aus- 

« 

drücklich nur auf die schwäb.-alem. dialektgruppe. Die for- 
men, welche Heimburger Beitr. XIII, 218 f. verzeichent, sind 
Torsichtig bei seile zu lassen, weil in Ottenheim der einfluss 
des elsäss. zu mächtig geworden ist, um dem fremden eine 
glatte Scheidung rein alem. und elsäss. lautstandes zu ermög- 
lichen. Es ist ein sehr verbreiteter usus anscheinend identische 
lautwandlungen jüngeren datums aus verschiedenen dialekten 
zusammen zu behandeln, von allen andern bedenken abgesehen, 
verbietet dies schon die organische und historische Selbständig- 
keit der meisten mundarten; ich selbst hätte besser vorerst 
auch das alem. ausgeschlossen. 

Woher der Irrtum stammt, dass im schwäb. festum zu 
^f^st geworden sei, weiss ich nicht. Wieso mhd. reime z. b. 
eines elsäss. gedieh tes ein (bair.-österr.) n§st gegen schwäb. nest 
als ursprünglich documentieren sollen, ist mir nicht verständ- 
lich; Hartmann von Aue darf nach dem stand der frage und 
dem was ich (Vocalismus des schwäbischen § 40 anm. 1) bei- 
gebracht, vorläufig überhaupt nicht als Schwabe im engeren sinn 
betrachtet werden. Die reime auf weste anlangend bemerke ich, 
dass schwäb. dr krv^ste = der bewusste offen f zeigt. Zu Vestl 
(Schmeller \\ 849) konnte auch das unmittelbar vorangehende 



164 KAÜFFMANN, NOTIZEN. 

feschpd (vesper) gestellt werden; im schwäb. zeigt dieses fremd- 
wort gerade so <* {ffspr) wie die analogen fälle. Vielleicht 
findet Luick meine erklärung von c in stvQstr wahrscheinlicher 
durch den hinweis auf vester : geswester^) Flore 242; Plr g§sirt 
verweise ich jetzt lieber in erster linie auf die -f^-ableitung. 

2. Zu mhd. ein. 

Von Interesse dürfte sein Eilh. Tristr. v. 2998, wo Lichten- 
stein im Variantenapparat zu jener des texter jenir M, ainer H 
gibt. H ist in entschieden schwäb. dialekt abgefasst, Lich- 
tenstein einl. XIII f., vgl. Lanzel. 2363. 2972. Zu erinnern ist 
noch an die conjectur Haupts zu Eraclius 1105, vgl. Graef, 
QF 50, s. 21 und Lachmanns zu Lanzel. 6655. Vgl. aussor- 
dem in einem jagehus Pilatus 204 (Weinhold); ichn weis;, wer 
eiyi maget rvcere, diu schcemte die ich ie gesach Flore 3554. Ich 
verweise noch auf Schmeller, Bayr. wb.^ I, 38; Schweiz. Idio- 
tikon I, 265. 274. 285. 

Nachtrag. Den stellen bei Eilhart und Ulrich entspricht 
in Heinrich von Veldekes Eneit 4722 y^n^rBM einer E. Es 
erledigt sich jetzt wol auch Behaghels anm. zu v. 6044 {ein dach). 
Urkundlich ist mir derselbe gebrauch von ein begegnet in einer 
schwäbischen Urkunde (a. 1315) die bei Schmid, Geschichte der 
pfalzgrafen von Tübingen (Tübingen 1853) im beigegebenen 
urkundenbuch s. 232 abgedruckt ist: siv sollen och began . . . 

vnd sollent gedenken aines Walters und ainer Adilheit 

ai7ier Adilheit vnd ainer Trivtelind. Die betreffenden personen 
sind im vorangehenden bereits erwähnt. 



Vgl. die mhd. nebenform geswisier. Ahd. giswistar bei Kluge, 
Et. wb.^ 8. 112 ist mir nicht bekannt. Vgl. gisuester Otfr. 111,24,55. 
(Sollte -t- vielleicht aus gesuisiridi stammen?) 

MARBURG, 23. mai 1888. FR. KAÜFFMANN. 



DIE 

ABSTUFUNG DER NOMINALSUFFIXE 

-/O- UND -lEN^ IM GERMANISCHÜk UND IHR 

VERHAELTNIS ZU DER DES INDOGERM. 

Jjie folgende Untersuchung behandelt probleme der stamm- 
abstufenden declination. Sie will die geschichte der äussern 
form der nominalsuflfixe -io- und -ien- im sonderleben des ger- 
manischen verfolgCD, will versuchen die frage nach der genesis 
der überlieferten formen ihrer lösung näher zu bringen, indem 
sie • den gang der entwickelung zu bestimmen trachtet, welcher 
von den gnindtypen der indogerm. muttersprache zu den for- 
men des tochterdialektes geführt hat 

Zwei fragen werden in den Vordergrund treten: 

1. Wie lautete der nom. acc. sg. der |o-stämme im ger- 
manischen, und wie verhält sich diese form zu jenen der 
fibrigen idg. schwestersprachen? 

2. Gibt es spuren, die für die existenz der tiefstufe des 
f ^-Suffixes im german. sprechen? 

Dass verwante erscheinungen aus andern idg. sprachen 
als parallelen herlieigezogen werden, dass es überhaupt ge- 
boten war, zuerst für die beurteilung der uridg. formen einen 
festen Standpunkt zu gewinnen, ehe an eine erklärung der 
german. besonderheiten gedacht werden konnte, ist zu sehr in 
der natur der sache begründet, um einer rechtfertigung zu be- 
dürfen. Ein verzieht auf die heranziehung des indogermani- 
schen käme einem verzieht auf jede erklärung gleich und 
hiesse sich auf die blosse feststellung äusserer tatsachen be- 
sehränkien. 

Beitrage rar gesohiohte der dentsohen spräche. XIY. VL 



166 STREITBERG 

1. Nom. acc. sg. der germ. io-stämme in formaler 

beziehang. 

Es ist bekannt, dass sich in verschiedenen idg. sprachen 
zwei classen nominaler /o-stämme gegenüber stehen. Die Wör- 
ter der einen gruppe haben im nom. acc. sg. das suflSx in der 
gestalt 'io-, die der andern in der form -f-. Am klarsten ist 
dieser gegensatz im litauischen und im italischen ausgeprägt. 
Dort haben wir z. b, auf der einen seite nom. ki^lias *weg', 
acc. keliq, auf der andern kelys * weg ', mSdis * bäum *, acc. kili, 
mMi, hier z. b. nom. älis, neutr. alid, gegenüber medius, medium. 
Auf die Zusammengehörigkeit dieser erscheinungen ist bereits 
mehrfach hingewiesen worden, zuletzt von Brugmann, Grand- 
riss I s. 81. 

Wie verhält sich nun das germ. in dieser frage? Tritt 
auch bei ihm jene doppelheit von -{o- auf der einen, -t- auf 
der andern seite hervor? Hat man erst möglichste klarheit 
über die tatsächliche gestaltung des sufSxes in den genannten 
casus erlangt, so lässt sich weiterhin daran denken, die germ. 
grundformen mit den der übrigen idg. sprachen in Verbindung 
zu bringen und für alle eine einheitliche erklärung zu suchen. 
Vielleicht fällt hierdurch auch zugleich licht auf die formale 
erscheinung der t<o-stämme in den gleichen casus, denn diese 
sind ja den to-stämmen in mehr als einer hinsieht nah ver- 
want. Ein eigentliches eingehn auf dieselben liegt mir Jedoeh 
hier fern. 

Es wird sich empfehlen die drei grossen dialektgruppen 
des germ. gesondert zu betrachten, um aus ihrem zusammen- 
oder auseinandergehen rückschlttsse auf die urgerm. grand- 
formen machen zu können. Das gesammte wortmaterial der- 
selben anzuführen, kann jedoch nicht in meiner absieht liegen, 
es genügt vielmehr für meinen zweck, einzelne Vertreter der 
verschiedenen kategorien beispielsweise herauszugreifen. Reich- 
haltige Sammlungen findet man in den Schriften von Schlfltery 
Die mit dem suffix ya gebildeten deutschen nomina, Göttingen 
1875; V. Bahder, Die verbalabstracta in den germ. sprachen, 
Halle 1880; Sütt erlin, Geschichte der nomina agentig im 
germ., Strassburg 1887; vgl. jetzt auch Falk, Beitr. XIV, 1 ff. 

Die älteste uns eiTcichbare stufe des germanischen reprae- 



DIE NOMINALSÜFFIXE -10- UND -lEN-, 167 

sentieren y wenn wir von den bei den antiken Schriftstellern 
tiberlieferten eigennamen absehn, die mit ihrem gleichmässigen 
-fo- nicht weiter in betracht kommen, die zahlreichen ins 
finnisch-lappische übergegangenen lehnworte aus demselben. 
Sie sind in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung 
Übernommen und haben bei dem strengconserrativen Charakter 
der finnischen spräche gerade in lautlicher beziehung hohe be- 
deutung. Vgl. Thomsen, lieber den Einfluss der geim. sprachen 
auf die finn.-lapp. übersetzt y. E. Sievers, Halle 1870 (s. 92 91 
96 f.). Ein nominativ auf -jas bezw. -ias, wie es das finn. nach 
langer Wurzelsilbe verlangt, ist nicht nachweisbar; das erhal- 
tene material gliedert sich in drei gruppen: 

1. Die überwiegende mehrzahl bilden die Wörter auf -ja {-iä) 
auiia *öde', laiiia = an. flei^hoAen\ patja = got. badi 'bett' 
u. s. w. Bei den neutren scheinen die belege eine form auf* 
-j(o- f&r den dialekt zu sichern, aus dem die entlehnung statt- 
fand; bei den masculinen muss die ya-form des finnischen vom 
accus, ausgegangen sein, die gestalt desselben ist aber durch- 
aus nicht von vorneherein auch für den nominativ entscheidend; 
dies zeigt z. b. got. acc. hairdi (aus ^^(tr^lfion) gegenüber dem 
Bom, hairdeis. 

2. Eine jüngere schiebt repraesentieren die nomina auf 
-}-, sie besitzen also keine beweiskraft. Etwas älter ist, wie der 
mangel des umlauts zeigt, kar = aisl. sker, aber auch es ge- 
stattet keinen rückschluss auf die urgerm. grundform. 

3. An letzter stelle sind die adjectiva mit dem nom. auf 
-7^ zu nennen, z. b. kaunis :== got. skauns, maris «= umord. 
mariR u. a. Das -is des nominativs, wie es got. und nord. 
aufweisen, zeigen also auch die finn. lehnwörter. 

In der german. grammatik pflegt man jetzt in diesen ad- 
jeetiven ziemlich allgemein ^j(-stämme zu erblicken, so z. b. 
auch bei Kluge, Nominale stammbildungslehre § 229. Man 
stützt sich hierbei ausschliesslich auf den nom. acc. sg. dieser 
Wörter im got., nord., ohne auf die indogerm. verwantschafts- 
Verhältnisse zu achten. Nun kann es aber nicht zweifelhaft 
sein, dass diese adjectivkategorie sich formal wie inhaltlich 
mit den idg. verbaladjectiven auf -io- deckt. Im griech. ist 
diese adjectivclasse nur noch in trümmem vorhanden, wie z. b. 
ayiogy ctvyioq u. a., lebendig dagegen und in stetem zui&a.m\si^\^- 



166 8TR£tTBERa 

hang mit dem verbalsystem blieb sie im aind. Die ai. 'par 
ticipia necessitatis' auf -ya- sind von verschiedner wurzelstufe 
gebildet (vgl, Whitney, Ind. gramm. §§ 963. 1213; Morph, unt 
II 8. 211), z. b. gühya- *zu verbergen' : guhati\ yadhya- 'zu 
bekämpfen' : yüdhyate] bhdvya-, bhävyä- 'zu sein' : hhdvati. 
Ihr genaues gegenstttck sind die german. formen. Z. b. got 
un-nuts : niutan; aisl. fyndr : finda, ceir : eta\ got. hrüks : hrük- 
jan\ aisl. gengr : ganga^ tcekr : taka; got un-and-söks : sakan 
u. dgl. Vgl. jetzt auch Beitr. XIV, 48 S. 

Stellt man so die ind. und germ. bildungen einander 
gegenüber, so wird man kaum geneigt sein, von der altem, 
von Brugmann z. b. jedoch stets vertretnen ansieht abzugehn, 
die eine völlige Identität der bildungen in jenen beiden sprachen 
annahm, und mit Kluge (Stammbildungslehre § 231) und an- 
dern den german. adjectiven -ei-, den ind. -io- als sufSx zu- 
zuweisen. Dazu berechtigt uns der nom. acc. mit seinem -i- 
nicht, da es tatsache ist, dass auch in andern indog. sprachen 
in dem formsystem der j(o-stämme casus mit -t- erscheinen. 
Das durchgehende -ya- des ind. aber verhält sich zu dem mit 
-io- wechselnden -/- des ost- und nordgerman. ebenso, wie lat 
Cornelius : ComeliSj d. h. es ist das resultat einer uniformie- 
rung. Das gleiche gilt auch von der westgerman. i^-form des 
nom. sg. 

Hiermit aber ist die zahl der sog. participia necessitatis 
noch nicht erschöpft. Auch jene adjectiva der möglichkeit 
mit dem suffixe ^-ni-^ (Kluge a. a. o. § 229 f.) müssen hierher- 
gerechnet werden. Vgl. z. b. got skauns 'sichtbar' : skawjan, 
got hrains 'rein, ursprünglich: zu sieben', got anasiuns 'sicht- 
bar' : saihan u. dgl. Nun könnte man hier aber anführen, 
und hat es getan, dass lat communis =>= got gamains fttr ein 
idg. ^fsuffix spreche. Aber dieser einwand scheint mir hin- 
fällig, denn bei dem bekannten entwickelungsgang der latein« 
ei-declination lässt sich nicht mit Sicherheit behaupten, dass 
hier wirklich fj(-suffix das ursprüngliche ist; femer kann com- 
münis auch deshalb nicht mit den adjectiven der mög;lichkeit 
auf eine linie gestellt werden, weil die function derselben eine 
ganz abweichende ist Selbst wenn man also in comnmnis ein 
sufiSx •^ei' erblicken wollte, bewiese dies doch nicht, dass es 
im indogerm. ein dement -nei- zur bildung von adjectiven der 



DIE NOMIN ALSÜFFIXE -10- UND -lEN-. 169 

möglichkeit gegeben habe; ein solches lässt sich in keiner idg. 
spräche nachweisen. Deshalb scheint es mir das wahrschein- 
lichste zu sein, in dem -nio^ni- des germ. eine einzelsprach- 
liche neubildung zu sehen. Den ausgangspunkt fbr dieselbe 
werden die verbaladjectiva gebildet haben, welche neben ver- 
ben mit dem praesenssuffix -ne—no- standen: von hier aus 
erfolgte die Übertragung des -nio- auch auf andere verbal- 
adjectiva. So zog ein ^us-skai-n-io- ein ^skau-nio- nach sich, 
indem man -nio- als einheitliches sufSx auffasiäte. 

Bei den participien auf -tio- -ti- (Kluge a. a. o. § 233), 
die auch hierher zu gehören scheinen, lässt sich leider über 
die gestalt des nom. sg. nichts völlig sicheres ausmachen, 
denn einmal ist es bei den meisten von Kluge hierhergestellten 
Wörtern zweifelhaft, ob sie überhaupt zu einer solchen parti- 
cipialclasse gehören, dann aber lässt sich bei den spärlichen 
belegen eine entscheidung über die gestalt des nom. sg. im got 
nicht treflfen, doch vgl. an. -sioebr, -rcetSr. 

Den finnisch-lappischen lehnworten an alter am nächsten 
stehen die nordischen runeninschriften der längeren runenreihe, 
die etwa um 400 n. Chr. beginnen und sich auf drei jahr- 
Jiunderte verteilen. Für die beurteilung der io-stämme kom- 
men in betracht: 1. Zwinge von Thorsbjserg (Dänemark) aus 
dem 5. jh. (vgl. Wimmer, Die Runenschrift s. 300flf.), owlpu- 
pewaR nmave-mariBA) 2. Brakteat von Tjurkö (Schweden), 
6. Jh., heldaR kunmu[n]diu rvurte runoR an rvalakunie. 3. Auf 
den steinen von Istaby und Stentoften (Schweden), welche als 
nachahmungen älterer originale zu betrachten sind, die Wimmer 
in die mitte des 7. jb. setzt, finden sich: acc. hariwulqfq (Istaby) 
nom. haritvolafR (Stentoften). 4. Auf dem stein von Räfsal 
(Schweden) aus dem 8. jh. endlich erscheint hariwvifs s.ainaR 
(s. Wimmer 302 flf.). 

Die hier auftretenden formen der j(o-stämme sind mehr- 
fach gegenständ der erörterung gewesen. Ausser den er- 
läuterungen, die Burg den betreffenden denkmälern in seinem 
buche über die runeninschriften widmet, sind zu nennen: 
Hoffory, Bezz. Beitr IX, 43 «» consonantstudiei* s. 48; ders. 



Wegen dieser lesung vgl. Wimmer a. a. o. s. 104. 



170 STBEITBEBG 

Gott, gel anz. 1885 s. 30 f.; E. Brate, Bezz. Beitn XI, 177 ff.; 
SieverSy diese Beitr. XII, 487. 

Was die form mariR anlangt, so entspricht sie dem finn. 
lehnworte maris. Ueber dieses wort hat Osthoff, Beitr. 
XIII, 431 ff. ausführlich gehandelt. Die t-form des nom. stammt 
aus einer zeit, da io- und ^i'-flexion noch scharf von einander 
geschieden waren. Da nun das adjectiv ursprünglich weder 
io- noch ei-stamm gewesen ist, so kann die gemeingerman. 
form des Stammes nur vom femininum auf 'i-ie- ausgegangen 
sein; wie aber von dem t-fem. aus ein übertritt in die ei- 
declination hätte stattfinden sollen, ist nicht abzusehen; wir 
haben vielmehr die urgerm. flexion von *meris genau so an- 
zusetzen, wie die der adjectiva der möglichkeit, indem im 
paradigma die suffixgestalten -i- und -io- erscheinen. 

In bezug auf kuni-mundiu sagt Burg: 'wegen kunt' = 
urgerm. *kunjä' vgl. häri- [auf dem Istaby-steine]'. Dieser 
hinweis scheint mir für die erklärung ohne praktischen wert; 
denn von einer wirklichen gleichsetzung beider formen kann 
bei dem verschiedenen sprachlichen Charakter beider denk- 
mäler keine rede sein. Wenn man auch ganz von der misch- 
sprache des Istaby-steines absehn will, so bleibt doch das be- 
stehen, dass diese inschrift die synkope und die kürzung langer 
vocale in flexionssilben kennt (vgl. z. b. hapuwulqfR, runaR), 
während dem viel älteren brakteaten beide lautprocesse noch 
fremd sind (vgl. heidaR, runoR). Während es also gestattet 
ist, das hari' des Istaby-steines mittels synkope auf urgerm. 
*X^Ho' zurückzuführen, versagt diese möglichkeit bei dem 
ku7ü' des brakteaten. Diese Schwierigkeit hat EL Brate wol 
gefühlt und deshalb einen eZ-stamm in kuni- sehen wollen 
(Bezz. Beitr. XI, 199, vgl. auch s. 184). Ein solcher ei-Btamm 
ist aber eigens für diesen fall construiert, denn ags. Cyne-mund 
setzt in seinem ersten gliede ebensowenig einen ei-Btamm 
voraus wie as. ehu-skalk einen et^-stamm (s. u.). 

kuni-mundiu verhält sich vielmehr zu got. alja-leiköps wie 
lat. medi'terranem, offici-perda zu gr. fieao-vvxTiov. 

Dass die umord. form kuni- wirklich die directe fort- 
Setzung eines uridg. *ffnni- sei, soll damit nicht behauptet 
werden ; einen solchen scbluss gestattet ihre Vereinzelung 8chwe^ 
lieh, da doch die ältesten uns überlieferten german. namen regel- 



DIE NOMIN ALSÜFFIXE -iö- UND -lEN-. 171 

massig -j(o- in der compositionsfuge haben. Ich glaube viel- 
mehr, dasB kuni' in der composition sein -i- der anlehnung an 
den nom. acc. sg. verdankt ^ der urgerm. *kuni nicht *kunio 
lautete (s. u.). 

Hiermit ist das einigermassen sichere material der runen- 
denkmäler erschöpft. Betrachtet man nun die gesammtmasse 
der späteren aisl. io-stämme, so kann man folgende kategorien 
unterscheiden: 

I. Nom.' 8g. endet beim masc. auf -r; beim neutr. fehlt jede 
endnng. 

A. Knrzsilbige. 

a) ohne umlaut: -arr^ -marr in compositis. 

b) mit nmlaut: masc. herr\ neutr. kyn u. s. w. 

B. Langsilbige 

masc. drcengr, vcengr, mcerr u. s. w.; neutr. e'l, 

IL Nomin. masc. -tr {-er), neutr. -t i-e), 

A. Masc. Gymir u. s. w. (vgl. Sievers, Beitr. VI, 286. 299. 355); 
neutr. pÜi (Noreen, Altnord, gramm. I § 283), -fili (Brate, Bezz. Beitr. 
XI, 196), greni (Brenner, Litteraturblatt für german. und roman. PhiloL 
1885 8. 53). 

B. Masc. hir?Sir\ neutr. riki u. s. w. 

Es kann keinem zweifei unterliegen, dass man durchaus 
berechtigt ist, Wörter wie drcengr, mcerr direct auf umord. 
grundformen wie *drangiR, mofiR zurückzuführen. Doppel- 
deutig sind die nominative wie hirtfir] denn ihr -ir kann ebenso- 
wol auf urnord. -iR wie auf urn. -laR zurückgehen. Es wird 
sich nun fragen: hat das nordische neben den tatsächlich vor- 
handenen formen auf -is auch solche auf -ios besessen? War 
dies aber der fall, welche ent Wickelung mussten diese nehmen? 
Nehmen wir die zweite frage vorweg. Die antwort auf sie 
ist verschieden ausgefallen. Die eine ansieht geht dahin, dass 
nach synkopierung des endungs-a das vorausgehende -|- sonan- 
tische function übernehmen müsse; die andere leugnet die 
möglichkeit dieser entwickelung und behauptet, dass -j(- überall 
da schwinden müsse, wo es infolge der synkope des silbe- 
bildenden vocales zwischen consonanten oder In den auslaut 
zu stehen komme. Die erste ansieht hat Hoffory a. aa. oo. auf- 
gestellt, die zweite, die wol als die vulgatansicht bezeichnet 
werden darf, hat Brate (a. a. o.) Hoffory gegenüber nachdrück- 
lich vertreten. 



172 STREITBERG 

Hoffory fasst seine ansieht dahin zusammen: 'Während 
in den endungen das alte a und i der endung sehr frühzeitig 
verschwand^ fiel das u der u-stämme erst weit später aus. Und 
gleichzeitig mit diesem verschwand auch aus den endungen 
das hysterogene u und t, welches bei den starken substantiva 
und verba mity oder v im stamme durch vocalisierung des 
halbvocals entstand^ nachdem der ursprünglich darauffolgende 
vocal ausgefallen war. Zu einer zeit, wo formen wie dagR^ salR, 
bindRj herR längst einsilbig geworden waren, hiess es also 
noch z. b. sunuR (*= urn. sunuli), *hgruR (= um. *harvaR), 
*heriR {= urn. härjaR), *synguR (»= um. *syngvirR), *siiiR 
(== um. *siijiR); erst später wurden auch die zuletzt genann- 
ten formen einsilbig.' (Gott gel. anz. 1885 s. 30.) 

Dem ersten teile dieser ausftthrung, soweit sie den Über- 
gang von 'jaR > -iR, -vaR > -uR betrifft, schliesse ich mich 
durchaus an. E. Brätes behauptungen entbehren jeder tat- 
sächlichen unterläge; sie fallen sofort, wenn man bedenkt, 
dass, solange urnord. w und j halbvocale waren, so lange aueh 
die notwendigkeit bestanden hat, dass nach absorbierung des 
silbebildenden a der vorhergehende Sonorlaut selber zum sonan- 
ten ward, gleichviel ob er als solcher längere oder kürzere 
zeit erhalten blieb. Formen aber wie *kunj\ *harjR sind Un- 
möglichkeiten (vgl. Sievers, Beitr. V, 126; Hoflfory, Bezz. Beitr. 
IX, 44). Nun waren aber, wie Brate auch selber zugibt, j und 
w im nordischen zur zeit der synkope noch halbvocale, keine 
Spiranten. Für j ergibt sich dies aus seinem Schwunde vor 
palatalen vocalen (Hofifory a. a. o.); in bezug auf w hat Gering 
(Beitr. XIII, 202 ff.) neuerdings nochmals darauf hingewiesen, 
dass es noch zu jener zeit halbvocal war als die Eddalieder 
entstanden. 

Phonetisch ist es natürlich ganz gleichgültig, ob in der 
silbe 'io- sonantisches oder consonantisches t vorhanden war: 
der gang der entwickelung und das resultat derselben blieb 
das gleiche. Ein ^harjaR ergab ebensowol *hariR wie ein 
*hirtSiaR zu hirÖiR werden musste. Hierdurch wird allen 
speculationen, die Brate an die ursprüngliche doppelheit von 
I und i in den endsilben knüpft, der boden entzogen. Diese 
doppelheit hat ja existiert, aber sie ist belanglos für die vor- 
liegende frage. 



DIE NOMINALSÜFFIXE -10- UND lEN-. 173 

Wenn nun Brate zum beweise seiner hypothese formen 
wie hätia aus *hawiÖa, prdöa aus *prawitSa anf&hrt, so wird 
er auch hierdurch schwerlich zum ziele kommen können. Die 
Verhältnisse sind bei den letztgenannten formen nicht die 
gleichen; einmal haben wir hier intersonantisches w, nicht 
postconsonantisches, dasselbe konnte also überhaupt nicht 
silbebildend werden. Zweitens: war intersonantisches w zur 
zeit der synkope noch halbvocal, woran zu zweifeln, so viel 
ich sehe, kein zwingender grund vorliegt, so lassen sich nach 
Vollzug der synkope allerdings keine andern formen erwarten 
als *hauÖa, *prauba, d. h. es entstand diphthong. Ob uns 
eine solche form in dem Hrawdas des Bo-steines erhalten ist, 
scheint mehr als zweifelhaft, da lesung und etymologie nicht 
gesichert sind, auch das wort in dieser form zu dem sprach- 
lichen Charakter des denkmals nicht stimmte. 

Dass nun das neuentstandene *hautia zu hdtia ward, der 
diphthong also nicht dieselbe entwickelung durchmachte wie 
um. au > aisl. au (geschrieben ou), dies beweist doch nur, dass 
der lautwert des neuentstandenen diphthongs von dem des 
alten verschieden war. Als parallele könnte man etwa das 
griechische lautgesetz herbeiziehen, nach dem die ursprüng- 
lichen langen diphthonge vor consonant kürzung des ersten 
componenten erleiden, die secundär entstandenen aber den 
zweiten componenten verlieren, unter Währung der länge des 
ersten. .Also uridg. *ple-isios > *pleistos > jtkstöTog, aber 
*Qä0'idiog (vgl. lat. rar-us) > ^gätöioc (vgl. ion. Qt/töiog) > 
*Qäidiog > Q^öiog = radios (vgl. Osthoff, Perfect s. 446 anm. 1). 
Dass formen wie *harjaR, *garwaR zur zeit der synkope d. h. 
etwa um 700 zu ^hariR^ *garuR hätten werden müssen, dies 
kann nicht zweifelhaft sein; ganz unabhängig aber ist hiervon 
die andere frage: wie wurden diese secundären i und u weiter- 
hin behandelt? 

Wann die synkope des endungs-i erfolgte, können wir 
nicht mit voller genauigkeit bestimmen, jedoch lässt sich soviel 
mit Sicherheit sagen, dass sie nur wenig jünger als die des 
endungs-a sein kann, denn schon die ältesten denkmäler der 
kürzern runenreihe zeigen sie durchgeführt. Das secundäre 
aus 'ja- entstandene i kann diesem neuen, nur um ge- 
ringe zeit spätem lautprocess ebensowenig zum opfer gefallen 



174 STBEITBEBG 

sein, wie das t in got. kuni < *kunia gegenüber jenem von 
anst < *ansti. Wesentlich später erfolgte im nordischen die 
Synkope von u] sie gehört nicht mehr der umordischen zeit 
an, sondern vollzieht sich vor unsem äugen im leben der 
einzeldialekte. Während die frühesten dänischen inschriften 
der kürzern runenreihe noch formen wie acc. sunu^ nom. 
karuR zeigen, sind in den etwas spätem sun u. s. w.^) allein 
herrschend. 

Hofforys annähme, dass die hysterogenen i und u gleich- 
zeitig mit dem alten u geschwunden seien, stösst.in bezug auf 
u auf keine hindernisse; denn in der spätem spräche erscheint 
nirgends mehr ein beispiel eines fortexistierenden u. Auch 
der einwand Brätes, dass Hofforys theorie Mie entfernnng des 
2^-umlautes in den altschwed. n;a-stämmen' unerklärt lasse, 
kann nicht als stichhaltig gelten, um so weniger als Brate mit 
seinem eignen erklärungsprincip nicht einmal bei den ganz 
gleich behandelten femin. wö-stämmen auskommt, sondern ge- 
stehn muss, dass 'lautgesetzlieh in jeder form u-umlaut ein- 
treten' sollte. 

Wie bekannt, ist im dänischen und schwedischen der 
früher einmal vorhanden gewesene u- und t-umlaut in vielen 
fällen auf analogischem wege wieder entfernt Ein schwe- 
disches dagg = isl. dggg, ragg = aisl. rogg^ gar = gm' 
u. s. w. müssen notwendig an stelle älterer umgelauteter for- 
men getreten sein. Fraglich kann nur sein, in wie weitem 
umfang solche ausgleichungen anzunehmen sind. 

Wimmer ist der ansieht, dass der e^-umlaut auch im 
schwedischen überall vorhanden gewesen, dass er aber im 
laufe der zeit z. t. entfernt worden sei; und zwar habe diese 
bewegung von den formen ihren ausgang genommen, in 
denen das umlautbewirkende u noch erhalten war (Runen- 
schrift 8. 317). Vgl. jetzt auch Beitr. XIV, 55 anm. 

Tatsache ist, dass allerdings die ältesten norweg. hand- 
schriften in dem falle keinen umlaut zeigen, wo das u der 
endung noch erhalten ist. Dies Verhältnis kann man vielleicht 
auch in einigen formen der altern dän. runendenkmäler {jbSX 



>) Vgl. Brate, Bezz. Beitr. XI, 190; Noreen, Arkiv HI, 26 anm. 
Axel Kock, Arkiv IV, 150 und Heinzel Anz. fda. XIV, 219 anm. 



DIE NOMINALSÜFFIXE lO- UND -lEN-, 175 

dem körzern aiphabet) wiedererkennen: wenn nämlich auf dem 
grossen stein von Jällinge ein ianmaurk (= danmgrk), auf 
dem Skirumei'stein aber tanmarku (==: danmarku?) steht. Die 
möglichkeit einer solchen entsprechung auf diesen denkmälern 
ist zuzugeben, aber bei dem Charakter der Orthographie lässt 
sich wenigstens nicht mit Sicherheit behaupten, dass das a 
in tanmarku nicht auch den umgelauteten vocal bezeichnen 
könne. 

Dem gegenüber hat Axel Eock (im Arkiv IV, s. 163 ff. = 
Beitr. XIV, s. 53 ff.) die theorie aufgestellt, dass zwei perioden 
des U' (und auch des i-) Umlautes zu unterscheiden seien: eine' 
gemeinnordische, ältere, in der zugleich mit dem umlaut des 
Yoraufgehenden vocals das umlautwirkende u fortfalle, und 
eine jüngere, einzelsprachliche, in der ein erhalten bleibender 
vocal umlautend wirke. Dieser jüngere lautprocess habe sich 
nur über Island und teile von Norwegen erstreckt; Schweden 
und Dänemark aber seien ausserhalb seines Wirkungskreises 
gelegen: daher die unumgelauteten vocale der handsehriften 
u. s. w. vor u der endung. 

Einen beweis für seine theorie des u-umlautes hat Kock 
nicht erbracht, ja im gründe nicht einmal zu erbringen ernst- 
lich versucht Und es ist von vorneherein klar, dass es 
schwierig ist, einen wirklich stringenten beweis zu erbringen, 
da in den genannten dialekten doch so wie so eine ganze 
reihe von ausgleichungen zu gunsten der nichtumgelauteten 
form tatsächlich vorhanden sind, die ebensosehr dem gesetze 
Eocks widersprechen wie den theorien Brätes. Es lässt sich 
infolge dessen doch recht schwer und kaum mit einiger Sicher- 
heit bestimmen, wie weit die Wirkung eines anzunehmenden 
lautges^tzes geht, wie weit jene der analogie. Denn dass es 
sehr gut möglich ist, dass einem n. pl. armar, g. arma, a. arma 
auch ein armum zur seite gesetzt wird, lässt sich nicht be- 
zweifeln. Auch die isländischen reime des 10. jh. wie harb- 
jarbu, pang-langu (s. 143; vgl. zu den dort angeführten Schrif- 
ten noch Möbius, Kormakssaga s. 101) beweisen noch nicht, 
dass der t^-umlaut in jarbu u. s. w. jünger ist als das jähr 
1000; denn die möglichkeit, dass ä : a gereimt ward, ist ent- 
schieden zu berücksichtigen (vgl. Wimmer, RS. s. 318; Sievers, 
Beiträge XII, 491). Koeks phonetischer erklärungsversuch abei: 



176 STREITBEEG 

ist sehr problematischer natur. Die griechisehen parallelen 
(s. 161) haben mit dem problem nichts zu tun; und dass eine 
betrachtung der übrigen idg. sprachen, welche palatalisierong 
und labialisierung einer silbe durch folgende sonantische oder 
consonantische i, e, u, o kennen, Eocks theorie Vorschub leiste, 
wird nian nicht gerade behaupten können. ; So heisst es im 
irischen ebensogut afll aus *aliios < *alios (vgl. Brugmann, 
Grundriss I s. 566) mit erhaltung des palatalisierenden lautes, 
wie ßfth < *uaüs mit Schwund desselben u. s. f. Ich kann 
mich daher vorläufig noch nicht von der Stichhaltigkeit der 
Kockschen hypothese überzeugen, die übrigens, auch wenn sie 
bewiesen wäre, im wesentlichen den gang dieser beweis- 
führung nicht ändern würde.^) 

Ich halte es daher für wahrscheinlicher, dass die umlaut- 
losen formen des altschwedischen auf analogiebildung beruhen; 
dass der umlaut in fällen wie bärn n. pL n. blieb, erklärt sich 
auch meiner ansieht nach, durch Verwendung der lautlichen 
differenz gegenüber dem n. sg. bam zu functionellen. zwecken. 

Den a Stämmen aber wurden die ;e;a-stämme angeglichen, 
die sich ja in verschiednen casus von jenen nicht unterschie- 
den. N. pl. bärn : hägg = bamum (< *bämumTj : haggum 
(< *häggumT) = n. sg. bam : hagg. 

Identisch hiermit ist die beseitigung des Umlautes bei den 
irö-stämmen; auch sie gieng von den lautlich mit den t^-stäm- 
men zusammenfallenden casus aus. Es ist mir daher nicht 
verständlich, wenn Brate (s. 193) sagt: ferner verstehe i&bl 
nicht, wie man mit Hofforys auffassung die entfeinung des 
z^-umlautes in den altschwedischen n^o-stämmen erklären soll, 
weil nach Hoffory jede form umgelautet werden sollte' und 
eine seite später (194 anm.), von den ;e;ö-stämmen redend, fort- 
fährt: *Durch analogiebildung erklärt sich ebenfalls der gegen- 
satz zwischen den wö-^i^mmtfi isl. äogg^ rogg und schwedisch 

daggy ragg Lautgesetzlich sollte in jeder form t<-umlaut 

eintreten.' Nun, ich denke, was bei den einen möglich ist, 
bleibt auch bei den andern anwendbar. 

Noch mehr: Brate vermag sich infolge seiner theorie nicht 
einmal mit den tatsächlich vorliegenden formen abzufinden. 



Vgl. jetzt auch Heinzel, Anz. fda. ZIV, 219 anm. 



' DIE NOMIN ALSÜFFIXE -iÖ- UND -lEN-. 177 

Oder wie erklärt Brate das karuR des Rak-steines? Hüsste 
hier nicht, da u im nom. vorhanden ist, nach Brate auch im 
nom., somit also in sämtlichen casus umlaut eintreten? Nach 
Brätes eigenen werten wäre die nicht umgelautete nominatiy- 
form des schwed. rätselhaft. 

Während sich so bei den tio-stämmen der theorie Hofforys 
kein ernsthaftes hindernis entgegenstellt, wenn auch im äuge 
behalten werden muss, dass sie nicht die einzige möglichkeit 
der erklärung bietet, lässt sie sich bei den |o-stämmen nicht 
80 glatt durchfuhren. Zu erwarten wäre, dass wir aisK eben- 
sowenig eine spur des secundären, aus -io- entstandenen -t- 
anträfen, wie wir bei den tio-stämmen auf einen rest des hyste- 
rogenen u stossen. Die tatsachen entsprechen dieser annähme 
jedoch nicht; denn wie aus den oben gegebenen Zusammen- 
stellungen ersichtlich, findet sich das neuentstandene i (e) 
sowol nach langer als auch nach kurzer Wurzelsilbe, vgl. püi 
und Hki, Andererseits fehlt es auch ebensogut nach vorauf- 
gehender länge wie nach kürze, vgl. droengr : nitir. Nun kön- 
nen aber sowol die Wörter der ersten wie auch jene der zwei- 
ten art nicht wol analogiebildungen sein, denn wäre Hofforys 
gesetz richtig, so wäre kein muster zu finden, .nach dem sie 
sich hätten richten sollen. Treffen wir doch auch bei den ganz 
parallelen ii;a-stämmen keine spur eines erhaltenen u. Die 
doppelheit piU, drmigr macht auch unwahrscheinlich, dass es 
ein lautgesetz gegeben habe, nach dem secundäres i nur nach 
kurzer silbe synkopiert worden sei, nach langer aber sich 
erhalten habe; denn unter dieser Voraussetzung lassen sich die 
genannten ausnahmen nicht wol begreifen. 

Aus diesen tatsachen folgt erstlich, dass sich pili und riki 
nur aus den urnordischen grundformen ^püia, *rtkia herleiten 
lassen; zweitens, dass eine solche urform für drcengr^ herr, 
kyn sich nicht aufstellen lässt, dass sie vielmehr ebensowol 
ein blosses -/- im nom. sg. gehabt haben, wie wir dies bei 
urn. mariR, finn. kaunis, got. -nuts gefunden haben. Die urnord. 
formen sind demnach als *ärangiR, *hariRj *kuni (vgl. osk. 
medicim) anzusetzen, nicht als ^drangiaR u. s. w. 

Die masculina mit -ir bei vorausgehender langer oder 
auch kurzer Wurzelsilbe, also Gymir, hirbir, habe ich vorläufig 
mit absieht bei seite gelassen, da -ir nach den nord. l&ut- 



178 STREITBERÖ 

gesetzen doppelsinnig ist und sowol auf altes -Js wie auch auf 
'ips zurückgehen kann; sie werden daher am besten gemein- 
sam mit den got. formen behandelt. 

Die doppelheit der 1. pers. sg. praes. idc. je nachdem lange 
oder kurze Wurzelsilbe voraufgeht, das Verhältnis svef : st^iri 
kann nicht als beweis gegen die obigen ausffihrungen verwant 
werden; ständen die formen vereinzelt, so könnten sie aller- 
dings im vereine mit kyn : riki zu gunsten eines lautgesetzes 
geltend gemacht werden, dass secundäres, im absoluten aus- 
laute stehendes i nur nach kurzer, nicht aber nach langer silbe 
der apokopierung unterliege. Ich sage im absoluten auslaut: 
denn selbst wenn ein solches gesetz richtig wäre, dürfte es 
nicht auf die masculina angewant werden, wo secundäres t 
durch folgendes r geschützt war; die doppelheit nibr : Gpmir, 
drcengr : hirbir bliebe ausserhalb des Wirkungskreises eines 
solchen gesetzes und erforderte eine erklärung für sich. Wir 
hätten in diesem falle im nordischen ein ähnliches Verhältnis 
wie im gotischen, wo ja auch sämmtliche neutra die endung 
-jfo gehabt haben. 

An und für sich stände also einer solchen annähme niohts 
im wege, dennoch vermag ich mich nicht von der existenz 
eines solehen lautgesetzes zu überzeugen.' Wie will man bei 
dieser auffassung püi, -fili, greni erklären? Woher sollen diese 
ganz isoliert dastehenden Wörter ihr i bezogen haben? (vgl 
BB; XI, 196). Zudem beweist das Verhältnis svef : si^ nioht 
allzuviel, weil jene formen in engster beziehung zu den übrigen 
singular-formen standen, die gesetzmässig die doppelheit anf- 
weisen mussten. Ein Verhältnis svefristjrir aber konnte das 
gleiche in der ersten person sg. nach sich ziehen. So lange 
daher nicht die genannten werte ihre befriedigende erklftmng 
gefunden haben, muss ich daran festhalten, auch für den ab- 
soluten auslaut eine bewahrung des secundären i ansu- 
nehmen.i) — 



1) Die form siiia, des Reksteines, die Hofifory (G. g. A. a. a. a) fttr 
seine theorie verwerten will, indem er sie auf *siiiiB zurückführt, wo 
nach Synkope des t das voraufgehende t silbisch geworden sei, ksnn 
ich für nichts weiter halten, als für die reguläre altschwedisohe form; 
das t von -ir bezeichnet den ans son antischen r hervorgegangenen im- 
tionalen laut. Ueber die grundform vgl. den excurs. 



DIE N0MINAL8ÜFFIXE -10- UND -lEN-. 179 

Man könnte die frage aufwerfen: wie kommt es, dass die 
>a-8tämme wie herr regelmässig umlaut im nom. und aee. 
zeigen, abgesehen von den nur in compositis erscheinenden 
umlautlosen formen wie -arr, -marr^ während doch die mit 
ihnen gleichlautenden i-stämme mit kurzer Wurzelsilbe des- 
selben lautgesetzlich entbehren? (Sievers, Beitr. V, 112; v. Bahder, 
Verbalabstracta s. 23). Dass auch die ya-stämme gesetzmässig 
keinen umlaut im nom. acc. haben dürften, ist sicher, da der- 
selbe ja dem nom. acc. der i-stämme gleichlautete. Wenn er 
trotzdem eintrat, so ist dies nur der analogie der übrigen 
casus zuzuschreiben, welche sämmtlich umlaut aufweisen muss- 
ten. Die i-stämme mit kurzer Wurzelsilbe aber entbehrten des 
Umlautes in allen casus des sing, mit ausnähme des Instru- 
mentals; so war es denn kein wunder, dass sie in den ge- 
nannten casus das ursprüngliche wahrten, -marr^ -arr endlich 
mögen im n. a. sehr wol das ursprüngliche erhalten haben, 
da sie aus dem sjstemzwang heraustraten; sie flihrten dann 
die umlautlose form in allen casus durch (vgl. Noreen bei 
K Brate, BB. XI, 196). 

Ein näheres eingehn erfordert schliesslich noch an. hygg 
^gerste', läpp, hivgge. 

Das wort ist i'o-stamm: idg, gf. Hheu-io-. Die 'aflfection' 
des intersonantischen ^, i ist urgermanisch (vgl. Kögel, Beitr. 
IX, 523 ff.), also älter als der Übergang von eu > m, voraus- 
gesetzt dass kein i, t folgte (Noreen, Arkiv 1, 164). Während 
daher *hneggvu > hnegg, *hniggviR > hnyggr gesetzmässig 
doppelheit des vocales aufweisen, war bei hygg das y durch- 
gehends berechtigt. 

Der eintritt der 'affection' ist aber mindestens an zwei 
bedingungen geknüpft: 

1. u muss intersonantisch stehen 

2. der voranfgehende wurzelvocal muss kurz sein.^) 



In -marr nach Osthoff (Beitr. XIII, 436) einen alten o-stamm zu 
sehen ist bedenklich und erklärt auch das nebenstehende -arr nicht 

>) Kluge hat die ansieht vertreten, dass die urgerm. 'affection* 
eines intersonantischen u und i von voranfgehendem accente be- 
dingt werde (Conjug. 127). Nachdem J. Schmidt (Anz. fda. VI, 125), Paul 
(Beitr. Yll, 165 anm.), Kögel (Beitr. IX, 541) die unhaltbarkeit dieser 
theorie nachgewiesen, versucht Bechtel den umgekehrten weg ev^'Uir 



180 STREITBEH6 

Bei einer urgerman. grundform Hiuian wäre die erste be- 
dingung in allen casus unerfüllt geblieben; denn nirgends 
stand intersonantisches u. Wir müssen daher einen ui^rm. 
nom. acc *iiui (= osk. medicim) ansetzen. Dieser nom. acc. 
führte lautgesetzlich zu der vorhandenen ^afficierten' form 
bygg < *byggvi eine form, die dann im paradigma verallge- 
meinert ward. Bei den adjecti vischen |o-stämmen dieser art 
wie tryggr bedarf es zur erklärung keiner solchen Voraus- 
setzung wie bei hygg.\ hier bildete nämlich das movierte femi- 
ninum auf i: *trim < *tryggvt die brücke. 

So ergibt sich als resultat der Untersuchung fürs nordische: 
Es existierten in weitem umfange bei masculinen jo-stämmen 
nominative auf -i^, accusative auf -1(71); aller Wahrscheinlich- 
keit nach hat auch die mehrzahl der neutra mit kurzer 
Wurzelsilbe den ausgang -i(n) gehabt, den wir auch in osk. 
medicim antreffen. 

Dass der Wechsel zwischen -/- und -|o- bezw. -1- von der 
quantität der voraufgehenden silbe abhängig ist, muss natür- 
lich als einzelsprachliche neuerung angesehn werden. Ihr ver- 
gleicht sich aufs genaueste jenes im gotischen herrschende 
princip, das bei den jö- bezw. t-femininen einen Wechsel in 
der] weise verlangt, dass -1- nach langer, ->d- nach kurzer 
Wurzelsilbe den ausgang des nominativs bildet Auch diese 
Unterscheidung ist secundär, denn 'ie—t- und -j^- sind im indo- 
germanischen zwei ganz verschiedene sufßxe, deren anwendung 
von quantitätsrücksichten selbstverständlich unabhängig ist 

Behält man dies resultat im äuge, so erklärt sich auch 
die Verwirrung, die das nordische und hier wider speziell das 
isländische^), zwischen io- und ^i-flexion hat einreissen lassen; 
so wird der übertritt der meisten masculinen j(o-stämme zur 



schlagen und den eintritt der 'verschärfang* vom nachfolgenden 
accente abhängig zu machen. (Nachrichten d. götting. gesellschaft d. 
Wissenschaften 1885 s. 235.) Jedoch mit wenig erfolg; denn eine reihe iso- 
lierter formen stehen seiner hypothese entgegen; seine accentansetsnngen 
für iddja :^ *eiG>m und daddja ■:^ dhaitf widersprechen den lantgesetsen. 
(Ueber den accent der ie- to-classe im germ. lehrt schon Vemer, KZ 
XXni das richtige.) 

1) Das altschwedische hat kurzsilbige mascnline ya-stämme in viel 
grösserm umfange intakt erhalten; vgl. Noreen (an. gr. I § 279). 



DIE NOMINALSUFFIXE -10- UND lEN-. 181 

et-declination begreiflich. Es fand in einer ganzen reihe von 
Worten ein zusammenfall zweier casus, des nomin. und acc. 
sg., beider classen statt. So lag es denn nahe auch die übrigen 
casus auf gleiche weise zu bilden, den unterschied beider 
flexionskategorien dadurch in rielen fällen aufzuheben. So er- 
klären sich auch umgekehrt vereinzelte Übertritte von der ei- 
zur i'o-declination (vgl. Brate BB. XI, s. 184. 194), zu deren er- 
klärung man nicht mit Brate *hariR < *harjaRy *kuni < *ktmja 
herbeiziehen darf; denn da der schwund von a und i in end- 
silben ziemlich gleichzeitig ist, so hätten die formen der ei- 
doch mit den hysterogenen i-formen der i'o-stämme nicht zu- 
sammenfallen können, so wenig wie got harjis (für *haris) 
mit gasis im auslaut je zusammengefallen ist. 

Im gotischen ist es möglich rascher vorwärts zu gehen, 
da die Verhältnisse weniger verwickelt liegen und auch schon 
manches vorweg genommen werden musste. 

Im grossen und ganzen kann man sagen, es besteht 
zwischen gotisch und skandinavisch etwa derselbe unterschied, 
wie zwischen lateinisch und oskisch: jenes bevorzugt die io- 
dieses die i-form. 

Im gotischen finden wir drei scharf gesonderte classen. 

1. nom. auf -i- in den verbaladjectiven (part. necess.) wie -nuis, 

2. nom. auf -io- bei allen stammen mit kurzer Wurzelsilbe sowie 
bei den langstämmigen nentren. 

3. nom. auf -l- bei den langstämmigen mascnlinen. 

Die Sievers'sche erklärung der nominative wie harjis darf 
wol jetzt als aufgegeben gelten. An ihre stelle ist die erklä- 
rung getreten, die sich bei Brugmann (Grundriss I § 660 
anm. 3) und Kauffmann (Beiträge XII, 539 anm.) findet, und 
der auch ich mich anschliesse, dass ans der grund/orm got. 
^harjas ein *haris lautgesetzlich entstanden, das j aber in 
harjis aus den obliquen casus übertragen sei. 

Abweichend aber sind die masculina mit langer Wurzel- 
silbe behandelt Im nordischen haben wir, abgesehen vom 
nom. sg. der doppeldeutig ist, in allen casus silbebildendes i, 
das jedoch nur mit schwach articuliertem übergangslaut ge- 
sprochen ward^ wie dies ähnlich z. b. im lateinischen der fall 
ist (vgl. Brugmann, Grundriss I § 135). Hätte das überleitende 
I energische articulation besessen, so wäre nicht abzu^elsixi^ 

Beiträge rar geschichte der deutschen spräche. XIV. V^ 



182 STREITBERG 

warum wir nicht ebensowol *hirt5jar wie nitSjar besässeii; nach- 
dem die Synkope des i vollzogen war. 

Dass im gotischen ähnliche Verhältnisse vorgelegen haben, 
beweist der schon sehr frühzeitig erfolgte Übergang des sonan- 
tischen i zu consonantischem i. Femer spricht dafür die ge- 
stalt des acc. sing, hairdi < älterem *hirdiia; dieselbe lehrt 
auch, dass der nominativ hairäets nicht die endung nias ge- 
habt haben kann, da sonst nach analogie des accusativs *hairdis 
bezw. *hairdjis (nach harjis) hätte entstehen mttssen. 

Eine urgerm. grundform *x^rbiiiz aber anzunehmen, wie 
Brugmann (Orundriss I § 635) tut, ist gleichfalls unmöglich: 
denn wenn ein nach dem sog. Sievers'schen gesetze sonantisch 
gewordenes i mit einem i der endung zusanimengestossen wäre, 
so hätte das doch schon uridg. ein -ts ergeben müssen, das 
urgermanische hätte also schon die länge ererbt. Die beartei- 
lung dieses -ts im gotischen ist demnach ganz unabhängig von 
der auffassung, welche man von dem imperativ naseij sökei 
hat. Dass dessen i aber direct auf die idg. endung -e|>, urg. 
'iii zurückgehe, möchte ich damit nicht behauptet haben; mir 
kam es nur darauf an, die Unabhängigkeit beider fragen von 
einander zu betonen. 

Während die got. form sich also nur auf urgerm. und zu- 
gleich auch indogerm. -ts zurückführen lässt, besteht, wie schon 
hervorgehoben bei dem -ir des nordischen in hirtSir, Gymir 
eine doppelte möglichkeit der herkunft; einmal können sie 
analog riki und pili aus urnord. *hirdiaR, *GymjaR entstanden 
sein, dann aber liegt auch nichts im wege, ein urgermanisches 
'tz in dem -ir der endung zu sehen. Wahrscheinlich werden 
beide grundtypen hier zusammengefallen sein. Dass der Zu- 
sammenhang der endung -ts mit der länge der wnrsselsilbe 
schon indogermanisch sei, ist möglich, lässt sich jedoch nidit 
beweisen, da weder litauisch noch oskisch eine regel nach art 
des got. kennen. 

Auch im westgermanischen sind, wie im nordischen 
die langstämmigen masculina von vorneherein auszuscheiden, da 
sie doppeldeutig sind. Auch die neutra mit langer Stammsilbe 
bieten kein weiteres Interesse, da bei ihnen das suffiz im 
nomin. durchweg die gestalt -|o- gehabt hat. Verwickelter 
liegt die sache bei den masc und neutr. mit nrspranglicb 



DIE NOMINALSUFFIXE -Jö- UND -lEN-. 183 

kurzer Wurzelsilbe. Vgl. ahd. hrucki, hweizzi] kunni, betti, as. 
hruggi\ bed, flet, net und kunni^ fletti^ neiti, ags. hrycg, secg] 
cynn, bedd. Ist hier im nom. acc. sg. die form des Suffixes -i- 
oder 'io' gewesen? Aus dem ahd. allein lässt sich, soviel ich 
sehe, kein anhält für die entscheidung gewinnen; den aussehlag 
scheint mir dagegen das ags. zu geben. 

Sievers setzt Beitr. V, 125 S. und Ags. gramm.^ § 130 anm. 
eine westgerm. gr und form *saggjoz, ^kunnjo voraus, die aus 
urgerm. ^sa-gjoz, *kunjo{m) entstanden seien, deren j *wol be- 
reits vor dem eintritt der apokope selbst verschwunden wa,r' 
(Gramm, a. a. o.). Dass eine solche auffassung sich nicht 
halten lässt^ scheint mir sicher zu sein und ist von Kauffmann 
mit guten gründen dargetan worden (Beitr. XII, 539 anm.). 
Kauffmann seinerseits hat nun a. a. o. einen anderen gang der 
entwickelung zu erweisen gesucht. Auch er nimmt eine urgerm. 
grundform *sagjoz, *hrugjo{m) an, die sich im ags. lautgesetz- 
lich zu *se^e, *hryge habe entwickeln müssen; diese reguläre 
nominativform sei jedoch durch eine von den obliquen casus 
ausgegangene analogiebildung verdrängt worden, und zwar 
habe die neubildung von den e-stämmen ihren ausgang ge- 
nommen: ^Nach dem muster der Übereinstimmung wyrmes : 
hrycges entstand der nom. ht^ycg wie wyrm u. s. w., in gleicher 
weise bei den neutris'. Aber auch Eauffmanns hypothese er- 
scheint mir nicht stichhaltig, da ihr die formen der masculina 
und neutra mit langer Wurzelsilbe im wege stehen. Warum 
ist in hirtSe und rlce das e erhalten? Für das gefühl der 
sprechenden unterschieden sich die obliquen casus von rlce 
und cynn weder in bezug auf die quantität der Stammsilbe 
noch hinsichtlich der flexion irgendwie von einander. Wäre 
also wirklich auf grund der formalen gleichheit der obliquen 
casus eine association der |o- zur ee-declination anzunehmen, 
so wäre es geradezu undenkbar, dass die Wirkung dieser be- 
einflussung sich nur auf die nomina hätte erstrecken sollen, 
welche ursprünglich kurze Wurzelsilbe besessen hatten, ohne 
auch die von haus aus langstämmigen einzuschliessen, mit 
denen jene im laufe der zeit ja, was die quantität der Wurzel- 
silbe betrifft, zusammengefallen waren. An dieser zweifachen 
art der behandluug scheitert demnach m. e. Kauffmanns 
hypothese. 



184 STRElTBERG 

Ehe ich nun weiter gehe, wird es nötig sein, ein chrono- 
logisches moment kurz zu beleuchten; ich meine das zeitliche 
Verhältnis der sog. westgermanischen consonantendehnung zu 
der Synkope des endungs-o. Welcher von beiden lautprocessen 
ist der ältere? Was den seh wund von i und u der endung 
anlangt; so fällt dieser tief in das sonderleben der einzelnen 
dialekte, ist viel jünger als die consonantendehnung, mag die- 
selbe nun urwestgerm. oder, was wahrscheinlicher ist, selbst 
erst einzelsprachlich sein (vgl. Sievers, Beitr. V, 110). Aueh 
für hat Sievers angenommen, dass es erst nach der conso- 
nantendehnung geschwunden sei (vgl. z. b. die grundform 
*saggjoz Ags. gramm.2 § 130 anm.). Zudem sagt er Beitr. 
XII, 489 ausdrücklich: 'Diese formen [ahd. elllenti^ slb. elilenäi 
u. s. w.] müssen älter sein als die sog. westgermanische gemi- 
nation vor j\ denn sonst hätte elli- an stelle von eli- erscheinen 
müssen. Der stamm aljo- hatte also auch auf westgerman. 
boden in sehr früher zeit in der composition die gestalt ali- 
gewonnen. Dazu stimmen dann ferner eine menge von rasten 
bei andern yo-stämmen.' Aehnlich hat sich auch Brate, Bezz. 
Beitr. XI, 195 ausgesprochen. 

Dennoch glaube ich nicht, dass diese ansieht sich wird 
aufrecht halten lassen. Kaufifmann hat in seinem schönen auf- 
satz (Beitr. XII, 504 ff.) nachdrücklich auf das factum hin- 
gewiesen, dass nicht ein einziger fall bekannt ist, wo conso- 
nantendehnung eingetreten wäre, wenn j, tv, r, /, n in sämmt- 
lichen wortformen unmittelbar auf den betr. consonanten folg- 
ten. Er hat daraus mit vollem rechte die consequenz gezogen, 
dass gerade in diesem Wechsel die Ursache der consonanten- 
dehnung zu erblicken sei (vgl. s. 539), dass sie nichts anderes 
sei als eine Verschiebung der silbengrenze (s. 540). Hieraus 
folgt aber eo ipso, dass sich die doppelheit ags. cBcery Schweiz. 
achdr : ahd. acchar^ ahd. afful : apful nur aus den grundformen 
*akar : *akres, *apal : ^aples begreifen lässt, die consonanten- 
dehnung also jünger ist als die synkope des o.. Vor dem 
eintritt derselben folgte ja -ro-, -lo-, -wo-, -Jo- in allen formen 
direct auf den wurzelschliessenden consonanten, von einer 
dehnung konnte somit keine rede sein.^) 

>) [Wie ich einer mündlichen mitteilnng des herrn prof. Sievers ve^ 
danke^ nimmt derselbe jetzt auch die gleiche datiernng an.] 



DIE NOMINALSUFFIXE -iö- UND lEN-, 185 

« 

Durch die Eauffmann'sche erklärung erledigt sich aber 
anch die frage hinsichtlich eli-. Man hat nicht mit Sievers 
eine uralte Bjnkope des o in der compositionsfuge anzunehmen, 
ftlr die wir auch sonst gar keinen anhaltspunkt hätten und 
die durch got. und nord. parallelen nicht eben wahrscheinlich 
gemacht würde. Ja, man kann die formen mit nichtgedehnter 
consonanz überhaupt nicht zur gewinnung irgend welchen 
chronologischen momentes verwerten; denn in ^ätjo- u. s. w. 
als einem ersten compositionsglied konnte unter keinen um- 
ständen dehnung des consonanten eintreten, wenn auch o noch 
erhalten war, da j immer direct auf den consonanten folgte, 
die conditio sine qua non des wechseis also gar nicht gegeben 
war. Die formen mit gedehnter consonanz wie elli- sind viel- 
mehr als Übertragungen vom simplex anzusehn, ebenso wie ein 
acchar- in der composition sein cch der gleichen ein Wirkung 
verdankt. 

Ferner ergibt sich aus der gegebenen datierung der Syn- 
kope des endungs-o: 

1. Die der consonantendehnung unmittelbar vorausgehen- 
den grundformen der nominative kunni, hruggi haben auf 
jeden fall *kun^ *hrugiz gelautet. Sie können ebensowol 
auf älterem *kunjo, *hrugjoz wie auf *kuni, *hrugiz beruhen, 
sind also für eine bestimmung der urgerm. formen ohne wei-t. 

2. Die nominative ^^«;e 'gau', hewi ^\ien\ gi-strewi ^stre\i\ 
(s. Kögel, Beitr. IX, 526 flP.) sind auf eine grundform mit -jo- 
zurückzuführen. Hätte nämlich urgerm. ein *x^U^ bestanden, 
80 hätte die bekannte 'affection' des nach kurzer Wurzelsilbe 
stehenden intersonantischen u eintreten müssen. Dann aber 
hätte sich, wie Kögels Untersuchung zur evidenz dargetan hat, 
ein hewi im ahd. gar nicht ergeben, sondern in allen formen 
wäre auw aufgetreten. Als ursprüngliche nominativform hat 
man daher ein urgerm. *x^^io{n) anzusetzen, dessen o zu einer 
zeit synkopiert ward, als das idg. und urgerm. lautgesetz noch 
lebendig war, nach dem tautosyllabische |, u in Stellung vor 
sonanten heterosyllabisch wurden. Der gang der entwickelung 
war also *x^w/^ > ^ha-ui > hewi. Die obliquen casus, in 
denen das tautosyllabische u viel länger erhalten blieb, machten 
dieselbe entwickelung durch, die wir bei frouwe finden. Als im 
ahd. jo > e ward, war das eben genannte lautgesetz bereit» 



186 STREITBERG 

erloschen; i, u wurden demnach nicht mehr heterosyllabisch. 
Vielmehr war inzwischen ein neues lautgesetz aufgekommen, 
welches ai, au u. s. w. auch vor sonant tautosyllabisch bestehen 
liess, indem sich ein tlbergangslaut entwickelte. So entstand 
houtves u. s. w. Eine ganz hübsche parallele gewähren lesbische 
lautverhältnisse: ein intersonantisches u verband sich mit vor- 
aufgehendcm kurzen vocal zum diphthongen d. h. ein am 
ward auua (Sievers Phonetik^ 146), vgl. z. \). öeva), d. h. *siuuo 
(Brugmann, Grundriss I § 165). 

Wenn ich oben gesagt habe, dass die gleiche entwickelang 
bei frouwe vorliege, so bedarf dies einiger werte der recht- 
fertigung. Kögel hat Beitr. IX, 526 das lautgesetz aufgestellt, 
dass ''anP'j . . . bereits im gemeinwestgerman. durch das be- 
kannte Verschärfungsgesetz zu aw^m^j und weiter durch vocali- 
sierung des ersten rv zu aum^j geworden' sei. Eine solche 
gemination von w^ lässt sich ja graphisch ganz wol darstellen, 
dürfte jedoch phonetisch von sehr zweifelhafter berechtigung 
sein. Wie soll man sich die 'dehnung' des vorausgehenden 
halbvocals u durch j denken? Ausserdem folgt/ in allen casus 
direct auf u^ der zur dehnung nötige Wechsel fehlte also. Die 
consequenz einer solchen auffassung wäre, dass auch n, r, /, 
wenn sie regelmässig auf einen ?/-diphthongen folgten, denselben 
'gedehnt' haben müssten. Ich denke vielmehr, dass die oben 
angedeutete erklärung anzuwenden ist. Ein urgerm. *frauiön 
ward zu westgerm. */'rauja und, indem Ja in e übergieng, zu 
*frame d. h. dem frauuue des Keron. gl. u. s. w. (vgl. Kögel, 
Keron. glossar 169; Beitr. IV, 344). 

Die richtigkeit einer solchen erklärung wird durch Schrei- 
bungen wie auula d. h. aurvla (s. Braune, Ahd. gramm. § 112) 
nicht alteriert, sondern nur bestätigt: rv bezeichnet nichts an- 
ders als den übergangslaut, der sich von labialen zum pala- 
talen halbvocal einstellen musste und der Vorbedingung des 
spätem ouw ist.^) 



^) Da ich einmal auf das wort frauja näher eingegangen bin, so 
seien mir einige werte über seine etymologie gestattet. Kluge stellt es 
auch in der neusten aufläge seines Wörterbuches noch zu freuen^ aber 
die verwanten bezeichnungen für den ^herrn' machen eine so abstraet- 
ideale bedeutung wenig wahrscheinlich. Alles weist vielmehr darauf 
hin, dass es nur die hervorragende Stellung bezeichnen soll. £8 iat 



DIE NOMINALSÜFFIXE -/O- UND -lEN-, 187 

Die folge der oben gegebenen datierung ist nun — und 
hier treffe ich wieder mit Kauffmann zusammen — , dass in 
den westgerman. sprachen schon vor der consonantendehpung 
ein nom. *sagizj acc. *sagif nom. acc, *kuni existierte, auch 
wenn die urgerm. grundfonn *sa^'oz, *kunjo gelautet hat 
Dieses *sa^iz erlitt durch die beeinflussung von selten der 
obliquen casus consonantendehnung, so dass wir von ihm aus 
auf gradem wege zu den ahd. as. formen mit gedehnter con- 
sonanz und i kommen können. Anders stand es aber mit 
den i'o-stämmen als ersten gliedern von compositis. Hier 
folgte j stets auf den wurzelschliessenden consonanteu; ein 
Wechsel fand nicht statt und demgemäss musste auch die 
dehnung unterbleiben. So ist kuni- in as. kuni-hurd^ ags. Cynt- 
wund u. s. w. lautgesetzlich berechtigt; das simplex kunni da- 
gegen verdankt sein nn der analogiebildung. Das gleiche gilt 
von den t/o-stämmen in der composition wie as. ehu-scalc. Der 
nämlichen beurteilung unterliegen auch Äuui-, Gauui- die 
Sievers a. a. o. zweifelnd hierherstellt. 

Wie steht es aber mit den ags. formen wie sec^, cynn^ 
von denen die as. nominative wie hed, net, flei wol nicht ge- 
trennt werden dttrfeli? Können auch sie auf eine grundform 
mit -j(o- zurückgeführt werden? M. e. ist diese frage zu ver- 



daher schon längst mit abg. prüvü zusammengebracht worden (s. Fick, 
Wörterbuch^ III, 178), und ich bin der meinung, dass diese Zusammen- 
stellung, abgesehen von der wurzelstufe, durchaus berechtigt ist. 
Von ablautsstufen erscheinen bei dieser wurzel 

1. idg. *pro = ai. pra, gr. tcqo u. s. w. 

2. idg. *|?f = germ. f&r- in fora u. s. w. 

3. idg. *prü = slav. pra- (hierher wol auch mit Miklosich, Etym. 
Wörterbuch s. v, pro^ abg. prävü *rectu8' eig. vorwärts gerichtet; lit 
provüt lett prävs sind entlehnungen aus dem slavischen) ; griech. nQw-'i 
: ahd. fruo. 

4. idg. *pf= ai. pTir-va-, 

Die ablautsstufen 2 und 4 fallen bei reconstruction der germ. grund- 
form fort; 1 und 3 sind gleicherweise möglich. Wir haben demnach im 
germ. den tfo-stamm mit hochstufe des wurzelvocals gegenüber der tief- 
stufe im ai. und in abg. prUvü (vgl. jedoch prävü). Dieser uo-Bt&mm 
ist dann mittels des bekannten com parati vischen io-, ien-BxifüxGs weiter- 
gebildet, vgl. ai. pürvya- (s. Danielsson, Gramm, und etymolog. Studien 
I 8. 49 anm.); urgerm. *fra%i'ienr ist also comparativ zu urgerm. ^fur-isio-^ 
dem Superlativ, der des -t/o- entbehrt. 



188 STREU BERG 

neinen; wenigßtens vermag ich keinen weg zu sehen, der eine 
ungezwungene herleitung eines secg aus *sagjoz ermöglichte. 
Die erklärungsversuche von Sievers und Kauffmann habe ich 
ablehnen zu müssen geglaubt; denn blieb das secundär ent- 
wickelte t nach ursprünglich langer Wurzelsilbe erhalten, so 
lässt sich kein grund dafür ausfindig machen, warum es nach 
lang gewordener geschwunden sei. Bieten sich demnach 
der aufstellung einer grundform *sagjoz nicht unbedenkliche 
Schwierigkeiten dar, so scheint mir alles sich in einfachster 
weise zu gestalten, wenn man von einer urgerm. nominativform 
*sagiz ausgeht. 

Ein urgerm. *sagiZf ^duniz, *kuni musste im ags. zu *sagi, 
*duni, */cuni und nach Übertragung der consonantendehnung zu 
*saggi, *dunni, *kunni werden: diese nominative aber standen 
genau auf einer linie mit den langsilbigen e-stämmen wie 
*nmrmi, *^asti, nicht aber mit den langsilbigen j(o-stämmen, 
deren secundäres, durch vocalabsorption entstandenes i nicht 
mit dem urgerman. i zusammengefallen sein kann, wie ebei 
die verschiedene behandlung bei der synkope lehrt. Nach dem 
eintritt des umlautes schwindet nun nach langer silbe das 
primäre i, wir erhalten also giest, wyrm und ebenso dynn^ 
secgy kynrij das secundäre i bleibt ausnahmslos erhalten: 
daher rice u. s. w. 

Die ahd. formen hrucki, kunni sind doppelter deutung 
fähig. Sie können anstandslos auf urgerm. grundformea mit 
-io' zurückgeführt werden. Wahrscheinlicher aber isl^ dass sie 
auf gleicher basis wie die ags. nominative beruhen, jedoch 
eine etwas abweichende entwickelung durchgemacht haben. 
Das lautgesetzliche wäre auch hier der verlust des t nach der 
in den nom. acc. eingedrungenen laugen consonanz gewesen; 
solche formen scheinen in nei, flet erhalten. Das vorhandene 
/ verdankt seine existenz der associierung an die jfo-stämme 
mit langer Wurzelsilbe, die im as. und ahd. jenen mit kutzer 
Wurzelsilbe näher standen als die langstämmigen nomina der 
/-declination, während im ags. das umgekehrte der fall war. 
Dass bei dieser Umbildung auch kurzstämmige nomina mit -j(a- 
im nom. acc. mitwirkten (vgl. an. />i/e), soll natüiiich nicht ge- 
leugnet werden; ihre existenz macht vielmehr die durchfuhrung 
des i nur noch leichter begreiflich. 



DIE NOMIN ALSÜFFIXE -iO- UND -1EN-. 189 

Von den übrigen casus der ahd. iVstämme bedarf nur der 
dat. plur. einer kurzen erwäbnung. Derselbe erscheint, wie 
bekannt in doppelter gestalt: auf -im und -unij letztres im obd. 
ersteres im fränk. vorherrschend (s. Braune, Ahd. gramm. 
§ 198 anm. 6). Pauls reconstruction des ent wickelungsganges, 
der zu diesen f-formen geführt habe (vgl. Beitr. VI, 221 s. auch 
yil, 113), lässt sich jetzt nicht mehr aufrecht erhalten. Die 
dative auf -m scheinen mir vielmehr ebenso beurteilt werden 
zu müssen wie die oskischen genetive plur. Safinim, Aisernim, 
Es sind einzelsprachliche neubildungen, ausgegangen von den 
t-formen des paradigmas. 

So ergibt sich also auch fürs westgerm. ein ähnliches 
resultat wie fürs nordgerm.: der Wechsel von -io- und -/- im 
nom. acc. sg. ist in beziehung gebracht zur quantität der 
Wurzelsilbe. Dies ist natürlich nichts ursprüngliches, aus dem 
indogerm. ererbtes, sondern eine spezifisch german. neuerung. 
Eine solche regulierung des gebrauches zweier nebenformen, 
deren Verwendung von haus aus mit der quantität der vorauf- 
gebenden silbe nichts zu tun hatte, kann nicht befremden, da 
wir ihr häufiger begegnen. Ich erinnere z. b. nur an das ge- 
setzt welches im gotischen den gebrauch von -t und -Jö von 
der quantität der Wurzelsilbe abhängig macht. Diese neuerung 
ist in sofern noch weitergehend, als wir es hier nicht einmal 
mit zwei verschiedenen formen desselben Suffixes, sondern mit 
zwei ganz unabhängig von einander bestehenden sufGxen zu 
tun haben, nämlich idg. -|e— i- auf der einen, -j(ä- auf der 
andern seite. 

Das gesammtresultat für das germanische lässt sich also 
dahin zusammenfassen, dass im nom. acc. sg. der lo-stämme 
im urgerm. die suffixformen -(o- und -f- neben einander be- 
standen; wie sich ihre Verteilung ursprünglich geregelt hat, 
lässt sich nicht mehr ausfindig machen, in secundärer weise 
aber wurden sie in ihrer anwendung von quantitätsgesetzen 
abhängig gemacht. Den ursprünglichsten zustand hat das 
nordische bewahrt, am meisten ausgleichungen hat das gotische 
vorgenommen; in der mitte steht das westgermanische. Das 
Verhältnis von nordisch und gotisch lässt sich im grossen und 
ganzen etwa dem vergleichen, das wir zwischen dem osklsehr 



190 STREITBERG 

umbrischen auf der einen und dem lateinischen auf der an- 
dern Seite antreffen werden. 



Nachdem so der tatbestand, wie er sich auf german. 
boden findet, festgestellt ist, kann man einen schritt weiter 
gehn und die frage aufwerfen: wie verhalten sich diese beiden 
formen des nom. und acc. zu einander, und wie stellen sich 
die übrigen idg. sprachen zu diesem problem? 

Man wird am besten bei einer solchen Untersuchung vom 
litauischen ausgehn, da hier die Verhältnisse am durchsichtig- 
sten sind. Wie schon eingangs erwähnt, stehen sich auch dort 
zwei classen von j(o-stämmen gegenüber, was die gestalt des 
nom. acc. sg. anlangt. Bei der einen hat der nom. -is bei 
unbetontem, -ys bei betontem suflSx, das in diesem falle stets 
den geschliffenen accent trägt; der acc. lautet -,/. Bei der an- 
dern hat der nom. die endung -ias^ der acc. -iq. Gleichgültig 
ist zur beurteilung dieser doppelheit, dass die zweite classe 
im laufe der zeit zu gunsten der ersten sehr zurückgedrängt 
worden ist; genug, dass sich die doppelheit als alt constatieren 
lässt. So viel steht auch von anfang an fest, dass sie nicht 
erst im sonderleben des baltischen entstanden sein kann, gleich- 
viel in welche zeit man den Vorgang auch zurückverlegen 
will; denn es existiert kein lautgesetz, das uns gestattete, -f- 
auf älteres baltisches -ia- zurückzuführen. Die zweiheit ist 
also schon vorbaltisch, gehörte bereits der idg. grundsprache 
an. Schleichers ansieht, dass -f- ein speciell baltisches con- 
tractionsproduct sei, hat sich demnach nicht bestätigt 

Wie erklärt sich nun das nebeneinander von -f- und -jo- 
im idg.? Eine beantwortung dieser frage hat Julian Eremer 
versucht (Bezz. Beitr. VII, 48 ff., Paul-Braune's Beitr. VIII, 473 ffi). 
Ihm sind diese formen die regelrechten Vertreter idg. i^-stftmme. 
Aber auch seine hypothese ist unhaltbar; wenige werte werden 
genügen die art und weise der Eremer'schen beweisführung zu 
charakterisieren. 

Eremer sucht den unterschied zwischen o- und i^-flexion 
durch folgende paradigma zu veranschaulichen, dessen ai 0% 
a^ a?' u. s. f ich mir durch die jetzt gebräuchlichen bezeich- 
nungen zu ersetzen gestatte. 



DIE NOMINALSÜFFIXE -/O- UND -lEN-, 191 

Sing. n. *ek-uO'S *medh-ie-s 

a. *ek'UO'm "^medh-ie-m 

V. ^ek'Ue *medh'ie 

ff. *ek'ue'Sio \ ^medh-ie-sio \ 

*ek'Ue'So | *medh-ie'-so j 

istr. II. *ek-uo-bh{ 1 *m€dh-ie-hhi \ 

*ek-uO'Tni i *medh'ie'mi j 

u, s. f. 

Piur. D. *ek'nö'S *medh-ie-s 

a. *ek-nO'ns ^mcdh-ie-ns 

1. *ek'iio-snö *medh'ie-suö •) 

u. s. f. 

Das mitgeteilte wird genügen ein bild von dem paradigma 
zu geben, wie es sich Kremer für die j(e-stämme denkt. Es 
zeigt, wo die beiden classen sich unterscheiden, wo sie sich 
mit einander berühren (z. b. voc. gen. sg.). Von diesen casus, 
in denen beide flexionsarten zusammenfallen mussten, gieng 
der yöUige Übergang der j(e-stämme in die j(o-flexion aus. 

Aus den beigefügten erläuterungen hebe ich nur folgende 
Sätze hervor: 

^Ja, die suffixe ia^ und ia^ [d. h. {e und ia\ und zwar 
naturgemäss ersteres leichter als letzteres, erfuhren vielleicht 
schon in der Ursprache contractionen.' — 'Als hauptresultat 
ergibt sich die hohe altertümlichkeit und klare gesetzmässig- 
keit der ia- [d. h. der ie- und {e-] flexion im litauischen, be- 
sonders in der altern zeit die deutliche sonderung von der 
«2- [= o\ und «2- [= ä\ flexion.' (s. 55.) 

Ich will ganz davon absehn, dass Eremer sich vollständig 
darüber iiusschweigt, auf welche weise er sich die idg. 'con- 
traction' von -ie- zu -;- in gewissen fällen zu stände gekommen 
denkt, kann er doch ausser ein paar formen, die er Bezzen- 
b ergers Beiträgen zur geschichte der litauischen spräche ent- 
nimmt, überhaupt keine beispiele für 'die hohe altertümlich- 
keit und gesetzmässigkeit' des lit. beibringen. Wie wenig 
aber auf solche vereinzelte beispiele bei dem ganzen Charakter 
der altern lit drucke zu geben ist, liegt auf der h^nd. Zudem 
begeht Eremer den fehler, in jedem lit. -ie-y das ihm aufstösst, 



^) Ein noch älteres, proethnisches, paradigma dessen Verhältnis zu 
dem hier gegebenen jedoch nicht ganz klar scheint, reconstrniert Eremer 
nach Möllers principien Beitr. YIII, 414. 



192 STREITBERG 

uridg. -ie- zu suchen, ohne zu bedenken, dass i schon urlit. 
vor idg. e hätte schwinden müssen (vgl. Johannes Schmidt, KZ. 
XXVI, 331 f. 390), die Schreibung ie also, wo sie überhaupt 
mehr als ein druckfehler ist, nichts anders sein kann als m, 
das der ausspräche nach ja e mit erweichung des vorauf- 
gehenden consonanten ist. Eremer aber sieht in einem kielie 
(Bezzenberger a. a. o. 123) idg. -|>! 

Nicht besser ist es um die begründung seiner hypothese 
auf slavischem boden . bestellt. Die form mqzt leitet er direet 
aus der grundform ^mong-ie-s her, den locat. pl. mqzichü aus 
^mong-ie-sue. Diese letztere herleitung geschieht auf grund 
eines contractionsgesetzes, das Eremer formuliert: 'Beiläufig 
hebe ich hervor, dass ia^ und ia^ [d. h. io und id\ e, ia^ [d. h. 
ie\ dagegen zu i wird'! 

Auch fürs gotische hat er ein ad hoc aufgestelltes 'accent- 
gesetz' nötig, um harjis direet einem idg. **/r^ö2''-2'ai-*' <!• h. 
^tcor-ie-s zurückführen zu können. Was endlich air. aile be- 
trifft, so ist mir unklar, warum Eremer es apodiktisch auf 
idg. cUies zurückführen will: eine begründung dieser behaup- 
tung ist unterlassen. 

Ich denke, das gesagte genügt, die unhaltbarkeit der 
Eremer'schen hypothese darzutun; anzuerkennen ist bei ihm 
nur das eine, dass er entschieden für die altertümlichkeit der 
nominative auf -ts eingetreten ist. 

Ehe man an die beurteilung der lit. f-formen herantritt, 
wird es notwendig sein zu untersuchen, ob die jetzige gestalt 
derselben die älteste uns erreichbare ist, wie weit wir sie 
überhaupt zurückverfolgen können. 

Auch hier werden wir, wie beim germanischen, die finnisch- 
lappischen lehnworte zu hilfe nehmen müssen; denn sie ge- 
hören den ersten Jahrhunderten unsrer Zeitrechnung an, reprae- 
sentieren also die älteste, und dem bekannten Charakter des 
finnischen zufolge, auch eine mit Sicherheit benutzbare stufe 
des litauischen. 

Leider gibt Thomsen (a. a. o. s. 93) nur wenige beispiele 
aus dieser spräche, doch genügen dieselben immerhin f&r 
unsern zweck. Ich führe nur jene an, deren nominativform 
erhalten ist, 



DIE NOMINALSÜFFIXE -10- UND -lEN-. 193 

1. finn. -is (länge und kürze der endsilben wird nicht 
unterschieden) = lit. -is: 

finn. weps. esthn, kirves, wot. cirves *axt' = lit. kirvis. 
finn. heme , weps. hemeh, ehst. hermes 'erbse' = Firnis, finn, 
kärme 'schlänge' = lit. kirmis, 

2. finn. 'las = lit -is: 

finn. ankeriasj ehst, angerias, wot. anggerias = lit. mw^m- 
ry^ 'aal'. 

Die beispiele lehren , dass schon in jener periode beide 
gruppen von fa-stämmen in derselben form wie noch heute 
nebeneinander bestanden haben; die läge der dinge hat 
sich also im wesentlichen seit anderthalb Jahrtausenden nicht 
geändert. 

Da die mir zugänglichen finnischen lehnwörter unentschie- 
den lassen, ob das gesetz vom Schwunde des | vor palatalen 
vocalen zu jener zeit schon existierte oder nicht, so besteht 
für uns die doppelte möglichkeit, die formen auf -fs sowol auf 
idg. 'fs als auch auf'idg. -iis zurückzuführen. 

Für die aufstellung der zweiten grundform hat sich Brug- 
mann entschieden (Grundriss I § 84 a. 1). Er sagt: ^Litß-s 'er' 
ist nicht gr. o-g, ai. yä-s, sondern verhält sich zu diesem wie 

gr. rl-g, lat, qui-s zu ai. käs, got. ha-s Nach dem 

Verhältnis von ßs zu gen. Joj dat. j'em u. s. w. beurteilen sich 
die nom. sg. wie miäis 'bäum' (gen. mMzio\ deren -}- statt 

'ii' mit dem t von geras-is auf gleicher linie steht, und 

diejenigen wie gaidys (gen. gaJäzio) ^hahn', deren y aus iii 
entstanden war,' 

Von lautlichem Standpunkt aus betrachtet sind die auf- 
gestellten grundformen gewiss sehr wol möglich und hätten 
nichts anders ergeben können als die factisch vorliegenden 
formen. Eines aber muss von vorneherein festgehalten werden: 
dass die ansetzung eines Stammes -ii- in sofern rein hypothe- 
tisch ist, als sich factisch dass i nirgends mehr vorfindet; dass 
das i von moßs 'wink' nicht beweiskräftig ist, werden wir 
später sehen. 

Man wird sich nun fragen müssen: ist Brugmanns theorie 
wahrscheinlich, d. h. ermöglicht sie eine einheitliche erklärung 
der umstrittenen formen? 

Der ausgangspunkt für die hypothese scheint das pronomen 



194 STREITBERG 

gewesen zu sein: da dem -o- von idg. ^q-o-s das -i- von idg. 
*Q'i'S gegenübersteht, ein Verhältnis, das in ^i-o-s : *i-i-^ wieder- 
zukehren scheint, so liegt die Vermutung nicht fern, dass das 
gleiche Verhältnis sich in *kelios : *keliis wiederfinde, ja dass 
Wörter mit vocalisch auslautender wurzel wie lit. moßs 'wink' 
das ursprüngliche i noch bewahrt hätten. Trotzdem glaube 
ich nicht, dass die beiden in parallele gesetzten kategorien 
ganz homogener natur sind. *qos und *ios sind reine o-stämme, 
so gut wie *qis und *iis für sich betrachtet reine ei-stämme 
sind: q- und i- sind wurzelhaft. Anders bei ki^lias; hier liegt 
von haus aus kein nackter o-stamm vor, sondern ein |o-8tamm, 
der in einem ^keli-i-s durch ein zweites stammbildendes element 
-ei' erweitert wäre: diese annähme ist notwendig, da ein ein- 
heitliches sufSx 'iei' im idg. ursprünglich nicht existierte. 

Schwerer noch scheint mir das andere bedenken zu wiegen, 
dass wir im falle der Weiterbildung mittels -i- für zwei casus 
des Paradigmas einen ganz von den übrigen abweichenden 
stamm annehmen müssten, der erst durch Weiterbildung 
aus dem stamme der andern formen entstanden sei. Man 
vermag in diesem falle nicht recht einzusehn, warum sich diese 
neuerung nur auf eine beschränkte anzahl von casus, nicht 
auf das ganze paradigma erstreckte. 

So scheint mir auch Brugmanns hypothese, wenn auch 
ihre möglichkeit nicht geleugnet werden soll, noch einen 
rest von Schwierigkeiten zurückzulassen. 

Einfacher dagegen dürfte sich alles gestalten, wenn man 
sich direct auf den boden der gegebenen tatsachen stellt und 
erklärt: Es finden sich in einer anzahl von idg. sprachen in 
den verschiedenen casus des paradigmas der j(o-stämme neben- 
einander die suffixformen io : ie : f. Was liegt nun näher, als 
hierin eine abstufung zu sehen, ganz analog jener, die wir bei 
den ei'j ^-stammen antreffen? 

*medhts *mediu8* 1 ^ *medhiesio \ *potis 1 ^ *poieios \ 

*medhfm | * *medhiosio J *potim J ' *potois ] 

Was den vocativ anlangt, so scheint -ie- die ursprüng- 
liche gestalt des suffixes gewesen zu sein; auch bei den ^ 
Stämmen ist ja ^-stufe das ursprüngliche; später erst erfolgt 
angleichung an nom. acc. 

Im dem wechselndem t und t dürfen wir füglich Osthoffs 



DIE NOMINALSÜFFIXE -/O- UND -lEN-. 195 

ytonlose' und 'nebentonige' tiefstufe sehen, deren gebrauch sich 
nach bediugungen der Quantität und des satzaccentes, die wir 
nicht mehr zu erkennen vermögen, regelte. Im leben der 
einzelsprachen wurde der Wechsel z, t. an neue bedingungen 
geknüpft: so im litauischen, an den wortaccent, im german. — 
wenigstens im grossen und ganzen — an die Quantität der 
voraufgehenden silbe. Möglich ist sehr wol auch die annähme, 
dass zur erhaltung und ausbreitung des % in nom. -ts^ acc. -tm 
die starren t-stämme (vgl. jtoXTq) mitgewirkt haben, die ja 
ebenfalls im nom. acc. sg. -ts, -tm zeigten und auch in ver- 
schiedenen casus mit den jfo-stämmen zusammenfielen. 

Möglich ist ferner, dass es im idg. von anfang an starre 
und abstufende eo-stämme nebeneinander gegeben hat; wir 
sind jedoch nicht in der läge, das gebiet dieser kategorien 
gegen einander abzugrenzen und zu constatieren, wo die eine 
oder die andere classe von haus aus berechtigt war. Vermuten 
könnte man nur so viel, das 'Weiterbildungen' von ^i'-stämmen 
mittels 'o-suffixes' jedenfalls nicht abstufend gewesen sind. 

So scheint mir die' annähme idg. abstufung vor allem eine 
einheitliche erklärung des formensystems der |o-stämme zu 
ermöglichen, ohne auf erhebliche Schwierigkeiten zu stossen. 
Formen wie lit. moßs 'wink' vermag ich wenigstens als solche 
nicht zu betrachten. Durch den systemzwang der obliquen 
casus, die sämtlich mit | begannen, war trotz des voraufgehen- 
den vocals die zweisilbigkeit des nom. acc. garantiert; blieb 
aber -is als silbe erhalten so musste sich notwendig i als über- 
gangslaut einstellen. Beispiele hierfür finden sich zahlreich; 
ich erwähne nur das der slavischen verba auf -f-. Das suffix 
hat, wie chvaliti und dergl. lehren, kein i besessen: trotzdem 
aber heisst es pojitu 

Die vorgeschlagene erklärung wirft zugleicbt licht auf 
Übergänge von eo-stämmen zur ^j[-declination und umgekehrt, 
die auch in solchen sprachen vorkommen, die im übrigen 
beide kategorien scharf scheiden. Bisher war man zur er- 
klärung solcher Übertritte nur auf den zusammenfall von istr. 
sg. 'iü und g. pl. '{dm angewiesen; es ist aber klar, dass die 
möglichkeit solcher Übergänge durch den zusammenfall zweier 
bezw. dreier neuen casus erheblich verstärkt wird. 

Aus dem gesagten folgt, dass auch für ju u. s« w« e\\ssk 



196 STREITBERG 

andere erkläruDg näher liegt, als die bisherigen. Wie bekannt, 
findet sich bei den pronominibus öfters ein Wechsel zwischen 
diesen und fhaltigen stammen. So stehen sich gegenttber: 
ai,: sa- : sya-, ta- : tya-^ a-^) : y«-. Da nun liL fu, slav. fi 
schwerlich von aind. yas zu trenpen ist, so scheint mir die 
annähme alter abstufung allein die möglichkeit zu gewähren, 
beide formen ungezwungen mit einander zu vereinigen. Das 
paradigma lautete ursprünglich: n. *i*, acc. *m% gen. *iesio 
oder ^iosio u. s. f. als |o-stamm. 

Das aind. verallgemeinerte die stufe io- auch im n. acc.; 
das baltisch-slavische bewahrte zwar den alten Wechsel getreu, 
führte aber das j auch in den nom. acc. über. Wie nahe eine 
solche Übertragung lag, beweist das beispiel der femininen 
-j(^—t -Stämme, welche das j der obliquen casus auch in den 
nom. acc. übertrugen. Dazu kommt noch, dass beim bestimmten 
adjectiv im slav. sowol im nominativ als auch im accusativ, 
im litauischen im accusativ für alle fälle sich j als ' übergangs- 
laut' einstellen musste, da vocal vorausgieng. Das hier j 
nicht ursprünglich ist, zeigt fürs litauische wenigstens der acc 
z. b. akylqjii das j konnte sich erst einstellen, als das m ge- 
schwunden war; so lange dies erhalten, musste *-,i stehen, 
gleichviel welches die ursprüngliche gestalt des pronomens war. 

Eine gleiche auffassung empfiehlt sich für lit. sns^ slav. 
st^\ das sich auf grund der slav. flexion ohne-anstand auf 
idg. icio' zurückführen^ lässt Nun begreift sich aber abg. si^ 
$ego (statt '^sego) nur, wenn im n. a. kein i vorhanden war. 
Das idg. paradigma war demnach *(:is, g. */ciesio u. s. f. 

Ebenso nun, wie von den obliquen casus aus die to-form 
des Stammes auch in den nom. acc. eingeführt ward, war es auch 
möglich, auf grund des n. a. einen efstamm zu erschliesseu 



^) a-smäi : ya-smäi, a-sya : ya-sya n. s. f. lassen einen pronominal- 
stamm a- erschliessen. 

^) lieber avest. yim, das hiermit, was die wnrzelstufe anlangt, 
nichts zu schaffen hat vgl. Bartholomae, Handbuch § 95. 

3) Ueber die griech. und germ. verwanten dieses pronominalstammeB 
vgl. Osthoff, MU IV 241. Anders Kluge, KZ. XXVI, der germ. *Äf- mit 
lat. hie vereinigen will, indem er als anlaat kh annimmt. Ist diese 
gleichung richtig, so verhält sich germ. "^^t- : lat. "^ho- (in hie.) «> ai. 
*/rt-(*d-) : ai. */ra-. 



DIE NOMINALSÜFFIXE 10- UND -IEN-. 197 

und diesen durchzuführen. Es scheint daher sehr wol glaub- 
lich dass sich ai. kos : kis^), ap. cis-dy, lat. quod : quid, gr. 
jro- : r/, sl. kü-to : ct-to ebenso zu einander verhalten, wie 
sa- : sya-j ia- : tya- u. s. f. 

Ich bin mir des hypothetischen Charakters, den diese 
gegentiberstellung trägt, wol bewusst, glaubte jedoch auf die 
moglichkeit einer solchen hinweisen zu sollen, da sich bei an- 
nähme eines j(0-stammes die vorhandene doppelheit leichter 
begreift, als bei statuier ung eines ^/-Stammes, denn für jene 
annähme haben wir sichere analogien, für diese nicht. 

Ehe ich das gebiet des baltisch-slavischen verlasse, will 
ich noch darauf hinweisen, dass durch die hypothese von der 
abstufung der io-stämme im nom. acc. sg. auch eine neue 
brücke geschlagen wird zur erklärung des zusammenfalls von 
nom. acc sg. der slav. o-stämme. Bei der annähme alter ab- 
stufung fallen nämlich nicht nur nom. acc. sg. der ei- und 
^-Stämme, sondern auch nom. acc. sg. der den o-stämmen am 
nächsten verwanten eo-stämme gesetzlich zusammen: der nom. 
acc. lautete hier ursprünglich *kom, später, indem die er- 
weichung des voraufgehenden consonanten von den obl. casus 
aus eingeführt ward: koni (vgl. nescfsti für älteres *nesqti). 
So lag es doppelt nahe, auch ein rabü für n. a. zugleich zu 
gebrauchen. 

Preussisch und lettisch endlich unterscheiden sich vom 
litauischen nicht, vgl. lett. läzis, g. latscha u. s. f. 

Fürs Italische wird es sich der deutlichkeit halber 
empfehlen, die drei wichtigsten dialekte: oskisch, umbrisch, 
lateinisch gesondert zu betrachten. 

Ich beginne mit Apm oskischen. Hier gilt es, zuei*st 
ein bild der graphischen darstellung, in welcher der nom. er- 
scheint, zu entwerfen. Er tritt auf: 

1. als -lis im nationalen tSj ie im griech. und latein. 
aiphabet. 

a) IIofiJüTisg, vgl. volsk. Pakvies, Cosuties^ Tafanies. 

b) Aadiriis, Atiniis, Viinikiis, Maamiis, Puriis, Küpiis. 

Die beiden Schreibarten sind identisch, denn das heimische 



•) Wegen k vgl. Collitz, Bezz. Beitr. III, 206; Job. Schmidt, KZ. 
XXV, 66; Osthoff, MU. 1, 115 anm. 

Beiträge zur geaohichte der deutschen spräche. XIV. W 



198 STREITBERG 

i bezeichnet einen offnen, nach geBchlossenem e hinneigenden 
laut, der im gr. und lat. aiphabet nicht wol anders als durch 
e, e gegeben werden konnte, ii selber nun ist die reguläre 
form der länge, vgl. Viinikns, Kiipils, liimitü (= lat. ilmit-is). 
Diese bezeichnung wird darauf beruhen dass t offen und leicht 
diphthongisch ausgesprochen ward. 

2. als iis häufig sowol auf Inschriften mit nationalem als 
auch auf solchem mit lat. aiphabet. Vgl. B[a]bbiis, Gaviis, 
VaavliSj Hürtiis^ Maakiis, Metiis, Staatiis u. s. f. 

Auch hier ist es entschieden das nächstliegende, in ii die 
bezeichnung der länge zu sehn. Die ungenaue Schreibung, die 
länge nicht durch /{ sondern durch ii zu geben, lag nahe, da 
dieselbe sonst bei den andern vocalen durch Verdoppelung aus- 
gedrückt ward. Vgl. Vaaviis^ Aadiriis, Maamiis, Fuutrei, Fluusai, 
Fiuusasiais, Für die inschriften in lat. aiphabet kam noch 
hinzu, dass i jedenfalls nicht völlig einem lat e entsprach, 
ein schwanken in der widergabe des lautes also leicht ent- 
stehen konnte. Dass t in Stammsilben, soviel mir bekannt, 
nirgends als ii erscheint, kann bei dem kärglichen materiale 
Zufall sein. Möglich ist freilich auch eine andere auffassung: 
man könnte -iis als -{is lesen und in ihm eine dem -jis 
in got. harjis analoge form sehen wollen. Ein ursprüngliches 
* Vtrios wäre nach osk. lautgesetze durch synkope des endungs-o 
zu *Vtris geworden, auf das später das i der obliquen casus 
übertragen worden wäre. So viel ich sehe, steht einer solchen 
erklärung kein ernstliches hindernis im wege; wie der accus, 
zu einer solchen nominativform lauten müsste, vermögen wir 
infolge der spärlichen Überlieferung nicht zu entscheiden ; laut- 
gesetzlich wäre *'iom. Eine erklärung, dass das zweite t 
durch assimilation des o an das voraufgehende i entstanden 
sei, (analog der frühern Sievers'schen erklärung von harfis) 
ist unstatthaft, da auf der uns überlieferten lautstufe des osk. 
vor s geschwunden ist; vor m jedoch bleibt es erhalten, es 
mag kurz oder lang sein: dolom, mallomS) 

3. Nur graphische Varianten für zu gründe liegende länge 
sind die im nominativ ziemlich zahlreich erscheinenden ein- 



^) Der geD. plaralis wie Safinim, Aisernim kann keine lautgeseti- 
liche form sein, da vor m o nie fortfallt; vgl. auch den g. pl. der ei- 
Stämme Tiialium. 



DIE NOMINALSÜFFIXE -10- UND -lEN-, 199 

fachen i: Hxsviqy KaXivig, Kaluvisy Stents, Uhtavis, denn es wird 
ja selbst in Wurzelsilben sehr häufig die längebezeiehnung 
unterlassen, gewöhnlieh fehlt sie in flexionssilben: vgl. jtaax-, 
paakul neben pakis^ Stäaiiis gegenüber statif, adv. Fuuirei und 
Futre . .; meddix und /leödsi^ sowie die flexionsendungen. Auf 
-1^ können die endungen nicht beruhen, da t hätte schwinden 
müssen, vgl. cevs 'civis'; man müsste denn annehmen dass 
es durch den einfluss des accusativs wider neu eingeführt 
sei, was aber den andern stammen gegenüber willkürlich er- 
scheint, da diese eine differenz in der silbenzahl zwischen nom. 
und acc. nicht scheuen; eine zurückführung auf -io- ist nur 
unter derselben bedingung möglich wie bei nr. 2. 

4. Heirens : Heirenis, Salavs, Tgeßg, Upils können, falls 
es sich nicht um abgekürzte Schreibweise handelt, wie sie 
ähnlich im latein. vorkommt (vgl. Stolz, Lat. gr. s. 196), nur 
auf -ts zurückgehen, da die lauge der synkope nicht unterliegt. 

5. 2^EöT£q = Sabinis sind wol nur graphische Varian- 
ten, ungenaue Schreibungen. Herenniu auf der Steininschrift 
von Nesce (Nersae) ist keine oskische namensform sondern 
lateinisch. 

Von accusativformen begegnen die interessanten neutra 
medicim und mem\n\m. 

Das resultat ist: wir haben im nom. acc. sg. der eo-stämme 
auf osk. boden sicher -f-; vielleicht auch 'ii- < i < io; wir 
haben im neutrum i, dessen Quantität nicht zu bestimmen ist; 
auf gleiche weise wird der acc. masc. zum nominativ -fs ge- 
bildet gewesen sein; acc. auf -iom sind nicht erhalten. 

Was das umbrische betrifft, so wird die länge in Stamm- 
silben nur selten bezeichnet, vgl. persnihimu = *persmmu. In 
den endsilben wird sie nur ein einziges mal durch Verdoppe- 
lung des vocales bezeichnet in amprefu[us (Bücheier, Umbrica 
8. 180), das aber mit a\anfehidf allein auf den tafeln mit natio- 
naler Schrift diese art der längebezeiehnung aufweist. Zudem 
verteilen sich beide werte auf zwei zeileu, die doppelschreibuug 
ist also durch ganz andern grund veranlasst. Erhalten ist 
folgendes material an «ö-stämmen. n. Arsir, [Koisis] i), Truiiiis (?), 
Alier sir\ voc. arsie, Grdbovie, Fisovie, Sans'ie, lovle, Martie\ acc. 



Vgl. Wh. Stokes, Bezz. Beitr. XI, 114. 



äOÖ STREltBERG 

Fisirrij Fisi\ Grabovi, Grdbove\ ieriim^ Fisovi] tehtebim (neutr.?); 
terti neutr. 

Der vocativ geht also stets auf -ie gegenüber lit. -i und -y aus. 

Der accusativ hat die endung -im {-i) über deren quantität 
sich nichts bestimmen lässt; auch das neutrum zeigt dieselbe 
gestalt, analog dem oskischen. Die endung kann kein o be- 
sessen haben, da vor m weder kurzes noch langes o schwindet: 
vgl. acc. sg. poplom, poplo\ g. pl. sacrioy peracrio; neutr. n. a. 
Rg. esonom, esono. 

Der nominativ an sich kann auch im umbrischen auf zwei- 
fache weise erklärt werden; er kann auf -is und auf -tos zu- 
rückgehn; letzteres ist aber im umbrischen nicht wahrschein- 
lich, da hier eine genügende anzahl von accusativen erhalten 
ist, die sämtlich -im^ -i aufweisen; ein i würde im nom. sg. 
geschwunden sein, vgl. fons n. pl. foner. 

Auch hier müssen wir, vorab gestützt auf die zahlreichen 
accusative, für den nom. acc. sg. der |o-stämme -f- als die 
gestalt des Suffixes ansetzen; dies gilt sowol für masc. als auch 
für das neutr. 

Das lateinische gewährt weit geringeres material. lieber 
dasselbe vgl. Ritschi, De declinatione quadam Latina recondi- 
tiore, märz 1861; sowie das Supplementum quaestionis de 
decl. u. s. w., october 1861. — Corssen, Krit. beitrage z. latein. 
formenlehre s. 562 ff. — Benseier, De nominibus proprüs 
u. s. w. in Curtius' Studien III s. 149 ff. 

Eine reihe lateinischer gentilnamen, welche späterhin 
auf 'iiLs ausgehn, bilden in älterer zeit den nom. sg. auf -is: 
Comelis, Clodis, Caecilis u. s. f. Ein acc. sg, auf -im ist nicht 
belegt, darf aber auf grund der lat. nominative, der oskisch- 
umbrischen aocusative unbedenklich vorausgesetzt werden. 

Formen wie PopHci, Cervl u. a. hat Mommsen (Rom. 
münzwesen s. 471) zuerst als nominative erkannt; jedoch liegt 
die möglichkeit vor, in ihnen nur abgekürzte Schreibung f&r 
'itcs zu sehn (vgl. Neue, Formenlehre I, 73). 

Wenn Plautus mitunter filius, gaudium zweisilbig gebraucht, 
so kann diese Verwendung natürlich nicht für die existenz von 
^fiUs, *gaudim sprechen, vielmehr ist in diesen fällen t-conso- 
nans statt /-sonans angewant, wie dies häufiger bei dichtem 
vorkommt. Vgl. z. b. gen. pl. avhim (Brugmann, Grundriss I 
§ 135 anm.). 



DIE NOMINALSÜFFIXE -iO- UND -lEN-. 201 

Der vocativ lautete ursprünglich wol auf -ie aus; daneben 
aber scheint analog dem litauischen ein vocativ mit tiefstufe 
bestanden zu haben, der sich bis in die classische zeit erhielt. 
Vgl. fiU u. s. w., in dessen % man wol schwerlich mit Thurn- 
eysen (Herkunft und bildung der lat. verba auf -io) die fort- 
setzung eines älteren -ie sehn darf, da sich keine beispiele 
finden lassen, welche einen solchen Übergang von -ie > i sicher- 
stellen könnten. 

Ferner gehören hierher alis, alidy später durch aliusy aliud 
ersetzt, sowie die alten nebenformen auf -aris zu adjectiven 
auf 'ärius (vgl. Thurneysen a. a. o. s. 49). 

Das latein. -is lässt sich von dem -is des oskischen und 
umbrischen nicht trennen. Dass es aber nicht mit jenen zu- 
gleich das product eines speziell uritalischen lautprocesses ist, 
lehrt der acc. masc. auf -im, neutr. auf -im. Denn wenn man 
auch fürs uritalische einen Schwund des o im nom. annehmen 
wollte, wie in agerj so verbietet sich eine solche annähme für 
den accusativ direct aus dem italischen; denn bei aget* haben 
wir den acc. auf -ww, bei den p-stämmen dagegen acc. auf 
'im. Und wenn man selbst für den acc. des masc. eine an- 
gleichung an den nom. annehmen wollte, so versagte diese aus- 
kauft doch fürs neutrum. Zweitens verlangen die italischen 
/-formen der 20-stämme eine einheitliche erklärung zugleich 
mit den baltischen und germanischen formen. Wir haben des- 
halb für diese drei sprachgruppen eine vom idg. ererbte i-form 
des nom. acc. sg. anzunehmen, wobei die existenz von j(o-formen 
daneben nicht geleugnet werden soll. 

Hiermit ist die reihe der sprachen geschlossen, welche den 
Wechsel von -f- und -/0- in dem paradigma der -iö-stämme 
noch lebendig erhalten haben. Bei den andern idg. sprachen 
ist die abstufung besten falls noch in wenigen trümmerhaften 
resten erhalten. Wol weist das griechische eine nicht un- 
bedeutende anzahl von nominativen auf -tq, accsusativen auf 
'LV auf, aber die formen dieser art gehören sämmtlich einer 
so späten periode an, dass man schwerlich das recht hat, sie 
hierher zu ziehen. Als beispiele nenne ich die inschriftlichen 
nom. sg. masc. ArjiiriXQtqy Aiovvöiq^ ^Ifi^gig] acc. ^^qoöiöip, 
jixeöiv] voc. 2Lvn(poQi, ÄjcoXXojvl] nom. acc. sg. neutr. oraöiv, 
fiaQtvQiv (vgl. die aufzählung bei Ritschi und ßenseler a. aa. 00.). 



202 STKEITBERG 

Ihres späten auftretens halber wird man in ihnen nicht sowol 
eine bewahrte altertümlichkeit als vielmehr eine junge neu- 
bildung sehn müssen. Auch im keltischen fehlen beweis- 
kräftige beispiele. Der eigenname Koisis auf der Inschrift von 
Todi, der von Wh. Stokes (Bezz. Beitr. XI, 114) nach dem 
Vorgang von Becker (Kuhn-Schleichers Beitr. III, 180) als gal- 
lisch aufgefasst wird, ist zu unsicher; bei air. aill 'aliud', das 
man dem lat. alid gleichsetzen könnte macht das doppelte / 
Schwierigkeit. Fürs indische endlich käme von erhaltenen 
spuren nur ki- u. dgl. in betracht, falls die oben gegebene er- 
klärung richtig ist 

Im übrigen ist die tiefstufe aus dem paradigma der i^-stämme 
in den genannten sprachen verschwunden. Dies kann nicht be- 
fremden, da eine uniformierung allzu nahe lag. Ein treffliches 
pendant bietet die behandlung der eä-stämme in den einzelnen idg. 
sprachen. In jenen sprachen, in denen sie noch als deutlich von 
den m-stämmen geschiedene kategorie existieren, also im bal- 
tischen und lateinischen, ist die tiefstufe -i- ganz aus dem 
paradigma verdrängt. Wie stark alles auch bei den {o- 
stämmen zur aufgäbe der tiefstufe im nom. acc. (voc?) drängte, 
zeigt das lateinische sehr gut: nur in der ältesten periode er- 
scheinen noch reste des ursprünglichen; wenige zeit darauf 
sind sie vollständig beseitigt. 

So ist es also wol begreiflich, wie die adjectiva der mög- 
lichkeit ('participia necessitatis') im arischen und griechischen 
den alten tiefstufigen nom. aufgeben konnten; wie aber das 
german. dazu hätte kommen sollen, an die stelle der alten 
nominative und accusative mit -{o- solche mit -t- zu setzen, 
ist unerfindlich. 

Schliesslich sei noch darauf hingewiesen, dass der Über- 
gang alter j((?-stämme in die ^i-declination und umgekehrt, der 
in sprachen vorkommt, die in den einzelnen casus beide flexions- 
arten streng geschieden halten, die möglichkeit gewährt alte 
abstufende lo-stämme in weiterem umfang ausfindig zu machen. 
Hierauf näher einzugehn, muss ich mir versagen; für die er- 
kenntnis der german. /(^-flexion genügt es meiner ansieht nach, 
die eigentümlichkeiten, welche sich nicht aus speziell german. 
lautgesetzen erklären lassen, mit verwanten erscheinungen, die 
sich ausserhalb dieses Sprachgebietes finden, verknüpft und 



DIE N0MINAL8ÜFFIXE -/O- UND lEN-. 203 

ihren uridg. urspruDg nachgewiesen zu haben. Die einfachste 
und einheitlichste erklärung dieser erscheinungen aber gewährt, 
wie ausgeführt, die annähme einer abstufung des nominalen 
|0-8uffixes. Die consequenzen, die sich mir aus dieser er- 
kenntnis für die verbalflexion zu ergeben scheinen, habe ich 
in dem beigefügten excurs zu skizzieren versucht. 

n. Die ißn-stämme und ihre yerwanten. 

Ich wende mich nun zur betrachtung des idg. ^^n-suffixes 
und seiner Vertretung im german. So klar seine geschichte 
im allgemeinen auch zu tage liegt, so bietet sie im einzelnen 
doch Stoff genug zu mancherlei fragen, die bisher weniger be- 
achtung gefunden haben. Ein versuch, sie zu beantworten, 
wird am besten von den Verhältnissen ausgehn, die wir auf 
aind. boden antreffen, da sie in mancher hinsieht einen typi- 
schen Charakter tragen. Unerlässlich wird es freilich sein, die 
men- und 2^^-stämme in den kreis der Untersuchung hineinzu- 
ziehen, da ihre Schicksale aufs engste mit jenen der i'en-stämme 
verknüpft sind. 

Abgesehn von Osthoffs und Brugmanns bahnbrechen- 
den arbeiten (Beitr. III, 1 ff.; Gurt. stud. IX, 285 ff.), kommen 
von einzeluntersuchungen in betracht: Brugmann, Die schwache 
form der nominalstämme auf -n in suffixalen weiderbildungen 
MU. II, 148 ff. — Bartholomae, Zur arischen flexion der 
stamme auf -r, -n, -m, -/, 'h Ar. Forsch. 1,29 — 96. — Collitz, 
Die flexion der nomina mit dreifacher Stammabstufung im aind. 
und griech., Bezz. Beitr. X, 1 ff. 

Die uridg. abstufung war die folgende: 

1. Hoch stufe en — 'ön 1 je nach der accentstellung vgl. 

2. Mittelstufe (fn — '(>n J namentlich Collitz a.a.O. s. 34. 

3. Tief stufe a) vor consonant ft*^) 

b) vor sonant nra, n. 

Dieselben verteilen sich folgendermassen auf die einzel- 
nen casus: 

1. nom. acc.^) sg.; nom. acc. du.; nom. (acc.)^) pl. 

^) n und nn repracsentieren die sog. ^nebentonige' oder erste tief- 
stufe; n und n die sog. ^tonlose' oder zweite tiefstufe. 

2) lieber die stufe des acc. sg. vgl. Collitz a. a. o. s. 6 u. ö. 

^) Der acc. plnr. hatte im idg. von haus ans wol hochstufenvocalis- 
mus. Vgl. jetzt auch Brngmann, Grundriss 11 s. 17. 



204 STKEITBEBG 

2. voc. loc. 8g. 

3. a) istr. du.; istr. dat. loc. pl. 

b) istr. dat. abl.-gen. sg.; gcu. du.; gen. (acc.) pl. 

Im arischen finden sich von diesen stufen: \. äti. % an. 
3. a) a. b) n. 

Dem entsprechend gestaltete sich das paradigma der men-j 
21671-, ie7i-sVdmme. Idg. hochstufe men/mön; uen,'uön\ ien, 
'tön, ai. män\ van] — . Idg, mittelstufe men, 'moti; tien, 'uon\ 
im, 'ion. ai. man] van; — . 

Die tief stufe hatte doppelte form, je nachdem consonant 
oder sonant dem suffixalen dement folgte. 

Folgte a) consonant, so ergab sich idg. mn, un, (n. 

o • • 

b) sonant, so lassen sich widerum zwei fälle, unter- 
scheiden, je nachdem consonant oder sonant voraufgieng. 
a) consonant geht vorauf, wir erhalten idg. mn; U7i; fn, 

o 

ß) sonant geht vorauf, wir erhalten iäg.mn; tin; in. 

Die suffixform ha) findet sich im Casussystem der uen- 
Stämme noch im avestischen. Vgl. Brugmann, MU. II, 8. 189. 
Bartholomae, Handbuch §§ 217. 218. Z. b. dat sg. apc^runey 
acc. apa^ru7iqm, istr. ^runa, dat. ^tmne. Im ai. ist diese suffix- 
gestalt aus dem casusverbande der t;an-stämme ausgeschieden 
und in die 2/-declination übergegangen, vgl. Osthoff, Forschungen 
11,23; MU. II, 189. Den anlas» zu diesem ttberg^ang boten die 
Zwillingsformen auf -tX und -van, z. b. dhanu- : dhanvan- 'land, 
gestade', rbhu- : rhhva7i- 'kunstreich', äyu- : ^äivan- (vgl. griech. 
*alfa)v) * leben ' u. s. f. 

Dass nun schon im uridgerm. übeilragung der tiefstufen- 
form des Suffixes in casus, denen sie von haus aus nicht zukam, 
stattgefunden habe, könnte man aus der infinitivform ai. -vane 
«= griech. -ftvai schliessen wollen, vgl. z. b. ai. däväne = kypr. 
do/evai. Wenn auch die möglichkeit solcher uridg. analogie- 
bildung nicht geleugnet werden soll, so scheint es mir wegen 
des avest. dativs auf -une doch wahrscheinlicher, dass dieser 
ausgleich von dem ind. und dem griech. unabhängig vorge- 
nommen ist; den nächsten anlass dazu boten die ebenfalls in- 
finitivisch gebrauchten locative auf -iimy denen ja die mittelere 
stufe des suffixes eigen war. Was lag näher, als dass *dävafi 
ein dävane, *6of8v ein öo/tvat, nach sich zog? Das gleiche 
gilt von den als Infinitive verwanten dativen von f/i^n-stämmen, 



DIE NOMINALSÜFFIXE 10- UND -lEN-, 205 

die ebenfalls die beeinfluBsung der in gleichem sinne fungie- 
renden locative ausgesetzt waren. Vgl. ai. *vidman und vidmäne, 
griech. löfisv und Wfisvai. 

Ein idg. mn mttsste im arischen zu an werden. Direct 
ist dasselbe aus naheliegenden gründen nicht mehr im casus- 
system der man- stamme erhalten, wol aber deuten nach 
spuren auf seine einstige existenz hin. Es sind m. e. die 
folgenden. 

Nach L an man, Noun-Inflection s. 524 f. kommen im 
ganzen 59 formen der schwachen casus von ma/2-stämmon im 
ßV. vor. Von diesen besitzen oder erfordern aus metrischen 
gründen 25 die form man; 18 sind in Übereinstimmung mit 
dem metrum synkopiert; bei 16 synkopierten gestattet das 
metrum die einsetzung des a, verlangt sie aber nicht. Neben 
der schwachen suffixform -mn- erscheint jedoch noch eine an- 
dere, die. bloss -w- aufweist. Sie tritt auf in: prathinä\ prena, 
bhünay mahinay varina (däna?), Lanmans erklärung: 'in most 
cases the ecthlipsis of m may be ascribed to the metre' (533) 
besagt nichts. CoUitz (a. a. o. s. 21 anm. 1) verlegt die ent- 
'stehung von n < mn in uridg. zeit und setzt für eine unbe- 
kannte nur eine andere ein. So bleibt nur Benfeys lösungs- 
versuch übrig (Abhandl. der kgl. ges. der wiss. z. Göttingen 
XIX, 233 ff.). Dieser nimmt an, dass mahina eigentlich zu 
mahin- gehöre und erst später auf den man-stamm bezogen 
worden sei; prathina, varina sollen neubildungen sein. Aber 
auch Benfeys ansieht unterliegt manchen bedenken; ganz ab- 
gesehn davon, dass bhüna und prena ihr sich nur mit Schwierig- 
keit fügen, leidet sie an dem grundmangel, dass sie die tatsächlich 
vorliegenden historischen Verhältnisse verkennt: nicht jnahimnäj 
premnä sind die altern formen, sondern mahina^ prena, und 
wir sind noch in der läge zu beobachten, wie diese durch 
jene verdrängt werden, da sie aus dem paradigma heraus- 
fallen. Wir müssen daher von den n-formen ausgehn, wenn 
wir zu einer erklärung gelangen wollen. 

Es existiert ein idg. lautgesetz: Stösst ein Sonorlaut ausser 
e/o, a mit einem andern Sonorlaut zusammen, so muss der 
erste consonantische function übernehmen, der zweite sonan- 
tische. (MU. IV, 285; Brugmann, Gr. gramm. s. 55 a. 2.) Hier- 
nach hat die ursprüngliche form des Instrumentalis jener wör- 



206 STREITBEBG 

ter gelautet *bhuumnö, *praimnö u. s. w., dies ergab aind. 
^hhwjanä, *prayanä u. s. w. Diese formen fielen ihrer äussern 
gestalt wegen aus dem casussystem der ;72an-stämme ebenso 
heraus wie ein gr. *aQaöi aus dem der n-stämme. Sie mach- 
ten vielmehr ganz den eindruck von an-stämmen mit mittlerer 
suffixstufe in schwachen casus. Nun lässt sich nicht bezweifeln, 
dass es einst bei den an-stämmen vorab mit langer Wurzelsilbe 
auch in den schwachen casus ein -an- gegeben hat, das aus 
-nn' entstanden war. nn aber ist die satzphonetische neben- 
form zu der tiefstufe -n- und verhält sich zu ihr ebenso, wie 
'ii' : -j(-, 'Wt' : 'IC' u. s. w., vgl. Osthoflf, MU. IV Vorwort; 
Perfect s. 477. Solchen an-formen war nun die tiefstufe der 
;/2an-stämme gleich. Im laufe der zeit wurden aber die -an- 
in den schwachen casus der an-stämme im anschluss an die 
formen, wo blosses -w- lautgesetzlich berechtigt war, wieder 
beseitigt. Von 238 in RV. vorkommenden formen haben 231 
keinen suffixvocal, nur 7 also weichen von der regel ab. Es 
lag deshalb nahe, formen wie *bhuvanü jenen art-formen gleichzu- 
setzen und die 'synkope' auch bei ihnen durchzuführen: so 
erhielt, man die tiberlieferten formen bhUna, prena u. s. w.*) 
Auf die dauer aber konnten sich solche formen nicht halten, 
da die mehrzahl der casus das man-themsL nicht in Vergessen- 
heit geraten liess. Sie wurden daher durch die analogischen 
neubildungen wie mahimnäj premnü, bhümnä ersetzt, die nach 
dem muster von nämnä, dämm gebildet waren. Interessant 
ist in dieser beziehung die änderung AV. IV, 30, 8 gegenflber 
RV. X, 125, 8.2) 

So setzen m. e. bhüna u. s. w. die existenz einer sufSxform 
-mn' voraus. Dass sich dieselbe nicht lange behaupten konnte, 
ist einleuchtend. Ein gen. *ätanas : acc. äimanamy loo. ätmdm 
war ebenso unleidlich wie griech. ^dgaoi : agveg. Wie hier 
nach dem muster der übrigen casus ein aQvadi gebildet ward. 



^) Gehört dänä\ das Grassmann hierherziehen will, wirklich hier- 
her, was jedoch nicht als gesichert gelten kann, so erklärt es sich un- 
schwer als analogiebildung nach bhüna , 

*) Die adverbiellen instrumentale dräghma RV. X, 70, 4, raim^ 
ib. VI, 67, 1 sind nicht als formen von man-stämmen aufzufassen; sie stam- 
men vielmehr von zwillingsbildungen mit -ma- ab, die ja neben den 
//m/i-stämmen ebenso häufig sind, wie -a- neben -an- (vgl. Osthoff, Forsch. 
II, 26—30). Es ist eine instrumentalform wie yajna (Lanman 3S4). 



DIE NOMINALSÜFFIXE lO- UND -lEN-. 207 

so ward auch dort der nasal neu eingeführt, so dass scheinbar 
die mittlere Stammform über ihr gebiet hinausgriiT. Eine solche 
neuerung mochte unterstützt werden durch die infinitivischen 
dative von man-stämmen, welche auf anderm wege zum selben 
resultat gekommen waren. 

Dieser entwickelungsgang wird um so glaubhafter, da sich 
die tiefstufe von 'man- in einem falle noch lebendig erhalten 
hat. Nach der sehr einleuchtenden erklärung meines freundes 
herrn Herman Hirt ist nämlich die gestalt des participium 
praes. medii der athemat. flexion -änä- nichts anderes als die 
tiefstufenform ^-mnä- gegenüber der hochstufe 'mäna-, die in 

o 

der thematischen conjugation herrscht 

Etwas abweichend gestaltete sich der gang der entwicke- 
lang bei den indogerm. z^^-stämmen. Wir haben schon oben 
als regelmässige tiefstufe des Suffixes -un- gefunden, für den 
fall, dass ein consonant voraufgeht. Nach sonant aber er- 
scheint die schwächste form des suffixes in doppelter gestalt. 
1. als -rw- RV. 19 obligatorische, 17 facultative falle, gegen 29 
van-formeu. 2. das v verbindet sich mit dem vorhergehenden 
vocale zum diphthongen. Ein beispiel dieser art existiert noch 
im aind., bei dem die abstufung lebendig geblieben ist: dies 
ist der stamm maghavan-, sw. maghön- d. h. ^maghaun-. Ausser- 
dem besitzen wir den diphthong noch in Weiterbildungen wie 
durönd-, vgl. gr. xegawog, igswa (Mü. II, 187 f.). Im avest. 
erscheint der diphthong immer, wo er überhaupt möglich ist; 
danach begreift sich die einzige ausnähme, dass v nach t bleibt, 
von selbst; vgl. av. asaonä^ gaj>. asaomfm. 

Woher diese Verschiedenheit der entwickelung? Warum 
liegt — von dem einen falle abgesehn — im indischen nirgends 
diphthongische Verbindung vor, obwol sie, was die natur 
des voraufgehenden vocals betriflft, im RV. durchweg mög- 
lich wäre? 

Collitz ist auf die ganze tiefstufenfrage nicht näher ein- 
gegangen. Brugmann, Grundr. I § 160 erklärt die doppelheit 
aus der verschiednen art der Silbentrennung und verweist auf 
§ 154 als parallele. Dort führt er nämlich aus, wie man in 
der art der Silbentrennung vor i verschiedne wege gegangen 
sei; so repraesentiere ein lit. naüjas die idg. trennung ^neii-ios, 
während aind. nävyas auf *ne-uios zurückgehe. In gleichem 



208 STREITBERG 

sinne sei die doppelheit ai. gavya- : avest. gaoya- zu deaten, 
sowie die tatsache, dass r, /, n, m vor / in antesonantischer 
gestalt auftreten. 

An und für sich ist ja allerdings die exspiratorische 
Silbentrennung frei und an keine bestimmte lautfolge gebunden 
(Sievers, Phonetik^ s. 189); wenn sich aber einmal in einer 
spräche die tendenz nach einer gewissen trennung geltend ge- 
macht hat, so scheint es nicht glaublich, dass werte die auf 
gleicher stufe stehen, verschieden behandelt sein sollten. Ab- 
gesehen von den t;a/e-stämmen kommt die heterosyllabische 
form des diphthongs anstatt der zu erwartenden tautosyllabi- 
sehen namentlich vor / vor. Hier aber kommt das sog. Sievers'sche 
gesetz in betracht. Es ist ja wahr, dass sich dasselbe in sei- 
ner alten formulierung nicht mehr halten lässt. Eine bresche 
hat schon Osthoff (Perfect 39 1 ff.) hineingelegt, indem er nach- 
wies, dass auch nach langer silbe in einer grossen anzahl von 
fällen der Sonorlaut consonantisch fungiert. Umgekehrt lassen 
sich aus allen idg. sprachen, welche überhaupt noch spuren 
des wechseis erkennen lassen, nicht minder zahlreiche beispiele 
dafür bringen, dass nach kurzer silbe der Sonorlaut sonantisch 
ist. In der hauptsache aber verschlägt dies nichts, denn der 
Wechsel zwischen i- u. s. w. sonans und consonans bleibt be- 
stehen, wenn man denselben auch weniger auf quantitätsver- 
hältnisse als vielmehr auf satzphonetische bedingungen wird 
zurückführen müssen. Ein gavya- verhält sich also zu gaoya- 
etwa ähnlich wie im deutschen Ulie : lilie. Halten wir aber 
dies fest, dass gavya — gamyät trotz ihrer kurzen Wurzelsilbe 
auf grundformen mit /-sonans zurückgehen, so löst sich die 
Schwierigkeit sehr einfach. Der allgemeine Übergang von 
i > / fand im aind. ziemlich spät statt, jedenfalls zu einer 
zeit, als idg. tt = urar. tc entweder schon zum Spiranten geworden 
war, oder als die entwickelung des aus idg. ou, eu hervorge- 
gangenen urar. diphthongs bereits soweit nach ö zu fortge- 
schritten war, dass ein zusammenfall mit dem neuentstandenen 
laute nicht mehr möglich war. Das gleiche gilt von gamyät] 
idg. *gmmiiet wurde zu gamiyät und dieses dann schliesslich 
zu gamyät in einer periode, wo m schon längst als a vor con- 
sonautcQ bestand. 

In sprachen, welche sowol die alten diphthonge als auch 



DIE NOMINALSÜFFIXE -iO- UND lEN-, 209 

if u u. 8. w.- lange intact erhielten, bestand natürlich die mög- 
lichkeit eines Zusammenfalles der Jüngern diphthonge mit den 
altererbten bedeutend länger. Deshallb lässt sich nicht ent- 
scheiden, ob lit. naüjas die fortsetzung eines idg. *neuios oder 
^neuios ist; beide satzphonetischen zwillingsformen können in 
ihm zusammengefallen sein. 

Aus diesen ausftthrungen folgt, dass die suffixgestalt -vn- 
nach a für ursprünglich nicht gelten kann. Denn wäre sie 
idg. erbgut, so müsste man ebenso wol *gräunä für grävnä er- 
warten, wie wir maghünä aus ^maghaunä besitzen; die länge 
des a kann an und für sich natürlich keinen andern unter- 
schied bewirken, als dass wir den diphthong au erwarten 
müssten, während bei vorausgehendem kurzen a ein ö die regel- 
rechte entwickelung ist. Die formen mit -tm- setzen demnach 
notwendigerweiße die suffixgestalt mit a d.h. die mittel stufe 
voraus. Dass diese uns hier begegnet, ist leicht erklärlich: 
hatten doch die t;an-stämme mit consonant. schliessender wurzel 
ihre tiefstufe an die 2^-deGlination verloren. Während aber bei 
diesen -van- die einzige möglichkeit war, da der voraufgehende 
consonant eine 'synkope' des a verbot, war postsonantisches 
"Van- nicht auf gleiche weise vor jeder Umbildung geschützt 
Es war vielmehr dem druck der ma/i-stämme ausgesetzt, welche 
in den schwachen casus postsonantisches -mn- hatten. Wie nun 
diese -nm- hatten, während 'man- als postconsonan tische form 
zur Seite stand, so schuf man auch zu dem postconsonanti- 
8chen -van- ein neues postsonantisches -vn-: äimana : dhanvanä 
= nämnä : dävnä. 

So sind die 'scheinbar altern formen ohne suffixvocal 
sprachgeschichtlich die jungem denen mit suffixvocal gegen- 
über, denn sie haben diese zur Voraussetzung. 

Ganz analog den ^^^n-stämmen sind die 2^-stämme im 
idg. behandelt worden. 

1. ien, 'tön. 

2. {in^ 'ion, 

3. a) vor vocal: fn, in. 

b) vor cons.: in (= ai. ya). Vgl. Brugmann, Griech. gram. 
8. 55 anm. 2. 

Auch bei ihnen fanden schon früh in den idg. dialekten 
ausgleichungen statt. 



210 STREITBERG 

1. Der starke stamm ist verallgemeinert -Vgl. griech. 
iiQia)Vj ^itiQlcDVOQ, lat. Scipio, Scipionis, natio, nationis, got. rapjy), 
rapjöns. 

2. Starker und mittlerer stamm wechseln miteinander. 
Vgl. gr. KqovI(ov, Kgorlorog (neben KQmylm%'OQ\ got. frauja^ 
fraujins, 

3. Starker und schwacher stamm wechseln. Vgl. air. 
toimtiu^ gen. ioimten, dat. toimtin u. s. w. Hierher wol auch 
osk. gen. iangineis, istr. tanginud, acc. tangintim, acc. medica- 
iinomy aumbr. abl. ferine, natine. Die foimeu dieser kategorie 
sind häufig gegenständ der erörterung gewesen. Die altern er- 
klärungsversuche findet man bei Osthofif, Forschungen II, 94 
zusammeugestellt. Das princip der abstufung erkannten zuerst 
Windisch, Paul-Braunes Beitr. IV, 219 und Brugmann, MU. II, 212. 
Man sieht, die schwache suffixform hat in dieser classe schon 
sehr stark umsichgegriffen; der nominativ sg. allein hat ihrem 
andringen widerstand geleistet, während sogar der acc sg. ihm 
erlegen ist. Es bedarf also nur noch eines Schrittes und 

4. die schwache stufe ist durchs ganze paradigma durch- 
geführt. Und diesen schritt hat meines eraöhtens das alt- 
indische getan und* das resultat liegt in den adjectiven auf 
-in- vor. Schon früher sind diese- vermutungsweise zu den 
jf^-stämmen in beziehung gebracht worden; ich erinnere nur 
an Schleicher. An eine begründung jedoch konnte nicht eher 
gedacht werden, als bis die principien der abstufung klarer zu 
tage lagen. Alle schwachen casus der i^-stämme mnssten 
vor vocalisch beginnender endung die suffixform -in- zeigen. 
Ausserdem war der loc. sg. leicht dem eindringen der sw. form 
ausgesetzt; man denke nur an den loc. der vas- und on-stftmme 
im classischen sanskrit. Von hier aus mag die bewegung zu 
gunsten der m-foim sich auf n. du. pl., acc. sg. ausgedehnt 
haben, wie wir dies ja auch öfters bei maghavan- beobachten 
können. Hatte sich hier einmal -in- festgesetzt, so war. eine 
Übertragung des -i- in die sw. casus mit consonantisch begin- 
nender endung, welche früher das suflfix *-ya- d. h. -|n- be- 
sessen hatten, unvermeidlich. Hierzu wirkte einmal der paral- 
lelismus der an-decliuation, andererseits der einfluss der t-dedi- 
nation mit Schon bei der z^-declination haben wir gesehn, 
wie enge sie mit der t;an-flexion verknüpft, ja wie sie von ihr 



DIE NOMINALSÜFFIXE /O- UND -lEN-. 211 

geradezu durchdrungen ist. Den anlass hierzu boten, wie er- 
wähnt, Zwillingsformen wie dhanu-, dhanvan-. Ganz das gleiche 
Schauspiel bieten die ien- und ^/-stamme dar. Auch hier 
bilden doppelformen den ausgangspunkt der bewegung, die in 
ihrem fortgang dazu führte, dass die tiefstufe der i^ra-stämme 
sich dem formensystem der ^/-declination angliederte. Solche 
parallelbildungen sind z. b. die abstracta auf -ei-, -tei- auf der 
einen, auf -ien-j -iien- auf der andern seite. Dass nämlich die 
abstracta auf -ion- und -iian-j welche im germanischen, itali- 
schen, keltischen gleicherweise vorhanden sind, nicht einzel- 
sprachliche neuschöpfungen sein können, lehrt, anderer momente 
ganz' zu geschweigen, ihre abstufung. Die neben ihnen stehen- 
den abstracta auf -ei-, -tei- sind namentlich im aind., griecb., 
slav., auch im germ. productiv gewesen. Es ist nun ein ganz 
alltäglicher Vorgang im sprachleben, dass ein nebeneinander- 
bestehen zweier bildungsweisen, welche sich ihrer function nach 
nicht (man darf wol sagen : nicht mehr) unterschieden, auf die 
dauer nicht möglich ist. Die eine drängt die andere mehr 
und mehr in den hintergrund und erobert fQr sich auf kürzere 
oder längere zeit die unumschränkte herrscbaft. Die schliess- 
liche entscheidung zu gunsten von einer der beiden parallel- 
formen fiel natürlich in den verschiedenen sprachen verschie- 
den aus. 

Standen sich nun auf der einen seite die endungen der 
f>n-stämme -im, -ine, -inas (-mi) und auf der anderen seite 
jene der ^((-stamme -ibhis, "ibhyas, -im gegenüber, so lag es 
nahe aus beiden ein paradigma zu construieren. Man ver- 
wante daher sowol -in- als stammbildendes dement auch in 
der ß|-declination vor sonantisch beginnender endung, als auch 
-2- bei den ten-stämmen an stelle des vor consonantisch an- 
lautender endung einmal vorhandenen, aber aus dem ganzen 
System zu sehr herausfallenden *-ya- = -m-. So gelangte man 
zu dem ind. paradigma der -m-stämme: sg. -im, -ine, -inas, 
plur. 'ihhisj -ibhyas, isu für älteres ^-yahhis u. s. f. Zur aus- 
bildung eines solchen Schemas, das sich ja lediglich aus schon 
vorhandenen, nur ursprünglich in anderem Zusammenhang 
stehenden formen combinierte, mochte auch der parallelismus 
der man-stämme mitwirken. Dem hier bestehenden Verhältnis 
-manaSj -manej -mana : -mähhyas, -mahhis, -masu setzte mau 



212 STREITBERG 

das Verhältnis der -in- und -f-formen entgegen. Diesen einflass 
der an-stämme auf die sw. casus des plurals hat schon Brug* 
mann längst erkannt und er hat auch schon hervorgehoben, 
dass die i-formen keinesfalls auf lautgesetzlichem w^e das 
-n- verloren haben können. 

Was überhaupt die formale seite der ganzen frage anlangt, 
so hat der Vorgang nichts befremdliches. Finden wir doch 
gerade auf aind. boden vorschiedne analogien. Die t;an-8tämme 
haben, von maghavan- abgesehn, die tiefstufe verloren; ebenso 
die man- und die a^-stämme ausser usas-, Dass sie aueh bei 
diesen existiert hat, lehren die von Brugmann, EZ. 24, 15 ff. 
zusammengestellten 'Weiterbildungen', die von der schwächsten 
suffixform ausgehn. Ein anderes beispiel gewährt der infinitiv 
auf "sai^ der sich im ai., griech. und latein. findet: vgl. jise^ 
stuse : gr. ösl^ai, Xvöai : latein. esse, dare (vgl. Brugmann, MU. 
III, 42); das 'S'CU ist nichts anderes als die dem dativ gesetz- 
lich zukommende tiefstufenform des Suffixes -es-. Mit grösster 
Wahrscheinlichkeit gehört hierher auch got. aiz 'erz', lat aes 
gegenüber aeneus < *aies',^) Das z des got erklärt sieh am 
ungezwungensten, wenn man übertritt in die a-declination, aus- 
gegangen von den obliquen casus mit schwächster stufe und 
Suffixbetonung annimmt. So schien ein urgerm. dat. ^^i-z-äi = 
*uorbaL 

Eine starke bewegung zu gunsten der tiefstufe macht sich 
auch bei den t;a^-stämmen bemerkbar. Schon im RV. kommen 
hier die accusative cakrämm, prnsüsam, emusäm, der nom. plur. 
äbihhyusas in betracht. Recht zahlreich finden sich die tis- 
formen von starken casus im epos. In dem locativ sind sie 
auch in der classischen spräche alleinherrschend. Dass die 
ganze bewegung bei den part. perf. nicht durchgedrungen ist, 
liegt daran, dass sie zu jung war und in ihrer weiterent- 
wickelung durch die grammatische normierung gehemmt ward. 

Durchgeführt durchs ganze paradigma scheint die Urform 
dagegen bei einigen neutris auf -uf zu sein, ja es ist nieht 
unwahrscheinlich, dass die ganze kategorie von solchen Wörtern 
ihren ausgang genommen hat. Wie sich nämlich bei den t-suffixen 
-20- : 'ios' : -ion- gegenüberstehen, so scheint auch bei den 



Vgl. jetzt auch Osthoff, Beitr. XIU, 405. 



DIE NÖMlNAtSÜFFlXE -/O- UND -/M-. 21 2f 

t^-Btämmen eine dreiheit -uo- : -uos^ : ^-uon- bestanden zu haben, 
Ygl. DanielBson, Gramm, und etymolog. Studien I, 49 anm. 
Hierher wäre zu ziehen: 1. stamm *äiuo', *äiu', vgl. ai. ayu-, 
lat. aevum, got. airvs, 2. stamm *äiuoS', vgl. aind. äyus-, griech. 
alA aus *alfoöay alel aus ^alfeoc und aifg aus ^alfsg. 
3. stamm *am^-, vgl. ai. istr. äye^nä u. s. f., gr, al(/)cov. Das- 
selbe Verhältnis besteht zwischen aind. 1. dhanu-, 2. dhanuf^ 
3. dhanvan-. 

Verallgemeinerte tiefstufe darf man wol auch in den ai. 
Stämmen auf -is- sehen, dem im griechischen -ag-, im german. 
wahrscheinlich -uz- entspricht. Ich glaube, dass es nicht zu 
kühn ist, mit Bremer, Beitr. XI, 3 anm. 3 in diesen suffix- 
formen die Vertreter eines idg. s sonans zu sehen. 

Ebensowenig wie in formaler, erhebt sich in begrifflicher 
hinsieht ein bedenken gegen die combination der m-stämme 
mit den idg. |>n-stämmen. Diese zerfallen ihrer function nach 
in zwei classen. Sie sind nämlich: 

1. Abstracta und zwar nominal- und verbal-abstracta. 
Da die, wie oben erwähnt, in engster beziehung zu ihnen 
stehenden ^i-bildungen im aind. allein herrschen, so kommt 
diese kategorie fQr die beurteilung der m-stämme nicht weiter 
in betracht. 

2. Nomina, welche eine Zugehörigkeit in weiterem 
sinn bezeichnen. VgL z. b. ai. amitrin- ^zu den feinden ge- 
hörig', vanin- 'bäum = der zum walde gehörige', lat lavemio 
*dieb' : Lavema. flagrio *gegeiselter sklave' : flagrum. got. 
haurgja : hcxurgs u. s. w. Aus diesem grundbegriff entwickeln 
sich unschwer folgende bedeutungsschattierungen: 

a) Besitz, vgl. ai. pu^pin- 'bllitetragend' : puspa-, balin- 
'kräftig' : bala-, latein. curio 'kummermensch' (Plautus) : cura. 

b) Beschäftigung mit etwas; hier liegt der keim der reinen 
nomina agentis. Vgl. ai. gathin- 'sänger' : galha-y gäyatrin- 
'liedersänger' : gäyatra-, lat. mulio 'maultiertreiber' : mulics, 
libellio 'notar' : Ubellus. got. fiskja : fisks, haurnja : kaum, 
arbja : arbi. Damit sich im anschluss an diese bedeutung ein 
reines nomen agentis entwickele, war es nur nötig, dass ein 
verbum zur seite stand, an das sich die nominalbildung an- 
lehnen konnte. Vgl. z. b. got. fiskja : fiskön. Erleichtert ward 
dieser Übergang zum nom. agentis auch dadurch, dass decv 

Beiträge zur gesohiehte der deutschen spräche. XIV. \^ 



214 STREITBEßft 

grundworlö selbst schon verbale bedeutung eigen war. Z. b. 
got. afdrugkja : basis ^drunkei- (v. Bahder, Verbalabstracta 
s. 31). Dies kann anch bei ursprünglich rein possessivem Ver- 
hältnis der fall sein: z. b. ai. bhämin- 'glänzend', vas'in- 'herr- 
scher' : vas'a- 'herrschaft* also ursprünglich nur 'die herrschaft 
innehabend'. Die echten nomina agentis finden sich nament- 
lich in der composition, vgl dharma-vädin- 'über das gesetz 
sprechend', satt/a-vadin- 'wahr redend', lat. legi-rupio 'gesetz- 
übertreter', got arbi-numja, femer ai. adhikalpiri' 'übervorteiler', 
aväbhedin- 'zerspalter', got. aßt ja u. s. w. 

c) Herkunft, deminuiemng, die in naher verwantschaft zu 
einander stehen, häufig durch dasselbe suffixale dement zum 
ausdruck gebracht werden. Vgl. z. b. das deutsche -in-. Im 
indischen dient zur bezeichnung der abstammung ausschliessr 
lieh -iö-, der zwillingsbruder von -j(^/i-. Doch findet sich z. b. 
noch candin- 'aus gold bestehend, golden'. Dagegen sind in 
den übrigen idg. sprachen belege in so grosser anzahl vor- 
handen, dass beispiele überflüssig sind. Deminutives -|>n- zeigt 
avest ka'nin- ^mädchen', zugleich das einzige zeugnis für die 
existenz von -m- auch im iranischen, ka^nm- verhält sich zu 
ai. kanyü' genau ebenso wie XvA.pusio 'knäblein' : ptisus. 

Ganz ähnlichen entwickelungsgang, wie wir für die fimo- 
tionen des idg. -/en- erschliessen dürfen, finden wir in histo- 
rischer zeit z. b. bei -ario' im slavischen und germanischen. 
Ursprünglich nur denominativ, sind die bildungen mit diesem 
Suffix allmählich durch anlehnung an nebenstehende verba zu 
reinen nomina agentis geworden und haben als solche grosse 
Verbreitung gewonnen, und zwar auf slav. Sprachgebiet speziell 
in den südslavischen dialekten. Solche beispiele zeigen schla- 
gend, wie subjectiv und unhistorisch die einst so beliebte Bohei- 
dung zwischen 'primären' und 'secundären' sufGxen ist Die 
einzige möglichkeit objectiver Scheidung bietet v. Bahders defi- 
nition dieser beiden begriffe, vgl. Verbalabstracta s. 4 anm. 1. 

Durch die Zusammenstellung der wichtigsten fanetions- 
arten soll natürlich nicht behauptet werden, dass alle diese 
bedeutungsnuancen in der idg. urzeit schon vollständig aus- 
gebildet gewesen wären. Nur die keime waren vorhanden, 
aus denen jene fülle von bildungen in den einzelspraehen sieh 
entwickeln konnte. 



DIE NOMINALSÜFFIXE -iO- UND lEN-. 215 

Die vermutang über den Ursprung der ai. m-stämme er- 
hält auch noch von einer andern seite aus ihre bestätigung. 

Im avestischen, wo -m- bis auf das eine, oben angeführte 
kafnin- ausgestorben ist, tritt -an- in genau derselben Verwen- 
dung auf, wie wir sie bei dem ai. -in- kennen gelernt haben. 
Vgl. z. b. av. pupran- = ai. putrin- 'söhne habend', mqpran- 
= ai. mantrin- 'verständig, klug, beredt* u. s. w. Man hat 
daher früher öfters die Identität beider bildungen angenommen 
und -m- als 'Schwächung' von -an- gefasst, vgl. Fick, KZ. 
XVIII, 453. Inzwischen hat sich längst die Unmöglichkeit einer 
solchen entwickelung herausgestellt; dennoch aber war diesen 
bestrebungen, einen nähern Zusammenhang zwischen den ai. 
in-stämmen einerseits und den avest. an-stämmen sowie den 
griecb. und lat. cognomina auf -cov-, -on- andererseits zu con- 
struieren, eine gewisse berechtigung bei der auffallenden Über- 
einstimmung im allgemeinen nicht abzusprechen. Man konnte 
sich nicht entschliessen ein griech. *^Y6q(X)v 'wassermonat' von 
Sil. udrin- zu trennen; ein g)vöxc9v, 7ce(>T()co^ 'dick bauch' zeigte 
dasselbe functionsprincip wie ai. jatharin- 'einen aufgeblähten 
leib habend'; denominative mit possessivbedeutung sind auch 
die lat. cognomina wie Capito, Dento, Naso, Dorso u. s. w. 

Tatsächlich haben wir es auch mit zwei sehr nahe ver- 
wanten suffixalen dementen zu tun, denn es stehen in den 
indischen und avestischen u. s. w. bildungen die suffixe 'im- 
und -en- einander gegenüber. In fast allen idg. sprachen, 
namentlich im german. und latein. sehen wir vielfach ohne 
merkbaren bedeutungsunterschied ien- und ^-stamme neben 
einander stehen. Waren sie aber ihrer function nach nicht 
mehr geschieden, wurden sie demgemäss eine Zeitlang pro- 
miscue verwendet, so lag es im lauf der dinge begründet, 
dass eine der beiden formen aufgegeben ward: das avestische 
hat sich zu gunsten der an-ioxm entschieden, das indische 
die m-bildungen productiv erhalten; germanisch und lateinisch 
sehwanken. 

Diese auseinandersetz ungen haben dem anschein nach 
weitab aus dem kreise german. sprachlebens geführt. Dennoch 
stehen sie in näherer beziehung zum folgenden. Denn die 
entwickelung, welche die idg. ^en-stämme im indischen durch- 



216 STREITBEÄG 

gemacht haben, zeigt uns, wie in einem spiegelbilde, eiücfii uiii'- 
bildungsprocesB voraus, den wir bei einer bestimtiiten kategorie 
auf german. boden antreffen werden. Die frage nun nach der 
abstufung des i^-suffixes im germanischen ist eng mit jener 
nach der abstufung des ^-suffixes überhaupt verknüpft. Des- 
halb zuvor einige worte über diese. 

Was die accentuationsverhältnisse anlangt, so kann ich 
an dieser stelle sie nicht im einzelnen behandeln; nur auf einen 
punkt von allgemeiner bedeutung sei hingewiesen. Es spricht 
nämlich ein moment für die annähme, dass auch im urgerma- 
nischen zu einer gewissen zeit, ähnlich wie im griechischen 
und indischen, die Stellung des accentes bei den einzelnen 
nomina durch das ganze paradigma hindurch eine feste ge- 
worden ist, also nicht mehr den anschauungen entspricht, die 
wir berechtigt sind über das uridg. accentschema der ^n-stämme 
uns zu bilden. Zu dieser annähme führt uns das verhalten 
der ß/i-stämme bei der urgermanischen assimilation des n an 
den vorausgehenden stimmhaften Spiranten, falls das casus- 
suffix den accent trug. Vgl. Osthoff, Beitr. VIU, 299 anm.; 
Kluge, ebd. IX, 157 ff.; Kauffmann, ebd. Xll, 51 ff. Die Wir- 
kung dieses gesetzes ergab für die weiterentwickelung der. 
flexion der betroffenen nomina zwei möglichkeiten : 1. Es ward 
von den casus aus, in denen assimilation stattfinden musste 
ein neues paradigma nach der o-declination gebildet gemäss 
der Proportion gen. pl. ^dagö : g. pl. *smukkö = n. sg. *dagoz : 
n. sg. *smukkoz. Die letztgenannte foim ist in ags. smocc^ 
aisl. smokkr erhalten. 2. Die gemination ward durchs ganze 
paradigma durchgeführt, die en-declination aber blieb erhalten, 
indem das n in die casus, in denen es lautgesetzlich unter- 
gegangen war, neu eingeführt ward. So entstand der nom. sg. 
*bukkdy aisl. bukki statt des lautgesetzlichen *bukö und der gen. 
pl. Hukk-nö statt des regulären Hukkö, vgl. Beitr. XII, 507. 
Hätte nun der accent durchweg in den schwachen casus auf 
der endung geruht, wie wir dies für die idg. urzeit annehmen 
müssen, so Hesse sich die westgerman. consonantendehnung 
vor n in ihrem grossen umfang nicht begreifen, da ja bei 
regelmässiger suffixbetonung in den genannten casus ein n 
kaum je erhalten geblieben wäre. 

Vom accente nun abgesehn, darf man fürs urgermanische 
wol folgendes paradigma aufstellen: 



DIE NOMINALSUFFIXE -/O- UND lEN-, 217 



nom. 




*ahd{n) 


*abö(n) ») 


acc. 






'^abo'nun 


loc. 




*ab^ni 




gen. 




*abnoz(s.) 




dat. 




*abnai 




istr. 




*abnö 




nom. 


pl. 




*aböniz(s,) 


acc. 




*abnunz(s.) 


•«= *-nns 


gen. 




*abnön 


o 


istr. 




*abumiz(s,) 


'^ *-nmis 



Die form des istr. pl. lässt sich nicht mit voller Sicherheit 
bestimmeD. Kauffmann hält das in resten auf uns gekommene 
-num (vgl. ags. oxnum, aisl. yxnum u. s. w.) für die ungestörte 
lautliche entwickelung der grundform *-wwjä. Ohne die mög- 
lichkeit dieser annähme geradezu leugnen zu wollen, finde ich 
die oben gegebene entwickelung als die von der analogie der 
übrigen casus unbeeinflusste fortsetzung des idg. wahrschein- 
licher. Denn -nn-, -mm- vor sonanten erscheinen im german. 

o o 

stets als -ww-, -ww-; ein ursprüngliches idg. -ww- aber hätte 
ebenfalls sehr früh zu -mm" werden müssen, indem sich -n- dem 

o o 

-m- assimilierte, genau ebenso wie ein m sich folgendem dental 
anglich, vgl. lat. centum, got, hund gegenüber lit. szimtas^ idg. 
gf. */cmt6m. In -num halte ich demgemäss das n für das 
resultat einer analogischen einwirkung der nebenstehenden 
sehwachen casus. 

Von den angesetzten urgerm. formen lassen sich aus allen 
germ. dialekten Vertreter aufzählen; ich nenne nur für -e(n) 
an. hani, für -ön got. tuggö, tuggöns^ für -en got. haninsy für 
-an wahrscheinlich got. acc. hanan, für -n- endlich formen wie 
got. *auhsnuns (gesehrieben auhsunns^ vgl. Kögel, Beitr. VIII, 
1 15) watnam, ahne u. s. w. Die existenz von -w- in weiterm 



^) Der Wechsel zwischen e und o hängt, wie schon oben bemerkt 
von uridg. accentwechsel ab; von bans aus waren e und o, wie Brng- 
mann wol mit recht annimint auf ein paradigma verteilt; jedoch fanden 
schon früh in den einzelnen sprachen wie in bezug auf die ablantsstnfen 
so auch in bezug auf die vocalfärbnngen des suffixes ansgleichungen 
und uniformier nngen statt, die z. b. im griechischen dahin führten, ent- 
weder e- oder <>-stufe das ganze paradigma hindurch anzuwenden. Mit- 
gewirkt bei diesen Vereinheitlichungen hat jedenfalls der einfluss der 
als zweites glied in compositis stehenden ^n-stämme, vgl. €t;<pQ<Dv \ if>^T\v , 



218 STREITBERG 

umfang beweist schliesslich auch die 'westgermanische' conso- 
nantendehnung vor n, deren hauptgebiet die schwache decli- 
nation ist. 

Das ahd. -on, das namentlich in fränkischen und den 
ältesten alemannischen quellen erscheint (vgl. Paul, Beitr. IV, 
361), fasse ich mit Möller, Beitr. VII, 536 anm. als fortsetzung 
eines idg. -dn-] denn ich kann mich nicht davon überzeugen, 
dass es einem idg. -on- entsprechen könne, wie Paul a. a. o. 
annimmt. Das -oju des dativ plur., auf das man sich gewöhn- 
lich zu berufen pflegt, sollte man nicht heranziehen, da es der 
beweiskraft entbehrt; denn bei ihm sind, wie namentlich ags. 
und anord. lehren, die einfliisse des labialen nasals auf den 
vorausgehenden sonanten in betracht zu ziehen. Ags. si^r, 
nicor u. s. w. können ebenfalls nicht mit Paul, Beitr. VI, 187 f. 
als parallele hierhergezogen werden, da sie unmöglich direct 
einem idg. *si^hos u. s. f. entsprechen können. Vielleicht hat 
Bremer, Beitr. XI, 3 anm. 3 das richtige für sie gefunden. 
Jedenfalls fruchtet eine berufung auf das u des lateinischen 
wie in corpm (Paul a. a. o.) nichts. Darauf, dass, soviel ich 
weiss, nie längebezeichnung für die ön-formen der schw. decl. 
belegt ist, darf man wol nicht allzuviel gewicht legen, da hier 
satzphonetische gesichtspunkte in betracht kommen. Leider 
kann ich an dieser stelle nicht näher auf die ganze frage ein- 
gehn, hoffe aber ein andermal im Zusammenhang darauf zu- 
rückzukommen. Es kam mir nur darauf an, hervorzuheben, 
dass die Vertretung eines idg. -öw- durch -on im ahd. wenig 
glaubhaft erscheint, da es in allen fällen ausserhalb der schw. 
decliuation als -an auf der uns überlieferten stufe des ahd. 
auftritt, stichhaltige spezialbedingungen aber, welche die 
abweichende behandlung in der schwachen declination recht- 
fertigen könnten, sich schwerlich ergeben dürften. Mir scheint 
daher Seiler (Beitr. I) durchaus berechtigt zu sein, den zwei- 
mal in BR vorkommenden nom. pl. neutr. auf -on direct dem 
got. 'öna gleichzusetzen. Ein got. hairtöna aber entspricht 
einem ai. nämäni, was den suffixvocal anlangt, vollständig; es 
unterscheidet sich nur dadurch von ihm, dass das ind. nomen 
i = idg. p, also die reguläre endung des nom. plur. neutr. der 
consonantischen stamme aufweist, während das got -a auf idg. 
ä d. h. der endung der vocalischen stamme beruht 



DIE NOMINALSUFFIXE -iÖ- UND -1EN-. 219 

s 

Die endung -ün des ahd. femininums scheint mir von der 
endung -uny die in bestimmten casus des masc. und neutr. vor- 
kommt, nicht zu trennen. Soviel steht wenigstens von vorne- 
herein fest, dass das ahd. -ün mit dem -on des got. lautgesetz- 
lich unvereinbar ist. Die länge des u ist im ahd. über- 
liefert; das an. kennt zwar auch im fem. -uriy aber wir haben 
keine anhaltspunkte, welche zur bestimmung der Quantität 
führen könnten. Das nordische ist dadurch noch von beson- 
derer Wichtigkeit, weil wir auf dem stein von Steinstad in 
Norwegen den femininalen gen. sg. igiiaon besitzen. Aus diesem 
factum folgt selbstredend nicht, dass dies -ön der directe Vor- 
gänger des spätem -un ist, sondern nur der umstand, dass in 
älterer zeit -dn und -un noch nebeneinander im fem. be- 
standen haben. Vgl. das ähnliche Verhältnis beim nom. sg. 
der masculinen era-stämme im nordise-hen. Auf den runendenk- 
mälem ist mehrfach -a < *-ö als endung des genannten casus 
belegt, z. b. wiwila (Veblungsnses), niuwila (Varde) u. s. w. 
Noreen, An. gramm. I § 311 anm. Bremer, Beitr. XI, 39. Im 
gegensatz hierzu hat das spätere an. ausschliesslich -e, z. b. 
hani aus älterem -e. 

Wenn nun, wie ich glaube, das -ün des feminins eng mit 
dem -ün des masc. zusammenhängt, so wird es auch mit diesem 
zugleich seine erklärung finden. Der etymologic^che wert des 
ahd. as. -un kann aber nur ein einziger sein: nämlich idg. -nn-. 
Denn wenn man selbst -on mit Faul auf idg. 'ön- zurückführen 
wollte, so versagte diese möglichkeit bei -un vollständig. Dieses 
zu gründe liegende -nn- aber ist eine einfache consequenz des 
Sievers'schen gesetzes. Denn Osthofif hat in seinem per- 
fectbucbe s. 391 flf., s. 477 nachgewiesen, dass der Wechsel 
zwischen sonantischer und consonantischer function sich nicht 
nur auf i und u sondern auch auf nasale und liquiden er- 
streckte. Fürs germanische ergaben sich demnach, je nach 
der quantität der vorhergehenden silbe die suffixformen -un- < 
-nn- und -n-; -wn- ist daher weiter nichts als die Verallgemei- 
nerung einer suffixform, die ursprünglich nur unter bestimmten 
bedingungen vorkommen konnte. Nachdem aber einmal die 
Verwendung die ihr anfänglich gesteckten grenzen überschritten 
hatte, lag es nahe, das -un ev. auch zum ausdruck functioneller 
Verschiedenheiten zu verwenden. Dies ist z. b. bei Otfrid und 



220 STREITBERG 

im Tatian geschehen, indem im nom. plur. beim masc. stets 
'on, beim neutr. aber -un erscheint Das gleiche gilt von dem 
gebrauche Otfrids, den nom. pl. masc. bei Substantiven auf -(m, 
bei adjectiven auf -un endigen zu lassen. Selbstverständlich 
sind alle diese differenzierungen erst ziemlich jungen datums. 

Dem 'un des femininums kann nun meines bedttnkens nnr 
ein solches -ww- < -wn- zu gründe liegen, gleichviel ob die 
länge des u schon urgermanisch ist oder nur ahd. Eine laut- 
gesetzliche erklärung scheint nicht statthaft, vielmehr verdankt 
die endung die länge ihres vocals einem analogieschluss. Von 
den 9-stämmen schreibt sich die neigung her, in der länge des 
vocals ein Charakteristikum des femininums zu sehen. Dieser 
neigung verdanken die feminalen ^-stamme im got. die länge 
ihres vocals; ihr ist auch die Schöpfung des feminalen -ün im 
ahd. zuzuschreiben, dass in gegensatz zu dem -an, das in ge- 
wissen casus des masc. und neutr. erscheint, gestellt ward. 
Das muster aber gaben die feminina auf -m ab, zu deren i 
sich das { des gen. dat. sg. des masc. und neutr. ebenso ver- 
hielt, wie das ü des acc. sg. masc, nom. pl. masc. neutr. zu 
dem neugeschaffenen -un^ so dass sich folgende proportion 
ergab: hanin : höhin = hanun : zungün. 

Falls die neubildung des -un in sehr alte zeit zurück- 
reichen sollte, so wäre es nicht gänzlich ausgeschlossen, dass 
auch die vom idg. ererbten t^-feminina von einfluss auf sie 
gewesen sind; nur ist in ihnen nicht mit Möller, Beitr. Vn, 543 £ 
die einzige veranlassung des umbildungsprocesses zu sehen. 
Wenn eine mitwirkung stattfand, so ist sie etwa ähnlich auf- 
zufassen wie die beeinflussung der feminina auf -ynß im slavi- 
schen durch diese zZ-stämme. Die feminina auf -F nämlich, 
welche von -z^on-stämmen gebildet wurden, erforderten von 
haus aus tiefstufe des sufGxes, hatten also die endung -IT»^ 
vgl. griech. svOiJva aus *6vd'vviä, cifivva aus ^a(ivvia MU. II, 
201. Treffen wir in diesen beispielen die kürze an, so weisen 
die slayischen muster ^ d. h. t^ auf. Dass die slavische mo- 
vierten feminina wie hogynji für älteres Hogynt ihren Ursprung 
von i^^-stämmen genommen, dürfte nicht zu bezweifeln seia 
Ein hogynji setzt wenigstens ideell einen zu gründe liegenden 
stamm *bhaguen- voraus. Dies hat im wesentlichen richtig 
schon Wenzel Burdq, in Kuhn-Schleichers beitragen VI, 194 f. 



DIE NOMINALSÜFFIXE -10- UND -lEN-, 221 

erkannt; er irrte jedoch darin, dass er annahm, -uen- sei erst 
an ein femininum auf -y angetreten; daran ist selbstredend 
nicht zu denken. Die y-feminina können nur insofern eine 
rolle gespielt haben, als es ihrer ein Wirkung zuzuschreiben 
sein wird, dass in der tiefstufe des snffixes ü nicht ü erscheint, 
Grösser kann ihr einfluss auch bei der entstehung des german. 
'un nicht wol gewesen sein. 

Ich habe vorhin schon die germ. -tn-stämme erwähnt; ihre 
erklärung hat von je her die forscher vielfach beschäftigt 
Soviel steht jetzt fest, dass diese kategorie von adjectivab- 
stracten schon in urgerman. zeit ihre n-flexion besessen hat, 
vgl. Sievers, Beitr. V, 143 fiF. und Kluge, Beitr. XII, 380 f. An 
genannter stelle hat Kluge den nachweis geliefert, dass auch 
die i-formen des ahd. sich nur als abkömmlinge älterer tn- 
äexion begreifen lassen, idg. -i also nirgends mehr im ^erm. 
erhalten ist. Die erklärung, welche Leskien von der genesis 
jenes -tn gab, ist dadurch, dass die existenz des n schon in 
urgerm. zeit nachgewiesen ist, hinfällig geworden, da sie die 
Wirkung der — wie wir jetzt wissen, einzelsprachlichen — 
auslautsgesetze voraussetzte. Wenn also an der urgerman. 
existenz der tn-flexion nicht gezweifelt werden kann, so ist 
andererseits doch auch der umstand im äuge zu behalten, dass 
diese declinationsart nicht vom idg. ererbt, sondern erst inner- 
halb des germanischen, wenn auch in noch so früher zeit, 
neu geschaffen worden ist; nur die keime, welche eine solche 
ausbildung möglich machten, reichen in die idg. urzeit zurück. 

Im idg. bildete das suffix -e- feminina von adjectiven, die 
als abstracta fungierten; daneben standen wurzelabstracta auf 
-len. Wenn die t-nomina ursprünglich auch reine denominativa 
waren, so stellte sich doch in manchen fällen von selbst eine 
nähere beziehung zum verbum ein, dies brachte schon der be- 
griff der Wurzel mitunter mit sich. Solche 'verbale' t-abstracta 
sind z. b. ai. sact ^hilfeleistung' (vgl. jedoch den Superlativ 
sacistha'\ samt 'bemühung' (superl. samistha-). Es ist dies 
im princip derselbe Vorgang wie jener, der im got zur Ver- 
mischung der adjectivabstracta auf -ein und der verbalabstracta 
auf -eini' führte. Er beruht eben darauf, dass sich in concreto 
eine scharfe grenze zwischen beiden kategorien nicht ziehen 
lässt. So unterscheiden sich z. b. ein got. weitwödei : weit' 



222 STREITBERG 

rvüds und weitwödeins : weiiwödjan nicht wesentlich in ihrer 
bedeutung von einander, vgl. Leskien, Declination s. 95. Durch 
diesen mangel an fester abgrenzung war die möglichkeit von 
doppelbildungen nach der t- und /^-classe gegeben; und so 
begreifen sich die lat adjectivabstracta auf -iön-y vgl. com- 
munio : communis, unio : units, consortio : consors. Diese seit 
Leskien längst gewürdigte tatsache aber bildete den ausgangs- 
punkt für die entstehung der m-declination. Wie wir gesehen, 
bildete die latein. declination der weiblichen /^n-stämme nicht 
das ursprüngliche; vielmehr fand auch bei ihnen abstufung 
statt. Die tiefstufe der |>/2-stämme aber ist -tn- und diese 
tiefstufe muss auch im urgermanischen vorhanden gewesen 
sein, da sonst die m-flexion nicht begreiflich ist; hätten näm- 
lich die femininen /an-stämme schon urgermanisch wie got 
rapjöt oder ähnlich, mit aufgäbe der tiefstufe, flectiert, so wäre 
als resultat nichts anders zu erwarten gewesen als eine decli- 
nation nach art von gariudjo, nie aber das durchgeführte -in: 
dies lehrt latein. communio. Die Umbildung ist von den obli- 
quen casus ausgegangen; bei ihnen vermisste man das i, das 
man vom nom. acc, also den beiden meistgebrauchten casus 
her, als charakteristisch für die classe empfand. So gelangte 
man zu dem paradigma: 

nom. *manag'i 

acc. *managJn ans älterm *managlm 

gen. *managJnos 

dat. *managJnai n. s. w. 

Das nach Wirkung des urgerman. 'auslautgesetzes' aus 
*managm entstandene *mana^tn wies scheinbar denselben stamm 
wie gen. dat. u. s. w. auf, entbehrte aber der casusendung der 
n-declination ; eine Übertragung derselben lag also nahe. Diese 
neuerung fand in derselben zeit statt, in der die partikel -ö 
an den accusativ sg. des adjectivums antrat, vgl. blindana. 
Wir trefiFen hier auf denselben psychologischen process, den 
wir im griech. und auch im german. mehrfach beobachten 
können. Vgl. zlva < *tcv < idg. *qim\ Z^va < *Zi]V < *dj^ 
Deutsch der-er, ir-er, den-en, in-an u. s. w. Osthoff, MU. IV, 
234 anm. 

Der nominativ auf -t war an sich schon der eines n-stammei^ 
vgl. got. hana < *X(^ne, *x(^nö. Wie aber sonst bei den echten 



DIE NOMINALSÜFFIXE -/O- UND ^lEN-, 223 

n-stämmen neben den n-losen nominativen als »atzphonetische 
Zwillingsformen solche mit -n standen, so schuf man auch zu 
^managt ein ^managm. Von diesen beiden parallelbildungen 
beseitigte dann der ausgleich einer spätem zeit die eine, und 
es blieb nur *managtn übrig analog *iungön. Es ist dies im 
gründe dasselbe verfahren, das wir später im ahd. bei den 
m-stämmen nochmals wiederholt finden. Ein nonjtinativ nach 
art des got. manag ei < *managin hätte nach Wirkung der *aus- 
lautsgesetze' nur *managt lauten können, die obliquen casus 
aber ergaben infolge des Eluge'schen lautgesetzes managt. Man 
beseitigte daher die e-form und führte die länge im ganzen 
paradigma durch, vgl. Kluge a. a. o. 

Die flexion der m-stämme bildet demnach ein directes 
Zeugnis dafür, dass die alte abstufung der ie/z-stämme im 
urgerm. noch bestanden hat. Infolge der Verallgemeinerung 
der tiefstufe erscheinen sie wie ein gegenstück der aind. in- 
Stämme. Dass bei ihnen die länge des tiefstnfenvocals durch- 
geführt ist, liegt in der natur der sache begründet. Ganz aus- 
geschlossen ist es aber nicht, dass wir nicht auch noch von 
der tiefstufe mit kurzem vocal Vertreter im german. erhalten 
haben. Dies wäre im ahd. der fall beim gen. dat. der ien- 
stämme, der auf -m (-en) auslautet und schon zur zeit der 
consonantendehnung kein / gehabt. Man pflegt seit Paul, 
Beitr. VII, 112 f. 160 ff. in der gestalt dieser casus die Wirkung 
eines westgerman. lautgesetzes zu sehen, nach dem j vor i 
ausser im wortanlaut weggefallen sei. Ich will die möglich- 
keit eines solchen gesetzes nicht leugnen, hebe jedoch hervor, 
dass sich ein beweis für dasselbe nicht erbringen lässt, da 
die einzigen in frage kommenden kategorien, die 2. 3. pers. sg. 
der jan-rerha und die genannten casus der ?>w-declination 
mehrdeutig sind. Für die /an-verba wird der excurs dies dar- 
tun, für die i^-declination ergibt es sich aus dem gesagten. 
Es existiert keine tatsache die uns hindern könnte, in -in die 
tiefstufe zu sehen, -en als Übertragung von den ^/i-stämmen zu 
fassen. Eine sichere entscheidung zwischen beiden möglich- 
keiten lässt sich nicht treffen. 

Zum Schlüsse sei noch auf eine Vermutung hingewiesen, 
die ich der gütigen mitteilung des herrn prof. Brugmann ver- 
danke. Derselbe hat in dem demnächst erscheinenden zweite>\N. 



224 STREITBERG 

bände seines grundrisses das suffix -ing von den tn-stämmen 
seinen ausgang nehmen lassen. Eine solche annähme ist 
besonders für die abstractbildungen von hober Wahrschein- 
lichkeit Vielleicht dürfte man aber noch einen schritt weiter- 
gehn, und für das -ing^ welches neben -ung personliche 
masculina denominativen Ursprungs bildet, wie z. b. ags. Sqfl- 
ding — Sq/ldung, ahd. nidinc — ntdunc (vgl. Kluge, Stamm- 
bildung § 22. 23), directe anlehnung an die tiefstufe der 
i^-stämme annehmen. Die grundlage wären jene als appella- 
tiva yerwanten i^-stämme, die wir auch im lateinischen an- 
treffen, z. b. Curio, Lävemio u. dgl. Denn hier an Übertragung 
von den abstracten zu denken, liegt wol etwas fem. Die 
directe heranziehung der i^-stämme wäre ja auch nur eine 
sich von selbst ergebende erweiterung der Brugmann'schen er- 
klärung, die mir ihrem wesen nach unanfechtbar scheint. 

IIT. Excnrs: -f- in der verbalflexion. 

Durch die erkenntnis der abstufung des nominalen io- 
Suffixes scheint mir auch licht auf ein dunkles gebiet der ver- 
balen Stammbildung zu fallen. 

Es ist bekannt, dass die flexion des praesens der slavi- 
schen i-verba (1. sg. -jq, 2. -isi, 3. -itü u. s. w.) sowie die der 
lateinischen nach art von capio, capis sich nicht direct auf 
älteres -iö, -iesij -ieü zurückführen lässt. Denn es existiert 
weder im slavischen noch im lateinischen ein lautgesetz, das 
eine solche Umgestaltung eines ursprünglichen -ie- rechtfertigen 
könnte. Auf der andern seite lässt es sich hinwiederum nicht 
leugnen, dass in verwanten sprachen dieser -f-classe verba mit 
gewöhnlichem -io-, -ie- als suffix gegenüber stehen. Worauf 
beruht nun das f? 

Vor allen dingen ist so viel klar, dass die abgeleiteten 
verba, die im slavischen einen infinitiv auf -iii = litauischem 
•yii haben, vollständig fern zu halten sind. Das praesens der- 
selben flectiert zwar im slavischen gleich jenen primären ver- 
ben, also chvaljqy chvalisi, chvalitüy im litauischen aber erscheint 
ein ö in den praesensformen, vgl. dangau, dangai, dango, dm- 
gome, ddngote u. s. w. Leskien hat in seiner scbrift über 
den ablaut der Wurzelsilben im litauischen s. 442 ff. wab^ 



DIE NOMINAliSüFS^IXE -iO- UND -2i&2V.. 225 

Bcheinlich gemacht, dass wir in diesen verben alte athema- 
tische denominatiya sehen dürfen, die von ä-stämmen ihren 
ausgang genommen haben. So ist z. b. von dem a-stamm 
bradä *das waten' ein verbum bradaü, 1. pl. brddome, inf. 
hradyti, von -danga (vgl. ap-danga) 'deckung' ein dangaü, dm- 
gome, dangyti gebildet, vgl. a. a. o. s. 444. Demnach wird man 
auch fürs urslavische von dem nomen chvcUa 'rühm' ein 
*chvalamu, inf. chvaliti als das ursprüngliche ansetzen dürfen; 
denn es lässt sich sehr wol erklären, wie der Infinitiv auf -iti 
eine praesensflexion chvaltmü statt des alten *chvalamü erzeugen 
konnte, nicht aber, wie das litauische zu dangome hätte kom- 
men sollen, wenn das praesens ursprünglich *dangyme gelautet 
und somit denselben stammbildenden vocal besessen hätte wie 
der Infinitiv dang^tu Was die athematische fiexion der deno- 
minativa anlangt, so treffen wir sie auch in germ. *salbömats 
und aller Wahrscheinlichkeit nach auch in latein. amamus 
wieder; denn dass an den nominalstamm a ein sufGx -{o-, -ie- 
angetreten sei, stösst fürs germanische auf erhebliche bedenken 
und lässt sich fürs lateinische wenigstens nicht beweisen; mög- 
lich ist freilich, dass in den lat. verben auf -are beide fiexions- 
arten zusammengefallen sind. 

Ganz anders liegen die Verhältnisse bei den primären 
f-verben. Den infinitivstamm auf e den das baltisch-slavische 
besitzt, können wir bei seite lassen, da es sich nur um die 
praesensflexion handelt. In dieser aber ist das i entschieden 
als das ursprüngliche zu betrachten. Das -e- des infinitiv- 
stamms hat mit dem praesens yon haus aus nichts zu tun, ist 
aber im leben der einzelsprachen hier und da ins praesens 
eingeführt worden. Vgl. lat. videre, slav. videti^ praes. videmus, 
aber vizdq, < *vidj(f, vidisi u. s. w. Diese Übertragung war der 
grund zum übertritt von videre in die 2. conjugation. Auf der 
andern seite bestand aber auch die möglicbkeit, dass das 
-t-^ -j(- des praesensstammes über sein gebiet hinausgriff und 
e gänzlich verdrängte. Diesen process treffen wir bei capio, 
capmus und got hafjan, ahd. sizzen. Solche ausgleiche dürfen 
nicht ausser acht gelassen werden, will man die verschiede- 
nen flexionsarten richtig beurteilen. Die extreme der ent- 
wickelung bezeichnen also sedemus auf der einen, sizzen auf 
der andern seite; in der mitte steht das ursprüngliche sizda^^ 
ßediti. Das paradigma war: 



226 





STREITBERG 


abg. 




lit. 


sezäq ^^ 


*sedjq 


sediu 


sedisi 




sedi 


seditü 






sedimil 




sedime 


sedite 




sedite 


seditü ^ 


': *sedinm 




latein. 




urgerm. 


capio 




*siliö 


capis 




*sitizi 


capit 




*sitibi 


capimus 




*siiiomaiz 

0S 


capitis 




*siiim 


capiunt 




*siliondi 



Diese paradigmata bedürfen einiger werte der erläa- 
terung. 

Slavisch t kann lautgesetzlich nicht aus idg. t entstanden 
sein; es ist yielmehr einer urbaltisch-slavischen länge gleich- 
zusetzen. Litauisch i dagegen ist kürze. Die möglichkeit ist 
vorhanden, dass es infolge des gestossenen accentes verkürziuig 
eines alten t ist Als parallele lässt sich das i des Optativs 
herbeiziehen, das aus idg. t entstanden ist. Es bliebe noch 
eine möglichkeit, lit und abg. auch der quantität nach zu ver- 
einigen, wenn man annähme, dass die abg. länge auf analogi- 
schem wege durch angleichung an das t der denominativen 
factitiven auf -iti entstanden sei; will man dies nicht, so 
hindert nichts in t* tiefstufe a, in i aber tiefstufe b zu sehn. 

Interessant ist vor allem die 3. person plur. auf *'intu im 
abg.; dass dieselbe auch im litauischen vorhanden gewesen 
ist, lehrt das gleiche Verhältnis beim part. praes. abg. ^-ln^ : 
lit *-m/-. 

Dass das durchgehende i des praes. alt ist bestätigen das 
lett und vor allem das preussische (z. b. pr. iurimai *» lit 
turime, inf. iur'eti 'haben, sollen'). Viel umstritten sind die 
lateinischen formen; man sieht gewöhnlich in dem t von capU^ 
capit u. s. f. die Vertretung von idg. -ie-; so sagt Stolz in sei- 
ner latein. gr. (§ 105): 'Bezüglich der flexion dieser verba er- 
scheint es mir am einfachsten (!) die formen capis^ capit ..... 
aus *capies, cqpiet zu erklären mit schwund des sonanteiL' 
Nur hätte er sich für diesen lautprocess nicht auf den &be^ 



DIE NOMINALSÜFFIXE -10- UND -lEN-, 227 

gang von *obiecis in obicis berufen sollen, da dieser doch einer 
weit spätem periode angehört (vgl. Thurneysen, herkunft und 
bildung etc. s. 50 flf.). 

Ich vermag an einen solchen Übergang von ie > ? im 
lateinischen so lange nicht zu glauben, als nicht andere bei- 
spiele beigebracht werden, denen zwingendere kraft innewohnt 
als dem von ganz anderm Standpunkt aus zu beurteilenden 
abicio, contcio. So lange dies nicht geschieht muss ich an 
dem resultate der genannten schrift festhalten, dass ie im 
lateinischen in alter zeit nie in t übergehen kann. Wenn auch, 
was die erklärung jener latein. t-formen anlangt, man Thurn- 
eysen allenfalls zugeben kann, dass einzelne aoriste in ihnen 
stecken mögen i), so reicht dies doch bei weitem nicht zur auf- 
hellung der ganzen formation aus, da sie aus ihrem internatio- 
nalen Zusammenhang nicht herausgerissen werden darf. 

Vergleicht man sie nun mit den baltisch-slavischen bil- 
düngen, so ergibt sich sofort, dass die dritte person plur. des 
lateinischen cap-iunt ebensowenig wie abg. sedetü das ursprüng- 
lichste ist; es ist eine offenbare anlehnung an die gleichen formen 
einer andern classe von f-verben wie abg. borjqtü, lat. audiunt; 
denn es lässt sich sehr wol erklären wie die gewöhnliche 
endung -unt an das als characteristisch empfundene i über- 
tragen wird an stelle des singulären *-ient, unerklärlich aber 
würde bleiben, wenn im slavischen statt eines alten -jqtüj das 
ja so häufig vorkam in einer bestimmten classe von verben 
auf einmal ein nie dagewesenes ^-miü < -ftü gesetzt worden 
wäre; zudem beweisen die oben angeführten participialformen 
deutlich die relative ursprünglichkeit des *'int-. 

Endlich das germanische: Ich habe ein urgerm. paradigma 
gegeben; möglich ist jedoch auch, dass das westgermanische 
noch das ursprüngliche erhalten hat, vgl. ahd. heffUy he vis, 
hevitf heffemes u. s. f. Zu einer entscheidung lässt sich hier 
freilich ebensowenig gelangen wie oben bei den nominalen ien- 
stammen, aber man darf auch auf der andern seite nicht ver- 
gessen, dass sich auch für das behauptete lautgesetz vom aus- 



^) Schwierig ist allerdings bei der Thurneysen'schen anffassnng das 
"io des 1. sg. und -iunt des 3. pl.; die aoriste hätten doch mit viel 
grösserer Wahrscheinlichkeit wie lego flectieren müssen. 



228 STREITBERG 

fall des j vor i kein beweis erbringen lässt. Das got kann 
bei seiner starken neigung zur ausgleichung liier wie beim 
nomen nicht in betracht kommen; ein haurgjins, hafjis kann ^ 
sein j ebensogut der Übertragung verdanken wie dies beim 
nom. sg. harjis tatsächlich der fall ist. Dennoch glaube ich 
nicht, dass durch diese ungewissheit die reconstruction des 
urgerm. paradigma ganz in frage gestellt ist Ein mittel zu 
ihrer gewinnung bietet Mahlows scharfsinnige erklärung der 
got. praesentien ohne das zu erwartende j wie sita^ liga, 
swara, bidcu Er erklärt nämlich diese und ähnliche formen 
ohne J, denen solche mit j in andern dialekten gegenüber- 
stehen; überzeugend aus einem altem paradigma: ^Hidj% Hidiz, 
Hidib, Hiöjamz u. s. w.' (Vgl. s. 43 f.) 

Bis hierher stimme ich mit Mahlow vollständig Uberein, 
seinen weitern folgerungen aber, kann ich mich nicht an- 
schliessen. Wenn man die von Mahlow angesetzten german. 
grundformen mit dem lat. und balt.-slay. paradigma vergleicht, 
so wird man zu der ansieht kommen, dass kein irgendwie 
durchschlagender grund vorliegt, die urgermanischen formen mit 
/ in den genannten personen anzusetzen. Wir sind vielmehr 
berechtigt ein ^hafizi direct latein. capiSy ein "'siiiöi slavischem 
seditü gleichzusetzen.^) 

Natürlich soll damit nicht geleugnet werden, dass im 
urgerman. sehr leicht Vermischung mit der fe-classe (slavisch 
nach Leskiens bezeichnung classe III) vorgekommen seien; 
dies zwingt pns aber nicht die german. T-verba von denen 
der verwanten sprachen loszureissen; ebensowenig wie ein 
heffis u. s. w. im ahd. das westgerman. gesetz von der conso- 
nantendehnung durchbricht, würde ein urgerman. *hafiitfi gegen 
eine grundform analog capii sprechen. 

Steht so einer identification der formationen mit f der 
drei sprachen nichts trennend im wege, so .wird man berechtigt 
sein zu fragen, welches die erklärung dieser bildungsweise 
sein soll. 

Zwei hypothesen sind neuerdings aufgestellt; die eine von 



^) Die 3. pers. plur. '"xa/VonS^t ist wie latein. capiunl zu beurteilen; 
das germ. ist aber noch einen schritt weiter gegangen and hat zur 1. ag* 
und 3. pl. auch die 1. plur. mittels t gebildet. 



DIE NOMIN AL8ÜFFIXE -10- UND -1EN-. 229 

Bremer (Beitr. XI s. 48); die andere von Johansson (de 
derivatis verbis contractis linguae graecae, s. 166 f. 181 ff. be- 
sonders 191). 

Bremer geht von den latein. ^-verben aus, veranlasst 
durch den slav. infinitiv auf-^//, der jedoch mit der praesens - 
flexion nichts zu tun hat, und löst ein hdbes, habet = idg. 
*^habhes{i), */chabhei{i) derart auf, dass die endungen der thema- 
tischen conjugation -esi, -eti abgetrennt werden: denn die 
1. person sg. habeo sowie ahd. heffemes, heffent seien beweise 
themat. flexion. Der verbalstamm sei ^khäbhe- oder *khabM' 
gewesen. Nun sei vor folgendem vocal ^ > i geworden, ein 
*khabh/ö > *khabhiö etc. übergegangen. Dann fährt er fort: 
'Das I des sla vischen nötigt uns sogar, idg. doppelformen 
^khabhiö und */chabhiiö aufzustellen.' 

Wie man über die vorgetragene auflösung von */chabhesi 
u. 8. w. auch denken möge, ist ganz irrelevant Man kann sie 
Bremer immerhin zugestehn, so wird trotzdem seine ganze 
theorie an den baltisch- slavischen e-formen scheitern. Wie 
sollte die eigenartige flexion dieser sprachen aus dem von 
Bremer aufgestellten paradigma entspringen können! Dabei 
ist es zudem völlig gleichgültig, ob man i sonans oder conso- 
nans ansetzt. Ein Bremer'sches 

-iiö -esi -eti 

'iioms' -etd -lionti 

u 

bot doch nur 2 mögUchkeiten einer Umbildung: Entweder 
wäre e in allen formen durchgeführt worden, wie bei sedeoj 
sedes u. s. w., oder von der 1. sg. 1. 3. plur. aus hätte sich ein 
übertritt in die verbalclasse III vollzogen. Dass aber ein etwa 
neugebildetes -iiesi, -iieti zu -tsi, -iti u. s. f. geführt hätte, lässt 
sich nach slavischen lautgesetzen nicht rechtfertigen. Bremer 
selbst hat denn auch mit keinem worte angedeutet, wie er sich 
die entstehung des balt.-slav. paradigmas aus seinem oben mit- 
geteilten grundschema denkt. 

Johansson endlich hat den Zusammenhang zwischen den 
balt-slav. f-verben und den lat. wie capto erkannt, — die 
german. verba, die sich doch von den lat. und balt-slav. nicht 
wol trennen lassen, erwähnt er nicht — aber er lässt sich 
durch die äolischen praesentien wie jtaXai/ii (neben jtaXaiai), 
ydXai(ii, jtXdvacfii etc. zu einer seltsamen hypothese verleiten« 

Beiträge zur gescbichte der deutschen spräche. XIY. \^ 



230 STREITBERG 

Einmal combiniert er ohne berechtigung die primären balt.- 
slav. verba mit jenen denominativen; dann aber sieht er merk- 
würdigerweise in dem offenbar unursprünglichen jtaXaiiii neben 
3€aXalc3 den repraesentanten einer uralt indogerm. flexionsweise : 

*palaimi *palfmes 

*palaisi *pali'te 

*palaiti *palinti^) 

So soll auch sedeii flectiert haben: 



*sedaimi 


pl. *sedimes 


*sedais% 


*sedtte 


*sedaiii 


*sedinii 



Dass eine solche singnlarflexion ganz unhaltbar ist, bedarf 
keiner weitern ausführung. Dennoch ist dies anzuerkennen, 
dass Johansson in dem t eine dem plural zukommende tief- 
stufe gesehn hat; nur darf und braucht man für ihre erklärung 
nicht zu einer so seltsamen singularform seine Zuflucht zu 
nehmen. 

Eine erklärung liegt viel näher, wenn man sich an das 
erinnert, was oben über die abstufung des eo-sufGxes gesagt 
ist Wie wir in der flexion des nomens die drei stufen -iö-, 
'ie-, -f' antreffen, so können wir auch erwarten, sie auf dem 
gebiet der verbalen stammbildung wider zu finden; denn 
darüber herrscht jetzt wol allgemein Übereinstimmung, dass 
ein principieller unterschied zwischen nominal- und verbal- - 
stamm bildenden dementen nicht besteht. 

Bekannt ist, dass die idg. i^-verba Wurzelabstufung zeigen j 
und dass die tiefstufe die hochstufe an häufigkeit übertrifft. 

Ich glaube nun, man darf folgendes paradigma für das^ 
uridg. aufstellen: 

sg. *-iö du. *-f -f endung^) pl. *'fmes 

*-ieti *-f-f- »» *-iiiti 

Die dritte person plur. wurde später zu "'-inii umgestaltet, 
-slav. -flu. 

Aus diesem paradigma konnten sich nun zwei getrennte 



^) Vgl. 175 f., hier setzt er als starke and schwache stafe ein 
^paläimi nnd *päl{9)imi an. Woher aber das idg. a im wnrzelanslant? 

^) Wie die endnngen des duals im uridg. gelautet haben, tat hier 
nichts zur sache. 



DIE NOMINALSÜPFIXE -/O- UND lEN-. 231 

yerbalclassen entwickeln, ähnlich wie die I. und VI. praesens- 
classe des aind. einem einheitlichen paradigma entstammen. 

Einmal im anschluss an die denominativen /e-verba, die 
von consonantischen stammen gebildet waren, vgl. etwa ayyiXXao 
aus *avgeliö' (s. Mahlow s. 14), bildete sich ein *-iö, *'iesi, 
*-ietiy pl. *-iomes, *'ie(ef *'ionti u. s. w. aus. 

Zweitens entstand vom dual und plural ausgehend die 
T-flexion: ^-io, *-fsi, ^-fti u. s. w. Diese classe ist im balt.- 
slavischen, lateinischen und germanischen vertreten. 

Einige sprachen hatten den ausgleich nach beiden seiten 
hin vollzogen und Hessen die beiden neuentstandenen classen 
nebeneinander bestehen, z. b. das baltisch-slavische; vielleicht 
auch das gerfnanische. Andere hatten den ausgleich entweder 
nur nach einer seite hin vorgenommen oder doch die eine der 
beiden neubildungen schon vor beginn der Überlieferung be- 
seitigt. Dies ist im ind., griech., lat. der fall und zwar haben 
indisch und griechisch sich zu gunsten der ie-üexion entschie- 
den, während das lateinische nur die /-conjugation besitzt. 

In dieser weise scheint mir eine einheitliche, von laut- 
lichen hindernissen freie und auch der analoga nicht entbehrende 
erklärung der verschiednen in den verschiednen sprachen vor- 
liegenden flexionsweisen praesentischer /^-stamme ermöglicht. 

LEIPZIG, mai 1888. WILHELM STREITBERG. 



\^» 



ZUR LEXICOLOGIE UND GRAMMATIK 
DES ALTOSTFRIESISCHEN. 

1. Ander {e)n, dem 'fenster'.i) Aus dem subst. nosterl 
nasenloch (= ags. nost5yrl) hat das ofr. ein diminutiv gebildet, 
welches als nost erlin, -en, aber auch, mit assimilierung des /, 
als nosieren (nach tonl. voc. wird die geminata in der regel 
einfach geschrieben, vgl. wöstene, stilnese, skipnese u. s. w.) und 
sogar als noslem begegnet. Mit rücksicht auf die letztere 
form erklärt sich dern als ein diminutiv, welches auf älteres 
*durin zurückgeht. Für den ersten compositionsteil von an- — ^ 
der{e)n ist der an. fem. e-stamm ond atem heranzuziehen und 
die tatsache zu beachten, dass im urofr. der umlaut zwar 
schon vor der Wirkung des vocal. auslautsgesetzes waltete 
(vgl. z. b. den n.-a. pl. fet, tethy die 3. s. pr. ind. v. dwä, 
deth), das a aber vor einigen consonanten und consonant- 
gruppen, u. a. vor n + muta, manchmal intact geblieben ist 
(s. unten s. 239 flf.). 

2. Äuhere R^R^H und ähere E^ 'manifestus'. Neben 



^) Ich citiere, wenn möglich, nach v. Richthofen's (in der regelf ^^T< 
zuverlässigen) Friesischen Rechtsquellen, nicht nach Hettoma'iBft ^-^'i 
(ziemlich incorrccten, übrigens in Deutschland wenig bekannten) Onde^ -Bc 
Friesche Wetten. FürdasFivelingoer u. Oldampster Landreg^ 'SS^ 
bin ich ich jedoch auf die einzige vollständige ausgäbe, die Hettema's^s "^a, 
angewiesen. Wo sich in v. B.'s Wörterb. die belegstellen in genügender ^^aer 
zahl verzeichnet finden, erwähne ich dieselben nicht. Wo die einselneac^ir 
dialekte aus einander gehalten werden müssen, verwende ich znr bc— lau- 
zeichnung die üblichen abkürzungen ; R^R^B^B^ (B für beide zasammeii^KTy 
HE*E*^E3 (hierzu gehört auch das * Verfahren der Sendgerichte', bei v. 
Seite 248 — 257) und F. Mit ausnähme des letzteren falles ?rird F 
dann herangezogen, wenn das ms. eine in den anderen hss. selteii od^sr 
gar nicht belegte form enthält. 




ZUR LBXICOLÜGIE DES ALTOSTFRIESISCHEN. 233 

dem ofr. durch das ger. to äuwande und das p. p. äuwed^ äwed 
bezeugten ^äwa zeigen (= ags. iervan) ist die ehemalige existenz 
eines adjectiven io-stammes = 'manifestus' zu vermuten; vgl. 
neben got. atigjan das nach andaugiba und andaugjo wenig- 
stens für eine frühere periode anzusetzende ^augi (aus *augiO'). 
Diese Vermutung wird zur Sicherheit durch die belegten com- 
posita äbere und äubere (d, h. ävbere). Nach ofr. lautgesetzen 
hätte ein solches adjectiv bei streng phonetischer entwickelung 
in der unflectierten form *<J, in der flexion *äw(J)es u, s. w. 
lauten müssen; denn 1. hat das w ausnahmslos den umlaut 
des ä, aus au, verhindert: ^ätva, upcräwe F 90, opt. pr. zu 
*upcräwa sich krümmen wie eine nagel, eig. kratzen, aus 
*krawjan (vgl. das ahd. nach chrouue carpe anzusetzende 
*chrouwen, für *kroufvjan), gä gau in gästhereke, hä heu, frowe 
(mit d für ä, wie in növder neutrum, neque HF 22, dvder ent- 
weder H, ndwet nicht(s) HF pass., dwet etwas F 48. 56. 78. 
98. 100. 154, neb. nävder BE^E'^E^, ävder BEE^E^, näwet R^R^ 
BE^E^E», ärvei R^R«, aus *(n)ähweder, *{n)ärviht\ neben depa, 
hina, hSra, lesa, skene u. s. w.; 2. ist das w^ (nicht das w^ = 
got. an. {g)gwy zw, bw) in der regel vor i oder i ausgefallen, 
während es vor j erhalten bleibt; elte gesund (ags. (ßltcewe), 
^äj hä, greth wächst (aus *grervith), hliet[h) (s. unten s. 252), 
^ied genäht (aus *gisiwid), esen satus (aus *gisewin), bispiih, on- 
^pieth und onespien (aus ^-spirvith, ^-spimin) u. s, w., neben 
^äfva, upcräwe opt. pr. (aus *upcräwje), frbwe (die aus- 
nahmen ä(u)wed p. p., upkräweth F 86, cräwil haken, bläwelsa, 
^us *bläwilsa, erklären sich als die folgen einer anlehnung 
xespective an *äwa, *kräwa und bläw^)). Neben der form *ä 
liatte sich aber selbstverständlich unter dem einfluss der flec- 
lierten formen eine neubildung ♦dm oder *äwe festsetzen kön- 
nen. Und dass diese beiden respective als erstes compo- 
sitionsglied in äbere und ävbere"^) vorliegen, unterliegt wol 



^) Das u vor m ist ein unursprünglicher anorganischer laut, wie in 
iji)äuwet R»7,26. 124,1. 122,18; B 160, 21. 168,28; B» 162,23; E* 58, 23; 
E' 194, 8 u. s. w., neben (n)äwet und {n)dwet (n)icht(s). 

^) Auch das ä in cräwil beruht auf derselben anlehnung. Die laut- 
gesetzliche form wäre cr^l, aus creü = ahd. crewil gewesen. Vgl. aüd. 
crouuü, für crewil^ mit anlehnung an *c{h)rouwen, 

3) Ich setze -here an, mit gekürztem voc, wegen der neben ä(f}\ber^^ 



234 VAN HELTEN 

keinem zweifei. Man beachte auch das ofr. epehber (»» ahd. 
offanbäri) und vgl. für den ausfall des -e von *äwe die ofr. 
formen a/'ilic^) F 8, 118, epplic, neben afte H 100,5. 334, 18. 
25 u. 30. 335, 1 u. 9, F 114 (mnl. mnd. echte)^ eppe (ags. yppe), 
sowie die analogen ags. bildungen mobrJic, cldkniic, strengHc, 
neben tn^rCy cicbne, strenge. 

3« Däd(d)el ^mord, todschlag' und 'strafe für einen be- 
gangenen todschlag' (neutr. gen.). Die von v. R. vorgeschla- 
gene erklärung des wertes als derivatum von däd ist zu ver- 
werfen, weil die mit -la gebildeten neutralen abstracta immer 
deverbativa oder Wurzelbildungen, nie denominativa sind (vgl. 
Kluge, Nom. St § 156). Das wort entspricht regelrecht was seine 
form betrifft dem ags. compos. deabgedäl. Vgl. wegen des 
assimilierten th ddddolch todwunde, aus däth + dolch '(das ein- 
malige däthdolch ist etymologische Schreibung); wegen des 
Schwundes des gi die unzähligen participia p. ohne praefix, 
neben den weit seltneren mit ge-, i-, e-, sowie bedda conjux 
(ahd. gebetta)j fader a gevatter, Ath genösse (ags. ge^ti), noch 
satis, hemmerise dorfgemarkung (vgl. mhd. gemerke), lUhaieium 
d. pl. V. *lUhalet gelenk (ahd. Udigiläz), spreze spräche (ahd. « 
gisprähhi), fere (s. unten s. 247), met (s. unten s. 262), leynd ^ 
(s. u. s. 258), ieweden (s. u. s. 261), *swetha (s. u. s. 272) u. s. w.; ; 
wegen des häufig einfach geschriebenen d die Schreibungen ^ 
fdna (st. fonnüy s. unten s. 245), eleve undecim, Slefic^ diwra ^ 
H 332, 19 (st. dmrra\ iertm Jahresfrist (f. ierrim = ags. geärrim\ .^ 
hera dominus, und die unten no. 47 zu erwähnenden for- 
men stera u. s. w.; wegen des aus den flectierten formen 

dädle, -em, zu erschliessenden tonl. voc. in -delj die formen. 
sus-y swesterna, -on (neben as. giswistruonion)y friudelfy früäel^^ 
und früdlef amasius und conjux (aus *friuthil = ahd. friudil^^ 
und /la/'), drusia (ahd. truhsäzzo), sceita (ahd. sctäiheizo), stn-- 



epenher und tilbsra (d. pl.) begegnenden form tilbar^ dessen a nur ans 
kurz, e kann hervorgegangen sein, weil der tibergang des e in a sehr 
häufig, der Übergang eines umlauts-^ in ä gar nicht belegt ist. 

') Mit — bezeichne ich die vocale, deren quantität unsicher ist oder 
als eine schwankende gelten muss. 

^) Wegen d für th^ welches durch vocalsyncope mit / zusammen- 
stiess, s. bildad (neben hüeihad) und vgl. den nämlichen Vorgang in 
mdnde, -a, -em (neben mönaih, -aihe, -athar). 



ZUR LBXICOLOGIE DES ALTOSTFRIESISCHEN. 235 

nene (s. u. 8. 251). In der bedeutuDg zeigt sieh zwar einiger- 
massen abweichung, indem das ags. nomen 'mors' (eig. 'tren- 
nung von leib und seele durch den tod') ausdrückt (vgl. die 
von Grein aus 6ü81. citierte stelle: 'Naes he forht se Ö^ah ne 
ss^o ädlSracu egle on möde ne deat5geddV\ das ofr. hingegen 
»Is activum = 'todschlag' verwant wird. Doch beachte man 
die nomina dolch und dälhy welche nicht nur für 'wunde' und 

* tod ', sondern mit speciellem bezug auf denjenigen, der ver- 
xvundet, tötet, auch für Verwundung' und 'tötung' gelten, wie 
z. b. erhellt aus: 'al thet ther gheden is mith bruddene sverde 
ieftha mith blödega eggum an dädelem ieftha dolgum\ H 32, 18; 
^ al thet ther hf thenne fuchten heth an dolge enda an dädele', 
fi 32, 19; <deth thgr enich blät mon ähwedder däth tha 
€iolch\ R2 542,29; ^Hversar thi 6ne then ötheren ütäsketh 

• . . anda monnick ötherem dwe ddth ie(f)tha dolch\ E^ 231, 
28 tt. s. w. 

Ausserdem begegnet däd{d)el noch in der von v. R. über- 
sehenen bedeutung 'strafe (poena oder mulcta) für einen ver- 
llbten todschlag', deren entwickelung durch die Verbindungen 
€iäd{d)el beta und ielda pro caede commissa solvere vermittelt 
ist. S. z. b. 'hv6rsa htr ännen (/. an) wunded mon sterth 
.... anda . . . thet bikand is to'fara sin pr6star anda sin 
riuchtar, thet hf fon ther wunde sturven s8 . . . . sa skelma 
hine ielde; anda ne wel hire äyne riuchter then erfnome näwt 
bistandich wesa, sa mugath hia ännen ötheren riuchtar kiase, 
.... sa mugath hia thet däddel winna mitha" prestar * anda 
mithä" riuchter', E» 189, 18—27; 'anda thiu blödich hond (der 
mörder) thi ne mey nene läwa fägie (keine erbschaft antreten); 
alsa ne mey ol thi, ther fon thä" bona sprüth, fon thisse läwen 
ieftha däddel nin näwt nime', E» 237, 31—34; Hwersa ma 
Sprech umbe ene ofl^dene binna wägum, sa skelma there dede 
undunga mith sex ethum, there lemethe mith tvelef ethum, thes 
däddelis mit fiuver antvintege ethum', B 158, 13 — 17, und vgl. 
die übereinstimmenden (im Wtb. ebenfalls vermissten) bedeu- 
tungen 'strafe wegen misshandlung', 'strafe oder busse wegen 
einer einem beigebrachten Verletzung', welche respective für 
dede (sonst = 'tat', 'misshandlung', 'gewalttat') und lemethe 
aus dem letzteren citate erhellt, sowie aus 'lif (wergeld) 
and lemethe skelma mith londe bisetta (sicherstellen)', B 



236 VAN HELTEN 

180, 2; 'sa se tha böta and tha' iemethe gDfaldich', B 176, 
18, u. s. w. 

4. Denra (?) in 'Thi erm al of, en half iechtich ield; 
is hr stef and näwettes nette ieftha kortra and crumbera 
ieftba denra, ftftlne skillinga goldes', R2 537, 34—35. Man 
möchte für das in rede stehende adject. das mnl. donne, duenne 
steif (s. Mnl. wtb. i. v. doon) heranziehen, wenn nicht 1. die 
qualität 'steif schon durch das vorhergehende stef (eig. ein 
als adjectiv verwandtes subst. 'stab*) ausgedrückt wäre, und 
2. die mnl. form zweifelsohne zur selben sippe gehörte, wie mhd. 
dort gespannt, don{e) Spannung, ahd. dennen, ags. bennan^ t5enian, 
an. penja extendere, mithin auf urspr. anl. p = ofr. ih hin- 
wiese. Ich vermute, dass hier nicht die form denra, sondern 
devra gemeint ist (das 7i und v sind in unsren mss. manchmal 
gar nicht zu unterscheiden), und erkläre letzteres aus älterem 
*devira^ für ^duvira^ einem comparat. zu *duf kraft-, gefühllos, ^ 
dessen frühere existenz mit hinsieht auf an. dofinn und dofi J 
geftihl-, kraftlosigkeit, für möglich, mit hinsieht auf das nnfr. •- 
duf taub (s. Outzen i. v.) für sehr wahrscheinlich gelten darfi: 
(vgl. wegen der verwantschaft der bedeutungen 'kraftlos' undlä 
*taub' 9M,daufr = 'matt' und 'taub'). Für den gebrauch des^j 
comparatives ist die ähnliche construction im as. und ags.^ 
(s. Siev. Hei. s. 508) zu vergleichen. 

5. Allera dist{h)ik 'quotidie' E^ Für die mutmass-^ 
liehe erklärung dieser sonderbaren form ist folgendes zu be-^ 
achten. 

a) Zur bezeichnung von 'quisque' c. genit. part. findet sicbf^ 
in den ofr. quellen manchmal das pron. ek (aus eJk = ag 
aelc), mit vorhergehendem (in der regel von ailera begleitetem 
subst. oder pron. im gen. pl. Ek erscheint dann entweder all 
selbständiges wort oder es wird an den vorhergehenden ge 
angelehnt (der in folge dieser Verbindung sein -a einbüsst) 
allera monna ek, allera ombechta eckum, thera ekes u. s. w., um 
{allera) monnec, hernek, möndekes (aus monna, hema, mdnda 
ek{es)) u. s. w., sowie (allera) monnik, ierdik (aus monna, ierd- 
ruten + ik, mit / in folge von anlehnung an die indefinit 
hrvelik, iahwelik). 

ß) Dieses ek begegnet im acc. s. ohne flexionsendung: 
allera monnek H 330, 10, ailermo7inic E^ 200, 36, thera dSda 



ZUR LEXICOLOGIE DES ALTOSTFRIESISCHEN. 237 

alier ek R* 63, 4, fori dl{le)rek ihera tviena, dSda R^ 126, 14. 
R2 543, 20 u. 8. w. 

/) Altes (/, zwischen palat. voc. und ursprünglichem e 
(= urgerm, e oder ai), ist in der regel zu J geworden und 
der nach solchem j stehende vocal nahezu immer geschwun- 
den: allera deykes quotidie E^64, 3 (für aller a degekes, aus 
a. dega ekes), deiSj dei, weis, tveie und tvei, g. u. d. s. zu rvei 
weg. In R1R2 begegnet statt des e vor y, aus g, manchmal i, 
welches mit dem J zu % contrahiert wird: dis, di, m (für deis 
u. s. w.). 

rf) Für das urfries. ist die existenz eines instrumental-loc. 
8. m. u. n. auf -% (im überlieferten aofr. -e) der substant. und 
adject. o-stämme anzunehmen (s. weiter unten). 

e) Unter den vielen und verschiedenen zeichen, welche in 
unseren quellen zur darstellung des assibilierten k{k) dienen, be- 
gegnet auch die Verbindung si(J%)\ sthiake kinnbacken (neben 
tziake, ziake = ags. ceoce), sthereke, stherekhof, stiurke, sliurc- 
fr et he (neben tsierspel, szerspel, sziurchof tsiurcpath u. s. w.). 

Mit rücksicht auf das vorhergehende darf es für wahr- 
scheinlich gelten: 

1. dass in unserem allera äist{ti)ik eine Verbindung gleichen 
characters vorliegt, wie in (ail^a) monnik u. s. w,, und das 
st{li) hier den assibiliei-ten aus k hervorgegangenen laut 
repräsentiert; 

2. dass zur bezeichnung von 'quotidie' in dem dialekt 
von Ri ehemals die Verbindungen ailera dik (aus a, dij + ek, 
für a, dega + ek) als acc. und allera dlst{h)e (aus a, dij + 
est{h)iy für a, dega + e{k)ki, aus e{k)Jd) als instrum. im schwang 
waren, und aus den beiden formen dük und disi{h)e eine com- 
promissform dis({h)ik hervorgegangen ist. 

6. E *was8er*. Von dem für das ags. erwiesenen fem. 
consonantstamm *ahw wasser (= aid. äp, ap, s. Beitr. 9, 240) 
finden sich auch im ofr. ganz sichere spuren, und zwar: 1. in 
Ee, dem noch jetzt üblichen namen für das von Aurich nach 
Emden fliessende flüsschen; 2. in Ee, dem aus dem 15. jahrh. 
belegten namen (s. v. R.'s Wtb. 585) für das Westerwolder 
flüsschen (welches jetzt, wie auch früher, s. a. a. o., Aa = got. 
ahwa, heisst); 3. in dem städtenamen Emutha, Emetha E^ 183, 4^ 
H und E* 14,21 (aus *Emütha] vgl. daneben Ämede E^ 250, 1, 



238 VAN HELTEN 

Ämada E^ 250, 20. 256, 28. 257, 2 u. 24, mit a als schreib, fttr 
tonl. voc, aus *Ämüthay mit ä = got. ahwa)] 4. in dem in 
dativo s. belegten nom. pr. Wisere H u. E» 18, 1 u. 12. Selbst- 
verständlich kommt die dem e zu gründe liegende umgelautete 
form urspr. nur dem gen. u. d. s. zu {*ehif aus *eī;i, urspr. 
*ahwiz und *ahwi) und hiess der n. s. urspr. *acÄ (fttr 
*ahw, aus *ahwz, wol mit angleichung fttr urspr. *6hwz\ 
vgl. fttr die constante syncope des intervocalischen h{rv) und 
die ebenso nahezu constante erhaltung des auslaut h{tv) 
als ch: fia, {g)eheid erhöht, ia (ahd. jehan)^ len (ahd. lihan\ 
nä nahe, niar (as. nähor), sia sehen, skia geschehen, tian decem 
u. s. w., und fach reus, furch sulcus, häch, thiach coxa, thruch 
durch, iech prt. zu ia u. s. w.). In folge des Zusammenfalles 
der Suffixe des gen. und dat. s. mit den gekürzten endungen 
des gen. und d. s. der weiblichen t-stämme mnss das nomen 
aber gewiss schon frtth in die klasse der kurzsilbigen i-stämme 
übergetreten sein, also auch im n.-a. s. die form *ek(n?)i an- 
genommen haben, deren jttngerer reflex e war. (Auch im awfr. 
und mni. begegnet dieses e, ee als nomen proprium, s. v. B.'8 
gloss. i. V. a und das Mni. wtb. i. v. ee). 

1. Emenad (?). In der interessanten im ersten Rttstr. 
cod. ttberlieferten eschatologie heisst es vom zehnten tage: 
'Thes tianda dis werth thiu wrald emenad an there selva 
skipnese, therse was, erse üse drochten eskepen hede', 131,3 — 5. 
Fttr die erklärung dieses emenad hat v. K. sich vergeblich 
abgemüht; in der hs. steht, wie mich die coUation derselben, 
belehrt hat, ganz deutlich eivnad = 'geebnet', an der citierten 
stelle the right word at the right place.^) 

8. Edila *avus, proavus'. In den Taalk. Bijdr. 2, 199 u. 
200, hat Kern dieses nomen als das substantivierte adj. eihele 
zu erklären versucht. Gegen diese deutung spricht aber der 
umstand, dass der dental des gedachten subst. {edela, ediles, 
edeles) ganz entschieden die urspr. media ist, weil das nomen 



^) Nur im vorbeigehn erwähne ich die unrichtige deutung des 
slifne als * Schöpfung' in einer stelle aus derselben eschatologie 'Thes 
fiarda dis sa somniatse alle fiskar, ther send an thaT wetiroD, tö^ semine 
and hröpalh al Xo godi and thä" stifne not (d. h. ne wSt) nön manniska 
büta god al ^na', 130, 23—24 u. 14—15. Natürlich kann hier nur süfke 
vox gemeint sein. 



ZUR LEXICOLOGIE DES ALTOSTFRIESISCHEN. 239 

in den hss. R und B, wo eine Schreibung d für th gänzlich 
unbekannt ist (s. weiter unten), ausschliesslich mit d begegnet 
(t. R.'s iesart ethiaR^ 73,33, ist falsch; in der hs. steht deut- 
Ueh edilä) und eihla, etheliSj sich nur in F 28 u. 34 vorfindet, 
d. h. in einem ms., das auch sonst die Schreibung 1h für d 
aufweist, z. b. in siethe 36, hethe 40. 48. 104, möther 34, reihe 
152 u. s. w., für siede, hede prt. v. hebba, moder, rede u. s, w. 
Es muss demnach für die etymologie des wertes unbedingt 
eine form mit d (hd. t) herangezogen werden; und diese liegt 
wirklich vor im ahd. Uoia, mhd, Uoie, wenn anders J. Grimmas 
auffassung dieses nom. propr. als urspr. =?= 'proavia' (Haupt's 
Zschr. 1,21) die richtige ist. Neben uoia wäre dann ein masc. 
*uoto (vgl. den bei Graflf verzeichneten eigennamen Uoio) *pro- 
avus' anzusetzen, welches auf urgerm. *ddon- hinwiese, wozu 
ein ofr. edila als hypokoristisches diminutiv = 'urgross Väterchen' 
ganz trefflich passen würde. 

Statt des zu erwartenden und wirklich einmal (F 10) be- 
gegnenden g. s. edila, -ela findet sich nahezu regelmässig die form 
ediles, edeles R'BHEiE2, ethelis F 28, offenbar eine falsche ana- 
logiebildung nach den anderen verwantschaftsnamen feders, 
emesj in deren begleitung ersteres nomen in unseren citaten 
nahezu ausschliesslich auftritt; (vgl. die analoge entwickelung 
des ofr. gen. mdders, susier s^ dochters, nach dem muster von 
federsy hroihers\ 

9. F& und *hfoä. Die dem ags. fon, hon, ahd. f&han^ 
hähan u. s. w. entsprechenden verba zeigen im ofr. in ihren 
praesensformen einen gängzlich verschiedenen entwickelungs- 
gang: ersteres hat als wurzelvocal ein ä oder e, letzteres ein 
kurzes u als ersteres dement des diphth. uä. Behufs der er- 
klärung dieser discrepanz sind die drei folgenden für das urofr. 
geltenden phonetischen Vorgänge zu beachten. 

a) Vor n + muta wird urgerm. a in hochbetonter silbe zu 
o, wenn die folgsilbe kein j oder / enthält; daher in der über- 
lieferten periode: gong, hond, hongaih (zu *hongia = as. hangon), 
cronCj hond, long, ongneil paronychia, sionda, ihonk, thwongh 
u. s. w. 

ß) Im anfang der (vor der Wirkung des vocal. auslaut- 
gesetzes liegenden) umlautungsperiode (s. oben s. 232) hemmen 
bestimmte nach a stehende consonanten und consonantgruppen^ 



240 VAN HELTEN 

u. a. das n + muta, die Wirkung des j und i\ später aber 
lässt dieser widerstand nach und macht sich j und i auch 
nach diesen consonanten und consonantverbindungen geltend, 
jedoch nicht mit der consequenz, dass sich nicht hier und da 
residua aus der widerstandszeit halten konnten. Nur aus 
solchem Vorgang erklärt sich in der überlieferten periode: in 
Ri angel angelus, brangay hant er greift, santon und esarU^), 
hithanka bedenken, spränget u. s. w., neben hende fessel, {e)gengen, 
ililende, tvend (masc. /-st.) u. s. w.; in R^ orange, efangen^\ 
egangen *), sant (3. s. pr. ind. und p. p.i)), bithancka, neben ende 
finis, gengen (p. p.); in ßi andern (s. oben s. 232), neben ende 
finis, Englesk, brensza, fenszen, undhenda, undhentewi u. s. w.; 
in B2 andgie und andern, neben ende^ bende, brenszay fenszen 
u. s. w.; in H andern, berani zerbricht, neben rende zerbreche, 
tväreni zerbrochen, ende finis, endia, fengnese, hent greift, slent 
steht, stenden gestanden u. s. w.; in E^ andern^ hant er greift, 
berant zerbricht, te sansane zu senken u. s. w.^ neben gehent 
ergriffen, erent, to-, terent zerbrochen, brenza, bende, egenzen, 
mengde, te sendane u. s. w.; in E^ banck, hant er greift, un(t)hant 
erhalten^), hängst, stant er steht, thantze du denkst, want er 
hemmt 234,23, tvant gewandt 214, 25 1) u. s. w., neben hengst, 
went gewandt, bren{d)za, eghensin, stenden u. s. w.; in E^ brauch 
er bringt, ganckt er geht, hant er greift, mantel, sangh er versengt, 
schanght er schenkt, stand er steht, want er wendet, gewant 
u. s. w., neben brengha, brenck er bringt, egenzen, bdldbreng, stvengh 
und wend (i-stämmen); in F anget 56, ganc er geht 46. 120. 
128. 146, ursanc er versenkt 124, skanse er schenke 108, stani 
er steht 12. 34. 52. 66. 152, sant er sendet 150, santehl und 
ursant (p. p.^)) u. s. w., neben brenga 22. 34. 48. 54. 56. 90. 98. 
104. 126. 136, gens gänge 56, to se^idan 134, stenden 84, wend 
(i-st.) passim u. s. w. (Ein vollständiges Verzeichnis der hierher 
gehörigen belege gebe ich in meiner im anfang des folgenden 
Jahres erscheinenden Altostfries, grammat.) 



1) Dass diese praeterita und schw. participia nicht etwa als formen, 
mit urspr. fehlendem mittelvoc, aufzufassen, diese st. participia nicht 
aus einer urforra, auf urspr. -ono-^ zu erklären sind, ergibt sich aus 
dem umstand, dass die oben erwähnte regel vom Übergang des a uk o 
in W und F nur äusserst selten, in den anderen dialekten aber, nie 
ausnahmen erleidet, dass mithin ein dem ahd. santa, gisant», entsprechen- 



ZUR LEXlÖOLOGlE DES ALTOSTPRlESISCHEN. 241 

7) Das n Tor h fällt aus und es tritt dehnung des davor 
stehenden vocals ein. Daher in der überlieferten periode: 
*{bi)netha (s. unten s. 265), kitha verkünden, sith gefährte, 
sitth stark (an. stinnr), müth^ other^ töth u. s. w. Dieser Vor- 
gang ist jüngeren datums als die Wirkung des umlauts, wie 
sich ergibt aus den neben echta verfolgen B^ und B^ begeg- 
nenden formen achta B^E^ und achi{e) Verfolgung, gerichts- 
versammlung B^B; denn bei umgekehrter Chronologie wäre 
a'cht{e)y achta in der überlieferten periode etwas rein unmög- 
liches, weil die erbaltung eines ä vor j oder i in der folgsilbe 
in unseren quellen unerhört ist, mithin ursprüngliches ^anchii-, 
*anchtjO', wo das n + cons. + j oder i den Übergang des a 
in verhindert hatte, nur zu echi{e\ echta (durch ^ächti-j 
*ächtjo-) hätten werden können. 

Mit rücksicht auf den ersten und zweiten dieser Vorgänge 
ist also für die ursprüngliche flexion des praesens der frag- 
lichen verba folgendes zu ermitteln: 

ind. opt. 

8. 1 *fonhd *honhd s. 1 *fonhäm u. s. w. *honhäm u. s. w. 

2 *fanhizi *hanhizi inf. und part. 

3 ^fanhibi *hanhibi *fonhoni *honhoni 
pl. 3 *fonhonbi ^honhontSi ^fonhontüo- *honhont^io- 

Aus diesem *honhoni erklärt sich nun ganz regelrecht der 
nach dem ger. to hwände (der einzigen belegten praesensform) 
für die sprachperiode unserer quellen anzusetzende inf. ^hwä\ 
nur beachte man dabei, dass, wie aus der sehr häufigen Schrei- 
bung der aus *dda, to doande, ^ddath (für "^don, to *ddnde, 
^döth) hervorgegangenen formen, nämlich aus drva facere, to 
dwan{d)e, dwath faciunt 41, 14 u. 21. 57, 16. 69, 11. 71,24. 121, 14. 
122,26. 126,28. 128,6. 197,10. 209,5. 538,32. 539,20. 540,7. 
541,36. 542,1. 544,11; F 22. 34. 56. 104. 106. HO. 124, ganz 
entschieden zu folgern ist, altes 6a durch üa mit accentver- 
schiebung zu üä geworden war, und demnach ein aus ^honhoni 
hervorgegangenes *h6han nach *8yncope des h (vgl. das oben 



des prt und p. p. und ein auf fangono-, gangono- zurückgehendes 
ßt. p. p. wenigstens in R^ und R* als sonion, esont, efongen, egongen^ 
hätten begegnen müssen. 



242 VAN HELTEN 

auf s. 238 aber das intervocaliscbeB h bemerkte) durch *hba[n), 
*hüa(n) zu hüä hätte werdeu mttssen.^) 

Was das andere verbum betrifft, so lehrt uns die ver- 
gleichung der belegten formen fä inf. (aus *fähanj för */ankan) 
und fäih pl. ind. (aus *fähath, für *fanhanth, wegen des th 
des Suffixes s. weiter unten), dass hier statt regelrechter ent- 
wickelung eine zu gunsten des vocals der 2. und 3. s. ind. 
wirkende ausgleichung eingetreten war, und zwar zu der zeit, 
wo die Verbindung nh ihre vor umlaut schützende facultät 
noch nicht aufgegeben hatte. Als dieses aber nachher geschah, 
konnten sich in der 2. und 3. s. ind. statt des urspr. *fanhiz{i), 
^fanhiti{%) die formen *fenhiz{i\ *fenhit5{i) entwickeln, von 
welchen die letztere in der folge durch *fShith das häufig be- 
legte feth ergeben musste (mit th für das bei lau^setzlicher 
entwickelung zu erwartende d, s. unten; für die nicht be- 
legte 2. s. ist nach thu halst, sprekst, comest, hest u. s. w., 
die form *fest aus '''fehis, für *fenhiz{i), anzusetzen). 

Nach dem bisher erörterten wäre für den opt pr. von ß 
eine form fä (aus ^fähai-, ^fanhal-y für ^fonhai-) zu erwarten. 
Statt dessen findet sich aber fe^ offenbar eine analogiebildung 
nach dem opt. sie, skie, ie, zu siä^ skia, iä (s. unten den 
nachtrag). 

10. Fäd. 'Sa hwer sa ma enne menotere bifari mith 
falske tha mith fade an stna skrtne ieftha an stna skäte . . . 
sa ne m! hf ther umbe nena wttha biada' R> 37, 27 — 32. 
'Hwersa ma tä" meutere . . . fad and falsk inna stnra smitha 



^) Eine ganz ähnliche entwicklnng Xä, ans *ta, fttr ia, zeigt das anf 
früheres *Srvia (g. pl. des t-stammes *ewi', *aiwi' tempus) zurückgehende tff, 
der erste compositionsteil der indefinitat^i/i/t^^/f/r jeder and iahweder jeäw 
von beiden H88, 9, E' 88, 9. n. 17; vgl. für die accentverschiebung die 
Schreibung j(h)awe/ik F 32 u. 82, fiir die deutung des ia das agg. äma 
je (g. pl. des o-st. *ärv), Dass übrigens auch für die diphthonge iä 
nnd iu in der überlieferten periode eine ausspräche iä, iü anzunehmen 
ist, erhellt ans der Schreibung tzäke kinnbacken F 70 u. 90 (für tziäkt 
= ags. ceoce), sowie aus dem nmstand, dass vorhergehendes r einige 
male das erstere element des diphthongen absorbiert hat: hräsie, -em E* 
(neben briasi, -e, -em HE^E^F 94), cri^ V 124 (f. crius), fründ E» 186,2 
(wo V. R. falsch friund liest), E3 255,7, F 132. 134. 150, früde^EBi,% 
F 106. 114. 116, früdele F 106 und früdief H 332, 26. 384,31 (l^t fr'mddf 
u. s. w., vgl. oben s. 234). 



ZUR LEXICOLOGIE DES ALTOSTFRIESISCHEN. 243 

ieftha slnre honda, skate ieftha scrtne bigrlpt', E^ 36, 28—32. 
'Hw^rsa ma thä" menteran . . . fad end falesc an honda be- 
gripth', H 36,28 — 30. 'Hwersa ma tba" mentere . . . fad and 
faJsched an der honde bigrlpt', F 20. 'Hwersa ma nimth tbä" 
mena mentre fad ieftha falxsc gold inna stnre hond ieftha sinre 
wald ieftha stnre smitha, sa skel hr tha^ ferna mitthä^ halse 
fella. Sprecman on, thet hi fad ieftha falxke penningar ekeren 
hebbe, sa undungere and swere aforene skilling enne eth', 
B 173,15 — 21. 'Wrthere urwnnen and urdeld ... fon falske 
tha fon fadCj sa hächma sine ferra hond opa tha" thingstapule 
of to slände', Ri27,l— 9. 

Aus diesen stellen ergibt sich zur genüge, dass fad in 
seiner alliterierenden yerbindung mit fälsk (f gold, faixke 
penn) als ein nomen aufzufassen ist, das, wie letzteres (= mhd. 
vcdsch falschmünzerei, falsche münze), eine art falschmünzerei, 
respective falscher münze bezeichnete, also ursprünglich allem 
anscheine nach die allgemeinere bedeutung 'betrug' hatte. 
Dies führt uns selbstverständlich dazu behufs erklärung des 
wertes das got. bifaihdn betrügen heranzuziehen. Aus dem 
urgerm. stamme ^faihd- konnte mit dem suff. -dus (vgl. got. 
aumddtis, wratddus, aus ankjo-, wratd-) ein nomen actionis 
*faihddm gebildet werden, welches im ofr. mit regelrechter 
lautentwickelung durch *fähad zu fdd hat werden müssen.^ 

Was für eine art von falschmünzerei und falscher münze 
war aber speziell mit diesem fäd, was für eine mit falsk ge- 
meint? Hatte ersteres etwa bezug auf eine prägung mit zu 
geringer Währung, letzteres auf die herstell ung von münzen 
aus unrichtigem metall? Diese frage muss m. e. eine offene 
bleiben, weil unsere ofr. quellen, wie aus den obigen citaten 
hervorgeht, in dieser hinsieht keinen anhält gewähren und auch 
die wfr. stellen, wo das fäd, faed begegnet, kein licht über 
den unterschied der bedeutungen verbreiten; vgl. Mef ma äne 
munthere bifucht mit fäde ende mit schrede (d. h. beschnitte- 
nem gelde) ende mit falscher mun(ha\ W 37,27 — 30; 'dat di 
Bchelta moet tingia . . . om onriuchta tolna, om faed, om schreedj 



^) Wie sich im got. neben -dus auch ein snff. -pus findet (in gau- 
ndpus, gaibäurjdfms), hat auch das ofr. neben fäd bildnngen mit -aih, 
wie thrimenatk, itvednaih^ ihingath u. s. w., anfzaweisen. 



244 VAN HELTEN 

om falschene brand u. s. w.', W 421, 17 — 23; Jefter een mimter 
in stnre munthe bigripen wirt.mit fäde ende m\i fälscht de .. . 
so sciima him op da" stapele s5^n band aefslaen ', W 427, 26 — 29; 
'Jeff en man bibala een muntheren biginsen (ertappt) wirt op 
een tolnade merked mit fade ende fälsche de ende \rfi dan 
tiucht io ene muntbere u. s. w.', W 428,28 — 31; 'bweerso ma 
dine frta Fresa wrwinna scbil, dat scbil wessa om f^f ting 
.... dat aerst is om moerd .... dat fiarde is om faed, dat 
f^fte is um screed, W 428, 12—18. 

11. Feithe 'blutschuld, blutracbe', R^HEi. V. Richtbofen 
nimmt für dieses wort identität an mit dem gleicbbedeutenden 
Sig%,f(JehÖ, tibersieht dabei aber, dass der reflex der ags. form 
nicht feithe, sondern fethe sein müsste, weil altem ai vor i (i) 
oder j in der folgesilbe, wenigstens in R^R^BH und E*, aus- 
nahmslos ein e, kein ei entspricht; vgl. benen, bithe, hride 
fläche, dila, eisen quernus, mg, hethin, klSne^ iSra u. s. w. u. s. w. 
(die einzige scheinbare ausnähme beithe ambo E^ 28, 31. 58, 1, 
ist auf eine dem got. bajdps entsprechende urform zurückzu- 
führen). Wo in den genannten dialekten ein ei begegnet, geht 
dasselbe, ausser im erwähnten beithe, als ei auf altes ag, eg^ ge- 
umlautetes ag, ug^ oder als ei auf altes eg {e, aus ä, od. aus umlaut 
hervorgeganges e + g) zurück : dei tag, mei mag, rvei weg, brein 
gehirn, breida stringere, heya hegen, hreil vestis, neu, leyne lüge 
u. 8. w.; mei cognatus, ein eigen, eider (ags. obgber), beya beugen, 
leyna leugnen, leist niedrigst H 333,5. 334,11. 339,31 (aus 
legist B), rireith rügt u. s. w. Statt in fcehtS wäre demnach mit 
besserem rechte im ags. fcegti mors imminens (aus fok^e) die 
lautliche entsprechung des ofr. mit e angesetzten feithe zu er- 
kennen. Wie aber würde sich dann die Verschiedenheit der 
bedeutungen im ags. und ofr. erklären? Wie ich glaubOi ganz 
einfach aus einer gar wenig befremdlichen Verwechslung der 
beiden zur spräche gebrachten begrifflich und lautlich einander 
so überaus ähnlichen nomina, des zu fach reus gehörenden 
* fethe blutschuld, urspr. *fShith{e), und des zu *feie oder *fSge 
cui mors imminet gehörenden ^feithe mors imminens, urspr. 
*fegith{e). 

Eine nicht unwichtige stütze erhält diese deutung durch 
die im wfr. für ofr. fach auftretende form fäy reus, der gericht- 



ZUR LEXICOLOGIE DES ALTOSTFRIESISCHEN. 245 

liehen Verfolgung ausgesetzt.^) An lautliche Übereinstimmung 
der beiden formen ist hier keineswegs zu denken, weil das 
ch und das daraus mit falscher analogie entwickelte g (in den 
flectierten casus) nie zu j werden. Hingegen begreift sich das 
wfr. j vollkommen aus einer beeinflussung des fach durch das 
adj. *fei (aus *feQe\ welches letzterem werte zwar in lautlicher 
hinsieht ziemlich fern stand, dasselbe aber in der bedeutung 
sehr nahe streifte. 

Wahrscheinlich war solches fäi auch in dem durch E'^ 
repräsentierten dialekte im schwang; denn nur aus einer an- 
lehnung an diese form würde sich m. a. n. das in E^ begeg- 
nende f&ythe blutschuld (= wfr. faxte inimicitiae), für feithe^ er- 
klären. 

12. Femne u. s. w. 'virgo\ Dem Sign, f^mne (aus */a^*w- 
nidn-) entsprechen im ofr. die folgenden lautlich mehr oder 
weniger von einander abweichenden formen: 

femne E, mit umgelauteten ä, aus ai] 

fämne HE^ (vgl. das nnfr. bei Outzen verzeichnete faamen^ 
und das nwfr. in Epkema's Wtb. zu G. Jap. aufgeführte 
famnen, -in, plur.), das sich zu femne verhält, wie framde R^E^E^, 
kämmet h gebrechlich gemacht E^, hamed{e) hemd E^, kampa 
kempe RiR^BHEiF 34, kampa kämpfen BE«, framma F 44 u. s. w., 
zu fremede B, fremethe, fremde E^F 46. 118. 138. 140. 142, ehem- 
med H, hemethe, -de HEiE2F126, kempa (subst.) HE^ kempa 
(verb.) BH, efremid und fremme R^E^ u. s. w.; 

f&mme H (vgl. nwfr. faem in Epk.'8 Wtb. u. Wassenbergh's 
Bijdr. 1, 162), mit assimilierung des n, und fänne E^ (vgl. nwfr. 
vaanen pl. in Wassenbergh's Bijdr. 2, 11), mit assimil. des m 
(vgl. ahd. stimmü neben nennan)\ 

fömne E^ 26,30. 68, 28 2), fdnne E^ 198,33. 207,36 u. 37. 
208,23), oder mit einfach geschriebenem n föne E^ (vgl. nofr. 



^) V. R. erklärt die beiden adjectiva unrichtig als == 'dem tode 
verfallen*. 

>) y. R. liest an letzter st. fowne\ die genane betrachtnng des 
Wortes in der hs. ergibt aber, dass daselbst ursprünglich fomne stand, 
welches von einer späteren hand (mit jetzt schon bedeutend verblasster 
tinte) in fowne geändert wurde. 

^) y. R. liest an allen vier stellen falsch fovne. Die hs. hat föne. 

Beiträge sur gesohiohte der deutschen spräche. XIY. \1 



246 VAN HELTEN 

/öÄn, Cad.-M. s. 37), und ßwne B (vgl. im jetz. Sagelterl. föwne, 
Hett-Posth. Onze reis naar Sagelterl. 8. 237), deren laute b 
und btv^ welche unmöglich aus einem phonetischen processe 
hervorgegangen sein können (ein b, aus & = altem ai^ und 
ein w^ aus m, sind im ofr. unerhört), begreiflich werden bei 
der annähme einer anlehnung des nomens an frbwe, 

13. Fer{e)th. Im Wörterb. wird dieses nomen, als wenn 
es zwei homonyma dieser form gäbe, zweimal aufgeführt, und 
respective mit .'verbrechen' und 'vermögen' übersetzt. Eine 
genaue prüfung der verschiedenen belegstellen ergibt aber 
ganz klar, dass hier überall ein und dasselbe wort, mit ein 
und derselben bedeutung *vita' (also = ags. /(?r&), vorliegt. 

E^ Seite 30 u. 31, an welcher stelle nach einer einleitung, 
welche den satz enthält, dass die Friesen ihre 'firna' in der 
regel 'mithaT fia fella' (mit geld büssen) können, die fünf 
*wenda', d. h. die fünf ausnahmefälle, erwähnt werden, wo die 
'firne' so schwerer natur ist, dass dieselbe mit der todesstrafe 
(erhängung, ertränkung u. s. w.) gebüsst werden muss und der 
Verbrecher, wie am Schlüsse jedes *wend(es)' zu lesen ist, *ne 
thör umbe sinne (sin) fereth nenne (nänne) fia biada'. 

H s. 30 u. 31, wo mit bezug auf denselben satz drei aus- 
nahmefälle verzeichnet sind, in welchen der Verbrecher mit 
seinem leben büssen muss, und am Schlüsse jedes abschnittes 
respective die bemerkung steht, 'ne thörma umbe sin fereth 
fia biada', 'sa ne ächma umbe sin fereth nSn fia te biadane', 
'sa ach hf umbe sin fereth nenne fia biada'. 

El 101, 11— 12, 'theth thera frouuena ek ene fri kere ächta 
wif (/. with) huuene hin hire llf l^de and hire fereth mengde', wo 
die drei letzteren werte gewissermassen eine tautologie des 'hire 
lif 15^de' repräsentieren. (Die mnd. parallele des betreffenden 
ausdruckes 'ende eer goet mengh^n' fällt hier nicht ins ge- 
wicht, weil die ndd. Übersetzer an mehreren stellen den klarsten 
beweis liefern, dass ihre kenntnisse des fr. ziemlich mangelhaft 
waren). 

H 50,15—21, 'Thit lond, ther thu mfumbe tö^tha thinge 
lathad best, thet cäpade ic et ene Rümfara (pilger); ht Ißtte 
(führte) inür berg fia ande fereth end nerede mithäT fia bfithe 
lif ande sele'; und F 26, 'Thet lond, ther thff sökest tT thisse 



ZUR LEXICOLOGIE DES ALTOSTFRIESISCHEN. 247 

monney thet käpat In et ena Rümfaranda; W lette inür berch 
sin fereth and sin fia ther nuthe' (vom herausgeber falsch 
gelesen für mithe] vgl. die parallelstelle in E^, wo 'hf ferde 
inür berch fei and fläsc and thet fia th6r mithe' 50, 18 u. 19, 
das 'hr lette .... fia ande fereth^ u. *s. fer a. s. fid* aus H 
und F ersetzt 1). 

Wegen der svarabhakti in fereth (es findet sich nur ein- 
mal /er^Ä £131,18) vgl. erim brachium, ererva, ererve heres; 
wegen des aus ^nnef. und nnf. (a. s.) hervorgehenden zweierlei 
genus das ags. ferti masc. und neutr. 

In H 30,5 — 7, 'hfne muge thä" sende mith festa and thet 
fereth mith fia gefeile', wo das obj. von 'gefelle' ein nomen 
sein muss, mit der bedeutung Werbrechen' (vgl. die parallelst, 
in £^30, 4, 'alle Fresa mughen hira firna mithä" fia fella', 
und die in H unmittelbar vorangehenden werte 'thäT sette hf 
alle firna a fia and a festa'), ist zweifelsohne thet fereth nur 
verderbte lesart für tha firna. 

14. Fere und fremo^ in: *ftf wenda, ther send alle 
Freson fremo and fere\ Ri33, 6; 'and hr flror fiucht tha 
ähwedder sß fremo ieftha fere\ R^ 57,30; Uhä" kera, th6r 
hiara londe send and hiara liodon betha fremo and fere\ 
K* 115,6; 'thet is allera londa /ere, thett6"r nen mon erge ne 
dwe', RM21, 12. V. R.'s auffassung der erwähnten nomina 
{fremo = ahd. fruma, fere = an. faer sufficiens, habilis) ist zu 
verwerfen. Fremo ist selbstverständlich identisch mit ags. 
fremu vorteil; fere, welches also ebenfalls nur Substantiv sein 
kann, entspricht dem ahd. gifuori commodum, lucrum (wegen 
dem Schwund des gi s. oben s. 234). 

Besondere beachtung beansprucht dies fremo in gramma- 
tischer hinsieht, weil dasselbe 1. die einzige form ist, wo sich 
das alte suff. des n. s. fem. behauptet hat, und 2. zu gleicher 
zeit den beweis liefert, dass die fem. abstractbildungen auf 
urspr. -I sich im ofr. in gleicher richtung entwickelt haben, wie 
im ags. Die alte flexionsendung -u begegnet nämlich in 
BH£i£2£3 und F ausnahmlos als tonl. -e: im n.-a. pl. n. der 



Die parallelstelle in R^ 'hf latte inür berch betha fei and fläsk 
and sin Vif thredda' (51, 19—21) ist offenbar verderbt, indem daselbst 
das überflüssige l\f ein ursprüngliches fia verdrängt hat 

VI* 



ä48 Van Selten 

kurzsilb. o-st. hode, feke, hole, loke, skere, ts{i)urcpathe, grün- 
diete (s. das Wtb. und F 6. 108. 138), im n.-a. s. der kurzsilb. 
w-st. frethe, sune (s. das Wtb. und F pass.), im n. s. der 
kurzsilb. ö-st. bare klage vor gericht F 146, klage, weinfere, 
scome, seke, were lippe (Wtb.), oniele F 46, im n. s. der fem. 
i-st. sinkele immerwährende kahlheit (vgl. ahd. chalm), kalde, hite, 
menie (Wtb. u. F 60. 64. 66. 68. 70. 72. 76 u. s. w.), fide multum, 
in der 1. s. pr. ind. spreke, bidde, bt/fele^ hebbe, bikenne (Wtb.). 
Nur R^ und R^ zeigen hier grösseren conservatismus, indem 
sie gedachtes sufF., wenn sich wenigstens keine analogischen 
einflösse gelten Hessen, als -u oder -o erhalten haben: im n.-a. 
pl. n. der kurzsilb. o-st. bodo, gersoj skero, skipu\ im n.-a. s. der 
kurzsilb. t^-st. fretho, sunu, felo multum; doch im n. s. f. were 
lippe und kalde, hite, menie (v. R. liest Ri 51, 1 falsch mem)^ 
wo das -0, -u dem einflusse der flectierten casus des sing, auf 
-e gewichen ist (die 1. s. pr. ind. ist hier nicht belegt). Dem- 
nach wäre also auch für das nomen (=» as. frumi) die ersetzung 
des alten n. s. fremo durch freme zu erwarten; dass dieselbe 
aber nicht stattgefunden, erklärt sich offenbar aus dem um- 
stand, dass der factor für die genesis eines nominalsuf&xes -e 
hier fehlte, m. a. w. dass genanntes nomen zu der zeit, wo 
die endung -e in schwang kam, nur noch ausschliesslich, wie 
in den vorstehenden belegstellen, in praedicativer function als 
nom. im gebrauch war. 

In Hh@r efter skatha and freana a tuä', £^ 207, 8, ist das 
freana wol mit v. R. als verschreibung für den n. pl. frema 
aufzufassen. 

16. Fre und frey. Die dem ahd. frao {frawir) ent- 
sprechende ofr. form war fri^ wie sich aus der folgenden (im 
Wtb. nicht beachteten) stelle ergibt: 'Sa hwäT sa thit riucht 
halt, sa is hr godi härsum antä" riuchte. ,Sa hwä" sa üs Frison 
thes riuchtes biräve, sa werth hr berävad anna himulrlke fon 
godi and fon alle sine heligon, sa werth him edömad and 
cdeled thiu nivent (quid?) hille. Thes send fri to' thaT iungosta 
dl alle thä, the thit riucht haldath, hwante god üse hera th! 
skil se leda to'thä'euga himulrtke', Ri 130,5—14. Das wort 
zeigt dieselbe lautliche entwickelung wie fe oder pM panun, 
d. h., wie dieses, ist es die verallgemeinerte aus dem instrom.- 



ZUR LEXICOLOGIE DES ALTOSTFRIESISCHEN. 249 

loc, eingedrungene form: fre {fe\ für '^fre{rv)i {*fe(w)i), urspr. 
*fram {^farvi). Wegen des ausfalles des tv s. oben s. 233, 
wegen des instr.-loc. auf urspr. 4 s. weiter unten; vgl. die 
parallele *m novus, flect. nie, -a, mit Verallgemeinerung der 
im instr.-loc. aus ^nirvi^ urspr. *niw%, entwickelten form. 

Neben fre findet sich in derselben bedeutung einmal die 
form frey ('Tha thit bref birät was, hü frey monich Fresa thes 
was!' F 40), welche sonst, wenigstens in F, das in den anderen 
dialekten sowie auch in F 44 u. 50 begegnende fri vertritt: 
*Alle sehen (sollen) wesa frey and fulbern, äynervat an in- 
setene liude', F 10; 'hit ne se thet thi other biade thera fior 
nedschlnena hwelic, thetti freia Fresa fon riuchta ach töT duäne', 
F 22; *Thet ma thä" Fresan thä" witta oftä" halse spande and 
hia ammermär frei w6re', F 38; 'hü hit alle folke trowe were, 
thet alle Fresan frei were, thi berna and thi uneberna, alsa 
longe sa thi wint fontä" wolcnum wßide and thio wralde 
stonde', F 42; 4het thio frle Fresinne kome on thes freia 
Fresa were', F 44; *alsa thi freia Fresa mither /rm Fresinna 
scold', F 44; *Thi deken schel wesa frei and fresic (1. fresc) 
and fulwiget and sin riucht uneforlern', F 48; 'hit ne se thetti 
hera schele thet lond sella an cäp iefta an wixile, sa is alle 
londa ec an käp frei\ F 136; und Hi freia Fresa', F 50 
freihiran, friihalSy freymon, freykap^ friybem F 38. 12. 104. 166 
u. 144. Vgl. auch im nofr. frei liber (Ten Doomk. K. i. v.) 
Eine lautliche erklärung dieses frey wäre nicht möglich ; weder 
aus fre noch aus fri hätte sich auf phonetischem wege eine 
form mit ey (oder ey) entwicklen können. Wäre es deshalb 
zu kühn das wort als eine aus fre und fri gebildete compro- 
missform aufzufassen, deren genesis sich aus dem innigen Zu- 
sammenhang der begriffe *froh' und 'frei' sehr gut erklären 
liesse? Vgl. die Verbindungen frank und froh oder fröhlich, 
vri unde vroelich, fri und sere fröudehaft (D. Wtb. 4, 56 u. 97) 
und das nl. vrijheid blijheid. 

16. Gäd iu 'wersa en man nime en wif tö^quern and tö" 



^) V. R. bat dieses wort falsch aufgefasst, indem er dasselbe in 
*tbä"letha alsa thä" liava' und ^thi bläta (der arme) is Uthast alra näta' 
mit let (got. lats) identificierte (vgl. Kern in Taalk. Bijdr. 2, 174). 



250 VAN HELTEN 

küüder^) enti alsadena thianeste sa him gäd were\ H 100, 1—3; 
'hwersa h!r en mon wif nime töT kü and querna and töT alsa- 
dene thianeste sa him gäd were', E^ 101,1 — 3. Die möglich- 
keit eines Schreibfehlers gäd f&r göd ist hier wol ausgeschlossen, 
und die von v. R. befürwortete annähme einer identität des 
gäd und gdd wäre unstatthaft, weil das ofr. in voUbetonter silbe 
kein ä für urspr. d kennt. Das wort ist offenbar kein an- 
deres wie das ags. gäd, welches nicht nur, wie got. gaidrvy 
für 'egestas', sondern auch für 'appetitus' gilt, wie aas der in 
Grein's Wtb. aus Bo. citierten stelle 'nis him wilna gäd, ne 
meara ne mädma', hervorgeht. 

17. Gäm(L Die pluralia mit coUectiver bedeutung wer- 
den in unseren quellen manchmal mit dem unbestimmten artik. 
en verbunden: im nom. oder acc. ena bara klage B 181, 17, 
ena iewa F 142, ene hdrnegieva H, ene fletieva H 48,26, ena 
oder en{e) läwa (in *hwersar is en Sdeles läwa\ 'hwersar en{e) 
lärva lewed rvirdath\ *thet send ene {ena) läva\ E^E^), im 
STvarta benda, Sna reilbenda R^ 97, 1 u. 5, Sna riribende (in *thet 
send e, r.') E^ 96 no. 6, ene hrembendar (in ^send hit Ar.') E^ 
235, 9 (vgl. für den gebrauch des plurals bara, ieva, läva als 
collectiv die belegstellen im Wtb.^), für den gleichen gebrauch 
von benda und dessen composita nid-, slot-, hiribenda R^ 123,5. 
97, 8. 10 u. 11). Die beachtung dieser syntactischen eigentttm- 
lichkeit ermöglicht uns die richtige deutung des ena grata 
gäma, eines zu *gäme (= ahd. gouma cura) gehörigen acc. pl, 
in 'Tha' thet was thet Rümera, thä" unriuchta liode, paus Leo 
ütbrecon stna twä skßna ägon, tha" hwet (quid?) yf\ Frisa 
thä" kinig Kerle fon tha" sigun selondon sigun hundred folkes 
santon; thä" dede god use kera ena grata gäma, thet wf Fresa 
thene sl (sieg) wnnon', Ri 127,15—21. 

V. R. identificiert dies gäma mit dem ags. as. gaman freude; 
dieses hätte aber im ofr., wo das n der ableitungssuffixe, im 



>) Einen sonderbaren irrtum begeht v. B., indem er dies üder »Is 
uder in der bedeutung 'entweder' auffasst. Ein disjunctivam wäre hier 
gar nicht am platze and eine form uder für das sonst begegnende 
ährvedder oder ävder, ^Jrrf^r = * entweder' wäre ganz anerklärlich, tder 
ist hier selbstverständlich = ahd. ütar eater. 

^) Wo aber ieva zum teil falsch als sing, aufgeführt ist 



ZUR LEXICOLOGIE DES ALTOSTFRIESISCHEN. 251 

gegensatz zu dem n der flexiongendungen, erhalten bleibt, 
gaman heissen müssen. 

18. Hion, hiun und sinhigen, sennene, sinnane, 
senne. Zu den aus urspr. dual hervorgegangenen neutris 
ofr. alder parens (Beitr. 7, 486 anm. 2) und as. hreost, ags. 
briost, an. &r;ö^^ (Beitr. 8,510), gesellt sich als drittes im bunde 
ofr. hion Ri, hiun HE^ (neutr. pl. tant. = 'ehegatten, ehe, haus- 
genossen), an. hjün, hjön (neutr. s. = 'dienerschaft', neutr. pl. 
tant. = 'ehepaar')» ahd. hihun^ htwen (pl. neutr. = ^ehegatten', 
* dienet*), as. sinhtnmn (oder mit kttrzung sinhimun'i ntr. pl. = 
'ehegatten'), aus urgerm. *{sin)hiwon6, dem dual eines n-stammes 
^htwon' (vgl. ahd. hio maritus und as. Mwon, -wn, d. s. zu *htwa 
uxor; wegen dem ausfall des rv nach % oder i im ofr. siehe 
twia bis, thria ter = ags^ iwirva, Öriwa, spie F 108 und spige 
opt. pr., mit g aus hiatusfQllendem j, aus *spirve, urspr. ^spitvai-, 
fiar in fiarda, fiarföte, kniu genua H 340, 7, E^ 228, 2, E» 229, 2, 
aus *knirvu u. s. w.; wegen der contraction des i + u, zu m, 
/o, deren diphthongischer Charakter sich aus den doppelformen 
hiun und hion ergibt 9, vgl. man friond ß, friund BHE^E^E^ 
F 18. 32. 114. 134. 146. 148, und beachte auch was oben s. 242 
anm. über die accentverschiebung bemerkt ist). 

Als compositum dieses hiun^ hion, begegnen die formen 
sinhigen R^, sinnane E^, sennene B, senne E^ (als nom. neutr. pl. 
= 'ehegatten*), welche auf altes *sinhiwind (mit -in-, für -on-, 
aus dem gen.-loc. dual, ^hiwinös) zurückgehen; (vgl. auch das 
wfr. hinena und hpnem g. und d. pl. zu *hin, aus *hiwin'). In 
sinhigen, das mit hinsieht auf sinnane u. s. w. mit gekürztem 
voc. in tiefbetonter silbe anzusetzen] ist (vgl. die oben s. 234 
erwähnten formen däddel, sceltata u. s. w.), steht das g für 
hiatusfüllendes j, wie z. b. in spige er speie, hltgene bekenntnis, 
Beygeron ß^ 133, 29, (e)mged geweiht, rvigene und wigelsa 
weihung u. s. w. In sinnane hat sich das h dem n assimiliert 
und ist der gekürzte wurzelvocal zum tonlosen (mit a bezeich- 
neten) laut herabgesunken (wegen dieser Schreibung a in E^ 



^) Für das iu der anderen dialekte haben R^ und R^ vor dental 
ausnahmslos io : diore, ßor ignis, krioce, liode, sione, üthiot, fliot, 
kiost u. s. w. in R*R*, neben diure, fiur, liude, siune, siuth u. s. w. in 
BHEifiäEsF. 



252 VAN HELTEN 

vgl z. b. ihriman 226, 24 1) für sonstiges thrimen{e), rSdane 206, 
34 u. 35, fbr reäenej aus *rddini-j s. unten s. 257, den n. pl. q. 
etmelda E^ 222, 23 den n. s. f. wera lippe 21 8, 27 1) und wira 218, 23, 
den n.-a. pl. liuda 141,5. 206,33, den a. s. m. ena, ^n(n)a 143,13. 
182,16. 184, 4 u. 31. 188,26. 234, 18 u. 20. 232,20. 238,llu.l9, 
für etmelde, rvere, rvire, liude, enne, änne). Senne^ wo dieser tonl. 
voc. synkopiert ist, und sennene dessen zweites e nach sennane 
und senne als das zeichen für tonlos, laut gelten muss, haben 
e aus i vor n, wie z. b. onbiienne initio (in der hs. steht falsch 
onbüennene), biienne ineipiat, bigen, bigent ineipio, -it, send sunt 
Wegen des Suffixes -e in sinnane u. s. w. sind die npminative 
und accusative pl. n. dernej däd{d)ele, folke, berne, londe, we- 
sencline F 46, niftline F 138 u. s. w., wegen der form sinhigen 
die nom. und acc. pl. wetir, [alderj däd{d)elj kiM^ pund u. s. w. 
zu vergleichen. 

19. Hliet und hleth. Letztere form findet sich an einer 
stelle aus E^ 46, 17 — 19: 'and thenna thiu thiustera nacht 
and thi neetkalda winter ür thä" thüner hleth\ Nach Kern 
(Taalk. Bijdr. 2, 191 ff.) soll hier eine verschreibung für Jüepih^ 
d. h. hlepth, der 3. s. pr. ind. zu hläpa^ vorliegen. Die parallel- 
stelle aus F bestätigt diese sonst an und für sich plausible 
Vermutung nicht. Es heisst im letzteren ms. s. 24: and thenna 
tio (1. thi) thiuster niwel and nedcalda winter and thio longe 
thiustre nacht on thaT tünan hliet\ Die erklärung dieses Miet 
macht keine Schwierigkeit: mit rücksicht auf die oben auf 
s. 251 nachgewiesene regel für den ausfall des rv liegt es ganz 
nah für die in rede stehende form an die möglichkeit eines 
nämlichen Vorgangs zu denken; und wirklich wäre ein solches 
hliet, aus *hliwiih, der 3. s. pr. ind. zu einem aus hlitvo- decke 
(= ofr. Äß, aus ^hlitv) gebildeten denominativ *hliw(j)a{n) = 
'sich als decke ausbreiten', an der vorstehenden stelle voll- 
kommen am platze. Ich stehe deshalb nicht an das hleth aus 
E^ nach diesem hliet in hliet h zu ändern. 

20. Unhlest, Die bedeutung und etymologie des awfr. 
hl est und un-, on-, oenhlest hat Müllenhofl^, Zs. fda. 9, 127 f., 
klargelegt. Mit bezug auf das daselbst erörterte bemerke ich 
noch folgendes. 



^) V. R. liest hier falsch thrimen, rvere. 



ZÜE LEXICOLOGIE DES ALTOSTFRIESISCHEN. 253 

Auch für das ofr. ist dasselbe unMest mit den beiden be- 
deutungen 'das lärmen, die ruhestörüng bei einer gerichtlichen 
Verhandlung' und 'lärm (im allgemeinen)' zu belegen: 'sa ach 
hr (der äsega) him to" urbonnana thingslitene, dernsöne ... an 
unhlest\ F 136; 'thet thio frie Fresinne köme on thes freia 
Fresa were mith hornes hlüde, mith büra unhlesty mith bekana 
bronde and mith winna songe, F 44. Im mnd. findet sich Un- 
lust in der ersteren bedeutung als object der verba ddn und 
vorbSden (Lübb.-Sch. i. v.). Letzterer ausdruck gehörte als 'ic 
vorbede unlusV zur formel, womit der versitzende die gericht- 
liche Verhandlung eröffnete. In Holland bediente sich der 
richter oder schulze ehemals bei solcher gelegenheit desselben 
ausdrucks, verband mit dem verbot der ruhestörüng aber zu- 
gleich die aufforderung zur aufmerksamkeit; vgl. die in process- 
acten aus dem 15. jahrh. häufig begegnende formel 'ic ghe- 
biede lust, ic verbiede onlusV N. Bijdr. voor Rechtsgel. en 
Wetgev. 5, 399, Matth. Rechtsboek v. d. Briel s. 138, Oude 
Rechten van Dordrecht I, 357. 360. 375, II, 310. 320 u. s. w. 

21. Höxnath und hexnath. Dass diese beiden verba 
nicht, wie v. R. meinte, 'behext', sondern 'die sehnen an den 
füssen durchschneidet' bedeuten und hexnaih regelrecht einer 
ahd. nach der 1. s. pr. ind. hahsend, hasind subnervo anzu- 
setzenden 3. 8. hahsindt entspricht, hat Kern bereits erwiesen 
in seinen schon mehrfach erwähnten wertvollen bemerkungen 
zum altfries. (Taalk. Bijdr. 2, 173). Dass aber, wie a. a. o. 
angenommen wird, ebenfalls ersteres wort (als hoxnath) mit 
diesem hahsindt zu identificieren wäre, unterliegt berechtigtem 
zweifei; denn sogar für den fall, dass es im älteren ofr. 
neben *hahsin(d)ia(n) auch noch ein hahsan{ä)ia(n) gegeben 
hätte, wäre die entwickelung eines hoxnia unmöglich ge- 
wesen, weil altes a vor a:, aus hs (vgl. fax^ sax, Saxa, waxy 
waxa) nie zu o wird. Ich möchte es deshalb vorziehen hoxnath 
als hoxnath anzusetzen und dieses als denominativ aus einem 
dem ags. und wfr. hdxene poples entsprechendem subst. her- 
zuleiten. 

23. Reclin und hreclit (?) Als name für das äusserste 
weibergewand (das in E^ 224, 26, £2 224, 26 und E» 225, 27, 
mit thet üterste, utterste oder forme cläth bezeichnet wird) 
findet sich in H 340, 13, die form hreclit: 'eure fröwa hire 



254 VAN HELTEN 

thriu cläthar thruchsnithen, thet hreciit . . . thet möther (das 
mieder) . . . thet hemethe'; in F 126 die form reckim: '6nre 
fröwa hire thria clecht (1. clßtht) thruchesnithin, thet reckim bf 
XI scill, thet other clecht (1. cletht) bf XXX enzem, thet 
hemethe h'i sogen merknm'. Sehr wahrscheinlich liegen hier 
nicht zwei verschiedene Wörter vor, sondern repräsentiert 
hreciit nur eine verschreibung für das wirklich gemeinte kreclin^ 
welches mit schwund des h in recklin begegnet und als dimi- 
nutivform aus hrec (d. h. eigentl. hregg, mit explos.) dorsum 
dieselbe begriffliche entwicklung zeigt, wie ahd. armilo manica, 
fingin ring, füstiling handschuh, ags. healsod caputium, mhd. 
vingeride, vingerlinc, -lin, mnl. knieling ocrea, nnl. voetelingh 
strumpf (vergl. Kluge, Nom. Stammb. § 64 und meine Vondel- 
grammat. § SO). 

23. Hrelxc. *£n hreräf, thet him thet utterste cleth of- 
ginimen werth ieftha en Itcräf on tha' wei went werth, eider 
en antuintech punda ieftha €n and tuintech etha; wert hit bi- 
fuchten, öuder mith orde stet ieftha mit suerde häwen, sex 
and thritech punda ieftha sex anthritech etha; is hit hreHc 
räwad, tuä and sogentech punda ieftha alsa monege ethar.* 
H 339, 34—37 und 340, 1—4. 

Zur erklärung dieses hreUc zieht v. R. das ags. hräHe 
funebris heran. Wären aber bei solcher auffassung die worte 
'is .... räwad' auch nur einigermassen verständlich? 

Der umstand, dass im vorstehenden paragraphen die nach 
einander erwähnten verbrechen immer mit schwererer strafe 
bedroht werden, führt zum notwendigen Schlüsse, dass die er- 
schwerung der strafe mit dem ernsteren character des Ver- 
brechens im zusammenhange steht. Einundzwanzig pf. hat 
derjenige zu entrichten, der einen leichnam des äussersten ge- 
wandes beraubt oder ein leichenbegängnis stört; sechsund- 
dreissig pf , der einen leichnam verwundet; zweiundsiebzig pf. 
aber, der mit bezug auf einen leichnam irgend ein noch 
schwereres verbrechen verübt, welches durch Ms ..., räwad' 
ausgedrückt werden soll. Und was könnte dieses, wo es hier 
offenbar von raub die rede ist, wol anders sein als der raub 
des leichnams selber, d. h. grade das, was die in frage stehen- 
den Worte ausdrücken, wenn ^is hit rAiWad' für den eigent- 
lichen text, hrelxc in der bedeutung Meichnam' (als karma- 



ZUR LEXICOLOGIE DES ALTOSTFRIESISCHEN. 255 

dhäraya-compos. aus hre und Hc) fbr eine glosse des 'hit' 
gelten darf? 

Nebenbei bemerke ich mit bezug auf den anfang des be- 
sprochenen Paragraphen, dass derselbe einer kleinen correctur 
bedürftig ist; es stand daselbst zweifelsohne ursprünglich: ^£n 
hreräf iefiha en lücräf, thet him th. utt. cl. ofg. w. ieftha on 
th. w. w. werth'. (Wegen dem fehlen des hü als subj. des 
verbums 'went weilh' vgl. z. b. im as.: ^bigan im is hugi 
wallan . . . gihorde seggean tho*, Hei. 607 u. 608; 'tho ward thero 
thegno hugi blidi an iro briostun, bi them böcna forstödun', 
Ib. 665 u. 666; 'was im thero wordo niut, thaThtun endi thago- 
dun', Ib. 1582 u. 1583; 'Ni was gio Judeono bethiu lethes 
liudskepies gilöbo thiu betara an thene helagon Grist ac hab- 
dun im hardene möd', Ib. 2361 u. 2362; s. auch über diese 
syntactische eigenheit meine Yondel-gramm. § 202). 

24. Hrech. Hva'sa enne serk (sarg) undwertzie (aus- 
grabe) anteth hlid ofnime, LXXII menetpunda te böte ieftha 
LXXII etha. Hrechma thene Uccoma (oder liccoma?) of thä" 
serke, eft LXXII menetpunda ieftha LXXII etha', H 340, 12—14. 
V. R. zieht zur erklärung dieses hrech das an. hrekja pellere, 
vexare heran. Mit rücksicht auf die form wäre dagegen zwar 
nichts einzuwenden (vgl. z. b. das häufige hrech und spreche 
neben brecht, sprecht und brekth, sprekth, sowie die langsilbigen 
ganch, gench, branch, brench, schanch E^ 229, 25, räch F 112, 
neben guncht, ganckt, brencht, schanght E* 229, 24, scanc, 
scenc, rächt^ recht u. s. w.). Was sollte aber an der citierten 
stelle ein verb. in der bedeutung 'pellit, vexat' machen? Es 
geht ja aus dem Zusammenhang ganz klar hervor, dass mit 
hrech ein begriff 'hervorzieht, hervorholt' gemeint ist. Ich ver- 
mute, dass hier eine form vorliegt, die zu einem verb. ^reka 
gehört, das im got. (als n'Aran) 'sammlen', im ahd. {^X^rehhan) 
'zusammenscharren', im mnl. aber 'scharren' und mit aus- 
dehnung des begriffes 'holen, ziehen' bedeutet (vgl. 'Enen 
coeke . . . si thant in dasschen raken\ Lekensp. 3, 3, 1042; 
'Ende rac uut den coeke sciere'. Ib. 1064; 'Tfier rachi weder 
toe', Ib. 1068; 'Oec willen die heren tsamen reken Groten 
schat', V. Hildeg. s. 210, vs. 310; und 'Doe dede Floris reken 
in sine male Enen guldinen cop al metter scale', Fl. e. Bl. 1704; 
' Doe dede Floris reken . . . Enen mantel, dien hi sinen werd 



256 VAN HELTEN 

boet', Ib. 1900; *dat onse herte es gereken in sonden', IV Hart 
283; 'Doe ghinc die coninc daert, d. h. das schwert, lach Met 
enen pellele bewoDden, Ende reket voort ten selven stonden', 
WaL 3314, wo das verb. die unurspr. schw. form hat). Zwar 
scheint das anlaut. hr gegen diese deutung zu sprechen; man 
vgl. jedoch die Schreibungen berheda E^ 224, 35, iö' hrekane 
F 148, hrediewen E^ 215,18, hrock vestis E^ (für beredOy io 
rekane, rediewen, rock\ welche die möglichkeit einer Schreibung 
hrech für rech dartun. 

26. Hreth, areth. Hva^sa then brond stät inna thes 
ötheres hüs anda ma thet hrethf thria merc', E^ 231, 21 u. 22. 
'HwSrsa ma farth töT howe and tö" hüse mith thera bernande 
glcde and tbä inna thet hüs stät and ma thet hüs areth, ief 
ma hit inwey and ütwey makath, sa is thera bütha äyder by" 
thrim merkum' E^ 230, 15— 19. Nach v. R. sollte das hreth 
aus E^ für reth stehen und 'spricht' bedeuten, das areth ans 
E2 in arenth zu ändern und dieses als = * einrennt' zu er- 
klären sein. Eine bedeutung 'spricht' wäre aber an ersterer 
stelle unsinnig; und die Zuverlässigkeit des areih wird sich 
aus dem folgenden ergeben. 

Eine gründliche prüfung der beiden citate lehrt: 1. dass 
hier zwei parallelstellen vorliegen, demnach hreth und areth 
nicht von einander zu trennen sind, vielmehr letzteres als ein 
in der bedeutung vom simplex nicht besonders abweichendes 
compositum aufzufassen ist; 2. dass die worte 'and(a) ma thet 
(hüs) hreth oder areth\ als zusatz zu 'Hvä'sa (Hwßrsa) .... 
hüs (hüs stät)', einen fall erwähnen, wo den beabsichtigten 
folgen des Verbrechens vorgebeugt wird, so dass der durch das 
feuor erlittene schaden gar nichts oder nur äusserst wenig zu 
bedeuten hat: denn wo das haus in folge der brandstiftuDg 
wirklich abbrannte, kam der brandstifter nicht mit einer strafe 
von drei mark frei, sondern musste, wie das 24. 'londriucht' 
in K^H und E^ bestimmte, dem geschädigten haus und habe 
doppelt ersetzen. Nach dieser bemerkung kann es m. a. n. 
kaum fraglich sein, welche auffassung für hreth und areth 
gelten muss: beide verba bedeuten offenbar 'salvat' und ge- 
hören ersteres zu dem inf. hredda, letzteres zu *a{h)redda (mit 
a = 'er', wie z. b. in am erblicken, a^mna erhalten, asl&et- 
schlagen). Nur könnte das th bedenken erregen, weil sonrt 



ZÜE LEXTCOLOGIE des AL rOSTFRIESISCHEN. 257 

das /, aus / + th^ die regel ist: hioi, biut, bint, halt, fint, rit, 
Stent u. s. w.f 3. s. *pr. ind. zu biada, binda u. s. w. Man vgl. 
jedoch die 3. p. s. pr. ind. rith E^, idth E^E» 235, 4, biuth E», 
halth E^f anth endet E^ 256, 15, mit einer Schreibung th, für t, 
welche auch sonst, z. b. in leth 184, 33 (p. p. fttr lit^ zu lidoi), 
ßth pes 222,35, feth pedes 203,11, rveth feucht, sketh vieh 
u. s. w. aus E2, der 3. s. pr. ind. Uth, slüth, sprüth, sith 227, 2 (für 
normales bit, slüt, sprütj sit, zu bita u. s. w.), und ieih loch 
210,28,-^/4^Ä fpssa 203, 2 u. s. w. aus E», begegnet. 

26. Kerne und kemne. 'HvSrsa 6n fröuwe clagath, thet 
hiu hire frucht wrleren hebbe fon eure käse, sa send thäT 
Iwßne erste mönath tcT neue ield seth . . ., thä" leiter twene 

äyder fiftSne scillingar anda alrac töT biwSrien mithä" 

prester anda mith tuäm wiwem, hü hit anda ther berd esken 
s6, anda thiu kerne skel sken weisa thria etmelde efter ther 
käse', E3 242, 11—28. Im Wtb. wird dieses kerne in der be- 
deutung 'niederkunft' aufgeführt und mit dem masc. kerne 
kunft identificiert. Dagegen spricht aber das verschiedene 
genus der beiden nomina sowie das unerweisliche und unwahr- 
scheinliche einer solchen begrifflichen entwicklung bei kerne. 
Das nomen ist mit S anzusetzen und als ein zu kema klagen 
(as. cümian) gehörendes [subst. verbale, also ^= 'klage' zu er- 
klären (vgl. wegen dem suff. -e, urspr. -t, der verbalia depe, 
fSle geftthl, hüde custodia F 32, kere gehör, were besitz u. s. w.). 

Dieselbe auffassung muss auch gelten fttr das kSme, 
welches in dem die gleichen bestimmungen enthaltenden § 209 
von B^ begegnet. B^ hat statt dessen die form kemne j d. h. 
kSmne, mit ne^ für das urspr. suffix -ene (aus -tni-y wie z. b. 
in blendene, gretene, hUgene, kSthene, redene u. s. w.). Vgl. die 
gleichgebildeten doppelformen depe H und depene RißHE^E^E^ 
P 32. 126. 128, hemsike F 108 und {hem)sekene F 108. 120, 
H 341, 15, rende das zerreissen F 92 und ütrendene F 94, werde 
Verletzung H 84, 10. 331,22. 338,24, und rverden{e) B.EE^ F Q6. 
68, 94. 96. 102. 

27. Biclappethy in 'hvä'sa ötherem unriucht biclappe1h\ 
E' 243, 32. V. R. zieht irrtümlich das ags. beclyppan amplecti 
heran. Es liegt hier aber offenbar eine verbalform vor, welche 
zu dem infin. *biclappia beschuldigen (vgl. ahd. claphdn sonare) 
gehört und dem mnd. und mnl. beclappen accusare ents^n&l^^ 



258 VAN HELTEN 

(s. die belegstellen bei Sch.-Lübb. und das im Mnl wb. eitierte, 
jedoch nicht ganz richtig mit 'verklikt',' d. h. 'denunciert' 
übersetzte heklapt in 'Soo wie van valsche maet heklapt werdt 
ende by twee scepenen verwonnen'). Wegen der im obigen 
citate begegnenden (aus dem dat. eingedrungenen) accusativ- 
form diherem siehe ^HvaTsa dtherem In thsT berde täpet', E^ 
221, 1, 'hväTsa dtherem mitha" wäsie föt br thä" bßne upstrickt, 
huä'sa dtherem mith eure nedle stat', £3 243,25—27, ^huaTsa 
ö^Ä^^m unwarlinge ongrlpth', E^ 243, 28, ^hua^Si dtherem ämn- 
ken bispith E^ 243, 41, ^hwä'sa ötherum werpt mithS' heta 
bronde*, F 94, und vgl. him und hire in acc, für hine, hia, in 
E3 235,4. 250,12. 251,12, F HO ^sa drift him thio ermicheit 
. . . alde'rto'), 54 (*sa äch ht him . . . tcT lathiane'), 108 (*geelt, 
d. h. jagt, ma him in hws'), und 42 ('sa weth hire hir formund 
alle schildich'). 

38. Quäd, ^Huersa htr €n mon alsa ftr onefuchten 
werth, thet hriidza inna sine quäde dey and nacht ieftba tn& 
ethmelde, theth hf hine hrera ne dör ni mey', E* 222, 19—22. 
'Hwersa h!r 6n mon alsa ftr onfuchten werth, thet hr leyt 
inna stne quäde dey and nacht ieftha tuä etmelda, thet hf 
hina rhera dür ne mey', E^ 222,21—23. Nach dem Wtb. soll 
quäde hier ein substantiviertes adject. = ^übel' sein. Dass 
diese deutung unrichtig und das wort als d. s. zu *quäd stercns 
(= ahd. mhd. quät, mnl. quaet) aufzufassen ist, ergibt sieh 
1. aus den werten 'ynna sine fülnisse\ welche in der parallel- 
stelle in E^ 223, 22, das 4nna sine quäde^ ersetzen, 2. ans der 
stelle in F 128, wo eine misshandlung mit nämlicher folge zur 
spräche gebracht wird: 'hwämsa (ma) slait, thet hfne (d. h. 
hr hine) alle bidrit and nöut oftä" loga gunga ne mey*. 

29, Leynd und hüsefna (?). Alsa thi äsyga thenne 
heth esweren . . . sa urlovad hf al unriucht . . .; and ma hini 
thes urthingia mt, thet hr enich unriucht dwe, sa is hf an thes 
kininghes bonne, sa hächma stn hüs töT bamande . . • . and 
opa thä" werve neu hüs to' makande; al hwenne opa there 
hirthstede 6n grcne turf waxt, sa hächma thene turf up UT 
grevande and opa thet hüsefna tha' dora tcT settande, hü hit 
alle liode witi, thet hr en leynd äsyga wesen heth', R^ 538, 
7 — 19. V. E. vermutet für dieses leynd ohne b^rttndung die 
bedeutung 'bestochen'. Das wort steht für '^gileyn{i)d (vgl 



ZUR LEXICOLOGIE DES ALTOSTFRIESISCHEN. 259 

was oben s. 234 über den schwand des gi bemerkt ist), einer 
participialbildung denominativen characters aus leyne lüge 
(ahd. lugina), wie das ags. gelpfed gläubig aus geliafa (vgl. 
El. Nominalsuff. § 226). Es bedeutet demnach lügnerisch '.i) 

Die im Wtb. von hüsefha gegebene erklärung /stelle wo 
ein haus gestanden hat' erfordert kaum Widerlegung: ein 
neutr. s. auf -a wäre undenkbar und eine äusserung 'und auf 
die stelle, wo das haus gestanden hat, die türe zu setzen' wäre 
gradezu unsinnig. Man trenne die beiden teile des fraglichen 
wertes, fasse efna auf als ein zur praepos. gewordenes adverb. 
= juxta (wegen dem adv. evna s. B 173, 16) und verbinde den 
satz 'al hwenne . . . waxt' statt mit dem folgenden mit dem 
yorhergeliendem: das haus des ungetreuen richters soll man 
verbrennen und auf derselben stelle soll kein (neues) haus ge- 
baut werden, bis grünes gras auf der herdstätte gewachsen 
ist; dann soll man das gras (die rasen) aufgraben und die- 
selben auf das (neu erbaute) haus neben der türe legen, 
damit u. s. w. 

30. Ilodskipun, -fretho: 'sa hwä" sa ioldskipun fluchte, 
sa skil hr twäm monnon beta and thr6 fretha sella; allera 
erost thene ilodfretho, thet öther thene liodfretho, thet thredde 
thene progestes fretho, thruch thene menSth, ther hr esweren 
beth sina ieldebrötheron and ieldeswesteron', B^ 121, 19 — 25. 
V. R. betrachtet ilodfretho als Schreibfehler für ioldfretho und 
fasst ioldskipun als die richtige form auf, mit ioldy für ield, 
aus ielde gilde. Wie aber wäre dieses o fUr ^ zu erklären, 
wo im aofr. ein solcher Übergang gänzlich unbekannt ist? Ich 
sehe grade im gegenteil in ilodfretho die richtige form, welche 
sich mit rücksicht auf ein nach dem ags. geloda contubernalis, 
frater, für das aofr. anzusetzendes {g)iloda ganz einfach als 
'die den gildebrüdern und -Schwestern zu zahlende busse' 
deuten lässt, und wage es deshalb ioldskipun als Schreibfehler 
f&r ilodskipun gelten zu lassen (wegen dem i, für /i, aus gij 
vgl. ihir E2 = mhd. gebär, unideld R^, islein H 42, 7, ifestnad 
El 240, 28, iden E^ 72, 6). 



*) Im vorbeigehen bemerke ich, dass v. R. auch das verb. liyna 
(ahdl louginen, as. lognian) uorichtig mit 'verheimlichen' übersetzt. 
Ans den helegstellen geht deutlich die bedeutnng Mängnen' hervor. 



260 VAN HELTEN 

31. Salvade und sirade in 'tha' w6ren hya (die kinder 
Israels) andere westene fiuwerthech g§ra, sa nävder liira häved 
ne saivade, ni hira rvide ne serade\ E^ 247, 3 — 6. Die werte 
'nävder . . . serade' repräsentieren v. R.'s lesart (salvade soll 
hier unguebant, serade concinnabant heissen). Die hs. hat 
'nävder hira häved ne sirade, ni hira rvide ne salvade^ \ und 
es liegt gar kein grund vor, weshalb dieses zu andren wäre; 
es geben ja die worte einen ganz trefflichen sinn: dass weder 
ihr köpf schmerzte {sirade, zu ^siria = ags. särian dolere), 
noch ihr kleid sich verfärbte {salvade^ zu *salvia = ahd. *sal(tv)6ny 
mit kisalota decoloravit, denom. von salo), 

32. Ürle\st. In dem interessanten, in E^ tiberlieferten 
Fiaith (dem formular eines eides, den die frauen zu schworen 
hatten, wenn man sie einer Verheimlichung von gut beim ver- 
lassen des ehesitzes zieh) begegnet unter den verschieden- 
artigen aufforderungen zum sprechen der Wahrheit auch fol- 
gender satz: *Nü witnie ick thf h\ thä"" helga ürleste and bf 
alle hilge scriftem, thet thr ti hilge ürlest and thä"^ hilga scrifta 
also töT nethum werthe to" dömisdey t(f fara thaT ellemachiande 
gode', 245, 12—16. V. K. erklärt das wort als = 'der erlöste', 
wahrscheinlich mit beziehung desselben auf *ürlisa erlösen, 
dessen p. p. aber unglücklicher weise (vgl. die belegten formen 
(be)lised) kein t haben könnte. Richtiger wäre es wol hier 
verwantschaft mit dem mnl. und mnd. lesen beten und dem 
an. fem. t-st. lest (nach Jonsson =^ 'noget af religiöst Indhold, 
som laeses, f. Ex. over en syg') anzunehmen, somit das nomen 
(mascul.) als ein mit dem suff. -to- oder -tu- gebildetes dever- 
bativ aufzufassen, fär welches demnach eine bedeutung 'gebete 
für einen sterbenden oder verstorbenen' anzusetzen wäre (vgl 
wegen des praef. ür über, für, das mnd. lesen over beten fllr). 

33. Oflethenge. Neben oflethenghe (in neilesy thrira 
lappena oflethenghe E^), einem verbale zu *lethia = ahd. Iid6n 
secare, findet sich in der Verbindung mit thrira bSna und tMra 
lappena eine form oflethegenze E^ 212,26 u. 214,1, die allem 
anscheine nach auf jenes oflethenge zurückgeht und vielleieht 
als eine volksetymologische bildung gelten dürfte, welche ihre 
existenz dem umstände verdankt, dass man in folge des Ver- 
lustes des verb. *{pf)lethia das oflethenge nicht mehr verstand, 
dasselbe mit lith in Verbindung brachte und, indem das nomen 



Zur LEXICOLOGIE DES ALTOSTFRlESISCflEN. 26 1 

mehr speziell auf den geiüisshandelten bezogen wurde ^ mit 
einem subst. *genze (aus *gengi, denominativ zu *genga = 
ags. gengan) verquickte. 

34, Leweden und skipad (skipat). 'ThaT alle Fresan 
skipad weren, thä^ leweden hia: hoc (d. h. wer) hira sa erest 
thene londgong nöme (ans land ginge), thet hia ene pictunna 
bemde end thä" ötherum thermithe ketjie (kundgeben sollten), 
thet hia londgung nimen hede', H 98, 1 — 5. 'Thä' alle Fresan 
skipat weren, ihdi leveden se thet: hoc hira sa erist then lond- 
gung nöme, thet hia ene pictunna barnde and thaT ötherum 
thermithe küth dede, thet hia then londgung nimen hede', 
F 134. 

Dass skipad{t) hier als 'geschaffen' aufzufassen sei, wird 
uns V. R. schwerlich glauben machen. Das wort ist ein p. p. 
zu *skipia einschiffen (an. skipa, -aöa), und der dem anschein 
nach sonderbare Inhalt der beiden stellen wird verständlich 
durch die altfriesische sage, welche in der aus dem anfange 
des 16. jahrh. stammenden (in einem sächs.-ndl. dialekte ver- 
fassten) chronik eines gewissen Benninghe erhalten ist (s. die 
von J. Ä. Feith besorgte herausgäbe derselben chron. s. 7): 
'Ende se (d. h. die Friesen) dit laut (nämlich Engeland) sus 
in hadden, so toech noch en groet part te scepe, omme mer 
onbewoent laut te versoken myt wijff ende kint, myt alle oer 
have ...'. daer nu HoUant ende Zeelant ende Utricht, dat do 
noch al woeste ende onbewoent was. Ende zeilden soe alle 
insulen ende warelt daer-omtrent ende eilanden umme ende 
sochten een woest onbewoent landt So makeden se een ver- 
drach ende verbunt onder malkanderen, weert sake, dat yenich 
schyp van em allen een eylant offte lantscup vonde, dat on- 
bewoent lach, de scolde up sijnen mast setten ene barnende 
picktunne ende kundigen de ander daer mede to lande, welck 
alse gescach; se dat eersten hebben gevonden desse soven zee- 
landen, dat noch up dessen huedlicken dach Vrijsslant gebeten 
is. Ende hijr synt se te samen te lande getreden ende que- 
men in dat Vrijslant als de kinderen van IsraheL' 

Was V. R. mit bezug auf das verb. leweden bemerkt, er- 
fordert ebenfalls berichtigung. Leweden kann nicht zu einem 
inf. liavia gehören sowol wegen des wurzelvocals als wegen 
des suff. -eden: aus ia entwickelt sich kein e oder e, und die 

Beiträge zur gesohiohte der deutschen spräche. XIV. \.% 



262 ' VAN HELTEN 

enduDg des prt. der schw. verba IL kl. -ade wird, wenigstens 
in H, nie zu -ede geschwächt (nur in F findet sich neben nor- 
malem -ade einmal -ede in lageden 8). Die form gehört zu 
einem inf. ^lehha (oder *ievai = mhd. gelüben versprechen) 
und hat, wie nerede H, ausnahmsweise den mittelvocal erhalten 
(gegenüber werde F 120, urherde F 40). 

36. Li atze. Die 2. s. pr. opt. Um liatze E^ 245, 22, deren 
bedeutung 'du lügest' oder etwas ähnliches ganz klar aus dem 
Zusammenhang hervorgeht, kann nicht zu liaga lügen gehören 
(Günther, Die altostfr. verba s, 24): spirantisches g wird nie 
assibiliert. Ueberhaupt aber hat die form liatze dieses auffällige, 
dass, während ihr ia unbedingt auf das frühere fehlen eines um- 
lautenden factors hinweist, das tz, wenigstens wenn es als das 
zeichen für assibiliertes k oder g gelten müsste, nur aus der 
früheren anwesenheit eines i, % oder j in der folgesilbe zu er- 
klären wäre. Dieser umstand führt notwendig zur schluss- 
folgerung, dass mit iz hier etwas anderes wie gedachter laut 
gemeint ist. Und wirklich berechtigt uns die übliche Schrei- 
bung z für ts (z. b. in enze uncia = ags. yntse^ onzere Verant- 
wortung E2 201, 34*), neben ondsere = ags. andswaru^) in liatze 
ein ähnliches z zu vermuten und für den ganzen lautcomplex 
eine ausspräche liatse oder liatse anzuerkennen. In einer 
form mit letzterer ausspräche aber die Verbindung eines adjeet. 
Hat (= got. Huts) und der 2. s. pr. opt. zu wesa, nämlich si, 
widerzuerkennen erfordert gewiss keinen sonderlichen Scharf- 
sinn. (Das t in liatze beruht auf etymologische Schreibung, 
wie das / in thetze B* 152,27, aus thet und se^ das d in ie 
ondzerane sich zu verantworten, neben ondsera, und thredzia 
verwantschaft im dritten grade E* 54, 10, F 28, 138, aus thredda 
und sia verwantschaft). 

36. Met in metrika, 'Hwersa twä metrika te gadere 
cume mith tilbera havum sunder erve, waxe hiara hava, thet 
se se dele ht thäm, thßr se gader brcTcht hebbet, br there riuchta 
godes werde \ H 330, 5 — 8. V. ß. übersetzt metrika mit 'massig 



*) Wofür V. R. unrichtig onrere liest 

3) Wegen der synkope des w in schwach betonter silbe nach dental 
vgl. das encl. sa für swa^ wide BHE^F pass., neben tvidwe R^£'£', u 
ondzerane und ondsera^ denom. v. ondsere, onder{1) praesentia = ahd. 
anitvurt, onderde responsio = as. andwordi. 



ZUR LEXICOLOGIE DES ALTOSTFRIESISCHEN. 263 

reiche', was die ganze bestimmuDg unverständlich macht. Met 
heisst hier 'übereinstimmend, gleich' und ist das adv. zu einem 
adj. *met = ags. gemei congruus (vgl. wegen des Schwunds des 
gi- oben s. 234). 

37. Merlla. *Hwersa en mon däth funden werth, inna 
hoke löge sa hit se, ief thi ä^fte prester da" dätha (an dem 
toten) and syn rediewa {lies a. s. red. d. dätha) findeth ene vnde 
ief änna bretse ief äna mercca inna thä" däda irccoma, ther 
hr livläs fon wrthen se, sa skelen thaT erwa u. s. w.', E^ 184, 
1 — 6. Die form mercca repräsentiert hier nur eine verfehlte 
conjectur v. R.'s. In der hs. steht mercla oder mertla {c und t 
sind sich in unseren mss. zum verwechseln ähnlich^), welch 
letztere form sich ganz einfach erklärt als ein mit -ila gebil- 
detes diminutiv von ^muri (= mhd. murz stummel). 

38. Näiha, näd. Dass in to' näthon^ nelhum, -em, zu 
frommen das nomen = an. näö gnade, schütz, oder mhd. ge- 
näde gnade, schütz, hülfe, und nicht, wie im Wtb. behauptet 
wird, = ahd. nt^z, ags. 72^^ ist, hat schon Kern (Taalk. Bijdr. 
2y 180) bemerkt. 2) Ausserdem begegnet aber das nämliche 
wort noch an zwei stellen, wo v. R. dasselbe ebenfalls nicht 
zu seinem rechte hat kommen lassen. 

In 'alle thä, ther thet riucht ieftha enich riucht brekth 
(/. brekath), hit ne se thet ma hit thruch nätha due, thruch 
thet thä" nätha send märra tha thet riuht, sa bislüt god andere 
hille', RM32, 34—38, sollte nätha nach dem Wtb. 'not' be- 
deuten und eine doppelform von ned sein. Dem widerspricht 
jedoch sowol der verschiedene dental als der verschiedene 
Yocal der beiden formen (für den wurzelvocal eines i-stammes 
muss mit rücksicht auf die Chronologie des umlauts, s. oben 
s. 232, das S als der allein mögliche laut gelten). Ueberhaupt 



*) Die nämliche Verwechselung des t mit c liegt auch vor in *ür 
ther facada bernde*, H 36, 16, wofür in der parallelstelle aus E* (36, 13) 
<ür thera bundena berne* (bündel) steht. Statt v. R.'8 facada ist hier 
ohne bedenken fatada zu lesen ^ das p. p. zu *fatia = mhd. fazzen 
packen, aufladen. 

^) Der sich aber irrt, indem er nach dem als sing, aufgefassten acc. 
nätha R^21,2, auf eine schw. flexion dieses nomens schliesst. Nätha 
ist hier a. pl. (vgl. tö" näihon, -um, und den häufigen gebrauch der 
pluralformen dieses Substantivs im ahd. und an.). 



^64 VAN HELTEN 

aber hätte die ganze stelle mit einem nomen = ^necessitas' 
einen ganz merkwürdigen sinn. Ich wüsste nicht, was mit 
'thruch thet .... riuht' anders gemeint sein könnte als ^weil 
tha nätha (pl), d. h. die gnade, vor recht geht*. Zwar würden 
dabei die werte ^hit ne s6 . . . due\ welche mit hinsieht auf 
den Inhalt des folgenden erklärenden satzes, eine aussage über 
das walten der gnade enthalten müssen, unverständlich bleiben. 
Wäre hier aber die moglichkeit einer corruption ausgeschlossen? 
M. a. w. wäre es zu kühn in ma hit einen fehler für ursprüng- 
liches hit (d. h. hft er es) ne zu erblicken? Bei solcher lesart 
würde ja der ganze in rede stehende passus begreiflich wer- 
den als eine sich auf die göttliche Vergeltung beziehende an- 
drohung, in welche (vielleicht von einer spätem band) die er- 
wähnung der moglichkeit des waltens der göttlichen gnade (es 
sei denn das er, gott, es nicht tue aus gnaden, weil u. s. w.) 
eingeschaltet wäre.^) 

In der anderen oben gemeiüten stelle 'thäT setten ihsL 
mene riuchterar .... alla zake (rechtsbestimmungen), th€r 
.... näd and bihoff send', E^ 183, 1 — 8, wo v. R. das ags. nyt 
heranzieht, Kern (Taalk. Bijdr. a. a. o.) das wort als eine doppel- 
form von ned auffasst, wäre ein nomen, in der bedeutung 
'schütz' oder, mit rücksicht auf die adjectivische Verwendung 
des woi-tes, 'schütz verleihend' am platze. Als solches aber 
konnte ganz gut ein subst. näd stehen, welches in E^, wo die 
d-stämme bisweilen in apocopierter form erscheinen (vgl. und 
wunde 215,4. 217,6. 223,9, wer lippe 219,24, seek 252,31, 
weir waare) und sich für th mitunter die Schreibung d findet 
(unedel 210, 37, Jiriders, heda 249, 23, nyd invidia 250, 15 
u. s. w.), dem normalen näthe, nethe der andren dialekte ent- 
spräche.2) 

39. Bener{e)t und bipeni, 'Äc ief Fresena cäpmen 
an thira sogen stretena eng werthe benert ieftha biräwad 
werthe a Saxena merkum', H 16, 1 — 3, *Äc ief Fresena cäp- 
men and thera sogen stretena engere wertha benet ieftha 

^) Vgl. für eine ähnliche in parenthesi stehende bemerknng: 'Morth 
mötma mith morthe k§la hT liuda kere (nas hV godes riachte, want god 
bäd ä ngthe'), thrag thet ma erga stiare', H 26, 14—18. 

^) Rätselhaft ist mir das nethttm oder niihum in ^halde hine mith 
nrthnm', B 171,5. 



ZUR LEXICOLOGIE DES ALTOSTFRIESISCHEN. 265 

beneret a Saxena merkum*, E^ 16,1 — 4. 'Jef thi Fresa iefta 
hira käpliud in thira sogen stretena eng wert biräwat jefta 
binereih and hit (dgn) sS sehen fon thes keninges halwin', 
F 14. ^Jef thene mon Northmen nimath and üt of londe 
ferath üter willa and üter wald ... sa hr wither inlendes 
cumet, sa farare a sin ein göd . . .; hwa'sat him bepent and 
beneret, sa ach hf lindem te fellane tian merc', £^48, 6 — 18. 
' Jef thene mon Normen nimath . . . sa hf wither ina thet lond 
cume, sa farere ina 8in ein göd . . .; hua'sat him bepent and 
binert, sa ach hf u. s. w.', H 48, 6 — 18. Für die deutung dieser 
formen, welche im Wtb. unerklärt geblieben sind, vgl. man 
sinkele immerwährende kahlheit (ahd. calarvi, aus *ccUm) und 
sered armatus (aus *gisarwid = ags. gesyrrved, einer adjectiv- 
bildung aus searu armatura). Durch die nämliche synkope 
des nach liquida stehenden rv vor i entstanden die 3. s. pr. 
ind. bener{e)t vexando prohibet und das p. p. fti-, bener{e)t vexatus 
(wegen der Schreibung binereih in F vgl. die p. p. unträweth, 
unewlemeth, eferith F 14. 32. 44), aus *binarwit{h) und *binartvid, 
zu *binarwjan (vgl. ags. genierrvan vexare). 

Für die 3. s. pr. ind. bepent der beiden letzteren stellen 
ist SLU.pynda vexare heranzuziehen. 

40. Benith und nSthten. 'WSrsa en thiaf en göd stelt 
and hit thenna en öther mon nimtb, sa skelerem sin göd wither 
iewa ... al thör umbe thet hft mit sine halse benith het', 
H 335,24 — 28; ^huuersa ma ene räwere ieftha ena thiawe sin 
göd binöme, thSr hr umbe ene riuchte wretze nimen hede, and 
ma hine törmithe biräwade, thriböte ieftha thririuchte, huuande 
hft mith sine öine halse bineth hede', E^ 240, 15—19. V. R.'s 
deutung dieses be-, bineth als p. p. zu *bineta (= ags. beniotan 
privare) erfordert keine Widerlegung. Es liegt hier, wie wol 
niemand bezweifeln wird, das compos. vor eines simplex *neiha 
== got. -nanpjan, ags. net5an u. s. w. Mit 'hrt mit(h) sine (eine) 
halse be-j binSth het (hede)' kann also nur ^er sich mit seinem 
(eignen) hals dafür der gefahr ausgesetzt hat (hätte)' ge- 



^) Im vorbeigehen bemerke ich, dass dieses benet im Wtb. (i. v. 
bineta) irrtümlich aus den ags. beneoian privare erklärt wird. Das 
wort gehört, wie das (im Wtb. richtig aufgefasste) benit H 70, 31, zu 
*heneda vim afficere oder violare (vgl. got. naupjan, ags. nydan). 



266 VAN HELTEN 

meint sein; (wegen dem th, d. h. thth, aus th + ä^ vgl. ekeih 
p. p. zu kiiha kund thun^ skeih unurspr. p. p. zu skeiha). 

In derselben bedeutung erscheint auch das prt. des simpl. 
neihien: ^ThS' nSthiend {d ist hier Schreibung für das enclitium 
/) thä" Fresan mithäT liwe and efter bifuchtens se hiat (/. bi- 
fuchten hiat) mithtä" hondum', F 38; (vgl. wegen der assimi- 
lierung des d in th + d das prt. keihe H98, 4, mit th als 
Schreibung für thth, wie in smithe schmiede, swethe grenze, 
und wegen der Schreibung tht für thth das in der citierten 
stelle begegnende mithia, für miththay) 

41. Reda, rSdene, birSda, hirethia. Das verbum reda 
(mit ret 3. s. pr. ind., redat 3. pl. pr. ind., rede opt. pr., ret und 
eret p. p.), welches nach unseren quellen im ofr. in den be- 
deutungen 'sprechen', 'aussagen', 'bezeugen, beweisen', 'letzt- 
willig verfügen', 'ein urteil sprechen' im gebrauche war, ist 
selbstverständlich mit e =^ got. rödjan anzusetzen (und nicht, 
wie V. R. meinte, mit dem ahd. rediön zu identificieren). Als 
verbale auf -e^ie (aus 4ni-) gehört zu demselben die form 
redene 'klage', 'letztwillige Verfügung', * Urteilsspruch' (vgl. got. 
birodeins)] als compositum das verbum bireda 'beweisen, über- 
führen' und 'vor gericht bringen', mit biret 3. s. pr. ind., birSde 
opt. pr., und einem für das lautgesetzlich entwickelte *biret 
eingetretenen p. p. birät E^ 80,7, E^ 239, 15, das als analogie- 
bildung nach lät, p. p. zu leda leiten, gelten muss. In 'theth 
hia gader köme enes a iera to" Upstelesbäme a tyesdey anda 
there pinxtera wika and ma ther erätte alle tha" riucht, ther 
Fresa halda skolde', E^99, 3, ist das verbum, welches oflFen- 
bar 'besprechen' ausdrücken soll, als ein compos. mit e-, aus 
/-, für gi'j aufzufassen und seine praeteritale form als eine fKr 
die urspr. form mit e eingetretene analogiebildung nach dem 
muster von lätte, prt. zu leda, zu erklären. 

Neben bireda erscheinen in teilweise gleicher function, 
d. h. als 'überführen' und 'vor gericht bringen', die verbalen 
formen berethath 540, 34, 3. s. pr. ind. und birethad, berethet^ p. p. zu 

*) Das awfr. hat in der parallelstell e die form hinneltent (1. binetteni\ 
mit einem tt, welches sich, als in diesem dialekte das th regelmässige zu 
d geworden war, nach dem muster der praeterita santen, Mitte, weinten 
u. s. w. (zu senda, hieda, weinda u. s. w.) gebildet hatte. Vgl. auch 
awfr. kitte tat kund, neben dem oben erwähnten ofr. prt. opt. kithe. 



ZUR LEXICOLOGIE DES ALTOSTB^ßlESISCHEN. 267 

*W-, *''berethia. V. R. erblickt in denselben doppelformen von biret 
und birät Dieses anzunehmen verbietet aber sowol der ver- 
schiedene dental als die verschiedene flexion des verbums, 
dessen simplex hingegen dem ahd. red{i)dn völlig entspricht. 

Eine compromissform aus berSda und *berethia repräsen- 
tiert der inf. bereiha (oder beretha?) überfahren, in *gef ma 
thene thiaf bereiha mughe, sa fremme ma tha'monne sin göd', 
E^ 66, anm. 17. (Vgl. im awfr. birädet überführt, erwiesen, als 
mischform aus Hirät = ofr. birät, und Hiredet = ofr. bireihad, 
und den nach diesem birädet gebildeten inf. birädia erweisen, 
für das ursprüngliche noch in der synkopierten form blreya er- 
weisen widerzufindende *biredia). 

42. Bed und reihe, *Thit is thet forme londriucht ... 
thet allera monna hwek an sina göde bisitte . . . umberävad, 
hit ne se thet ma hini mith tele and mith reihe and mith 
riuchta thingathe ürwinne; and (und auch wenn) hi thenne 
Werne thrira riuchta thingatha ieftha thriu liodthing ht ürmöde 
and dolstride ursitte (versäume) . . . and hi nähwedder dwä 
nelle red ni riucht ne dithinges bidda, sa möt hi (derjenige) 
hebba thä" onferd (das recht der besitzergreifung), thi ther er 
ütana onsprek', Ri 41,1 — 17. Die im Wtb. für dieses red 
angesetzte bedeutung ^ klage' ist unbedingt zu verwerfen, weil 
mit 'hr*, das subject von *dwä nelle red u. s. w.', nicht der 
kläger, sondern der verklagte gemeint ist. Zum richtigen Ver- 
ständnisse des Wortes verhilft uns ein paragraph aus den wfr. 
Upstalbomer gesetzen (106, 14 — 20): *huck zelandre faert in 
een oer seland om clage, mära of minra, soe schulet him dä^ 
riuchteren binna trim deghum helpa höder (verhelfen entweder 
zu) redis ief riuchiis] duäse dit naet, soe schil di clager wessa 
op des greetmans kost ende s5^nre siana, al ont dio claghe 
eint se äider mit rede ief mit riucht e\ Aus dieser stelle geht 
ganz klar hervor, dass red und riucht die beiden gerichtlichen 
handlungen bezeichnen, welche den rechtsstreit beenden kön- 
nen, nämlich den (vom verklagten geführten) beweis, dass die 
klage unbegründet sei, und die anerkennung der forderung 
(von Seiten des richters).^) Dass der ausdruck für letzteres 



^) V^l. auch noch an einer anderen stelle aus den wfr. gesetzen 
(488, 12—15): ^ende dy dey (sincte Michiel) al disse deel ief disse 



268 VAN HELTEN 

riucht war, kann nicht fraglich sein; (die eigentliche bedeu- 
tung des 'helpa riuchtes war natürlich 'verhelfen za dem 
was einer zu fordern hat'; vgl. auch 'helpa slnes riuchtes' in 
B 162, 3). Demnach muss also red als der ausdruck ffir 
ersteres gelten. Und als solcher passt das wort ganz trefflich 
in der obigen stelle aus R^ bei der erwähnung des falles, wo 
der verklagte nicht vor gericht erscheint, und in folge dessen 
weder den beweis führt, dass die klage unbegründet sei, noch 
das 'riucht' (den reinigungseid) leistet, noch um ein process- 
verfahren anhält. 

Für die etymologie des nomens darf man vielleicht, weil 
der grundbegriff desselben 'beweisführung' sein muss, an ver- 
wantschaft mit reda erweisen (s. oben s. 266) denken; die form 
wäre dann mit ß anzusetzen und als ein masc. /-stamm auf- 
zufasssen (vgl. Ihem schlag, neben ags. Memman cum crepita 
coUidere, bödelbrengj neben hrenga, renä das zerreissen, neben 
renda zerreissen).^) 

Ein ganz anderes wort wie das bis jetzt besprochene ist 
selbstverständlich reihe, das im anfange der obigen stelle aus R^ 
in der Verbindung mit tele (= 'klage') und thingaih (= 'process') 
begegnet (s. auch die nahezu gleichlautenden parallelstellen 
H 40, 5—8 und E^ 40, 4—6), demnach schwerlich die im Wtb. 
angenommene bedeutung 'klage' haben könnte, vielmehr mit 
heranziehung des ahd. red{i)a ratio als ' beweis führung' zu 
deuten ist. 

43. Uprethzat (im Wtb. nicht aufgeführt): 'feldfrethe, 
alderne the liude loviat and uprSthzat\ E^ 20, 24—26. Die 
Schreibung thziurka kirphe E^ 249,21 (neben tziurke, tziureke 
u. 8. w.) liefert den beweis, dass ihz eines von den vielen und 
verschiedenen zeichen ist, welche in den ofr. hss. zur dar- 
stellung der assibilierten palatalen tenuis dienen. Demnach 



lande en disse lyoden hold ende gonstich sS riochtis redis ende riochtis 
riuchiis (m. a. w. für einen civilprocess). 

^) In 'thet cläth withe to'makiene br thes süters (Schneiders) r^^', 
E* 240, 4 — 5, ist red = 'gutachten* identisch mit r^d beratang, ro- 
Stimmung (= as. räd). In ^Fon red him, thgr gungath inna dtheres 
k^thene*, BM55, 7, steht red nicht als selbständiges nomen, sondern 
repräsentiert mit dem folgenden htm eine verschreibnng für reditn d. pl* 
V. rMia richter. 



ZUR LEXICOLOGIE DES ALTOSTFRlESlSCHEN. 269 

muss uprSihzat als eine yerbalform gelten, die auf früheres 
*uprekjath zurückgeht (vgl. das simplex rSts{i)a, retz(i)a, risza 
BHEiE^F 134, neben rika RBHE^ESF 108. 112. 114) und für 
welche nach dem mhd. üfr eichen o£ferre die bedeutung 'an- 
bieten' anzuerkennen ist. 

44. SelskSta und selsketia. Nach / wird das / im 
ofr. ziemlich oft apo- oder synkopiert: äelt 3. s. pr. ind. E* und 
dele E2 (neben delfth B, delft E^, delva ß, hidelve F 1 54), hala 
dimidia F 152 (neben halva, -e, ÄaZ/RBHEiE^E^F 140), hihdla, 
-e E2 201, 35. 236, 26, F 18. 68 (neben hi-, behalva, -e RBHEiE^ 
201, 1, F 18. 78. 92. 134), früdele marito F 106 (neben friudelwe, 
friudelf H 332,22. 334,20, und früdelf HF 106. 114. 116), sei 
ipse H 54,18, seelm W 248, 19, selme E», sellum F 10. 18. 148 
(neben seif, selvis, -a, -on, -em, -um RBHE^E^E^F pass.) u. s. w. 
Dies berechtigt uns für die erklärung von selskiia und selsketta 
das ahd. selpscdz, mhd. selpschöz = 'balista' heranzuziehen 
und erstere form auf älteres selfscätjon-, letztere auf älteres 
*selfscutjon- (vgl. ahd. scuzzo, mhd. schütze) zurückzuführen. 

45. Ütesin (?). *Hwämso ma slacht iefta myt yrsen 
syuth (syoih) iefta mit holte ieff mit stäpa oen syn hävd'; 
^hveerso ma een man thrucht l^f siuth iefta staet'; 'soe hwane 
80 me syoih truch sine bück, soe äcbma hine to' metane bf 
ther s^da'; 'hwämso ma indä"" hemcäse sin äghe üisioet iefta 
ütstäth'; 'soe hwämso ma siuth (siot) mith yrsene on zj^n hävd'; 
'soe hwane so ma sieth mith ^serne and s^n hävd'; 'so hwane 
so me siath truch sine bück'. 

Die vorstehenden citate aus awfr. texten stellen für diesen 
dialektcomplex die existenz einer 3. s. pr. ind. syuth, sioth 
u. 8. w. (yu, io, ioe sind nur verschiedene awfr. Schreibungen 
für den diphth. m) «= 'sticht* (nicBt, wie v. R. annimmt, = 
'verwundet') ausser frage. Die formen gehören, wie aus sieth, 
siath hervorgeht, zur st. flexion; denn, wenn sich auch syuth 
u. s. w. sowol bei schw. als bei st. flexion erklären Hesse (vgl. 
awfr. bitiuet, bitiothet, neben tiocht, fliucht, bioth, biuth u. s. w.), 
so wären sieth und siath nur begreiflich bei der annähme 
einer st. flexion, wo das lautgesetzlich entwickelte iu der 3. s. 
pr. ind. durch das ie, ia der formen des plur. ind., des opt. 
u. s. w. verdrängt war (vgl. byeth Jur. Fr. I, 1,36. 25,5. 26,21, 
foerlyest, tvrlyest Ib. 2,5. 10,3. 25,10. 26,28. 33,17, tziest Ih. 



270 VAN HELTEN 

25, 16, neben bywth Ib. 1, 28, 2, 8, foerlyust Ib. 2, 20 u. s. w.). 
Als inf. ist fdr dieselben eine dem Sagelterländischen brjuwa 
(Hett. 231) zu vergleichende form *smwa anzusetzen (mit iu 
vor w, wie im ahd.), weil die möglichkeit einer dem tia (aus 
*tiaha) entsprechenden form sia ausgeschlossen ist; (die zu 
letzterem gehörende 3. s. pr. ind. hätte siucht, stockt heissen 
müssen, wie tiucht, tiocht, die 3. s. pr. ind. zu tia). 

Mit rücksicht auf das wfr. *siurva ist die möglichkeit der 
existenz des nämlichen verbums im ofr. nicht zu läugnen; und 
ich stehe desshalb nicht an in dem ütesin (= ^ausgestochen') 
aus H (vgl. *gef hit, d.h. thet ttge, is al ütesin\ 86,5) eine 
verschreibung zu erblicken für *ütesen, wie das p. p. zu *Ä<- 
siurva heissen musste (aus ^-gisewin] wegen des aus&Us des w 
s. oben s. 233, wegen der contraction des e + i die p. p. eim^ 
esken, aus *gijehin, *giskehin). 

46. Skec und skech, Erstere form, die in 'hwä^sa others 
quic skec and mat him binimth, fiower pund ', E^ 232, 5, offen- 
bar die bedeutung 'raubt' hat, gehört zu einem dem mnd. und 
mnl. Schaken rauben entsprechenden inf. *skeka (wegen der 
länge des vocals vgl. ahd. scäh, mit scaahche dat. s.) und ver- 
gleicht sich im betreff der apokope des ih dem hreck E^ 232, 10, 
swang E2 228, 19, sveng E^ 228, 19. 20 u. 22, swmc F 94, 
g{h)eng B 153,21, H 31,9, E^ 31,9, hreng B^ 181,26, brmck 
.E3 248, 16, feng F 138. 140, sprinc F 94 u. s. w. (für breckth, 
swangth u. s. w.). 

Dieselbe bedeutung (vgl. das Wtb. s. 1022) kann schwer- 
lich gelten für die form scech, in *Hwersar en fovne skechy sa 
skeppe thet feder and brother, hü stör (wie viel) hia hire tcT 
boldbrenge resze', B 166,8 — 10, und 'Hwersar en fönne skecfi^ 
skeppe thet thi feder ieftha broder, hü fule hf hire retse tcT 
boldbreng', E2 198, 33—36. Hier ist ohne zweifei das ags. 
und as. scacan abire^) heranzuziehen, dem ein (nach dem ofr. 
hiseka leugnen, got. sakan) als *sceka anzusetzender infin. ent- 
spricht, mit scech als 3, s. pr, ind. (wie hrech* sprach u. s. w., 
zu hreka, spreka u. s. w., s. oben s. 255). Es muss also mit 



*) Vgl. u. a. die von Grein citierten stellen *)?onne min 8ceacet$ Itf 
of lice*; ^dngut5 ellor sceöc'; ']7ä was winter scacen\ und im Hdl. 2707 
u. 2708 'anttat he ellior skdc, werold weslode*. 



ZUR LEXICOLOGIE DES ALTOSTFRIESISCHEN. 271 

den Worten 'Hwßrsar .... skech' der fall gemeint sein, wo 
eine jnngfrau sich ohne Zustimmung des vaters oder bruders, 
behufs Zusammenwohnung mit einem manne, aus ihrem hause 
entfernt, d. h. der nämliche fall, der in der parailelstelle zu 
E2 198, 33—36, in E^ 198, 33 flf., bezeichnet wird mit: *Hversa 
htr en iuncfrou hia selve biriucht (sich selber hilft, selbständig 
auftritt ohne beistand des vaters oder bruders) iefta mith ene 
monne lögath (zusammenwohnt) sunder feiders anda möders 
anda bröthere red, sa sceppe thet thi feider ieftha thi bröther, 
hü ful hia hir to boltschet reke welle'. 

47. Spira^ aspera, sperthera, in 'hwersa ma enne 
mon werpth . . . ana en . . . wetir, thet hrgrund ne lond sper- 
thera ne spera ne mi mith foton ne mith hondon', R^ 95, 
22 — 25; ^hwä'sa otheron ene wapuldepene deth, thet hi" neue 
grund sperthera ne spera ne mt*, R^ 95, 26 — 27; ^hva'sa wrpen 
werth inna en unwedde weter, theth hi ni mughe . . . grund 
aspera\ E^ 232, 17 — 18; *Thet ma then mon werp oftä" schipe 
. . . in en untwad wetere, thet hf then grund noder spera iefta 
spurna muge', F 128; 'sa huä^'sa wurpen werth ynna en un- 
wad wather . . . anda thet hr then grund näwt muge ne spera\ 
E^ 233,16—19; (s. auch noch E^ 232,15, E» 233,15). V. R. 
identificiert dieses spera mit ahd. spurgen und übersetzt das 
verbum also mit * spüren'. Hinsichtlich der form wäre hier- 
gegen nichts einzuwenden; wol aber was die bedeutung an- 
geht. Mit spera ist dasselbe oder ungefähr dasselbe gemeint, 
was in ähnlichen straf bestimmungen mit ^(thine grund, dine 
grund) gesläj slä, aslä* oder 're/ra' (s. das Wtb. i. v. grund 
sowie E2 232,15 u. 18) ausgedrückt wird. Eine solche bedeu- 
tung aber, nämlich 'calcare', ist für das fragliche wort anzu- 
erkennen mit rücksicht 1. auf das an. spyma calcare, 2. auf 
die assimilierung des n nach r in stera sidera und skergesl 
schmutzigst, neben skemigest. Zwar muss hier (wie in stera) 
die einfache Schreibung des rr auffallen; indessen beachte man 
die formen flre (declin. fir procul), dure audeat, ire iratus, scire 
geschirr F 150, there darre ß 170,11, wo sich die nämliche 
eigentümlichkeit vorfindet und, wie in spera und stera, aus 
dem umstände zu erklären ist, dass der vor rr stehende vocal 
lang (gedehnt) war (s.. was oben auf s. 234 über solche Schrei- 
bung nach langem vocal bemerkt ist und vgl. wegen der be- 



272 VAN HELTEN 

treffenden debnung das wfr. in Epkema's Wtb. verzeichnete 
stiere stem und thiere darre, im Stadboek van Bolsward a. 
d. j. 1455 9, deren ie nur auf früheres ß zurückgehen kann). 

Nach dieser deutung des spira macht uns die erklärung 
des sperihera keine Schwierigkeit. Was könnte dieses anders 
sein wie die 3. s. pr. ind. sperth, mit angelehntem thßr = 
•da(r)' und a — Mn'? 

48. Siera in 'tha" settonse biscopa and prSstera, ther 
thä' kerstene'de sterka and ;s/^ra skolde', R^ 125,12 — 14; *thet 
wr Frisa hägon ene seburch tö" stiftande and to' sierande\ R^ 
122, 3 u. 4; 'hf stifte and sieräe tre(u)wa (triwa) and wgrde 
(Wahrheit)^ Ri 133, 11. 134, 18, H 343, 14—15. Nach v. R. 
sollte das verbum = 'steuern' und dem ofr. stiora verwant 
sein. Die bedeutung 'firmare' und die Identität mit an. stcßra^ 
dem denomin. von stdr, steht hier aber ausser frage. 

49. Srveihena in 'Hwersa tuene men sziwiath umbe en 
lond and sprecath bethe federerwe, and hira ne biade nävder 
svethene (var. svethend) werde (zeugnis) ieftha hia biade bethe 
svethena werde, sa ist comp. Biut thi öther svethena werde 
and thi öther neue, sa skelma thä" werde leda inna thä" londe, 
ther thiu sziwe on is ieftha inna thäT londe, ther a tvihalwa 
slätes send. Thet is svethena w6rde', ß* und B^. Im Wtb. 
wird dieses svethena als gen. pl. zu srvethe grenze aufgeführt 
Eine solche bedeutung wäre hier aber unpassend. Die form 
gehört zu einem nomen *sfvetha grenzgenosse (für *gisrveththa, 
Tgl. wegen dem Schwund des gi oben s. 234 und wegen der 
einfachen Schreibung th oben s. 266), einer bildung aus swethihe 
grenze, welche sich dem afr. bedda, as. gibeddeOj dem ahd. 
gibenkeo, gisello, giferio u. s. w. vergleicht. 

50. Täpet = 'zupft', in 'Hva'sa otherem ht thäT berde 
täpet\ E^ 221,1 u. 2. Eine deutung des verbums als denomi- 
nativ von *tappa = an. tappt, ags. taeppa^ ahd. zapfo (s. das 
Wtb. i. V. iappd) wäre unstatthaft sowol wegen der form als 
wegen der bedeutung desselben. Man ziehe statt dessen das 
mhd. zäfen zupfen heran und vergleiche wegen dem ä (statt 
des normalen S) die in E^ begegnenden formen qvÄd (s. oben 
s. 258), näd gnade (s. oben s. 263 f.), scäker, wäpen, wäged. 



Bei Telting, Friesche StadrechteD, s. 23 u. 38. 



ZUR LEXICOLOGIE DES ÄLTOSTFRIESISCHEN. 273 

61. Tetsia, biteiszia, untteztsa. Der ersteren (im 
Wtb. nicht erklärten) form gebührt die bedeutung *an sich 
reissen, sich aneignen': *iewet (d. h. ief iha fletieva, wenn die 
einem mädchen bei der heirat gegebene aussteuer) hire bröther 
• . . welle tetsia ieftha tiuna ^) end mith unriuchte onspreka and 
hrt hire rema nelle, sa äehere fallane (/. to' fallane) wed . . . 
\n sextjge merkum', H 50, 4 — 9; und die parallelstelle in E* 
50, 5 — 10, *ievet hire brother . . . wella tetsia iefta bitiuna and 
mit unriuchte onspreca andet hira rema nelle, sa äch u. s. w.' 
Es ist demnach die Identität derselben mit dem mhd. zücken 
'an sich reissen, sich aneignen' nicht zu bezweifeln. 

Die nämliche bedeutung wie das simplex zeigt das com- 
positum mit bi: 'Asega, bot (was) ägewi to dwäne on thisse 
nie jera? I ägen frethe to" bonnane thäm erst, ther is aller- 
härist: Alle godishüsum end alle godismonnum and thes godes- 
hüses erve tben alrahägista frethe, thet hit n€n mon ne bine- 
rethe (quid?), bitetszie iefta bitüne, biere iefta bischere', F 1362). 
Für das compos. mit und ist die bedeutung 'entreissen' zu er- 
warten, welche erwiesen wird durch: Hhet ma cäplond and 
godeshüses erve, thet to" tha" godeshüse bökat iefta iewen is, 
jef thet erve ening mon tha" helgum . . . wolde untteztsa and 
unttya, sa schel ma thet halda', F 10. 

53» Thiucke. Kurzes i vor ursprünglichem velarem 
guttur. ist im ofr. zu iu umgelautet: diunk dunkel (aus *dinkwO'y 
vgl. an. dtfkkr), siunga singen F 38 u. 54 (got. siggwan\ vgl. auch 
in awfr. quellen dymicker, dt/oncker, und in Epkema's gloss. 
zu G. Japicx's Gedichten tjocke dick = an. pykkr^ sjongen, 
stjonkjen = got. stiggqan). Die beachtung dieses phonetischen 
Vorgangs ermöglicht die erklärung des nomens thiucke, das in 

^) Was hier mit Unna, hiiiuna gemeint ist, geht ganz deutlich 
hervor aus der parallelstelie in R* 51,5—8, *ief hin bröther thä" fletieva 
brlda (=» 'zurückfordern', vgl. &n»brigda * widerrufen *) wili and tiona, 
sa mdt hinse iiona and halda mith twäm hondon', wo die worte 'and 
tiona u. s. w.* schwerlich etwas anderes ausdrücken sollen wie; und an- 
sprtiche darauf gelten lassen (will), dann kann sie ihre an- 
Sprüche darauf gelten lassen mit zwei eideshelfern. 

^) Bitetza, in ' thet hV thä" oza (die dachrinne) mith stne etg^rs 
orde bitetza muge', F 134, ist schreib- (oder lese-)fehler für biretsia^ d. h. 
biretsia an etwas reichen; vgl. die im Wtb. i. v. ose citierte formel 
Mhet hr thä" osa mith sines speres orde Htsia mughe*. 



274 VAN HELTEN 

*hwerther (Schreibung für werther) aeng stenhüs bägra rvocht 
(gebaut) 8a tvelf ierdföta häch andre thiucke, and szelner (ein 
keller) ür tvä feke (höher wie zwei gefäche) andre thiuchke 
(1. ihiucke), sa geie (bttsse) mith achta mercum thi, thert äch', 
B 173, 3 — 6, begegnet und für welches als eine auf urspr. 
*thickwi zurückgehende form die bedeutung 'dicke' (d. h. 'die 
breite und länge zusammen') anzunehmen ist. 

53. *{Bi)wäinla 'beweinen'. Neben biswSria E^ 150,14 
var. (ahd. bistvärön) und endia H (ahd. entön) begegnen im aofr. 
die formen bisverigia E^ 150, 14 (mit bisverigath E^ 150,4, 
u. s. w.) und io endegiane E^ 141, 13, to endgiande B u. s. w., 
mit '{e)gia, -igia, welches, unter beeinflussung der von adjec- 
tiven auf -ig {-ag, -og) abgeleiteten denominativa auf -igia, 
•'(e)gia, wie un{d)skeldigia, -egia^ nedgia (ahd. sculdigön, ndte- 
gdn), weldegia u. s. w., für urspr. •-iga{n), aus -ijain), -ejoin) 
(urspr. -djan) eingetreten war; (man verwechsle dieses -igia 
nicht mit dem ags. -igean] im aofr. war die Schreibung ge f&r 
j unbekannt). Nach dieser analogie wäre als nebenform von 
*somnia sammlen (vgl. somnath HE^, -iat E^, -ie H) ein som- 
nigia, -egia als möglich zu erwarten; wenn sich aber statt 
dessen eine form *sogenia findet (vgl. sogennath E^ 32, 13, mit 
falscher Schreibung für sogenathy und sogenie B), so liegt die 
Vermutung nahe, dass hier eine entwicklung vorläge, wobei 
letztere form aus ersterer durch die mittelstufen *sonn{e)gia, 
*sogniay hervorgegangen wäre; (wegen der assimilierung vgl. 
fänne, fönne, oben s. 245; der auffallenden metathesis steht 
wahrscheinlich die entwicklung in entgegengesetzter richtung 
des ags. reng, beng, für regn, begn, Siev. Ags. gr. § 185, zur 
Seite). Ist diese hypothese richtig, dann erklären sich mit 
hülfe derselben die formen wäinaih E^ 46, 24 % wäynat F 24 (in 



1) y. R. liest an dieser stelle weniaih oder waniaih, Hettema (E^ 
6, 3) woniath. Eine genaue prüf an g der hs. ergibt aber die lesart 
fvainaihf 1. mit einem a^ dessen querstrich gänzlich fehlt nnd dessen 
haken noch kaum sichtbar ist, 2. mit einem i, das eigentlich mehr wie 
ein j aussieht (t bezeichnet in diesem ms. sonst immer den semivoc j% 
was offenbar aas dem umstand zu erklären ist, dass der copist seine 
verschreibang w + voc. (^?) + noch deutlich erkennbares p (wahrsehein- 
lich wollte er zuerst tvepthy d. h. rveplhf das synonymum von wämatk, 
schreiben) nachlässig corrigierte, indem er den perpendiculären Btriefa 



ZÜK LEXICOLOGIE DES ALTOSTFRIESISCHEN. 275 

'sa wäynat an skrlet thet nDJerich kind'), hirväynath £^ 233, 30, 
biwäyneth E^ 232, 29, als 3. s. pr. ind., und bewäinad E^ 236, 16. 
als p. p. zu *{bi)wäinia, welches unmöglich direct dem ahd, 
{bi)weindn entsprechen kann, weil der unmittelbare reflex letz- 
terer form im aofr. {hi)wänia hätte sein müssen. Man beachte: 
*wän{e)gia (als nebenform von *wänia) : *wägnia, *wäinta (mit 
j aus ^, vor n, wie in brein, wein, leyna, seinunge, ags. brcegn, 
iveegn, as. idgnian, ags. segnung). 

Birveinath E^ 232, 29, kann nur Schreibfehler sein für bi- 
rvainath,^) 

54. {E)rvart, Neben dem im Wtb. i. v. wera wehren 
erwähnten (s. 1137), von v. R. nicht verstandenen, von Kern 
(Taalk. Bijdr. 2, 178 u. 179) aber richtig als zu *werda depra- 
vare (= ahd. wartan, werian, ags. werdan) gehörig aufgefassten 
p.p. {e)wert begegnet manchmal eine form {e)wart (s. für die 
belege das Wtb. a. a. o.), dessen a, aus e, sich dem vocale in 
bisvara B^ 159,21, warnt denegat E^ 184,23, unforwaret non 
defensus F 46, warand-j warensief tutor BE* (für bisvera, wemt, 
unforweret, werandstef) vergleicht Diese tatsaehe ermöglicht 
die erklärung der stelle im *F!aeth' (vgl. oben s. 260) 'thet 
thüT nebbe thlnis bedda (conjugis) göd stelen ne urhelen, sinne 
wart thin ne gret', 246, 1 — 3, wo, statt des vom herausgeber 
abgedruckten unsinnigen 'sinne . . . gret', nach der hs. 'sin ne 
wart, thin ne gret' zu lesen und der satz als 'das seinige 
(des verstorbenen ehegatten besitzung) nicht geschmälert, das 
deinige nicht (zum nach teil des seinigen) vergrössert' zu 
deuten ist. 

55. WS k an de und welande, in 'bgn wekande and we- 
lande\ R^ u. R^. Für die erstere dieser beiden (im Wtb. nicht 
erklärten) formen ist, wie kaum bemerkt zu werden braucht, 
ahd. weichdta emarcuit zu vergleichen. Für die letztere ziehe 
ich ahd. irwelheta elanguit und gewilchet werdan mollescant 
heran, indem ich auf borgath 3. p. s. pr. ind., elirnad p. p., 
wachtia, neben ahd. borgin, ich Urnen, wachten, hinweise (wegen 

des p dnreh einen darüber geschriebenen punkt taliter qualiter in i 
änderte, ohne den unteren teil dieses Striches zn radieren. 

*) Dass (t^:) biwene mi thes, welches v. R. = *ich beklage mich 
dessen' auffasste, dem ahd. sih bewänen c. genit. » *sperare' zn ver- 
gleichen ist, hat schon Günther (Die verba im altostfr. s. 42) bemerkt. 



276 VAN HELTEN 

des Schwunds des h vgl. bifela und Itcfelinge leichenbestattung 
F 56). Mit i aus e. begegnet dasselbe verbum im p. p. wUai 
welk F 76. 

56. Wen se (?), in 'hwersar en mon undad werth, thet 
bit ven seceth (oder, wie nacb dem ms. ebenso gut gelesen 
werden kann, seteth), thre skillingar', £2216,31 u. 32. Die 
m. a. n. fehlerhafte Schreibung der hs. macht den satz 'thet 
hit u. 8. w.' unverständlich. DQrft/s man hier vielleicht das se 
statt mit ceth oder ieth mit ven verbinden? Dann würde sich 
das vense ganz einfach erklären als der opt. pr. zu einem inf. 
*vensa, mit assibiliertem k = ahd. wenken moveri (vgl. wegen 
der Schreibung s für diesen assibilierten laut dtsa^ bereskinse, 
bresan, te sansane, neben diiz{i)ay berskinzia, breszen), und ge- 
währten die fraglichen werte, mit teih als teih dentes und 
hit als begleiter des logischen subjects (vgl. Grimm Gr. 4, 223 ff.), 
einen passenden sinn: ut dentes moveantur (wackeln). 

57. Werde 'zeugnis' und 'wahrheit'. Dieses nomen kann 
unmöglich directes derivatum sein aus wer, weil es als solches 
(= urspr. *tveripd)j wenigstens in R u. B, ih statt d haben 
mdsste (s. weiter unten). Doch darf eine beeinflussung des 
wertes durch das adject für sehr wahrscheinlich gelten. Dem 
got. rvaurdei in aglaiti-, dwala-, filu-, lausarvaurdei, entspricht 
ganz regelrecht ein aofr. werde oder wirde (vgl. wirgat, 
wirtze^ wircht, mit i, statt norm. ^, uml. von Uy neben wergath, 
werka) in den coUectivbedeutungen * werte', * Satzungen' und 
'die in den Satzungen angedrohten bussen': 'Ick untfeen da 
breef fises hera des päuses in alduscher werd^), E^ 250,28 — 29; 
'thet wjT .. . aweke (abwichen) fon there werde thes gästlike 
riuchtes', E^ 141, 14 — 18 (vgl. auch awfr. 'deer ne haet hr oen 
britsen hör scelta ban ner äsega doem ncr koninges ferd ner 
lyoda wirde\ d. h. die vom volke gemachten bestimmungen, 
71, 28— 31); 'ni ach hr te fellane (zu zahlen) äsega döm ni 
sceltata hon (die in dem 'döm' des richters, dem 'bon' des 
Schulzen angedrohten bussen) ni Uuda wirde^ (die in der /. w. 



^) Wegen der apokope des tonl. -e als suff. der feminina in E' vgl 
wird Zeugnis, Wahrheit im acc. 248, 16. 249, 18. 250, 16. 253, 1. 255,2, 
spreec gen. 255,25, oenspreeck dat. 249,6. 252,12, seeck. d. n. a. 249, 
23 u. 26, weir waare d. u. a. 194, 26. 195, 1. 7. 10. 15 n. 23, sowie die oben 
s. 264 verzeichneten nominativformen und u. s. w. 



ZÜK LEXICOLOGIE DES ALTOSTFRIESISCHEN. 277 

angedrohten bussen), H72, 1 — 3^); 'WsTsa bifiucht ieftha birä- 
wad ene wida, thcr hia biiewen het, end hiu nenne (/l nene) 
wirde bUhia (Schreibung für biiia) welle (d. h. wenn sie keine 
bussen beziehen, empfangen will) bihalva there bleszene (mit 
ausnähme von der entblössung), sa ach hiu hire ürböte ieftha 
hire ürriucht bifara eure femna*, H 339, 29—33. Neben dieser 
auf den grund begriff 'äusserung' zurückgehenden bedeutung^) 
wäre die ehemalige existenz einer bedeutung 'aussage, zeugnis' 
vollkommen begreiflich. Ein solches werde testimonium aber 
konnte natürlich ganz leicht mit wer verus in berührung ge- 
bracht werden und in folge dessen nicht mir seinen vocal in 
e umwandeln, sondern auch neben der bedeutung 'zeugnis' die 
bedeutung ' Wahrheit' entwickeln. 

68. Wiaka. Statt eines zu erwartenden mka cedere, 
wik u. 8. w., begegnet in den ofr. quellen ein nach der 2. abl. 
klasse flectiertes wiaka F 4, mit wiakande E^ 246, 1 (es steht in 
der hs. fehlerhaft wiakade), wiucht 3. s. pr. ind. F 4 und aweke 
opt. prt, in 'Therumbe (d. h. weil uns der auftrag gegeben 
ist den streit zu schlichten) unhantewrse alsa, thet wy' in alle 
tichtighen, thSr eng tsiwe ieftha käse fon ewesen hede, wet 
aweke (etwas abweichen sollten) fon there werde thes gästlike 
riuchtes and wl" metlike hnige to're seftechhe'd there nSthe*, 
£2 141, 13 — 20. Den anfang zu diesem sonderbaren Übergang 
machte die form wiucht, deren phonetische entwicklung durch 
*wicht aus *mkih begreiflich wird bei beachtung der formen 
liucht levis (aus tichl, wie knittcht, riucht, ftuchia, aus ^knickt, 
*richt, *fichtaf für *knecht u. s. w.) und bUcht, bilücht, brecht, 
sprecht, bisecht (für bltkth, bilükth u. s. w., 3. s. pr. ind. zu blikaj 
*bilüka u. s. w.). 

59» Ru6ka und wräk, Dass rueka in B 163,9, Schrei- 
bung ist für wreka und die bedeutung 'verwerfen' hat, ist in 
den Taalk. Bijdr. 2, 177, bemerkt worden. Das verbum (=k= nl. 
mnd. wraken verwerfen) hängt offenbar mit dem an. rcekr ver- 



^) Nach dieser stelle ist wurde in *■ th^r umbe ni thorf hr . . . ni 
äsega dorn . . . fella ni scelta bon ni keninges frethe ni linda wurde\ 
E*72, 8— 11,, in wirde zu ändern. 

ä) Vgl. auch wird verbum F 2 und die ausnahmslos awfr. für word 
eingetretenen formen werd, wird, welche nnr aus der anlehnnng an 
solches werde, wirde 'äusserung' zu erklären sind. 

Beiträge zur gesohichte der deutschen spräche. XIV. \^ 



278 VAN HELTEN 

werflich zusammen und darf also als das denominativ gelten 
eines verbaladjectives, mit lö-suflF., ^wrekio-. 

Im Mnd. wtb. wird wraken mit dem adj. wrack beschädigt, 
unbrauchbar, in Verbindung gebracht und letzteres dem aofr. 
wrak verglichen. Beides unrichtig. Ein denominativ von wrack 
hätte im mnd. wr ecken oder wracken , im ofr. wrecka oder 
(mit assibilierung) wretsa oder auch (als 6jO'9>t) wreckia lauten 
müssen; und dem mnd. wrack (aus ^wrakrio-^ verwant mit 
FQijyvvfii? vgl. Beitr. 9, 168 flf.) könnte im ofr. nur eine form 
wreck entsprechen. Der voc. der ofr. form geht notwendig 
entweder auf ai oder auf au zurttck, und man hat hier ohne 
bedenken got. wraiqs heranzuziehen, dessen bedeutung ^krumm' 
ganz trefflich an der stelle passt, wo sich das fragliehe wort 
vorfindet: '(fingera) stivande and stak fiuwer skillinga wicht 
goldis; helpande and haldande, twira skillinga wicht goldis 
6ni ötherhalva pannig w. gold.; sendse wräkj ändlofta half 
pannig w. gold', Ri 120,2—6. 



60. Der dat. s. masc. und neutr. und der d. pl 
comm. gen. der pronominalen flexion. Als d. s. m. und 
n. und als d. pl. comm. gen. des pron. dem. begegnen die formen 
ihä (die urspr. länge des vocals, auch in der form des sing., ergibt 
sich aus der häufigen wfr. Schreibung dae^ jedoch ist die möglich- 
keit einer kttrzung bei proklitischem gebrauche nicht zu läugnen) 
und thäm (wfr. daem), und zwar die erste nahezu immer, wenn 
das pron. adjective, die andere immer, wenn dasselbe Substantive 
steht (s. für letztere im d. s. m. Ri 118,20. 131,21. 133,32, 
H 334,24. 54, 17, E^ 54, 17, E» 253,18, F 112. 118. 136, im 
d. s. n. Ri 128, 16, R2 544, 9, B 167, 24. 172, 8 u. 14. 173, 7, 
H 330, 7, E2 201, 35. 207, 18. 240, 7, F 6. 16. 122. 124, im d. pL 
Ri 7,25. 19,26, H 20,1, E^ 20, 1); nur ausnahmsweise findet 
sich ein thäm riuchie R^ 127, 15, thäm dtherem E» 231,37, thäm 
müthon Ri 120, 24, thäm brotherum H 334, 16. Hiernjit überein- 
stimmend erscheinen in denselben casus mit m oder n: das 
pers. him, das interr. und indef. hwäm, das substantivisch ver- 
wante poss. sinem, -im (im a sinem, -im in dem seinigen H 4, 19, 



^) V. R. liest an letzter stelle falsch stnun. 



ZUR LEXICOLOGIE DES ALTOSTFRIESISCHEN. 279 

El 2, 7. 4, 19. 40, 31), müh sinem mit den seinigen B 169-, 7), 
das dem. selvem E^, selvum, sel/vm H, sellum F 10. 18, 148, seelm 
E^ (in sing.) und selvon R^ (in plur.), das substant. stehende 
dem. thissem (in aeng fon thissem E* 237, 27), und die in näm- 
licher function auftretenden indefinita allerekum F 38, altera 
monna hrvelikum F 136, aller a londa, ombechta eckem, -um E^H, 
dtheron Ri 77,23. 95,26. 116,5. 131,7, dron Ri 122,6.11 u. 15, 
R2 539, 13, ötherem ßi 171,29, E^ 62, 12. 78,24. 236,9, H 340, 19, 
E2 144,23. 194,5. 201,22. 226,24, E^ 194,5. 210,14. 229,27. 
231, 22. 24 u. 27. 243, 19, F 126, dth{e)rum H 66, 28. 76, 23. 96, 1 
U.23. 331,24. 335,30. 337,9. 338,32, Ei66,28. 67, n.l7, F 30. 
32. 36.94, B2 171,29, B 160, 28. 172, 21, Ötherim E» 206, 13*), orim 
E3 256, 20, ötheren E^ 230, 21, E» 201, 22, ene dtheron Ri 117, 13, 
Sne dtherem E^ 247, 8, E» 201, 32, een oern E^ 256, 14 u, s. w., 
iha dtherum H 98, 4, F 134, tha ötheren H 336, 27 u. s. w. Bei 
adjectiver Verwendung bilden hingegen die dem thä zu rer- 
gleichenden formen ohne -m oder -« (auf -e oder -a) die fast 
ausnahmslose regel: dne oder dna (s. das Wtb.), thesse, thisse 
oder thessa (sing.) R^R^ 539, 24. 541, 27 u. 33. 542, 20 u. 27, B 
HF 4. 26. 132. 136, thisse, thesse (pl., s. das Wtb.), alre{c)ke B 
160, 16. 174,4, H 341, 33, F 78. 104, allereka F 78, alracke E« 
214, 26, hfvelece R2 542, 30, hoke BE2, hoka F 72, elka W 255, 19, 
eidera H, äidra F 66. 148. 154 (im sing.), und alreke R2 538, 12, 
hoke^ 153,19 (im plur.), u. s. w.; (als ausnahmen sind nur zu 
erwähnen sinem maga, hals, hreg E^ 227,3 u. 11. 229,6, hon- 
dm sinon Ri 134,22, liodon sinon Ri 49, 13. 71,27). Dieselben 
endungen erscheinen ganz consequent nahezu ausschliesslich 
beim starken adjectiv und dem artikel Sn (und zwar so, dass 
in der regel im einen dialekt das -a, im anderen das 
'6 bevorzugt wird); nur zweimal begegnet eine form mit 
-m: in inem monne E^ 226, 9, und in *thene hägera mith 
twäm ethum te beweriande and thene lessa mith enem\ B^ 
1 79, 4, wo der artikel scheinbar substantivisch steht (B^ hat 
hier ine). 

Für das thä und die formen auf -a und -e apocope des 
nasals anzunehmen wäre unstatthaft, weil zwar das alte -n in 
den flexionsendungen schwindet (vgl. den in f. auf -a, die schwacheik 



*) V. R. liest hier falsch dtherun. 



280 Van heLteK 

casussufSxe auf -a, den opt. pl. pr. und prt. auf -e\ das ^-m 
aber unversehrt oder in der Schwächung -n erhalten bleibt 
(vgl. ausser den vorher erwähnten formen den d. pl. der sub- 
stantiva auf -um, -em, -en^ -on, -un). Es sind also die formen 
mit und ohne nasal völlig von einander zu trennen. Im be- 
treff des -e des d. sing, (das mit rttcksicht auf die in E^ und 
E^ auftretenden formen, mit apocopiertem -e^ als tonloser vocal 
anzusetzen ist) bietet sich eine ganz befriedigende erklärung, 
wenn man die endung auf ein urfries. 4 zurückfuhrt, das dem 
urags. von Sievers nachgewiesenen instrument.-loc. 4 entspricht; 
denn 1. hat sich im ofr. der überlieferten periode in der un- 
betonten silbe ein tonloses e aus urspr. t entwickelt (vgL den 
g. und d. s. der fem. i-stämme und den opt. prt. auf -e), und 
2. ist die frühere existenz eines instrumentalsuffixes für die 
ofr. ö-substantiva erwiesen durch die dative betse, keninze, 
thinze, welche unbedingt auf älteres *baki, *kuningi, ^thingi, 
zurückgehn müssen. 

Was die pluralform thä angeht, so wüsste ich unter den 
hier eventuell in betracht kommenden idg. formen ausser dem 
aid. instr. iäis, lit. tais, keine einzige, der die ofr. form in 
phonetischer hinsieht entspräche (wegen der apokope des «z 
s. gleich unten, s. 281 f.). Ich trage deshalb kein bedenken 
thä auf ursprüngliches paiz zurückzuführen, wenn gleich der 
umstand auffallen möchte^ dass in der germ. sprachfamilie nur 
das friesische (auch in wfi*. dialekten war dieselbe form im 
schwang) die instrumentalendung -ais gekannt oder erhalten 
hätte; nimmt doch letzteres mit bezug auf den in rede stehen- 
den casus schon sowieso eine isolierte Stellung ein. 

Bei der annähme eines solchen urfr. -aiz aber findet das 
-e im d. pl. der zwei- und mehrsilbigen formen eine ganz ein- 
fache erklärung (vgl. den opt. pr. auf -e, den nom. pl. m. des 
st. adj. auf -e), während sich das daneben stehende -a begreift 
als die kürzung eines -ä, welches als das product einer spä- 
teren einwirkung des pronomens thä zu gelten hat (vgl. die 
auf ähnliche anlehnung beruhenden st. adjectivendungen Sr, 
-{i)uy -az, -emu im ahd., -ir im an., Beitr. 2,115). 

Für die form des d. sing, thä und die im selben numerus 
neben -e verwante endung -a ist ferner die auch für die fr. 
pronominalflexion anzuerkennende gegenseitige beeinfiussong 



ZUR LEXICOLOGIE DES ALTOSTFRIESISCHEN. 281 

des sing, und plur. zu beachten (vgl. den g. pl. thera, neben 
dem g.-d. s. f. there, den d. s. m. n. ihäm = wfr. daem für das 
bei rein phonetischer entwicklung zu erwartende thom od. tham): 
nach dem muster der im plur. verwanten doppelformen thä und 
ihäm konnte hier neben thäm ein unurspr. ihä aufkommen, 
das natürlich, grade wie der plur. thä^ die fähigkeit hatte 
adjectivische formen auf -a, neben denen auf -^, hervor- 
zurufen. 

61. Die instrumentalformen des pron. thi. Neben 
dem instrumental thiu R*H, thio F 6. 26. 34, findet sich im ofr. 
auch eine form te, in theste (vor comp.) R^ und desteüke desgl. 
F 144, enteHke und desgl. H 38,6. Die annähme einer Identität 
der beiden formen ist aus phonetischen gründen ausgeschlossen. 
Vielmehr beruht das in tonloser silbe stehende te (aus the, vgl. 
iste, istet, istera, ister aus is + the, thet, thera, ther, nestu, 
aus nes non habes + ihu^ u. s. w.) auf früherem ^th% einem 
instrumental-local, der nach dem ags. bi^ mnl. di in hedi, und 
dem ags. as. hwt, mnl. wi in twt (s. Tijdschr. voor NdL taal-en 
letterk. 5, 205 u. 206) für das urfr. anzusetzen wäre. (Wegen 
der instrumentalrection des Me vgl. got. 'he nu galeiko J>ans 
maus ]7is kunjis jah he sijaina galeikai', Luc. 7, 31, und ahd. 
'bist gar ouh thiu gilieho', Otfr. 4, 22, 28). 

63. Der nom. (acc.) pl. der o-stämme. Faul hat 
(Beitr. 6, 550) Scherers annähme eines urgerm. Suffixes -äsas (od. 
besser -ösiz, -dziz) für den n. pl. der ö-stämme zurückgewiesen, 
indem er sein bekanntes wgerm. auslautsgesetz für -z u. -s auf- 
stellte. Dass indessen die ehemalige existenz einer solchen endung 
für das urgerm., wenigstens für das urfries., schwerlich zu läugnen 
ist, geht aus dem nom. (acc.) pl. der o-siamme hervor, der in 
den ofr. quellen mit der endung -ar {-er) auftritt, und zwar 
in BE^ und E^ die ausschliesslich verwante form ist, in R^ 
und B^ neben den formen auf -a, in H und E^ neben den aus 
der schw. flexion eingedrungenen formen auf -an, -en, begegnet; 
(vgl. für R* und R^ neilar, umbibürar, kiningar, keningar, hisco- 
par, fiskdry hirigongar^ bämar u. s. w., und nila, büra, kininga 
132, 8. 134, 5 u. 8, biscopa, berga, dega, etha, düka^ domma, 
thiava, sitha 543,37. 544, 14 u. 30 u. s. w.; fllr H ethar, bürar^ 
penningar, eckerar, kene{n)gar u. s. w., neben ethayt 330, 2. 
333,17. 334,32. 339,12, degan^ fogethan, presteran, fiarder(m\ 



282 VAN HELTEN 

für E3 fingrar 221,24. 223,33, dommar, dicar, hävälingar, häper 
210, 31, neben degan 250, 14, hyseopen 248, 20, proghesien 248,20, 
prSsieren 248, 20. 250, 4 u. 8. w., die sich aber nur im Emsig. 
Sendger. vorfinden; F hat,' mit einer ausnähme leiar 32, immer 
-an: keningan 4. 6, synethan 48, degan 48. 50. 52. 54, fingrän 
76. 80, ddman 146, dikan 138, domman 138, slekan 76, scillingan 
60, panningan pass., erman 96, e/Äaw 60. 106. 108. 112. 126. 128, 
neylan 102, tünan 24 u. s. w.). Auch für das ofr. ist nämlich 
das in den andren wgerm. dialekten waltende apokopegesetz 
des -z (-r) anzuerkennen; vgl. die pronomina mf, thf, Äf, m^ 
t, thiu (n. s. f.), tha (n. und a. pl. f.), hwa, den suffixlosen n. s. 
der masc. o-stämme und der lang- und mehrsilbigen i- und 
2^-stämme, den n. s. auf -e der kurzsilbigen /-stamme, den n. s. 
sunu, fretho, den g. s. suna, fretha^ den g. s. auf -e und den 
n. (a.) pl. auf -a der ö-stämme, den n. (a.) pl. liude, dede, nifte, 
honda^ fretha^ suna (die übrigen i- und t^-stämme haben in 
diesen casus die endungen der o- und ^-stamme angenommen), 
den n. (a.) pl. m. und f. der schw. declin. auf -a (aus -an)^ den 
n. (a.) pl. der consonantstämme man und meriy mdnath^ teth, 
tesch dentes, fit, nacht, brother, friond^ friund^ den n. (a.) pl. 
auf -a und den g. s. f. auf -ere der st. fem. adjectiven, die 
2. s. pr. opt. Stele, drive, swere, libhe u. s. w., die adverbia in 
comparativo mä, mS, min, u. s. w.; (die ausnahmen, das enclit 
personalpron. er und das einmalige her ille £^ 180, 13, erklären 
sich aus der häufigen Verbindung dieser formen mit einem 
folgenden encliticum, vgl. heret er es, brangiheme, wrpeme, 
blerem blies er ihm, skelerem soll er ihm, thetteme u. s. w.; in 
hrither bos ist das -er aus den flectierten casus eingedrungen; 
mär, mer, für 7nä, me, hat das r aus dem compar. der adjectiva 
entlehnt). Demnach hätte hier ein urfr. suffix des n. pl. -bz, 
'ÖS, nur -a oder -as (welches gar nicht begegnet) ergeben 
können. Aus altem -oziz wäre hingegen in den nicht oxyto- 
nierten formen, durch '6z{i), -or, ganz regelrecht -ar hervor- 
gegangen. Vielleicht dürfte mit rücksicht auf diese tatsache 
auch für das ags. und as. -as, -os die annähme eines urspr. 
-osiz auf einige beachtung anspruch erheben. 

63. Der wurzelvocal des ablautenden praeteri- 
tums. Urgermanischem ai entspricht ä, wenn in der folg- 
silbe ursprünglich kein i, i oder / stand, dagegen i^ wenn die 



ZUR LEXICOLOGIE DES ALTOS'I PRIESISCHEN. 283 

folgsilbe nrspr. einen umlautenden faetor enthielt: äthum 
Schwager, fräse gefahr, gäd (s. oben 8. 249), läre lehre, twä^ 
iäne zehe, wäse schlämm u. s. w. u. s. w., neben hethe ambo, 
d&a, iisen quernus, htlg, hethin, -en, klene, iSn leben (ags. 
Idbn, vgl. Sievers, Ags. gr. § 288), mine communis, iSra, sela 
binden, rviden blau (ahd. weitin), u. s. w. u. s. w. (ein voUstän- 
ständiges Verzeichnis der belege wird meine Altofr. gramm. 
enthalten). Urgermanischem a vor nasal entspricht o, wenn in 
der folgsilbe urspr. kein i, % oder j stand, dagegen a oder e^ 
wenn die folgsilbe urspr. einen umlautenden faetor enthielt: 
hon, bonna, honnere, gong, hond, hongath, cronc, komp, lom, 
long, spon, thonk u. s. w., und bona mörder, fona fahne, hona, 
loma lahm^ mona mahne, noma, rvonia u. s. w., neben angel^ 
branga u. s. w. und bende, {e)gengen u. s. w. (s. oben s. 239 f ). 
Diese tatsachen zwingen uns unbedingt zu der annähme, dass 
der 3. s. ind. der st. praeterita I. und III. kl. (mit wurzelaus- 
lautendem geminiertem nasal oder nas. + muta), skrSf, bigrep, 
wet^ rvan, bant, sang, fand, kan, eine form mit i-suffix zu gründe 
liegt, m. a. w. dass hier eine dem gr. -e der 3. s. prf. ind. ent- 
sprechende endung -t der faetor war fbr die umlautung resp. 
erhaltung des wurzelvocals (wegen der Chronologie des Um- 
lauts und der vocalapokope im urofr. s. oben s.232). Nur in einer 
form findet sich statt i ein ä, nämlich in der 3. s. des praeterito- 
praes. äch, wo aber der abnormale vocal als die augenschein- 
liche folge des einflusses des ä der 1. s. ik aech W 254, 7, 
und des pl. ägon, -^n, vollkommen begreiflich ist. 

Für die 1. s. prt. ind. fehlen, mit ausnähme dieses aech, 
die belege; doch ist hier mit grosser Wahrscheinlichkeit ein 
für das lautgesetzlich entwickelte ä und o eingetretenes e und 
a anzusetzen, und zwar auf grund des umstandes, dass 1. von 
den verben II. und VI. kl. in der 3. s. prt ind. ausschliesslich 
formen, mit ä, respective o, begegnen {päd, fläs, käs u. s. w. 
und drdch, fbr u. s. w.), deren vocal nach dem muster der für 
die 1. s. anzusetzenden form für das lautgesetzlich entwickelte 
e eingetreten war, und 2. sich zu den verben quetha und tvesa 
eine 3. s. prt. ind. quath und was findet, deren ursprüngliches e 
offenbar dem a der 1. s. gewichen war. 

Auch in der 3. s. prt. IV. kl. sprek und in bed^ et, ief und 
gefj les, biset, iech, 3. sg. prt. V. kl. ist das e als uml. aufzu- 



284 VAN HELTEN 

fassen; denn, wenn man auch mit rücksieht auf die spontane 
entwickelung des e aus a in geschlossener silbe die ersteren 
formen zur not auf frtlheres *sprak u. s. w. zurtlckfUhren könnte, 
so wäre dies für iech (zu ia fateri) unmöglich, weil das a vor 
ch erhalten bleibt. Zu hed u. s. w. gesellt sich die 3. s. mei 
(aus *magi). Bifel commendavit (zu Ufeld)^ das selbstverständ- 
lich als neubildung nach der IV. kl. gelten muss (die urspr. 
form lautete Hifalch oder Hifelch, vgl. oben s. 238), zeugt fÄr 
die frühere existenz eines nicht belegten *ä^/, ^stel, zu ^hela, 
stela. Die 3. s. skel BHEF ist zweideutig, weil das e hier 
auch aus dem pl. {skelewi H81,6, E^, skelen 3. pl. BHE^E^ 
u. 8. w.) eingedrungen sein könnte (vgl. skil 1. u. 3. s. R, neben 
skilurvi, skilun 3. pl. R, mit umgelautetem, aus dem opt. ent- 
lehnten vocal, wie das e von skelewi^ skelen). 

Die 3. s. prt. nam R^ 33, 4, vergleicht sich den oben er- 
wähnten formen wan, haut u. s. w.; das daneben erscheinende 
nom HEF 118. 124, und {ht)com haben ihren vocal aus der 1. s. 
entnommen, es sei denn dass diese formen etwa, wie die 3. s. 
prt. ind. coem E^ 207,4, den vocal des pl. enthalten. 

In gald HF 124 kann die in die 3 s. eingedrungene ur- 
sprüngliche form der 1. s. stecken oder die ursprüngliche form 
der 3. s., mit nicht umgelautetem wurzel vocal (wegen dem 
sporadisch unterbliebenen umlaut vor Id vgl. den fem. /-stamm 
wald vis HF 112. 124. 134, und kalde kälte F 80). Die 3.8. 
rvarth und starif) F 118 kann ebenfalls die urspr. nur der 1.8. 
zukommende form sein (vgl. wegen der regelmässigen erhal- 
tung des a, in der Verbindung war, swart RBHE^E^E^F 20. 32. 
106. 130, neben srveri E^ 64. 15, sward{e) köpf haut, wardia, 
warte warze, fvarm u. s. w.; wegen der sporadischen erhaltung 
des ttj in geschlossener nicht mit w anlautender silbe, flarde 
lungenlappen, Uod-, liudgarda, mark münze E^ 20,17. 212,26. 
234,25, E2 246, 11 u. s. w., neben normalem merk münze, erg, 
erke, erm adj. und subst., hüskerl, merch u. s. w.) oder sie gebt 
auf früheres *werth, ^sterf zurück (vgl. ausser den s. 275 er- 
wähnten formen {e)wart u. s. w., den /-stamm am ernte, sareda 
gerüstet E* 31,23. 99,9, neben sereda HF 12. 14. 134, ags.^^- 
syrwed, aus *gisarwid). 

64. Die 3. p. s. und der pl. praes. ind. auf -t oder 
'd. Für das normale th der personalsuffixe -(e)/Ä, -ath, -iath, 



ZUR LEXICOLOGIE DES ALTOSTFRIESISCHEN. 285 

begegnet in den ofr. quellen in der 3. s. pr. ind. ein / 
(regelmässig) nach /, n, t, d, s, ch und (facultativ) nach f, 
in der 3. s., nach andern consonanten und nach vocalen, 
und in dem pl. (nicht selten, in F sogar sehr oft) ein / 
oder d. Siehe 

flir ersteres: falt, telt, stelt, delt, sili u. s. w., zu falla, 
tella u. 8. w.; hurnt^ bemt, wint, hekent, hSni u. s. w., zu buma, 
bema, winna u. s. w.; flucht, fliot, het, sRt, bislüt, stet u. s. w., 
zu ftuchia, fliola, hita u. s. w.; biot, bint, halt, gelt, fint, rit 
u. s. w., zu bioda, binda u. s. w.; kiosl, urliust, rist u. s. w., zu 
kiosa, urliasa, nsa u. s. w.; fliucht, siucht, tiucht, zu flia, sia, 
tia; ieft, beltft, dnft, sterft u. s. w. neben iefth, belxfth, drifth, 
sterfih u. s. w. (vgl. alder, aldus, änderte, anda, fonda, scaliu, 
weliu, anti, antes, isti, istet u. s. w., aus oH + ther, ihm, an + 
thene^ iha, fon + iha , scait, weit + thu, and + ihi, thes, is + 
thij thet u. 8. w.); 

für letzteres: R^ hläpt, clagat, laihat 122,25, blddgaderne, wn- 
dademe (mit er er + ne ihn), flucht at 35, 16, stervat, werthat 1 18, 4. 
1^0,21, somniat 130,23, loviat 11,1; R'^aRknat 518,17, wr/ovarf, thic^i 
539,23, hebbat b4\, Iß, behltaf, B slait {nur B^) 11^,22, asleyt 
181,9, gengt, werpt (nur B^) 171, 17, dempt, toroihat, wirgat 
(nurßi) 177,2. 181,10, clagad 111,4, werthat, warthat {nur B^) 

154.11, kiasat (nur B») 180,15, skiat (nur B2), ungat (nur B*) 
181,16, hebbat 178,16. 180,21, riuchtat (nur B*) 180,24, kelhat, 
gäbiat, wellat (nur B*) 153, 17, nellet (nur B^ 181, 14; H sleit 30, 23. 
331, 26. 336, 25. 341, 16, sleid 336, 9, feret 30, 18, hävt, binert, halat, 
hongat 26, 14. 36, 23, weldegat 52, 18, {bi)räwat 64, 17. 336,6 u. 10, 
biräwad 339,30, clagat, weddat, ürlivat 337,18, tigat 339,10, 
gltsat, dävad, lovad 20, 15, det 332,25, szivat, stervat, fät, biadat, 
nimat 70, 16, waldat, ievet, bernat, ütbeldot (1. ütbeldat), hebbat, 
-et 31,1. 330, 4. 8u.9. 331,4. 341,31. 343, 15,/b/(i7)/a/,/öm^ 20,25. 

331. 12, duat 70, 20, wellat 341, 17; ^^ fart, kem(p)t 16, 4. 234, 24, 
werpt, sleit 238,19, brect, bigript, bineret, weldegat 52,19, bi- 
slagai 232,29, biräwat, urwixlat 44,15, hongat 26,15, clagat, 
quethat 52, 21, morthat 31, 30, weddad 34, 36, biadat, bindat, 
ftuchtat 34,9, werthat 234, 17, hebbat 236,4, hebbet 247,23 (v. R. 
1. hier falsch hebben), folgiat, loviat; E^ urkert, svangt, {io)brect, 
spreckt 194, 18, fart, slayt, lit und ßJ jacet, leyt 220,20, aftiget, 
beräuwet 230' 36, beräwad 232, 9, folat, /Hat, hdlat, clagat, liwat 



286 VAN HELTEN 

236, 29, liwad, monat, monnat 197,20. 199, 17, makat 144,31, j»/^^a/, 
afiegat 144, n. 8, unat, betigat 194, 5, hetighet 246, 9, dit 206, 
14 u. 31, farat 150, 8, ferat 150, 3, urliasat 149, 33, libhet 238,5, 
redfa^ 206, 15, riuchtai 194,3, &/7^//a^, «;a/dfa^ 218,10, makiat 
236, 3, rttö^ia^ wellat 199, 37; £3 Äer^ 211,4, ganckl 208, 8, fer^cÄ/, 
sprecki 189, 2. 197, 5. 202, 3. 208, 22, hläpt 229, 6, byröpt 
257,16, rfm7 233,29, ieit 252,4, ^d/ 254,29, ^^^255,17, 
gancki 208, 8, ^/ai^ nimpt 233,4. 243, 19, kum{p)t 210,35. 
254, 4 u. 7, driupi 223, 36, W^ec^ 253, 5, bywiset 255, 23, (fccÄ^/ 
252,36, playtigaij mordat 239, 13, schadet 253, 17, bislag ei 
233,29, Ä^Wa^256, 16, playtiei\ F m*w^, inkumt, siät und ^^^^ 
steht u. 8. w. u. 8. w. pa88im (die belege begegnen hier auf 
jeder seite). 

Von einer durch den vorhergehenden eonsonanten oder 
vocal erwirkten entwicklung des t oder d kann in den verzeich- 
neten formen selbstverständlich keine rede sein. Unstatthaft 
wäre ebenfalls die annähme, dass hier eine Schreibung t oder 
d für ih vorläge, wie sich dieselbe einige male in HE^E^E^ 
und F (offenbar in folge des vorherrschens des explosiven 
elements bei der ausspräche des ih) findet (H dät mors 56, 29, 
lid membrum 332, 19. 333, 11 u. 17, sit socius 156, 24, smeiriucki 
58,26; E» sineiriucht 60,3, n%t imidia 58,6, feret vita 31,2, 
herisiede 78,23; E2 mori 238,21; E^ n^d 250, 15, schät 3. s. 
pr. ind. und p. p. zu skeiha, wert dignus, foert 250, 13; F mori, 
mord 18. 36. 42. 50. 102, lil membrum 80. 92, fori pass., hart 
heerd 150, nortmon 26); denn bei dieser auffassung müsste gegen- 
über dem fehlen solcher schreibuug in R^K^B^ und B^ und der 
Seltenheit derselben in den andren mss. der umstand auffallen, 
dass die personalendungen, mit t und d, sich auch in den vier 
ersteren hss. finden und in den anderen quellen verhältnis- 
mässig häufig oder sogar sehr häufig erscheinen. Auch eine 
auffassung des i als der folge von analogiebildung naeh den 
formen, mit phonetisch entwickeltem / aus th, und des d als 
Schreibung für i (vgl. z. b. thed, fed u. s. w., für thei^ fet u. s. w.) 
könnte hier wenig helfen, weil dabei sowol das inlautende d 
in blodgademe, tvndademe, als die pluralsuffixe -et und -tat 
unerklärt blieben. 

Es bleibt also, sofern ich ersehen kann, nur noch die 
möglichkeit übrig, dass die in frage stehenden endungen residua 



DIE ALTWESTFRIESISCHE PRONOMINALFORM JEMMÄ, 287 

wären aus einer früheren sprachperiode, wo die suflGxe -id^ 
-ad, 'lad oder, mit t als Schreibung für ^, -ii, -at, -iaij welche, 
wie as. -id, '(i)ad, -od, ahd. -ii, -et, -atj -ant u. s. w., ursprünglich 
nur den starken verben mit wurzelbetonuug und den schwachen 
verben 2. und 3. kl, auf 'd'jo, -e, und ijo, -e, zukamen i), 
facultatiy wechselten mit den Suffixen -Uh, -ath, -iath, deren 
cons., wie das Ö im ags. '{e)Ö, -ab, -iat), ursprünglich nur den 
starken verben der kl. tudä'mi, den athematischen verben und 
den schwachen verben 1. kl., auf -jd, -Je, zukamen. 



DIE ALTWESTFRIESISCHE PRONOMINAL- 
FORM JEMMA. 

Dass die awfr. für alle vier casus geltende pronominalform 
der 2. pers. pl. jemma{n) nicht als der reflex des aid. yicshmän, 
sondern als das compositum des Personalpronomens mit man 
zu gelten hat, ist von Kern (Taalk. Bijdr. 2, 195 ff.) erwiesen. 
Bei der ausführuug dieser deutung hat derselbe es aber unter- 
lassen zweierlei eigentümliches in der form des jemma(n) zu 
erörtern, nämlich das Je und das geminierte m. Statt eines 
nom. gen. dat. und acc. jemma{n) müsste man ja bei einer 
composition des normalen pronomens mit man die formen iman 
(nom.), iuwermanna (gen.), iumannem (dat.), iuman (acc), oder, 
mit kürzung und Schwächung des zweiten dementes, ima{n), 
iurverma{n), iuma{n), erwarten. Es liegt hier unverkennbar ana- 
logiewirkung vor, d. h. es hat sich nach dem muster des dat. pl. 
hemman (d. h. hem + man^ aus mannem) ein für den dat. *iuman 
eingetretenes jemma(n) gebildet, welches zuerst in den acc, 
dann aus diesem casus in den nom. drang und zuletzt auch 
als gen. verwant wurde. Vgl. im nnl. hüllte illis und illos 
(für hunlie, aus hun + Hede), welches das muster abgab für 



1) Wenn wenigstens die entwickelang des di und Si in der 2. und 
und 3. 8. pr. ind. dieser verba zu d und ai jünger ist als die Wirkung 
des Verner'schen gesetzes; denn im umgekehrten fall käme hier der 
enduDg natürlich urspr. th £u. 



288 VAN HELTEN, DIE AWFR. PRONOMINALFORM JEMMA. 

die bildung eines nicht nur als dat. und aee., sondern auch als 
nom. und gen. verwanten yu//2> und eines nom. zuilie (woher auch 
rvullie); und im jetzigen westflämischen den g. d. und a. ulder, 
hulder (aus u{rv), hun, heur und lieder, s. meine Vondelgrammatik 
§ 112), mit den analogiebildungen gülder, zulder, nmlder 
im nom. 



GRONINGEN, im februar 1888. 



W. VAN HELTEN. 



Nachtrag zu s. 242. 

Die hier erwähnten optative sie HE^F 28, skiS H, sind selber 
unurspr. und unter beeinflussung des ie (aus *jeh(ü') und der 
formen sia^ skia, siath, skiaih, für urspr. si E^E^ 225, 25, sehe 
F 150. 158 (aus *sehai', *skehai'\ eingetreten. Vgl. auch die zu tia 
ziehen gehörigen optativformen te, tee R^F 150. 152, und tie 
BHE^E^, welche nach dem muster von se und sii (zu sid) neben 
der urspr. form tia E^ 226, 14, E» 227, 13 (aus Hiahai-) aufkamen. 



UEBER DIE IDG. VERBINDUNGEN 

VON 5 (Z) + GUTTURAL + L, M JV m DEN 

GERMANISCHEN SPRACHEN. 



I. 

bchon vor einigen jähren trug ich im phil. seminarium zu 
Upsala eine ansieht über die entspreehungen dieser Verbindungen 
in den germanischen sprachen vor. Die allgemeine regel, die 
ich damals aufstellte, lautete etwa: skl-^ (sktn-), skn- sind laut- 
gesetzlich in allen germanischen dialekten zu ^/-, (sm-), sn ent- 
wickelt worden. Wenn sodann dieselbe Wortsippe schon in 
indogermanischer zeit formen sowol mit als ohne s aufweisen, 
so können wir in den germanischen sprachen neben einander 
verwante Wörter finden, die entweder auf sh, (sm-), sn- oder 
auf xh (x^')) X^' zurtlckgehen. Ich suchte dann, durch an- 
geführte beispiele dies gesetz wahrscheinlich zu machen und 
Noreen hat sich seit dem Ark. f. nord. fil. III p. 18 f. meiner 
ansieht angeschlossen; selbst hatte ich in meiner abhandlung 
De derivatis verbis contractis p. 112 n. 1 gelegenheit auf die 
genannte regel hinzuweisen. Es wird aufgäbe dieser abhand- 
lung sein das gesetz etwas ausführlicher zu begründen. 

Seit langer zeit hat man angenommen, dass k in der Ver- 
bindung skl- in einem worte ausgefallen sei, nämlich in ahd. 
sUo2,an u. 8. w. in Verhältnis zu 1. claudo u. s. w. (s. Curtius, 
Et.5 150, Vanigek, Wb. 1123 f.. Schade p. 824 und die citierte 
literatur). Seitdem hat v. Fierlinger, KZ. XXVH, 190 flf., 
gestützt auf die vergleichung von ahd. sHoz,an und 1. claudo, 
von einer wz. sklaud-y in derselben weise ahd. stdan neben 
skulan aus einer Verbindung skl- (nicht skl-) erklärt (vgl. Brug- 
mann, Grundriss I, p. 314. 386). Später KZ. XXVII, 480 er- 



290 JOHANSSON 

klärt V. Fierlinger (was wol Holthausen, Beitr. XIII, 369 
entgangen ist), dass skl- unter gewissen bedingungen sich sowol 
zu siU- als skuh entwickeln könne; diese annähme stützt er 
auf ahd. skuldra und auf den umstand, dass afr. auch eine 
form skluiha oder skluta fttr sluia hat (Richthofen 1037, vgl. 
auch eine notiz von Hintner bei Fick, Wb. II, 197). Ich 
glaube nicht, dass diese formulierung richtig ist; wahrschein- 
lich wird skh unter allen umständen sl-] dagegen skl- mag 
verschieden behandelt worden sein, je nachdem es sk9l- oder 
skl9' bedeutet: jenes gab skul- dieses slu- Wahrscheinlich ist 
Stil in sulan eine compromissbildung. Die Verbindung skl- 
{skl9-) ward immer sl- {sld'\ und zwar urgermanisch (oder sogar 
indogermanisch). Die afr. form skluta ist nichts als eine 
sporadische, natürlich phonetisch begründete Schreibung für 
sluta. Vielleicht bezeichnet diese Schreibung, dass / zum teil 
tonlos war.i) 

Nun behaupte ich auch, dass skm- und skn- unter den- 
selben bedingungen wie skl- germanisch (oder indogermanisch) 
in sm- und sn- übergegangen sind (über eine erweiterung der 
regel s. unten). 

Ich will sogleich ein beispiel erwähnen. Neben einander und 
mit derselben bedeutung kommt im h\,fnykr^ snykrxmA nykr {^nykr 
ok fyla^) und dazu knykr (s. Noreen, Aisl. Gr. § 193 a. 2) vor. Nun 
ergibt sowol die identische bedeutung als die form, dass sie von 
derselben grundform ausgegangen sind, m. a. w. ursprünglich 



^) Jedenfalls begegnen auch anderswo Schreibungen skl- für oispr. 
*/-, so aisl. sclakkagHs R0ykj.-Mdld., sclavngvir (= slengmr) Placitas- 
dr&pa, ?L%(!^i7f. sclagh, sciepper St.-L.; auch ahd. sclaga (= slaga), sdege 
(s sleggo n. s. w.), sclahan, sclahen (= slßhan), sclachidn (= slahtSn), 
scliz^y scliz (=> sitz,, sitz) n. s. w. Das einzige deutsche wort das skl- 
aufweist ist sklave, was lehnwort ans dem mittell. sclavus ist. Dies 
aber ist eine mit slavus (aus dem volksnamen) wechselnde schreibang 
die vielleicht mit den oben angeführten auf gleicher linie steht. — Im 
ags. begegnet statt sl- die schreibnng sei- z. b. in sclät, scle'acnes, äsela- 
cad, statt sm- scm- in scmegende, statt sn- scn- in scnicendan, siehe 
Sievers, Ags. gr.^ § 2t0, Sweet, Agls. read. p. 189. Ueber die dea- 
tung dieses einschubes von k bes. im ahd. s. Scherer, ZGDS*., 127, 
Braune, Ahd. gr. § 169 anm. 3. — Gelegentlich kommt auch in norw. 
dial. ein einschub von k zwischen s und / vor : skletta (in Nordland) ^ 
sletta f. 'sind, blanding af regn og snee'. 



VERBINDUNGEN VON S (Z) + GÜTT. -f Z, M, N. 291 

dasselbe wort sind. Um den consonantismus des anlautes zu 
erklären sind mehrere möglichkeiten denkbar. Zunächst könnte 
man in bezug auf die wechselformen fnykr und snykr eine ent- 

Wickelung /n- > sn- oder sn- > fn auf germanischem oder 

nordischem boden — statuieren, so dass die eine form als 
primär in Verhältnis zur andern gelten könnte. Oder auch 
könnte man — wenigstens in einigen hierher gehörenden fällen 
— an volksetymologische oder onomatopoetische neubildungen 
denken. Aber endlich kann die doppelheit (^)n-, fn- : sn 
(über die Verbindungen hn, fn in Verhältnis zu einander s. 
unten) auf eine weit entferntere periode der germanischen 
sprachen zurückzufahren sein. Somit kann man annehmen, 
dass formen wie fnykr, (h)nykr und snykr parallelformen sind, 
aus einem seit langer zeit — vielleicht' schon in indogerma- 
nischer zeit — gespaltenen thema. Diese letzte möglichkeit 
der erklärung ist es, die ich (wenigstens für die meisten fälle, 
in denen ein Wechsel zwischen hl- : sl-, hm- : sm-, hn- : sn- 
vorkommt) für die wahrscheinlichste ansehe; obschon ich damit 
nicht für einige fälle die möglichkeit der andern erklärungen 
leugne. 

Die von mir angedeutete erklärung der angeführten und 
anderer derartiger fälle setzt zunächst die annähme von indo- 
germanischen doppelformen mit und ohne ^ (skl- : kl-, skm- 
: km, skn- : kn-) voraus. Worauf immer dieser Wechsel be- 
ruhen mag^), sicher ist er sehr häufig und zwar so, dass ent- 

^) Osthoff, MU. IV, 329 n. erklärt diesen Wechsel aus idg. satz- 
doabletten, so dass z. b. in explos. (eines vorausgehenden wortes) 
+ s + cons. schon idg. s ausgedrängt worden sei; Kluge, KZ. 
XXVI, 69, Wb. passim nimmt s als rest eines (vielleicht in verschiedenen 
fällen dem Ursprünge nach verschiedenen) präfixes; v. Fi erlin g er, KZ. 
XX Vn, 196 n. nimmt an, dass ein anlautendes s nach einem voraus- 
gehendem auslautendem s weggefallen sei i*nebhos stnjSti r:^ *neöhos 
tnjäti)\ Bartholomae, KZ. XXVII, 368 n., vgl. Ar. :^. 111,36 glaubt, 
dass doppelformen (in der hauptsache gleich Osthoif) aus formen wie 
*utspekjö ::=* *utpekjd und daraus geschlossenem *pekjö neben dem ein- 
fachen *spekjö'. Vgl. Brugmann, Grundr. I, 447, G. Meyer, Gr.* 
p. 246 ff., Curtius, Et.» 692 ff., 0. Weise, BB VI, 105 f. u. a. wo 
mehrere beispiele vorkommen. Wahrscheinlich sind alle oder mehrere 
der angeführten Ursachen in verschiedenen beispielen wirksam geworden; 
ebenso können die doppelformen höchst verschiedenen zeiten zugeschrie- 
ben werden. 



292 JOHANSSON 

weder in derselben oder in verseliiedenen verwanten sprachen 
wechselformen mit und ohne anlautendes s vorkommen: s. siM- 
gämi, Cttym, lit. stegiu, stögas : 1. iego, toga, isl. pak, tiyot;; 
g. siiur^ ahd. siior u. s. w. : ravgog, 1. taurus, abg. iuru, an. 
pj6rr\ an. stör kr, ahd. stör ah : rogyog; xvrog, 1. C2«^i$, an. 
hüb, ahd. M/ : Cxvxoq, 1. scülum^ CxvXov u. s. w.; xo^co^ 1. cat;eo 
: ß'vo-öxoog, g. skawjan\ an. skarrij ags. sceam, öxcig : ahd. 
^aran (Aam); mhd. ^/mA: : /mc^ /^nc (s. unten); mhd. schocke 
: lit. A:2/^2^, nhd. hocke] ahd. smelzan : (liköo), ags. meltan, an. 
ma// u. s. w.; CJtlyyog (maked.), schw. spink : schw. /JwA: u. dgl. 
Hiermit ist sonach die möglichkeit aufgewiesen, dass es schon 
in indogermanischer zeit die genannten Verbindungen ge- 
geben hat 

Die tatsache, dass in den germanischen sprachen sowol, als 
auch in andern idg. sprachen niemals die Verbindungen skl-, 
sktn-y skn- auftreten, ausser etwa secundär^), dagegen im gr. 
u. s. w. die Verbindungen xX- (x/i-), xv- erscheinen, die sowol 
aus mehreren grtlnden mit gewissen germanischen Wörtern mit 
s aber ohne guttural zusammenhängen, als auch an sich wahr- 
scheinlich auf skl- {skm'\ skn- zurückgeführt werden können 
— diese tatsache macht die Vermutung sehr annehmbar, dass 
diese Verbindungen einzelsprachlich oder idgerm. reduciert wor- 
den sind. Ich stelle nun ftir die germanischen sprachen fol- 
gende allgemeine regel auf: s + gutt. + /, m, n sind ent- 
weder idg. oder einzelsprachlich zu ^ + /, »i, n verein- 
facht worden.^) Es ist wahrscheinlich, dass diese reduction 



Dies gilt z. b. von nhd. sklave was als lehnwort zu betraohten 
ist, 8. oben und Kluge, Wb. 319. 

3) Dagegen scheinen die Verbindungen s + gntt. -{-^ den gnttnnl 
nicht eingebüsst zu haben, wie man sich durch den flOchtigsten blick in 
die Wörterbücher überzeugen kann. Ich verstehe daher nicht, wie 
Kauffmann, Beitr. XII, 505 gegen v. Fierlinger behaupten kann, 
dass die ahd. form sarpf mit ahd. scharpf, scarf identisch sein solle, 
d. h. k in der verkbindang skf' (?) weggefallen sei. Kann man nicht 
eine analogische erklärung liefern, so müssen wol diese beiden wOrter 
getrennt werden. — Beiläufig mag hier bemerkt werden, dass sowol k 
(oder gntt. überhaupt) in andern combinationen (z. b. squ oder qsu in 
svipan s. Hübschmann, KZ. XXVII, 107 f.) hat schwinden könneii, 
als auch in manchen andern Verbindungen lautverdrängungen statt- 
gefunden haben, z. b. sll-, stm-, sin- u. s. w. in den germ. sprachen {sift 



VERBINDUNGEN VON S (Z) + GÜTT. + X, ilf, N. 293 

auch im inlaute geschehen ist, aber teils sind solche fälle sehr 
selten, teils schwer zu controUieren, weshalb ich mich be- 
schränke, das gesetz nur hinsichtlich des anlautes zu consta- 
tieren. In diesem aufsatze behandle ich hauptsächlich die ent- 
sprechuDgen der genannten Verbindungen in den germani- 
schen sprachen, jedoch so, dass ich bei gelegenheit, nämlich 
wenn die beispiele dazu anlass geben, mittelbar auch die 
übrigen sprachen berühre. Ich werde meistenteils die ent- 
sprechungen so ordnen, dass ich auf der einen seite die for- 
men aufstelle, die aus den grundformen mit beibehaltenem an- 
lautendem s (wo aber der guttural reduciert ist) entspringen; 
auf der andern seite die mehr oder minder sichern fälle ver- 
zeichnC; die mit geschwundenem s und beibehaltenem guttural 
die einzelsprachliche behandlung desselben bedingen. Je evi- 
denter die von mir beigebrachten beispiele erscheinen, desto 
sicherer beweisen sie das aufgestellte gesetz. Die aus an- 
dern sprachen als den germanischen beigebrachten beispiele 
sollen, wie gesagt, nur beiläufig beweisen, dass auch da die 
regel gilt. 

Nur noch einige bemerkungen über die entsprechungen 
der beiden anlautsserien in den verschiedenen sprachen. Von 
den ^-losen formen müssen natürlich k{h)l', k{h)m', kQijn- in 
den sprachen, die diese gutturalen in Spiranten übergehen 
lassen, als Spiranten auftreten, z. b. s. cl-, cm-, cn- u. s. w. In 
den übrigen sprachen treten sie so wie q{h)l', q{h)m-, q{h)n' 
als explosiven auf — und in den germanischen sprachen nach 
den bekannten lautverschiebungsregeln. In diesem letzten falle 
ist nun speciell zu bemerken, dass q{h) sowol hier als anderswo 
auch als f(p) erscheint. Ich werde bei gelegenheit diese ent- 
wickelung besprechen, hier aber bemerken, dass ich die fl-, 
fm- und /w-formen auf gleiche linie mit den ^-losen formen 
überhaupt stelle: d. h., um das oben angewendete beispiel zu 
benutzen, fnykr und {h)nykr sind beide von der ^-losen form 
ausgegangen, snykr dagegen aus der mit bewahrtem Sy wo 
aber q reduciert worden ist In den Verbindungen mit s, wo 
der gutt. geschwunden ist, wird man folglich ^/-, sm-, sn- finden. 



ist vielleicht 5p geworden) — auf diese Verbindungen gehe ich jedoch 
hier nicht ein. 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche. XIV. ^i^ 



294 JOHANSSON 

ansser 1. in einigen sprachen, z. b. im (gr. und) lat, wo s 
secundär wegreduciert ist, 2. möglicherweise in speciellen 
fällen der einzelnen sprachen, wo s durch sandhi- Verbindungen 
hat wegfallen können. 

Ist die aufgestellte allgemeine regel richtig, so muss sie 
auch — was ich besonders betonen will — von idg. zg(K)h, 
zg{h)m', zg{K)n'y so weit sie stattgefunden haben, gelten. Daraus 
musste germ. sl entstehen {zgl- > skl- > sl- oder zgl- > zl- 
> sl'\ zghh > zgl' > zh > sl' oder zghl- > zl- > sl-) in Ver- 
hältnis zu den ^-losen formen k{^)l', ^w)/-. Dies corrollarium 
der regel ist ja a priori wahrscheinlich. Einige beispiele, so 
unsicher sie auch sind, werden es auch a posteriori zu stützen 
suchen. 

Die phonetische möglichkeit der Verdrängung der gutturalen 
in den erwähnten Verbindungen muss a priori zugegeben wer- 
den; sie ist eingetreten um die häufung von consonanten zu 
erleichtem und sprechbarkeit zu. bewirken. Auch ist sie aus 
mehreren Sprachgebieten bezeugt; und die folgende darstellung 
wird sie als tatsache fttr die germ. sprachen herauszustellen 
suchen. 

n. 

Spir. + guttural + /. 

A. sk{}i)hj sq{h)l'. 
Eine längst bekannte Zusammenstellung ist 1. claudo mit 
nhd. schliessen, ahd. slioz,an u. s. w. (s. oben). Als sogenannte 
Wurzel ist (s)qlaxU-d' anzusetzen, die durch eine grosse Wort- 
sippe besonders in den germ. sprachen repräsentiert ist. NhcL 
schliessen, ahd. slios;an (mhd. slios;en)y as. *slüian, ndl. slmten^ 
afr. slüia, schw. sluia, was wahrscheinlich lehnwort aus dem 
ndd. ist; ferner nhd. schlüssel, mhd. slüs;s;el, ahd. sluzzÜ, as* 
sluiil, ndl. sleuiel\ nhd. scJüuss, mhd. sluz;, slo^;-; nhd. schloss, 
mhd. slg's;, ahd. sloz u. s. w. Hierzu stellen sich ohne s lat 
claudo, vgl. clavid- u. s. w., clattstrum und mehrere ableltungen 
mit denselben bedeutungen wie die germanischen Wörter. Durch 
vergleichung von clau-do und clav-i-d- stellt sich ein ein- 
facherer stamm heraus: glUxU-, welcher in gr. xkrj-i-d^, xZe-i-i-, 
xXslco, 1. clav'i'd' mit i- (und d-ableitung) auftritt; ursprOng' 
lieber stamm glä^u-i-', weiterhin 1. clavus, abg. klju-Si, air. rf^ 



VERBINDUNGEN VON SiZ) + GÜTT. + Z, Jf, N. 295 

mcymr. cloeu u. s. w. (s. Fick II, 71 f. 544). In wie weit man 
berechtigt ist, eine einfachere wurzel sqajax- z. h. in 1. celo, 
1. occulo, oquoltod, germ. helan in verh. zu lit kldti, abg. klett 
anzunehmen, lasse ich dahingestellt.^) 

Ein anderer fall ist der von v. Fierlinger, KZ. XXVII, 190 ff. 
aufgestellte ahd. suian. Er hat wahrscheinlich gemacht, dass 
das Verhältnis zwischen ahd. sal, sulaUj sulen und skal, sktUan 
so aufzufassen sei, dass sulan eine contaminationsbildung sei 
von skulan < skl- (= skdl-) und solchen bildungen, wo sk 
in unmittelbare Verbindung mit / trat, d. h. skh (oder skl- 
= skld'\ übrigens s. die auseinandersetzung v. Fierlingers). 
In afr. erscheint sela^ 3. sg. sal, sel^ pr. solde neben skila, skela, 
pr. skolde^)] und im schw. (dial.) finden sich formen, die wahr- 
scheinlich in derselben weise wie die ahd. zu erklären sind: 
inf. sa, so, pr. sa, pl. su oder sa, ipf. suUe, solle, pl. suUom, 
pf. pt. sulat, sullet u. s. w. (s. Rydqvist I, 269 ff., Rietz 606). 
Schwer zu deuten sind die schwedischen formen, die von einem 
inf. lUa (statt sula) auszugehen scheinen: nämlich agutn. 
Ol, all 'soir, ula * sollen', und nschw. d. (Dalarne) pr. al, pl. 1 
ulum, 2 ulid, 3 ula, ipf. uld\ pl. uldum, sup. ulad (s. Rydqvist 
und Rietz aa. oo. und Noreen, Sv. L. IV, 2, 160). Die er- 
klärung ist wahrscheinlich zu suchen in einigen freilich un- 
bekannten satzphonetischen Verbindungen, wo s unrichtig zu 
einem vorhergehendem worte gezogen worden sei oder dergl., 
d. h. ula setze sula voraus.^) 



*) Vgl. hier lit. slepiü {'^*sqlep-) : g. hlifan^ xXaTcro), 1. depo, apr. 
au-klipis, abg. po-klopU, die möglicherweise erweiterungen von der wz. 
sqd'xlitx' sind. 

*) Nfr. sülent praes. sil, pr. sol neben schulen^ schil, schal (Richt- 
hofen 1031). 

^) Prof. Bngge macht mich darauf aufmerksam, dass die formen 
ohne sk oder s möglicherweise auf folgende weise entstanden sein soll- 
ten. In untergeordneten sätzen, wo das verbum skulu nach einem mit 
refl. -sk versehenem inf. folgte, wie z. b. Häv. 1 : um skotSask skyli, um 
skygnask skyli, redensarten welche wahrscheinlich gewöhnlich und volks- 
tümlich waren, konnte leicht das letzte sk durch dissimilation geschwun- 
den sein, so z. b. sem segjask skal ward zu sem segjaskaL Hier konnte 
auch ein andrer umstand mitwirken. Wenn der im an. heimische ge- 
brauch ein verbum im act. 3. sg. unpersönlich zu verwenden allmäiig 
sehwand und durch reflexivconstructionen ersetzt ward, konnte z. b. ^vc^ 



2Ö6 JOHANSSON 

In den germanischen sprachen gibt es eine Wortsippe, die 
repräsentiert ist durch nhd. schlingen, mhd. sängen, ahd. slingan 
'winden, flechten, hin- und herziehend schwingen' u. s. w. Ich 
werde im folgenden versuchen die Wörter zu einander klar zu 
stellen, die als hiermit zusammenhängend mit recht angenom- 
men werden können. Auch wenn nicht alle unten angeführten 
Wörter zur selben wurzel gehören, werde ich mich doch be- 
streben das material so zu ordnen, dass es jedenfalls für meine 
aufgäbe beweisend wird. 

Es gibt in den idg. sprachen eine wurzel skele-j deren 
grundbedeutuiig oder wenigstens durch abstraction aus den 
sicher mit einander verwanten Wörtern gewonnene bedeutung 
biegen, krümmen oder biegsam, krumm sein ist. Sie tritt sowol 
mit als ohne s auf. Einerseits gehören zu dieser wurzel Wörter 
wie öxoXloq, öxaX7]v6g, öxiXog (eig. ^biegung*), wahrscheinlich 
auch 1. sceltcs, s. chala- (< *skolO', eig. *biegung zur seite, fehl- 
tritt, betrug' u. s. w.).^) Anderseits z. b. xsXXov örgeßkov, 
jcXdyiov Hes., xaXog, xaXiog Hau, strick', 1. cillo * beuge' bei 
Festus (s. Froehde BB. 111,306; Fortunatov Bß. VI, 219; 
J. Schmidt, Voc. 11,251 f.). Ferner die zur s. wurzel 'car' 
gehörenden Wörter wie s. carand-, cärman-, denn die bedeutung 
'bedecken' hat sich aus der bed. 4ehnen' entwickeln können 
(über die erweiterte wz. 'crf' in s. präyaii, xXlvo) u. s. w. 
siehe unten). Von der bedeutung lehnend, biegend ist der 
Übergang zu schräg und dann zur bedeutung seite oder 
was auf der seite ist sehr verständlich. So gehören hierher 
sowol an. hallr 'vorwärts geneigt', ahd. hald, ags. heald, ahd. 
halden 'sich neigen', heldan 'inclinare' (< ^halpa- s. Bugge 
BB. III, 117)2), als lit. szahs * seite, gegend', g. halhs, an 
hälfr u. s. w. 



pd er ganga skyli leicht als pd er gangask yli anfgefasst werden. 
Diese erklärung setzt voraus, dass die so entstandenen ^(Af)'losen for- 
men aufkamen, ehe das refl. -sk (was in runeninschriften vorkommt) 
durch s, z (was schon die älteste Schriftsprache hat) im aschw. ersetzt wurde. 

^) Ist Xaßöa ^schieffuss' aus *skl'pd-y d. h. schwache formation der 
wurzel? S. Bensei er, Wb. unter Xaßöa, 

^) Wie auch mhd. halde^ ahd. halda * bergabhang*. Ob g. hdUut 
*fels*, ags. heall, an. hallr ^ wie auch hvdll, höll ^httgel' und ags. kyU 
hierhergehören ist unsicher. Sie können ebensowol zu 1. cel- in exedsui, 



VERBINDUNGEN VON S(Z) + GUTT. + L,M, N, 297 

Diese nun behandelte 'wurzeP skele- erseheint — wie 

aueh die unten zur behandlung kommende form sklei nun 

in einigen Wörtern, die ein Weiterbildungselement oder suffix 
qo-, qe- zeigen. Ganz schematisch können wir aus dem dement 
skele- sowol *skel(oyqo- als *sk{o)le-qo' erwarten. Die erste 
form finden wir in d. scheel, mhd. schel, schelch (gen. schelhes), 
ahd. scelah (gen. scelhes), ndl. scheel, ags. scecUh und mit 
Wechsel nach dem Vernerschen gesetz an. skjälgr^ weiterhin 
mit labialisation des suffixes Schweiz, selb — salb, mhd. schBwen^ 
sehet (gen. sch'elwes s. Kluge, Beitr. XII, 380). Dieselbe be- 
deutung schief, scheel — entstanden aus der bed. sich neigend 
u. 8. w. — erscheint nun in einigen griechischen Wörtern, die 
gerade die zweite Stammform zeigen, nämlich ^skle-q- > *aXs'X- 
> Xe-X' in Jlbx-qoI (= XlxqoI unten) * schief und mit aspiration 
in Xsx-Qiog *schief*, adv. Xix-Qi^g (vgl. XiXQt(plq unten) und mit 
qualitativem ablaut und andrem ableitungssuffix ^sklo-q-so- > 
*öZox'00' > Xogog 'quer, krumm', 1. luxusj luxarCj wahrschein 
lieh lehnwörter (Curtius, Et.^ 365), tlbrigens vgl. unten.i) 



collis, culmen, xo?,(ov6g, lit. kälnas, as., ags. holm, an. holmr, holmi 
u. s. w. gestellt sein. Hier ist die wz. mit q : gel anzusetzen; and es 
scheint eine idg. wurzel {^s)qele- * biegen, krümmen; erhaben sein' ge- 
geben zu haben, vgl. s. /rö^a-*geflecht', kataka- *ring, reif, bergabhang', 
kuii' *krümmung, biegung; htitte, halle', kuiila- * krumm, gewunden', 
ßata- *wurm' (vgl. Geldner, KZ. XXV, 476 f., wahrscheinlich unrichtig) 
— vgl. axcilri^ : GxaXrjvog — s. kuni-, xvXXoq (s. Fortun atov, BB. 
VI, 216. 219; Bersu, Gutt. 171; Fick, Wb. III, 71; Curtius, Et.M53). 
Auch abg. sloniti ; kloniii (vgl. J. Schmidt, KSB. V, 467; Voc. II, 252; 
KZ. XXV, 26; Weise, BB. VI, 116) wie skele : {s)qeie'. — Zu dieser 
Wurzel {s)qele' ist ausserdem zu ziehen: n. d. kvelm (kvalm) m. *et 
h0knippe, som fylder et enkelt rum i en hesje', schw. välnif schw. d. 
hvältn, hvolm heuhaufen', aschw. hvcelma v., die kaum von an. hjalmr 
'noget som er opstablet i lighed med et taarn; indretning til deri at 
opbevare h0 eller utaersket körn' {heyhjalmr, kornhjalmr), adän. hjalm 
getrennt werden können. Dies an. hjalmr ist aber ganz von hjalmr 
*helm' eig. *bedeckung, bedecker' zu trennen. Die urgerm. formen 
*hvelma'f ^helma- erklären sich wie ahd. hei *heir : aisl. hvellr u. s. w. 
(vgl. z. b. Noreen, Ark. EI, 22 f.). Wie nahe die genannten Wörter 
mit der bed. * hocke' mit ags. as. holm, an. holmr, holmi ^tney forh0jning ', 
1. columen zusammenhängen, ergibt sich darans, dass in älterem schw. 
holm auch * hocke' bedeutet (vgl. indessen Bugge, BB. III, 118). 

^) Man könnte möglicherweise vermuten, die form *sklo-q- in eini- 
gen germanischen Wörtern zu finden. £s ist auch nicht unmöglich, dass 



298 JOHANSSON 

Vorausgesetzt, dass ahd. slingan, an. slyngva^ slyngja 
'werfen', aschw. sliunga, slionga (vgl. hinsichtlich der beden- 
tungsentwickelung 1. torquere sowol 'drehen' als 'schleudern') 
und *slinga (Rydqvist I, 184 f.), was für mehrere schwed. 
dial.-formen, z. b. in Dalame, angesetzt werden muss^), zur oben 
skizzierten wurzel gehört, so müssen sie aus einer idg. form 
skle-n-q- hervorgegangen sein. Die bedeutungen der genann- 
ten Wörter lassen sich sehr leicht aus einer grundbedeutung 
'biegen' herleiten. Aber auch wenn diese Voraussetzung nicht 
richtig sein sollte, glaube ich verwante Wörter ohne ä, aber 
mit k, zur vergleich ung herbeiziehen zu können, nämlich 
1. clingere 'cingere' (M tili er, Festus 56, 13; clingit 'cludit' 
Gloss. Isid.), eine bedeutung, die sich leicht aus 'biegen' her- 
leitet. Weiterhin sind zu nennen an. hlekkir m. pl. 'catena', 
{handar)hlekkr '(arm)ring', ags. hleace, ahd. hlanca, lancha 
*htifte, lende' (eig. was biegsam ist), mhd. lanke, lanche, gelenkt, 
nhd. ge'lenk{'ig), mhd. nhd. lenken (s. Fick, Wb. III, 90; 
Schade 405). Wie slingan sich zu 1. clingo verhält, so ver- 
hält sich auch isl. slang n. 'the eatable inwards af an animal' 
— vgl. auch isl. slög 'the eatable inwards of a fish', n. d. slog, 
slo, schw. d. slo id.2) — zu ahd. hlanca^ das auch mit 'ilia' 
glossiert wird.^) 

Die hier vorausgesetzte wurzelform (s)kleng' unterscheidet 
sich von der oben für slingan angenommenen s(k)lenq' durch 

n. d. sl€ige m. *en bred fordybning i jorden' ('«z: *skloqd''n' :^ *slag(m)-) 
und slegd {sloegd, slegd, slogd) f. *en hulning i jorden', schw. d. slägd 
* tal ' ('c: *slag-ipö') hierher zu ziehen sind. Die bedeutung versteht sich 
leicht aus einer ^biegung, krümmung des bodens'; vgl. auch n. d. sieg Jen 
^noget flad eller svagt skränende'. 

^) In den norw. und schwed. dialekten kommen mehrere formen 
dieses verbes vor (Aasen 70-7 f.; Rietz 623 f.), die entweder 'schlingen, 
biegen, krümmen' oder * werfen, schleudern' bedeuten. Die hauptsach- 
lichen deutschen Wörter s. Kluge, Wb. unter schlingen, schlinge^ 
schlenkern, schlänge. Weiter gehören zu derselben gruppe abg. slqki 
'krumm', lit. slinkii 'schleichen', slanka slankius 'Schleicher, langsamer 
mensch'. 

^) Ich kann nicht umhin, mit diesem slög u. s. w. 1. ictc-tes 'dünn- 
darm, eingeweide' zu vergleichen. £s stände sonach für *släc-4es, 
*skläc-ies, ablautend mit slög, 

^) Eine glosse, die doch nicht sicher für die bed. eingeweide spricht, 
weil Uta auch 'die weichen' bedeuten kann. 



VERBINDUNGEN VON S (Z) + GÜTT. + L, M, N, 299 

die Bchlussgutturalen. Dies macht jedoch keine Schwierigkeit, 
wenn man bedenkt, dass gerade in nasal-wurzeln ein Wechsel 
zwischen tenuis und media oft vorkommt. Ich erinnere bei- 
spielsweise an jcrjvvfit, 1. pango : l. pac-iscor u. s. w. (s. z. b. 
Osthoff, Mü. IV, 327). Uebrigens haben wir auch zur selben 
Wurzel gehörende Wörter ohne s, die tenuis zeigen. Ich nehme 
nämlich an, dass s. fläkhati 'umfasst'^), frnkhaia- 'kette' am 
nächsten zu clingo stimmt, aber mit idg. gutt. wie in sUngan. 
Und umgekehrt könnte man geneigt sein, in ags. slincan 
'repere\ aschw. slinka 'laxus jactari, adrepere' (Rydqv. 1, 189) 
die mit slingan in bezug auf s, mit clingo in bezug auf den 
guttural übereinstimmende form zu sehen, es sei denn dass 
slincan mit schleichen zusammengenommen werden darf. Wenn 
d. schlank^ mhd. slanc 'dünn, mager' hierhergehörte, was ich 
bezweifle (s. unten), so würde dadurch idg. s{k)leng' bezeugt. 
Wol aber gehört zu slingan u. s. w. an. slakki 'bergabhang' 
(vgl. schw. d. slakk 'vorwärtsgeneigt', slakk 'neigen' in der 
landschaft Vesterbotten), das sonach idg. sQijleng- bezeugt. Mit 
diesem slakki u. s. w. kann man nicht umhin folgende formen 
ohne s zu vergleichen, nämlich ags. hlinc, engl, linch 'hügel, 
aufgeworfener grabhügel', an. hlykkr 'krümmung, biegung', 
hlykkjottr * krumm, gebogen, listig'. 

Die bedeutungsentwickelungen habe ich schon berührt, 
aber sie können hier kurz so zusammengefasst werden: aus 
dem grundbegrifif biegen konnte sich einerseits die allgemeine 
von etwas biegsamen — wovon der Übergang zur bedeutung 
lang, schmal leicht ist — entwickeln, anderseits die nuance 
sowol von drehen, schleudern als von 1. clingere 'umbiegen, um- 
schliessen' wie %, cläkhaii 'umfasst'. 

Wenn die mehrfach erwähnte wurzel skele- mit einem 
i-suffix — wahrscheinlich aus einer -|ö-conjugation hervor- 
gegangen — erweitert ward, entstand die 'wurzel '-form sklei{e)'. 
Diese form mit ihren erweiterungen werden wir nun be- 
trachten. 

Die wurzel erscheint unerweitert in s. prdyati 'lehnt' u. s. w., 
ni'fraya-m 'leiter', lett. sleij'u 'lehne an', vgl. sUija 'streif 



Das wort kommt jedoch nur in dhatnp. vor and wird durch 
vyäpiäu erklärt, etwa ^durchdringt'. 



300 JOHANSSON 

u, 8. w. (s. z. b. Fick 11, 552). In diesen wie in folgenden Wör- 
tern scheint die gemeinsame grundbedeutung (sich) lehnen, 
neigen zu sein, die sehr nahe zu der von (sich) biegen u. s. w. 
stimmt. 

Dieser wurzel begegnen wir nun — um die wichtigsten 
fälle zu erwähnen — in den folgenden hauptformationen. Mit 
n-suffix in der conjugation xXlvco, 1. clino, ahd. hlinSn u. s. w., 
in der declination xXtvrj *lager', ahd. lina (< *hlina) u. a., 
wozu mit andrem ablaut und andrer bedeutung g. hlai-ns m. 
'htiger, aber air. clöin, clöen * schief, ungerecht, böse*. Diese 
bedeutungen leiten zu folgenden mit ^^-suffix erweiterten for- 
men, nämlich 1. cltvm, g. hlai-ws 'htiger, aber lit. szleivas, 
szleivis *krumm-, schiefbeinig* (vgl. Fortunatov, BB. 111,70). 
Vgl. weiterhin xkl-fiag 'leiter', das hinsichtlich der bedeutung 
mit d. leiier, ahd. leitara, ags. hlobd{d)er^ ebenso wie xXiöia 
*zelt', g. hleipra. Unter ^ableitungen sind besonders zu nennen 
s. cn7a- eig. * gelehnt' sodann ^befindlich', xXixvq, xXlxoq, xXltog 
*hüger, d. leite, ahd. /i^a {<*hHta) 'bergabhang', ags. Äß/>, an. 
hlib, wie auch lit. szlditas * bergabhang'. Alle die letztgenann- 
ten bildungen sind eigentlich r-participien von der wz. {s)klei' 
in s. cräyati. Aber wie ein part. ^ui-n-io- (woraus winden) auf 
der ableitung *uf'nä- (: abg. viti 'drehen, flechten'), '^sui-n-io- 
(woraus schwinden) auf ^suf-nä- (in ahd. swinan, an. svina, 
aivofiai : an, svia), ^li-n-to- (woraus ahd. lindi *lind', schw. 
linda) auf ^Itnä- (in s. li-näti, Xlva/iai : s. lAyate, ItyateY) 
basiert sind (s. verf. De deriv. vb. contr. p. 127. 129), so kön- 
nen wir ein ptp. ^skli-n-io- auf *(s)klt'nä'' (in xXivco, 1. clinOf 
ahd. hlinen : s. cräyali u. s. w.) basieren. Dies *sklinio- ist nach 
meinem dafürhalten in aschw. slind f. (Rydqv. II, 376), das 
* Seite' bedeutet (z. b. a hwaria slind *an jeder seite'), vgl. fiu- 
ghurslinder, fyrasUnder, -slindadher 'vierseitig'.^)' Ich glaube 



*) Vgl. 1. leniuSj das auch zu dieser wz. gehört. 

2) In norw. dän. slind f. *bj3elke imcllem vaeggene i et hus; tvaer- 
bj^lke, en fremstäende list pä. en vseg; et fast brset eller trappetrin, 
säsom pä siden av en seng ; fladside, smal flade ' (auch unter den formen 
slinder, slinner)\ schw. d. slind 'seite, ecke; wiese, tracht'; fyrslint 
* viereckig ' ; auch sUnder oder slinner * balken, worauf heu u. s. w. zur 
Verwahrung aufgelegt werden' und mehrere bedeutungen besonders bei 
dem neutr. slinne (s. Kietz p. 623). 



VERBINDUNGEN VON S (Z) + GUTT. + L, M, N. 301 

nun, dass dies wort in der angenommenen weise mit an. hlib f. 
(pl. hlibar) *side af det menneskelige legeme; side, kant, hvor 
derved skal betegnes stilliogen, beliggenheden iforhold til en 
vis gjenstand' ebenso wie an. hlib (pl. hlibir) f. 'bergabhang, 
bergseite, leite' verwant ist. Dass diese beiden an. Wörter zu- 
sammenhängen versteht sich, wenn wir einerseits lit. szalts 'seite', 
anderseits xXirvg u. s. w.^ die ja aller Wahrscheinlichkeit nach aus 
derselben wurzel entstanden sind, vergleichen.^) Beide bedeu- 
tungen sind aus einer grundbedeutung 'schief, neigend' ent- 
wickelt worden. Mit aschw. slind und an. hlib ist nun wie 
ich glaube ir. süss 'seite' zusammenzustellen und dürfte fürs 
keltische die entwickelung s + gutt. + / > ^ + / bezeugen. 
Dafür dürfte auch ir. sUab n. 'berg, gebirge' sprechen. Es 
könnte nämlich ein idg. *sklei'h{h)oS' repräsentieren (vgl. xXtxvq 
und leite), — Möglicherweise kann 1. liius, wenn von ^skli-tos, 
mit xXlroq u. s. w. zusammengebracht werden, was auch ver- 
sucht worden ist. 

Aus der bedeutung schief ist vor allem die bedeutung 
link in einigen hierher gehörenden Wörtern herzuleiten. Denn 
aller Wahrscheinlichkeit nach sind aus der wurzel (s)klei- her- 
zuleiten air. cUy cymr. cledd *link' und g. hleidyma (vgl. KSB. 
VIII, 431), das einem gr. ^xlet- oder *xklrafio- mit dem sogen, 
superl.-suff. entsprechen würde. 

In anbetracht von abg. lern wage ich nicht ahd. sleo^ au. 
sljor, sldr (slcefr) und 1. laevus, Xaiog (vgl. Kluge, Germ, 
conj. 35; Brugmann, Grundr. I, 91) aus einem *sklaiuo' 
herzuleiten, aber es gibt mehrere Wörter mit der bedeutung 
link, die den anlaut sl-, das ich auf skl- zurückführe, zeigen. 

Wie die einfache wurzel skele- durch ein gutturales suffix 
weitergebildet worden ist,^ so konnte es ebenso mit der wurzel 
sklei' geschehen.2) L. ob-ltquus, licinus 'krummgehörnt', Umus 



^) Auch könnte man an. slitSrt, pl. slitSrar, -ir * sv serdskede, knie- 
skede', auch sUtSr n. pl. = slitfrar, n. d. slider, slir n. *en liden laegte 
eilen list, som er opsläet pä en vaeg for at statte noget* hierher ziehen; 
8. jedoch unten. 

2) Zur weitergebildeten wurzel sk{e)l(e)-g' gehört gleichwie ein 
wurzelnomen oxwXtj^ ^yfrivm\ eig. *der sich krümmende' {\ axaXtjvöq 
'krumm*, s. Bezzenberger, KB. V, 315; anders z. b. De Saussure, 
M^m. 167. 181). Nun glaube ich auch, von der anders variierten wurzel 



302 JOHANSSON 

'schräg, schief — dies vielleicht aus *s{k)li'mo-j vgl. isL 
sleima — u. s. w. hat man freilich mit lit. lenkii, tinkti, 
abg. Ifkq 'biege' u. s. w. zusammengestellt. Aber dagegen 
spricht sowol der vocalismus als auch n. Ich vermute, dass 
die genannten Wörter mit der hier behandelten wurzel sklei-q- 
zusammengebracht werden dürfen, wozu die bedeutungen der 
lat. Wörter ebensogut passen. Hierzu passen besonders gut 
XiXQol' 0^01 T(3v lXaq)Bl(DV xegdrcov Hes., Xl§ (= Xly^ vgl. 
unten), XixQig)lg 'quer, schräg' (vgl. XsxqoI und XexQi^og oben). 
Auch wenn man die griechischen Wörter so erklären könnte, 
dass man i (aus e) durch ein Zwischenstadium aus einem 
irrationalen vocal entstanden fasste (6. Meyer, Gr.2 p. 68 f., 
J. Schmidt, KZ. XXV, 48; Fick, BB. III, 157 flF., V, 166 ff.), 
so ist dies kaum möglich bei den lateinischen beispielen. Somit 
scheint es ratsamer sowol die schon erwähnten als die folgen- 
den mit n-infix aus ^sklf-q-, nicht aus ^skle-q- zu erklären. 
Sonach ist Xly^ * jtXayLog Hes. (=: Xl^ oben) aus *sktt-n-q- 
oder ^sklf-n-g- herzuleiten. Hiermit stelle ich nun zusammen 
ahd. slinc (6 raff VI, 796), mhd. slinc^) 'link', mnlä. nnld. slink 



skle-i-q- ein wort mit derselben bedentung anführen zu können. Ich 
nehme nämlich an, dass lit. sie kos, apr. slayx 'regenwurm' aus *sklaiqa- 
zu deuten sind, d. h. sowol der wurzel als der bedeatungsentwickelung 
nach mit axwXrj^ nahezu identisch (vgl. axcjkrjxiäv • evXa^eiv, vdXstai ' 
axwXrjxia, vakrj * oxo^Xtj^ Hes.) Die verschiedene vocalisation kann wie 
gesagt zur gewöhnlichen ' wurzelvariation ' gerechnet werden. In Zu- 
sammenhang mit ax(6X,Tj^, lit. slekas n. s. w. möchte ein andres nordisches 
wort eine befriedigende etymologie bekommen. Dies ist das schwedische 
{orm')slä f. 'anguis fragilis', dial. slo, aschw. sla. (Cod. Bnr. s. 506), n.d. 
slof, mit nebenformen slea, sle^ja, slega (s. Rydqvist 11,82.307.328; 
Aasen 705), ausserdem auch in Telemarken sleva. Diese letztere form 
setzt ein (ur)germ. *sletvan' oder *slitvan' voraus; dies aber ist wol ans 
*sle;^Tvan- oder ^sli^rvan- zu deuten. Ist *sle^wan- die ursprünglichere 
form, so könnte es mit einem idg. *sqleq- (vgl. axtaXtix-') ablauten, und 
(a)schw. i^slä) slä wäre dann aus *slähö ^= germ. *sl^hö- -*= idg. *sqUqä- 
herzuleiten ; ob sh in diesem falle aus "^slähö- mit M-umlant (q) oder ans 
einem mit germ. *sldhö ablautendem *slöhö- zu deuten ist, entscheide ich 
nicht. Indessen kann man vielleicht mit grösserem recht die grundformen 
*sUgfvon- und damit wurzelablautend, *slaihö- ansetzen; ^sUgwan- gäbe 
sleva und *slaihö nordische formen *sl^ und *sld\ aus diesem aschw. 
sla schw. släj aus jenem — was jedoch bestritten ist — schw. uod 
n. d. slo. Der wurzelform nach wären somit die nordischen wOrter 
in der hanptsache dem lit. slifkas, pr. slayx gleich. 

^) Hiermit erweist sich die neueste Vermutung über Unk von 



VERBINDUNGEN VON S (Z) + GUTT. + L, M, K 303 

(afrz. lehnwort esclenque, esclenche 4inke band' wie auch wall. 
hiinche). Sowol die bezugnahme auf das gleichbedeutende g. 
hlei-duma, air. de u. s. w. als besonders folgende formen ohne 
s (aber mit ursprünglichem guttural) machen es höchst wahr- 
scheinlich, dass in den erwähnten Wörtern der guttural einge- 
büsst worden ist. Wörter ohne s, wahrscheinlich mit urspr. ä-, sind 
d. link, mhd. Hnc, lenc, ahd. lencha 'linke band' u. s. w. In 
n. d. kommt link 'käst, sl^eng' mit einer bedeutung, die näher 
mit 'biegen, wenden' zusammenhängt; hierzu linka 'gjore slseng 
eller bojninger med kreppen*. In einer verwanten bedeutung 
kömmt vor im schw. (d.) linka 'hinken*, linkhalt 'hinkend*. 
Auch hier gibt es eine spur von einer ursprünglichen ^-form 
in schw. d. slinka in der bedeutung 'hinken, schlechtgehen*. In 
der bedeutung 'schief* oder 'von der seite* kommt link in 
schw. d. Vor, nämlich linker-häll (z. b. i oder pä linkerhäll 'in 
entfern ung auf der seite*, oft mit der beibedeutung ^um aufzu- 
lauern*). In den germ. sprachen muss eine wurzelform *s{k)link' 

{*s{k)lank') — *hlink' vorgerm. ^skling ^kling- angenommen 

werden, und gr. ^//g kann ja denselben consonantismus reprä- 
sentieren, man kennt nämlich nicht eine form von den cas. 
obl. Aber auch wenn Xly^ ein idg. stamm auf -q ist, so hindert 
nichts gerade in einem nasalin Agierten stamm Wechsel zwischen 
tenuis und media anzunehmen. 

Noch eine wortgruppe dürfte aus der wurzel skele- her- 
vorgegangen sein. Mit einem ^A-suffix und nasalinfix möchten 
wir ein idg. sk(d)l{e)i'm-bh' annehmen. Sofern meine deutung 
von slink — link richtig ist, so ist es meines erachtens nicht 
unwahrscheinlich, dass d. schlimm^ mhd. slimp, gen. slimbes 
'schief, schräge*, ahd. slimbi 'schrägheit', vgl. sli^]. slembir, das 
ursprünglich die bedeutung 'schief, schräg* gehabt hat^), ge- 
rade auf die angenommene Stammform zurückzuführen und 
mit der wurzel skele- in der bedeutung 'schief* zusammenzu- 

Panli, Altit. st. V, 109 als hinfällig. — Die warzelverwantschaft z. b. 
von mhd. slinc and g. hleiduma ist auf grund meiner erörterungen auch 
von Lid6n erkannt worden. 

^) Dies geht z. b. aus einigen dialektischen anwendungen hervor: 
pä slemmen (vgl. ahd. slimbi) bedeutet * schräg' (adv.), s. Rietz p. 622. 
Die herleitung aus idg. slfh- in ahd. slifan u. s. w. (J. Schmidt, Voc. 
I, 163; Schade 823) und lett. slips * schräge', slipt * gleiten' ist mir 
nicht wahrscheinlich. Die letzteren Wörter scheinen nd. lehn Wörter 
zu sein. 



304 JOHANSSON 

stellen ist. Aus der bedeutung 'schief ist in den verschiede-^ 
nen sprachen die bezeichnung für schlechte moralische eigen- 
schaften entsprungen. Möglicherweise gehört 1. //m&w^ 'streifen, 
besatz, bordüre, säumen, binde' hierher. Das bh-suffix er- 
scheint meiner meinung nach auch in ir. sliab < *skleibhoS'. 
Ist germ. st, ^slimba- aus ^skli-m-bho-, so verhält sich *skleibh(h 
zu *sklimbhO' etwa wie ob-liquo- (< *skleiq') zu Uy§, slink, 
link. Ist *sHmba' aus *skle'm'bhO', so verhält sich dies zu 
*skleibh0' wie ^skle-n-q- zu ^skleiq- oben. 

D. schlank, m\iA, slanc 'schlank, mager', ndX.slank 'dünn', 
n. d. slakk 'schlank' ist verschieden gedeutet worden. Schade 
818 führt es zu slincan, dagegen Weigand und Kluge 274 zu 
slinganA) Obschon ich gern zugebe, dass die bedeutung 'schmal, 
dünn, mager' sich aus einer bedeutung 'biegsam' u. dgl. her- 
leiten lässt, so scheint mir doch die bedeutung 'dünn, exilis', 
auch 'vacuus' für dies wort so specifisch zu sein, dass es be- 
rechtigt scheint, eine andre der bedeutung nach besser stim- 
mende etymologie zu suchen. Ich deute es aus ^sqlo-n-go- 
und stelle es mit folgenden Wörtern ohne s aber mit guttural 
zusammen, nämlich ags. hlank, engl, lank 'dünn, mager, schmal, 
schmächtig, schlank'; die bedeutungen stimmen nämlich so 
vollständig wie möglich. Weiter ziehe ich hierher gr. xoXb- 
xdvog, xoXoxdvog 'hager, mager' {xoXexdvoL' im (ii^xovg övv 
XejtTorrjTi, xoXoxdvor svfifjxsig xal ksjtrol Hes.), xoXoöCoq 
'grosse bildsäule', womit man mit recht s. krgä- 'mager' zu- 
sammengestellt hat. Hinsichtlich der bedeutungswechsel lang 
: mager ist zu vergleichen gr. fiaxgog : germ. mager. 

D. schlösse, mhd. slöze, slöz, ndl. slote, ags. sleate, engl. 
sleet sind von Schade 826 zu slioz,an gestellt. Kluge hält 
dies mit recht für unwahrscheinlich. Nichtsdestoweniger glaube 
ich jedoch zeigen zu können, dass ein guttural eingebüsst wor- 
den ist. Ich stelle nämlich die genannten Wörter mit gr. x^^^l'^ 
*hagel, schlösse' und möglicherweise s. caräd, carada 'herbst', 
zd. caredha u. s. w. zusammen. 

Diese Zusammenstellung bedarf einer etwas eingehenderen 
motivierung. 

Es ist bekannt, dass die Jahreszeiten oft nach den natur- 

*) Bezzenberger, BB. V, 173 führt es zu Xriyo), XayaQoq, Xayyä^a 
u. 8. w., vgl. Froehde, BB. EI, 15 



VERBINDUNGEN VON S (Z) + GUTT. + Z, M, N. 305 

erBcfaeinuDgen benannt werden können, die während einer ge- 
wissen zeit vorherrschend sind. So bedeutet s. varsä- sowol 
'regen' als 'regenzeit*; s. hemania-, zd. zimaj x^^f^^^ (sowol 
'Schneesturm' als 'winter'), x^?^«, 1. hiems, abg. ziVwa sind nach 
dem 'schnee' (gr. ;f«Q5a; u. s. w.) benannt; die germanischen 
Wörter für rvinter dürften am besten zu den Wörtern ge- 
hören die rvasser bedeuten. Darum glaube ich, es sei nichts 
im wege anzunehmen, dass caräd etwa regen-, stürm- oder 
hagelzeit hat bedeuten können, auch wenn man nicht so genau 
entscheiden kann, dass die indogermanen, als das zu grund 
ftlr caräd liegende wort entstand, in einer gegend oder in 
einem klima lebten, wo der herbst vorzugsweise die hagelzQii 
war (übrigens vgl. Zimmer, Altind. leb. p. 40 flf.; öchrader, 
Sprach vergl. u. urgesch. p. 451 f.) Ich glaube demnach, dass 
es hinsichtlich des bedeutungsunterschiedes nicht allzu kühn 
sei, caräd und x^^^^^ zusammenzustellen, wenn man übrigens 
formell die Zusammenstellung rechtfertigen kann. Und dies ist 
meiner meinung nach möglich. 

Zunächst ist die idg. grundform als {s)khalad-^ zu recon- 
struieren. Aus ^khalad- (ohne s) lässt sich x^^^^^ *ls eine 
fem.-bildung erklären. Nun fragt es sich, ob und wie s. caräd 
sich aus derselben grundform herleiten lässt. Nach Bartho- 
lomse (KZ. XXVII, 366 flf.; BB. X, 322, vgl. 290; Hdb. d. altir. 
dial. § 146) sollten wir in s. *charad erwarten, es sei denn 
dass durch frühere dissimilation kh zu k geworden ist. Ich 
glaube doch, dass diese regel unrichtig ist. Es ist wahrschein- 
licher, dass wir in s. nur mit der Verbindung sc {sk oder skh) 
zu ch zu tun haben (vgl. Brugmann, Grundr. I p. 299. 414) 
— d. h. caräd und x^^^^^ repräsentieren dieselbe grundform. 
Die beispiele, die Bartholomse in anspruch für seine regel 
genommen hat, können teils durch wechselnden consonantismus 
(s. J. Schmidt, KZ. XXV, 114 f.), teils durch die angenommene 
entwickelung (sk, skh > ch) erklärt werden. Ich kann hier 
nicht näher die positiven gründe erörtern, aus denen ich die 
frühere ansieht {sc > ch) beibehalten zu können glaube und 
übrigens dartun, dass kh > c. 

Mit caräd und x«>^«S« können (wie Fick I, 434 u. s. w. 
annimmt) lit. szalü, szälti 'frieren', szältas 'kalt' wurzelver- 
want sein. Es leuchtet von selbst ein, dass ich für cicira- 



306 JOHANSSON 

(< *khik?i9l0') dieselbe base zu grund lege. Dass wir es mit 
einer zweisilbigen wurzelform zu tun haben, wird wahrschein- 
lich durch abg. sloia (< ^sfchla-to-) 'winter*; denn wäre es 
mit lit. szälias (< *(s)khal'iO') gleich, so würde es ^slaia- 
heissen. Eine auf andre weise weiter gebildete form ist abg. 
slana = lit. szalna (J. Schmidt, Voc. II, 137; übrigens vgl. 
Bezzenberger, BB. VII, 76; Bugge, Ark. f. nord. phil. II, 
352 flf.). 

Aber auch wenn s. caräd auszuscheiden wäre, so ist doch 
Xcda^a mit schlösse zusammenzustellen, nur dass wir von der 
mit s versehenen form *skhalad- auszugehen haben. Diese 
base liegt nämlich zu grund für die oben erwähnten germa- 
nischen Wörter für schlösse. Die deutschen formen aber müssen 
auf einen grundstamm ^slauta- zurückgeführt werden. Aber 
auch wenn wir *skhlauda- voraussetzen — wie aus dem vor- 
hergehenden erhellt — so ist doch nicht Übereinstimmung mit 
{*skhalad', oder) *skhlad', welche form vorauszusetzen wäre. 
Wie ist nun dies ^skhlad- zu ^skhlaud- geworden? Entweder 
ist *skhlaud' eine auf idg. Wurzelvariation beruhende, mit 
*skhlad' wechselnde form — wie so oft der fall zu sein pflegt, 
der Wechsel mag auf infix beruhen oder nicht, vgl. t-infix bei 
BartholomsB, Ar. F. III, 33 f. — oder auch ist ^skMaud' 
eine nach dem muster eu — au — u neugebildete ablauts- 
form zu einer aus einer kürzeren idg. ablautsform *skhl9d' 
entstandenen germ. form *slut'. 

Für eine germ. form. *slut' sprechen folgende belege: 
schw. d, släiter, slotter n. * schneegemischter regen', slottro 
(Nyland) f. id., dazu verb. slottär, ipf. slotträ (Norrbotten) ebenso 
wie dän. slud. Dass diese ablautsstufe slut- aus *skhl9d' sei, 
d. h. nicht mit einem eu \l^.w. ablaute, dafür könnten fol- 
gende formen mit 'a'-vocalen sprechen: n. d. slair (slatter) 
'slud', slatra *sludregne', sletta f. *slud, blanding af regn og 
sne' (andre formen s. Aasen 703), isl. sleiiingry womit schw. d. 
(Gotland) släita 'schneeschlamm'; übrigens tritt a-vocal auf in 
schw. d. slatterskä 'schlämm, kot*. Möglicherweise gehören hie^ 
her Wörter wie schw. slask 'schlämm' u. s. w. (s. Rietz 621; 
Rydqv. I, 210 f.) aus ^skhlad-ko- {slisk, slusk neue analogiee 
entstandene ablautsformen). i) Stehen nun die gewonnenen 

9 Was mit dem angeblich mhd. sloie ^schlämm, nasse erdmasse' 



VERBINDUNGEN VON S (Z) + GÜTT. + Z, M, N. 307 

Stämme slat- und slui- in ablautsverhältnis zu einander und 
ist slaut- eine analogische neubildnng zu slut-, so sind d. schlösse 
und )ia'kdl,a in nahezu directes Verhältnis zu einander ge- 
bracht, i) Anhangsweise bemerke ich hier, dass 1. grando, abg. 



zu tan, weiss ich nicht; dass es dem hd. gehört, geht ans dem von 
Schade 826 erwähnten mundartlichen Wörtern bair. schloti, schlölt, 
schlutt * schlämm, kot, schmntzwetter^ tanwetter* hervor. Vielleicht ist 
für diese Wörter, wie auch für mhd. sloten, sloitern, nhd. schlottern, ndl. 
slo äderen, ns. sluddem, sludern, schw. d. sludda 'unsauber und unordent- 
lich sein*, sluddra {sluttra\ d. sludre, isl. sludra, dieselbe würze! *sleut- 
zu grund zu legen, die in g. slaupjan- * gleiten machen', afslaufman 
'ausser sich sein, staunen, d-a/jLßsLad-aL\ wozu md. ^/^^^, slüdern, nhd. 
schleudern auftritt. Vielleicht ist die ursprünglichste wurzelform zgleu-t- 
(parallelform zu zglei-t- s. unten), und die grundbedeutung mag klebrig 
and schlüpfrig gewesen sein. Daraus konnten leicht die bedeutungen 
gleiten — schlaff sein — unsauber^ unordentlich sein u. s. w. entstammen ; 
vgl. mhd. sti^ch 'schlämm, kot' : schleichen: daraus hergeleiteten Wörter 
in den nordischen dial., die verschiedene grade von unsauberkeit und 
unordentlichkeii darstellen. 

^) Hier einige beispiele, wo das Verhältnis etwa dasselbe ist, wie 
zwischen garäd, x^^^^^ ^^<^ schlösse {*skhlad : *skhlaud-), Ahd. chlöz;, 
mhd. kldz;, nhd, kloss hängt wahrscheinlich mit 9Ji, klöt ' schwer tkn auf, 
1. glädius zusammen. Die form *gl9d- :=^ germ. *klut' findet sich in 
ndd. klotz, klosse, ndl. klos, nhd. klotz, mhd. kloz, engl, clot (vgl. 
Tamm, Fonetiska kännetecken pä länord i nysv. riksspr. p. 45). Diese 
form *klut- kann dann eine ablantsform *klaut hervorgerufen haben, 
woraus nhd. kloss. Wir werden eine base gaxlax-d- anzunehmen haben, 
woraus durch schwebeablaut "^g^xl-d- und *glii'd- (vgl. an. klöt, 1. gladius) 
and kürzere formen wie *g9l'd in ^,guda- (Froehde, BB. X, 298) und 
*gU'd-^ woraus nhd. klotz u. s. w. Einfachere base ist gaxlax- woraus 
1. *^g€l' in ßwXoq, vgl. ßoXßoq^ 2. *gla''- in s. glä-u, 1. gld-ba^ glö-bus 
(andere kombinationen s. Froehde a. a. o.; Bersu, Gutt. p. 130; die 
deatungsvorschläge von Holt hausen, KZ. XXVIII, 284 f. halte ich, 
wegen der Schwierigkeit die bedeutungen zu vereinigen für unwahr- 
scheinlich). — Weiter nenne ich ndl. klautereuy das in Verhältnis zu ags. 
difie, ahd. chletta u. s. w. eine ähnliche lösung bekommen dürfte (s. 
Klage, Wb. 167; Froehde a. a. o. 296): idg. base gaxlax-t-, woraus 
1. *gä^xl't- in B.jata-,jatila-, 2. *glax-t- in den genannten formen. — Aehn- 
lich mhd. knouf (g. *knaups, st. *knauppa-) in Verhältnis zu an. knappry 
ags. cncepp u. s. w. durch ein ahd. knöpf (st. *knuppa-) aus *knub- -^ 
idg. gn9bh- oder gn9p' (vgl. an. kno^a : d. kneten), s. Kluge p. 172, 
vgl. Bezzenberger, BB. IV, 352. V, 121. — AM, gr dz;, er dz,, slb, grdt, 
ags. greaty falls es mit 1. grandis zusammengestellt werden darf (s. 
J.Schmidt, Voc. 1, 170, Bersu, Gutt. 130; vgl. jedoch Bugge^ Beitt» 



308 JOHANSSON 

russ. gradu, serb. grad (u. 8. w. s. J. Schmidt, Voc. II, 118) 
nicht, wie gewöhDlich geschieht, mit xa>laga zusammengestellt 
werden können. Nur darüber kann man in zweifei sein, ob 
8. hradünt 'hagel' zu xaXal,a oder zu grando gestellt werden 
darf; ich vermute zu ;|raAaga. 

Zum schluss will ich noch einige Wörter erwähnen, die 
auf eine oder die andere weise mit x^^^^^ ^^^ schlösse zu- 
sammenhängen. Das Verhältnis kann dasselbe sein wie bei 
den von Bugge, Beitr. XU, 399 f., XHI, 167 flF. 311 flf. behandel- 
ten fällen. Die hauptsächlichsten fälle sind an. glutra 'to 
squander', schw. d. glättra ^einmal schneen und regnen' (Rietz 
202), snö-glätter 'regen und schnee zusammen' (Rietz 643; 
s. Bugge, Sv. S. IV, 2, 62 f., der auch x^^^^Q^^» X^^^^^> ^^^ 
glutfj den zu grund für die formen der dialekte von Dalame von 
Noreen daselbst gelegte glutter hierher zieht. Sollte nun 
caräd von x^^^^^ zu trennen sein, und ist x^^5^ *^8 ^ghal- 

— wobei die erklärung von glätter u. s. w. eine directe wird 

— so fällt auch damit nicht die Zusammenstellung mit schlösse: 
sie fallen dann unter die unten zu behandelnde kategorie 
zghl- > {zl >) sL 

Im folgenden werde ich die wichtigsten von den wech- 
selnden formen und erweiterungen behandeln, die sich an ein 
dement (/jqele-, das, wie es scheint, einerseits (räumlich) 
schlagen u. dgl., anderseits etwa der durch schlagen hervor- 
gebrachte laut, wie schallen im allgemeinen bezeichnet, an- 
knüpfen. In, wie es scheint, völlig derselben erweiterten wort- 
gruppe kommen die beiden bedeutungen neben einander vor, 
verknüpfen sich so nahe mit einander, dass es unmöglich ist 
die beiden hauptbedeutungen auf zwei von einander unab- 
hängige wurzeln zu verteilen. Die regel, auf deren beobachtung 
es mir hier ankommt, wird sich klar herausstellen, auch wenn 
es bewiesen werden könnte, dass ich hier und da unzasammen- 
gehöriges material zusammengebracht habe. 



Xill, 314) darf auf eine ähnliche weise ans einem germ. grut-^ idg. 
ghr9d- erklärt werden. — D. schrot, mhd. schrdt 'hieb, schnitt*, ahd. 
scrdt^ scrdtan, an. skrjödr 'zerfetztes tuch*, ags. screadian 'Bchneiden' 
(s. Kluge, Wb. p. 306) durch ein "^skrutS ans *skr9dh' : lit. skardfjü 
'hauen* (vgl. J. Schmidt, Voc. 1, 172; Fortunatov, BB. 111,60). VgL 
auch Osthoffs (Beitr. XIII, 412 ff.) deutung von fliehen. 



VERBINDUNGEN VON S (Z) + GÜTT. + X, M, N. 309 

Zunächst einige beispiele, wo häuptsächlich die sogen, ein- 
fache Wurzel auftritt. In der bedeutung schallen, laufen er- 
scheint die Wurzel mit s in lohd. schellen^ ahd. scellan; an. 
skjalla, skella und mit der labialaffection des gutturals beibe- 
halten schw. d. (Dalarne) skvälla (s. hierüber Noreen, Sv. L. 
I, 737. IV, 2, 162; Ark. f. n. fil. III, 22 f.; Brate, BB. XIII, 48), 
auch in n. d. skvella ^skraale'. Anderseits stehen folgende bei- 
spiele ohne s d. hell, mhd. ahd. Ml, ahd. hellan, an. hjal, hj'ala 
'schwatzen', weiter ahd. holön {haldn) u. s. w., 1. calare, xaXelv, 
aber mit beibehaltener labialaffection an. hvellr, schw. d. 
(Dalarne) hväll 'laut' (Noreen, Sv. L. IV, 2, 82), n. d. kvell 
*hvinende, skingrende', kvella 'skraale', isl. hvella. 

Wenn diese wurzel in Weiterbildungen ihren ersten vocal 
einbüsste, so entstanden bildungen mit sql- : ql- anlautend. Es 
erscheint nun eine grosse wortgruppe, die mit einem m-suffix 
weiter gebildet ist, die aber deutlich zu sqele- 'tönen' ge- 
hören. So einerseits ^slam- (< *sqlam-), jedoch nur in schw. 
d. släma 'tönen, rauschen', auch 'mit geräusch schwatzen' 
o. dgl., vgl. aisl. sl(Bma = slSma 'to slam', sonst nur in er- 
weiterten bildungen (s. unten). Anderseits begegnet eine grosse 
fülle von Wörtern: 1. clämäre, ahd. as. hlämdn 'brausen, rauschen' 
{y gl. Sihd. hl djan, Sigs. hlöwan 'brüllen' u. s. w. s. J.Schmidt, 
Voc. II, 455), wozu an. hlama (= hlamma), isl. hlgm, schw. d. 
lama (Dalarne; s. Bugge und Noreen, Sv. L. IV, 2, 234). 
Ferner mit doppeltem m an. hlamma 'skrselde (som när en 
gjenstand släes mod en anden)', schw. d. lamma (= lomma 
Halland) 'klingen, schallen', an. hlamm n. 3= giam; hier be- 
gegnet eine ^-form in schw. d. slämma 'heftig und plötzlich 
schlagen', wozu anderseits stimmen: schw. d. lämma 'schlagen, 
stossen'i) (s. Rietz 630. 419), weiter an. hlemma möglicherweise 
'mit geräusch zusammenschlagen' (s. Fritzner, Ordb.^ II, 7), 
ags. hlemman id., hlem m. 'fragor, ictus', hlimman, hlymman 
'klingen, rauschen, brausen', ahd. limman 'knirschen, heulen', 
an. hlymr 'klang, lärm', hlymja 'klingen' u. s. w. Ob g. 
hlamma 'fallstrick', an. hlemmr id. hierher gehört, ist strittig. 



^) Vielleicht hat in diesem verbum das an. lemja ^prügeln bis man 
lahm oder kraftlos ist' wenigstens auf die bedeutungsentwickelung einen 
einflnss geübt. 

Beitrftge vor geschichto der deutschen spräche. XIY. ^V 



310 JOHANSSON 

Die Wörter mit g wie an. glam(m) und schw. glam, an. aschw. 
glama, schw. norw. glamma (: hlam{m), hlam{m)a), an. glamra 
(: schw. norw. lamra s. unten), glamr, glymr, glymja (: hlymja), 
glumra u. s. w. (schw. und norw. dialektformen bei Rietz und 
Aasen) können in der von Bugge in Beitr. XII u. XIII dar- 
gelegten weise gedeutet werden. 

Nun gibt es mehrere andre verbalbildungen, die von dem 
grundelement slam- (< *sqlam-) und hlam- (< ^klam-) aus- 
gehen, wo besonders die räumliche bedeutung von schlagen, 
stossen hervortritt. So isl. slemra 'hugge til* (vgl. slemhast hos 
Haldorsen ^kastes pludselig'), slamra oder slambraj n. d. slamra 
'dingle, slsenge hid og did; lärme, knage, smaekke', schw. 
slamra 'klingen, rauschen, lärmen*, schw. d. lamhdr mit ton- 
losem /- aus sl- (Runö), [slammdr {slcemmer) (Fryksdalen) u. a. 
Hiermit correspondieren nun ohne s n. d. lamra 'svsekke, slide 
vid idelig brug* — vielleicht jedoch in dieser bedeutung eher, 
zu lemja zu ziehen; wenn dem nicht so ist, muss man von 
einer bedeutung ^schlagen' ausgehen, und ein Zwischenglied z. b. 
in n. d. sunderlamrad — aber auch — und darauf ist beson- 
ders gewicht zu legen — 'skramle, lärme, kJ0re pä en lan- 
devei'; schw. d. lamra *lärmen, rauschen', lammer (Vesterbotten, 
s. bei Rietz), lämcer (Fryksdalen Sv. L. II, 2, 41), subst. lammer 
Uärm'. — Eine mit den erwähnten Wörtern ablautende form 
wäre schw. d. slimmär (Rietz) 'zerfetzen', dessen bedeutung 
aber am besten zu den in der note behandelten Wörtern passt.^) 



^) Eine labialerweiterung germ. *slemb- scheint vorznliegen in isl. 
slemhast 'kastes pludselig', n.äi.slemb ^smseld, smsekkende 1yd', slemba 
(auch slemma) 'smsekke, smsBlde'. Ob sie hierher gehören, wage ich 
nicht zu entscheiden. — Ich erwähne hier einige Wörter die eine wz.-fonD 
slem-^\2kh. zeigen, welche ich nicht in bestimmte beziehnng zu einer 
andern bringen kann. N. d. slamsa ^hsenge og slsenge (om klieder)', 
subst. Slams, slamsa 'skj0desl0s person' und aus schw. (d.) vb. «/omja, 
subst. Slams m., slamsa f. (nom. ag.), slams n. (n. act.), deren beden- 
tungen verschiedene stufen und nuancen von unordentlichkeit, unsauber- 
keit, fetzen u. dgl. bedeuten; damit ablauten n. d. slimsa Mang fllg eller 
lap, en tynd strimmel', schw. (d.) slimsa f., slims m. Mandpersonen, die 
etwa wie Stadtbewohner gekleidet sind', slimsa 'fetzen*. Nach Noreen 
Sv. L. I, 300, wo das gotländische (Färö) slipsa aus *slimpsa erklärt 

wird, sollte man in den obigen Worten einen stamm *slimp *slamp' 

vermuten. Dieser stamm mochte dann in n. slampa 'gä langt og akji^ 



VERBINDUNGEN VON S{Z)-\- GÜTT. -\' L, M, N, 311 

Möglicherweise ist die wurzelform qla-m' in s. durch 
Arran<fa(f 'brüllt' aus ^kla-m-deti repräsentiert. Die base(^)$^/a- 
mit ebendemselben erweiterungselement erscheint in xsXa6''ea), 
xsXaö-og u. s. w., vgl. unten. 

Mit gutturalen Suffixen erweitert erscheint die wurzel 
sqelax' : qelax- in folgenden Wörtern, die ich zusammenstelle. 
Die gemeinsame bedeutung ist die einer rauschenden laut- 
erscheinung. L. loquor, Xaxetv können ohne Schwierigkeit aus 
sql' erklärt werden.*) Besonders passt dies fttr die bedeutung 
in Xaxstv ^krachen, lärmen'. Denn ich vergleiche damit be- 
sonders d. lachen^ ahd. hlahhan, g. hlahjan u. s. w., das nur 
eine andre ablautsform repräsentiert zu gr. xXcoCöa) 'glucke'. 
Aus einer auf media auslautenden wurzelform stammen xkoi^co, 
xXd^Oy an. hlakka, 1. clangere; mehr oder minder verwantes 
material s. J. Schmidt, Voc. II, 288. 497; Fick, Wb. I, 42. 538. 
III, 87 u. s. w. 

In den folgenden Wörtern herrscht besonders die räumliche 
bedeutung von stossen, schlagen u. s. w. 

Man hat oft gr. Xaxrl^w 'mit der ferse, dem fasse aus- 
schlagen, stossen, zappeln', Xa^ag schöl. Lyc. 137 = Xaxrlöagy 
Xagat • Xaxriöai Hes., Xoydriv, ilag 'mit der ferse, dem fusse 
ausschlagend, stossend'^ Xaxriöfia 'stoss, schlag mit der ferse', 
u. 8. w. mit 1. calc- in calx, calcar, cälcare, calcitrare (s. z. b. 
Fick, Wb. II, 59; Curtius, Et.* 361 f.) zusammengestellt, und 
dies so, dass man im gr. metathese und wegfall des k ange- 
nommen hat Nun findet sich, wie bekannt, im griech. ftir eine 
solche annähme kein anhält, und dies hat Bezzenberger (der 



de8l0Bt*, slamp m., slampa f. '8kj0desl0s person', schw. (d.) slamp m. nnd 
sUtmpa f. mit etwa den selben bedentnngen, die natürlich mit d. schlampen, 
sehlamper u.s. w. zusammenhängen. Könnte man annehmen, dass n. dJampa 
*gä, l0be afsted* (in einigen orten: ^slä pä, banke*) ans *hl' wäre und 
mit den angeführten Worten zusammenhinge, möchte man ein urgerm. 
*s{k)lemp' : *hlemp' annehmen; aber sie können auch auf wechselformen 
sl' : /- beruhen. — N. d. sloma 'gä sent og slsebende*, schw. d. slomma id. 
(vgl. an. sluma * schweigen, die äugen senken* und schw. d. slomma äv 
' sieb Bcbamvoll entfernen*) gehören wol zur selben wurzel wie g. slarvan 
(vgl. Kluge, Beitr. VIII, 526) ; mit d. schlummern, vgl. n. d. slumra in 
der bed. 'snuble, vakle', schw. d. slumra id. 

*) Vgl. jedoch Curtius, Et.2 160; Fick, Wb. II, 217; Scherer, 
Z6DS. 251: zu ahd. lahan u. s. w. ^schmähen'. 



312 JOHANSSON 

noch BB. II, 270 wegfall von k in Xa^ u. s. w. annahm) ver- 
anlasst in BB. IV, 318 Zusammenhang zwischen den erwähnten 
Wörtern zu läugnen und andre Zusammenstellungen zu machen. 
Nach ihm sollte Xa^ u. s. w. zu ht. lekiu, lekti 'fliegen, flattern' 
u. 8. w. gehören. Auch Pischel, BB. III, 249 f. trennt >lag und 
calC' und stellt zu Xd^ u. s. w. s. lakuta- (pr. lakudo 'keule' 
u. s. w.), vgl. G. Meyer, Gr.2 § 168; Bersu, Gutt. p. 170. Ob- 
wol ich gern zugebe, dass Bezzenbergers Zusammenstellung 
möglich ist — besonders nahe scheinen sich die griech. und 
Ht. Wörter zu bertlhren in lit. lakiöti 'auch vom schlage des 
herzens, vom flattern der weichen' und xgaöla 6b q>6߀p q>Qiva 
XaxxlC^u Aesch. Prom. 881 — will ich doch hier in Zusammen- 
hang mit der erklärung von germ. schlagen die alte etymo- 
logie zu behaupten suchen, besonders wenn die bedeutungen 
eben so gut passen wie bei der von Bezzenberger. Meiner 
meinung nach können wir nämlich von den doppelformen 
^sqaj'q- und ^sqlax-q- {urspr. ^sqaxlax-q-) ausgehen. Die erste 
form erscheint ohne s- in 1. calc-, die zweite, mit s- in den 
schon genannten griechischen Wörtern und in g. slahan, ahd. 
slahan, an. sld und ableitungen in allen germanischen sprachen 
Wie mir scheint, hindert nichts, dieselbe reduction von q auch 
in dem irischen per f. ro-selach 4 attached' aus ^se-slach 
(Windisch, KZ. XXI, 5. 432; Osthoff, Beitr. VIII, 545) an- 
zunehmen. Sollte meine regel auch für die arischen sprachen 
zutreffen, so könnten (vgl. Fick II, 797. III, 358) zd. kare- 
cayeiti 'wirft*, hareka 'abwerfung* (Justi, Hdb. 321 f.) und 
s. srkä' *gescho8s, lanze' aus ^sqlq- erklärt sein und hierher- 
gehören.^) Sowol slahan als Xax- können aus idg. ^sqlaq- sein; 
XaX' kann aber auch *sqlq' sein. L. calc- kann in einem 

o 

etwaigen ablautsverhältnis zu einer e-wurzel stehen, vgl laL 
pareo : \\i.periu, maneo : (livco, pallidtcs : jteXiog, ütiXvoq, Die 
idg. form der base kann sodann sqala-q- oder sqela-q- sein. 

Die base sqala- oder sqela' — obwol sie mit der in 
den oben behandelten Wörtern erscheinenden base identisch 



1) Ich gebe gern zu, dass es wenig wahrscheinlich ist ar. *särk'i 
*srak- ans *sqelaq- zu erklären; denn diese Wörter können wenigstsai 
Weiterbildungen aus der wz. sar- sein. Dann aber auch gehOroi die 
arischen Wörter nicht zu germ. slahan, falls die ar. warzel sar aof id^ 
saxr- zurückgeht. 



VERBINDUNGEN VON 5(Z) 4- GÜTT. + L, M, N.- 313 

sein kann, will ich doch nichts entscheiden — erscheint nun 
in mehreren Weiterbildungen, die bald unten zur spräche kom- 
men werden. 

Zunächst einige beispiele, worin die base sqala- oder 
sgela- 'schlagen, stossen' unerweitert vorkommt (s. z. b. Fick, 
Wb. 1,528 f. III, 334; Curtius, Et.» 149. 362; J. Schmidt, 
Voc. II, 230; Froehde, BB. III, 305 f.; Fortun atov, BB. VI, 
216; Bersu, Gutt. 171 u. a.). So lit. kalü, kalti 'schlagen, häm- 
mern', kdlvis 'schmied', abg. koljq, klati 'pungere', gr. xXaco, 
xXrjfia u. 8. w.^ Ob in lit. kcUtas 'meisel, schnitzmesser' -io als 
nominalsuffix aufzufassen ist, oder man von einer wurzelform 
kalt' auszugehen hat, kann ich nicht entscheiden, vgl. s. ku- 
thära- 'messer*, 1. culter. Jedenfalls sind wir berechtigt, eine 
idg. wurzelform qäl-t- anzunehmen, mit bedeutung ^schlagen, 
stossen, brechen, spalten'. Hierher gehört meiner meinung 
nach s. ava-kutyati 'zerteilen, zerkleinern', pra-kutt/ati 'zer- 
malmen, zerkauen' und kutiyati 'quetschen, stampfen, klatschen, 
schlagen, (vgl. Whitney, Wurzeln 19) aus *{s)qlt-. Weiter 
setze ich zu den genannten Wörtern folgende germanische, die 
Kluge als dunkel angibt, nämlich d. schalten, mhd. schalten 
'stossen, schieben, in bewegung setzen, treiben', ahd. scaltan, 
'stossen', as. skaldan und das dazu von Kluge gestellte d. schel- 
ten, mhd. schelten^ ahd. sceltan u. s. w. aus urgerm. ^skelö-, mit 
*skelp', das ich freilich nicht belegen kann, wechselnd. Ahd. 
scalla, mhd. schalte ' Stange zum fortstossen des schiffs' verhält 
sieh zu schalten etwa wie gr. xovxoq ' Stange* zu xevxia) 'stechen, 
stossen', oder wie d. stange, ahd. stanga zu einer wurzel die 
stechen bedeutet, vielleicht zdengh-. 

Mit einem m-suffix erweitert erscheint dieselbe base in 
1. cala-m-itas (vgl. xXfj/ia) — ob cadamiias Mar. Vict. 8, 15 eine 



*) Es ist' sehr fraglich, sowol ob s. ^rnäd 'brecheo, zerbrechen, er- 
legen' (wie Froehde a. a. o.) als ob s. krnäti * verletzen, töten* (wie 
Benfey, KZ. Vni, 2) hierher gehört, vergleiche Fick, KZ. XX, 357, 
J. Schmidt, KZ. XXV, 125. Vielleicht kann man ans den im text an- 
geführten beispielen xXait) heraus nehmen und dies mit s. grnäti zu- 
sammenstellen. 

^) Diese Wörter können doch in skr. eingekommene prakritische 
lehnwörter sein, und dann können sie auch aus idg. ^qert- s. krntäti 
* zerschneiden ' entstanden sein. 



314 JOHANSSON 

Yolksetymologische anlehnung an cadere oder nicht sei, ent- 
scheide ich nicht, vgl. Corssen I, 224, Bersu, Gutt 167 f. — 
weiter einerseits d. schelm, mhd. schelme 'pest, seuche; die im 
kämpf gefallenen', ahd. scalmo, scelmo 'seuche', an. skelmir 
*schelm' u. s. w. (s. Kluge, Wb. 289), anderseits vielleicht 
s. srämd' (< *sqlämo') Uahm, hinkend' {srama- m. 'seuche, 
krankheit') — wie es sich mit dem hier zugestellten abg. 
chromu (Goldschmidt, KSB. VII, 252, M6m. d. 1. Soc. 1, 413 f., 
anders Fr oehde, Bß. VII, 120) verhält, weiss ich nicht — vgl. 
xXa/iaQog 'gebrochen, kraftlos'.^) 

Mit rf-suffix erweitert entsteht *(s)qala'd'', *sqal-d- und 
*{s)qla'd- mit verwanten bedeutungen 'stossen, zerbrechen, 
spalten' u. s. w. Hierher gehören einerseits s. kända- 'abschnitt, 
stück, gerte', khädayati 'zerbrechen, zerspalten' {bhedane DhäLiuf. 
32,44) khanda- 'zerbrochen; stück, teil' aus *{s)qai'd- und 
*{s)qal-n'd''^), vgl. lit skeldeti 'sich spalten, platzen', anderseits 
xXaöaöat' öelöac Hes., xZdööat 'zerbrechen', xXaöagog 'zer- 
brechlich, xXdöog 'zweig', abg. klada 'balken, block, holz', 
1. per-cello, clädes^) (W. Meyer, KZ. XXVIII, 171; Brug- 
mann, Grundr. I, § 306. 369); zu xXaöaöai 'erschüttern, be- 
wegen', xXaöalvo) id., führt Fick Wb. 1, 810 lit. sklandaü, sklan- 
dyti 'schweben, schwanken', das doch sehr unursprünglicb 
aussieht. 

An diese idg. sqlüx'id-) in der bedeutung 'stossen, reissen, 
schleissen, spalten' u. s. w. knüpfe ich folgende etymologische 
deutungen, die beispiele der regel skl- > sh sind.^) Doch kann 

^) Es ist die frage, ob nicht an. slema ^hugge i horisontal retDing' 
hierher zu ziehen ist und aus *sqlömi(i)on- zu erklären. £b wäre dann 
auch nicht unmöglich, eine diesem entsprechende s-lose form in Bohw. d. 
(Dalarne) fläma (Sv. L. IV, 2, 50) zu sehen (aus *qlemHi)on'). Ueber diesem 
Worte sowol als über an. fl^'ma (fl^'mingr) anders Bugge, Sv. L. IV, 
2,231. — Das letzte, das 'verjagen' bedeutet, könnte (wie dies H. Falk, 
Ark. V annimmt) aus *plahmian- sein und zu der neuerdings von Ost- 
hoff für fliehen, lit. lekiü u. s. w. aufgestellte wz. ileq- zu stellen (s. 
Beitr. XIII, 414). 

^) Auch wol s. khada- * ein aus buttermilch u. s. w. bereitetes saures 
getränk; das spalten'. 

^) Ueber die möglichkeit hierher an. glata u. s. w. zu ziehen s. 
Bugge, Beitr. XII, 429. 

^) Ich möchte hier auf einige Wörter aufmerksam machon, die ant 
einem *sqlä-s : ^glit-s- entstanden scheinen, einerseits an, ^toa '?er- 



VERBINDUNGEN VON S (Z) + GÜTT. -\- L, M, N. 315 

ich nicht formen anführen, die direct auf eine wurzelform 
sqlaxd' zurückgehen, sondern nur solche, die aus einer damit 
yariierenden wurzelform ausgehen. 

Wenn wir — um uns hier nur an Varianten zu halten, 
die mit den im folgenden zu behandelnden fällen völlig analog 
sind — parallele betrachten wie: s. hhrajate, g)Xeya) : ags. 
blican, ahd. hlihhan, an. hlikja {^bhiax-g- : ^hhläx-i-g-), öx^xog 
: öxolJtog, 1. scipio {^sküx-p- : ^skäx-i-p-), avöri, drjöciv : deldo)^) 
i^aue-d' : *aue'l'd'), XVM> ^^^* Q^ome : x^^« K ^Q^^Uß, ahd. 
gi-nen, an. gi-na u. s. w. (: ahd. goume, x«t;i^og; ^ghax- : *ghäx'i' 
: *ghäx'U'), an. slöÖ : ahd. slita, an. sleöi, aschw. slipi, lit. slidüs 
{^slüx-dh- : *släx'i'dh-\ lit. glödaSj abg. gladüku (vgl. 1. gläher 
<C *glädhro-), ahd. glat : as. giidan, ahd. glitan^ nhd. gleiten 
{^ghlax'dh' : ^ghläx-i-dh-, vgl. x^orf^ : x^^^^V)> l^*« gfe^th gra- 
hin'eti, abg. gräbiii : lit. gr'ehii, graibyti {*ghrax-bh' : ^ghräx'i-hh-^ 
1. /aftör, g. slepan : ahd. ^/J/an, an, ^/^«j^r {^sla^b- : ^släx-i-b-), 
g. rädhnoti, g. ga-redan : raidjan, ga-raids (*rax-dh- : *räx'irdh') 
u. s. W.2) — erwägen wir diese und andre derartige beispiele, 



letzen, schädigen' (in schw. d. mit mehreren bedentnngen s. Rietz 
p. 621, vgl. an. s/ys ^skadelig gjaerning', slysinn *tilb0jelig at skade*, 
n. d. slosa f. *en aeventyrlig historie*, shjse, slysen u. s. w. Aasen 706 ff.), 
an. slas n. Maesio', schw. d. slas ^fetzen, stück', sl(ise\^.\ anderseits isl. 
flas n. *8kar, aschw. flas *8kal, fnas, borst' (Rydqvist VI, 113) n. d. 
flas ^tynd skal, smä fliser eller späner', flasm, ^et letsindigt menneske' 
(isl. flasa *fare ubetaenksom frem'; vgl. isl. flos, flus, aschw. flos, n. d. 
flos, flus, fles u. s. w. mit denselben bedeutungen), schw. d. (Dalarne) 
flas *skal pä potater o. a. rotfrukter' (Noreen, Sv. L. IV, 2, 96), in 
Fryksdalen in der bed. ^räude' (übrigens s. Rietz 152). Sollte an. lasinn 
u. s. w. mit den oben angeführten ^-formen zusammenhängen — vielleicht 
könnten die formen mit fl- aus sl- erklärt werden — und zu s. sram- 
satt 4n stücke gehen, zerfallen' — was an und für sich doch aus *sqlam'S' 
gedeutet werden könnte — gehören (vgl. Froehde, BB. III, 18, anders 
aber ders. BB. VI^ 181), so wäre die herleitung aus einer mit sql- an- 
lautenden Wurzel hinfällig. 

^) Die erklärung Wackernagels, KZ. XXIX, 151 f. scheint mir 
nicht haltbar. 

3) Mehr material für diese erscheinung kann man finden z. b. bei 
J. Schmidt, Voc. I, 49 ff. und passim. Dass diese erscheinung nicht 
als product von einigen etwaigen lantgesetzen, so dass die parallelen 
formen unter verschiedenen bedingungen mechanisch aus einer grund- 
form entstanden seien, sondern vorzugsweise auf idg. Wortbildung 
beruhend anzusehen ist, erscheint mir sehr wahrscheinlich. Diese durch 



316 JOHANSSON 

haben wir, scheint mir, die berechtigung eine mit ^sqlad- 
variierende wurzelform *sqläx-i'd' zu statuieren. Aus dieser 
Wurzel erkläre ich d. schleisseuj mhd, sli:^en, ahd. sli2;an *spal- 
ten, zerreissen, abnutzen \ ags. slHayi, an. slita u. s. w. Ob man 
1. Icedere hierher ziehen darf, entscheide ich nicht, denn dies 
kann zu s. sredhati 'etwas falsch machen, fehl gehen' gehören 
(vgl. Fick, Wb. 1,255). Zudem muss man g. ^/«/>a * schaden', 
s/^e>ya- 'schlimm, gefährlich, schädlich', gasleipjan, as. ^ßöe, ags. 
sliöe, sHban, grieoh. aXiretv u. s. w. (de Saussure, M6m. 75, 
Fr o eh de, BB. III, 17) berücksichtigen. Es wäre nichts im 
wege, folgende Wurzelvarianten anzunehmen: ^sgläx-i-d-, *sqläx' 
i-dh-, *sqläx'i'i-. Die wurzelform ohne s- könnte man vermuten 
in ahd. ß^, vliz, *fleiss, eifer, Sorgfalt', ahd. auch contentio, di$- 
sensio. Die letzte bedeutung stimmt gut zu schleissen und die 
entwickelung zur bed. fleiss hat sein gegenstück in schw. dial., 
wo slit auch strebsame arbeit bedeutet. Noch besser passt es 
an. flis *flis', schw. ßsa, schw. und n. d. flis id. aus ^qlid-tä 
mit schleissen zusammenstellen. Aber man hat doch zu er- 
wägen, ob nicht sowol fleiss als an. flis zu einem ^-losen 
*spiä'i'd' zu ziehen ist. Diese wurzelform erscheint mit s in 
spleissen, mhd. spli7;en^ ndl. splijten u. s. w. 

An. slibr n. pl., sHbrir, sliörar^ n. d. slidra oder slira 
'scheide' (auch slir), aschw. slipir f., slidha, schw. d. slir, sH 
könnten aus skl- erklärt werden, wenn an. hliö n. 'aabning, 

ursprüngliche wortbilduDg enstandene wurzelvariation (suffixabl&nt, 
Suffix Variation), die sieb unmöglich verkennen lässt, obwol man in den 
letzten jabren nicht viel davon bat wissen wollen, ist in der weise vor 
sieb gegangen, dass die ursprünglicben variierten snffixe, die ursprüng- 
lich entweder stammbildend oder flectierend waren, allmäblich aus ver- 
schiedenen ursacben — bypostasierung u. s. w. — ibre functionsbeden- 
tungen einbüssten und mit der 'ursprünglichen* wurzel incorporiert 
wurden. Von litteratur, wo diese frage bebandelt wird und beispiele 
angefübrt worden sind, erwäbne ich Pott IP, 460 ff., Fick, Wb. lV,lff. 
bes. 27 f., 76 f., Curtius, Et.^SOff. 65 u. s. w., Bezzenberger, GGA. 
1878,264, de Saussure, M^m. 54, Brugmann, MU. 1, 42, DanielsBOO, 
Gram. Anm. 1,47, Zur altit. wortforsch, u. formenl. 49 f., Noreen, Spräk- 
vetenskapliga sällskapets förhandlingar 1882—85 p. 128, Brate, BB. 
XI, 186 f., verf. De deriv. vb. contr. 109 ff.; über die damit in nahem zn- 
sammenbang stehende infigierung vgl. u. a. W indisch, KZ. XXI, 406 ff., 
Bezzenberger, GGA. 1879, 227, verf. a. o. und das. citierte literstor, 
vgl. auch V. Henry, Esquisses morphologiques I, 8 ff. 



VERBINDUNGEN VON 5(2) 4- GÜTT. -ir L,M,N. 317 

aabent mellenirum, hyorved dannes en afstand mellem omgi- 
velserne paa begge sider; mellemrum i tiden, da noget for en 
stund er ophört, intet sker eller kommer til syne; led, post, 
aabning i mur, vseg eller gjserde, som er indrettet til foiiiaden 
gjennemgang' u. s. w. damit zusammengestellt werden könnte; 
die bedeutungsverschiedenheit würde dann beleuchtet durch 
d. scheide, an. pl. skeidir : scheiden. Man hätte als Wurzel 
sqele- * spalten, scheiden, trennen' zu lit. skeliu, skilti spalten, 
an. skilja anzunehmen, dessen schwache form skl- > sl- zeigen 
konnte (vgl. abg. skolika * hülse' zur selben wurzel). Diese Zu- 
sammenstellung ist aber sehr unsicher, besonders wenn n. d. 
slider, slir n. 'en liden IsBgte eller list, som er opslaaet paa 
en Yd6g for at statte noget' mit an. sHbr u. s. w. zusammen- 
hängen sollte und eine ursprünglichere bedeutung zeigte.^) 

Ueber die soeben genannte wurzel sqele- 'scharren, schaben, 
graben, trennen, spalten' u. s. w. in axaXXm, lit. skeliii, an. 
skilja s. Fick, Wb. I, 813; dahin gehören wahrscheinlich die 
Wörter fÄr schale s. Kluge 285. Mit einem ]!?-suffix erweitert 
erscheint diese wurzel in der form ^sqajax-p-, woraus sowol 
*s{q)ld'x''P' als *sgäxl'P-. Die erste form setze ich in Xe^tw 
'schale', o-Xo^troo, die letzte in 1. scalpo, sculpo, xoXajcrco 
u. 8. W.2); vielleicht auch xdXjcrjj xaXjtic,, 1. calpar (vgl. Bezzen- 
berger und Fick, BB. VI, 236). In bezug auf die bedeutungen 
von Xi:jico, sculpo : xaX;jtig vgl. die bedeutungen vom wort schcUe 
bei Kluge und im gr. von 'wz.' Xsjte-, Xejtac, Xojtag, Xsßrjg : 
Xejtig, Xijtog, XejcvQOVy Xoüioq, XeßrjQig (vgl. jedoch Fick, BB. 
VI, 204). 



^) An. slit5r a. s. w. wird von Schade 825 zu ags. slidan 'gleiten' 
gestellt. — Wenigstens in der bed. tor stellt Kluge, Wb. 20 an. M^ 
wie anch mhd. lit, ahd. hlit, SigB, hlid zu M.hädan ^decken, schliessen* 
(vgl. Schade 407). — Das abg. skoltka, 1. siliqua (Fick, BB. VIII, 203) 
wäre vielleicht in Verbindung mit isl. slöy n. d. slo f. * horntap, den blinde 
benspids 1 roden af et hom', d. d. slu, sing, schw. d. sluv^ slu, slur, slo 
'kvickehylsa', ns. slu, slutve 'hülse' zu bringen. Die bedeutungen der 
germ. Wörter scheinen zwischen dem fleischigen teile des hornes und 
dessen hülse zu wechseln und dürfte nicht entschieden gegen die ver- 
gleichung sprechen. Formell hätte man für skoTika etwa *sqal9q- für 
slö' *s(q)löq' :=^ *slöhrv- und *slö(g)W' anzusetzen. 

^) Lit. sklempiu, sklempti 'behauen' ist vielleicht eine neubildung 
mit aufgefrischtem k statt *slempti oder ein lehnwort. 



318 JOHANSSON 

Man könnte dieselbe wurzel mit einem Ar-suffix erweitert 
in g. slaihts — etwa ein pari ^sgiek-io- eig. 'ges^chabt' und 
dgl — sehen; ich glaube doch, dass eine Zusammenstellung 
mit einer unten zu behandelnden base z{g)lei-k' voi*zu- 
ziehen sei. 

B. zgl'. 
In den germanischen sprachen müssen wir aus diesen Ver- 
bindungen wechselformen mit sl- : ^/-, im lat. /- : ^/-, gr. X- 
: yX- erwarten. Es gibt nun einige Wörter im lat und griechi- 
schen mit /- : gl'^ die man zwar früher zusammengestellt hat, 
aber mit der erkenntnis, dass g weder im gr. noch im lat. vor 
/ schwinden konnte, hat man im allgemeinen diese etymologieen 
aufgegeben. Doch glaube ich, dass wenigstens einige dieser 
Zusammenstellungen in der von mir vorgeschlagenen weise 
sich aufrecht erhalten lassen, und sie sollen im folgenden ihre 
erledigung finden. 

Es hat wahrscheinlich eine idg. wurzel zgele- (g volar) 'feucht, 
klebrig sein, fliessen' u. ^^ gegeben. Diese wurzel könnte man 
vielleicht in b. ksära(i^üieBBt\ ksälayati^yfSLSGhi sib^^) wie auch 
in an. skola^ skula, n. d. skola, skylja, sv. skölja (dial. formen 
s. Rietz 594), n. s. schälen u. s. w. suchen. Jedenfalls erscheint 
sie in schwacher form meiner meinung nach in unten zu be- 
handelnden Weiterbildungen. 

Mit einem /;2-elemente erweitert erscheint die wurzelform 
zglax' einerseits in gr. Xrjiiri (< *oXi]firj)-)j wahrscheinlich 
1. lama 'pftitze' vielleicht auch in mhd. (md.) slam, gen. siammes, 
uhd. schlämm, falls es nicht mit J. Schmidt, Voc. II, 260 aus 
der für schleim zu grund liegenden form zu erklären ist; 
anderseits yXfjfir] 'augenbutter' (= Xrjfifj), yXanwi^ yXaf/vQog 
' triefäugig', yXafiav 'triefäugig sein', yXdfiog ' fiv^a Hes., lett. 
glemas, glemi 'schleim', glemesis 'schnecke, muscheP (vgl. gle^ws 
' was sich zieht wie dicker schleim = trag, indolent^ weichlich, 



S. jedoch z. b. Bartholomae, Ar. F. II, 56: zu (pd^eiQio, 
'^) Ich nehme diese möglichkeit hier auf, obwol ich gern eioräame, 
dass Bezzenbergers (BB. I, 339) von Fick (BB. III, 826), 0. Weiee 
(BB. VI, 110) und G. Meyer (Gr/^ § 174, 255) gebilligte zusammensteiliiog 
mit lit. elmes unanfechtbar und übrigens ansprechend ist 



VERBINDUNGEN VON S (Z) -f GÜTT. -^^ L, M, N. 319 

zerbrechlich' Fick, BB. 111,323), 1. glamw (Paul, Fe8tu8 96)0, 
vgl. andere m-erweiterungen unten. 

Dasselbe wurzelelement zglüx- erscheint nun in parallelen 
t- und w-erweiterungen zgl^-i- {zglei-) und zglcL-u- {zgleu-). 
Ich werde sie je einzeln besprechen. 

Als wurzelform erscheint zglei- in verschiedenen ablei- 
tungen; so ein stamm ^zglei-uo- in ahd. slio, mhd. stißy nhd. 
Schleie, Ags, sHw, an. ^/^ n. 'slimagtige vandplanter', n. d. sli, 
sly n. ^sliim, VdBdske; sliimagtige vsexter i vandet', slia {slye) f. 
^en sliimagtig masse'; sliast (slyas) ^sliimes, belsegges med sliim', 
schw. d. sli, sly mit denselben becleutungen, slevi{g) 'schleimig' 
u. s. w. Anderseits erscheint ohne z der stamm *gl(e)iuo'' in 
yXla {yX[6\la)' xoXXa Hes. Et. M. 234,24, yXoi6(; 'klebrige 
feuchtigkeit' (vgl. yXolog' 6 QVJtog xal yXlvrj m. C. 212, yXlog 
6 ^vjtaQoq C. 171; bei Hes., yXloq * QVJtO(; vel QVJiagoq oder 
yXlvri ' yXoiog, QVJtog nach M. Schmidt, yXoiog ' v(X)0-Q6g, 
aöd-sPTJg ' QVJtagog). Diese Wörter können freilich für *yXoi'io-^) 
stehen, aber scheinen doch besser aus der angenommenen grund- 
form erklärt zu werden, vgl. besonders lett. gHwe 'der grüne 
schleim auf dem wasser'. Dagegen scheinen aus dem ein- 
fachen stamm *gleio-, *gloiO' folgende Wörter zu stammen: 
nhd. klei, ndd. klei 'schlämm, lahm, feuchte erde', ndl. klei, 
engl, clay, ags. cl^g] n. d. kli n. 'slam, opskyllet sand eller 
dynd ved eü elv' (s. Aasen 365). 

Aus einem stamm *{z)glei'mO' einerseits mit beibehaltenem 
z nhd. schleim, mhd. slim 'schleim, glatte, zähe, klebrige feuchtig- 
keit', ags. slim, ahd. slimen 'glatt machen' (vgl. 1. Itmare), an. 
sHm, L Itmtts 'schlämm', das natürlich ebensowol zu an. lim, 

^) Möglicherweise lässt sich durch anlehnung an die erwähnten 
Wörter eine etymologie finden für das in einigen germ. dial. auftretende 
wort klam *feucht' u. s. w.; schw. d. klam, d. ns. klam(m), e. d. klam, 
dam, nfr. klum, die wol nicht mit g. qrammipa, an. kramr u. s. w., 
identifi eiert werden können. Möglich ist, dass die bedeutang und an- 
wendung durch einfluss der letzt erwähnten Wörtern modificiert worden 
sind; klam : yXrifiri, glamce = kramr : 1. gramice. 

^) Diese grundform könnte in an. kleggi m., n. d. klegg m. *kldeg, 
br^ms' {Tabanus, auch Oestrus) aus urg. *klaiia'n- und *klaiia-. Die 
bedeutungsentwickelung wäre: klebrig — sich wie anleimend, vgl. n. 
klceg in der bed. von einem menschen, dessen man schwer los wird (an- 
klebend). 



320 JOHANSSON 

ags. ahd. lim (vgl. ags. läm) u. s. w. gehören kann (s. Fick, 
Wb. I, 753. III, 268; Osthoff, MU. IV, 129, Kluge unter lefim, 
leim u. 8. w.); weiterhin poln. slimak * nackte sehnecke', Tgl. XsZ" 
fia§, 1. Umax (s. Lettner, KZ. VII, 185, J. Schmidt, Voc 
I, 259), vgl. auch ir. slemain *lubricus' (ZE. 777). Anderseits, 
aus ^glei-mo-, ^gloi-mo- ags. cläm (< ^klaima-) Hehm, ton', engl, 
d. cloam, ahd. chleiman (was Schade 294 aus *geleimen deutet, 
was nicht angeht), in nord. sprachen kleima, z. b. isl. kleima, 
n. d. kleima, schw. d. klema, klälma u. s. w., alle mit der be- 
deutung 'schmieren, kleistern, ankleben' u. s. w. (Aasen 363, 
Rietz 326). 

Hiermit in nächster Verbindung stehen die aus dem stamme 
*{z)glei'no- u. s. w. entstandenen Wörter, einerseits abg. slina 
(russ. slina u. s. w.) ' Speicher, eine bedeutung, die ohne Schwierig- 
keit sich aus der bed. schleim, klebrigkeit u. s. w. herleiten 
lässt^); anderseits gr. yjLivrj (vgl. yjl/a) 4eim', abg. ^/ma Uon', 
glenü ^schleim', an. Mna 'beschmieren' (vgl. Ar/^tma oben), mhd« 
kirnen, ahd. klenan, chlenan 'kleben, schmieren', air. glenm, 
aus ^gHn- durch einfluss von o-, a-vocalen in der folgenden 
silbe gewisser formen (wechsel zwischen *zgU' : *zgK-). 

Mit /o-suf6x. Mit annähme der von mir aufgestellten 
regel lassen sich besonders einige griechische und lat. Wörter 
vereinigen die man oft zusammengestellt hat. Aus einem 
^zglf'iO' stammen einerseits mit beibehaltenem z ZT-rog 'glatt, 
schlicht', jiiööog, klöjcog (< ^zglit-qo-), Xlö^og 'glatt', XiaxQog 
^eiöcokog Hes. Suid. Phot.; anderseits mit eingebüsstem z 
yXlöXQog 'klebrig' (vgl. rXcxcd tj tfuöcoXog Et. M.), yXlrrov ro 
ojcoXovfia Eustath.^ yXcrrov ' yXoiov Hes., 1. glittus (z. b. Cato 



^) Die anlehmmg dieser Wörter an 1. saliva, s. salila (vgl. J. Schmidt, 
Voc. II, 259 f., C ur t i u s, Et.^ 372) ist kaum möglich. Zur Wurzel *z(g)lei' 
wäre aber nicht unmöglich lit. seile 'Speichel' zu ziehen, falls es nach 
einer andeutung prof. Bugges durch dissimilation aas *sliv-ld erUirt 
werden könnte. Ich wage nun auch vorzuschlagen, aialov 'speiebel', 
aiaXoq *fett, schmalz' aus *aXii'9Xo' oder *aXi%-n-Xo' zu deuten. Niehti 
berechtigt uns nämlich zu der annähme, dass aX- :^ X- und a + ▼oe. 
:=>-' + voc. derselben zeit anzuweisen sei; aX- könnte nämlich noch be- 
stehen, wenn a :::>- ^ vor vocal aufg^ehört hatte; dann konnte *aXia3ißq 
durch dissimilation aiaXoq werden, wessen o- dann intact blieb; in benf 
auf die dissimilation vgl. nvsXoq ^ "^nXvsXoq, txnayXoq -^ *ix'7(Xaylo^ 
s. Bezzen berger, BB. IV, 343 f. 



VERBINDUNGEN VON S (Z) + GUTT. + X, M, N. 321 

r. r. XLV) 'glatt', glis 'humus tenax' (vgl. klei oben), lit. glitüs 
'glatt, klebrig'. Vielleicht hat man hier folgende nordische 
Wörter einzuordnen: klessa 'klsebe, haange Ted, vaere blöd og 
klsebrig' auch 'sudle, sole, sni^re noget til', klessen ^megethlßA 
og klaßbrig', isl. klessa id.*); der urgenn. stamm möchte *klissa' 
< ^gUt'tO" gewesen sein. Den stamm gltt- möchte man in 
nhd. kleisier, mhd. küsier, vgl. an. klistra 'kleistern', die aus 
^gltt'tro' erklärt werden können, widerfinden. 

Möglicherweise kann man zu dieser sippe die von Kluge 
unter kletta erwähnten Wörter ziehen, wie mhd. klette {klete), 
ahd. chletto, chieita (chleta) u. s. w., s. Kluge, Beitr. IX, 160. 
166, Kauffmann, ib. XII, 528. 530, falls man sie aus ^gleit-, 
*gloit', *gttt herleiten kann (vgl. jedoch Froehde, BB. X, 296). 
In den deutschen Wörtern können zwei anfangs nicht ver- 
wante stamme zusammengeschmolzen sein. Die bei Kluge an- 
geführten formen dürften vielleicht durch stamme wie *kUppö 
und *klaip{p)ö erklärt werden, aber auch andere grund- 
formen müssen vorausgesetzt werden. Die grundbedeutung 
wäre kleben, ganz wie ahd. chHba, ags. cltfe u. s. w.^) zu ahd. 
chleban, as. clibön, an. klifa wie auch zu ahd. chliban, as. be- 
klidan, an. klifa u. s. w. gehört (s. Kluge, Wtb. 166 f.). Diese 
Wörter können mit unsrer wurzel zglei- zusammengehören und 
zu einem erweiterten stamme {z)glf-p' zu stellen sein. 

Hier mag nun auch wenigstens die möglichkeit angedeutet 
werden, dass die zu grund für schleichen, ahd. slihhan^) und 
schleifen, ahd. slifan liegenden wurzeln sllk- und sUp- aus 
*zglJ'g'y *zglt-b- entstanden sind und hierher gehören. 



^) Vielleicht auch kleis HykmsBlet, laespende* (» an. kleiss), kleisa 
*kl8ßbe; tale ureent* (in dieser bed. am, kleisask), kleisen 'klebrig*, die 
Bugge, KZ. XIX, 433 mit gr. ßXaZaog vergleicht. 

^) Wie axaTCoq : axolnoq könnte 1. lappa 'klette' : ahd. chUba er- 
klärt werden. Diese Zusammenstellung, die z. b. bei Benfey, Wzl. 
11,121, Pauli, KZ. XVm, 10, J. Schmidt, Voc. 1,59 vorkommt, ist 
nur unter der Voraussetzung möglich, dass lappa aus *läpa -^ *zläpa 
-«c *zgläpa entstanden ist, 

^) Q. slaihtSy ahd. sli'cht u. s. w. kann eine participialbildung zu 
schleichen, vgl. an. slikja sein, d. h. *slihta- ans *zgliktO' mit der be- 
deutung glatt wie limatus von limare zu hmus. In bezng auf bedeu- 
tungsentwickelung vgl. auch mhd. sltch 'schlämm, kot* : engl, sleek 
* glatt *, gr. ylia, yXoioq : yUaxQoq, 1. gUttus, lit. glitüs u, s. w. 



322 JOHANSSON 

Ich gehe nun zur parallform ^zgleu-, ^zglu- über. 

Als einfacher stamm erscheint diese wurzelform in gr. iXvq 
'schlämm' (vgl. J. Schmidt, Voc. II, 259, Osthoff, KZ. XXIII, 
587, Wackernagel, KZ. XXIX, 126), das ich etwa aus ^zlü-s 

o 

< ^zglü'S deute. Den stamm ohne z kann ich nicht belehn, 
es sei denn dass das glossematische gluo ' övörvtpa} Gloss. 
Philoxeni eine spur davon sein sollte. Dagegen sind vielleicht 
1. lev'i-s, XbIo(^ < *XBf-iog aus ^zleu- < ^zgleu zu deuten (an- 
ders Schulze, KZ. XXVIII, 266 n.), weiterhin Xbvqoq 'glatt', 
womit ungezwungen mhd. sliere, slier 'schmierige, klebrige 
masse' (in bezug auf den bedeutungsunterschied, vgl. mhd. 
sTich 'schlämm' : engl, sleek 'glatt' u. s. w. oben) zusammen- 
gehalten werden kann. Die form ^zgleu- erscheint auch in 
mhd. slieme 'dünne haut: im tierischen leibe netzhaut, Zwerch- 
fell, prsBCordia; dünne gegerbte haut, membrana, pellis tym- 
pani, auch als fensterscheiben' — "vielleicht wegen des schlei- 
migen Wesens dieser dünnen haut gleichen Stammes mit stim\ 
». slier e^^ (Schade 822)^); anderseits vgl. l. glus unten. 

Mit /-Suffix^) erweitert findet sich unsre wurzel mit z in 



^) Ich kann nicht nmhin hier einige worte anzufahren, die früher 
kaum richtig gedeutet worden sind, nämlich an. slefa f. 'slimagtig 
vsBdske som af80ndret i munden flyder ud af denne \ wozu n. d. sleva — 
offenes kurzes e — 'sagle, slippe vsedske af munden*, sieve m. *sag], 
udflydende spyt* (andre formen sleva f. ^ slevu, slevju b. Aasen 703). 
Diese Wörter sind zu 1. saliva gestellt, wahrscheinlich als lehnwörter 
davon gefasst. An. slefa kann wol als spätere Schreibung für sleva 
gelten (vgl. Noreen, Aisl. gr. § 190); es geht sonach wie die n. d. for- 
men auf ein um. *sletV' {^sliiv-\ urg. ^slerv- zurück, wo die schärfung 
ausgeblieben ist. Diese tritt uns aber entgegen in n. d. slagg n. in der 
bed. 'sagl, spyt* (= sleve), slagga ^sagle', aus *slautV', Es liegt nicht 
fern, auch in diesen Wörtern die wurzelform zgleu- zu vermuten. — Im 
lett. kommen formen mit wz. ght- in gluds 'glatt*, glühda ^blauer ton 
oder lehm', glümehi * glatt, schlüpfrig*, glüms 'glatt, schleimig' u. a. 
bei Ulm an. 

2) Wie wir oben zu *gli'-i' die norw. Wörter klessen u. s. w. ftthrten 
so haben wir auch hier zu *glui' einige Wörter mit ähnlichen beden- 
tungen anzuführen: n. d. klossa '80le, sluske, vaere Bkj0deBl08; Isespe, 
tale utydeligt*, klysa 'siede, sudle, smi^re noget til', klysa f. (auch klyssa) 
'klak, klump af tyk vsedske eller blöd materie; meduse, 80dyr, som 
ligner en geleeagtig klump*, schw. klysa, dial. klysja = n. klysa t iA 
der ersten bedeutnng. 



VERBINDUNGEN VON S (Z) + GÜTT. -f Z, M, N. 323 

g. *sliupan 'gleiten', das vorausgesetzt werden kann für caus. 
slaupjan 'gleiten machen', in der Zusammensetzung af-slaupjan 
'aus dem geleise bringen, irre machen, ängstigen', vgl. slaup- 
nan in afslaupnan 'ausser sich sein, staunen'. Hierher auch 
(nach Schade 825) md. slüder, slMern, nhd. Schleuder, schleu- 
dern (s. jedoch Kluge, Wb. 296 und Beitr. VIII, 526). Ander- 
seits führe ich hierher 1. glüs, glüten, glüiinumj glütus (vgl. 
Holthausen, KZ. XXVIII, 282 f.).ij 

Wie oben die möglichkeit, germ. slt-p- und slf-k- aus 
zgU-h- und zglt-g- herzuleiten, offen gelassen ist, so ist es 
auch denkbar, dass die wurzeln slu-p in g. sliupariy ahd. 
sliufan, ags. slüpan und slü-k- in mhd. slüchen u. s. w. (siehe 
Schade 827, Kluge, Wb. 297, Osthoff, Beitr. VIII 297 flF.) 
aus *zglu-b-^ und *zglu-g- sind. 

Auch wenn mhd. slüchen nicht zur obigen wurzel zu stellen 
ist, so glaube ich doch eine wurzel zglug- annehmen zu kön- 
nen, denn einerseits begegnen mhd. slüchen, an. sloka, slüka, 
mhd. slucken u. s. w., gr. XvC^cj (vgl. air. slucim vielleicht aus 
*slugn-), anderseits gr.yXv^tx) (Thes.) 'glutio' (vgl. lit. s^lügauH 
'schluchzen' Brugmann, C. St. VII, 293 f. 368, auch Bezzen- 
b erger, BB. V, 171).«) 



*) Ob 1. inglüvies * Schlund', ^2t2/tr^ Verschlingen*, die möglicherweise 
der bedentnng wegen hierher gezogen werden können, auch zu ver- 
gleichen sind, lasse ich dahingestellt. Die von Cnrtins, £t.^ 478, 
J. Schmidt, Voc. II, 290 f., vgl. KZ. XXV, 85 n. a. gemachte combi- 
bination mit s. giräti ist wol abzulehnen, falls dies mit 1. voro, -ßoQoq 
n. B. w. zusammenhängt. 

^) Nach einer gütigen mitteilung prof. Bngges könnte man auch 
in folgenden Wörtern die Wirkung unsrer regel erblicken. Bei Jenssen- 
Tnsch, Nordiske plantenavne (Kjöbenhavn 1867) p. 8 f. wird als name 
von Agrostemma Githago L. (d. raden) unter andrem folgendes ange- 
führt: schw. slätt (nach Retzius, Fries), von Gotland (nach Linn6). 
Ausserdem auch klätt (nach Betzius, Liljeblad, Fries), welche form 
besonders von Svealand, Vestergötland, Värmland, Skällinge in Halland., 
Blekinge; in Smäland rödklätt, der same svariklätt Endlich als schwed. 
form klini, rödklint, der same svartklinU Dan. klinte, älter klyni(ß\ 
aus Aalborg, Fyn, SIesvig klint\ aus Aalborg kUi\ aus Vendsyssel, 
Mors, Samsö klet\ Bornholm klitie, kleiUe{r), Die grundformen mögen 
für släii *slinia, *sleiia, für klätt, klini *klinta, *kletta gewesen sein. 
Möglicherweise lassen sich diese auf eine idgerm. grundform *zglenda 
oder *zglmdä zurückführen, ob wol ich freilich nicht sichere yfti:^^»^fe 



324 JOHANSSON 

C. zghl-. 

Besonders in den germanischen sprachen findet sich eine 
reiche Wortsippe, die auf idg. wechselformen slcTg-dh- : 
slax-i-dh' und ablautende formen zurückzugehen scheint Ein 
teil der hierzu gehörigen Wörter findet man bei Fick, Wb. 
II, 504. 691. III, 359 f.; Schade 825; J. Schmidt, Voc. I, 58; 
Bugge, BB. III, 108; Kluge, Wb. 297, vgl. verf. De deriv. 
vb. contr. 111 f. in der note. Zur wurzelform slax-dh- ge- 
hören nun an. slob f. 'spurweg', sldbi m. 'was hinten nach- 
geschleppt wird' (vgl. sleöur), sleba 'über die erde hinschleppen', 
n. d. slod (slo) 'slsebevei; rsekke, folge', sloda {slsda, sloe) 'slaebe, 
drage; hsenge bagved, slsebe efter'; sloda (slo) f. 'en dragt h«, 
som trsekkes paa et underlag av grene i. st. f. slsede'; slode 
{sloe und andre formen bei Aasen 705 f.) 'slseb, efterslseb, 
noget, som man drager efter sig; en gren eller trsBtop, hvorpaa 
man drager h» nedad en bjergside' und andre bed. (andre 
Wörter bei Aasen a. a. o.); schw. d. slo {slod = an. slöö), sloe 
(= an. slööi) mit etwa denselben bedeutungen wie die ent- 
sprechenden norw. Wörter (anderes bei Rietz 627). 

Von dieser wurzel zu trennen und entweder zu einer an- 
dern Wurzelvariation (etwa slax-u-dh-^)) oder zu g. slaupjan 
u. s. w. (s. oben) zu ziehen sind isl. slobra 'sich hinschleppen', 
möglicherweise auch n. d. slodda (mit offenem 0) f. 'en stör 
slsede til stenkjersel; slodd 'et slags tommerslsede'. 

Dagegen aus einer mit ^släx^dh- ablautenden form ^slä-dh- 
stammen n. d. slad {sla, slo) 'en skraaning eller fordybning i 
jorden, saasom paa siderne af en bsek' (\%\. slgbr n. 'liden for- 
dybning'), slade {slae), slane 'ein sanft geneigtes fast flaches 
feld ', d. d. slade, engl, slade^ ags. slced^ n. d. slad {sla), sladen {slaen), 
slanen 'sanft geneigt', sladna {slana), ^/ae^a 'sanft neigen', schw. 
d. sladar (Gotl.) 'geneigt', slana f. 'langer schmaler stamm 



Wörter beibringen kann. — Ganz unsicher ist die znaammenstellimg ?on 
schw. d. slyngen (andere formen wie sUnnor oder slmner, slmran, slön- 
dren, slinnon, slinnen, slynnen, sing. sUnna und slinga) und kJyngonf 
klyngen, alle namen für Vaccinium myrtiUus und V. uliginosum. 

^) Abg. sludinU * abhängig', study f. 'abhang' könnten ebensowol 
ans einer solchen variationsform erklärt werden wie aus *8lqdii^ (vgl 
Leskien, Hdb. d. abg.^ p. 33), wie Bugge a.a.O. annimmt. Mikloflioä 
scheint für diese Wörter eine idg. grundform mit kl- statt sU ansnnehmea. 



VERBINDUNGEN VON S {i) + GÜTT. + Z, M, N. 325 

von tanne oder flehte, womit stein u. s. w. weggeschaft wird*, 
wozu vb. slana (< *sladna)\ ferner sladd m. 'ackerwalze' mit 
Tb. sladda. Die abstrahierte grundbedeutung mag etwa gleiten 
gewesen sein, wovon die bedeutungsentwickelung zu neigend 
— d. h. etwa wo man gleitet — sehr leicht ist. Aber bedenkt 
man nun auch, wie nahe sich die Vorstellungen gleiten und 
glattj schlicht berühren, so ist man nicht ohne recht geneigt, 
eine ursprüngliche wurzel zghlax-dh- anzunehmen, woraus die 
schon erwähnten Wörter direct stammen. Aus der z-losen form 
der Wurzel erkläre ich nun folgende Wörter mit der bed. glatt: 
ubd. glatt, mhd, glat, ahd. glat (clat) 'glatt, glänzend', sls. glad- 
möd (= ahd. clatamuoti) 'frohmütig', ndl. glad 'glatt', ags. glced 
'glänzend, fröhlich', an. glabr id., weiterhin lit. glodas 'glatt', 
abg. gladükü, 1. gläber (< *ghlädhro-), s. Kluge, Wb. HO 
(anders J. Schmidt, Voc. II, 293; Curtius, Et.5 178; Bersu, 
Gutt. 185; übrigens s. Schade 335; glatt gehört nicht zu xsx^cc 
öcog, s. hladate, wie Bersu 131 und Schade annehmen). 

Diese Zusammenstellung wird nun einigermassen durch 
folgende analogieen bezeugt. 

Kluge, Wb. 110 (vgl. J. Schmidt, Voc. I, 58) hat die 
möglichkeit angedeutet, dass d. glatt und gleiten {wz. ghleidh-) 
in irgend einer weise zusammenhängen könnten. Ich meinerseits 
glaube nun, dass das Verhältnis dasselbe ist wie in dem eben er- 
wähnten beispiele von wurzelvariation und zwar wie z.b. *slax-dh- 
: ^släx'i'dh'. Wie ich nun glaube, dass *slax'dh- auf ^zghloLx-dh- 
zurtickgeht, so glaube ich auch, dass *släx-i-dh (^sleidh-) auf 
*zghläx-i-dh' {*zghleidh') zurückgeführt werden kann; d. h. 
germ. *5/öÖ- : *glöb, *g/öÖ- = ^slib- : *^/eÖ-. 

Zu *sltb' (< *zghltdh-) gehören mhd. (md.) sHten 'gleiten' 
u. ß. w. (vgl. nhd. iterat. schlittern), ags. sUdan 'gleiten', sHdor 
'lubricus', aengl. sHden, slider, slideri id., nhd. Schlitten, mhd. 
slitte, slite, ahd. slita, an. slebi, aschw. slipiy slcebi (über die 
dial. formen s. Rietz 622); lit. slidus 'glatt', lett. slidet 'auf 
dem eise gleiten', lit slysti 'gleiten', abg. sledü 'spur' (vgl. an. 
slöö oben), slediti 'der spur folgen' u. s. w. (s. Schade 825).i) 



^) Die von J. Schmidt, Voc. 1,58 hierher gestellten Wörter ahd. 
Unt, an. Iinm ' serpens ' a. s. w. gehören nicht hierher; sie setzen ein idg. 
leni- oder lint- vorans (vgl. verf. De deriv. vb. contr. 127). 

Beitrftge box gesohiohte der deutschen spraohe. XIY. ^^ 



326 JOHANSSON 

Dagegen zu *^/fÖ- : d. gleiten, mhd. gUieriy ahd. glitan^ as. gHdän^ 
ags. gHdan, afr. glida, aschw. glipa. 

Denken wir uns nun nasalierte formen zu ^zghlax'äh- 
wie *zghläx'n'dh', woraus germ. ^slüx-n-b- und *glax-n-Ö', so 
können wir daraus herleiten einerseits nhd. schlingen^ mhd. 
sUnden, ahd. slintan Verschlingen', g. fra-sUndan, wie auch 
andl. Sündern 'serpere', Schlund, ahd. slunt u. s. w., die auch 
Schade 824 und Kluge, Wb. 297 in Verbindung mit sltb- 
"vorgerm. slfdh" stellen. Die grundbedeutung gleiten oder 
gleiten lassen^ woraus die bed. schlingen. Das t im schw. 
slinta * gleiten', slant 'glatt, schlüpfrig' (und mehrere dial. Wörter 
bei Bietz 624 f.) ist schwer zu erklären in Verhältnis zu 
g, fra-slindan, srndl. slinderen u. s. w. Entweder ist es lehn wort 
(kommt in der bibel Gustavs I. vor, Eydqvist I, 190 anm.), 
oder ist einer lautlichen entwickelung zu verdanken (z. b. nach 
Kluges und Kauffmanns regeln); das letztere ist annehm- 
barer, insbesondere wenn n. d. sletia ^dingle, hsenge last; 
slunte, drive omkring', sluntra, slunta id., sloti m. 'ledig- 
gjsBUger' (und andre Wörter bei Aasen 703 flF.), schw. d. ^/an^ä^ 
slunta id. (andres bei Eietz 624 unter slinta)^ d. sluntre, ns. 
sluntem, dän. slentre, nhd. schlendern aus ndd. slendem^ ndl. 
slenderen, slender 'schlendergang' mit d für älteres t in mengl. 
slenten 'schlendern', hd. schlenzen (Kluge, Wb. 296) u. s. w. 
hierher gehören. Anderseits aus ^glüx-n-b-, vcihA. glinden 'glei- 
ten' und, mit einem deutlichen Wechselverhältnisse zwischen 
den bedeutungen glatt und glänzend (vgl. glatt : an. glaör), nhd. 
glänz, mhd. glänz, mhd. ahd. glänz adj. 'helle', mhd. glinzen, 
ahd. glenzen (vgl. glanst, glinster 'glänz'), die in anbetraeht von 
mhd. glander 'glänz' aus geminata zu erklären sind (vgl. die 
andeutung Kluges, Wb. 110, Paul, Beitr. VII, 134 anm., Kauff- 
mann, ib. XII, 518).^ 



Als besondern abschnitt sollte ich die fälle behandelt 
haben, wo in germ. sprachen sm aus s + gutt. + fn herzu- 



^) Dagegen darf man fernhalten die warzelvariation *ghläxi' '» 

*ghleid' : *ghlend- 'glänzen' und s. hlädatd 'fröhlich sein', hlädas Mut, 

freude', vielleicht x£\id.glatz, nhd, glatze eig. glänzend (vgl. ^Uat^ 
f 



VERBINDUNGEN VON S (Z) + GÜTT. + A M, N, 327 

leiten wäre. Für diese sprachen aber habe ich kein annähernd 
sichres beispiel gefunden. Fürs griechische habe ich an andrem 
orte zwei beispiele dieser lautentwickelung erwähnt und zu 
erklären gesucht, nämlich (liZad'Qov aus *öfieXad'Qov und das 
aus *öxfieXad^Qov (: xfiiXad-gov) und öcofia statt ^öxca/ia durch 
einwirk ung einer ursprünglichen casusform wie *öfiar6g aus 
^öxfiaroq (< *skmnt6s)^ vgl. an. hamr, ahd. hämo, st. *hama-. 
^haman-. Auf dieses ist aber hier nicht der ort näher ein- 
zugehen. 

III. 

Spir. + guttural + w. 

A, sk{h)n', sq{h)n'. 

Hier zeigt sich natürlicherweise ein Wechsel zwischen 
sn- und hn- (^n-) oder, falls die ursprüngliche Verbindung sq{h)n- 
war, möglicherweise /w-; und wie es vorher der fall war, muss 
diese germ. doppelheit auf einer idg. doppelheit von formen mit 
und ohne s beruhen. 

Hier dürfte der ort sein, eine kleine Untersuchung über 
die entsprechung von q{h)l', q{h)m', q{h)nr einzuschalten. Wie 
bekannt, hat man ziemlich lange und allgemein angenommen, 
dass diese Verbindungen formen mit /*- (statt des zu erwarten- 
den /{-) geben konnten, obwol man nicht ins reine gekom- 
men war, unter welchen bedingungen /*- statt h- erschien. 
Neuerdings aber hat Kluge, Beitr. XI, 560, vgl. auch Brug- 
mann, Grnndr. I, 331, als allgemeine regel zu vindicieren ge- 
sucht, dass aus idg. q{h)' /*- (bez. i) nur dann entstehen 
konnte, wenn in demselben wortkörper ein labial vorkam. 
Es ist wahr, dass diese regel anfangs wenigstens sehr be- 
stechend aussieht. Indessen glaube ich, dass sie nicht ganz 



: q>aXi6q, ipaXriQoq^ s. jedoch Kluge, Wb. 110; Kau ff mann, Beitr. XII, 
530) : ahd. gUzan, g. glitmunjan, an. glita, gliira, as. gttian n. s. w. (s. 
J. Schmidt, Voc. I, 57, Schade 334. 336) : Skhg, gl^daii (vgl. glimmen, 
X^ialvio, xkiaqoq, vgl. J. Schmidt, KZ. XXV, 133, Fick, Wb. 1,81). 
Nun kann freilich auch die nrg. warzelform glint- (d. glinz-) von glander 
getrennt und hierher gezogen werden, was ich nicht entscheiden kann. 
Wahrscheinlich sind die Wörter, die glänz bedeuten, auf zwei idg. ver- 
Bchiedene wurzeln zurückzuführen : die eine mit bed. glatt sein und dgl., 
die andere mit bed. warm sein, glimmen u. s. w. 



328 JOHANSSON 

zutrifft: sie ist zu eng, d. h. labiale sind aus idg. gutturalen 
entstanden^ ohne dass wir im stände sind in demselben wort- 
körper einen labial aufzuspüren. 

Die einwände gegen die Kluge' sehe regel sind hauptsäch- 
lich die folgenden. 

Zunächst ist es etwas befremdend, dass ein labial; wo er 
auch in demselben wortkörper vorkam, die von Kluge prae- 
tendierte Wirkung gehabt' haben sollte. Dieser einwand ist 
aber von geringerer bedeutung. Allein man könnte wol er- 
warten, dass dieselbe regel auch von idg. g > b > germ.p 
{gh > ih > germ. i) gelten «oUte. Aber von den beispielen 
— z. b. ahd. chriohhan, mengl. crüchen : as. kriupan, ags. creö- 
pan, an. krjüpa, mhd. (md.) krüfen\ hd. sumpf, mhd. sumpf, ndl. 
somp : g. sigqan ü. s. w.; nhd. mhd. strumpf : nhd. Strunk, mhd. 
strunc (vgl. BB. V, 174); aisl. sökn : aschw. sopn] gutn. (Färö) 
sypn : aschw. sykn (s. Noreen, Sv. Landsm. I, 327); gutn. 
gauken, norrländ. göcken : aisl. gaupn, schw. göpen, dal. gäpn; 
aisl. j'arpr, ahd. erp : g. riqis, eQsßog u. s. w. — die hierfür in 
anspruch genommen sind (s. z. b. Bechtel, Ueber die bez. 
der sinnl. wahrn. p. 74 f., Fick und Bezzenberger, BB. V, 
169ff., VI, 235flf.i)) berücksichtigt Kluge keins. Besonders 
spricht gegen die regel eine nicht unbedeutende zahl von 
fällen mit germ. lab., die mit grosser Wahrscheinlichkeit auf 
idg. gutturale tenues zurückgeführt werden müssen, ohne dass 
man einen andern labial in demselben wortkörper erblickt So 
die von Kluge selbst erwähnten fälle wie g. auhns, an. ogn 
: an. ö/w, westgerm. *ofna- u. s. w.; dann mehrere andre, aus wel- 
chen ich die folgenden hervorhebe: aisl. lifr, ahd. l'ebara u* s. w. 
: s. yäkrt, i^jtag, \. jecur (vgl. Möller, Beitr. VII, 547); das 
von Kluge selbst (Beitr. VIII, 526) zweifelsohne richtig e^ 
klärte an. fribr in der bed. *paid in kind', Schweiz, frem *in 
naturalien bezahlt* : jtQlaöd'ac, s. krmati\ schw. fnas^ fnassd 
: 8. ki'knasa-, xvaco, x^^^^ (ß"ggc> Sv. Landsm. IV, 2, 74); 
mhd. fniezen : aisl. hnj'ösa (vgl. gr. jtvia))\ an. fnykr : nykr 
(< *hnykr); ahd. üfo, ags. uuf, an. üfr u. s. w. : ahd. örn^a 
(< *ügfV'), schw. uggla (vgl. s. ulüka-, s. Singer, Beitr. XII, 212); 



^) Hiermit ist nicht gesagt, dass ich alle daselbst erwähnten bei- 
spiele für sicher halte. 



VERBINDUNGEN VON S (Z) + GÜTT. + L, M, N. 329 

folgende fälle sind hinsichtlich des endconsonanten der wurzel 
unbestimmbar: d. ireber, an. draf, ahd. irehir (pL), ags. dräbbe : 
an. dregg, d. iresier^ ahd. irestir < *trehstir (s. Kögel, Beitr. 
VII, 193; Osthoff, ib. VIII, 148 f.), wz. dh{a)raqh' oder dh{a)' 
ragh-, vgl. pr. dragios, abg. drozdijf, n. drostija, d-gaööm (siehe 
Bezzenberger, BB. IV, 319 ff.); d. irauhe, mhd. trübe, ahd. 
irüba, irübo : an. />rt^a *traube*; d. daube, slu. püfa : d. (oberd.) 
dauge, mhd. düge^) u. s. w. Endlich scheint Kluges regel, 
sofern sie erwähnt worden ist, nicht ungeteilten beifall gewon- 
nen zu haben, vgl. z.'b. Kauffmann, Beitr. XII, 511 ff; Soll- 
ten nun auch die fälle, die ich erwähnt und ferner anführen 
werde, wo fl-, {fm-\ fn- mit hl-, (hm-), hn- und sl-, {sm-), sn- 
wechseln, so zu erklären sein, dass fl-, {fm-), fn- nur unter ge- 
wissen bedingungen entstandene parallelformen zu ä/-, {hm-), 
hfl' seien, so sprechen sie auch gegen die regel Kluges 
Sollte nun widerum diese richtig befunden werden, so kommt^ 
es darauf an die mit sl-, {sm-), sn-, hl-, (hm-), hn- wechselnden 
fl-, (fm-), fn- in andrer weise zu erklären. 

Wenigstens in bezug auf fn- : sn- hat Bugge, KZ. XXII, 
434 ff. einige bemerkungen gemacht, in welchen er, wenn ein 
Wechsel vorkommt, die eine Verbindung aus der andern er- 
klärt, entweder sn- > /n- oder umgekehrt. Uebergang von 
sn- > fn- wird angenommen: schw. d. (Hailand) fnurken 
'runzelig' : schw. snurken (vgl. vaQxrj^ ahd. snaraha\ n. snorkjen, 
aschw. snorken, vgl. an. snerkja 'runzeln'; schw. d. (Skäne) 
fnef'ten *der sich beleidigt fühlt' : n. d. snerten, färö. snertin; 
schw. d. (Vestergötland u. s. w.) fnurr (dies und fnurra gemein- 
schw.) 'Verwickelung eines faden' : n. d. snur] schw. fnaska 
: snaska 'kleinigkeiten entwenden', vgl. schw. snatia. In fol- 
genden fällen wird fn- > sn- angenommen: schw. d. sniosk, 
snyske (Gotl.), sntiske, snöske (Vesterb.) : an. fnjdskr, hnjöskr 
(vgl. Schweiz, pfnosert, Grimm, D. Wb. III, 1863); an. snykr 
(Bisk. Sgg. II, 5) : fnykr, knykr, vgl. n. d. snik, sncekj bayr. 
pfnäckl\ engl, sneeze : ags. fneösan, nndl. fneezen, an. hnj'dsa] 
norw. d. snasa : an. fnasa, mhd. phnäsen, 

^) Oder sind Wörter mit 2/-diphth. zu den Wörtern zu zählen die 
w in demselben wortkörper haben? Dies scheint doch nicht die ansieht 
Ringes zu sein, wenn man das, was über die wz. quq- 'hoch sein' 
a. a. o. p. 562 gesagt wird berücksichtigt. 



330 JOHANSSON 

Die beispiele von sn-, fn-, die Bugge verzeichnet hat, 
sind hier erwähnt um als eine einleitung zur folgenden aus- 
einandersetzung zu dienen. Es kann nicht geleugnet werden, 
dass Übergang von sn- > fn- und umgekehrt phonetisch mög- 
lich ist Und in einem oder anderm von den verzeichneten 
beispielen mag auch dies der fall gewesen sein. Doch glaube 
ich für die meisten davon die formen mit sn- und /«- auf ur- 
sprüngliche parallelform mit und ohne s zurückführen zu kön- 
nen. Dies aber unter der Voraussetzung, dass fti- aus idg. 
qn- hat entstehen können. Ich werde sonach bei der folgen- 
den Untersuchung die formen mit /h- auf gleiche linie mit den 
formen auf hn- stellen. Finden sich nur formen auf sn- : /h- 
so werden sie behandelt, als wenn sie beispiele des wechseis 
sn- : hn- wären. Doch ist dabei zuzugeben, dass ich nicht 
einen stringenten beweis für die rieh tigkeit dieser anordnung 
liefern kann. 

Ich bin auch hier wie bei der behandlung von ^ + gutt 
+ / in der läge ganze gruppen von Wörtern behandeln zu 
müssen. Ich könnte freilich entsprechungen wie n. d. snapp 
'knap, snaßver' in der verb. ^knapi og snapV : aisl. hneppr, 
n. napp u. s. w. anführen und diese schlechterdings auf grund- 
formen mit sqn- : q- zurückzuführen ; aber entsprechungen wie 
dies beispiel werden am besten untersucht im Zusammenhang 
mit mehreren anderen zur selben wz. in näherer oder fernerer 
beziehung stehenden Wörtern. 

Es ist kaum von jemand verkannt, dass es eine in den 
idg. sprachen weit verbreitete und reiche Wortsippe gibt, die 
die allgemeinen bedeutungen schaben, ritzen, scheren, schneiden, 
spleissen, schleissen, scheiden u. s. w. trägt und einen gemein- 
samen anlaut mit sq{hy aufweist. Das in dieser sippe ge- 
meinsame Clement dürfte als {s)q{h)ax'' 'schaben u. s. w.' sta- 
tuiert werden können.^) Dies dement erscheint z. b. in s. acchat, 
acchastt, chata-, pröt-kha-yatiy khätä-^), khä- * quelle*, khä- n. 



Mit Fick 111,235, Brugmann, MU. I, IS f. glaube ich, dm 
dies element mit der sog. wz. sfq(h)', in 1. secare, abg. sekq n. s. w. 
zusammenhängt. Idg. siixqQi)- und sq{h)ax- sind nur wechselfonnen 
aus einem und demselben element seq{h)e' entstanden. 

2) Dies vielleicht doch ans ^sq(hyn'ta' in betracht von abg. skiftayk 
skqtali * begraben' aus der wz. sqhax-n-. 



VERBINDUNGEN VON S(Z) + GÜTT. -f L, M, N, 331 

'höhle, öfltaung', weiterhin s. ch-yati, chä-ydti, öxaco (< *sqhaio) 
u. s. w. 

Dies element tritt sodann in einer grossen menge von 
verschiedenen ableitungen auf.^) Principiell sind solche ab- 
leitungen meiner meinung nach aus verschiedenen flexions- 
Stämmen hervorgegangen durch des ableitenden elementes Ver- 
dunkelung und inkorporierung mit der sog. wurzel. So dürf- 
ten wir eine erweiterung mit -s- in lit kasu 'graben', kas-aü 
* kratzen', abg. cesq, cesaii 'kratzen, scheren', 1. carere (vgl. 
Froehde, BB. VI, 175, Fick 1,49), d. h. aus W^Kw-^); 
mit -th in daxTjßiijg (s. Osthoff, Beitr. XIII, 459), an. skabe 
n. s. w. (vgl. Fick I, 235. III, 330); mit -d s. khadati V. + 
'kauet', khadä' V. + u. s. w., khidäti V. + 'reisst' aus *sq{h)9d' 
(dann in die i-reihe übergegangen), xrjd<x), xi]6o(iat und mit ^- 
öXatioo u. s. w., formen die in sehr naher beziehung zu entsprechen- 
den formen mit n-*infix' stehen; weiter n. d. hatra 'jucken, 
die haut reizen, stechen', hatr n. 'jucken, stechen' (Bugge, 



1) AnmerkuDgsweise will ich besonders die unten ausführlicher zu 
behandelnde n-ableitung mit den r-ableitnngen desselben grundelementes 
confrontieren. Die base sq{J\)ax-nax' sog. wz. sq{h)f'n' (s. unten) hat 
ihre entsprechung in der base sq{h)a'rax- sog. wz. ^^'C^)^-^- * schneiden, 
scheiden' in xeIqo), ahd. skiru, xQ-l-vcoy axwg, 1. scorium, screarCj ex- 
scremenium n. s. w. Und wenn 'wurzeln' allmählich aas sog. 'stammen' 
durch Verdunkelung des ableitungssnf fixes entstehen, so ist dies Ver- 
hältnis gleich den heterokliten stammen wie v6a)Q, ahd. wa2;2iar : s. ud-n-ds^ 
gr. vöaroq -^ *udnios, axwQ, axco^-ia, ags. skear-n (der bildung nach 
vgl. an. jm'n) : axaxoq -^ *sq{h)n-tös (vgl. Danielsso n, Grammatische 
und etymol. stud. p. 34 n. 2). Sind nun — wie ich BB. XIV, 151 ff. bes. 
163 ff. zu zeigen gesucht — flexionsstämme durch allmählige hyposta- 
sierung von ursprünglichen casusformen entstanden, so werden sich die 
genannten Verhältnisse mit den idg. verbalendungen mit -n-t- und -r- 
(8. bes. Zimmer, EZ. XXX, 230 ff., vgl. auch Darmsteter, M^m. d. 1. 
Soc. III, 9S ff., Wind i seh, Ueber die verbalf. mit dem charakt. r im 
arischen u. s. w. p. 55 ff. = Abb. d. phil. bist, classe d. königl. sächs. 
ges. d. wiss. X, 501 ff.) sehr nahe berühren. 

^) Möglicherweise kann man mit Solmsen, KZ. XXIX, 104 §€&>, 
sei es durch *q{h)se'Sö oder *q(Ji)se-iö (q(h)e'S' : qs-e-s- = seg : oße-a-a-) 
und ^(o -^ *q{h)s-U'iö aus dieser wurzelform herleiten (vgl. jedoch 
G. Meyer, Gr. gr.^ § 219, wonach diese Wörter möglicherweise aus 
*sq(h)e'Sö oder *sq(h)e'iö und *sq^h)'U-iö stammen, vgl. du- 'gehen' in 
kypr. övffxvoiTj, 1. duam : dö-, sihu- in arvo) : sthä- u. s. w.). — Als 
^-ableitung könnte ;^c(g* — SeQfjia Hes. (M. Schm. xcjag) betrachtet 
werden. 



332 JOHANSSON 

BB. III, 102 f.) u. s. w. s. unten.^) So kommen wir zu den mit 
n-ableitung erweiterten formen unsrer base. 

Wir haben dann von einer base sq{h)a x-na x- auszugehen, 
d. h. nach der gewöhnlichen 'wurzer-bezeichnung idg. sqhagnr. 
Mit Fick I, 235. 802; Curtius, Et.^ 157. 698 u. a. darf man 
hierherziehen s. khänati V. + 'gräbt', möglicherweise ^alvw^ 
vielleicht aber nicht xrelvm, xalvco (s. Schulze, KZ. XXVIII, 
280), noch s. ksanoti (s. Barth olomae, Ar. F. II, 56 f.) 2); mög- 
licherweise doch kret. xaracxiinu (Baunack, St. I, 4 f.). 

Für meine aufgäbe ist es genügend, die Verzweigungen 
unsrer base zu berücksichtigen, die schwache wurzelform zeigen, 
d. h. sq{h)nax'' Im s. sollte man ein vb. *ksnäti oder dgl. 
erwarten, vgl. ksnauti. In den germ. sprachen sollte man 
entsprechend eine Stammform sne- oder snö- erwarten. Die 
erste form scheint in isl. sndbr, etwa idg. *sq{h)ne-tO', gr. 
xvfjTog vorzukommen; aber nur bei Bj. Haldorsen bezeugt ist 
es kaum von belang.^) Ebenso unsicher ist an. sndb n. 'mad, 
spise', snceba 'spise, holde mältid', sntBt^i n., sncebing f., snd- 
bingr m. ^mältid, mad, spise'; können wenigstens lehnwörter 
aus ags. snceban, snekb sein, falls nämlich diese Wörter grund- 
formen wie *snaipjan und ^snaipi- voraussetzen. Dagegen 
scheint ein germ. snö- vorzukommen. Es findet sich nämlich 



^) Zur WZ. {s)q{h)d^-d' ziehe ich ausser den schon genannten Wör- 
tern folgende nicht etymologisch gedeutete Wörter: n. d. skata in der 
bed. *st0de til med spidsen, stange', wie auch an. skate (vgl. xevzm 
: xovTog, d. slange : stingä), und schw. d. (Gotl.) skatrug 'dünn (von 
bäumen und haar)\ d.h. eig. ^abgeschabt* (zur bed. vgl. jedoch oxeödv- 
vv/jLij engl, scatter). — S. khäd- kann zur not durch annähme von sog. 
langer nas. son. aus sq{h)axnd' (zweisilb. wz. sqhaxnaxd-) erklärt werden. 

2) Ich habe De deriv.^vb. contr. 129 n. 1, vgl. Fick III, 331, ahd. 
scinian als eine part. bildung aus der base 5^(A)äVnd"x- erklärt, lieber 
des das. hierhergezogene schw. d. sno 'schinden' s. unten. — Ver- 
mutungsweise kann angedeutet werden, dass xoriq, 1. cmis^ wie auch 
Xvooq 'meeresschaum, flaum, staub* hierhergehören (s. unten). Zur be- 
deutungsentwickelung soll hervorgehoben werden, dass die bed. von 
etwas kleines, feines wie staub, sand, schäum in stetiger Wechsel- 
beziehung mit bedeutungen wie schaben, reissen u. s. w. stehen: x'^^^ 
: x^ooe, lit. smiltis *sand* : wz. smelk- in s. mrgäti, tpafiad-og : yfdat, 
sand, afiad^oq : a^ao) u. s. w. — Zu an. skinn, ahd. scintan, nhd. schund 
von sq(h)en'y vgl. 1. scortum *feir von *sqih)er' (s. oben). 

^) ^S}' jedoch das bei Jonsson als isl. aufgenommene snätfr^BOti 
luen er gaaet af, slidt*. 



VERBINDUNGEN VON S (Z) + GUTT. + Z, M, N. 333 

in den nord. diaL ein vb. sno ^schinden', d. h. eigentlich 'scha- 
ben'. In nordschwedischen und finnländ. dial. lautet es sno, 
in estn. snio, miü, im värml. (Fryksdalen) snu, n. d. (Gud- 
brandsdalen, Orkedalen) snu in derselben bedeutung. Dies 
vb. könnte natürlich identisch mit snüa^ g. snirvan ^(sich) wen- 
den' sein, und es wäre nicht unmöglich die bedeutung ^schin- 
den' aus ^wenden' herzuleiten. Aber bedenkt man, was unten 
zur spräche kommen wird, dass es höchst wahrscheinlich einen 
germ. stamm sneu- aus ^sq{h)neu' gegeben hat mit der be- 
deutung 'schaben', so scheint es nicht unwahrscheinlich, dass 
mit nord. snüa, *^<5a aus idg. sneu- 'wenden' ein snüa, *sn6a 
aus idg. sq{h)neu- 'schaben, schinden' zusammengefallen sei 
(vgl. besonders snaubr, xvvoo u. s. w. unten). Sollte dies snöa, 
snüa einem germ. stamm snöw- voraussetzen — es hängt mit 
der viel umstrittenen frage über urgerm. öw in den germ. 
sprachen und die erklärung von aisl. büa : aschw. boa u. s. w. 
zusammen — so sollte es .eigentlich unten behandelt werden. 
Jedenfalls ist dies snöw-^ aus idg. sq{h)näxU'y in snö-w- zu 
zerlegen {snö- : snö-w = xvco-, xvtj' : xv-v-) und bezeugt in- 
direct das oben construierte germ. snö-. Es scheint nämlich 
parallele idg. stamme mit und ohne -ii (d. h. nach der 'zwei- 
ten' und ^achten' conjugationsclasse flectierten vb.) gegeben 
zu haben. Ob die bedeutung 'eilen' z. b. in an. snüask, schw. s7io 
u. s. w. aus idg. sneu- 'drehen' oder sq{h)neu' 'schaben' herzu- 
leiten ist, ist nicht zu ermitteln. Dass dieses der fall sein 
könnte, wird aus unten zur spräche kommenden parallelen er- 
sichtlich werden. Anderseits begegnen nun formen ohne s idg. 
qne-, qnä-, qnö- in gr. xvrjv < *xvf]i8{fe)v und xvalco (meiner 
meinung nach aus ' ^xpa-l'/ii) ^) und mhd. nüejen, ahd. nuoen 
(aus *hnöjan\ ahd. hnuo, nuoa 'nute', nuoil, mhd. nuowel, 
nüejel (idg. qnä- oder qnö-\ worin die grundbedeutung 'scha- 
ben' hervortritt.2) 



*) Ein idg. *quaiiö dürfte für ags. hndegan u. s. w., aisl. hneggja 
'wiehern' zu grund liegen. Die räumliche bedeutung * schaben', könnte 
ebensowol auf den das schaben begleitenden laut übertragen werden 
(vgl. die bedeutungen von lat. crepere u. andres); über die formen mit 
g- s. Bugge, Beitr. XllI, 311 f. 

2) Im allgemeinen vgl. J. Schmidt, KZ. XXVI, 1 ff. und besonflers 
über nuoen u. s. w. p. 10. 



334 JOHANSSON 

Wir berührten oben die erweiterte wnrzelform sq{h)3^g'S'. 
Bekam dies ein n-iniix nach der art der s. 'siebenten' klasse, 
so entstand — um die sache ganz schematiseh zu fassen — 
sq{hyn'a x'S' (vgl. Fick I, 49). Diese infixerscheinung kann 
aber auch theoretisch und vielleicht principiell richtiger so aufzu- 
fassen sein. Man hatte die beiden durch 'agglutination' ent- 
standenen parallelbasen sq{h)ax- und sq(h)nax'' Beide konn- 
ten mit ^-Suffix erweitert werden: sq{h)ax'S- und sq{h)na g-s-^ 
wobei natürlicherweise diese für das Sprachgefühl leicht als 
eine morphologische modification jener aufgefasst werden konnte, 
ein Verhältnis, das dann für neubildungen normierend werden 
konnte. Wenigstens dürfte ein grosser teil der 'infix'-erschei- 
nungen so am besten aufzufassen sein (vgl. verf. De deriv. 
vb. contr. 109 f. n.). 

Diese so gewonnene wurzelform sq{h)naxS' erscheint nun 
mit beibehaltenem s- in n. d. snasa 'snöfte, pruste', wobei 
wider die Wechselbeziehung zwischen 'schaben' und dem dabei 
entstandenen schabenden laut hervortritt. Hierzu passt vor« 
treflflich anderseits ohne s- an. fnasa 'fnyse, gnistre*, fnasan 
'fnysen, gnistren' (über das gleichfalls verwante gleichbedeu- 
tende aber anders erweiterte an. fnpa vgl. unten), mhd. phnäsen, 
pfnäsen 'schnauben' (Schade 209). Endlich kann hier auch 
n. d. nasa 'lugte til noget' u. s. w., das aus *hnasa sein kann, 
genannt werden; es kann doch ein denom. von nasa 'nase' 
sein. Weiter sind zn nennen s. ki-knasa- 'schrot', lit knim, 
knisti 'graben', knasaü, knasijti, xvecoQog ^nessel' (s. Fick 1,49. 
537 f.); gleichfalls schw. fnas (< *pnas' < *q(h)nas'y s. Bugge, 
Sv. L. IV, 2, 50), wozu fnasa 'abschälen', fnassel 'ausschlag, 
schabe' (vgl. 1. Scabies : scabo); form mit k- schw. d. (fina- 
estn.) knas 'staub, kleinigkeit' u.' s. w., n. d. knasa 'knuse, 
knitre, rasle'. Zu schw. fnas führte Bugge a. a. o. schw. d. 
(Dalarne) fnarl 'schuppe', fnarla 'trag arbeiten' (eig. 'in klei- 
nen abteilungen arbeiten'), was auf *fnazldn zurückgeführt 
wurde. Aber nach Noreens ib. p. 232 auf Kluges Beitr. 
Vin, 524 regel zl > // urn. oder urgerm. gestützte einwendung 

^) leb bin natürlich weit davon entfernt die möglichkeit von einer 
rein mechanisch entstandenen infiction zu leugnen. Nur ist es fast un- 
möglich die verschiedenen Ursachen in jedem fall zu controllieren (vgl 
Brngmann Grundr. I p. 190). 



VERBINDUNGEN VON S (Z) + GUT T. + L, M, N, 335 

muss diese grundform aufgegeben werden. Aber nichts hindert; 
eine parallelform *fnazilön anzunehmen, woraus fnarla] *fnaz- 
lan aber gab fnalla^ was auch wirklich vorkommt in der bed. 
'sanft jucken, schaben, reiben' u. s. w., hierzu fnall 'kleiner 
bissen, staub' (s. Eietz 156); schw. d. nalla 'stehlen' (eig. 
'reiben', vgl. schw. rifva at sig) kann aus ^hnazlön sein. Alle 
diese deminutive bedeutungen von 'schaben' finden besonders 
ihre erklärung in dem /-suffix. 

Wir haben auch erweiterungen mit {q- oder) k- (vielleicht 
urspr. inchoat. sk-) suffix in den folgenden Wörtern. Im schw. 
kommt ein vb. snaska mit folgenden bed.: 'wie ein schwein 
fressen; schmatzen, gierig verschlingen; stehlen' (vgl. snatta 
unten), auch dän. snaske (vgl. Eietz 639, wo andres material). 
Zunächst ist die bedeutung 'stehlen' bei Wörtern der hier be- 
handelten Wurzelsippe sehr gewöhnlich. Dies ist auch der fall 
bei der bed. von 'essen'. Die daran in diesem vb. geknüpften 
nebenbedeutungen können leicht als neuerungen verstanden 
werden. Gegen die annähme, dass snaska altererbt sein sollte 
und aus *sq{h)nas-skö zu deuten, spricht kaum der umstand, 
dass es nicht in älteren Urkunden bezeugt ist. Es kann eine 
altererbte dialektform sein, die allmählig reichssprachlich ge- 
worden ist. Dies wird nun meiner meinung nach durch Wörter 
ohne s bezeugt, die verwante oder identische bedeutungen mit- 
erweisen: n. d. naska 'essen, kauen, schmatzen', auch 'schnap- 
pen, stehlen', schw. d. naska (Hailand: 'kramen, sich mit 
etwas beschäftigen', ausserdem) von kleinen ferkeln, wenn 
sie gras fressen, verwendet. Alle diese bedeutungen passen 
gut zu denen von snaska. Hierzu kommt nun auch d. naschen, 
ahd. nascon 'leckerbissen geniessen, naschen', eine bedeutung, 
die auch im gemeinschw. snaska vorkommt; mit recht führt es 
Kluge, Wb. 236 auf eine grundform Hnaskon zurück, und 
stellt es wie auch Fick I, 538 zu got. hnasqtis, ags. hnesce 
'weich, zart'*). Zur bedeutungsentw. 'schaben, reiben': 'weich, 
zart' vgl. z. b. 1. molliSj s. mräü- : aiiaXdivoo, fiaXaxog : s. mrfäü 
'streichen, berühren', l.muIceo, an. mjükr : litsmukti 'gleiten', 

*) Vielleicht ist ein iirspr. *hnasqa- (d. h. *hnaskva-) anzusetzen, 
woraus M-st. secandär entstanden ist. Der st. hnaskva- wideram könnte 
eine * participiar-bildung auf -uo von dem verallgemeinerten inchoativ- 
stamm *quas-skO' sein. 



336 JOHANSSON 

air. tnldith, bldith (< st. *mläti-) 'weich, sanft' (urspr. 'zermalmt, 
geschabt') : air. melim, 1. molo (vgl. Thurneysen, Keltorom. 46). 
Der form nach stimmt mit g. hnasqtis, n. d. nask 'grädig, 
hidsig; rask, behandig', isl. naskr ilberein. Die resp. bedeu- 
tangen können ganz wol aus derselben grundbedeutung des 
verbalstammes hergeleitet werden. Schw. fnaska hat etwa 
dieselben bedeutungen (dial. dazu andre wie 'unvermerkt um- 
herschmiegen, leise und unstät gehen' u. s. w. Rietz 157^)) 
und kann eine parallelform mit qn- > fn- sein. 

Wie schw. d. (Värmlands Alfdal) snask f. (aus sq{Ji)n^ 
'staub', etwas kleines überhaupt bedeutet, so ist dies auch der 
fall in schw. fnask (< q{Ji)n')y eine form mit k in Estland 
kiiosk mit derselben bedeutung. 

Es kann bemerkt werden, dass die germ. grundformen 
snask" und hnask- ebensowol aus *{s)q{h)nä'SkO' wie aus 
*{s)q(h)nä'S'Sko hergeleitet werden können. Hierzu kommt 
noch eine dritte möglichkeit, nämlich aus *{s)q{h)na-d-sko-. 
Eine entscheidung hier zu treffen ist unmöglich.^) 

Wie — schematisch ausgedrückt — idg. sq(h)nax'' (vgl. s. 
ksnauli) in xvrjv (ein urspr. vb. ^xvtjjil zu ^xvrjlco umgebildet) 
als eine n-infigierte form von sq{h)ax' gelten kann (vgl. de 
Saussure, Syst. 239 flF.) oder sq(h)nax'S- von sq{K)ax'S', so 
können wir eine wurzelform sq{h)nax'd oder sq{K)axn-d' als 
w-infigierte form von sq(h)ax'd- betrachten. Hinsichtlich dieser 
infigierung gelten völlig dieselben bemerkungen wie bei sq{h)nax'S- 
oben; jedenfalls verhält sich sq{h)nax'd- zu sq{h)äx'd wie 
sq{h)nax' zu sq{h)ax', d. h. sq{h)nax'd' ist lediglich als eine 
um d erweiterte form sq(h)nax'. 

Wie für sq{h)na- ein sq{h)ax'nax' vorauszusetzen ist (vgl 
8. khänati, zd. kanyad v. Fierlinger, KZ. XXVII, 335), so ist 
für sq{h)na-d' ein sq{h)ax'nax'd' vorauszusetzen. Aus dieser 
form entstanden je nach der Stellung des hauptaccentes 



^) In FryksdaleD (Värmland) ftiäsk ^ sich mit unnützlichen arbeiten 
beschäftigen, leise, unstät und schmiegend gehen'. Hierzu formen mit 
k-, n. d, knaska ^knaske, tygge med en hörlig 1yd' auch in schw. d. 
(Finnl.) knask, s. Rietz 334. 

•^) G. hnasqus könnte natürlich aus *qna-d-qO' oder *qna'd'kuO' 
sein (vgl. Brugmann, Grundr. I, p. 310. 378. 385). 



VERBINDUNGEN VON S (Z) -f GÜTT. + L, M, N. 337 

sq(h)agnd' und sq{h)nax'd'A) Die erste Variation — wie die 
Wurzel allgemein angesetzt worden ist (vgl. J. Schmidt, Voc. 
I, 34) — erscheint in zd. ckenda 'schlag, bruch, Schändung', 
1. scandula 'schindel', abg. skqda^ lit. kdnduy kqsti 'beissen', 
abg. kqsa (< *kandsa) * bissen', kcfsati 'beissen' (andres s. bei 
Fick I, 237. 805, Bugge, BB. III, 102., Curtius, Et.5 246 f.).2) 
Indessen brauche ich nicht länger bei dieser wurzelform zu 
weilen, sondern gehe zu sq{h)nad' über. 

Es wird die aufgäbe sein, formen mit und ohne s aufzu- 
weisen, die nach meiner regel im germ. als snat- : hnat-, fnai- 
auftreten müssen. Im air. bezeugt sich [die regel in snass 
'schnitt, hieb', das aus *sq{h)nadtO' zu deuten ist. So stelle 
ich folgende Wörter zusammen, einerseits schw. sncUta, auch 
im aschw. (Eydqvist VI, 419), dial. z. b. in Fryksdalen (Värm- 
land) snät (Sv. L. II, 2, 67), in der bed. 'stehlen' oder eig. 
'kleinigkeiten entwenden', eine bed., die sich leicht aus 'nagen, 
reiben' erklärt; dazu an. snaitari, snottungr 'räuber*. Ander- 
seits n. d. natta 'hakke' — wozu vielleicht Äna^^a' hugge 
tidt og smätt, hakke, pikke' — ans eiuer form mit hn-» Hierzu 
stellt sich auch ungesucht schw. d. fnatta 'reiben, schaben, 
leise nagen oder essen; wie kleine kinder gehen'; wozu fnatt 
'schäbigkeit, jucken; eine kleinigkeit überhaupt, staub' (siehe 
übrigens Eietz 156), im dän./ha//e (yh)^fnat. Die urgerm. grund- 
formen mögen etwa *snadnön' und ^hnadnön- gewesen sein. 
Verwant sind übrigens xvaöaXXo) 'schabe, beisse', xva)6aXov 
'bissiges tier', xz^cödcoi; 'zahn' (vgL das gleichbed. &. khädana-). 
Es wäre nicht unmöglich, dass sogar dieselbe /-ableitung wie 
in xvaöaXXco in den übrigens hierhergehörigen n. d. natla 
'banke sagte' vorkommt; weiterhin xvciöa^ 'zapfen' (vgl. xiva- 
dsvg 'bissiges tier'), wahrscheinlich auch ahd. {h)nazza 'nessel' 
(Fick III, 81). 

Bedenkt man die nahe beziehung zwischen den räum- 
lichen und lautlichen erscheinungen von 'reiben, schaben' (vgl. 



^) Wie auch diese formvariation erklärt werden kann, so stellt doch 
wol niemand in abrede, dass die Wörter, die von den beiden verschiede- 
nen formen der wnrzei ausgehen, in der nächsten beziehung zu einander 
stehen. 

2) 8. skhadaid * zerspalten' (nur in wz.-lexicis), gr. ax^d^fo können 
für sq(h)nd' sein, s. oben. 



338 JOHANSSON 

(z. b. an. skrapa : hrapa, 1. crepere in Terschiedenen bed.)» so 
scheint es nicht unmöglich zur wz. sq{h)nad' folgende Wörter 
zu ziehen: schw. snaiiraj nhd. schnattern, mhd. snatem, ndl. snater 
' Schnabel'; materen 'schwatzen, prahlen'. 

Auf gleicher linie mit *sq{h)ax'nax'd'' im yerhältnis zu 
*sq(h)ax'd' steht ein idg. sq{h)ax-na'dh- zu sq{h)ax-dh'. Zu 
diesem könnte aöxrj^ijg (vgl. oben) gehören; jenes erscheint 
als *sq{h)fna x'dh' in gr. xvrfi^a), wozu xvfjöd-ig 'schabmesser' 
u. s. w. und germ. hndöan, in ahd. genuotdn 'conquassare', wozu 
d. nute, mhd. nuot, nuotesen u. s. w. — Die übrigen erweiterungen 
der WZ. sq{h)nax' s. unten. 

S. ksnauti 'schabt' ist ein athematisch flectierter t^-stamm, 
nicht wesentlich — nur durch verschiedenen ablaut des sufGxes 

— von der 'fünften' und 'achten' klasse verschieden. Sche- 
matisch ausgedrückt ist idg. sq{h)nax''U' eine n-infigierte form 
von einer mit e«-suffix erweiterten wurzel sq{h)a:rU' etwa wie 
s. cmo'ti : ^kle-u in xkafog < *kle-uo-s u. s. w. — oder von 
andrem gesichtspunkte aus ein mit t^-suffix ('achte' klasse) er- 
weitertes sq{h)nax'. Niemand bezweifelt wol, dass gr. xvvco 
mit ksnauti am nächsten verwant ist, nur mit Übergang in 
thematische flexion und Zugrundelegung der schwachen form 
eines ursprünglichen *xvevfiL — xvv^iv (vgl. Fick I, 308. 538. 
III; 86).^) Für meine aufgäbe genügt es nun, eine idg. wz. 
sq{h)naxy:'' {ßqQi)neu') zu statuieren. Die formen ohne s- findet 
man z. t. bei Fick a.a.O. Indessen werde ich hier etwas 
ausführlicher sein in anführung sowol der mit s- versehenen als 
der ^-losen formen. 

Eine idg. form sq{h)neu{ey soll nach meiner regel germ. 
sneu{ey geben. Vergleichen wir — hier nur einleitungsweise 

— die bedeutungen von an. snoggr, sneggr 'Mottet for haar 
eller uld' und an. hnoggr, hneggr 'sparsom, knap, karrig' mit 
den bedeutungen von an. snau^r eig. 'geschabt', dann 'arm' 

— die grundbedeutung ursprünglicher in n. d. svmud 'bar, blottel^ 

Auch 'jKyavo) gehört mit xvvoi zusammen (vgl. G. Meyer, 6r. 
%x? § 256). Hinsichtlich des anlautes verhält sich xvav(o zu xvim^ xvew 
wie 8. khdnati zu zd. kanyäd (s. v. Fierlinger, KZ. XX VII, 335). — 
Die gleichsetzung Bartholo'mae's (Ar. F. 111,20) von zd. ;(iiiii mit 
s. hnu * sich gefallen lassen ' hat er selbst (KZ. XXIX, 290 n.) widemfiBi* 



VERBINDUNGEN VON 5 (Z) + GÜTT. + Z, M, N. 339 

n0gen; smaahaaret, meget korthaaret; glat' u. s. w. — und 
d. schnöde == schw. snöd, identisch mit an. snaubr, so ergibt 
sich unmittelbar, wie nahe hinsichtlich der bedeutung snnggr 
und hneggr sich vereinigen lassen. Ich behaupte nun auch, 
dass diese Wörter nahezu identisch sind. 

Ein urspr. st. *sq{}i)neuo- u. s. w. wäre als ein sog. part. 
-w^) das etwa 'geschabt, geschoren, geschlichtet' u. dgl. be- 
deutet hat. Möglich ist, dass wir unmittelbare adj.-bildung mit 
2^0-suffix von dem verbalstamme sq{h)nax'- annehmen können, 
so dass diese bildung — als nom.-st. — mit dem verbalst, auf 
-w in ksnauti, xvvco etwa identisch sei; möglich ist aber auch, 
dass wir eine wö-bildung vom t^-stamme etwa *sq{h)neU'UO' 
u. s. w. anzunehmen berechtigt sind. Die entscheidung hängt 
mit den regeln für eintritt und ausbleiben der sogenannten 
schärfung zusammen (worüber z. b. Kögel, Beitr. IX, 523 flf.; 
Bechtel, Gott, nachr. 1885, 235 flF»; Brate, BB. XIII, 33 und 
das. cit. lit), worauf ich hier nicht eingehen kann. Tatsache 
ist, dass wir ein g. snaggrviis, an. sngggr, sneiggr'^) haben, das 
die bed. von 'kahr u. s. w. (eig. 'geschabt'); von der bed. 
'schnell' wird bald die rede sein. Als völlig entsprechende 
^-lose form ist ags. hneaw 'geizig', möglicherweise auch mhd. 
nouwe 'genau', und falls richtig an. hnoggr^ anzusehen (etwa 
ein g. ^hnaggwuSy s. Sievers, Ags. gr. § 63); hinsichtlich der 
bed.-entwicklung vgl. an. snau&r : d. schnöde und schw. gnida 
: gnidare, gnidsk u. s. w. Hier war sonach sogar dasselbe ab- 
laut in der Wurzelsilbe. Aber wie sich an. rautSr zu rjötSr 
verhält, so verhält sich auch ags. hneaw zu an. hneggr = schw. 
njugg\ hneggr konnte an sich etwa = ags. hneaw sein, d. h. 
aus ^hnaggvia-, wie Noreen, Sv. L. I, 692, vgl. Kögel, Beitr. 
IX, 524; aber wird es mit schw. njugg gleichgestellt, muss 



^) Ueber solche part.-bild. s. z. b. Danielsson, Z. altit wortf. n. 
formenl. p. 28, verf. De deriv, vb. contr. pr. 100 und das. erwähnte lit.; 
so z. b. ist g^rr, ggrr ein solches part. (s. Noreen, Sv. L. 1,692; 
Ark. f. nord. fil. ID, 28; Sievers, GGA. 1883, 55 f.; Brate, BB. 
Xin, 44 ff.). 

2) Sngggr aus ^snaggva-, sngggr aus snaggvia- aus der movierten 
fem. form auf nrspr. -l entstanden (s. Noreen, Aisl. gr. p. 30; Sv. L. 
I, 692). 



340 JOHANSSON 

es aus einem st ^hneggva- erklärt werden, Noreen, Ark. 1, 165, 
Aisl. gr. p. 31. 

Ich werde nun die hauptsächlichsten nordischen foimen 
von diesen beiden wortgruppen erwähnen; dabei sind besonders 
die verschiedenen ablautsformen hervorzuheben. 

Zunächst die Wörter mit anl. s-. Aus ^sneggva- entstand 
sicher n. d. snegg 'rasch' aus einer ungebrochenen unumgelauteten 
causform hervorgegangen; möglicherweise auch snsgg = an. 
sneggr^ die vielleicht besser auf ^snaggvia- bezogen werden. 
Aus ^sniggvia- snyggy vielleicht in der bed. ' scharf* in Vergelands 
Sognefjord: skyder den (SogneQord) ad sine snygge \ tanduds- 
kaame belgers rygge] d. h. derselbe ablaut wie in an. hnsggr, 
schw. njugg. Der st. *snaggva- sollte norw. *snagg (= an. 
snoggr) sein, was sich nicht findet; ^snaggvia- wahrscheinlich in 
n. d. snegg (= an. snsggr) 'kort, snart afgjort; hastig, plud- 
selig, rask hurtig'. Die bed. 'rasch, schnell' leitet sich leicht 
aus einer bed. 'scharf* u. s. w. her. Diese bedeutung aber, 
die in hierher gehörenden Wörtern bes. verben vorkommt, nähert 
sich sehr der bed. von hneggva {hnyggja) 'stossen'. Auch wer- 
den wir sehen, dass in den Wörtern mit sn- auch die bedeutung 
'stossen' heimisch ist; wie umgekehrt in den Wörtern mit urspr. 
hn- bedeutungen, die sich mit denen der gruppe sn- meist ge- 
hörigen bedeutungen decken. 

Etwa dieselben formen begegnen auch im schwed. Der 
st. ^sneggva- möchte *snägg ohne brechung und *snjugg mit 
derselben geben. Von diesen kommt die erste form wirklich 
vor in adj. snägger (in Oestergötland und Hailand) 'kurz, kurz 
angebunden'. St. ^sniggvia- : schw. (reichsspr.) snygg, dass frei- 
lich nicht dasselbe bedeutet wie an. sneggr u. s. w., sondern 
'sauber, rein'. Diese bed. hat sich wahrscheinlich aus der bei 
'geschoren, mit geschnittenem haare' u. dgl. entwickelt In 
den dial. hat snygg einer ursprünglicheren bed. 'kurz, klein' 
(in Svealand), adv. snygg t 'knapp, kaum' (Nerike). Aus 
*snaggva- stammt schw. d. snagg in snagg-härig 'kurzhaarig' 
(Upland), snagg er 'streng, schwer, scharf (z. b. vom winter)' 
und andres bei ßietz 649, wie auch aus Dalarne snägg (snogg 
= an. snoggr) mit ebenderselben bed. wie snygg- in der 
reichssprache: 'sauber, behaglich, wacker' (s. Noreen, Sv. L 
I, 692. IV, 2, 172; Ark. I, 168 n. 1). Aus *snaggv%a- erklärt 



VERBINDUNGEN VON S (Z) + GÜTT. + Z, M, N. 341 

sich schw. d. (Vesterbotten) snögg 'knapp, geizig' (= an. snsggrjj 
mit derselben bed. wie an. hneggr. 

Dieselbe mannichfaltigkeit von formen erscheint auch in 
der ^-losen gruppe. St ^hneggva- : wahrscheinlich n. d. n^egg 
sowol 'geizig, filzig' als 'furchtsam, versagt' — es kann sowol 
aus *hneggva- als aus ^hnaggvia- erklärt werden, wie es auch 
bei an. hneiggr der fall sein kann — weiter adv. neigt 'kaum' 
ganz wie schw. d. snyggt oben. Hierzu stimmt mit brechung 
schw. njugg^ i|.llein ohne brechung schw. d. (Färö, zur gutni- 
schen dial.-gruppe) neggur (Noreen, Sv. L. I, 331, Ark. 1, 167), 
älter, neuschw. wä^^ 'schwach', nc^^Ä^^ 'schwäche', auch schw. 
d, nägg 'knapp, kurz' (üpland) — vgl. sneggr — weiter 
'schwach, übel, feig' (Finland), s. Kietz p. 460. "^i.^hnxggvia- 
sollte ein schw. ^nygg geben; dies findet sich freilich nicht, 
man hat jedoch folgendes hierhergehöriges wort zu vergleichen: 
nygg n. 'hineingehender winkel, scharfe kante' eig. 'was scharf 
oder spitzig ist'; eine nicht t;-umgelautete form vielleicht in schw. 
d. (Finland) nigla 'geizig sein, mit äusserster Sparsamkeit und 
kleinlichkeit etwas verwenden'. St. *hnaggva : (ausser in ags. 
hniaw, an, hnoggr) schw. d. nagg (Skäne) mit einer bedeutung 
'sehr scharf, spitz', die näher an an. hrufggva anklingt und ur- 
sprünglicher zu sein scheint; es bedeutet auch 'geizig, klein- 
lich '. Endlich könnten wir eine ablautsform ^hnuggva- (< *Äwwt;a-) 
constatieren in schw. d. nugger 'geizig, filzig' (vgl. snugga : nugga 
unten), falls es nicht nach den erörterungen von Kock (Fornsv. 
Ijudl. II, 476 ff., Ark. f. n. fil. V, 95 f. vgl. auch Nord, tidskr. 
f. fil. VIII, 287 ff.) mit an. hnoggr identisch ist. 

Die bedeutungen der oben angeführten Wörter lassen sich 
auf zwei bestimmte bedeutungskategorieen, die beiden gruppen 
angehören, zurückfuhren. Die bed. 'geschoren, geschnitten, 
kahl; kurzhaarig, kurz, knapp, arm, schwach' u. s. w. lassen 
sich am besten auf eine pass. bedeutung etwa 'geschabt, 
gekratzt, gescharrt' der part. *sq{h)neuo', *sq{h)nauO', *q{h)neuO', 
*q{h)nauo- zurückführen. Aus einer eben demselben part. an- 
haftenden parallelen activ. bedeutung dagegen etwa 'scha- 
bend, schrapend, kratzend, schneidend' lassen sich die bed. 
'scharf; spitz, heftig, rasch, schnell' und mit einer andern 
nuance der ursprünglichen bed. 'geizig, filzig, knauserig' u. s. w. 

Beiträge zur gesohichte der deutschen spräche. XIV. 23 



342 JOHANSSON 

herleiten (vgl. schw. gnidarey gnidande 'geizhals, geizig' von 
gnida 'schaben' u. dgl.). 

Ehe ich die mit den soeben behandelten Wörtern zusam- 
menhängenden verba behandle, muss ich ein lat. wort er- 
wähnen; das meiner meinung nach unzweideutig mit an. srufggr 
und gerade in der bed. 'geschoren' zusammenhängt. Das 
1. novactUa bedeutet 'scharfes messer, schermesser, rasiermesser, 
dolch' alles bedeutungen, die gar nichts mit novus 'neu' zu 
tun zu haben scheinen. L. novacula ist deutlich ein nomen 
instrumentale auf -tlä (vgl. lit. -kla) und setzt ein verbum 
novare voraus. Wäre dies aus novics 'neu' so mOsste novacula 
etwa 'emeuerungsmittel' (vgl. z. b. Ost hoff, Forsch. 91) be- 
deuten; aber wie diese bedeutung mit der bed. 'seharfes 
messer' u. s. w. zusammenhängen soll, ist nicht leicht ersichtlich. 
Aber wenn wir ein novare in der bed. etwa 'geschoren, geschnit- 
ten machen' haben, gewinnt man eine passende bedeutungs- 
entwickelung für novacula, nämlich mittel zur hervorbringnng 
dieses resultats u. s. w. Und novare wäre eine ableitung ans 
einem adj.-part. ^novos, das 'geschabt, geschnitten' hat bedeuten 
müssen. Deutet man dies aus *w^ö- < *sneuo- < *sq{h)neuO', 
so gewinnen wir eine grundform, die völlig mit der von an. 
sneggr stimmt; *novus und sneggr (vgl. auch gr. xvo{f)oq 'flaum') 
sind etymologisch dasselbe wort.i) 

Man hat ganz natürlich an. snoggr, snJöggr mit g. snvmon 
'eilen', ags. sneörvan, sndrvan 'gehen, kommen, eilen', Ka.swia 
'wenden, kehren, drehen' verglichen. Besonders passt die be- 
deutung 'schnell, rasch' zur bed. des got. und ags. verbums. 
Ich werde auch meinerseits nicht den Zusammenhang läagnen; 
aber bei der unsicheren etymologisierung des vbs. sniman 
u. s. w. werden die Verhältnisse sehr verwickelt. Oehört gr. 
vi(D (ipf. BvvBov) 'schwimmen' zu vam, vavo) 'fliessen' und 
s. snäuti 'fliesst, tröpfelt' (s. z. b. Curtius, Et.^ 319), dann 
scheint es mir wenig wahrscheinlich snirvan u. s. w., am wenig- 

^) Diese hier entwickelte etymologie ist in bezng auf zasammen- 
stellung mit s. k^nauti angedeutet von Pott, Et. F.* I, 209 f., vgl. 
J. Sbhmidt, KZ. XXVI, 10. — Wenigstens denkbar wäre eine etymo- 
logie, die das wort in Verbindung mit novus und st. a'c- (in acuo) u. 8. w. 
brächte. Man hätte dann ein adj. etwa ^noväcu-lus 'mit neuer spitie 
versehen' (vgl. veijxtjq) und novacu-la mit einem darunter yerstandenem 
Buhst, fem. 



VERBINDUNGEN VON Ä (2) 4- ÖÜTT. + Z, M, N. 343 

fiten in der bed. 'winden, drehen' (an. snüa, . sischw. snoa), zu 
vic9 ^fliessen, schwimmen' zu ziehen (wie z. b. Fick 111,351; 
Sehade 839 f.). Dagegen passt gerade diese letzte bedeutung 
zu einer wurzel {s)ne'{'u) 'winden, drehen, spinnen', die in 
vsa> (ipf. e-pvi] E. M. 344, 1, Bv-vvijtoq 2 596, ^ 97 u. s. w.), 
vrid-co * spinne', vrjfm, v^öigy vfjtQOP, 1. neo (pf. nev-ij vgl. g. 
snew'um), nemen, netus, ahd. näj'an, g.nepla, air. ^^^^^ 'filum', 
sndthat 'nader, s. snayus- 'band, bogensehne'; hierzu mit deut- 
licher n-ableitung abg. snuti (pr. snnfq und snovq) 'anzetteln' 
(vom gewebe)^) erseheint. Und es kann wol kaum einem 
zweifei unterliegen, dass die germ. yerben mit der bed. 'drehen' 
mit den genannten wertem im nächsten Zusammenhang stehen; 
und die bed. 'eilen' kann ganz natürlich daraus entwickelt 
sein, vgl. an. snarr 'schnell, rasch' in Verhältnis zu den in der 
note erwähnten wertem mit -r-, wozu z. b. n. d. snara 'vride, 
snoe, winde eller dreie omkring'. Somit kann auch snsggr in 
der bed. 'rasch, schnell' zur selben sippe gestellt werden; aber 
auch nur in dieser bedeutung. Denn in der bed. 'kahl, ge- 
schoren, geschnitten' kann es nicht dasselbe wort sein. Dies 
wird durch den nahen formellen und semasiologischen Zu- 
sammenhang mit snaut5r, snoöinn (vgl. unten) und allen den 



Die 8. WZ. sä' 'binden' — nnd säi- als wz. ans der t-conjugatfon 
gelöst, vgl. Schulze, KZ. XXVII, 426 — idg. Sßx- verhält sich zur 
weitergebildeten (infigierten) sax-nax-j snax- wie sq{Kyix- zu sq{h)ax'nax-j 
sq{h)nax' oben. Die wnrzelformen saxnax-, snax- erscheinen nun ausser 
in den schon genannten Wörtern in an. snötf (vgl. ir. snäthe), g. snd-r-jöf 
an. snM, wozn ablautend an. sna-ra * schlinge, strick', möglicherweise 
1. ne-r-vus, das eine sog. participialbildnng ist auf -uo wie gerr, gprr, osk. 
facus, etwa 'gedreht*, dann 'filum'; direct ist nervus nicht mit vevgov 
zusammenzustellen, wie Bezzenberger mit recht hervorgehoben hat 
BB. IV, 343 (vgl. auch Fick, BB. V, 173). Doch scheinen sie wurzel- 
verwant, denn vsvqov gehört wahrscheinlich zu folgenden Wörtern: 
8. snävü', snävan-, zd. gna, gnävare, ^ävya, s. abl. snuias 'von der 
sehne*, ags. sinu, ahd. sinawa — die mehrfach gemachte, von Thurn- 
eysen, KZ, XXX, 352 ansprechend erklärte herbeizieh ung von Iveg 
bleibt wegen dig. bei Hom. unsicher, vgl. Knös, Dig. 127 f. — Die hier 
zn vermutende wurzelform sue'-u- verhält sich zu ^««'x- wie sqihyfid-u- 
: sqiJC^ncTx' ob^n (vgl. übrigens Gurtius, £t.^ 316, J. Schmidt, KZ. 
XXni, 276; Brugmann, MU. 1,48; dazu J. Schmidt, KZ. XXVI, 10 
nnd in bezug auf an. sn^lda und damit in Zusammenhang stehende for- 
men Bugge, Sv. Landsm. IV, 2, 167 f.). 



344 JOHANSSON 

erwähnten formen die {s)q{h)n' voraussetzen zur genüge be- 
wiesen. In nächstem Zusammenhang mit snsggr 'kahr steht 
das oben angefahrte sno * schinden', besonders sofern dies auf 
^snö'W' zurückgeht. Es ist somit ausser frage gestellt, dass die 
germ. sprachen zwei wz. sne-rv-, sno-rv- besitzen aus idg. 
sne-u-, sno'-U' und sq{h)nt'U', sq(h)nö-U' resp. Und beide 
können sie im got. mirvan geheissen haben. Beide können aus 
einer urgerm. unthematischen flexion hervorgegangen sein: idg. 
*sneuii (s. etwa ^snäuti) und *sq{h)neuti (s. k^nauti) > germ. 
*sneup{i) und durch tibergang in thematische flexion *siuwip{i). 
Bei solcher annähme scheint auch genügend erklärt zu sein, 
weshalb nicht im got. (mit schärfung) *sniggwan entstanden ist 
Nun wäre es auch wenigstens möglich, dass in sniwan 
'eilen' auch ein *sq{h)neuti zusammengeflossen sein könnte. 
Im schw. z. b. haben die meisten verba, die 'schaben' u. s. w. 
bedeuten, auch die bed. von der einen oder andern art von be- 
wegung ('gehen, laufen, springen' mit verschiedenen nuancen 
und actionsarten): ßo gno, gnida (A.gnie), skubba, knoga, skrabba 
u. s. w. (z. b. gno i väg, undan u. dgl.). So glaube ich aueh 
gr. xovio) 'eilen, eilen machen', hyxovaovoa 'eifrig, beschäftigt' 
erklären zu können. Sie entstammen der hier behandelten 
'wz.' sq{h)en' 'schaben' (vgl. z. b. auch l. carpere viamy) So- 
mit könnte in den germ. Wörtern, die eine bed. 'eilen' invol- 
vieren (ausser sniwan z. b. g. sniumundö, ahd. sniumo u. s. w^ 
s. Kluge 296 unter schleunig, Schade 839), somit auch in 
sneggr in der bed. 'schnell, rasch' ein idg. Ä^(Ä)n^-w- incorpo- 
riert sein; aber nichts weiter kann behauptet werden. Die 
schw.-norw. formen von an. snim, aschw. snoa nämlich schw. 
sno, norw.-dän. snoe haben meist die bed. 'drehen, winden' (m 
dial. andre bed.); ausserdem n. (d.) sno, snoa {snagaj sMf) 
'lüfte, blsese lidt', snoa (sno, snaa, snoe) f. 'lufting, lufttrsek', 
schw. d. sno 'laufen, springen'; ausserdem in ebenderselboi 



*) Hom. 1] 340, 1/; 291 eyxoveovaai 'beschäftig', trans. iyxoveXv xi- 
Xsv&ov (Aesch. Prom. 964) ' beeilen '. — Dieselbe warzel steckt in xer- 
xio) * stechen, antreiben', xivxQov 'treibstab' (vgl. ovoxlvöa^^ xMa$ 'be- 
weglich'). Weiterhin erkläre ich an. skunda, schw. skynda ans eiiiem 
*pass.' *sq{h)nt{i)iü, wofür eine (part.-)form anf -/o zu grnnd liegt üebri- 
gens könnte °ovo-xlvda^, xivöa^ : 1. scindo, oxCCfii, s. ehindtti = sn^ffjT 
'rasch' : sneggr 'kahl, geschabt'. 



VERBINDUNGEN VON 5 (Z) + GÜTT. + L, M, N. 345 

bed. * blasen' wie im norw. (s. Aasen 722; Kietz 645). In 
nächster beziehung zu snirvan, sneggr in der bed. ^ eilen, eilig' 
stehen ags. ^^^ ^rasch, plötzlich'; ^fi^ 'Schnelligkeit', snydian 
'eilen', an. snübr, snübigr u. s. w. 

In den nun folgenden verbalformen erscheinen hauptsäch- 
lich zwei mit einander correspondierende bedeutungen 1. 'scha- 
ben, schneiden, scheren' und 2. 'stechen, stossen' u. s. w., ein 
Wechsel, der sehr gewöhnlich ist, vgl. z. b. {s)qax'd- in hatra 
'schaben, beissen' (: cxa^m 'spalten' = d. Geissen : s. hhinätti, 
l.findo) =» xvdo) : xsp-reo) 'stossen' (s. z. b. Fick 1,805). 

Wir haben hier die idg. wz. sq{h)neu' zu untersuchen, 
soweit sie in verbalformen auftritt. Urgermanische doppel- 
formen sollen meu- und hneu- sein. 

Die aus sneu- entstandenen thematischen formen können in 
sich elemente aus der wz. sneu- 'drehen, winden' enthalten. 
Mit ß-vocalismus erscheint schw. d. snägga 'kurz angebunden 
sein, kurz und zornig antworten; beissen wollen (von pferden)' 
u. s. w., vgl, isl. snagga^) 'zanken, keifen', schw. d. (Hailand) 
snägger 'zornig, zanksüchtig'; hierzu part. snäggen 'kurz; 
streng, scharf; gefroren (vom schnee); der etwas schnell aus- 
führt; mager, scharf (von dem erdboden = snägger). In allen 
diesen bed. scheint snägga mit sn^iggr 'kahl, kurz' zusammen- 
zuhängen. Es kann aber auch eine späte denominativbildung 
davon sein, weshalb eine sichere entscheidung über den wurzel- 
vocal schwer zu treffen ist. Schw. d. snägga in der bed. 'bister 
und kalt blasen' hört gewiss zu sno in eben derselben bedeu- 
tung, sei es dass sie beide zu idg. sneu- oder zu sq(H)neU' ge- 
hören. Hierzu einige schw. d. Wörter (bei Rietz 648 f.) z. b. 
snagg m. 'zanksüchtiger mund', snagg {snaggj\ snägg, snäggj) 
snägg) n. 'kühler wind' u. s. w. 

Aus der schwachen form ^snurv- (aus *sq{h)nu') entstam- 
men an. snugga 'etwas wünschen, verlangen', eine bedeutung, 
die vielleicht aus einer bed. wie 'arm, dürftig' entflossen ist: 



^) Möglicherweise gehören wenigstens in bezng auf die ursprüng- 
liche Wurzel hierher an. snaga 'axt*, snaghyrnd {gx)y n. d. snaga 
'st0de, forgnide, skade huden', snage, snag 'en fremstaaende spids, 
en odde eller tange av landet'; vielleicht anch an. ^rta^t' haken'. Snaki 
* kalter wind' ist ganz natürlich auf nord. snüa, snoa in der bed. ^kalt 
blasen' zurückzuführen. 



346 JOHANSSON 

was man braucht, wünscht man (vgl. 1. egere, desiderare); und 
die bed. 'arm, dürftig* steht nicht der von snifggr *kahl' u. s. w. 
so ganz fern (vgl. hn^iggr). Dieselbe bedeutung erscheint sowol 
in n. d. snugga 'sijge ivrigt efter noget, tigge' als in schw. (d.) 
snugga etwa id. Es könnte sein, dass snugga in den genann- 
ten bedeutungen sich an idg. sneu- anschliesst, etwa ^sich nach 
etwas wenden'.^) An *sq{h)neu' widerum schliessen sich un- 
gezwungen ja fast notwendig die folgenden bed. von snugga: 
in n. d.: 'skubbe, gnide* (auch snoga), in schw. d. (Dalame) 
'an den haaren reissen, rupfen, pflücken, mit der wurzel rupfen' 
(Noreen, Sv. L. IV, 2, 170). Die bed. von n. d. *lave, ordne, 
g0re fserdig' schliesst sich an die von schw. snygg (s. oben; 
vgl. Bugge, Sv. L. IV, 2, 171 n.). An snugga 'reissen, rupfen* 
schliesst sich schw. d. snugga f. (snugg m.) 'kleiner brocken 
von etwas*, überhaupt 'etwas kleines' u. dgl. (vgl. x^^^^f ^'^> 
xvv^ov unten, und die schon hervorgehobenen bemerkungen 
über diese bedeutungsentwickelung). 

Ich komme nun zu den vb. ohne s aber mit urspr. q{h)K 
> germ. hn- und mit den soeben angeführten vb. sehr ver- 
wanten bedeutungen. Zunächst ist hneggva, hnyggja zu be- 
rücksichtigen. Früher (Noreen, Sv. L. I, 692. 738) wurden 
diese formen als urspr. schwache und starke verba angesehen. 
Aber später erklärt Noreen (Ark. 1, 165, vgl. Osthoff, Mü. IV, 
27 n.) hneggva und hnyggja durch Verallgemeinerung verschie- 
dener formen des ursprünglichen paradigmas: ^hneggwu, ^hrngg- 
wiR u. s. w., d. h. ein thematisches idg. *q{h)neuö'. Die bed. 
'stossen' (auch intr. etwa 'stolpern*) im Verhältnis zur oben 
bezeugten bed. 'schaben, ritzen' kann um so weniger befrem- 
den, als in den mit hneggva nächst verwanten Wörtern eben 
diese bedeutungen vorkommen. So bedeutet n. d. nyggja 
1. 'st0de, skubbe, gnide', 2. 'plage, overhaenge', wozu nsgga 
'gyse, skrsdkkes, fä en uhyggelig fornemmelse'. Dagegen bat 



^) So kommt auch die bed. von rascher bewegung vor: n. d. snugga 
sig * haste', schw. d. snugga in 'getreide schnell nnter dach bringen' 
u. dgl. ; eine derartige bedeutung vielleicht auch schon altn. Ausserdem 
scheint eine ganz andre bedeutungsentwickelung vorzuliegen im iiisl. 
e-n snuggir i nefit 'ens nsese kli^er'. Hier könnte man doch an dieselbe 
bedeutungsentwickelung denken, die in mhd. (schw.) snäwen 'schnaobea' 
u. s. w. zum Vorschein kommt (s. unten). 



VERBINDUNGEN VON Ä (Z) + GÜTT. + L, M, JV. 347 

das freilich auf demselben ablautsstadium stehende aber un- 
gebrochene schw. d. (Dalarne) nägga, nägggas die bed. 'stossen' 
(vom stier), s. Noreen, Sv. L. IV, 2, 136. — Mit a-ablaut der 
Wurzel: n. d. na^^a 'gnave, bide, sede, grsesse' auch wienyggja 
'plage, sergre'; schw. d. nagga 'nagen, abbeissen; an etwas 
rühren, schädigen; leicht verwunden' u. s. w., in der reichs- 
spräche z. b. nagga bröd (andres bei Rietz 460). 

So — um nun zu den mit schwacher wz.-form auftreten- 
vb. zu kommen — in gr. xvvo) 'kratze, schabe', wozu xvvo^ 
'kratze', xvv' ro eXdxi^örov, xvvd^ov ' öfiixQov Hes. (vgl. Fick 
1,538. III, 81).i) 

Hierher stellen sich n. nugga 'gnide, skubbe' (auch nugla, 
nugra, womit an. hngggra 'impingere' zu vergleichen ist), schw. 
d. nugga 'ein loch machen', nugg m. 'eine Stange womit man 
löcher in der erde auf einer abgeschwendeten waldung stösst' (Elf- 
dalen nach Rietz 472; vgl. snugga oben). Ferner n. d. nugg 'gni- 
den, skraben' u. s. w., noggen 'gneden, skuret, beskadiget ved gnid- 
ning', part. zu nyggja^ schw. d. nogga 'ein wenig bewegen; all- 
mählich etwas ausführen', noggane n. 'ein wenig, unbedeutendes'. 

Von formen auf fn- nenne ich schw. d. fnagga 'jucken, 
reiben; gras mähen' (besonders was klein ist), fnagg 'kurzes 
haar', fnugg {fnjugg) m., n. pflaum* (vgl. xvooq^ xvvoq). 

Wir. haben nun gesehen, wie die grundbedeutungen 'scha- 
ben, stossen' u. s. w. die vorher behandelten verba und nomina 
durchziehen. Ferner ist gezeigt, wie diese bedeutungen sich 
entwickeln und in verschiedene nuancen von abgeleiteten be- 
deutungen übergehen konnten, z. b. sowol pass. 'arm, armselig' 
als act. 'geizig' u. s. w., und dies sowol in den formen mit s 
als in denen ohne dasselbe. Dieselbe entwickelung werden 
wir in folgenden Wörtern wahrnehmen. Wenn die oben be- 
handelte WZ. sq{h)neu- in perf. ablautet sq{h)nou' oder mög- 
licherweise idg. sq(h)nau- (sq{h)noU') mit einem /-suffix etwa 
gleich perf. part. idg. -to erweitert wurde, entstand germ. st. 



Bei Hes. kommt folgende glosse vor: scvovg' o ex rov a^ovog 
rixoq , Xeystai de xal xvori . xal 6 twv tcoSwv \p6^oq, cü^ AIoxvXoq 
Stfiyyi . tiveg de (paaiv xvovv fiev rixov, xvotjv öh tcsqI o fJLegoq rov 
aSovog, tj xf>^^^^k (s. M. Schmidt zur steUe). Ich deute xvovg aus 
*{s)q{h)nouos, von der wz. sq{h)neu, was hinsichtlich sowol der form als 
der bedeutdng gut passt. 



348 JOHANSSON 

^snaupa-, {*snaupi')A) Dieser stamm erscheint nun in an. 
snaubr 'ärmlich, dürftig'. Dass diese bed. secundär ist, beweist 
n. d. snaud {snav) ^bar, blottet, nogen (wie 'Mottet for haar, 
skaldet; smaahaaret, korthaaret; glat; blottet for grses eller 
vsext'), maudklipt 'kortklippet* u. s. w. (Aasen 717). Aschw. 
snöper hat die bed. *kahr (von der erde), 'armselig', auch in 
jüngeren mittelalterlichen Urkunden 'verächtlich, schlimm', aber 
dial. erscheint die ursprünglichere bedeutung 'kahl, nackt, ge- 
schabt' u. s. w. wie gutn. snaudar, in Dalarne snoS (= schwed. snöd^ 
Noreen, Sv. L. IV, 2, 172; übrigens s. Rydqvist II, 371 f., 
Rietz 640). In e8tn.-schwed. snauan, snäuan, snötcan erscheint 
sowol die bed, *kurz' als — was zu betonen ist — die bed. 
'geizig, knauserig'. Ferner d. schnöde, mhd. snoede 'verächt- 
lich, ärmlich, erbärmlich, gering, schlecht, übermütig, rück- 
sichtslos', ndl. snood 'niederträchtig, boshaft' (vgl. Kluge, Wb. 
303). Daraus abgeleitet ags. besnppan 'berauben', an. sneytki, 
n. d. sneyda 'blotte, gJ0re blot og bar'. Man könnte geneigt 
sein, eine germ. parallelform '^hnaupa- in folgendem norw. 
dial.-wort zu sehen. In Telemarken kommt ein nautt in der 
b. 'kaum' (gleichbedeutend mit nauvt von nauv 'knap, kni- 
bende, karrig, gnieraktig, smaalig', s. Aasen 527), d. h. in 
der bed. ganz und gar identisch mit snaudt 'knap, neppe, med- 
n^d', man hat doch bei der erklärung von nauit sowol auf das 
soeben genannte nauv (n^v, nauver, nauger, dän. d. n^w, nyv) wie 
auf die in d. not, ahd. niuwan steckende wz. nevL- 'stossen, 
drücken' u. s. w. (Fick III, 156) rücksicht zu nehmen. 

Wie sq{h)nax'S- eine Weiterbildung von sq{h)nax- ist, so 
ist es sq{fi)neiii-s von sqQijneti'. Wenigstens ist von germa- 
nischem Standpunkt aus eine solche wurzelform vorauszusetzen. 
Wenn wir n. snusa und dessen bedeutungen betrachten, so 
scheint daraus hervorzugehen, dass die bed. 'sn0fte, veire, spore'') 



») Hiermit stellt Bezzenberger, GGA. 1887, 419 (vgl. BB. VU, 
62) — ob mit recht kann ich nicht entscheiden — gr. vovaog, voaog zu- 
sammen. 

^) Ob n. d. snuska 'snage efter mad*, snuski^i, 'afiald, levnniger' 
hiermit etwas zu tun haben, entscheide ich nicht; unmöglich ist es 
keineswegs : vgl. snaska : naska oben, wofür jedenfalls eine wz.-fonD 
sq(h)nä'x-d' oder sq(h)nax-s- zu grnnd liegt. Schw. snaska, snask^ 
die im allgemeinen etwas unreines und unordentliches bezeichnen, kOn- 



VERBINDUNGEN VON S (Z) + GÜTT. 4- L, M, N. 349 

die ursprünglichere ist. Diese bedeutung hat sich leicht aus 
dem niesendem laut entwickelt, der mit der riechempfindung 
verbunden werden kann. £s ist ganz natürlich, dass snus m., 
n, sowol im schw. als im norw. in der bed. von pulverisier- 
tem taback seeundär ist; nur darüber kann man zweifelhaft 
sein, ob man diese bedeutung aus der im norw. d. befindlichen 
^en snude', vgl n. d. snysa 'smule lidet gran' herleiten darf, 
oder ob die letztere seeundär ist. Wäre dies der fall, hätte 
man snm aus snusa seeundär entstanden anzusehen (vgl. schw. 
skämt : skämta u. s. w.) und anzunehmen, dass diese benennung 
aus der mit der anwendung verbundenen nasenwirksamkeit 
herzuleiten ist. Indessen kann man kaum in abrede stellen, 
dass es ein nord. vb. *snusa mit der bed. * niesen' u. s. w. ge- 
geben hat. Ich stelle ganz natürlich hierzu mengl. snesen, 
engl, to sneeze 'niesen'. Diese Wörter hat Kluge, Wb. 240 
von d. niesen, an. hnjösa u. s. w. trennen woUen. Nach mei- 
ner regel stellen sie sich gut zusammen und setzen wz.-formen 
sq{h)neu-S' und q{h)neU'S' voraus. Zur letzten wz.-form d., 
mhd. nieserij ahd. niosan, ndl. niezen, an. hnjösa, aschw. niiisa, 
n. d. njosa, schw. nysa n. s. w. Zur selben gruppe ziehe ich 
mit Kluge und Noreen, Ark. III, 19 mengl. fnesen^ ndl. 
fniesen, schw. fnysa u. s. w. Derselbe consonantismus möglicher- 
weise in gr. :jtvv-, üivi(/)(o vielleicht aus *q{Ji)neuö. 

In Zusammenhang mit snusa u. s. w. darf man vielleicht 
n. d. snulla 'snovle, tale utydligt med stark n^selyd' aus 
^snuz'lön- erklären wie vielleicht snurla aus ^snuz-ilön- (vgl. 
jedoch engl, to snarl 'knurren, brummen', snurls 'nüstern' u, s. w., 
s. Kluge unter schnarchen, schnarren, schnurren, narr). 

Hier behandle ich ein paar werte, die möglicherweise zu 
*sq{h)neu'S- gehören, jedenfalls meine regel bestätigen. Im 
schw. d. erscheinen als name des feuerschwammes formen, die 
auf einen an. stamm ^snjüsk-j ^snjdsk- zurückgehen: snjosk, 
sniosky snösk (in Dalarne Noreen, Sv. L. IV, 2, 50. 172), snuske, 
snysk{e), snöske, snesk (in verschiedenen landschaflien s. z. b. 
Rydqvist IV, 240. 252. VI, 117, Noreen, Fryksdalem. Ijudl. 



Den freilich (etwa oDomatopoetiscbe) neuschöpfungen der spräche sein; 
können doch muster mit bed. wie in den soeben genannten norw. Wör- 
tern haben. 



350 JOHANSSON 

§ 203; Sy. L. II, 3, 34. 107), auch n. d. snjosk. Hier muss s 
ursprünglich sein. Parallelformen ohne $ aber erscheinen in 
an. hnjöskr, n. d. njosk und damit gleichwertig: an. fnjöskr^ 
aschw. fnyske, nschw. fnöske (Lind fnösk)^ schw. d. fnysk 
(Gotl., Noreen, Sv. L. I, 327. 357). Hierzu formen mit A, die 
jedenfalls schwer zu erklären sind: n. d. knjosk^ knjssk, knsskf 
knosk (Jcnyske, knjuska), schw. d. knösk, knöske. Ich vermute, 
dass dieser schwamm nach der knisternden und gleichwie 'nie- 
senden' lauterscheinung bei anzQndung benannt ist. 

Es gibt nun eine an. participialform snoSinn ' dünnhaarig ', 
n. d. snoderiy snoen 'blottet, bar', wozu mhd. bemoten, nhd. 
(dial.) beschnotten, auf eine grundform ^snubana- hinweisend« 
Es wäre möglich anzunehmen, dass ein ursprüngliches part 
auf 'to germ. ^snuba- mit dem im germ. gewöhnlichen part.-* 
sufGx zu ^snubana- erweitert worden wäre; so dass kein vb. wie 
an. ^snjoöa anzunehmen wäre. Doch für ein solches Tb. scheint 
mir das folgende parallele ^-lose verb zu sprechen. Ich stelle 
nämlich zu *snj6ba, snobinn, an. hnjoba, hnobinn 'stossen, häm- 
mern', ahd. hniotan 'befestigen'. Ueber die hierhergehörige 
schw. d. form (Dalarne), die ein reichssprachliches ^njöda vor- 
aussetzt, s. Noreen, Sv. L. IV, 2, 135; n. d. njoda ^nitte, klinke'. 
Schwache wurzelform erscheint in 'aoristpraesentia' wie an. 
hnot^a, wozu n. d. noda, schw. (d.) näda * nieten' (vgl. Noreen, 
Sv. L. IV, 2, 136); wol auch subst. wie an. hnySja, n. d. nydja, 
schw. d. nydja (Aasen 543, Rietz 473), hnüba (Bugge Sv.'L. 
IV, 2, 136), hnübr, aschw. nudher 'block' (Södervall, Nägra 
sv. medeltidsord p. 60).^ Hinsichtlich der bedeutungsverschie- 
denheit von ^snjöba 'kratzen, schaben' und hnjöba 'stossen, 
hämmern' verweise ich auf das oben darüber erörterte in bezug 
auf xvv(D : hneggva. 

Es erübrigt, welcher dental in *snjöt5a und hnjoba voraus- 
zusetzen sei, zu bestinimen. Das deutsche weist für knjötia 
auf germ. hneut5- hin. Dass d auf idg. t beruhen sollte, ist 
denkbar, aber in anbetracht des vocalismus nicht wahrscbein- 



^) Diese Wörter setzen ein germ. *hnupa- und ^hnupön- in i» 
hnupd voraus. Hierzu nach Bugge a.a.O. schw. d. (Dalarne) nydem. 
* Stockfeuer* von hnütSa abgeleitet. — Zu den hier behandelten wtfrtero 
gehören auch an. hnotSa n. ^knäueP, schw. nysta{n\ s. Rydq vi st 11,231; 
Noreen, Sv. L. 1, 59 (§ 131). 738-, IV, 2, 136. 



VERBINDUNGEN VON S{Z) + GÜTT. + Z, M, N, 351 

lieh. Es scheint mir natürlicher ein idg. sq{h)neu'dh' mit dem 
'wurzeldeterminativ' dh anzunehmen: hnjoba ist sonach ein 
idg. *q{h)neudhd. Dies aber verhält sich zu ahd. hndion, 
nuotön, xvi]d-a) wie q{h)neu' in xvvfx)^ hneggva zu qQtjnax- in 
ahd. nöen, xvfjv, d. h. q{h)neu-- und q{K)nax- sind mit dem- 
selben determinativ erweitert, wodurch ein vocalwechsel der 
wurzeln (etwa ablaut) entstanden ist, wie z. b. in g.gretan, 
as. grötian : ags. gredtari] mhd. räme, nhd. rahm : an. rjdmi] 
mhd. siräm, vgl. gciofiai : ahd. sirovm\ xrjiiri, ahd. ^omo : ahd. 
goumo\ g.slepan, \, läbor : yfz, sleub- in schlüpfen; Xä^- {eX^-) 
: iXsvd^' u. s. w. £s ist auch zu bedenken, ob nicht eben die 
idg. wz.-form q[h)neudh in gr. xvvd'ov ' öfiLXQov Hes. (vgl. 
Lob eck, Ehem. 287) und xvv^og • axavd-a fiixgd Hes. wider- 
kehrt. Somit dürften ziemlich sichere verwante zu d. nieten 
u. 8. w., die Kluge, Wb. 240 als noch nicht aufgewiesen an- 
gibt, gewonnen sein. 

Aber auch weitere combinationen lassen sich machen, wobei 
wir von idg. wz. sq{h)neu'dh- sowol die ^-lose als die mit s 
versehene form in deutlich verwanten Wörtern einander gegen- 
überstellen können. Schw. snudda 'leicht und schnell berühren', 
n. d. snudda 'berore noget let eller bselig* stellen sich zu fol- 
genden Wörtern, die am besten aus hn- zu deuten sind: schw. 
d. nudda 'sanft und leicht berühren (etwa im vorübergehen)' 
= schw. snudda vid, schw. d. (Fryksdalen in Wärmland) nüd 
'sanft berühren' (Sv. L. II, 2, 51), wozu nudd n. 'sanfte be- 
rührung', n. d. nuddast 'sbves, afstumpes', wozu nudd m. 
(=== mbb) 'kleiner nagel*. Diese Wörter können und müssen 
vielleicht erklärt werden nach dem von Kluge über germ. 
gem. erörterten grundsätzen. 

Mit andrem dental erscheint unsre wurzel weitergebildet 
in sq{h)neu'd' : q{h)neu'd'. Auch hier ist die grundbedeutung 
'schaben, reiben, stossen, schlagen 'i), aber häufig auch bedeu- 



^) G. hnutd 'stacher, falls so zu schreiben ist (cod. A. hat hnupdy 
vgl. oben an. hnütiai hnütir n. s. w.), muss wol zn dieser wz.-form ge- 
zogen werden; vgl. die vielleicht hierher gehörenden Wörter für schnauze; 
ahd. snuzza, mndd. .^n^^^ (vgl. Paul, Beitr. VII, 134 anm.), die Kauff- 
mann (Beitr. XII, 518. 527. 530) als gem. formen in Verhältnis zn ahd. 
snüden, snüda, snüder {-^ *sq{h)nu-t') stellt. Es sei dem wie es will; 
doch scheint in anbetracht von n. und schw. (d.) snui * schnauze, hervor- 



352 JOHANSSON 

tangen yon dem mit dem 'gehaben' verbundenen laut D. schneu- 
zen, mhd. sniuzen, ahd. snüzen, ndl. snuiien, an. sn^ta^ schw. 
und n. d. snyta. In diesem vb. begegnet auch die bed. von 
Micht putzen, schneuzen'. Diese bed. kann ursprünglich sein 
etwa 'abscheren' u. dgl. und daraus könnte sich die bed. 'nase 
putzen' entwickelt haben; wie auch der damit verbundene 
laut die anwendung von schneuzen u. s. w. in der bed. 'nase 
putzen' hervorzurufen mitgewirkt haben kann.^) Jedenfalls 
ist öxovv^a • ^ xovv^a Hes. (vgl. auch öxow^a Pherekr. bei 
Phot.) damit verwant^j Zu schneuzen u. s. w. stelle ich gr. 
xvv^fx) * knurre', xw^aoo, xvvC,6a}, wie auch xvv^a ' xv(vQfi' 
d-^oq, djto rov xw^eöd-ai ' ejtl %wv xvvwv . xal 17 xopv^a 
xaxa övyxonriv Hes. u. a.^) 

Eine mit *sq{h)neud wechselnde wurzelform sq{h)neui- 
möchten wir in mhd. snudil, snuder 'nasen Verstopfung', ahd. 



stehender mand * vielmehr *sq{h)nu-d' yoranszasetzen zu sein. Die grund- 
bed. von schnauze mag ^spitze* sein und stellt sich ungezwungen mit 
g. hnuid zusammen. Möglicherweise hängen mit den genannten Wörtern 
zusammen g. snuirs, an. snoir, n. d. snuira 'snage, snuse efter noget', 
gerade wie isl. snutSra zu ahd. snüden u. s. w. N. d. snoien 'net, 
vakker, pyntelig\ snote 'mode, nyt snit', snotra (= snuira) sind wegen 
des langen ü wenigstens nicht unmittelbar zu den obigen Wörtern zu 
stellen. 

^) Auch die einfache wzAoxm sq(hynd-U' {p.k^iiLauti) kommt in der 
bed. 'schnauben' vor: mhd. (schw.) snäwen 'schnauben', nhd. (schw.) 
schnauen, anschnauen 'mit harten Worten anfahren'/ ^tV schnau 'wort 
im tone des Unwillens', bair. schnauen 'schwer und heftig atmen', nid. 
snauwen 'losfahren auf einen' u. s. w. (s. Schade 836). 

^) Dies wort ist der name eines spitzigen Schilfrohres und ist mit 
recht von Tomasche k, BB. IX, 1 02 auf eine wz. sknud ' stecken ' zu- 
rückgeführt; d.h. sqih)nu-d- bed. 1. schaben, stechen, 2. den damit ver- 
bundenen knurrenden laut. 

3) Die WZ. sq{h)nud' könnte vielleicht ohne s in d. nuss, mhd. 
ahd. nu2,, an. hnot, ags. hnuto, hnyt u. s. w. stecken (vgl. Fick 1,237; 
111,81). Doch glaube ich nicht, dass die bedeutnngsentwickelung so 
vor sich gegangen ist, wie Schade 410 annimmt. Vielleicht bezeichnet 
dieser name ursprünglich die 'abzuschabende nusshülse' oder noch 
besser etwas kleines, geringes ('absch absei')) eine bed., die in dem u^ 
sprünglichen gebrauch von {h)nu2, mit einem neg.-partikel in der bed. 
geringstes durchleuchtet (vgl. schw. icke ett grand u. dgl.); vgl. unten 
über 1. nux, nugoe, wie auch gr. xvv* ildxiarov, xvvd'ov ofuKQOv^ 
xvvd^oq' axav&a {xixQa Hes. u. s. w. 



VERBINDUNGEN VON 5 (Z) + Gü'n\ + L, M, K 353 

müden 'schnarchen, schnauben', auch 'spotten, höhnen', ver- 
muten. 

Eine dentalwurzel etwa q{h)nud' oder q{h)nut' haben wir 
auch für ags. hnossian 'tundere', dazu wol auch an. hnoss 'ge- 
sehmeide' (vgl. Kögel, Beitr. VII, 177). Man könnte geneigt 
sein, damit gr. war aC^o, vvööa) 'stossen* zu verbinden und 
dafür eine wz. auf sq{h)n' anzunehmen, wenn nicht vvCöm im 
fut u. 8. w. einen guttural aufwiese — der doch auf 'ent- 
gleisung' beruhen könnte — und vvxxaaaq * vv^aq Hes. wäre 
(vgl. Fick I, 124). — Auf einer der dentalen wz.-formationen 
muss schw. d. (Hailand) snutta 'hin- und herlaufen; stolpern' 
(eine intensivbildung mit -n-), wozu snutt n. 'kleine weile, 
augenblick; etwas kleines', snutien 'eng, klein, kurz', be- 
ruhen. 

Denselben Wechsel in wz.-determinativen werden wir unten 
bei der behandlung von der wz.-form sq{h)nei' wahrnehmen (vgl. 
Fick IV, 76; Bezzenberger, GN. 1878, 264 anm. 1; Daniels- 
so n, Z. altit. wortf. u. formenl. p. 49 u. s. w.). 

Wie wir soeben mit einer u-formation von der wz. sq(hynax- 
Qsq{h)en^) zu tun gehabt haben, so können wir auch erwarten 
eine t-erweiterung zu finden. Als nominale bildung erscheint 
gr. xoviqj .xovUxS) Dass diese Wörter mit der wz. '*^(Ä)gn-' 
'reiben' u. s. w. zusammenhängen, ist schon lange anerkannt 
(über die bedeutungsentwickelung vgl. oben). Aber nicht nur 
xoviq sondern auch xovlq 'niss' gehört hierher (s. Fick, Wb. 
1,538. 111,81), das eigentlich etwas kleines u. s. w. bedeutet, 
dann auf niss specialisiert ist. Hier mag beiläufig bemerkt 
werden, dass wir ausser in den germ. Wörtern d. niss, mhd. 
ahd. niz,^ hniz,y ags. hniiu (über die nord. formen mit g siehe 
Bugge, Beitr. XII, 413) die schwache wurzelform auch in den 
keltischen sprat^hen erweisen können. Die letzteren sind darum 
von grossem interesse, weil sie s haben, und daher dieselbe 
regel über reduction von gutt. auch für die keltischen sprachen 
bezeugen. Im air. erscheint sned (aus wz.-form sq{h)nf'd'\ 
cymr. nedden, arem. niz, wo s secundär weggefallen ist 
(ZE. p. 121). 



1) Mit dem ebenfalls verwanten 1. cinis hat es vielleicht eine andre 
bewantnis. 



354 JOHANSSON 

Dass die soeben erwähnten Wörter etymologisch mit xvl^co, 
an. hnita 'stossen', ags. hnitan, xvtdrj, xvlC^a 'nessel'^), vielleicht 
auch xvlööa, an. hnissa (s. verf. in E. Z. XXX) zusammen- 
hängen, ist kaum zu läugnen. Das d abgezogen, ist sq{h)ne'i- 
die mit sq(h)ne'U- parallele supponierte wz.-form. Wie sq{h)neu'd' 
: sq{h)neu-i- kann man sich zu sq(h)nei-d' ein sq{h)nei't' denken. 
Und so gewinnen wir einen anknüpfungspunkt um die germ. 
Wörter, die mit d. schneiden zusammenhängen, zu deuten. Ahd. 
snidan {sniden), g. sneipan, as. snipan^ snWanj afr. snipa, sinda, 
ags. sntöan, an. sniba weisen auf eine germ. wz. srnp- hin. 
Man hat mehrere deutungsversuche vorgeschlagen; so hat z. b. 
L. Meyer, 6. spr. 160 sntp- mit s. cnathiti zusammengestellt, 
ein versuch, der soweit verfehlt ist, aber auf eine richtige 
deutung hinweist durch die herbeizieh ung von der wz. ksan, 
die nämlich als aus '•skan^ entstanden galt. Die von mir vor- 
geschlagene etymologie von schneiden aus einer wurzelform 
sq(h)nei-t' befriedigt besonders darum, weil es dann in ver- 
ständliche beziehung zu der hier behandelten wz. ^sq{K)en^ ge- 
bracht ist und somit speciell zu Wörtern, die ebendieselbe be- 
deutung zeigen, z. b. gr. xpi]^<d, xvfjcxiq u. s. w. 

Es wäre nicht unmöglich, dass air. snaidim ein germa- 
nisches lehn wort ist; ist es aber dies nicht, so bezeugt es auch 
fürs keltische die regel. Man hätte dann eine wz.-forin 
sq{h)nei'dh' oder sq{h)nei'd' anzunehmen (vgl. einerseits xn^&Wj 
hnjöba^ anderseits hnitd).^) 

Dass 1. m7ßrß ^glänzen* aus *cnitere entstanden sein kann 
ist zuzugeben (vgl. Fick I, 538. III, 80); es kann aber aueb 
aus *snitere erklärt werden und zur wechselform sq{h)nit' ge- 
stellt werden. Ich finde es nämlich nicht unwahrscheinlich, 
dass diese wurzelform mit der von schneiden identisch ist 



^) Wäre d. nessel, ahd. nez,z,üa, ags. netele^ ahd. naz,2,a mit Fick 
1,237. 111,81 und Schade 409 mit nrspr. h- anzusetzen, was Kluge, 
Wb. 238 in abrede stellt, so wäre es ein Verhältnis zwischen knaz,z,^ 
und xvLÖri (sq{K)na x'd- : sq(h)nei'd') wie zwischen xvaödXXm, xviaSotv 
und an. hniia (s. oben). 

^) Nhd. schnitt, mhd. snii, mhd. ahd. snitej snita a. s. w. erklären 
sich aus snitS-, wechselform zu sneip^ ans sq{h)nei-t' (oder ans sq{h}nefM-)' 
schnitzen n. s. w. erklären sich wol aus der wz.-form sq{h)nei'i nach den 
regeln Kluges (Beitr. IX, 168 ff.. Kau ff mann ib. XU, 504 ff.). 



VERBINDUNGEN VON S (Z) + GÜTT. + Z, M, N, 355 

L. nite-re ist ein neutrales passives vb., dass im gr. passiven 
aor. sein gegensttick hat (s. verf. De deriv. vb. contr. 192 f. 
198 n. 3; KZ. XXX, 347). Es dürfte ursprünglich etwa ge- 
schabt, gerieben sein bedeutet haben. Die dadurch eventuell 
entstandene feuererscheinung mag genügende auskunft über die 
bedeutungsentwickelung zu 'glänzen' geben. i) Wie nitere sich 
zu *sq{h)nei't- in schneiden verhält, so verhält sich auch 1. {re-) 
nide-re zur wz. sq(h)nei-d' in xvlCp, an. hnita. Die bedeutungs- 
entwickelung ist dieselbe gewesen wie bei nitere (vgl. luna 
renidet, ms renidens, non domus auro renidet u. s. w.), daraus 
meton. Mächein'. L. nidere ist etwa H-xvlöij'V. 

Die wz.-form sq(h)nei't' für schneiden gewinnt eine mittel- 
bare stütze im folgenden umstand. An. n. d. sneiöa, sneida 
bedeutet ^stikle paa en, sige tirrende ord', sneib ausser 'af 
skaaret stykke' auch 'chikan, stikpille', n. d. sneida f. 'skose, 
tirrende ord' — vgl. auch sneidvisa 'stiklende eller spottende 
vise' — stellen sich durch ihre bedeutungen in unmittelbare 
beziehung zu an. hneiss * ringe, ussel, elendig', hneisa 'f erringe, 
fornedre, beskaemme', hneisa f. 'ringe tilstand eller kaar; be- 
sksemmelse', n. d. neisa 'sergre, tirre ved fornsermelige hentyd- 
ninger, forekaste en noget, som skal vaere til skam for härm', 
aschw. nesa 'schände', sei es dass diese Wörter aus *sq{h)nei'S- 
oder aus derselben einfachen wz.-form mit dentaler explosiva 
erklärt werden sollen. Jedenfalls verwant sind an. hneita^ 
das möglicherweise wie n. d. neita auch die bedeutung 'krsenke, 
8t0de, fomserme' gehabt hat, vgl. ags. hnätan 'allidere, tun- 
dere' u. s. w. 

Ich habe nun die wurzelformen sq{h)nä'x', sq{h)neu'j sq(h)nei- 
je einzeln unerweitert oder mit ^entalsuffixen vermehrt be- 
trachtet. Ich werde nun einige andre erweiterungen behan- 
deln, die mit den genannten einfacheren Wurzelelementen zu- 
sammenzuhängen scheinen. Jedenfalls sind in den im folgenden 
zu erwähnenden Wörtern bedeutungen wie 'schaben, reiben, 
stechen, stossen' oder von etwas 'scharfes, spitziges' n. s. w. 
oder können als abstracto bezeichnungen für die verschiedenen 

1) Diese bedentungsentwickelnng passt besonders gut für pr. knaisiis 
«brand', an. gneisti, (hyneisti (vgl. n. d. ^neista : neista, neistra, gneiste 
: neisie Aasen 231) 'fnnke\ — Ein schw. d. snaikstdf, 'fnnke' (Gotl.) 
scheint eine nrspr. 5-form der wz. behalten zu haben. 



356 JOHANSSON 

nuancen zu gi'und gelegt werden. Ich wende mich zunächst 
zu den labialerweiterungen. 

Wurzelform sq{h)nax + lab.i) Wie sq{h)axn-d- eine 
wechselform zu sq{h)nax'd' ist, so ist es sg{h)S' xfn'lh{'py zu 
sq{h)nS x'(>-{'p)'. Jenes kann man in mhd. schimpf, schampf, 
schumpfe (Kluge, Wb. 292) vermuten. Die letztere form aber 
soll material fUr unsre regel durch wechselformen mit sn- und 
hn- in den germ. sprachen ergeben. 

In n. d. kommt ein snapp vor, das ^knap, snsßyer' be- 
deutet (in Borgens stift in der verb. ^knapt og snapV), Diese 
bedeutung ist völlig identisch mit der von n. d. napp in der 
redensart ' A:n(z/?p og napp\ das an. hnappr, hneppr, aschw. napper, 
ruepper u. s. w. entstammt. An. hnappr bedeutet freilich 'eng'; 
nichts aber hindert diese bedeutung als secundär anzusehen. 
Natürlich gehört hierher in der einen oder andern weise ndd. 
knapp dessen bedeutung 'kurz, eng' am nächsten kommt. Aber 
auch wenn die ursprünglichere bedeutung von hnappr, hneppr 
'eng' ist, so hindert dies nicht Zusammenstellung mit n. A. snapp, 
jedenfalls nicht die annähme, dass wir eine wz. mit anlauten- 
dem sq{h)n' annehmen müssen. Denn auch in der bed. 'eng' 
kommen evident verwante formen mit s- vor, nämlich an. 
snffr, snjdfr 'snsBver, trang; rask, hastig', n. d. sncev^ sneVf 
schw. snäf. Dies aber wird man nicht umhin können, mit an. 
n^eifr 'flink', nsfrliga 'neppe' (aus hn-) zusammenzustellen (vgl. 
auch schw. snahh u. s. w. unten). 

Sollte man nun genötigt sein, zwei wz. für die soeben er- 
wähnten Wörter anzunehmen, eine mit der bed. 'schaben, 
reiben, abkürzen' und eine mit der bed. 'zusammendrücken, 
beengen', so haben wir in beiden Wechsel zwischen ^n- und 
hn- zu statuieren: sn^fr : hneppr {snapp : nsfr). Die Wörter 
mit gem. sind wahrscheinlich aus *sq(h)na + lab. + n und 
*q{h)na + lab. + n- zu erklären. Welcher labial, ist nicht zu 
entscheiden. Wir werden nämlich sehen, dass in deutlich ver- 
wanten Wörtern verschiedene labiale determinative erscheinen. 



>) Ein sq{h)na x-ö'('p-) mag am besten als eine erweitemng von 
sq(h)nax- gelten; kann aber, wie sq{h)n^x'd' in Verhältnis zu sq(h)ä'rd', 
als eine sogen, infigierte form von sq(h)ax'b-(-p') in 1. scabo^ lit ska- 
poii, an. skafa n. s. w. angesehen werden (Fick I, 238. 807 £; 111,331 
u. s. w.). 



VERBINDUNGEN VON 5 (Z) + GUTT. + Z, M, N. 357 

ÄBchw. sneever, an. snSfr, nSfr können sowol aus sq(h)na'P' als aus 
sq{h)na'bh' gedeutet werden. Aus dem gr. stelle ich folgende 
Wörter hierzu: xvccjiro}, ypa:n:Ta) 'walke', xpaq)6vg 'walker*, 
xvaq)aXov 'flockenwolle' {xvig)aXop 'kissen') mit bedeutungen, 
die deutlich aus der von 'schaben' entstanden sind; so xvaxpiq 
'daB kratzen', xvajtrmg, yvdjtrwQ 'walker, tuchacheerer', xvaq)og, 
yvaxpoq 'die stacheligen karden, mit denen der walker das 
tuch aufkratzt' u.a. Wörter; schliesslich xvrjg)Tj {= öxvrjqyi] ^)) 
'nessel, jucken, kratze' (vgl. xpIöti oben). 

Die genannten gr. Wörter deuten meistens auf &Ä-determinativ 
hin. Andere Wörter -aber weisen deutlich auf jo hin: so gr. 
xvcQtp ro xivmjtBxov (s. Lobeck, Paral. 118), xvcojterov = 
xivcijtarov^), xlxvtx)^) — M. Schmidt, [xljxvootp — ^tjqiov 
Hes., xvmjtevg' aQxrog . Ivioi xvovjisvq (vgl. xcormtp) u. a. 
Dass jr und q) im griechischen wechseln können, ist einer 
etwaigen entgleisung zuzuschreiben (s. Osthoff, Perf. 284 ff.); 
dieser Wechsel kann aber auch auf einem ursprünglichen Wechsel 
von determinativen beruhen. Eine Variation p : b aber kann 
sowol auf ursprtlnglichem determinativwechsel beruhen als 
durch lautliche Veränderungen erklärt werden; ich verweise 
nur auf das übrigens verwante sq(h)a'p, -b- Fick I, 807 (s. 
übrigens Curtius, Et.6'533ff.; Brugmann, Grundr. I §469, 
Osthoff, Perf. 299 ff.; Kluge, Beitr. IX, 180 f., Wb. 283 u. a.). 
Wir können dann unbedingt wurzelformen sq{h)ria x-p-j sq{h)nax-b' 
und sq{h)mx'bh' annehmen und gehen nun zur weiteren er- 
örterung von hierhergehörigen Wörtern, ohne in jedem fall be- 
stimmen zu können, welche wz.-form zu grund zu legen ist. 

Die bedeutungsentwickelung 'reiben, schaben' — 'greifen' 
(vgl. schwi 'rifva ät sig') — begehrlich sein nach' (vgl. ^n^^^r 
— schw. snugga, d. scharf : 1. carpo u. s. w.) ist eine sehr ge- 
wöhnliche und leicht verständliche. Zunächst n. d. snüpa 'snaske. 



^) In bezng auf axvi]<pi] — und andere Wörter unten z. b. axvin- 
u. s. w. — bin ich der ansieht, dass es so entstanden ist, dass xvi^tpij sein 
a- von einem daneben befindlichen *avT]ipi] empfangen hat, d. h. statt 
der donblette *ovri<pri : xvrifpri entstand dnrch contamination oxvri<pri : 
xvri<pri, 

*) ^, XLVwnexa' x{L\v(66aXa, ^()/aHes.; Schol. Lyc. 675 : xvwtio/iioq- 
<pov ^Qi6(ioQ<pov' xveiJneg yag xal xivioTtera xal xvanera za B-tjqIcc — 
leyercci 6h xal xvwöaXa (s. Lob eck, Pat. I, 436). 

Beiträge zur gesohichte der deutschen spräche. XIV. '^V 



358 JOHANSSON 

aede laekre ting; snylte, snage efter noget' (vgl. nd. snopen, 
snoperen 'naschen'), snöp m. 'laekkerheder' (vgl. Bezzen- 
berger, BB. V, 173). Andre bedeutungen erscheinen in schw. 
snöpa 4ange warten; sich schämen', snöpen 'eng; sich schä- 
mend, ärgernd', snöpeligt 'höhnisch, langweilig' u. s. w. (s. 
Rietz 646), n. d. snöpen 'kort for hovedet, pirrelig', weiterhin 
an. snapa 'to snafFle, snappe, snylte' (möglicherweise mit abl. 
e an. mdpr 'a doli'). Zu diesen Wörtern stelle ich ohne s-^ 
aber mit ursprünglichem ^-, schw. d. nöpa 'einschlummern' und 
mit andrem ablaut {e) näpa 'etwas zu erreichen oder bertthren 
suchen', näp 'griflf', n. d. naapa 'faa fat paa, indhente, fange'; 
auch nöpe (Telem.) 'fange'. Die zuletzt behandelten vb. lassen 
sich am einfachsten aus einer wz. mit auslautender labialer media 
herleiten; können aber auch als intensivbildungen von andren 
wz.-formen gelten. Jedenfalls gibt es ein paar Wörter, die aus 
WZ. auf p oder hh hergeleitet werden müssen: einerseits an. 
snaftSr 'sharpscented' (eig. 'geschärft, scharf')*), anderseits das 
dazu zu stellende hnöf 'schnitt ab' (Ghv. 12) zu ein *hnafa 
'schneiden' (vgl. xvaJtrc^), Möglicherweise gehören auch an. 
hnefay aschw. nceva 'greifen', an. hnefiy aschw. ncevi hierher (vgl 
Noreen, Sv. L. IV, 2, 132 unter *nafva). 

Als intensivbildungen zu den vorigen sind folgende fölle 
entschieden zu fassen. Schw. snappa (vgl. ns. snappen) 'schnell 
greifen, fassen' stellt sich ungesucht za aschw. nappa, nschw. 
nappa (schw. d. auch naff'a), dän. nappe 'schnell fassen, grei- 
fen', n. d. nappa 'plukke, pille; nappe, rykke, snappe efter 
noget'. Ich führe sie auf germ. snapp- und knapp- resp. zu- 
rück; als ursprüngliche form ist sq{h)nap'n'f sq(h)nab'n- oder 
sqQijnabh-n- anzusetzen. Das schw. snabb, dial. snapp, adän. 
snap 'schnell, eilig' darf seiner bedeutung nach nicht davon 
getrennt werden; die bedeutung ist entweder von etwa ab- 
gestumpften^), kurzen bewegungen ausgegangen oder stellt sieb 
der gewöhnlichen parallelisation zwischen den bed. 'schaben, 
reiben' und 'eilen, schnellen' zur seite (vgl. L carpere vim, 



^) Nach andern zu schnabel n. s. w. etwa ^nasutus\ vgl. uLsnefjü. 

^) Aus einer bed. ^abreissen, abhanen, abstumpfen* erklart nua 
leicht die bed. 'bid, stump, lidet stykke' (eig. 'das abgekür2te') bei dem 
zur selben wz.-sippe gehörenden n. d. snabb. 



VERBINDUNGEN VON S (Z) + GÜTT. + L, M, N. 359 

schw. gno, gnida, skubba i vag u. s. w.). Hier mag man auch 
erwähnen n. d. snaap 'rask, hurtig, behsendig; let at bruge, 
meget bekvaem', snaapen ^net, vakker', sm, S7iäpleih' 'forfsßnge- 
lighed', snäpliga 4 letsindighed eller daarskab'. 

Eine andre intensivbildung erscheint in n. d. snafsa 'snaske, 
sede begserligt, snage efter foden', schw. d. snafsa ^zu beissen 
suchen, zucken, kleinigkeiten entwenden', schw. d. (Fryksdalen) 
sndeffs, snAffs 'beissen und zucken (wie hunde)'. Ohne s^ aber 
meiner meinung nach mit ursprünglichem h^ n. d. nafsa 'snappe 
efter noget; tygge, aede', schw. d. nafsa 'mit den fingern an 
etwas zucken, reissen, leise nach etwas beissen, kleinigkeiten 
entwenden'.*) 

Von einer bedeutung 'schaben, schrappen' u. s. w. ist der 
tibergang zu 'straucheln' (vgl. schw. skrapa emot, d. rasseln 
eig. 'schaben' : an. hrata 'to stagger', s. Fick, KZ. XX, 169, 
J. Schmidt, Voc. 11,222; an. hmiggva sowol 'stossen' als 'an 
etwas straucheln' in moralischer anwendung u. s. w.) sehr leicht, 
und ich erwähne in diesem Zusammenhang schw. snafva, dial. 
snaga (über t;, eig. w aus d, >* ^, s. Noreen, Ark. I, 161 ff.), 
n. d. snaava 'snuble, glide eller traede feil med en fod' (auch 
snjaavla, über snuvla unten), snaaving 'feilskridt'; und mit in- 
tensiver bildung nhd. (dial.) schnappen 'hinken', mhd. snappen 
'straucheln'. 

Wie d. schnattefm, mhd. snateren : ndl. snater ' Schnabel', 
snaieren 'schwatzen, prahlen' zur oben behandelten wurzel 
sq{h)nax'd' mit der bed. 'schaben, ritzen', mit bedeutungsüber- 
tragnng auf den dadurch hervorgebrachten laut und mit bild- 
licher anwendung von einer klappernden, schwatzenden stimme, 
gehören können, so ist es auch möglich, dass d. schnappen, 
mhd. (md.) snappen^ sndben 'schnappen, schnauben' zu der hier 
erörterten wz. sq(h)nax-p' gehören. 

Wie ndl. snater 'schna])er zu sq{Ji)nax'd' gezogen werden 
kann (vgl. schnautze zu sq{fi)neu-d' oben), so könnte man ge- 
neigt sein, Schnabel zu sq{h)nax'P' zu stellen. Hiermit aber 
sind wir zu der schwierigen frage über den Zusammenhang zwi- 
schen Schnabel und z. b. an. nef gekommen, worüber unten. 



^) Vgl. auch schw. d. naplä Meise zncken, essen', siehe an 
hnupla unten. 



360 JOHANSSON 

Parallel mit sq{h)nax + lab. geht sq{h)nei + lab. Diese 
WZ.- form werde ich in einigen Wörtern mit etwa denselben be- 
deutungen wie in den vorhergehenden aufweisen. 

D. Schnippchen zu schnippen, mhd. snipfen, (md.) snippen 
Mn kurzer bewegung schnellen' ist, wie sich auch aus ndLsnip- 
pelen — woraus nhd. schnippeln — 'schneiden, zerstttcken' er- 
gibt, auf einen stamm snipp- mit grundbedeutung 'schneiden, 
reiben' zurückzuführen, vgl. engl. ^m> 'schnitt, schneiden'. Diese 
formen, mit mengl. snibbin 'tadeln' (vgl. schw. ge nägon en skrapaY) 
zus9,mmengehalten, weisen auf wurzelformen mit lab. p oder bh 
(s. Kluge, Wb. 303). Ich stelle diese Wörter unbedingt zu 
gr. öxvljtro), dessen grundbedeutung 'schaben' und 'stossen' 
gewesen sein mag, öxvljtrscv vvöosiv, xaivorofietv, axpijtog 
(und axviq)6g, vgl. öxvcg)6TTig) 'knickerig, knauserig' (vgl. an. 
hnjdggr : hujdggva), Oxvctp (gen. öxvTjtog und öxvTq)6g, vgl. 
Ost hoff, Perf. 298) 'schabe, name einer ameisenart\2) Nach 
meiner regel sollten diese Wörter kein x haben. Ich glaube, 
dass sie neubildungen (contaminatidnsbildungen) sind, in einer 
zeit geschehen, wo neben einander die stämthe ^övcüt- und 
xvLji- bestanden, und mit derselben bedeutung, ganz wie bei 
den angeführten Wörtern formen mit und ohne c mit identi- 
scher bedeutung vorkommen. Wir haben zu erwägen, dass 
nirgends ausser in den genannten Wörtern (und &xvriq>ri oben) 
im gr. die verb. cxv- vorkommt. Ist es nun wahrscheinlich — 
was aus dem von mir gesammelten material hervorgeht —, 
dass die verb. skn- häufiger gewesen ist, so ist a priori an- 
zunehmen, dass 6xv\ > CV-. Beweist sich dazu dies durch bei- 
spiele (vgl. xv(D'ip : vco'tp u. s. w.), so ist kaum eine andre mög- 
lichkeit Übrig, als cxv- als neuschöpfung anzusehen. Bei cxvlxw 
war diese neubildung um so viel leichter, als man nach den 
grammatikern (s. Lobeck, Pat. I, 127 ff.) ausserdem ein CTOf 
vljtrm — auch öxsvljtra) geschrieben — hat, wovon eine auf- 
frischung von a in xvijtra) ausgegangen sein kann. Jeden- 
falls zeigt der vergl. zwischen dem gr. und dem germ., dass 



^) Zu diesem stellen sich schw. d. snehba n. s. w., s. unten. 

^) Es gibt auch eine form axi^xp, das wenigstens schematiseh als 
ein nicht nasal-infigiertes axvif^xp gefasst werden kann. Das damit so- 
sammengestellte abg. sknipa ' cnlex ' ist wahrscheinlich griechisches lehfi- 
wort (vgl. Lobeck, Paral. 114, Curtius, Et.6 694). 



VERBINDUNGEN VON S (Z) + GÜTT. + Z, M, N. 361 

die aufgestellte regel für dies gilt. Ohne ö sind nun im gr. 
folgende Wörter zu belegen: xmjcstv . oaiacv, §v6cv, xvijtog, 
xvcg)6g (= öxvijtog, öxviq)6g), xviJioa) (= öxvljtrco] xsxvljkd- 
(iBVOL xaQjtol ' vüio tQvölßrjQ,^ 6t£q)0^aQft8VOi Hes., xviJtoT?]^ 
= öxvijtorrjg), xtnjtsla, xvmla 'knickerei*, vgl. auch yvlg)a)v 
'knicker, knauser' {yvlq)(ovsq xal öxvijtol oi ftixQa jtQoisfisvoi 
xal ÖLÖovxeg Arist. Eth. Nie. 4,454 a)*); weiter xvlip' C,c5ov 
jtri]v6v, ofiocov, xcovcojti Hes. {öxvirp). 

Wenn es nun ausser zweifei gestellt ist, dass germ. st. 
5«r+4ab. mit gi\ {o)xvi + lab. identiseh ist, werde ich die 
nordischen Wörter etwas ausführlicher erörteni. 

Im schw. d. kommt ein snippa stark flectiert vor. Diese 
biegung muss jedoch secundär sein, d. h. durch analogie der 
starken verba entstanden. Sonst würde es auf ein snemp- zu- 
rückgehen; aber von einer solchen Stammform gibt es keine 
sichere spur. Wir müssen sonach annehmen, dass snippa auf 
ein snf-pp' zurückzuführen sei, das dann in analogie mit 
sücka u. s. w. umgebildet worden ist. Ist nun ein snippa, snapp, 
snuppit Gnt&tsindeii, so wäre es denkbar, dass gewisse dialekt- 
formen mit a (vgl. snappa) und u (vgl. snuppd) neubildungen 
sein sollten. Es ist aber auch sicher, dass ursprüngliche for- 
men, aufursprünglicher stammbildung beruhend, vorgekommen 
sind. Es ist nicht undenkbar, dass diese ursprünglichen for- 
men, die für das Sprachgefühl als ablautsformen zu snippa er- 
schienen, zur hervorrufung der starken flexion von diesem mit- 
gewirkt haben. Schw. snippa deute ich sonach aus sq{h)m + 
lab. -j- w- und stelle es dän. d. snippe, engl, snip u. s. w. gleich; 
es bedeutet 'schnell zucken, reissen, greifen, eilig auf besuche 
laufen', bedeutungen, die sich leicht aus den oben statuierten 
grundbedeutungen herleiten lassen. Weiterhin zu erwähnen 
sind n. d. snippen 'pludselig, uventet' und 'slagen, nedslaaet. 



*) In einer oder andrer weise gehört wol xifißi^ = yvitpwv hierher 
(xifißixsvopcci = oxviitTO), XLfjißixeia, xifjißeia = oxvinoTriqy^ xlfixpavTsg' 
BQeLaavTsq, axifxmo) erkläre ich durch annähme von einem gr. einschubs- 
vocal, d. h. ans *GX9fZ7iTo} vielleicht durch anschluss an gxvititü). axifiTi-: 
oxvtTi' = oxivö- : {o)xvt6' (pvo-xivöa^y xivöa^^ xivaösvg ^bissiges tier', 
xivaöog, axiva^, oxlvSa(pog u. 8. w., vgl. Bezzenberger, BB. V, 171> 
1. scintilla : niiere u. s. w. (s. Fick I, 805 ff.). 



362 JOHANSSON 

sorgende over et tab eller en skuflfelse'. Hierzu ohne Sj aber 
sicher mit h, an. Iinippa (praet. -pta und -afta) ^stossen, stechen', 
hnipping 'zank', wol auch schw. d. nippen 'schüchtern, be- 
stürzt'J) Sicher mit au. hnippa identisch ist das obscöne schw. 
d. nippa 'coire, procreare liberos ex famula', dessen bedeutung 
aus der von 'stossen' entwickelt sein kann (vgl. Ljungstedt, 
Anmärkn. tili det starka pret. i germ. spr. s. 167 n.) Ein an- 
dres verwantes wort ist schw. d. nippra 'leise zupfen'; nippra 
f. 'wund durch reiten ^ entstanden' (vgl. schw. hiisfen slöier), 
unsicher nipp er pl. 'spitzen der goldenen ader'. 

In einem etwaigien Zusammenhang mit den angeführten 
formen von S7iipp- stehen einige Wörter, die, wie es scheint, 
auf ein germ. syiaip- zurückzuführen sind : aschw. snepa (Vestm. 
L. II, Hels. L. MB. 15 pr.), das nicht mit Rydqvist IV, 98 aus 
snöpa^ an. sneypa 'kastrieren, beschämen' (s. unten) erklärt 
werden kann, sondern aus snaip- (verf. De deriv. vb. contr. 
111). Das ältere nschw. Uusa-^iäpa (Var. 80, Gust I bib., 
Rydqvist VI, 272), litisneepa 'lichtscheere' (Kock, Sv. Akc. II, 
274) wage ich nicht — so verlockend es auch ist — auf eine 
damit variierende ^-lose form zurückzuführen. 

Zum oben erwähnten mengl. snibbin 'tadeln' stellen sich 
schw. d. S7iebba (Halland) 'tadeln, zurechtweisen', dän. d. stübbe^ 
wozu eine art intens, n. d. snefsa f. 'en skarp eller spydig til- 
tale', snefsa 'sige bitere ord, give spottegloser' (snefstn 
'spydig, bidende'), schw. 5wä/j?a id., aber auch schw. d. sniffsa^ 
sneffsa 'schnell abschneiden, abscheren'. Ohne s: n. d. nefsa 
'snerte, refse, straffe; stikle paa, tirre med spydige ord', 
aschw. ncefsa, ncepsa (Rydqvist III, 139. VI, 325 f.), schw. d; 
näfsa, reichsspr. näpsa 'ahnden, zurechtweisen, tadeln', aber 
auch schw. d. neffsa 'ein wenig abscheren, abschneiden (von 
haar, hart, pflanzen)', niffs (Vesterbotten) 'zu sich schnappen, 
zupfen'. Wie die hier wahrgenommenen bedeutungen auch 



^) Dagegen wage ich nicht, hierher zu ziehen an. hnipa *mit dem 
köpf von trübsal neigen', hnipinn ^trübselig' (s. Fritzner, Ordb. 2.aufl); 
schw. d. (Dalarne) nepcn, das auf ein an. hitpinn hindeutet (s. NoreeD, 
Sv. L. IV, 2, 132); wozu an. hnipna. Diese Wörter hängen wol mit ags. 
htiipan, hnipian ^üich neigen' znsammen, über deren eventuellen Zusammen- 
hang mit d. kneipen s. Kluge, Wb. 176, vgl. J. Schmidt, Voc. II,49S. 



VERBINDUNGEN VON S (Z) -f GUTT. -f Z, M, N, 363 

bei mehreren der unten zu erörternden Wörtern vorkommen, 
werden wir bald sehen.*) 

Wir gehen jetzt zu den mit u vocalisierten formen, d. h. 
sq{h)neu'P', -b-, -bh-J^). Nahezu dieselben bedeutungsentwicke- 
lungen wie in den vorher erörterterten Wörtern begegnen hier. 

Der Wechsel snub- : hnui- (snuf- : hnuf-) erscheint in n. 
d. snuvutt 'afstumpet, tvser, but; korthaaret', schw. d. snu- 
vugurj snuvi, snuvä id., und als verbum mit anders entwickelter 
bedeutung schw. d. snyva {snyvas, snuvas) 'erztlrnt, zornig' auch 
^ stolz, hoffärtig sein' (vielleicht jedoch näher mit ^cÄwawtoi zu- 
sammenzubringen); ohne s: isl. hnüfa Ho chop off\ n. d. nuva 
{nyva u. s. w.) 'afstumpe, af runde' u. s. w., nuv 'afstumpet, tvier, 
but; mut, ordknap', nuvutt (= snuvutt), schw. d. nuvä, nuvug id- 
Sind diese Wörter mit urspr. f) anzusetzen, so erscheint dies 



*) Dagegen ist es höchst zweifelhaft, ob man eine andre klasse von 
Wörtern, die durchgehend etwas spitziges, aufragendes, ausgezognes be- 
deuten, hiermit zusammenstellen darf. Schon oben habe ich auf ahd. 
snuzza hingewiesen und es zögernd zu sq(h)neud- gezogen. Femer ags. 
snite, engl, snite ^Schnepfe* (eig. von dem Schnabel benannt, vgl. 
Schnepfe : schnabel, air. corr sowol ^kranich' als *schnabel', s. Zimmer, 
Kelt. St. I, 121 f.) zu sq(h)neid-. So die mit d. schnabel zusammenhängen- 
den Wörter wie z. b. an. stießt (vgl. snefja *aufspüreü'), n. d. snev, 
schw. d. snäf, ndl. sneb, dän. d. snabe, schw. d. snape * spitz* (vgl. lit. 
snäpas), wozu möglicherweise Schnepfe, schw. snäppa, in Verhältnis zu 
an. nef, ndl. neb, ags. nebb^ ferner vielleicht an. nabbe, n. d. nabbe, 
nabb *knag, nagle, pind, törepael, bergknold', schw. d. nabbe, nabh * spitz, 
nagel, köpf (vgl. schw. d. snabb * spitze, anhöhe'). Es ist zweifelhaft, 
üb diese Wörter mit sq{h)nap' zusammengehalten werden dürfen, weil 
in den 5-losen formen nirgends ein h- angetroffen wird. Dieselbe he- 
wantnis hat es mit den folgenden Wörtern, die man sonst zu sq{h)nip' 
zu ziehen geneigt sein könnte: dän. d. stiip ^zipfel', n. d. snipp, schw. 
d. snip (langes i), snipp, snihb *zipfel, schnabel', an. snipill u. s. w. (vgl. 
ns. snippe oder snibbe\ n. d. snipa * schnabel, rüssel, Schnepfe', schw. 
d. snipa *winkel, zipfel, spitze, spitziger nachen' u. s. w. (s. Kietz 
643 f.), m.-engl. S7iipe, engl, snipe. Hierzu ohne s n.d.nipai. *en steil 
fjeldtop, en bjergspids med en brat nedadgaaende side' (vgl. jedoch an. 
gnipa, oder zu slji, hnipa * neigen'), tiibba 'spids', schw, d. nipper 'spitze 
der goldenen ader'. — Mit schw. d. sniper oder snipper *fein, zierlich, 
nett, hoffärtig : ndän. d. nipper {nipei') id., isl. nepr id., schw. nipper 
id. ist wol hier nichts anzufangen. 

*) Im gr. finde ich nur xvvtkooo) ' d^Qiyxcvao) Hes. (s. Lobeck, 
Paral. 462 n.), das möglicherweise hierher gerechnet werden kann 



3(54 JOHANSSON 

geminiert in an. .^nz^ö^^J/r 'abgestumpft', d^n.snubbeif schwed. 
d. snubbi, snuhhut, snuhbug ^ungehörnt, abgestumpft', an. snubba 
'vorwerfen, verweisen' = aschw. snobba, snybba, snubba, nschw. 
snubba; eine ursprünglichere bedeutung zeigt schw. d. snubba 
'etwas abscheren, -schneiden, -kürzen' (vgl. auch schw. d. snubba 
f. 'kuh, der die hömer mangeln'^)); n. d.smAba 'tiltale haardt, 
give hvasse ord', snubba f. 'haard tiltale', im schw. gewöhn- 
lich pl. snubbor. Wörter ohne s: schw. d. ww&ftw^ 'kurz', nubbi 
'ungehömt', n. d. nubben 'kort og afstumpet'. Diese bedeu- 
tung erscheint auch in schw. d. nvbba f. 'kleines frauen- 
zimmer', wie auch schw. und n. d. nubb 'kleiner spiker, 
nagel' u. a. 

Auch die gem.p/? kommt vor in n. d. snupp 'stump, lidet 
stycke', snuppeleg 'tvaer, kort, afstumpet', snupputt 'kort og 
tvair', snuppen 'stödt, skuflfet' (vgl. snippen und snopen oben), 
snup{j>)t 'tvairt, ganske' u. s. w. — Schw. d. snupp (sä ao) 
'eilig und heimlich wegschleichen' ist eigentlich dasselbe wort 
wie schw. snoppa 'abschneiden' {snoppa eit (jus 'ein licht putzen'), 
dän. d. snuppe (vgl. snippe\ vgl. engl, to snuff 'das licht schneu- 
zen', wie auch nhd. schnuppe, ndd. snuppe. Ein andres ab- 
lautsstadium, aber ohne gemination — wie (a)schw. snepa — 
erscheint in schw. snöpa 'kastrieren, ein licht putzen', aschw. 
snöpa^ an. sneypa aus snau-p-. Ohne s gehören meiner meinung 
nach hierher g. dis-hniupan^ -hnupnan, schw. nypa, dial. 7uopa, 
an. hnupla, schw. d. näppla (Finl.), und mit gemination n. d. 
nuppa, nyppa 'nappe, rykke, gribe; plukke, pille, oprykke', 
napp 'fnas, pluk, affald' u. s. w. (Aasen 542), schw. d. nuppor 
'kleines stroh, ähre' u. s. w. (s. Rietz 471), näppa ^pflücken, 
zupfen', dem. näppra, adj. noppä 'ungehörnte kuh' (vgl. snubbug, 
nubby{i). 

Wie bei sq{h)na'P' erscheint auch hier die bedeutung 
'straucheln' in n. d. snuvla, schw. d. snubba, snub{p)la, snup{p)laj 
s7ioppla, snöpla u. s. w. 

Man kann zweifelhaft sein, wohin man d. schnauben^ mhd. 

^) Ob schw. d. snuvva (An^ermaDland), snuv (Finland) lautgesetz- 
liehe gestaltnngen von snubb- sind oder ob sie auf ungeminierte wz.- 
form zurückzuführen sind, bin ich nicht in der läge zu entscheiden. Vgl* 
schw. d. snuven (ÖstergÖtland), snuven (Smäland) = snopen] nfr, snubbti 
snobbe * beschämt, verlegen'. 



VERBINDUNGEN VON S (Z) + GÜTT. + L, M, N. 365 

(md.) sntiben, ndl. snuiven, ndd. müven, nhd. schnaufen^ d. 
schnupfen, mhd. snupfe, ahd. snuffizan^ snupfizan 'singultare*, 
schw. snyfia u. s. w. ziehen darf. Am besten scheint mir eine 
bedeutungsentwickelung 'schaben, schrapen' — durch Über- 
tragung auf die dabei bewirkte lauterscheinung, hier speciell 
'niesen, schnauben'. Davon durch übei*tragung aufdengeruch 
— natürlich wegen des mit dem geruch oft verbundenen 
niesen — /riechen' in d. schnüffeln, tr, nAA, uAh snuffelen, engl. 
to snuff,^) 

Es^ gibt ein an. snykr m. (= fnykr, knykr, nykr) Bp. II, 5*^ 
Alle diese Wörter bedeuten dasselbe, nämlich 'stank', und sie 
können kaum getrennt werden. Nun zeigt eine vergleichung 
mit den noch in nordischen sprachen lebendigen wjörtern, dass 
die bedeutung 'stank' kaum ursprünglich sein kann. Aschw. 
fntüc, fnok (Rydqvist IV, 240; VI, 117), nschw. fnyk — dial. 
fnyk, fnäky fnok, fnyg, fnäg^ fnög — dän. fnyg, fnug bedeuten 
'daunen, flocken, fasern, etwas kleines', und daraus ist wahr- 
scheinlich die bed. stank entwickelt. Die im schwed. und dän. 
heimischen bedeutungen lassen sich ungesucht auf die bedeu- 
tung etwas 'abgeschabtes, abschi^bsel' (s. oben) zurückführen, 
und die Wörter können in bezug auf ihr einfaches wurzelelement 
mit {ö)xvvo[) u. s. w. zusammenhängen. In bezug auf s- und 
^-formen lassen sich die formen so verteilen: an. snykr'^)y 
anderseits nykr aus *hnykr sammt den mit /- anlautenden Wör- 
tern; knykr bietet dieselben Schwierigkeiten dar wie knjosk, 
knäg^) (= gneggjd) u. s. w. Alle diese Wörter nun müssen 
meiner meinung nach mit 1. nugce zusammengehalten werden; 
nugoe steht wahrscheinlich für ^snug- < *sq{h)nug' (vielleicht 



^) Aber hier könnte man mit Kluge, Wb. unter schnupfen die be- 
deutungen Zunächst in Verbindung mit auch mit u vocalisierten Wörtern, 
die schnauze u. s. w. bedeuten, bringen. Ob diese, z. b. einerseits an. 
snoppa 'sc&nauze*, anderseits (ohne s) n. d. nohb, nov, nobb 'bjerg, pynt, 
fremragende klippe', schw. d. noppa, pl. noppor u. s. w. (s. ßletz 471) 
mit sq{h)neu-p' zusammenhängen, ist ebenso zweifelhaft wie bei schnabel 
zu sgihynä^x-p' u. s. w. 

^) N. d. snik, sncek bedeutet dasselbe, aber bietet für Identifi- 
cation mit snykr Schwierigkeiten dar. Vielleicht ist damit n. d. nik 
^smaa hnggespaaner' zusammenzustellen. 

3) Vgl. auch schw. d. (Estland) knüskian : schw. snuskig 'unflätig', 
was vielleicht auf ein skn- oder zgn- hindeutet. 



366 JOHANSSON 

aber auch für ^gnug- < ^knug-). Wie nun tenuis und media 
öfters wechseln, stelle ich mit andern hierzu 1. naucus, nau- 
cum, wie auch nux, wobei wenigstens wz.-verwan tschaft 
mit an. hnot gewonnen ist (vgl. Vanicek, Wb. 167 und das, 
cit. lit.; die F ick' sehe Zusammenstellung Wb. II, 193 ist un- 
haltbar). 

Im ags. kommt ein verb. snican 'kriechen' vor, wozu 
wahrscheinlich an. S7iikja 'trachten nach', n. d. snikj'a 'snylte, 
snige sig frem for at faa noget', schw. (d,) snika 'nach etwas 
begehrlich sein, geizig sein', aber auch (Södra Möre) mit der 
urspr. bed. 'schleichen', wie im dän. snige. Die ftlr die ge- 
nannten Wörter vergleichsweise ursprünglichere bedeutung ist 
sonach deutlich 'schleichen'. 'Schleichen' ist leicht als ein 
'widerholtes bücken, neigen' zu fassen. Fände sich nun eine 
intensiv-iterativbildung von einem verb mit der bed. 'sich bücken, 
neigen' so hätte man damit eine nicht unpassende etymologi^ 
für ags. snican. Ist snican eine iterativ- oder in-tensivbildung 
mit w-suflf., so hat man auszugehen von {^snJgnö, ^sniknö oder) 
*smghnö und daraus *snikkö > *smkö, snican (Osthoff, Beitr. 
Vlli, 299, MU. IV, 77flF., Kluge, Beitr. IX, 178 flf. 182 fr., 
Kauff mann, ib. XII, 512 flf.). Wählen wir nun *snighnö, so dürfen 
wir eine entsprechung erwarten. Ich lege ein *snigh' in 1. co- 
niveo aus ^co-snigveo zu grund (vgl. nictare, nico Plaut. Truc. 
2, 7, 63 = 603). Die bedeutung ist 'sich neigen, einnicken, 
einschlummern'. Diese bedeutung erscheint auch in schw. (d.) 
nicka 'einschlummern' eig. 'nicken', A, nicken u. s. w.; dies ist 
aus ^hnikkö aus ^knigh-nö zu erklären und zu g. hneiwan, 
as. hnigan, ags. hnigan, ahd. nigan, an. hniga u. s. w. zu stellen 
(vgl. Ost hoff, Beitr. VIII, 274 flf.). Sonach ist s^iican : 1. co- 
niveo = nicken : hneiwan, und auch wenn co-niveo aus *knigveo 
ist (was mir zweifelhaft scheint, vgl. nosco : co-gnosco u. a.), so 
ist snican mit s dieselbe intensiv-bildung wie nicken ohne s 
und zu {s)kneigh' zu stellen in hneiwan. Andere sichere ent-. 
sprechungen weiss ich nicht vorzubringen.*) 



^) Es sei denn, dass wir im lat. selbst eine form mit gutt. im ao- 
laut hier zu stellen wagen : con-quini-sco {con-quexi), falls es aus *con- 
sq{e)ii%gh'SCO gedeutet werden kann; {co7i-)quexi braucht nicht dieselbe 
WZ. vorauszusetzen (vgl. F r ö h d e, BB. I, 330). 



VERBINDUNGEN VON S (Z) 4- GUTT. + Z, M, N. 367 

Die idg* wz. sqOxP- in s. ksäp, ksapä scheint mit ge- 
wissen Wörtern, die ein n enthalten, zusammengehalten werden 
zu dürfen (vgl. Fick I, 809 f.). Wie dem auch sei, scheinen 
gr. vanp ; xvd)^ (= rvfpXoq, vgl. Lobeck, Prol. 118) nur da- 
durch erklärt werden zu können, dass man vcjip aus *sqnöps 
deutet. 

Damit hängen wol in irgendeiner weise gr. öxvijtatog, 
öxvlq)oq, ()xvig)6g^ öTcvlxp statt .*(>rfjr- > ^vijt- : xvijcog * dunkel' ^) 
zusammen. Es wäre nicht unwahrscheinlich, dass das schw. 
(Estland) sniprian ^unheimlich, düster' damit zusammenhängen 
könnte. 

Gr. vcoxaQ kann mit xvcdöccq zusammengestellt werden, 
wenn man von einem skn- ausgeht (über vcoxaQ anders Fick 
I, 123; xv(6oO(D deutet Fick, BB. VII, 194 aus ^xvcoyruD, und 
stellt es zu ags. hnappiariy ahd. hnaffezan u. s. w.). Wäre 
nicht die Verschiedenheit der auslaute der wurzeln, so wäre 
ich nicht ungeneigt, hierzu schw. d. snoka 'schnobern, wittern, 
spüren', ^wö/: *maul, schnauze' zu ziehen. Die grundbedeutung 
wäre etwa 'schnauben'. Zu snok könnte sich schw. d. knoka 
'die mundgegend, schnauze' verhalten wie knykr zu snykr 
(übrigens vgl. über snoka, snaka u. s. w. Bugge, C. St. IV, 337, 
Fick, BB. 1,62; De Saussure, M6m. 156; Bezzenberger, 
BB. V, 173). D. nacken ist vielleicht für *knak'7iön'\ dagegen 
kann wol kaum ndd. nippen dazu gehören; vielleicht zu öxvijt- 
: XVI jt- 'dunkel' (oben). 

L. ncevus 'mal, muttermal, ein angeborener flecken' (dazu 
i\€eviics, ncevulus) ist kaum aus *gna-i-vo- zu deuten. Formell 
kann es freilich sowol daraus als aus ^knaivo- entstanden 
sein; es hindert aber nichts, eine grundform *snaivo' aus 
*snaigvO', ^sqnaigo- anzunehmen. Wäre dies der fall, so könnte 
man (mit Persson) schw. d. /wahrer 'Sommersprossen, sommer- 
fleck' aus ^qnig-ro' vergleichen (vgl. fnassel). Nun ist es aber 
möglich, dass fnäkrer durch einen etwaigen dissimilationstrieb 
oder eine art metathesis aus fräknar^ an. frekna (vgl. engl. 
freckle, s. Kluge unter 2 sprenkel) entstanden ist. Wäre mein 



^) Vgl. xvlneq' o^fxaxa nsQißeßQWfxivcc . xal 'QiovipLa zwv ^vlo- 
(paywv. 



308 JOHANSSON, VERBIND. VON S (Z) 4- GUTT. + Z, M, K 

Vorschlag zu berücksichtigen, so könnte man den anlaut sqn- in 
Verbindung mit wz. sq{h)en', sq{h)nei'- bringen, vgl. oben n. d. 
snik 'stank' : nik 'smaa bnggespaaner, fnas' aus sq{h)ni'g- : 
q{h)ni-g'. 

Von B. zgn-y C. zghn- habe ich keine einigermassen sichere 
beispiele gefunden, die hier besprochen zu werden verdienen 
könnten. 

KRISTIANIA, mai 1888. 

KARL FERDINAND JOHANSSON. 



VINGOLF. 

Uei gelegenheit einer Vorlesung üb^r Klopstocks öden ge- 
riet ich darauf, der bedeutung des berühmten 'Wingoir 
nachzugehen und erkannte, dass die seit Klopstocks zeiten 
verbreitetste deutung, welche vinr 'freund' in dem ersten 
teile sieht, falsch ist; dass vielmehr vingölf zu schreiben und 
die bedeutung einfach als 'weinraum, weinhaus, weinsaal' zu 
fassen ist. 

Die landläufige deutung bietet zunächst den anstoss, dass 
in all den zahlreichen compositis mit vin- die bedeutung 
* freund' ganz klar zu tage liegt (vingjof freundesgabe, vin- 
margr viele freunde habend etc.). Danach könnte man vin- , 
gölf nui- -als ' freundesraum ' allenfalls als * freundschafts- 
raum' übersetzen, was Klopstock dann zu einem Uempel 
der freundschaft' frei umdeutete. Nun ist aber Vingolf in 
den drei stellen der Oylfaginning, in denen allein es in 
alter zeit vorkommt, lediglich der name eines hauses in 
Asgard, das eine mal dem saal Gimlä, als sitze der seligen 
gleichbedeutend (c. 3), das andere mal (c. 14) als wohnung der 
göttinnen aufgefasst, das dritte mal (c. 20) mit dem allitterie- 
renden Vallhgll zugleich als aufenthalt der einherier genannt. 
Nirgends aber ist dabei die' mindeste beziehung zum begriffe 
grade der freundschaft zu entdecken. Deshalb zieht wol 
Cleasby-Vigfusson s. v. die deutung mit vin 'Weideplatz' vor 
und übersetzt Vingölf durch 'mansion of Miss' (wonnevoller 
aufenthalt). Dieser sinn würde entschieden besser zum namen 
solch eines himmlischen saales passen (vgl. Glabsheimr\ — 
wenn er aus dem altnord. zu gewinnen wäre. Ganz abgesehen 
davon, dass. weitere composita mit diesem t;/n- nicht zu existie- 
ren scheinen, so bedeutet vin eben im altn. lediglich 'weide- 



370 BRAUNE 

platz, grasfläche', aber absolut nicht 'wonne'. Zu dieser Über- 
setzung kann man nur kommen, wenn man die ganz junge 
berührung dieser beiden Wörter, die im ahd. eingetreten ist ^), ohne 
* weiteres aufs altn. überträgt. Dazu liegt aber nicht der schein 
eines grundes vor; Vigfussons erklärung entbehrt also jeder 



*) Die zweifei, welche Kluge (Et. wb. s. v. wonne) gegen die Iden- 
tität beider Wörter erhebt, möchte ich noch verstärken. Ich fasse die 
geschichte ' derselben folgenderibassen auf. Am anfang des 9. jh.'s gab 
es im ahd. zwei etymologisch und formell durchaus verschiedne Wörter: 
1. rvinne pastum Rd (Gl. I, 286, 56); rvinnemändth 'weidemonat* Mai bei 
Einhard = got. rvinja vofitj, altn. vin. 2. rvunne, rvunnia, wunna 'wonne' 
= alts. rvunnea, ags. rvynn. — Dass ahd. rvunnia ohne weiteres auch 
'weide* bedeutet habe, leugne ich. Die einzige stelle, die man dafür 
verwendet: Ludwigsl. 8 ihia czala wunniöno habe ich schon im glossar 
meines ahd. lesebuchs seit der 2. aufl. mit einem fragezeichen versehen; 
ich muss in der tat jetzt die Übersetzung für die einzig richtige halten: 
er teilte mit seinem bruder 'die menge der wonnen', d. h. 'die ganze 
königliche herrlichkeit' (vgl. itSelwynn ' erbsitzwonne, genass des erb- 
sitzes' Beowulf 2885 und besonders 2493). Die teilung des königreiches 
als teilung des Weidelandes zu bezeichnen würde doch nur für nomadi- 
sierende hirtenkönige angemessen sein, nicht aber auf die Karolinger 
passen. 

Das wort winne, welches im lauf des 9. jh»*s winna gelautet haben 
würde, kam ausser gebrauch. Es erhielt sich aber in der allitterierenden 
formel winna enti weida, die wol besonders ein rechtsausdruck war. Und 
hier trat nun die volksetymologische anlehnung an nmnna 'wonne' ein; 
in der festen Verbindung wunn und weide, welche in den weistümem 
und vereinzelt auch in der mhd. litteratur sich findet, hat natürlich 
niemand mehr den eigentlichen sinn verstanden, sondern wünne hat 
dabei vorgeschwebt, vgl. z. b. die von Lexer citierte Tristanstelle: ouge 
und öre hceten da weid und wunne beide: daz ouge sine weide», dazöre 
sme wunne. Die bedeutung ' wiesenland ' ist also in den mhd. Wörter- 
büchern unter wünne zu streichen. — Die zweite Verbindung, in der 
ahd. winne sich erhielt, war der von Einhard überlieferte monatsname 
winnemänöth. Hier lag beim schwinden des simplex winne die anleh- 
nung an wunna begrifflich fast noch näher, und so treffen wir in glossen 
des 10.— 12. jh.*s die umgedeuteten formen (Graff 2, 796), ja schon in 
Sg. 397 aus dem 9. jh. steht uunni manoht (Hattem. 1, 336), auch einige 
späte Einhardhss. bieten wunnemanoih, wunnemonet und dgl. (vgl. die 
Varianten in M. G. SS. II p. 458). Dass schon im anfang des 9. jb.'s 
das wort selten wurde, kann man wol auch daraus schliessen, dass im 
glossar IbRd zu der Übersetzung pastum winne noch ein erläuterndes 
cauma gefügt wurde, ebenso zu dem verbum depascat piuuine noch 
frezze (Gl. I, 277, 12), vgl. auch in R: depascit frizit i uuinU (Gl. I| 



VINGOLF. 371 

berechtigung. Wollte man sonach bei der verbreiteten deutung 
durch vinr 'freund' bleiben, so müsste man zu dem auskunfts- 
mittel greifen, dass man Vingolf für einen uralten mythologi- 
schen namen erklärte, dessen eigentliche bedeutung in der vor- 
liegenden anwendung schon vei'wischt wäre, was freilich bei 
der sonstigen häufigkeit des wortes vin- als erster teil von 
compositis auffällig erscheinen müsste. 

Nun aber spricht alles dagegen, in Vingolf ein uraltes 
wort zu sehen und alles dafür, daps es eine ganz junge bil- 
dung ist, die vielleicht nicht über das 11./12. jahrh. zurück- 
reicht. Denn wie schon erwähnt, kommt das wort nur an drei 
stellen der Gylfaginning vor, nicht in den Eddaliedern und 
auch nicht in den übrigen poetischen denkmälern der alten 
zeit.i) Und dass an jenen drei stellen die auffassung des 
Saales Vingolf eine schwankende, ja widerspruchsvolle ist, 
wurde ebenfalls oben schon hervorgehoben. Es dient zur 
klärung dieser Widersprüche, dass von jenen drei erwähnungen 
des Vingolf in der Snorra Edda nur ^ine sich im Uppsala- 
codex, dem jetzt allseitig als ursprünglichsten anerkannten 
texte, findet, nämlich die in cap. 20.^) Nur diese einzige er- 
wähnung Vingolfs geht also sicher auf Snorri zurück. Statt 



115,24). Sicher hat der Schreiber von Ib das uuinne der vorläge nicht 
verstanden; denn er macht daraus uuona, was freilich keinen sinn gibt, 
aber auch keine anlehnung an tvunna sein kann. Denn wenige zeilen 
später schreiben beide Schreiber richtig (Gl. I, 286, 64) paradisi ortus 
uunnicari(p), Dass dem Verfasser des glossars die Verschiedenheit der 
Worte rvinne und rvunne klar war, geht übrigens daraus deutlich hervor ; 
die Vermischung konnte eben nur durch Volksetymologie geschehen, rein 
lautlich ist sie unmöglich. 

^) Sonst findet sich Vingolf nur noch in dem ganz jungen liede 
Hrafnagaldr Ocßns 17 {Vingolf iöku Vit^ars pegnar) und in einer 
offenbar ebenfalls jungen Strophe eines gewissen Hadding, welche nur 
bei Stephanius in den uotae seiner ausg. des Saxo pag. 79 f. gedruckt 
tiberliefert ist (citiert von Grimm, D. myth.* 684). Beide stellen fusseu 
sicherlich nur auf der Snorra Edda. 

^) Noch ehe ich selbst gelegenheit genommen hatte den Eddastellen 
genauer nachzugehen, machte mich auf diese tatsache mein verehrter 
freund prof. B. Symons aufmerksam, dem ich brieflich meine auffassung 
von Vingolf vorgelegt hatte. Er stimmte derselben vollkommen zu und 
teilte mir freundlichst auch einige weitere unten noch zu verwendende 
wertvolle be merkungen mit. 



372 BRAUNE 

« 

Gylfag. cap. 3 (Sn. E. I, 38) ok skiUu allir menn Ufa, peir er 
reit eru sibatSir ok vera meti honum själfum par sem heitir 
Gimli et5a Vingdlf hat U nur (Sn. E. II, 255): ok skulo pa 
allir hua meti honum reitsipapir par sem heitir gimle. Es ist 
von selbst klar, dass hier et5a Vingdlf ein späterer schreiber- 
zusatz ist. — An der zweiten stelle Gylfag. c. 14, wo in der 
vulgata (Sn. E. 1, 62) sonderbarer weise die wohnung der 
göttinnen Vingölf genannt wird, hat U (II, 260) statt dessen 
vindglop. Es ist von vorneherein wahrscheinlich, dass hierin 
das echte steckt, wenngleich die deutung dieses namens, 
schwierig ist.^) Die verfertiger der übrigen hss. setzten statt 
dessen das ihnen klare, aber sachlich ungehörige Vingdlf] eine 
hs. (S) hat sogar die compromissform Vindgolf aus der man 
sehr mit unrecht ebenfalls die etymologie von Vingölf ver- 
sucht hat.2) Wir würden aber ganz unmethodisch verfahren, 
wenn wir bei der Vingolf-frage diese beiden stellen, die sich 
sowol inhaltlich als der Überlieferung nach als apokryph er- 
weisen, irgend in betracht zögen. Es bleibt nur der einzige 
beleg übrig, wo Vingolf in allen hss. steht: Gylfag. c. 20 
(Sn. E. I, 84. II, 265). Derselbe lautet: hann {Ötiinn) heitir ok 
Valfgbry pvi at hans dskasynir eru ailir peir, er i val faUa, 
peim skipar hann Valhgll ok Vingölf, ok heita peir pä Ein- 
herjar. 

Dass dies diejenige stelle ist, wo Vingölf hingehört, zeigt 
auch schon die alliteration mit Valholl. Es war danach also 
für Snorri Vingolf ein haus, welches neben Valhgll die ein- 
her ier beherbergte. Dass das aber eine sehr junge auffassung 
sein muss, leuchtet ein. Denn in aller sonstigen Überlieferung 
ist Valhgll allein das nordische kriegerparadies. Nun steht es 
aber nach den Untersuchungen von Schullerus (Beitr. XII, 
221 ff.) fest, dass Valholl als kriegerparadies erst seit etwa 
dem 9. jh. an die stelle des älteren nordischen Helglaubens 
getreten ist, mag man nun mit Schullerus autochthone nordische 

1) = vindglötf ^windglut'?; oder ist glof? das in den Skäldskajiannil 
Sn.£. 1,575. II; 479. 622 unter den ä heid angeführte glg9 (glaulf) 
^amnis'? 

2) Zuletzt Finnur Jönsson, Sn. £. III, 759: 'venti pavimentnm wt 
sßdes [terra aut aer?] aut sedes amoena'? er lässt also nebenher aach 
Vigfnssons dentung als möglich gelten. — Vgl. auch unten s. 375 anm. 2. 



VINGOLF. 373 

entstehuug im wikiugerzeitalter annehmen, oder mit seinem 
recensenten E. Mogk (Litbl. 1887, 289 ff.) der ansieht sein, dass 
Valholl mit 05in als todesgotte in Skandinavien eingewandert, 
ursprünglieh 05ins totenreich gewesen und im Norden später 
zum kriegerparadies entwickelt sei. Jedenfalls ist schon der 
Vallhollglaube im Norden sehr jung und Vingolf kann daher 
nichts weiter als eine gemination von Valholl allerjtingster her- 
kunft sein. Ein altmythologisches wort ist also in Vingolf un- 
möglich zu erblicken und deshalb ist zu erwarten, dass über 
die etymologie des wertes und die begründung derselben noch 
klarheit zu gewinnen sei. Natürlich ist Snorri nicht als der 
erfinder des wertes zu betrachten, sondern schon die allitera- 
tion weist darauf hin, dass ihm irgend eine dichterstrophe 
dazu den anlass gab. Vielleicht ist die entsteh ung des wertes 
so zu denken, dass der betr. dichter zu Valholl einfach eine 
damit alliterierende, schmückende Variation beabsichtigte. Nun 
wissen wir, dass der wein im wikingeralter als vornehmstes 
getränk im Norden durchaus bekannt war; kommt er doch in 
den Eddaliedern häufig genug vor und spielt in den kenningar 
der skaldik seine rolla^) Es lag also nahe, Valholl poetisch 
umschreibend ein vingolf 'weinhaus' zu nennen, eine bildung, 
welcher Wörter wie mjot5rann (Atlakv.), hjdrsalr (Vglusp.) analog 
sind. Es kann nichts als ein missverständnis sein, wenn dieses 
vlngdlf^ womit ursprünglich nur Vallhgll selbst gemeint war, 
nun als ein Valholl gleichberechtigter saal der einherier auf- 
gefasst wird. Ob das missverständnis von Snorri selbst her- 
rührt, oder ob er darin einen Vordermann gehabt hat, ist 
nicht zu entscheiden; doch empfiehlt es sich, dafür nicht viele 
Zwischenglieder anzunehmen, da eben nur durch die eine notiz 
Snorris die künde von diesem rivalen ValhgUs in die litteratur 
gedrungen ist. 

Erscheint somit die erklärung von vingolf als 'weinhaus' 
als die allein zulässige, so empfiehlt dieselbe sich auch da- 
durch, dass wir nun das wort wider mit den analogen bil- 
dungen der ags. poesie vereinigen können, wie wm-flprw, mn- 
bur^, rdn-reced^ winsele (vgl. meodurcern, meodu-bur^, meoduhea^, 



*) z. b. vineik arbor vini, femina, vingefn nympha vini, femina, 
vinkers njörun nympha poculi, femina. 

Boitr&ge zur geschichte der deutschen spräche. XIV. ^^ 



374 BRAUNE 

he6rsele)j denen sich im Heliand mn-seli anschliesst Jaeob 
Grimm wollte bekanntlich auch in all diesen Wörtern, das wort 
wird, rvine * freund' sehen (Andreas XXXVII, D. mythoL* s. 684); 
wol mehr der Verbindung mit 'Vingölf zu liebe, als aus dem 
gründe, dass 'hier und met getrunken wurde'. Denn das wein- 
trinken ist für das ags. altertum ebenso reichlich bezeugt wie 
für das nordische. Wird doch selbst im Beöwulf an Hrodgars 
hofe in der halle Heorot wein getrunken (byrelas sealdon mn 
of tvunderfatum 1161. 1233). Es ist daher seit Oreins Sprach- 
schatz die richtige auffassung jener ags. werter allgemein ge- 
worden, zumal nachdem Sievers anm. zu Heliand 229 darauf 
hinwies, dass ableitungen von wine im ags. eben nur tviM' 
sele etc. heissen dürften, also auch grammatisch mn-seie etc. 
das einzig zulässige sei.^) Gegen Sievers hat nur noch 
M. Roediger bedenken erhoben (Anz. fda. 5, 284), indem er 
— die grammatische Schwierigkeit anerkennend — 1. es merk- 
würdig findet, Venu man den saal nach einem ausnahms- 
weisen getränk benannt hätte' und 2. auf altn. Vingilf^ Vm- 
heimr hinweist. Gegen das erstere bedenken ist zu erinnern, 
dass bei den Angelsachsen der wein nicht das gewöhnlichste, 
aber doch das vornehmste getränk war und dass es deshalb 
sich sehr wol eignete, als poetisch schmückendes bestimmungs- 
wort für eine trinkhalle zu dienen, selbst wenn darin nicht, 
oder nicht vorwiegend wein getrunken wurde. Denn alle jene 
Wörter sind ja nicht vom Standpunkte der logischen prosa, 
sondern von dem des poetischen formelschatzes und des 
Variationsbedürfnisses der alliterationstechnik aus zu betrach- 
ten; ja noch mehr, sie dienen, da sie stets Stabwörter 
sind, den zwecken der alliteration selbst. Dieselbe halle 
Heorot nennt der Beowulfdichter, wenn ihm eine alliteration 
auf h gelegen ist, heörsele {on bedrsele benc gerymed 491 
482), oder meodu-oem, -heäl, um auf m zu alliterieren (m^ 
docem micel tnen gewyrcean 69, on pisse tneodu heaHe wSme 



^) Ein directes zeugnis für win- entnehme ich ans den lehrreiches 
Zusammenstellungen der handschriftlichen längezeiehen , die Wfilker 
seiner bearbeitnng von Greins bibliothek anfügt, indem die reichb'eh 
accentuierende hs. des Andreas das wort wtnburg, an welches J. Grinm 
anknüpfte, beide male mit dem längezeichen versieht (Grein- WAlker 
II, s. 205). 



VINGOLF. 375 



geMdan 638. 484). Und ebenso braucht er für dieselbe com- 
posita mit mn-, wozu die häufigkeit der ;2;-alliteratioii ganz 
besonders einlud (Yimcemes gev/eald 654; v/6d under Yiolcnum 
tö pcBs pe he Viinreced 714. 993; in pcem viin-sele Yiceldedb 
fomam 695. 771). 

Roedigers hin weis auf Vingölf verliert nun eben durch 
die auffassung als vingölf seine spitze. Was aber das zweit- 
genannte wort betrifift, Vinheimr, welches Egilsson lex. poet. 884 
durch ^amicum, carum, gratuni, domicilium' übersetzt, so wäre 
ja vom nordischen Standpunkte aus ein grammatisches be- 
denken nicht gegen diese Übersetzung zu erheben, wenn sonst 
alles passte. Aber es steht auch damit ganz anders. B. Symons 
schreibt mir darüber (15. jan. 1888): *An der stelle die [bei 
Egilsson] als beleg folgt, einer Strophe des Einarr skalaglam 
(Fornmanna s. 1,65; Heimskr. ed. Unger 122io), beweist die 
erforderliche a)?alhending, dass vinheims {: sina) zu lesen ist.^) 
Die stelle pvi kom voxtr i vinu Lopts vinar vinheims (so 
in prosaischer Wortfolge) wird man enträtseln müssen: "so 
wurde die zahl der einherjar vermehrt", so dass vlnheimr 
Lopts vinar eine geschmackvolle Umschreibung für OÖins 
pala^t = Valholl wäre. Vinheimr stände hier also durchaus 
in derselben Verwendung, wie Vingölf und bestätigt Ihre Ver- 
mutung, statt ihr zu widersprechen.' 2) 



Unger schreibt auch richtig vinheims, 

2) Symons bemerkt weiter: *Üebrigens schreibt Egilsson 883 Vingölf 
mit /, aber doch vielleicht nur zufällig: aus seiner erklärung '^palatium 
caeleste *', ist über seine auffassung nichts zu entnehmen. Vielleicht hat 
ihn also nur das folgende ng dazu verleitet, nach massgabe der jüngeren 
isl. dehnung eines vocals vor ng, nk, länge anzusetzen.' — Nach Egilssons 
auffassung von vinheimr sollte man allerdings annehmen, dass er auch 
Vingölf »so deuten werde, aber es ist doch zu beachten, dass er am 
Schlüsse des artikels auf das Lex. mythol. verweist. Und daselbst (ed. 
Arnamagn. der älteren Edda III p. 830) werden drei erklärungen als 
möglich hingestellt: 1. Vingölf = amicum vel amicorum (numinibus) 
conclave, 2. Vingölf = vinaria camera, 3. Vindgölf = venti camera, vel 
tectum caeli ventosi dicti Vindhldim, aut mundi ventosi, Vindheimr no- 
minati. Die letzte etymologie wird als die wahrscheinlichste bezeichnet 
(vgl. oben s. 372 anm. 2). — Danach scheint es doch, als ob Egilsson 
die von uns vertretene auffassung im äuge gehabt hätte, als er vingölf 
schrieb. 



376 BRAUNE, VINGOLF. 

Wir haben hier also ^ÖÖins weinheim' als poetische be- 
nennung von Vallhgll und damit eine treffende parallele zu 
der von uns oben angenommenen prägung des beiworts vin- 
gölf durch eine dichterstrophe. Es fehlte nur noch, dass auch 
Vinheimr als selbständiger saal aufgefasst neben VcUholl und 
Vingdlf in die Snorra Edda geraten wäre! 

GIESSEN, im September 1888. 

W. BRAUNE. 



zu 

DEN CAMBRIDGER REINAERTFRAGMENTEN. 

Ueber die seit 1870 in der hiesigen, an alten deutschen 
handschriften und drucken armen, Universitätsbibliothek auf- 
bewahrten sogenannten 'Culemannschen brachstücke' eines ge- 
druckten ndl. gedichtes von Beinaert ist zuletzt von F. Prion 
in dieser zs. VIII, (1880), 8 flf. ausftlhrlich gehandelt worden. 
Eine Zeitlang waren dieselben schwer zugänglich (vgl. Prions 
ausg. des Beinke de Vos (1887), XIV anm.), auch jetzt sind 
die blätter noch nicht catalogisiert, doch ist ihre benutzung 
wider möglich. Zu Prions an ersterer stelle gegebenen höchst 
dankenswerten auseinandersetzungen sowie seinem sorgfältigen 
abdruck der fragmente, wozu in seiner Beinke-ausgabe noch 
das nach einer durchzeichnung hergestellte, im ganzen recht wol 
gelungene fac-simile eines der holzschnitte^), kommt, ist nur sehr 
wenig hinzuzufügen und selbst dieses wenige wol nur deshalb, 
weil der herausgeber das original nicht selber benutzen konnte. 

Der Beiträge VIII, 10 flf. veranstaltete abdruck der frag- 
mente ist nicht völlig correkt. 

V. 90 steht rimbert, nicht rimbaert; 144 loon gheuen; 150 
smeekens; 151 smeeken; 190 hoe ciaer;. 218 een cleen; 221 
conick. Soweit wir es hier mit druckfehlern zu tun haben, 
hätten dieselben s. 9 zugleich mit den von Prion angemerkten 
aufgeführt werden sollen. Der s. 10 erwähnte dem original 
beiliegende abdruck Gulemanns ist in bezug auf obige stellen, 



^) Von den 4 vorhandenen holzschnitten sind nur 2 wolerhalten. 
Der eine ist von Prien in seiner ausgäbe, der andere von Hoffmann von 
Fallersleben in den Horae Belgicae XII bekannt gemacht. 2 holzschnitte 
sind identisch, so bleibt denn nur noch einer unvervielfältigt, ein stark 
verstümmelter, auf bjatt 6 ? 



378 BREUL, ZU DEN REINAERTFRAGMENTEN. 

trotz der von P. gerügten druckfehler, zuverlässiger als P.'s 
neiidruck. Die allerdings nur spärlich angewanten abkürzungen 
des alten drucks (en = ende etc.) hat P. einfach aufgelöst 
ohne dies ausdrücklich zu bemerken oder im druck irgendwie 
hervorzuheben. Auch ist der in den fragmenten gemachte 
unterschied zwischen f und s in P.'s druck stillschweigend be- 
seitigt. Vielfach hat P. einzelne buchstaben oder ganze silben 
nach massgabe des sog. Reinaert IL gedruckt, welche in den 
fragmenten nicht zu lesen sind, da löcher im papier oder starke 
beschneidung einzelner blätter manche einst zweifellos vorhan- 
dene buchstaben und silben zerstört haben. Auch in diesem 
falle hätte P. besser getan das jetzt fehlende durch anwen- 
dung von cursivem druck zu unterscheiden. Die betr. Wörter 
hier einzeln aufzuführen ist nutzlos. Auf dem äusserst ver- 
stümmelten blatt 6, dessen Vorderseite ein s. 15 von P. richtig 
beschriebener holzschnitt einnimmt (freilich sind einige seltsame 
sich zu einem büschel vereinigende linien nur dann als ^schwänz 



des löwen' deutbar , wenn man die ndd. nachbildung 
Schnittes kennt), fehlen auf blatt 6^' wol nicht 4, sondern nur 
3 Zeilen. Gelegentlich lässt sich im druck auch noch etwas 
mehr erkennen als Prions text widergibt, aber immer sind es 
entweder nur einzelne buchstaben oder noch deutbare reste 
solcher. Nach 'Dat xxiiij capittel' hat der alte druck einen 
punkt. 

Natürlich werden durch diese geringfügigen bessernngen 
zum texte Prions litterarhistorische resultate in keiner weise 
beeinträchtigt, doch wollte ich die ergebnisse meiner nach- 
collation den fachgenossen nicht vorenthalten, besonders da P. 
in der ßeinke-ausgabe (267 ff.) die Culemannschen fragmente 
mit den oben erwähnten versehen abermals zum abdruck ge- 
bracht hat. Voraussichtlich werden die 7 auch palaeographisch 
höchst interessanten blätter in nicht zu ferner zeit hier in 
facsimilierter ausgäbe erscheinen. 

CAMBRIDGE, 2. September 1888. 

KARL BREUL. 



NOCH EINMAL GOT, AFAIKAN. 

Xiezzeiiberger hat, was mir beim niederschreiben des 
Beitr. XIII, 395 f. über af-aikan bemerkten entgangen war, 
zuerst gesehen, Zeitschr. f. d. philol. Y, 229 f., dass dies gotische 
verb sammt der participform anord. eikenn ^aufgeregt, wild' zu 
aind. ijaii 'rührt sich, bewegt sich' zu stellen sei. Derselbe 
gelehrte hat ferner diese Zusammenstellung Götting. gel. anzeig. 
1875 s. 1343 f. mit erfolg gegen Joh. Schmidt, Z. gesch. d. 
indog. vocal. II, 474 f. verteidigt. Vgl. auch Bechtel, Bezeich- 
nung d. sinnl. Wahrnehmungen 120. Indem ich betreffs des ein- 
räumens von Prioritätsrechten bei etymologischen nova ähnlich 
denke wie Aufrecht, Rhein, mus. f. philol. n. f. XLIII, 319, 
trete ich im vorliegenden falle gern als der zweite finder hinter 
Bezzenberger zurück. 

Sachlich betrachtet dürfte aber das 'bis in idem' hier wie 
öfters sein gutes gehabt haben. Bezzenberger wird mir zu- 
geben, dass durch meine aufffassung von der grundbedeutung 
der Wurzel aig-, wonach dieselbe trotz des sanskritsverbs 
auch transitiv im sinne von ^schütteln' vorkommen konnte, 
dem einwände, den Joh. Schmidt aus der construction des 
af-aikan mit dem accusativ entnahm, noch wirksamer be- 
gegnet werde. 

Als analoga der begriffsentwickelang von af-aikan nannte 
ich lat. re-pudiäre und spernere, a-spernari, Bezzenberger 
verwies in der gleichen beziehung passend darauf, dass 
in der alt sla vischen bibel otü-vresti s^ c. gen. 'sich weg- 
werfen von' für das 'verleugnen' des Petrus gebraucht werde. 
Mir ist inzwischen noch ein in diesen kreis von metaphern 



380 



OSTHOFF, NOCH EINMAL GOT. AFAIKAN. 



— 'ab-schütteln', 'zurück-stossen', 'weg-werfen' för 
'verleugnen', 'verschmähen* u. dgl, gehöriger fall vorgekom- 
men; aind. apa-üh- 'absprechen, negieren', eigentlich 'weg- 
schieben', in den belegten formen apohyate pass., apo- 
hitam part., compositum von üh- 'schieben, rücken, streifen', 
praesens ü'h-ati; vgl, Böhtlingk-Roth, Petersburger Wörter- 
buch I, 1033. 

HEIDELBERG, den 11. juli 1888. 

H. OSTHOFF. 



CONSONANTISMUS DER MUNDART VON 

SCHAFFHAUSEN. 



1880/81 erschien von meiner Leipziger dissertation 'Laut- 
lehre der lebenden mundart der stadt Schaffhausen', 
der 1. teil, einleitung, lautphysiologisches und vocalismus ent- 
haltend, bei Sauerländer in Aarau; die fortsetzung blieb vor- 
läufig in meinem pulte liegen. Durch herm prof. Paul Auf- 
gemuntert habe ich versucht, den vorliegenden 2. teil zur auf- 
nähme in die 'Beiträge' auf den gegenwärtigen Standpunkt 
der forschung zu bringen. Im gleichem jähre, in welchem der 
1. teil gedruckt wurde, erschien nämlich der gerade für die 
von mir behandelten fragen höchst wichtige aufsatz von Paul 
*Die westgermanische consonantendehnung' Beitr. VII, 105 flf., 
dem sich die abhandlungen von Kluge 'Ueber die germanische 
consonantendehnung' Beitr. IX, 149 ff. und von Kauf fmann 'Zum 
germanischen consonantismus' Beitr. XII, 504 ff. anschlössen. Von 
seither erschienenen mundaillichen arbeiten schlägt besonders 
die Zfiricher dissertation von A. Bach man p, 'Beiträge zur ge- 
schieh te der Schweiz, gutturallau te' in mein gebiet ein. Mit 
dem druck der fortsetzung • meiner dissertation wird der von 
Bachmann s. 6 ausgesprochene wünsch nunmehr erf&Ut Der 
1. teil wird mit der abkürzung Voc. (Vocalismus) citiert wer- 
den. Da meine arbeit auf anregung von Wiutelers 'Kerenzer 
mundart' entstand, so musste ich den Verfasser häufig eitleren 
und tat dies mit der abkürzung W. 

Der dargestellte stand meiner heimatlichen mundart ist 
natfirlich der zur zeit der abfassung meiner dissertation, nur 
dass ich manches fehlende ergänzt, vieles überflüssige ge- 
strichen habe. Diese und jene einzelheit mag seither dem 

Beiträge zur geschichto der deutschen spräche. XIV. ^i^ 



382 STICKELBERGER 

nivelliereDden einflusse des Verkehrs zum opfer gefallen sein; 
besonders gehen die a = mhd. ei (s. Voc. § 15) immer mehr 
zurück, und der schätz eigenartiger werter nimmt ab; das 
Uvulare r (Voc, s. 15) scheint gegenwärtig zu übervriegen. 
Durch meine lange abwesenheit von Schaffhausen bin ich 
meiner mundart entfremdet worden, so dass ich manches was 
mir jetzt zweifelhaft schien, musste nachconbolieren lassen. 

Zu meiner druckschrift noch einmal eine berichtigung, der 
schon herr prof. Sievers im Lit. centralblatt 1880 bei be- 
sprechung meiner arbeit ausdruck gegeben hat. § 21 'dehnung 
der vocale und ihre qualität in der dehnung' und §22 * Ver- 
kürzung der vocale und ihre qualität in der Verkürzung' 
würde ich jetzt in der weise umgestalten, dass ich den für die 
Schaffhauser mundart charakteristischen grundsatz aufstelle: 
gedehntes i, w, ü wird wie langes, verkürztes wie 
kurzes behandelt. In andern schweizer mundarten behalten 
nämlich diese vocale in der debnung und kürzung ihre ursprüng- 
liche klangfarbe bei. 

Wie Winteler der Kerenzer mundart (K) die Toggenburger 
(T) gegenübergestellt hat, so setze ich. der mundart der Stadt 
Schaffhausen (S) öfter die meines geburtsortes Buch im 
Hegau (kt. Schaff hausen) als B an die seite. B weist erheb- 
liche abweichungen auf (vgl. Voc. s. 3. 4) und hat sich als 
landmundart reiner erhalten. Ich bedaure, dass dieser unter- 
schied von J. Bosshart in seiner neulich erschienenen Züricher 
dissertation 'Die flexionsendungen des Schweiz, verbums', nicht 
berücksichtigt worden ist. S. 27 heisst es, in Schaffhausen 
treffe man im ind. präs. des verb. subst. ein deutliches i statt 
i: be^ hist, Sst, send. Wahr ist daran, dass man im Hegau 
be, send spricht, das andere ist falsch, und für die Stadt gilt 
davon gar nichts (vgl. im folgenden- § 7, 1, a, ß). S. 33 setzt 
Bosshart gü für Schaffhausen schlechthin an: während ich 
Voc. S. 2 ausdrücklich das u als characteristicum des Stadt- 
dialektes hingestellt hatte. Die behauptung s. 39, in Schaff- 
hausen habe sich die unumgelautete form von 'haben' in der 
3. pl. ind. präs. erhalten, gilt auch nur für den Hegau, wo die 
form hbnd heisst, während die Stadt hend hat. 

Im laufe meiner abhandlung werde icli mich folgender 
unverständlicherer abkürzungen bedienen: 



CONSONANTISMÜS DER MA. VON SCHAFFHAÜSEN. 383 

B — mnndart von Buch im schaffhanserischen Hegau. 

'Das brot* — 'Das brot im Spiegel schweizerdeutcher Volkssprache und 

Sitte' (von F. Staub). Leipzig 1868. 
F. M. — DiQ deutschen mundarteo, Zs. hg. v. K. Frommann. Neue folge. 
Id. — Schweiz, idiotikon, hg. v. F. Staub und L. Tobler. 
K — Die Eerenzer mundart des kantons Glarus. 
Meyer, Sprachb. -^ Deutsches sprachbuch für höhere alemannische 

Volksschulen. Von J. Meyer. Schaff hausen 1866. 
Richtebr. — Der Schaff hauser Kichtebrief, hg. v. J. Meyer. Schaff- 
hausen 1857. 
S — Schaffhauser stadtmundart. 
Schm. — Bayerisches Wörterbuch v. J. A. Schmeller. 2. Ausg. von 

H. Frommann. München 1872. 
Schulz. — Schweiz, schulzeitjing, hg. v. J. Meyer. 2. Jahrg. 1872. 
Seiler — Die Basler mundart. Von G. A. Seiler. Basel 1879. 
St. — Versuch eines Schweiz. Idiotikons. Von F. J. Stalder. Aarau 

1806—12. 
St., Dial. — Schweiz, dialektologie. Von F. J. Stalder. Aarau 1819. 
sw. V. 1. — schwaches verb der ahd. 1. classe, sw. v. 2 — der ahd. 

2. 3. cl. 
Tobler — Appenzeller Sprachschatz. Von Titus Tobler. Zürich 1837. 
Voc. var. an. — Voces variae animantium. Von W. Wackernagel. 2. aufl. 

Basel 1869. 
Voc. — meine dissertation über den vocalismuGt der Schaffhauser 

mundart 

Die unverständlicheren lautzeichen dieser abhandlung sind: 
1. Gravis — offener vocal. 2. 9 — tonloses e von der klang- 
farbe eines offenen e. 3. l, m — l, m sonans. 4. w — gut- 

o o 

turaler nasal, b. x — ^^^^^ der gutturalen harten spirans, 
XX — fortis derselben. Ausführlicheres vgl. Voc. s. VI. VIL 

Cap. I. Die tönenden consonanten. 

§ 1. Die- geminaten //, mm, nn und die lautverbindung mb. 

Ich erinnere im anschluss an § 3 meiner druckschrift 
daran, dass wir es im inlaut mit wirklichen geminaten im 
Binne von Sievers Phonetik § 32 zu tun haben. Ueber die 
laute selbst vgl. Voc. § 2. 4. Es fällt auf, dass ich die gemi- 
nierten consonanten vor den einfachen durchnehme. Dies ge- 
schieht deshalb, weil nicht alle sonanten untei: die hier be- 
sprochenen gesichtspunkte fallen und ich die darstellung der 
einzelnen laute nicht durch eine zusammenfassende erörterung 
unterbrechen wollte. Ein weiterer grund ist die sonderateUȀJ^ 



384 STICKELBERGER 

des r in der mundart; die geminata rr ist nämlich vereinfacht, 
fällt also, ausserhalb dieser betrachtung. Während rr fehlt, ist 
mb in die betrachtung hineingezogen, weil diese gruppe die 
gruppe mm ergänzt, indem sie ja meist mit der letztem zu- 
sammengefallen ist. 

In der historischen behandlung der geminaten von sonor- 
lauten scheide ich zwischen der Stellung im inlaut und im 
auslaut. Nicht nur wird nach Voc. s. 14 die geminata im 
auslaut von selbst zur fortis, sondern die beiden Stellungen 
haben auch sonst ihre eigenen gesetze. Ob ein wort i^i alten 
auslaut steht oder erst durch apokope dazu gekommen ist, 
verschlägt nichts. 

1. Germanisches und westgermanisches II, mm, nn 

im inlaut. 

Die Verhältnisse sind im ganzen gleich wie im mhd. und 
nhd.; es herrscht II, mm, nn, Beispiele ftlr //: holl9j sw. m., 
mhd. holle, sw. f., ber'boll9, fruchtknospe (v, mhd. bern), bölld 
sw. m., Zwiebel (wol eine Umwandlung des vorigen), güll9^ f^ 
jauche, mhd. giille^ xnoll9j sw. m., ahd. knollo^ rvelld^ wollen, got 
vüjan\ — für mm: x^a/wfw^, klemmen, swümmd^ schwimmen, 
swömmi, schwemme; — flir nn: denn», drüben (aus da ennen 
= Jenen, von dort her?), dinn9, da innen, drinnen, rnann^, 
männer, ahd. manne, tünn9j kuchen, fladen (jedenfalls von 
dünn), böll9-dünn9 (s. o. böll9), zwiebelkuchen.i) 

Nicht immer jedoch wird altes Ij gleich behandelt wie im 
mhd. und nhd. In seil», ahd. schelleny mhd. schein^ nhd. schalen^ 
tselld, ahd. zellen, mhd. zeln neben zellen ist j mit l zm U 
assimiliert. Nicht assimiliert ist es, teilweise mit dehnung des 
stammvocals, in kxrveldj ahd^ quellen, mhd. queln, nhd. quälen, 
smeld, schelten, ahd. smellen, mhd. smeln, tili, f., Zimmerdecke, 
ahd. dilla oder = dem st. sw. m. dil, dilo? nhi.- diele. Die 
Schwankung ist wol auf grammatischen Wechsel im west- 
germanischen zurückzuführen. Mhd. brüelen, brüllen, heisst 
brü9l9. 



1) höll9'tünn9, basl. zibele-wälje (Seiler 308 1) ist eine Schaff haiwer 
specialität wie der höll9 überhaupt. Deshalb heisst ein rechter Stoek- 
schaff hauser on safäsdr hölb, wie ein bewohner von Stein a/Rh. 9 i0H9r 
gig9 (Steiner geige, von einem backwerk dieses namens). 



CONSONANTISMÜS DER MA. VON SCHAFFHAÜSEN. 385 

Aueh altes nn erscheint mehrmals als n, nämlich in dem 
hilfszeitwort x^'^^? können (dagegen B xo''^d9 mit Umwandlung 
des nn in nd wie in iondsr, dohner) und in dem mhd. fem. 
Suffix 'inne, z. b. würtdnd, wirtin. Bei beiden erklärt sich die 
kürzung des consonanten durch die nachdrucklose Stellung; 
grammatischer Wechsel ist hier nicht anzunehmen, da diese nn 
urgermanisch sind. 

Nasale in fremdwörtern, sogar in alten lehnwörtern, wer- 
den (nach französ. Vorbild?) kurz gesprochen, z, b. Anili, 
Aennchen, B Han9ss, beliebte abkürzung von Johannes (S 
Hans), gramaiikx (ton auf der 2. silbe), grammatik, gumi, 
gummi, gumiy commis, kxumöd, bequem, kxumöd9 (ton auf der 
1. silbe nach der gewöhnlichen schweizerischen ausspräche des 
frz.), commode.1) 

In x^^f keller, ist die inlautende geminierte liquida ganz 
geschwunden. 

2. II, mm, nn im auslaut. 

Auch hier bleiben sich die Verhältnisse im allgemeinen 
gleich. Es ist doch anzunehmen, dass die einfache Schreibung 
/, m, n im ahd. mhd. auslaut nichts bezeichnet als die von 
selbst vor sich gehende Verkürzung der geminata zur fortis, 
eine Veränderung, die hier unbezeichnet bleiben musste. Bei- 
spiele für //: all, adv. = alleweile, immer, foll, voll (flektiert 
in er iss folld, er ist voll), still, still (flektiert in his stilld, sei 
still); — ftlr mm\ heb-amm, hebamme, stamm, ßteLmm, stimm, 
stimme, stumm^ mhd. stum {b in dem gen. stumbes ist erst 
später angetreten); — ftlr nn: B obertenn^ n., ahd. tenni^ sunn, 
f., sonne, tünn, dünn; dann die impf, brenn, gunn^ günn etc., 
brenne, gönne, gewinne. 

In einigen fällen erscheint auslautendes // als / und vor- 
ausgehender vocal a, e gedehnt; ich kann mir das nicht anders 
erklären als durch die neigung der mundart, vocal vor / zu 
dehnen (vgl. § 2). Doch findet sich dieselbe erscheinung auch 



^) Der grund, warum in fremdwörtern die langen nasale durch 
kurze widergegeben werden, liegt wol darin, dass das an die eigentliche 
geminata gewöhnte ohr die gedehnten consonanten als kurze empfand; 
eigentümlich ist allerdings, dass die kürzung recht alte fremdwörter mit- 
betrifft. 



386 STICKELBERGER 

in K (vgl. W. s. 70). Die eigenheit tiberträgt sich auch auf 
den inlaut Die betreffenden Wörter sind in meiner mundart: 
faly ^\.felj dat. pl. feld, fall, stal, pl. siel, dat. pl. steld, stall, 
hei, hell in helnünt, rein nichts (daneben hell), im inlaut di 
held tren9, die hellen tränen, am hatdrheld tag, am heiterhellen 
tage. Merkwürdigerweise findet sich der ausdruck hol nit, 
rein nichts, auch im Baslerisöhen, wo sonst in diesen fällen 
die dehnung nicht eintritt; hier erklärt es sich aus der nach- 
drücklichen betonung. Zu vergleichen ist damit schaffhause- 
risch gel in schadenfroher rede, z. b. gel, i ha ädrs k-sUt! 
nicht wahr, ich habe dir's gesagt! sonst gell (pl. gel9d) aus 
gelt, eigentlich 3. sg. conj. praes. 'soUts gelten?' in der be- 
deutung 'nicht wahr?'. 

nn fällt im auslaut mehrmals aus, wobei der vorausgehende 
vocal der regel gemäss (vgl. §7) gedehnt wird; hier lässt sich 
analogie nach den Wörtern auf einfaches n (s. a. a. o.) anneh- 
men. Die fälle sind: bä, m., bann, d. i. gemeindebezirk, x^ 
in nachdrücklicher, x^ ^^ gewöhnlicher rede, kann, x^\ ^^^ 
sf, sinn, tna, mann, aber pl. mann9. 

3. Die lautverbindung mb. 

Wie schon angedeutet, erscheint germ. mb in der regel 
als m//}^ und zwar im imlaut und auslaut. Die beispiele sind: 

imm9, f., mhd. imbe, stv. m., B xlumm9, ahd. chlimhan, mhd. klim- 
men, %umm9r, mhd. kumber^ lumml m., lendenstück, mhd. lumbel, lat. 
lumbulus, irumm9, trommel, mhd. trumbe, ;(r2/m7n, mhd. krump, flect. 
krumber, iumm, mhd. iump^ flect. tumber. 

Auch hier haben wir mehrmals Schwächung der geminata 
zur lenis, wenn nicht vielmehr anzunehmen ist, es sei keine 
assimilation des b an m eingetreten und b sei weggefallcD, 
ohne den vorausgehenden nasal zu verstärken: 

siml, Schimmel, ahd. schembel, um9. herum, wider (mhd. umbe), 
auch ausi. um, z. b. um 9nand, um eiu ander, d. i. umher, ümis% mittags- 
essen (imbiss). 



^) Der vocal e aus i ist ein vereinzeltes beispiel von S für die 
ueigung von B, i vor n in e zu verwandeln (vgl. Voc. s. 4, e). 

^) Nur in Verbindung mit der präposition zu gebraucht: is inms 
ess9, zu mittag essen, und danu, da die mahlzeit die tageszeit-repritoeB- 
tierte, ts ümis, zu mittag. Weiter wird diese Verbindung als einheit- 



CONSONANTISMÜS DER MA. VON SCHAFFHAüSEN. 387 

§ 2. Die liquida: /. 

Es ist zunächst darauf aufmerksam zu machen, dass / 

vor verschlusslauten mehrmals synkopiert wird. Dies betriflFt 

dd'sehj neben dd-selbj wörtlich derselbe, in der bedeutung = 

selbiger, sodann die Zeitformen der vbb. sollen und wollen: 

söt, soUte, wit, mhd. rvilt (doch auch schon wit, vgl. Weinhold, 
Mhd. gr. s. 339), rvet^ conj. prät. wollte (der inf. lautet ja tvelb) in con- 
ditionalem sinn, daneben eine form mit o\ tvoi, in bestimmterem, fast 
indicat. sinn; z. b. weist, wotst etc. 

Das wichtigste aber, was über / zu sagen ist, bezieht 
sich auf die dehnung von vorausgehenden vocalen durch 
dasselbe. 

Vor auslautendem / = altem //, vor l + m, d, i, is (nicht 
aber n und s) wird vorausgehendes a und dessen umlaut e 
gedehnt. 

Diese dehnung muss der ganzen gruppe der nordostalemann. 
muniJarten eigen sein; denn obgleich J. Meyer das gesetz nicht 
ausgesprochen hat, führt er doch Schulz. II, 149 sämmtliche 
Wörter mit gedehntem a in diesen Verbindungen auf. Kicht 
tiberall bin ich ihm übrigens gefolgt. Unter den umlauten von 
a wird regelmässig nur der offene vocal e gedehnt, nicht auch 
der geschlossene. Ganz genau dasselbe gilt ja bei der deh- 
nung vor r (vgl. § 4). Ueber die dehnung von / = // im aus- 
laüt vgl. § 1, 2. 

. Vor Im: älmös9^ mhd. almuosen^)\ — vor Id: bald, bald, comp. 
beider, häldp, balde, neben ab-heldig, abschüssig, mhd. heldec, zu dem 



liches subst. gefasst und man sagt: d9 isümis^ eigentlich der zu mittag, 
d. 1. das mittagsessen, wie d9 tsobid, das aben dessen, d9 ts nifni, eigent- 
lich der zu neun uhr, das neunuhressen, zweites frühstück. 

^) Früher in der echt mhd. form almu9S9. In einer Photographie 
aus dem Beck'schen album, die den Beitr. des hist.-antiq. Vereins von 
Schaff h. 1874 beigegeben ist, steht der dankspruch des ^Brätschelima's* 
(mannes mit einer klapper), d. i. des sonntäglichen almoseneinsammlers 
von dem ehemaligen sondersiechen-, jetzt armen hause 'auf der Steig*, 
folgendermassen: * Danki Gott, Gott gebt Glück und G'sunket trüli, ersezi 
Gott eue Almuose a Seel und Lib, Gott gebt de Sege und G'sunket trüli', 
d. i. danke euch gott, gott gebe euch glück und gesundheit treulich; 
ersetze euch gott euer almosen an seele und leib, gott gebe euch den 
segen und gesundheit treulich. — Heute sprechen diese danksagung 
die bewohner des armenhauses, wenn aussen ein almosen in den opfer- 
stock geworfen wird, doch mit einiger modernisierung: k-sund-heit für 
k'Sufik9t und wie gesagt älmöS9 für almu9S9, 



388 STICKELBERGER 

vb. held9, mhd. helden = neigen, wüld, pl. w^ld^r, wald; — vor It: ait, 
alt, comp, elt^r, ülte-wayj, haarwachs, dehne (Gr. wb. Altenwachs), häli9, 
halten, hüs-hdUi9ri, hanshälterin, x^^^» ^^^^i comp. ;ire//pr, mält9r, malter, 
^äli9, schalten, sälts^ f., schalte, scMfiferstange, mt9rli, das durch schieben 
bewegbare kleine fensterchen an einem fenster, spältp, spalten, spült n. 
m., spalte, k-stäli, gestalt (= taille), k-tvält, gewalt = stärke, f9r'Wält9, 
verwalten; eine ausnähme bildet halt, adv. = mhd. halt, weil flüchtig in 
den Zusammenhang der rede hineingeworfen; — vor Itsi sälts, salz, 
sälis9, salzen, imälts, schmalz, Smäl(S9, schmalzen, nach der analogie von 
sälts9 st. flectiert: ßa ist k-smälts9, das ist geschmalzen, heisst ungefähr: 
das ist tüchtig, üppig, trägt auf (in geistigem sinne). 

§ 3. Die liquida r. Germanisch rr (rj). 

Wie ich Voc. § 4, 2 bemerkt, kommt im schweizerdeutschen 
die laut Verbindung rr nur vor, wenn ein wort mit r schliesst 
und das folgende damit beginnt. Hinsichtlich der dehnung 
des vorausgehenden vocals verhält sich altes rr gleich wie 
altes r; trotzdem nehme ich, dem etymologischen prineip treu, 
rr besonders. 

Auf dreierlei weise nun wird kurzer vocal vor r = rr 
behandelt. Entweder er wird kurz belassen oder gedehnt 
oder diphthongiert. Inlaut und auslaut verhalten sich gleich. 

• 1. Kurzer vocal vor r = rr, 

a) in onomatopoetischen Wörtern (sämmtlich sw. Vbb. 2): gjr^, 
St. 1, 447 gyren, gieren^ mit nhd. kirren übersetzt, (gemeint ist das 
knarrende geräusch z. b. nicht geschmierter räder; der vocal ist bei St^ 
wie bei W., der S. 79 das wort gleichfalls zu rr stellt, gedehnt), x^^^^* 
knurren, pfur9, mhd. pfurren, sur9, surren, sar9, scharren, sor'is9, eisen 
zum reinigen der schuhe, von einem vb. scharren, (nach 'Das brot etc.' 
s. 26 einer Weiterbildung aus dem part. von mhd. st -v, scharr en)\ — 

b) in sonstigen Wörtern: xar9, karren, war, pl. nar9, narr, pfar^r^ 
pfarrer, sndr9, sndre, f., maul, schnauze, schnurre, eigentlich wol die 
sausende, schnurrende (s. Kluge, Et. wb. * schnurren'), ^n §nö^ r9ivakn9r, 
eigentlich ein schnurrenwagner, ein Schwätzer. snur9f schnurren, bei 
Weig. 1. spör9, sw. m. (wol ahd. sparro), schruUe im köpf, in der 
redensart 9r het 9n spör9 ts fil, er ist nicht ganz bei trost, [gewöhnlich 
miss verstau den als spdrd = sporn, tör9, ahd. dorrin, B tör9, mhd. 
iurren, im sinne von dürfen. wer9, geschwür am äuge (von St. II, 435 
wärre geschrieben, was nur beweist, dass er das gefühl alter geminata 
hatte; denn in der ganzen Schweiz wird kein rr gesprochen), f9r-tv&r9f 
verwirren. 

2. Gedehnter vocal vor r = rr. 

lü~r9'molts^r9 (hauptaccent auf der zweitletzten silbe), vgl. St 1, 186 
Lüre (der letzte bestandteil ist, wie *Das brot' etc. s. 26 schliessen lässti 



CONSONANTISMÜS DER MA. VON SCHAFFHAüSEN. 389 

ahd. scerra. .Es ist das, was man mit der scSrra ans der mnlde kratzt, 
das gebäck aus dem letzten teig der mnlde, mit IvTre (s. d.) bestrichen, 
plire, plärren, spdr9, sperren, isr9, dörren, ahd. ^^rran^ aus *darrjan 
(also rrj\ das auf goi, paurzan zurückgeht. 

Auf rj\ das im nhd. nicht als rr erscheint, gehen zurück 

die r in 

p-serinn, bescheerung, v. ahd. scerjan, k-spür», spüren, ahd. 
spur Jan, srviTrp, schwören, ahd. srverjan, wdr?, wehren, ahd. werjan. 

Anm. 1. Altes rr liegt, wie es scheint, auch vor in Ipö'r, spröde, 
vgl. *Das brot etc.* s. 99 spö'r^ altertümlicher sporr, 

Anm. 2. Einmal wird auch umgekehrt langer vocal gekürzt: 
her^), pl. her9, herr, mhd. herre (allerdings nicht germ. rr, sondern 
durch mhd. zusammenziehung entstandenes). 

3. Diphthongisierung des vocals vor r = rr. 

Beispiele: fdr-idr», verirren, k-sidr^ geschirr, a-k'S%9r9, anschirren, 
iü9r, dürr, pw iü9r9 ky^erl, ein dürrer, langweiliger kerl. 

Diese übrigens schon Voe. s. 50 vorgeführten fälle könnten am 
ehesten zu der ansieht verleiten, dass wir es mit einer beson- 
dern Wirkung der geminata rr zu tun hätten. Doch wird 
einerseits i, ü vor rr nicht immer diphthongisiert, anderseits 
ergreift die diphthongisierung vereinzelt auch i vor einfachem 
r; dies ist der fall in den pron. pers. mi9r, didr, i9r, mir, dir, 
ihr (2. pl). 

§ 4. Vocaldehnung vor r + consonant. 

Bei dieser für r höchst wichtigen erscheinung kommen in 
S, abweichend von den meisten andern schweizer mundarten, 
•nur in*betracht die vocale a und e, sei es durch umlaut oder 
brechung entstandenes (nicht aber ^), b (nicht aber 6) und 
dessen umlaut o. Aehnlich sahen wir bei /, dass nur a und 
sein umlaut e vor / + cons. gedehnt wurden. 

Ein strictes gesetz über die Verlängerung lässt sich nicht 
feststellen; doch gilt als regel, dass der umlaut in einem und 



1) Doch führt J. Meyer, F. M. 7, 182 noch die form her als für den 
pfarrer gebräuchlich auf; d9 h^r schlechthin heisst zum mindesten an 
vielen orten der Schweiz der pfarrer. Die länge her, die in Basel all- 
gemein ist, lässt übrigens S noch zu tage treten in den Verbindungen 
hErd-wöl (vgl. J. Meyer a. a. o.), so wol wie einem herrn, und Ä^rp- 
slit9^ herrschaftlicher' Schlitten , überhaupt stattlicher Schlitten, auch von 
stossschlitten. 



390 STICKELBERGER 

demselben wort die gleiche quantität hat wie sein grundvocal, 
abgesehen von dem umlaut e des a. Lautet a in e um, so 
hat das grundwort länge, das umgelautete kürze, z. b. särff — 
Serffdr, scharf — schärfer, arm — ermdr, arm — ärmer, wärm 
— wörmer, warm — wärmer {ö trttbung von e). Dasselbe 
Verhältnis waltet ob beim ablaut: tUrff — törffd, darf — 
dürfen. Fast durchgängig werden a, e vor r + nasal gedehnt, 
während in der Verbindung om, wo die meisten schweizer 
mundarten gedehnten vocal haben, kürze vorherrscht. 

1. Vocaldehnung vor r + nasal. 

a) in der Verbindung arm, erm\ arm, arm, ^rm, arme {erml^ 
ärmel), arm, arm, {ermpr, ärmer), f9r-härm9, erbarmen, 9r-h^rmlixXt 
erbärmlich, iärm^ darm, i'e rm, gedärme, wärm, warm, (tvdrmpr, wärmer); 
aber swarm, schwärm (die einzige kürze) und srverm?, schwärmen. 

b) in der Verbindung am, ern: gärn, gam, wärn9, warnen, Bern, 
Bern, ernst, ernst, ETrnsi, Ernst, fern, im vorigen jähr, mhd. veme, 
gern, gern, x^*^w, kern, lat'ern?, laterne, lern?, lernen, Luts^rn, Luzem, 
Stirn, Stern, stirn9, sw. m., Wirtschaft zum stem. 

c) in der Verbindung örn, <)Vw: mit länge ö (ö*): m^rn, morgen, 
neben morgp, morgen (hier vielleicht dehnung wegen des ausgefallenen 
g), orninn, Ordnung (wäre vielleicht besser in der Verbindung örd 
unterzubringen), isöWn, zorn; mit kürze o, ö'i fdrn9, vom, hörn, pl. 
Wrner, hom, hörniHü, hornung, ;för«, körn, dem. ;ud'Vn/i, iörn^ pl. 
töWn, dorn. 

2. Vocaldehnung vor r + verschlusslaut od. spirans. 

Auch andere consonanten bewirken in Verbindung mit r 
dehnungen von vocalen, ohne dass sich indes gemeinsame gruppen, 
herausfinden Hessen. In ermänglung fester gesetze sollen die 
s. 392 — 95 folgenden tabellen dem leser wenigstens ein zu- 
sammenhängendes bild des Verhaltens der vocale vorführen. 
Die bedeutung der vollständig aufgeführten Wörter ist grösserer 
deutlichkeit halber in mhd. form gegeben. Indes sind auch 
neuere fremdwörter aufgenommen; nehmen diese eine Sonder- 
stellung ein, so werden sie eingeklammert, um zu bezeichnen, 
dass sie nicht die einheit eines sonst allfälligen gesetzes stören 
sollen. 

Alte länge wird gleich wie alte kürze behandelt, so dass 
einmal in der ma. kurz e für altes lang S steht: Ikrxx^f ^^^ 
lerahha, mhd. lerche. 



CONSONANTISMÜS DER MA. VON SCHAFFHAUSEN. 391 

§ 5. Verschiedenes zu r. 
1. Uebergang von r in /. 
Die fälle sind: 

balbi9r9r, barbier, erkl^ mhd. ärker aus mlat. arcora, B x^XX^* 
kirche, ebenso im Klettgau," in S x^'^XX^> obgleich in den alten quellen 
kilche die durchgängige Schreibung ist, x^fl* tiefer, m., doch schon as. 
kafl, kiefer der tiere. 

2. Ausfall des r. 
a) im inlaut: 

a) vor ch\ Bih9, dem. Bebiliy Barbara, bextiUs-tag, der tag nach 
neujahr (nach Staub 'Das brot etc.' s. 165^ anm. 2 Fest der göttin 
Berchta, nach demselben in F. M. VII, 382 Berchtoldstag. Wackernagel, 
Kl. sehr, in, 47, anm. 104 leitet das wort von frau Berchte ab. Aus 
lautlichen gründen möchte ich lieber an Beriold denken; denn der ge- 
schlechtsname Bexiold, Bächtold, zeigt ausfall des r und erhaltung des 
ch, während die mundartliche form von Bertha mit der gemeindeutschen 
übereinstimmt), h'ex^^^> ^^^ obigem subst. abgeleitet, bei Staub a. a. o. 
härteten, den betreffenden tag begehen, htxt9l9t9, f., die feier des ge- 
nannten tags. 

ß) in andern Stellungen: epei^ erdbeere, lamässig, phlegmatisch 
(J. Meyer führt Schulz, n, 150» unter der lautverbindung ärsch dieses 
adj. in der form lamäsch auf und scheint das wort als eine Zusammen- 
setzung von ärss, mhd. ars, und lahm anzusehen, was auch zu der be- 
deutung stimmt). Während wir es hier immer mit ausfall vor harten 
conss. zu tun hatten, begegnet auch ein fall von schwund nach hartem 
cons.: 'B sp%s9, statt $pris9, mhd. sprize (wenn man es nicht vielleicht 
von mhd. spis; abzuleiten hat. Als nebenform v. spri$9 fasst es 'Das 
brot etc.* s. 90). Nach Meyer, Schulz. II, 149» gad, nebenf. v. grad, adv. 
grade, ahd. adj. giradi, 

b) im auslaut: 

d) in einigen advv., bei denen schon mhd. der ausfall das gewöhn- 
liche war: dd , mhd. da aus dar, d9 in d9-fü, de-nö, davon, dar- 
nach, di in di'hinne, di-forn9, dahinten, davorn, d' in dinn9, dunn9, 
drinnen, drunten (vgl. s. 384), hi9, hier (nur gebraucht zur bezeichnung 
der Ortschaft, in der man sich befindet), md, mehr (r ist so sehr ver- 
gessen, dass man eine form mdn9r bildete, einen verstärkten comp., 
meines Wissens nur in B), nu, nur, numm9, nicht mehr (ist wörtlich wol 
= nur mehr, was aber anderwärts = nur ist). 

ß) Durch aceentlosigkeit stets in den an ortsadvv. ange- 
hängten Äer, das wie eine endung mhd. -e erscheint: für9 = 
für her, um9, umher, uss9 = üs; her. 

y) In dem eben proklitisch behandelten gen. des best. art. 
fem.: ä9, der, in der redensart: i ha nid dd tsit^ ich habe nicht 



392 



STICKELBER6ER 





vor j 


r + labial 




vor r + dental 




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h^rd-ö'pfl (kartofifel), mit 
mhd. hert (-des) — 
erde, gebildet? B e'rd- 
öpfl. 




wert (snbst. wert, -des) 
wert (adj. wert, -des) 


« 


^ 






e'rd9 (erde) 

heVd (hert, ahd. herta, 

nhd. heerde) 
we rd9 (werden) 


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färb (farwe) 
narb9 (narwe) 










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arb9t (arebeit, arbeit) 
gärb9 (garwe) 




q) »4 

& § 
1 -^ 

^ P 

.2 .^ ** 

50-2 
«8 «4-r 

9 08 

2^§ ^ 






ärt (art) 
bärt (hart) 
fart (vart) 
gärt9 (garte) 
Särta (scharte) 

8wärt9 (swarte) 
tBärt (zart) 
warte (warten) 


vor 


verschluss- 
lenis 


00 

1 

• 

o 

CQ 

kl 


afifricata u. 

Spirant. 

fortis 


*B 

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CONSONANTISMÜS DER MA. VON SCHAFFHAÜSEN. 393 





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daher abgeleitete fami- 
liennamen. Hier liegt 
wol Schwächung zu 
gründe, vgl. Voc. §25. 






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394 



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nicht gut dial. 






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^örb (korp) 
a-k-worb9 (geworben) 




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f6rd9r (vorder) 

f6rd9r9 (vordem) 

m6rd(mort); morde (mor- 
den) 

6rde (orden, altital. or- 
dine) 


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braucht (verdorben) 

k-Stö'rb9, B k4törb9 
(gestorben) 




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CONSONANTISMÜS DER MA. VON SCHAFFHAüSEN. 395 





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wörg9 (worgen) 




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örgol9 (orgele) 








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396 STICKELBERGER 

(der) zeit, wol gen. part. Nicht dagegen im nom. masc. d9, 
den ich für eine analogiebildung nach dem acc. halte (vgl. 
L. Tobler, Zs. fdph. IV, 375 ff.), wie ann, kxann, einer, keiner, 
die nur ursprüngliche acc. sein können, uns veranschaulichen. 
6) In der unflectierten form des pron. poss. üsd, unser, 
ÖÜ9, euer. 

Nasale. 
§ 6. Der labiale nasal m. 

Hier kommen fast nur einige bemerkungen über erhaltung 
oder Schwund im auslaut in betracht. 

Auslautendes germ. m ist erhalten einmal in der lautver- 
bindung rm (vgl. § 4, 1) weil der ahd. hülfsvocal zwischen r 
und m ofienbar schon geschwunden war, als der abfall der 
endungsnasale sich vollzog, rm also consolidiert als eine silbe 
dastand, die der Verwitterung trotzte. Sodann in betonter 
Silbe, und diess im gegensatz zu manchen andern schweizer 
mundarten, teilweise selbst zu B. Uebrigens kommt auch in 
S ausnahmsweise Schwund vor. Wahrscheinlich hatte sich m 
hier zuerst zu n verlSüchtigt; woher käme es sonst, dass m 
widerstand leistete, während n in betonter silbe regelmässig 
ausgefallen war? 

Beispiele für rm s. bei r, § 4, 1, a; für m in betonter silbe: häm, 
heim, nach hause (nach J. Meyer, Schulz. 2, 350 ^ Ad; ich kenne nur B hö^. 
Geschwunden ist m bei Ortsnamen auf heim, weil dieses hier tieftonis^ 
und später unbetont wurde: Släl9 , Stamm?, Schieitheim, Stammheim, 
vgl. Voc. s. 59), x^^> keim, x'^o w, dem. x^^^ »i/i, kram, mitgebrachtes ge- 
schenk (das dem. auch einfach = naschwerk), B xröy x^^'^^h ^m, leim, 
rim, reim. 

Auslautendes germ. m ist geschwunden im unbetonten stammaos- 
laut, offenbar durch n hindurch, denn diese Zwischenstufe bietet das 
nhd. Ich bemerke, dass es nichts verschlägt, ob m ursprünglich iih ansL 
stand oder erst spät hineinkam. Die fälle sind folgende: bes9f besen, 
mhd. heseme, bod9, boden, mhd. bodem, brösili, doch daneben brös^mli, 
brosamlein, dem. zu brösm9, mhd. brosme, brös9b, langsam, eigentUeh 
brosamweise gemessen (vgl. *Das brot etc.* s. 167), fad9y faden, mhd. 
fadem, oi9, atem (wenn es daneben auch otm heisst, so ist das niehft 
altertümlichkeit, sondern herübernahme aus der Schriftsprache). 

Nicht geschwunden ist das flexive m im dat. von prono- 
minibus und pronominalen adjj. (bei andern wird der st dal 
gar nicht angewant): allm, jedm, mhngm, film, dism, selbm, allem, 
jedem, manchem, vielem, diesem (= jenem), selbigem« Mit 



CONSONANTISMÜS DER MA. VON SCHAFFHAÜSEN. 397 

stammauslautendem n zu mm assimiliert in den possess. mimm, 
dimm, simmj mhd. mime, dime, sime. 

Vor dentalexplosiy assimiliert sich m bisweilen zu n: xunt, 
kommt, u-fdr-sani, unverschämt; es bleiben dagegen nimt^ nimmt, 
fromdy fremd (hier anderwärts auch n). Einmal assimiliert 
sich auch der verschlusslaut dem nasal hhnp, hemde. 

Der dentale nasal n. 

§ 7. Schwund des auslautenden n. 

1. Auslautendes n in betonter silbe. 

a) stammschliessendes n. 

a) nach langen vocalen und diphthongen. 

n ist, natürlich durch den nasalvocal hindurch, der im 
dialekt der Baar, im Oherthurgau und anderwärts noch gehört 
wird, durchweg geschwunden, auch wo es, wie in den adj. 
ya-stämmen, nicht ursprünglich im auslaut stand. L. Tobler gibt 
Zs. fdph. IV, 383 anm. 1 an, n sei bei diesen im Schweiz, nicht 
geschwunden, und das trifft auch auf gewisse dialekte zu, so 
den baslerischen. In S aber heisst es ^rö^, ahd. gruoni, so'\ 
ahd. scöni. Auch das sonst der ma. abhanden gekommene 
ahd. chuoni zeigt sich demgemäss entwickelt in dem namen 
Xti9rdt neben Kxondrdt (moderner und nobler), Konrad. ^u 
den adj. /a-stämmen gehört auch ahd. reini, das J. Meyer, 
Schulz. II, 305^ als ra (= kleingehackt) angibt. Ich kenne 
das wort nur in der form re%n\ ich bringe dabei in erinnerung, 
dass nach Voc. s. 39, anm. 1 das auslautende n wider eintritt, 
wenn altes ei für rein mundartliches a restituiert wird. — 
Beispiele: 

^es^ beiD, ftrß, braun, ijrrwp, grün, B^^r^r*, äwp, n., huhn, B. f. äö\ 
1, ein, mhd. \n, ;ft>, kien, yiU, klein (vgl. Voc. § 14, 1), Xu9r9t, mhd. 
Kuonrät, tl-lnxx^^ leinen, von lein (vgl. laken), daneben linn-iu^xx, lein- 
tuch, k-müf allgemein, neben k-mein, gemein (natürlich modernisiert), 
mJ, mein, so auch dh sl, dein, sein, md, mhd. mäne (also junger ausL), 
mö^'hätpri, mondheiterkeit, mondschein (veraltet), nü'^ neun, Ri, Rhein, 
^1, sein, i^l, schein, s(r^ schön, hä, stein. 

Ausnahme machen das nicht gut mundartliche hon, höhn, 
und mentig, montag, bei dem eben n als inlautend gefasst 
wurde. Ferner die acc. nom. der poss. pron. : minn^ dinn^ sm-a.^ 

Beiträge zur geschieh te der deutschen spräche. XIV. ^"i 



398 STICKELBERGER 

da nn als urspr. geminata aufgefasst wurde trotz § 5 2, b, 7, 
femer eben deshalb ann, k^ann, ein(en), keiD(en), und mw, 
ahd. inan. Andere ma. Hessen auch hier das n sehwinden. 

ß) nach kurzem vocal. 

Ein kurzer vocal wird bei ausfall des n gedehnt. Wo 

kürze begegnet, beruht sie erst auf secundärer Verkürzung der 

älteren länge, z. b. in präpositionen oder dem best., artikel, 

woneben die entsprechenden adverbien resp. formen des demon- 

strativpronomens noch langen vocal aufweisen. Es begegnen 

folgende beispiele, darunter auch die fälle der dehnung bei ab- 

fall von n = germ. nn (s. 386): 

ä, 2kh, als adv.) als praep. a, geschwächt t^ aushülfspräpos. f. d. dat 
(§ 24, 2, b, Gc), ha, st. m., bann, grenze, bi, bin, B he, de , den, und, anf 
den nom. tibertragen, der, als deinonstr., de, als best, art., d9füt davon, 
fu, von, B he, hin, i, in, x^> kann, unbetont x^^ %^y kinn, ma, mann, 
$"%, sinn, s^ , söhn, ahd. 5tmi/, u-, un-. Hieber auch isü [js^^.zanf), das 
eine zwischenform isan voraussetzt, die ja auch in nhd. zahn sich findet; 
bemd. tsann. 

Ausnahmen: swänj pl. sw. swänd^ inhd. swan (kein ein- 
heimischer vogel). 

Auffällig ist die gestaltung der vocale in B he, he, S dd-ß, 
Xe, st, U-, Dieselbe hängt zusammen mit einer ftir die ma. be- 
zeichnenden trttbungserscheinung. Was zunächst die erklärung 
von be, he, xe anlangt, so bewirkt bekanntlich jedes folgende « 
(und m) die Verwandlung jedes = mhd. d zu offenem b (s. Voc. 
s. 33). In ähnlichtr weise heisst es in B send für sind] häufiger 
aber tritt diese trübung vor i zu e bei ausfall des nasals auf, 
so eben in unserem B be, B he, S %^\ Auf dieselbe weise wird 
auch einige male ü zu ö"\ nämlich in brör^sdld, mhd. brünseln, 
(bei Staub, F. M. VII, 25 brifssele, brüsele), trö~^ss9y ächzen 
(nach Staub, F. M. VII, 350 auf ein *trünsen zurückfahrend, 
K irissd, W. s. 45). 

Man könnte unsere erscheinung auch so erklären, dass n 
stets einen vocal der i-reihe gegen die w-grenze zu ziehen 
strebe ; dem widerspricht aber, dass i auf der andern seite als 
t erscheint (vgl. § 9, 1), sowie die Verwandlung von = 
mhd. d ZM 0. 

m 

b) Stammhaft empfundenes n. 
In den formen der yerba contracta, deren stammvocal 



CONSONANTISMÜS DER MA. VON SCHAFFHAÜSEN. 399 

mit dem vocal der enduDg zusammengezogen ist, und ebenso 
bei den verbis ohne themavocal wird das endungs-n als stamm- 
haft empfunden. Dies zeigt sich darin, dass» wo die endung 
aus n + verschlusslaut besteht, n immer erhalten bleibt, so gut 
wie in andern Wörtern z. b. ein d des Suffixes stammauslau- 
tendes n schützt: k-mandy gemeinde, neben k-ma, gemein. So 
haben wir den pl. ind. praes. von tu9j mhd. tuon, als tuend, 
mhd. häni als hendy während die nicht zusammengezogenen 
formen des conj. das n verloren haben (mhd. -ni des ind. ist 
als {n)d auch in den conj. gedrungen) und in andern verbis 
auch die indicativ-endung ohne n ist, z. b. find9d, maxxpdy mhd. 
findent, machent). 

Nehmen wir etwa B als Vertreter des gemeinschweize- 
rischen, so stehen einander gegenüber: S ni, nehmen, B ne, 
S gt, geben, 1& ge\ S x^f kommen, gekommen, B X'^> S k-nu, 
genommen, B k-noy S sB, mhd. sjän, ahd. slahan, B slOy S stUy 
mhd. stäny B std^y S fü, mhd. vän aus ahd. fähany B uncon- 
trahiert fama^ S güy mhd. g&ny B gö\ S lü, mhd. län, B lö\ 
Ausser den verbis contractis gehört hierher noch gu, proklitisch 
gekürzt aus *gü, ahd. gaganA) 

Das = mhd. 6 verharrt hingegen gemeiniglich in seiner 
Qualität; die einzige ausnähme ist sü, gekürzt su, schon, im 
gegensatz zum adj. A-cr\2) 



2. Auslautendes n in flexionssilben. 

W. sagt s. 71: 'endungsvocale werden so behandelt, als ob 
n nie dagewesen wäre'. Damit will er sagen, dass keine be- 
einflussung des vocals, keine ersatzdehnung stattgefunden. Das- 
selbe gilt auch wol von S. Die endung -en des inf. und des 
dat. pl. erscheint also als blosses p, z. b. ftnd9, maxx?, mann9, 
frov:9y %ind9, finden, machen, männern (mannen), frauen, kin- 



^) Bei x^t ^-^^ kann man als grnndform x^^^t k-num^ ansetzen, 
wie bei d^-fü ein *fun. In 3tein a/Rh. heisst es denn auch wirklich 
Xum9. So fasst auch Weinh., AGr. s. 31 das vorarlbergische überktT auf. 
Gezwungen sind wir indessen zu dieser auffassung nicht; denn rings 
nm S herum heisst es x^^ k-n^, und wenn in andern fällen o znü ver- 
wandelt wurde, warum denn hier nicht? 

2) In K ist durchweg auch mhd. d verschoben (vgl. W. s. 72), ob- 
gleich wie auch die andern ^, nur bis zu ü. 



400 STICKELB ERGER 

dern (mhd. kinden). Ebenso fällt aus das n der sw. decl. und 
des männlichen acc. der st. adj.-declJ), z. b. di starxx^ l^t, die 
starken leute, 9n starxxP Tnä, einen starken mann, und von da 
auf den nom. übertragen: ein starker mann. Die männliche 
acc-endung der sw. decl. ist ganz geschwunden, z. b. d9 starxx 
mä, den starken mann. Doch wird wahrscheinlich, wie vorhin 
der nom. nach dem acc. gebildet war, hier der acc. nach dem 
nom. gehen, denn hier schwand das ausl. -e der endung 
regelrecht. 

Unter den ableitungssuffixen erscheint zunächst mhd. -Hn, 
-elin als -li, -üi; beispiele s. Voc. s. 56. Weinholds ansieht 
A6r. § 269, dass das -U der Schweizer ein ursprüngliches -H 
sei, habe ich dort zurückgewiesen. 

Das mhd. suffix -inne, gekürzt zu -in und -m, findet sich 
in S als -m und -i, ersteres wie es scheint nur in Wörtern, 
die nicht eigentlich der Sphäre der ma. angehören, wie kxonigtn, 
königin, shnnarm^ Sängerin; letzteres, das übrigens häufig auch 
durch 'd ersetzt wird, in 

gleipri, glättetin, d. i. plätterin, hüs-h^lipri, haushälterin, frou 
pfarpri, frau pfarrerin (Dur noch von alten leuten mit der endung ver- 
sehen), ipei9ri^ stellvertreterin für eine magd (vgl. Seiler 371 Spetter), 
fvöU^ri, Wäscherin. 

§ 8. Erhaltung sonst geschwundener auslautender n. 

Das in den besprochenen fällen im allgemeinen ausfallende 
n tritt noch hervor, wenn einem ursprünglich mit n auslauten- 
den werte oder dergleichen silbe vocalischer anlaut folgt Es 
handelt sich dabei um nichts anderes, als wenn der Franzose 
les amis als lesami spricht. Ich setze, um dieses genauer an- 
zudeuten, einen bindestrich zwischen je zwei so verbundene 
Wörter, damit man nicht in Versuchung komme, zwischen den- 
selben abzusetzen und so das zweite mit dem festen einsatz, 
dem Spiritus lenis, zu sprechen. Doch habe ich dieses aus- 
kunftsmittel nur hier zur exemplification angewant; ander- 
weitig würde collision mit den zu etymologischen zwecken 
dienenden binde- oder vielmehr trennungsstrichen entstehen. 



^) Aasgenommen wo es mit stammausl. n sich untrennbar ver- 
bunden hat, und diess ist der fall nach kurzem oder gekürztem voctl 
in minn, dinn, sinn, ann, kxann, inn, vgl. Voc. s. 54 anm. 



CONSONANTISMÜS DER MA. VON SCHAFFHAüSEN. 401 
Das n erscheint also unverändert: 

1. Im inlaut von nominibus: bä, bänpr, bein (pl im sinne von 
knochen, sonst bä)^ 9n brün9, ein bri^uner; brünif braune, brünp, brau- 
nen, tsen9r, zehner zu ise9, zehn, aber auch hier tseni, zehne, 9n x^^^» 
ein kleiner, comp. ;fft»pr, 9n sä^n9, ein schöner, comp. ^ö^n9r. Hier, wie 
in glinn9r, comp, des adv. gli, gleich, sofort, hat B eine auffallende Ver- 
doppelung eintreten lassen: x^^^^^^t sö^nn9r. So auch E (W. s. 141). 

2. Im auslaut von verbis vor vocalisch anlautenden encliticis: bm-i, 
bin ich, ixx bin-9n, ich bin er (über diese acc. construction, vgl. L. Tobler 
Zs. fdpb. IV, 390), bin-em, bin ihm, aber bi o, bin auch; han-ij mhd. hän 
ich, iön t, mhd. län ich (durch analogie auch im imp.: Ion 9n, mhd. lä 
in), tuon-i, mhd. iuon ich. (Imp. iu9n-9n' 9wi g , tu ihn weg!) 

3. inlautend in deminutiven, wobei i sich zu 9 schwächt: an bexX' 
l9n9, nom. bexH, bächlein, in hü9nl9n9, (an) den hühnlein, fun x^tsl9n9, 
von den kätzlein, tsun meiihnp, zu den mädchen, u. s. w. 

4. inlautend in den fem. auf mhd. -inne: gleterin9, ^eterin9, 
fVÖsserin9 (diese Wörter s. § 7, 2). 

5. inlautend in adjj. auf mhd. -in (vgl. Voc. § 25, 2, a, /): gold9' 
gold9n9, mhd. güldtn, -er, höliS9'hölts9n9, mhd. hülztn, -er, iwin9-iwin9n9, 
mhd. swininy -er, 

6. inlautend in den femm. auf ahd. -iVta. Es kommt nur vor mül9n9, 
dat. pl. von ahd. mulina. 

7. auslautend in allen auf flexi ves n ausgehenden Wörtern, z. b. 
pn gröss9n'akx9r, einen grossen, ein grosser acker, mannen- und frou9, 
männer und frauen, hcr9n'dky9r, herrenacker (platz in S), x^^'^^^ ^> 
kinder auch! (kind hat einen sw. pl.), t and9r9n-ö, andern auch, oben 
ab9, oben herab, unn9n-u9y unten hinauf, da ist eb9n-9s elend neben da 
ist ebe's elend, das ist eben das elend. Stammhaftes n tritt nicht wider 
ein im acc. nom. des best. art. d9. In 8 kommt auch nicht beim nom. 
des art. vor vocalisch auslautenden Wörtern das ursprüngliche r hervor 
(vgl. auch hier wider L. Tobler, Zs. fdph. IV, 382), wol aber in B; dem- 
nach B d9r ander, der andere, S d9 and9r. 

Da man sich nun des Ursprungs dieses n vielfach nicht 

mehr bewusst war, drang es an vielen stellen auch als bloss 

hiatusdeckendes element ein (vgl. Paul, Frincipien d. sprach- 

gesch.2 97^. i(>h hebe dieses durch analogie eingedrungene 

n dadurch hervor, dass ich es auch mit dem vorhergehenden 

Worte oder silbe durch einen strich verbinde. Es findet sich: 

' da-n-i, dass ich, sit d9 dru'-n-9, seit drei uhr (wörtlich seit den 
dreien), B e-n-9r (S ender), eher, frü9-n-9r, früher, in xnifn9, in den 
knien, lö-n-9n, mhd. lä in, B me-n-er, mehr, S md, mu9-n-i, muss ich, 
nd-n-9nand, nach einander, no-n-9möl, noch einmal, o-n-9n, auch ein(en), 
so-n-9n, so ein(en), in hu9-n'9, in den schuhen, tu9-n-9n, tu ihn, wa-n-9r, 
was er, we-n-9r, wie er, wd-n-9r, weher, wo-n-9r, wo er. 



402 STICKELBERGER 

Beispiele der yereinignng von echtem und unechtem n in Sätzen 
wie lö dpn and9r9n o no-n-p biisili, lass den andern auch noch ein bis- 
chen, we-n-9n and9r9n o, wie ein anderer auch. 

§ 9. n vor harten consonanten. 

1. In Stammsilben. 

Stammhaftes n vor Spiranten ist geschwunden und der 
demselben vorausgehende kurze vocal ist lang geworden. Staub 
hat diese ersatzdehnung auf dem gebiet des schweizerischen 
sehr eingehend verfolgt in seiner lehrreichen abhandlung: Ein 
schweizerisch-alemannisches lautgesetz, F. M. VII, 18. 191. 333. 
Während andere mundarten, wie die zürcherische, die aar- 
gauische, für langen vocal diphthong entwickelt haben, zeigt 
S nur erstem, und zwar wird jeweilen offenes kurzes i, u, ü 
zu langem geschlossenem i, u, ü. Eine ausnähme von dieser 
regel machen nur die schon s. 398 besprochenen brÖ'^s9l9j trö~^ss9. 
Die übrigen fälle sind, nach den vocalen der Stammsilben ge- 
ordnet, folgende: 

äs, eins, kxas, (mit kürzuDg aus der dehnuDg ä) keins, x^^^> kannst, 
ftslpr, finster, izJs, zins, x^st, kochherd (nach Staub, F. M. VII, 201 Ursprung!, 
ident. mit kunst), tust, dunst, ü-, un-, üslig, nnschlitt (nach Staub a. a. o. 
361 vielleicht mit un- zusammengesetzt), blupt-riTstig, blutrünstig (von 
Staub s. 29 für S angegebeu, mir nicht bekannt), gliTssp, mhd. glunse, 
feuerfuuke (von Staub s. 336 angegeben), mifstpr, müuster, tü'xxi» wassefr- 
leitung (von Staub, ,^Das brot etc.' s. 166 zu tunken gestellt, muss S ur- 
sprünglich fremd sein wegen der Verbindung nch), tsusl9, mit liclit 
spielen (Staub s. 29), iTs^)^ gekürzt als enklitikon is, dat. acc. uns (der 
form nach ahd. acc. unsih). 

Hierher gehört wol auch' das dunkele y^ ort wist, links in 
der fuhrmannssprache, gekürzt aus ^wtstj mhd. winster? 

Keine anwendung findet dies gesetz in S 1. bei e vor n 
+ Spirans, 2. bei a vor n + stammhafter spirans und 3. für 
n + gutturaler spirans, da diese überhaupt nach n nicht vor- 
kommt (vgl. § 41, 1, b). Es sind also unmöglich: zu 1. formen 
wie Staub 35 fester, gspester, fenster, gespenster. Nur B hat 
die jedenfalls aus^einem nachbardialekt entlehnte diphthongi- 
sierte form feistdr, fenster. Das von Staub s. 343 aus Ebel 
citierte wort zeislen, 'eine ^-ableitung von zenjarij zäunen «= 



^) Nicht, wie Staub s. 348 meint, mit unreiner dehpung, also solcher 
wie in brö" S9l9, trö"^ ss9. 



CONSONANTISMÜS DER MA. VON SCHAFFHAüSEN. 403 

provocare* lautet in S wie bei Hebel und anderwärts tshnsld. 
Dem entsprechend, heisst es bensl^ mhd. bensei j wie fenstdrj 

o 

fenster, k-spenst, gespenst mit gutt. nasal (vgl. § 10). 2. For- 
men wie gas, gans (Staub s. 19), Häs, Hans (nach Staub s. 19, 
nicht aber nach Tobler257* appenzell.). Diese werte lauten 
gansj Hans wie nhd. Wol aber kommt dehnung des a vor n 
+ flexions-^ vor: äs, eins, kxas (mit kürzung aus der dehnung), 
keins, x'^^^> kannst (doch sind das vielleicht neubildungen nach 
a, kxO"i yü^ ein, kein, kann). Zu 3. formen wie bündnerisch 
Mchy dächen (Staub s. 34), bank, danken, bechey chreche (Staub 
s. 35), bänke, kränken, oder mit diphthongisierung deiche, 
denken (Staub 's. 19) 2); es heisst vielmehr z. b. tenkxd, tankXi 
denken, dank. S ivTxxl (s. 402) muss danach aus einem nach- 

o 

bardialekt entlehnt sein, wenn es überhaupt hierher zu stellen 
ist (s. Grimm's Wb. deuchel). 

ß, nicht aber S, ist eigen die dehnung vor ss: tviTssd, 
wünschen. 

Bei zusammenstoss von n mit nicht homorganer spirans 
treten in den fällen, wo S keine dehnung hat, assimilationen 
ein: n + f wird mpf, n + s wird nts (also mit einschub des 
dem Spiranten homorganen verschlusslauts). Beispiele: hampf, 
hanf (doch J. Meyer 2, 143^^ häf), rampf, brotrinde (vgl. 'Das 
brot etc.' s. 42) = ranft, sempf, senf; fttr n + ^: wünisd, wün- 
schen, neben B tvir'ss9. 

2. In endsilben. 

Vor d, /, s, ts fällt das 71 in endsilben aus, ohne dass der 
vocal verlängert würde. Vor d (nicht aber vor t) sei dieses 
nun Organisch oder angefügt, sowie vor s, ss wird dabei 9 zu 
i ausser im pL ind. praes., der sich durch die endung -Qd von 
dem pl. conj. auf -id unterscheidet. 

Wir fassen ins äuge 



V 

1) Es ist unrichtig, widerspricht auch den angaben s. 348, wenn 
Staub 8. 367 die diphthongierung von en zu ei für Schaffhausen be- 
hauptet. 

^) Gleich gelenk, das auch Basel, das sonst hier weder dehnung 
noch diphthongisierung hat, in der form GHaich zeigt (Seiler 138<^), stellt 
denn auch W. s. 55 anm. nicht hierher, sondern zu ahd. gileich. 



404 STICEELBEBGER 

a) nd: 

a) im dat. des inf. auf mhd. -enne, -ende^), -ene^ z. b. is findid, 
mhd. ze ftndenne, ts seid, zu sehen, is maxxi^» ^n machen u. s. w. Die 
verba contr., deren n als stammhaft betrachtet wurde, haben hier so gut 
als in dem gleich lautenden pl. ind. praes. n behalten (vgl. b. 400). 

ß) in sonstigen fällen: ^^t^^ abend, n^diW, neben, iswühsid,zYn&(i\^%Xi 
(mit angeschobenem unorgan. d). Mit Übergang des dent in den labial: 
iUsig, schon mhd. tüsing neben iüsini, tüsent 

Für '9d des pl. praes. ind. die beispiele find9d, shd, maxx^^j si® 
(ihr, wir) finden, sehen, machen. 

b) ns: 

ö) Die erstarrten geil, des inf.: b'ergis, .verbergens, Versteckens, 
fartnis^ fangens, ftr-gebis, vergebens, d. 1. gratis, p tvesis maxx^, ein 
aufhebens machen. 

ß) Die neutra der adj. stoffnamen auf -m: X'^^^^» kälbemes, d. i. 
kalbfleisch, sö'^ffis, schaaffleisch, srvinis, Schweinefleisch. 

y) Ausserdem: üher-tstveris, in die quere, von mhd. irvd'rch (Tobler 
463^ setzt eine form querens voraus), Steffis-iag, Stephans- (Ste£fens-) tag, 
pröUis, braten (nach Staub, 'Das brot etc.' s. 20 nicht participialbildung), 
B segis, f., sense, mhd. segense\ B Tveg-JS9, f., pflugschar, ahd. waganso, 
sw. m., sollte genau gehen wie segis. Aber seiner bemächtigte sich die 
Volksetymologie, die an eisen dachte. So heissen zwei häuser in Scha£f- 
hausen 'zum wegeisen' und 'zum wegeisenblatt'. Schon mhd. kommt 
auch umdeutung v. sügense in saghen vor. 

c) nt: 

jug9t, Jugend (concret und persönlich = kleines kind), itigpt, tugend 
(nicht gut mundartlich), tots9t, dutzend, tver9t, während. 

d) nts: 
fishts, f., mhd. vischenze. 

Unter nt sind noch aufzuführen die Wörter mit an- oder 
eingeschobenem t, sowie mit der vorsilbe ent-, die bloss als 
^ erscheint. Ich ziehe letztere noch hinein, weil sie als pro- 
klitisch wie eine endsilbe behandelt wird. Beispiele: 

a) nt mit an- und eingeschobenem t: wegp-t, wegen, eUh-t-halh. 
allenthalben, ägd-t-Uxx» eigentlich, hoffp-t-HxXf hoffentlich, it rd9-t-lixXf 
ordentlich. 

ß) Wörter mit der vorsilbe ent-: d9't-her-xtii da (= ent-) herkommeD, 



^) Die epenthese von d vergleicht sich derjenigen in S Snd^r, eher, 
potiuB, (doch B dn9r), tund9r, mhd. doner. Uebrigens kommt in S aach 
umgekehrt assimilation von nd zu nn und ausfall von d vor: WW9, 
mhd. unden\ drnififi, Ordnung. 



CONSONANTISMÜS DER MA. VON SCHAFFHAÜSEN. 405 

f9r'i-liu9, (ver-) entlehnen und lehnen = leihen, fpr-t-U^ff», (ver-) ent- 
schlafen, d. i. einschlafen, fdr-t-waxx» , erwachen, fpr-i-wütsp, erwischen. 

Anhang zu n. 

Bisweilen tritt, ohne ersichtlichen grund, vertauschung des 
dentalen nasals mit dem labialen ein, nämlich einmal vor dem 
Suffix '9rj mhd. -öpre zur bezeichnung des herkommens, an Orts- 
namen, die auf •-9n endigen, angehängt, z. b.: Eams9m9r, ein 
ßamsener, bewohner des dorfes ßamsen, Ramsd. wahrscheinlich 

V V 

nach der analogie von Slätdmdr, Schleitheimer zu Slätd^ Schleit- 
heim u. dgl., ja selbst Buexx?mdr^\ bewohner von Buch, ob- 
wol Buch nicht einmal auf -dn ausgeht. 

Ausserdem findet sich diese vertauschung in mesm9ry mhd. 
mesncere, \2it. mansionarius. 

Es ist ferner eine gegenseitige vertauschung im ge- 
brauch, wenn man, offenbar der bequemeren lautfolge zu liebe, 
sagt: dmdmn'and9rd, einem (ahd. einemu) andern, für 9n9m9n 
anddrd, im-duB, in einem, für in dmd (mhcl. eime), so-m-dri^, so 
einem, für so-n-dmd u. dgl. (vgl. W. s. 188). 

§ 10. Der gutturale nasal n. 

In § 1, 3 wurde gezeigt, dass die Verbindung mh in S 
durchgehends zu mm assimiliert ist; ebenso ist an die stelle 
des alten ng (in der lat. schrift wegen mangels eines besonde- 
ren Zeichens für den gutt.' nasal ng geschrieben) inlautend 
zwischen vocalen die geminata, inlautend nach und vor con- 
sonanten und auslautend die fortis nn getreten.^) 

Mhd. inlautendes ng : z. b. fafifiis, fangens (das kinderspiel), 9'fa^rlp 
= nachgerade, eigtl. anfangs, x^^^^> glockenschwengel, St. II, 85 kängel, 



^) Der Buchener selbst nennt sich übrigens richtiger Bu^xx^r, 
2) Humpelt gibt s. 98 an, die Schweizer sprächen (im gegensatz zu 
den Schwaben) auslautend ng nach unserer bezeichnungsweise als fik. 
Diese behauptung ist schon dadurch genugsam widerlegt, dass im 
schweizerischen auslautende lenis nicht als fortis erscheint (freilich 
Bumpelt überträgt auch diese eigenheit vom nordd. auf das südd.). 
Nehmen wir nun an, dass im mhd. ng noch als doppellaut gesprochen 
wurde, so hätten wir für das schweizerische als ausgangspunkt aus- 
lautend wie inlautend Hg zu nehmen, z. b. laHg, ditlg, juHg\ von hier 
aus lag dann die assimilation zu tin sehr nahe, während norddeutsche 
mundarten von nc ausgehend, auch nhd. z. t. nk behielten. 



406 STICKELBERGER 

xnum^ie, f., St. 11,111 klungel (dürfte sich nach Staub, F. M. 7,30, 
anm. 2 aus dems. stamm wie ahd. hring herleiten lassen), p-lafin?, (ver-) 
langen, ahd. langen, lefina, nach analogie von mhd. lengen, aber dem 
dem sinne nach nhd. langen, ahd. langen, um9-lufin9r9, fanl herum- 
liegen (nhd. lungern in anderm sinn), iswinH?, f., St. II, 487 zwinge. 

Mhd. aus), nc für ng-, z.* b. fann, fange, gaHH^ geh', riHH, mhd. 
slafin (also neuer auslaut) schlänge. 

Charakteristisch für die mundart ist, dass während in den 
meisten übrigen schweizer dialekten ng in den ableitungssilben 
sieh zu g geschwächt hat, diese Verbindung in S, im Klettgau 
und Hegau und einem teile des Thurgaus zu nh wird wie in 
den Stammsilben. Dies tritt hervor: 1. in Sen ableitungssilben 
-ung und -ing, % in Ortsnamen auf 'ingen^ welche form im 
gemeinschweiz. -/^, -igd, in S und gruppe -mw, -tun» lauten. 
Der grund dieser erhaltung des nasals ist offenbar darin zu 
suchen, dass noch ein tiefton auf diesen silben ruhen kann. 

Als Beispiele führe ich an: 

Masculina mit der bildungssilbe -Ung: flekxUnn, starkes brett (vgl. 
St. I, 382 flecke, f.), hörninn, hornung, slötprlifin = Schimpfwort (von 
Seiler 256 » unter schlottern gestellt), rvädlinn, mhd. weidlinc, 

Feminina mit der bildungssilbe -ung, S -ififl: 9r-färinn, erfahrung, 
pr-findiHrl, erfindung, mäninn, meinung, örnifin, Ordnung, p-sBrifiH) be- 
scheerung, siö'riiin, Störung, tvötiiün, wohnung (also auch Wörter moder- 
nen characters). 

Einige der zahlreichen Ortsnamen auf -ingen^ sämmtlich 
aus den kt. Schaff hausen, sind: 

Bekinnd, Berinn9, Dorfflinrid, Gexx^^^^f GumpmddihnJ9, 
Ilerblinndy LcT^linnd, CTsidrfimid^ Siblinn», TeinnB^ WH/xinvil^, 
Beggingen, Beringen, Dörflingen, Gächlingen, Guntmadingen, 
Herblingen, Löhningen, Osterfingen, Siblingen, Thayngen, 
Wilchingen. 

Von mhd. auslautendem nc, das demnach wirklich als nk 
gesprochen worden sein muss, finden sich noch spuren der 
alten ausspräche in den erstarrten formen: junkx^r, junker 
(dessen affricata nicht anders zu stände kommen konnte als 
durch k + h, wie es im st. gallischen Kheintal heisst kia 
\k' = ge- + h] gehabt, buchstäblich einem mhd. ^ge-hän ent- 
sprechend) und jxmpfdrd, Jungfer, 2ma junk-fdre (vgl. W. s. 134). 
Durch ausfall eines vocals zwischen n und g entsteht die laut- 
verbindung ng\ so heisst es inlautend: 

Xüfigili, kaninchen, cuniculus, 15. jh. künigel, meng9^ mhd. maneger^ 



CONSONANTISMUS DER MA. VON SCHAFFHAÜSEN. 407 

p tveng9, 4em. wengili, ein wenig. Auslautend huhg^ honig, doch jetzt 
meist hönig, x^^Q» l^^gel- und kartenkönig. 

Gutturales n tritt ausnahmsweise auch vor nicht homor- 
ganer spirans ein in k-spenst^ gespenst; Staub, F. M. VII, 192 
anm. führt auch ein finstdr, finster an; pfinstd aus pftngesten 
gehört natürlich nicht streng hierher. 

Bedncierte Spiranten. 

§11. y. 

Anlautendes j = germ. j findet sich in den Wörtern; yai^^, 
m., St. II, 75 ja'st, nach W. s. 76 zum fld., jesd, gähren, mhd. 
jeserij gesen, fetd, gäten, mhd. jeten, g'eten. 

Dem nhd. verfahren entgegengesetzt tritt germ. y in der 
ma. als g auf in ge^ steil, mhA, goehe, nhd.yäÄ. 

Zu beachten ist der abfall des anlautenden j in enn9rt, 
jenseits, und enn9, drüben, mhd. ennert, jenent\ das pron. 
jener, got. jains, ahd. sehr oft enery, kommt in der ma. 
nicht vor. 

Inlautendes j hat sich erhalten in den ahd. vbb. sw. 1 
auf -äjan und -uojan und einer ableitung von letztern. Ausser- 
dem ist j mehrere male für tv eingetreten, üeber den vocal 
in den vbb. auf ahd. -djan vgl. Voc. s. 32; über das i vor dem 
j vgl. Voc. § 2, 1. Vor consonanten, also vor der endung -t des 
3. sg. ind. praes. und des part. praet. ist dieses i in den verbis 
auf 'äjan allein geblieben, in den verbis auf -uojan ist auch 
er ausgefallen. 

Die sämmtlichen hieher gehörigen Wörter sind: 

1. Verba auf ahd. -äjan^ mhd. -cejen: h<iij9 (3. sg. ind. praes. und 
part. '^g' lY) , mhd. ftcß;Vn, x^^(f^(^^X^'^^^Of mhd, krcejen, m'e ij9 {k-mc ii), 
mhd. mcejen, n'eij9 {k-niit), mhd. ncejeriy tr'eij9 {'trl'it), mhd. drcejen, 
wd'ij9 (k-tveit), mhd. rvcejen, 

2. Verba auf ahd. -uojan, mhd. -üejen: blü9ij9 {^plü9t), mhd. hlüejen, 
ä-brü9ij9 (a-*prü9i), an brühen, anrichten, vgl. mhd. brüejen, glü9ij9 
i^k'lü9t), mhd. glüejen, trü9ij9 ('irüet). Davon subst. irü9t9r, m., reb- 
gelände. Von mhd. hrüejen ist abgeleitet brü9ij9, mhd. hrüeje\ j ist 
für w eingedrungen in k-ru9ij9, ausruhen, mhd. ruofven, subst. ru9j ruhe, 
Xü9ij9, kühe, ahd. chuorvt, doch schon mhd. küeje\ sg. ;cmp. 

o 

Verhärtung des j zu g zeigt sich, entsprechend dem mhd., 
für lat. / = j in ilgd^ f, mhd. lilgej lat. lilium, oder wol ge- 
nauer == mhd. gilge. 



408 STICKELBERGER 

In der lai endnng -ia ist a weggefallen (sollte frz. -ie = { vorge- 
schwebt haben?): famili, (accent auf der 2. silbe), familie, maieri (accent 
ebenso)) materie, d. i. eiter. 

§12. w. 

Anlautendes h für altes hw ist im deutschen ausnahms- 
weise erhalten in husten; für Rieses müssen wir nämlich eine 
ahd. grundform *htvuosto ansetzen (vgl. ags. hwösia, engl. 
rvhoosi). Dieses entwickelte sich entweder regelmässig zu 
*Tvuosio^ S fvu9st9, odcr man liess den labialen halbvocal vor 
dem u schwinden (wie in ahd. suozi neben älterem swuozi), und 
h wurde dann natürlich wie anlautendes h vor vocalen be- 
handelt. Diese ahd. form huosio liegt dem allgemein verbrei- 
teten, auch im Schweiz, gewöhnlichen husten zu gründe. Diese 
form ist aucbi in S jetzt die gebräuchlichere, nicht aber in B. 

Im in laut tritt die Verhärtung von w zu b ein in den- 
selben fällen wie nhd. (obgleich sie im gründe für Mittel- 
und Norddeutschland nur graphische bedeutung hat), nämlich 
nach / und r; ausserdem haben wir noch einen fall nach 
kurzem e. Natürlich sind diese b phonetisch nicht unterschie- 
den von den auf germ. / und germ. i zurückgehenden b (rgl. 
diese § 20, 1). Die beispiele sind: 

stvalbp, mhd. srvalwe, /Jarft*), mhd. varwe , gärb^y mhd. garwe, 
gerbp, mhd. gerwen^ narb9, mhd. nartve, ap-serbh, mhd. sertven, sperber, 
mhd, sperwer'^ xreble^ kratzen, von der katze, offenbar eine Weiterbildung 
von ahd. cratvil, crervil, x^ebl, m., die Wirkung dieses *cretvildn, Hieher 
auch das fremdwort serblj ml, eine art cervelatwurst. 

o 

Sehr interessant sind Wortzusammensetzungen, in denen 

das anlautende w des zweiten bestandteiles, weil längst als 

inlautend gefühlt, sich gleichfalls verhärtete:. 

XÜbi, kirchweih, mhd. kirtvthe, kirwe, aber auf *kil-Tvt zurückgehend, 
da xirxx9 in den alten quellen und auch jetzt in der umgegend küche 
heisst; aarg. (Hunz. 148) heisst es mit Schwund des ch chile. S9b\e, 
(B mit unorgan. schwnnd des s abie) nach Staub 'Das brot etc.* s. 91, 
anm. 1 = lass sehen wie (der erste teil ist se = ahd. se, got. sai, in 
der bedeutung von tiens, voilä\ dazu hat Tobler418ft den pl. send)\ 
mit vorausgehendem t zu p zusammengeschmolzen ist dieses b = w va 
goplj eigentlich got welle, beteurnngspartikel. öp9rt, öpis, mhd. etewir, 
etewaz,\ öp9, mhd. ^irvenne und eiervä\ öp9'di9, hie und da (unklar). 



^) Neuer auslaut hier also gleich behandelt wie alter inl., in altem 
auslaut hätte w ganz schwinden müssen, wie in mhd. var. 



CONSONANTISMUS DER MA. VON SCHAFFHAUSEN. 409 

Einmal wurde anl. w im 2. teil eines compositums mit 
einem vorhergehenden ou zusammengezogen, nämlich in bou9l9, 
bäum wolle (auch Hebel ^Isch acht da ohe Bauwele feU?y^. rv 
muss sich hier zuerst zu labialen nasal assimiliert haben. 

In einem andern falle hat umgekehrt vorausgehender 
nasal ein tv verschlungen; daher die wunderlich klingende 
form ameg, gleichwol, aus an weg, St. I, 340 elnefweg. 

Auslautend ist w nach / und r durchaus geschwunden. 
Während aber im mhd. inlaut bei der flexion tv wider zum 
Torsehein kam, ist dieser feine Wechsel in der ma. geschwun- 
den. Auch nhd. ist in gelb ausgleichung des in- und auslautes 
vorgenommen worden, aber im entgegengesetzten sinn, indem 
das verhärtete w vom inlaut auch auf den auslaut übertragen 
wurde. Die fälle sind: 

g^l, flectiert g^l9y gelb, gelber, mhd. gil, -tves, mfl^ mehl, mhd. 
mSl, 'tveSf gär, gar, d. h. zubereitet, mhd. gar, -wes, ger, adv., ahd. 
karo, kararvo. 

Wie nhd., ist nach vocalen und diphthongen keine spur 
des w mehr vorhanden , nach letzterm auch nicht im inlaut, 
ausser wo es wie in k'ru9ijd, mhd. ruowen, x^^P> ^^d. chuom, 
mit j vertauscht worden ist (so auch in den oben angeführten 
basl. chröüjel = mhd. kröürvet). Es heisst also: 

Nach langen vocalen: x^^^ ™hd. kli, -rves, sB, mhd. sS, -tves, snd, 
mhd. sne, -tves, rvd, n., (mhd. wetve, sw. m.) in tsä-rvd etc., l& , nhd. mit 
nnurgan. h lohe, f., mhd. Id, -tves, n. 

Nach diphthongen: z. b. boii9, mhd. bütven und boutven, hou9, 
mhd. houtven, x^^^> ™hd. kiurven, löü, pl. löü?, mhd. l9ivey leu, nöü, 
fl. nöü9j mhd. niutve, ströü9, mhd. ströürven, iröü9, mhd. triurver, öü9, 
mhd. iutver. 

Die ahd. lautverbindung inl. äw, ausl. (J, wird ö w im in- 
und auslaut (aarg. noch a für ö'^)). Der umlaut davon ist 
öT'w. 0, cT^ für mhd. ä, ce ist ja auch sonst die regel. Von 
einem dem diphthongen im Inlaute folgenden halbvocale ilSt 
nichts zu hören — auffallend genug, da doch im parallelen 
falle j erhalten ist. Dem eij wäre vollständig entsprechend 
ein huw. Aber rv scheint in der ma. einen flüchtigeren cha- 



^) Nur in dieser Verbindung; denn sonst ist auch aarg. ö der Ver- 
treter von mhd. ä (vgl. Kunz. XXXIX). 



410 STICKELBERGER 

racter zu haben als y. Die erwartete form zeigt hier das 

aargauische. Hunz. s. LXXV sagt: ^Nach ä wird altes w durch 

unsern halbvocal w (eigentlich zu schreiben ^ni) widergegeben'. 

Die fälle von S sind: 

blduy ahd. bläOj mhd. blä^-rver, grou, m\iäL.grä, -wer, xWu9, ahd. 
chlärva^ mhd. klä, -wen, k-nou, mhd. nä, -wer neben nouer, oug9-brÜu9f 
pl., ahd. brärva, pf^u, sihd.phäo, mhd. phätve. 

Nach analogie dieser geht das offenbar aus dem nhd. ent- 
lehnte pi9r'brou9r, mhd. hriurver (das folgerichtig bröü9r sein 
müsste) und slou, schlau, nd. slü. 

Einmal erscheint das zu erwartende ou gekürzt als bu in 
rou, roh (nhd. rauh ist ruxx), mhd. rä, -wcTy neben rou, -wer, 

Ahd. ausl. ao^ au, mhd. inl. ouw, ist in S ou, obgleich ja 
kurz a sonst nicht als o erscheint. Aber da der diphthong au 
sonst nicht vorkommt, machte man ihn den zunächst liegenden 
ou gleich, wie schon mhd.; das einzige beispiel ist strou, ahd. 
strau, siraöy mhd. strou, 

Cap. II. Verhalten der kurzen Stammsilben vor 

in- und auslautenden lenes. 

§ 13. Einleitendes. 

Die gründe, warum ich die hierher gehörigen erscheinungen 
unter äinem titel zusammenfasse, sind im wesentlichen folgende. 
Einmal stimmt im gegensatz zu dem verhalten in der gemi- 
nata (vgl. § 1) r mit / und den nasalen im wesentlichen zu- 
sammen. Sodann kommen unter unserm gesichtspunkte auch 
die verschlusslaute und Spiranten in betracht. Freilich stimmen 
sie in ihrem verhalten zum teil mit den liquiden und nasalen 
nicht überein und konnten deshalb nicht ganz parallel be- 
handelt werden. 

Aus der Zusammenstellung der hierher gehörigen erschei- 
nungen ergibt sich folgendes: Die alten etymologischen Ver- 
hältnisse bleiben im inlaut oder besser ausgedrückt in mehr- 
silbigen Stammformen der mehrzahl nach dieselben. Doch 
wird nach liquiden und nasalen vielfach nach nhd. weise der 
vocal gedehnt; selten wird der cons. verdoppelt. Vor harten 
lenes bleiben die vocale meist unangetastet. Im auslaut oder 
vielmehr in einsilbiger Stammform wird der vocal vor liqnida 



CONSONANTISMÜS DER MA. VON SCHAFFHAUSEN. 41 1 

und nasal gedehnt. Die fälle, wo diese nicht eintrifft, er- 
heischen eine besondere bespreehung. Bei den harten lauten 
bleiben auch hier im wesentlichen die Verhältnisse die alten. 

In Zusammensetzungen, besonders solchen, deren bestand- 
teile nicht mehr klar erkannt werden, hat sich öfter die kürze 
erhalten, wo sie dem einfachen werte abhanden gekommen ist, 
z. b. sar-rvext^r, scharwächter, sär^ schaar. Aber auch in klaren 
compositis wie spil-isifg, dB-t-her-xü, Spielzeug, daherkommen, 
gegenüber sptl, de-t-her, spiel, daher. Zahlreiche beispiele s. 
bei den harten lenes. 

§ 14. Kurzer vocal vor liquider (nasaler) lenis im inlaut. 

1. Erhaltene kürze. 

a) vor /: elend, elend, ahd. alilanii, füli, füllen, mhd. vw/m, höh, 
holen, x^^^i gerinnen (zu an. kala?), xole, kohle, mah, mahlen, sol9, 
sohle, söl9, sollen, mhd. soln, sah, schale, sih, schielen, mhd. schu- 
hen, spih, spielen, swih, f., Schwiele, ahd. swil, srvilo, tili, f., Zimmerdecke 
(s. 384), toh, cloaca, mhd. dole, tuh, dohle (s. Voc. s. 28), isäh, B tsäh, 
zahlen, ahd. zaldn, rvah, sw. v. 2 sich wälzen (wozu wol wälzen eine 
z-bildung ist). 

b) vor r: B her9, f., stosskarren, mhd. her, neben hoere, hir9, birne, 
ahd. pira, bör9, bohren, derd, dat. sg. des pron. dem. fem., ahd. dSru, 
för9, führe, mhd. forhe, ahd. forhä, her9, herzn, hinzu, ahd. hara, hera, 
spar9, sparen, spor9, Sporen, pl. v. ahd. sporo, tür9, ttire, Tver9, währen. 

c) vor m: am9l9'mßl, amelmehl, v. mhd. amer, amel, himl, himmel, 
X^^ii D. (accent auf d. 1. silbe), kamin, 15. jh. kämet, xoin9i, kommet, 
mhd. komat, aus dem slav., t ;^2/mp, ahd. quimu, x^^h ^-f ktimmel, mhd. 
kümel, n., nam9, name, i nim9, ahd. nimu, sam9t, sammet, mhd. samtt, 
sem9f schämen, seml, schemel. 

d) vor fi: hüni, btihne, man9, mahnen, sin9, schiene, rodn9, wohnen. 

2. Dehnung. 

a) vor /: höl-oug9, glotzaugen (vgl. Seiler 36^ 1. hole, glotzen, 
^. hole, werfen, beides wol = mhd. holn), gd'h, nom. Y.gd'l, gelb, höh, 
nom. V. hol, hohl, hö~li, höhle, ;cgVp, kehle, smehr, comp. v. schmal, spjhr, 
pl. V. spjl, spiel, iehr, pl. v. täl, tal (aber noch kurz im dat. pl. bei dem 
Ortsnamen Bu9xX'l^h, Buchthaien (= -halheim), tsäh, pl. v. tsäl, zahl, 
isdm9r, comp. v. zahm, tslh, zielen. 

b) vor r: heriy n., beere, got. hasi, ge'hör9, geboren, /«rp, fahren, 
A:-/röVp, gefroren, /pr-/öVp, verloren, 5gVp, scheeren (aber das geschlecht 
Sc herrer Ser97' gesprochen), part. k-sor9, ser9, pl. v. str, scheere, 
p-hdrinfi, bescheerung, 5mrf-»i(f rp, Schindmähre, ahd. mar«Ä, pferd, spur9, 
pl. V. spür, spur, mhd. spur. 

c) vor m: hrd^nw, f., bremse, ahd. hrimo. 



412 STICKELBERGER 

d) vor n: fUn^y m., fahne, ahd. fano, hünd^ sw. m., hahn am fass 
(^der Yogel heisst gükl)^ min9^ mahne, ahd. mana, s^np, sehne, ahd. sS- 
nawa, swän9, sw. m., gasthof zum schwanen, sonst st. m. iwän, 

3. Verdoppelung des consoDanten .m: 

In S n. B für m : hammPTj hammer, ahd. hamar, x^*^^''^^» kanuner, 
auch kxamm9rdt, kamerad, summ9r, sommer, mhd. sumer, doch auch schon 
Summer. Nach analogie dieser gehen auch einige Wörter mit nrspr. 
langem vocal : pflummp, pflaume, ahd. flümo, irommp, mhd. dräme, iumm», 
mhd. düme, und in B auch einige mit n: x^^^^^> comp, der form ;if[|ftir 
mhd. klein^ iö^ nnpr, schöner. 

§ 15. Kurzer vocal vor liquider (nasaler) lenis im auslaut. 

1. Erhaltene kürze. 

Kurz bleibt der vocal hier selten, und wenn doch, so findet 
ein eigentümliches Verhältnis statt. Vor folgendem vocal ist 
nämlich auslautende liquide lenis wirklich lenis, aber in 
pause und vor harter cons. tritt in betonter Stellung Ver- 
schärfung ein. 9 

Es kommt auch vor, dass etymologisch auslautende fortis 
in folge ihres gleichens Verhaltens in pause und vor harten 
conss. auslautender lenis völlig gleichgestellt wird und vor 
vocalen als solche hervortritt. Dieses ist dann recht eigent- 
lich die probe für unser gesetz. 

Die beispiele von erhaltenem kurzem vocal vor auslau- 
tender liquider lenis (meine Schreibung ist auch beim absolut 
stehenden werte, also in pause, einfache liq., damit man sie 
nicht mit den etymologischen fortes verwechsle) sind: 

a) vor /: fil, viel, filixt, vielleicht,- dat. pl. fil9, B filn9, hol, imp. 
von hol9, holen, mal, imp. von mal9, mahlen, söl, conj. präs. solle, inf. 
söl9, Sil, imp. V. HIp, schielen, spii, imp. v. spib, spielen, tsal, imp. v. 
tsalp, zahlen, tvol, wol, tvol uf, wol auf, d. i. gesund. 

b) vor r (hier wirklicher lenis-ausl.): för, vor, für, für, ger, adv., 
gar, dd'i'hhr^ daher, bei folgendem wort z. b. dp-t-her-x^^ daher- 
kommen. 

c) vor m: dem, ahd. dümu, im, ahd. imu, x^^* komm, nim, nimm, 
wem, ahd. ^ti^'mti; so auch irö^mli, dem. v. mhd. drum, in der Wendung: 



^) Rumpelt leugnet zwar s. 115. 116 die möglichkeit von ll,mm,nn 
im auslaut, aber nur weil er sie als wirkliche gemlnaten fasst, nicht wie 
wir nur als fortes. Er kehrt eigentlich den Sachverhalt gerade um; bei 
verschlusslauten und Spiranten soll durchweg auslautende fortis stehen 
(darüber vgl. § 17), bei liquiden und nasalen immer lenis. 



CONSONANTISMÜS DER MA. VON SCHAFPHAüSEN. 413 

9s irä'mH findä, d. h. eigentlich das richtige fadenende finden (vgl. W. 
B. 69), verallgemeinert: das richtige finden, 
d) vor w: wöfiy imp. v. wö»p, wohnen 

Nach der analogie von a) geht eine kürzung einer ur- 
sprünglichen länge: mbl, mal» in unbetonter Stellung: x^f^ ^^ol 
dbd^ komm einmal herab. Nach der analogie von c) geht um, 
für umm aus mhd. umhe: um 9nand, um einander = herum. 
In betonter frage tritt aber die ursprüngl. fortis wider in ihre 
rechte, auch vor vocalen, z. b. worumm 0? warum auch? 
rvorumm ist dr furt'*kann9^ warum ist er fortgegangen? neben 
worum xsl er furt-kann», warum ist er fortgegangen? Nach 
der analogie von d) gehen: den, dann, denn; in starker be- 
tonung denn abdr^ dann aber, wen = wann, wenn. Hierbei 
gilt wider das über warum bemerkte. 

2. Dehnung. 

a) vor /: gd^I, mhd, g^l, -wes, hol, hohl (aber höld9ry ahd. holuniar), 
mel, mhd.'m^/, -wes, ö'l, oel, säl, saal, smäl, schmal, spll, spiel (aber 
spil-tsü'g, Spielzeug), htil, stiel, iäl, tal, tsäl, zahl, isil, ziel, wäl, wähl. 

b) vor n: här, baar, vom geld gesagt (aber par-fudss^ barfnss), 
ftgV, bär, for, als adv., vor, als präpos. /ör, gür, gar, zubereitet, adj. 
(aber ger, adv. gar), d^-i-hir, daher (aber dp-t-her-xü, daherkommen), 
mdr, meer, /?«r, paar (aber 9 par su9, ein paar schuhe, dat. pl. par9), 
sär, schaar (aber ^«r-w^;(^pr, scharwächter), i^r, scheere (aber ^^r-mS^^, 
maulwurf), sm'er, schmeer, mhd. smer, spftr, spur, mhd. spor, stär, 
staar, mhd. star, tär, mhd. präteritopr. iar, neben inf. iör9, mhd. iurren, 
iöTf tor (aber das geschlecht Tör-wärt, Thorwart), • k-wer^), gewehr, 
ahd. gitver, 

3. Verdoppelung des consonanten. 

In einem falle erscheint auch vor vocalen (s. oben unter 1) 

etymologische lenis als fortis, nämlich in: 

fromm, flect. fromme, mhd. vrum^ -er, Ebenso verhalten sich 
mehrere würter mit ursprünglich langem stammvocal, der aus einem mir 
unklaren gründe kürzung erfahren hat (vgl. Voc. s. 53). x^^^f mhd. 
küme, summ oder swumm, mhd. schüm. Ebenso sind hieher zu rechnen 
wOrter mit reduciertem diphthongen vor verdoppelten m\ es sind die 



^) Mit ahd. scher, das an sich schon maulwurf heisst, und maus^in 
derselben weise zusammengesetzt wie B wl-di9bj Weihe, vgl. Voc. s. 49. 

3) Aber mit kurzem vocal und mit lang geschnurrtem r (ausnahms- 
weise geminata von r) in dem commando: sult9rts k-werrl schultert 
das gewehr! 

Beiträge zur geacliichto der deutschen spräche. XIV. 'i'^ 



414 STICKELBERGER 

uns bekannten (vgl. Voo. § 23, 1» a): bömm, sötnm, irömm, isomm, 
banm, säum, tranm, zanm. 

§ 16. Kurzer vocal vor der lenis von verschlusslauten und 

Spiranten. 

1. Ein auslautsgesetz für explosive und 

spirantische lenes. 

Wie schon erwähnt, haben verschlusslaute und Spiranten 
die quantität vorausgehender vocale reiner erhalten als die 
liquiden, dermassen dass die alten Verhältnisse sowol im in- 
als im auslaute ziemlich dieselben bleiben. Der inlaut be- 
darf keiner besonderen betrachtung; es genügt, jeweilen zu 
den einsilbigen formen die mehrsilbigen zu nennen, wobei 
auch die wenigen verlängerten zur spräche kommen werden. 

Nicht ganz so glatt stehen die Verhältnisse im auslaut 
J. Meyer in seinen aufsätzen 'Das gedehnte a in nordostalem. 
ma.', Schulz. II, nr. 18 u. 19, und 'Das gedehnte e etc.', F. M. 
VII, 177 — 190, gibt mehrfach unter denselben bedingungen ver- 
schiedene quantität der vocale an. Das beruht nun teilweise, 
so wenn nach 149* für das adv. 'gerade = schnell' grad, 
für das adj. 'gerade, gleich an zahl' ^r^^gilt, auf einer festen 
Unterscheidung, die sich das Sprachgefühl secundär geschaffen 
hat.^) Aber wenn es dann ebenso a. a. o. bad neben schäd 
und im gegensatz zu andern Stationen nach F. M. VII, 186 rid 
für red u. s. w. heissen soll, so ist dagegen geltend zu machen, 
dass kürze oder länge hier von der Stellung im satze ab- 
hängig sind. Worte mit a und e, seltener solche mit andern 
vocalen in der Stammsilbe, erfahren durchgängig dehnnng in 
pause, kehren aber im Satzzusammenhang und in Zusammen- 
setzungen zu ihrer ursprünglichen quantität zurück. 

Ich werde mich bemühen, dieses Verhältnis auch bei der 
aufzählung der beispiele zur anschauung zu bringen. 

2. Beispiele. 

Wie oben bei der Verschärfung der auslautenden liquiden 
in *pause werde ich die grundform so ansetzen, wie sie sich 

^) Uebrigens unterscheiden sich die beiden nur dadurch, dus du 
adj. immer länge hat, das adv. nur in pause. Vgl. das folgende und 
die beispiele. 



CONSONANTISMÜS DER MA. VON SCHAFFHAüSEN. 415 

im satzzusammenbaDge zeigt, daneben aber angeben, wo sie 
in pause gedehnt wird. Die beispiele sind nach dem voraus- 
gehenden yocal geordnet, da dieser hier in betracht kommt. 

a) Kurzer stammvocal vor l>\ 

ah, in pause ab, nhd. ab, allgemein ap gesprochen (auch stidd.); 
ab-hob, ab-lü, abholen, ablassen; ab 9m röss k-falh, von (ab) dem rosse 
gefallen, ab? = abhin, hinab; grab, in pause grab, nordd. grap, stidd. 
grab: 9 grab uf-iu?, ein grab auftun, pl. greb9r\ grab9, der graben; 
häb, ahd. haba, festigkeit, halt (Meyer, Schulz. II, 143^ hat allerdings 
immer länge); B x^^^^» knabe in der bedeutnng 'junger bursche* hat immer 
kürze; /r«ft, trab, mhd. rfra^, -&^5 ; ^tft, gieb;. ^r<?5, grob, comp. ^<)'&pr; 
lob, in pause löb\ göt lob und iaükx, gott lob und dank. 

b) Kurzer stammvocal vor d: 

bad, in pause, bäd, bad-hos9, badhosen; fs bad i9, ins bad hinein, 
pl. bed9r\ gräd, adj., Ahd. gerad, gerad von zahlen (von Schade 263 <^ zu 
radja gestellt), comp. grdd9r, also ebenfalls länge; grad^ in pause ^rä^^ 
adv., ahd. adj. kiradi, rasch, flink (nach Schade a. a. o. zu hrad. Bei 
Meyer, Schulz. II, 149 & grad mit der nebenform gad, welch letztere in 
absoluter Stellung kaum vorkommt), t ;|ftimp gräd, ich komme gleich; 
xum grad emdl, komm gerade einmal; B mad, ahd. mät (welche Quan- 
tität von Meyer 149& mit recht bezweifelt wird, da es sonst bei uns 
mlfd heissen müsste); rad, in pause räd, rad-su9f rad-, d. i. hemmschuh, 
^s üt 9 rad ^profX9, es ist ein rad gebrochen (mit Silbenschrift heissen 
allerdings diese beispiele raüu?, raproxx?), pl. reder \ lad, in pause 
Süd, V üi lad drum, es ist schade darum (in Silbenschrift freilich 
lairum), comp. sdd9r (also länge in mehrsilbigkeit trotz der zeitweiligen 
kürze in der einsilbigkeit), daneben kurz lad?, schaden; red, in pause 
rdd, rede, 9 red hält?, eine rede halten, pl. freilich rdd9 (weil entlehnt, 
bei Meyer, F. M. VIT, 186 auch sg. red), red9, reden, rein9r, redner; gltd, 
glied, pl. glid9r\ smid, schmied, smid?, schmieden; und9r-$id, unterschied 
(offenbar nach dem neuen part. prät. k'Sid9 gebildet, denn mhd. under- 
scheii, im altertümlichen Basl. noch under-said, nicht bei Seiler 301 &); 
Tvid, mhd. Wide, rvit', jud, Jude, pl. jud9^) 

c) Kurzer stammvocal vor g: 

hag, in pause häg, hag-säxx^r (mit Sandhi haksaxx^^)* hagpisser, 
Spottname für einen Schulmeister, am hag enn9, am hag drüben, hag9, 
sw. m., zuchtstier (zu ahd. hag an = hag, vielleicht der eingehegte, weil 
der bulle gewöhnlich von der herde geschieden wird?), der pl. von hag 
ist heg, in pause hdg'^ x^^ff* ^^ pause x^^ff> ^^ ^^^ ^ X^^ff J-^kJ, er hat 
eine klage eingegeben (bei Meyer 149<^ chläg), x^^Q^f klagen; mag, in 
pause mag (doch kommt auch mag vor), inf. mög9, mag, mögen; Uag, 



^) Vgl. zu diesen stammkürzen die endsilben auf -t^^ -9<2. 

1%* 



416 * STICKELBERGEB 

in panse lläg, schlag; tsum iüb9-slag an9, znm tanben schlag (an-) hin; 
pl. Ueg, in pause sieg, imper. von ahd. slahan immer ilag\ tag, in panse 
iäg^ gu9t9 iäg, guten tag, tag und naxt, tag und nacht, 9S tag9t, es tagt; 
pl. iag^ bisw. teg (vgl. Voc. s. 44); mittag hat den accent auf tag: mitag^ in 
pause mitäg, ts mitdg ess9, zu mittag essen; leg, lege, inf. Ieg9; lig, 
liege, inf. %p; pfleg, in pause pfleg, pflege, pfleg9, pflegen, t f pfleg 
k-nu (in Silbenschrift t p-fleknü) in die pflege genommen; seg, 1. sage, 
2. säge (vgl. Voc. s. 46), inf. seg9'^ sieg, in panse sldg, am steg enn9, am 
Stege drüben, dat pl. std^g9 (wahrscheinlich um ihn von dem sg. fem. 
steg9, ahd. stega zu unterscheiden); ireg, trage, inf. treg9; weg, in panse 
tv^g, de wig, den weg, hoc modo; amig, d. i. ann weg, gleichwol (=<einen 
weg'); 9'wig, hinweg; aber 9-weg'nJ, wegnehmen, dat. pl. w^g9 (um 
ihn von dem pl. von wag9, wagen s, weg9 zu unterscheiden?), die kürze 
ist dagegen erhalten in der präpos. wegen, weg\ trog, in pause trSg, 
tu9 d9 trog tsu9, tu den trog zu, dat. pl. trög9'^ lug, st. m., lüge, mhd. 
lue, pl. lüg, in pause lüTg; tsug, in pause tsüg, zng, d9 tsug x^^^f ^^^ 
zug kommt, pl. tsüg, in panse tsü'g, tsügh, ausziehen = mhd. zogelen? 

d) Kurzer Btammvocal vor f: 

hof, in panse höf, hof, nordd. hoff", (vgl. die namen Hoffmann, 
Müllenhoff, Osthoff), südd. hdf\ höfli, kleiner hof (als wohnungsname 
in S mehrmals vertreten). Hieher durch ktirzung: uf, auf, mhd. üf, 

e) Kurzer stammvocal vor s: 

frou bäs (mhd. base), schwatzhafte person (offenbar gedehnt, weil 
nicht ursprünglich mundartlich), der verwantschaftsname ist besi; glas, 
in pause glas, 9 glas wl, ein glas wein, pl. gles9r, dem. glesU, gläslein, 
auch pflanzenname; gras, in panse gras, gras-aff, grasaffe; bis, zu 
ahd. wis, imp. von wSsan, nach analogie von bin gebildet; xis, kies, 
mhd. kis, x^^-^^^> kieselstein.^) 

o 

f) Kurzer stammvocal vor geschwundener gutturaler spirans: 

/l, B fd, ahd. fiho, ßho, dem. SB feli, junges rind; gre, B gre, 
fertig, a,hd,girih, Hunz. 111 gräch, 

Cap. in. Die harten consonanten. 

Die Labialreihe.^) 

§ 17. Anlautendes germ. b. 

Die indog. medialaspirata bh, urgerm. tönende verschloss- 
lenis anl. b, erscheint in S anlautend regelmässig als bj öfters 

^) Zu diesen stammkürzen vgl. die endsilben auf -is. 
^) Die labialreihe stimmt in ihrem verhalten viel mehr zur gnttonl- 
reihe als zur dentalreihe. 



CONSONANTISMÜS DER MA. VON SCHAFFHAUSEN. 417 

auch als p. Da diese beiden consonanten keinem andern 
germ. laute als h entsprechen können, unterlasse ich es meist, 
analoga aus verwanten sprachen anzuführen, was auch oft un- 
möglich ist. Hier beschäftigt uns zunächst die regelmässige 
entsprechung b. Ausser den im nhd. geläufigen Wörtern mache 
ich auf folgende aufmerksam, die speciell dialektisches ge- 
präge tragen: 

heshh, St. I, 139, Schm. 1,298, Göpfert 38 hastin, bht, gebiet, in 
den compositis Bem9r bi9t, Tsüri-bi9t, Bern biet, Zürichbiet, biksi, f., 
kerngehäuse des kernobsts (s. ^Dasbrotetc.* s. 179), biss, gebiss, biss9, 
keil, ahd. bi::;::;o und pi2;2;a, biets, m., der flicken, amhd. blez (got. plats?), 
blot9r9, mhd. blätere, bö^li-mä, schreckmännchen (s. Hnnz. 34 böli), 
bopar9, klopfen, St. 1,204 poppein, bobbeln; breni^, f., St. I, 216 bränte, 
brelsili, eine art klapper (vgl. s. 387 anm.), bripfc^, weinen, St. J, 225, auch 
briesh, brlml, Lexer 253 bri-mel, mehl zu brei, bnsli, manchette, dem. 
V. mhd. brise, säum, brö^ts9, plaudern (nach L. Tobler, K. Z. 22, 135 
vielleicht nrspr. 'gebrochene laute reden*, von mhd. briezen), bükxi, St. 
I, 251 butte b., butsp, sw. m., Schm. I^ 317, fasnaxis-buts9, sw. m., fast- 
nachtsnarr, mhd. butze. 

Abweichend vom nhd., wo, in alten lehnwörtern wol 

durch gelehrte widerherstellung, tenuis erscheint, hat S in 

Übereinstimmung mit dem mhd. b in folgenden Wörtern, unter 

die, wie angedeutet, alte lehnwörter mit aufgenommen sind: 

bapb'bdmm, pappel, mhd. poplboum, mlat. papulus, lat. populus, 
bexXf pech, mhd. bech, pech, lat. pix, belts, pelz, mhd. b^llez, selten 
pällez, m\aiX, pellicia , bensl, pinsel, mhd. binsel, pünsel, m\skt pinsellum, 
betsaft, petschaft, mhd. ^^f^^^^a^, aus hö\im,pecei\ püisi9r9, petschieren, 
bikx^, picken, mhd. bicken, ahd. picchan, aas kelt.-Iat. beccus\ blals, 
platz, mhd. blatz, platz, aas frz. place, bör-xirxx^* gallerie in der kirche, 
gebildet mit ahd. por, mhd. bor, (zu biirn), wovon nhd. empor, buts9, 
mhd. buizen. 

Aus dem obigen geht hervor, dass schon frühe fremdes p, 
namentlich romanisches, als b widergegeben wurde. Das lässt 
auf tonlose ausspräche der mhd. medien schliessen.^) In 
neuern lehnwörtern, weniger aber in modernen fremdwörtern, 
die durch den einfiuss der schule gewissenhaft widergegeben 
werden, hat das Schweiz, meist b, und hier erkläi*t es sich 
eben durch die tonlosigkeit der media. Es lässt sich leicht 
denken, wie ein Alemanne Paris als Baris auffasste, aber 
schwer, wie das p in frz. place als tönende media hätte auf- 



^) Zu demselben ergebnis kam Paul, Beitr. VII, 126 anm. 



418 STICKELBERGER 

gefasst werden köDnen. Im unterschied zum nhd. zeigt di^ 
ma. b in folgenden lebnwörtern, die meist im mhd. noch nicht 
vorkommen: 

hanioffh, pantoffel, frz. ^aniouffle, bapä, papa, frz. papa, bap», 
t, brei zum essen und zum kleben, pappe, l&t.pappa*^ bappgei, p&pdLgei, 
mhd. schon papegän, bapir, papier, mhd. bapptr, baräd, parat, lat. pa- 
ratus, barpdis, in dem Ortsnamen umgelautet ber^dis, paradies, bait^t^, 
pastete, mhd. pasiede, blai9, platte, 1510 blatte, aus mlat. platus, tiss- 
blat^ auch nhd. tischhlatt, br\s9, sw. m., prise, frz. prise, 

b erscheint auch in binetsj spinat; der nhd. form liegt ein 
mlat *spinatics zu gründe, der mundartlichen wol frz. les 
epinats. Diess ist wahrscheinlicher als die Versetzung des s 
aus dem anfang an das ende, die L. Tobler KZ. XXII, 137 
vermutet. 

§ 18. Anlautendes p. 

Zunächst gilt es mehrere werte auszuscheiden, bei denen 
anlautendes p als produkt der vorsilbe ge- (vielleicht auch 
be-) mit dem anlaut b betrachtet werden kann (vgl. W. s. 136). 
— L. Tobler, Die aspirata und tenues in schweizerischer 
mundart, K. Z. XXII, 112—133, zählt hieher 

pot, das S nur in der Verbindung al pot » hie und da, besitzt 
(Hunz. 36 '^0^^ das gebot, angebet, alVbot = jeden angenblick), pur, 
mhd. gebüre\ W. s. 136 nennt auch prents, m., branntwein, eigentlich 
gebranntes; auffallend ist nur das masc. Ob nach W. s. 56 hieher ge- 
hört Pünt9, Püntn9r, Graubünden, Graubündner (in welchem das part 
gebündet stecken soll) ist zweifelhaft; denn auch bund heisst bei 
mir puni. 

Es folgen nun sämmtliche beispiele der anlautenden 
hauchlosen verschlussfortis p in deutschen Wörtern: 

par-fupss, barfuss, neben bär, baar (vom geld gesagt), ahd. par, 
mhd. bar, pei9r, Baier, auch familienname Peyer (nicht mehr als völker- 
name gefühlt), phr, hier, pii9, bitten (nicht gut mundartlich), pit^r, 
bitter, pld^r^, sw. v. 2 plärren, mhd. bleren, 15. jh. plerren, plutubr, 
n., weisszeug, wasche, m. == nhd. plunder, mhd. plunder, pold9r9, pol- 
tern, 14. jh. polteren und boldern, K bold9r9, port, n., bord, rand, ahd. 
borty port, pot, böte, pregl9, braten, rösten, St. I, 213 prägein, brägeln, 
pro t9, braten, PrüTss, Preusse, K Brü'ss, pudl, pudel, pukl, m., rücken, 
nhd. buchet, v. biegen, punt, bund (vgl. Pünt9), puni, bunt, pürtsh, porzeln, 
H. Sachs burizen =■ bücken, E bitrtsb, puts, m., anprall, mhd. biu:;, ahd. 
püz;, püts9, sw. V. 1 anstossen, Weiterbildung von mhd. biez,en, vgl. 
L. Tobler, KZ. XXII, 136. 

Nun eine reihe alter und neuerer lehnwörter mit anlaa- 



CONSONANTISMÜS DER MA. VON SCHAFFHAüSEN. 419 

tendem p. Man wird nicht wie beim nhd. anzunehmen haben, 

dass fälle der ersten kategorie vielfach gelehrte restitutionen 

sind, sondern wir können es mit Schwankungen zu tun haben 

wie bei den einheimischen Wörtern. Etwas anderes ist es mit 

neuern lehnwörtern; hier dürfte, z. b. in post, prints das französ. 

oder auch die nhd. Schreibung massgebend gewirkt haben. 

Beispiele: par, m., paar, mh^.pär, m., lat. ^ar, pass, pass, pldg, 
plage, K hläg, md. plage, lat. plaga, pW^ge, plagen, mhd. plagen, volkslat. 
piagare, pd bst, pabst, mhd. habest, poH, post, ital. posta, poH9, posten, 
ital. posto, predig, predigt, ahd. prediga, hrediga, pri9st9r, priester 
(nach analogie dieses geht wol auch j^mi^r oder pri9is, vgl. ^Das brot 
etc.* s. 90 biest- oder briestmilch, von Petters auf brauen zurückgeführt), 
prints, prinz, püffertli, kleine taschenpistole, L. Tobler, KZ. XXII, 132 
buffert, puli^ pult, lat. pulpitum, auch phult gßsprochen, purst, barsche, 
zu lat. hursa, puls, busch, ital. bosco, püssili, büschelchen, put^r, butter, 
mhd. buter, lat. butyrum. 

Eine besondere kategorie bilden dann noch die ganz 
modern klingenden Wörter mit anlautender tenuisaspirata ph 
nach norddeutscher ausspräche. Diese sind mit Sicherheit 
durch die Schriftsprache vermittelt; denn beim schriftdeutsch- 
sprechen schleicht sich merkwürdigerweise unbewusst bei labialen 
und dentalen aspirata ein (während geschriebenes k als kx 
widergegeben wird). Es ist das nicht auf nordd. einfluss zu- 
rückzuführen, sondern auf den des vorsprechens der isolierten 
laute beim buchstabieren. Beispiele sind 

phakx, m., paket, n. pack, mhd. bück, ital. pacco, dem. phek^li, paket- 
chen, dann auch der in paketchen gewickelte ciohorienkaffee, phakx9, 
packen, ital. paccare, phalm9, palme, phextpr, pächter, pherso n, person, 
JPkeipr, Peter, daneben bdt9rli, petersilie, phön, pein, mhd. p\ne, ahd. 
bina, dat. poena, Phoul, Paul, phür, pur, itz.puri hX.purus, 

Die beispiele Hessen sich aus der spräche des geschäft- 
lichen Verkehrs und der Wissenschaft natürlich noch häufen. 
Ein reiches Verzeichnis des Verhaltens von fremdwörtern, mit 
dem allerdings S nicht immer übereinstimmt, findet sich bei 
L. Tobler, KZ. XXH, 132. 

§ 19. Die Vorsilbe he-. 

Die Vorsilbe le- erscheint in dreierlei gestalt: 
1. als p-, indem sie etwas von ihrer tonfüUe an den 
cons. abgegeben hat (vgl. W. s. 140). So ist auch k- die 
regelmässige gestalt der vorsilbe ge-. Dieselbe Verstärkung 



420 STICKELBEEGER 

des consoDanten zeigt sieb ausserdem in den pronominibus 
du, die, welcbe in unbetonter Stellung beide f- lauten, weiter 
in der iSektierten form des st. part. prät. mit ausstossung des 
e vor w, z. b. 9n k-srip-n» hog9, ein gescbriebener bogen, 
fdr-HUni lift, verscbiedene leute, 9 'pok-ni nasd, eine ge- 
bogene nase. 

2. als h' (nur einmal), weil die Vorsilbe mit dem woile 
verwachsen war und als anlautendes b empfunden wurde, indem 
hier schon früh elision des vocals stattgefunden hat. 

3. als be-, welche form aus dem nhd. herfibergenommen 
sein muss. Andere mundarten haben dafür bi-, so E (vgl. 
W. 8.54), so auch die Hebersche, vgl. 'Die wiese' v. 9 bi- 
gleUe{n). 

Wir betrachten zuerst die echteste mundartliche gestalt, 

1. p' = be-. 

Ich nehme voraus die fälle, wo die gekürzte vorsilbe vor 
tönenden lauten und h steht, weil sich nur dann die Verhär- 
tung von b mit Sicherheit entscheiden lässt; vor harten lauten 
kann man lenis und fortis nicht auseinanderhalten. Also 

ä) p- vor tönenden lauten und h: 

p-elende, unpers., schmerzen, St. 1, 342 b*elenden, part. pfsit p'elendpt 
bei St. Dial., Gleichn. v. verlorenen sehn auf s. 311 n. 20, p-hafinp, 
hängen bleiben, B p-heb», si, sich ^beheben', d. 1. beschwercD, krank 
werden, St. 1, 5 behaben, p-lann^, sw. v. 2, (ver-)langen, ahd. langin, 
p-röükx^i räuchern, St. ü, 263 rauchen (zu übertragener bedeutung ver- 
treiben, vermutlich wie man insekten mit rauch verjagt). 

b) p' vor harten consonanten. 

Wenn auch lautlich die fortis hier nicht mit Sicherheit 
vernommen wird, so kann sie doch aus den übrigen fällen er- 
schlossen werden, da nur vereinzelt b- steht p- tritt hervor 
vor s und s in: 

P'Setsi, f., pflaster, wörtlich die besetze, p-so'rgd, besorgen, p-sund^r, 
besonder, p-serinHy bescheernng, p-hss9 (zusammengesetzt mit mhd. 
schiz,en), betrügen (das eigentl. mundaitl. wort dafür), p-s/nd», beschnei- 
den, z. b. bücher; in jüdischem sinne nach dem bücherdeutsch be-snidfj 
p-summh, sw. v. 2 auch ein ausdruck für betrügen, doch weniger populär 
(Seiler 265» schummele unter schummele-jud). 

Verborgen steckt p- in einem wort, das sonderbare meta- 



CONSONANTISMÜS DER MA. VON SCHAFFHAüSEN. 421 

these erfahren hat k'Splü'ssd für k-p-slifssd, (ge-be-)sehliessen, 

d. i. verriegeln. 

2. h' = he-, 

h-l\h9, bleiben, schon mbd. bUben, ahd. biliban, 

3. b6' = be-. 

W. gibt s. 54 an, dass be- vor f, rf, g sein vocalisches 
element meist beibehalte. Wenn man überhaupt auf diese 
etwas willkürliche reihe einen wert legen will, so habe ich 
für S noch w dazu zu gesellen, be- in seiner jetzigen gestalt 
stammt jedenfalls aus dem nhd.; direct aus dem ahd. ent- 
wickelt, würde es wol wie in andern ma. bi- heissen. Des- 
halb sind aber doch die mit dem genannten consonanten an- 
lautenden Wörter gut mundartlich. Wahrscheinlich gaben die 
in zweiter linie folgenden aus dem nhd. herübergenommenen 
den anstoss dazu, dass aueh in den alten bi- in be- umge- 
modelt wurde. 

a) Alte Wörter mit be-i 

he-difte, bedeuten, be-gekn9y begegnen, be-gleitp, begleiten, uf-be- 
ger9^)f zornig einspräche gegen etwas erbeben, be-weg^, bewegen. 

b) Neue Wörter mit be-: 

bc'handl9j bebandeln, be-kx^r9, bekehren, bc-irü9b9, betrüben, bc- 
irug9y betrügen (vgl. die oben angeführten Wörter für diesen begriff). 

§ 20. Germanisches ^ im inlaut und auslaut. 

Indog. bh, gierm. inlautend h, erscheint in zweierlei ge 
»talt, als h und f, und zwar 1. nach consonanten stets ver- 
schoben als &, 2. nach vocalen ebenso oder unverschoben und 
zur tonlosen spirans f verhärtet. Wir nehmen gleich vorweg: 

1. 6 = germ. $ nach consonanten. 

Es kommen in betracht die Verbindungen mb, Ib, rb\ mb 
ist zu mm geworden, s. s. 386. Als beispiele für die beiden 
andern gruppen dienen: 

a) Ib: 
all9't'halb9y allenthalben, zu mhd. halbe, ahd. hälbaj seite, halb^ 
halb, amhd. halp, got. halbs, p^aif^, kalb, ahd. chalb^ chalp, salb9, salben. 



^) Gewiss ein gut mundartliches wort, da es ja der Schrift- 
sprache fehlt. 



422 STICKELBERGER 

ahd. salpdn, mhd. salben^ selber , selber, abd. sM, sd'lp, got. süba, d?- 
selb, der selbige, selbiger. 

b) rb: 
f9r-derb9, sw. v. 1, mhd. verderben, tr., erb9, erben, amhd. erben, 
zu got. arbjüf erbe, serb9, sw. m., scherbe, ahd. scirpi, scirbi, mhd. 
schirbe, st'erb9, sterben, ahd. stSrpan, turb9, f. sg., torf, ahd. zurba, 
nd. torf, m. 

% h = germ. ^ nach vocalen. 

Da in den germanischen dialekten altes % und f sieb 
vielfach kreuzen, so verfuhr ich bei der etymologie nach dem 
grundsatze, mundartliches b zu germ. b, f zu germ. f zu stellen, 
wo nicht besondere gründe mich zum gegenteil bestimmten. 
Zu hülfe kam mir mitunter der umstand, dass germ. b oberd. 
auch als p, germ. f ahd. als v vorkommt. Die Ursache des 
Schwankens zwischen b und f erblickt Braune, Ahd. gr. § 139 
anm. in grammatischem Wechsel und nachheriger ausgleichung. 
Beispiele: 

hab9r, hafer, ahd. habaro, mhd. haber, x^^b, Schimpfwort, mhd. 
keibe, sw. m., 1. aas, 2. ein schlechter mensch, der den galgen verdient, 
xib, st. m. = mhd. kip, leidenschaftlicher eifer, x^b9, sw. v. 2, keifen, 
mhd. klben, x^^bp, kloben, mhd. klobe, x/m~&p, part. kxlobp, ahd. cUiu- 
ban, chliupan, f9r-rebl9, langsam zu gründe gehen, s. St. II, 252 räbeln, 
k'Stab9lig, W. s. 53, k'Slab9t, ungeschickt, sübl, von schieben, wol = 
baumwollpfropf, in der redensart: hest sübl in ör9? hast du 'schübel* 
in den obren? wenn jemand etwas nicht recht gehOrt hat (vgl. 'Das 
brot etc.* s. 82, schübel, anm. 2 schtibelohr, eigentlich das verstopfte 
ohr), süblififl, eine wurstart, mhd. schübelinc (im Mhd. wb. 11^, 169<^ sammt 
schübel zu schieben gestellt), iobl, dem. töbili, Schlucht, höhlung, z. b. 
auch von den grübchen in den wangen, St. I, 285; Tobler (dessen name 
davon) 140^, trUb9, sw. m., traube, ahd. trüpo, trübo, isabl9, zappeln 
(die nhd. form, wie es scheint, nach ahd. zapalön, die unsrige nach 
mhd. zabelen), 

Anm. In gl, geben, ist b ausgefallen und stammvocal und endong 
in 6ine silbe zusammengezogen worden, vgl. s. 101. Ebenso ha, haben, 
mhd hän, ahd. habin, hapin, 

3. /■ = germ. b nach vocalen. 

Die betreffenden fälle, die ich vollständig aufführe, sind 
folgende: bomm-frefl, baumfrevel (Kluge, Et. wb. führt frevel 



1) Man beachte keifen und weifen mit fortisaussprache, als ob ihr 
/ auf germ. p zurückgienge, wahrscheinlich wegen des diphthongs. 



CONSONANTISMÜS DER MA. VON SCHAFFHAÜSEN. 423 

auf ahd. fra-bald, verwegen, zurück), hebd, heben in der be- 
deutung halten, nach Kluge zu wz. haf, hab, hebl, Sauerteig, 
zum vorigen, und häb, f., eine besondere art dessel&en^), ruft, 
f., ahd. hruf, mhd. ruf (nach Schade 426^ gehört dazu hriob 
und hriupi), slufi, St. II, 332 schluffi, schläfrige person, zu 
slifffd, mhd. sliefen, was nach Kluge, Et. wb. (s. schleife) auf 
vorgerm. slub- zurückführt? snefld, schnitzen, zu engl, snip^ 
schnitt (vgl. Kluge, Et. wb. Schnippchen), d snifiU, ein schnitz- 
chen, swafl9, St. II, 357 viel und geschwind schwatzen, zu 
schweben, das auf eine indog. neben wurzel swib führt? swefl, 

o 

Schwefel, nach Kluge zu germ. sweblosy vielleicht lehnwort, 
wifl9, mhd. wifeien, zu weben (vgl. Kluge wiebel), wifl, das pro- 
dukt des 'wiebelns', mhd. wefel, einschlag, ags. wifel. 

§ 21. Germanisches f. 
Anlautendem germ. f entspricht natürlich in der mundart 
auch f, z. b. fextii, 'faden, fachgarn' (Seiler 102»), fisl9y dünn 
regnen* (St. I, 372), flad9, iSaden, flö, f., floh, fladdrd, nhd. fle- 
dirönj füdld, n., podex, furtsd, sw. v. 1, ahd. st. v. ßrzan u. a. m. 
Bisweilen kommt nun aber eine merkwürdige Verstärkung 
durch p vor, so dass der anlaut pf ist, als ob germ. p zu 
gründe läge. Es erscheint dies in Wörtern, bei denen man an 
onomatopoetische einflüsse denken könnte (vgl. eine analoge 
Verstärkung von ^ § 31): pflärts, m., breite, dicke masse (vgl. 
'Das brot etc.' s. 87 flartsch), tröss-pflegi, dreschflegel, ahd. 

o 

vlegiL 

Inlautend erscheint germ. f in erster linie als /, bisweilen 
verstärkt als ff, in zweiter linie und nur vereinzelt als b. 
Die Verstärkung von f zu ff scheint durch vorausgehendes r 
oder langen vocal bedingt zu sein (über den einfluss der liqui- 
den auf umgebende harte consonanten vgl. Bachmann, Schweiz, 
gutturallaute s. 31). 

1. /■ = germ. /"im inlaut und auslaut. 

a) Lenis f. Die Wörter, bei deren ableitung ich mich, wie 
vorhin, so viel als möglich auf Kluge's Et. wb. stütze, sind: 

*) Daneben hepf, hefe, ahd. hefo, hepfo. Kauffmann, Beitr. XII, 
518 führt die doppelformen auf ein germ. formenpaar hibn =^ hipp 
zurück. 



424 STICKELBERGER 

elf^ ahd. eirdif, und isrvölf^ ahd. zwelif, got. iwalif, beide zur 
germ. wz. Uf, fuf^ fünf, vorgerm. pempe, penqe, guft, Steck- 
nadel, haft, topf und haf9, portus, beide zu wz. haf, fassen, 
hof, ahd. hof, hoves, x^fl^> nagen, xefd, ahd. cMva, schote, X'^ß^» 
käfer, x^fl* kiefer, kinnbacke, alle vier zur germ. wz. kef, 
kaf aus vorgerm. keb^ kdb, ofd, ofen, got. aühns, wolf, wolf, 
got. vulfs, 

b) Fortis ff = germ. f, a) nach r in törffd, dürfen, got 
paürhan (aus f erweichtes b, vgl. Paul, Beitr. I, 155, Braune, 
Beitr. 1,523; auch nhd. ist die ausspräche in 'der regel /f, 
doch hört man von Norddeutschen wol dürrven, vgl. as. ihurian), 
ß) nach langem vocal in sttff, steif, mnd. stif, engl, stiff, zu 
lat. stipes. Sollte hier germ. erweichung auf der einen, Ver- 
stärkung auf der andern seite vorliegen? 

2. 6 = germ. /* im inlaut und auslaut. 

ab, ab, got. af, gr. djto, aber, aber, mit dem vorigen wahr- 
scheinlich verwant. 

3. /* = fremdem f im inlaut und auslaut 

Eingewurzeltes romanisches v und f erscheint stets als /, 
nie, auch vor conss. nicht, als ff. Dem entsprechend verhält 
sich auch griech. q) in modernen Wörtern der gelehrsamkeit 
Basel zeigt in allen diesen fällen ff, teilweise weil dort das 
mhd. quantitätsprincip schon zerstört ist, indem es keine lenes 
nach kurzen vocalen duldet, sondern entweder den vocal dehnt 
oder wie hier den cons. verstärkt Beispiele: Afrikxä, Basel, 
Affrikha^ bridf, brief, mhd. l:>rief, -ves, aus lat. breve, Seiler 40^ 
brieflf, geografi, Basel geografft u. dgl. 

§ 22. Westgerm, bb im inlaut und auslaut. 
Früher nahm man an, dass, wo wir in oberdeutschen 
dialekten stammauslautendes p finden, das nicht auf bb zurttck- 
geführt werden kann, wir es mit unverschobenem germ. p zu 
tun hätten. Diese ausnahmen von der lautverschiebung finden 
nun nach den in der einleitung; citierten arbeiten von Paul, 
Kluge und Kauffmann (Beitr. VII, IX und XII) keine stelle 
mehr. Wo mundartliches p einem nd. p entspricht, müssen 
wir annehmen, dass eine nebenform mit bb existiert habe und 
in der mundart durchgegangen sei; denn durch grammatischen 



CONSONANTISMÜS DER MÄ. VON SCHAFFHAÜSEN. 425 

Wechsel und ausgleichung kamen in demselben stamm ver- 
schiedene abstufungen zu stände. Vielfach mag aber auch 
neuere onomatopoetische bildung vorliegen. 

1. p = zu erweisendem germ. bb: 

epd, ebbe (mehr nur schriftd.), xrips/m,^ vgl. Weigand 
kriebs, griebs = kehle (in S die nackenhaut: ^eine katze beim 
Xrips nehmen'), rapd^ wir^shaus zum raben, ahd. raftö, rappo, 
rip, n-., rippe, mhd. rippe, ahd. rippa, ribba, ags. rib, rumpld, 
rumpeln (vgl. q\i^\. io rumble), sip-saft, sippschaft, zu ^oi. sibja, 
as. sibbia, 

2. j9 = zu erschliessendem westgerm. bb. 

a) p nach kurzem vocal. 

bop^r?, pocben, klopfen St. I, 204 poppein, bobbeln (Stalders bb 
beweist natürlich an sich nichts, da es nicht tönende media bezeichnet), 
hopp, (auf einem beine) hüpfen^), küp9, ein gebäck, besonders in 
Stein a./Rh. gut bereitet, daher stän9r hüp9, ;